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Aléas Anordnungen

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    Kommentare:

  • Orlanda: Zwei!
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, das war leicht! Was hältst du davon, wenn wir das von hier in die Wirklichkeit verlegen. Vielleicht ein Mittagessen in der Mensa. Morgen um zwölf oder um zwei? Misses Torik
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, wie ich höre, erwartet man von Ihnen das authentisch-sein. Statt dankbar zu sein, dass Sie einen Künstleroman geschrieben haben, ein Selbstbild in der Kunst und dabei vom Schreiben, von der Tätigkeit des Erfindens berichten. Sie sehen: ich habe am Wochenende doch...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas jetzt weiß ich wieder, wen ich in meiner Aufzählung vergessen hatte: Sie. Das schlechte Gewissen, Ich hatte den mehrfach versprochenen Essay zur Zeittheorie auch angefangen, wieder weggelegt und dann einfach abgehakt. Hier waren ja in den letzten Monaten andere Sachen...
  • phorkyas: Liebe Aléa, so long and thanks for all the fish. Herzlich, Phorkyas PS. Falls Sie über Herrn Keuschnigs Kommentar gestolpert waren, dass der Konstruktion Ihres Avatars pekuniäre Absichten zu grunde lägen, und eine deutliche Distanzierung meinerseits fehlte, so bitte ich das zu...
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, vielen Dank für die aufmunternden Worte. Sie haben vollkommen recht. Beinahe vollkommen: Ich drohe nicht mir selbst, sondern ich versuche einen sinnvollen Lebensentwurf. Wenn ich nicht erkennen kann, dass das Schreiben diesen Sinn hat, dann kann ich es nicht...
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, ich wollte Ihnen schon länger schreiben, fand aber die nötige Ruhe und Zeit nicht. Einige Ihrer Einträge hier, bei Aisthesis und Iris Nebel habe ich gelesen. Ihre Texte gefallen mir sehr, Sie haben einen bisweilen coolen, dann wieder sehr empfindsamen Tonfall....
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, Sie Ihrerseits leben noch? Ich bekenne … dass es das eigene ist, das einmalig eigene Leben: „Das ist keine bloße Wortspielerei und schon gar keine Ungenauigkeit. Hier wird ein Zustand beschrieben, für den kein Wort gebraucht wird. Weil es womöglich keines dafür gibt....
  • Avenarius: Liebe Alea, Ich bekenne: Sie haben gelebt!
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, auch hierzu noch: Kritik ist immer willkommen, immer dann, wenn sie konstruktiv vorgeht, was offenbar keine ganz einfach zu erbringende Leistung ist. Beide Zeiten, die moderne und die vormoderne, kommen in den Romanen zur Sprache, deutlicher noch in „Aléas Ich“. Und...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, vielen Dank für den Kommentar. Für Fragen innerhalb des Blogs ist es wohl zu spät. Vielleicht wird es ein Außerhalb geben. Innerhalb der Blogosphäre ist wohl auch kein Verständnis möglich, weil ich ja die Konstruktion, die viele machen – es ist hier mein...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, „schade, wenn morgen dieser Blog seinen Betrieb einstellt, aber doch nur konsequent, daß dieser Blog in seiner Existenz aufhört: nämlich von Aléa Torik zu berichten, von dem, was sie liest, wie sie liest, wie sie Berlin wahrnimmt.“ – Es ist auch für mich sehr schade,...
  • bersarin: Was die zwei Zeitachsen in DGdW betrifft, so sehe ich das Problem darin, daß – und hier liegt meine Kritik an beiden Romanen – viele Aspekte leider nur angerissen werden, die in den Motiven und im Raum des Textes stärker zur Entfaltung hätte kommen und intensiver hätten...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für den Abschiedsgruß! Danke für das Kompliment zu „Aléas Ich“. Das freut mich wirklich sehr. „ … that can allow you to be intimate with the world and with a mind and with characters that you just can’t be in the real world ….” . Das ist eine sehr schöne...
  • bersarin: Gerade zurück aus Portugal, genauer aus Lissabon, wo ich zehn Tage weilte, konnte ich die Debatte hier am Rande nur verfolgen, was schade ist. Gerne trüge ich dazu das eine oder andere Quantum an Theorie und Sichtung aus der Warte der Ästhetik bei. Nun. The game is over. Alles endet...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ich weiß gar nicht recht, ob ich mich hier noch einmal äußern sollte, denn womöglich willst Du, weil ja mit dem 1. Mai 2013 das Blog ganz sinnigerweise endet, hier nicht mehr darauf antworten. Also will ich am besten keine Fragen aufwerfen, sondern allein sagen,...
  • Christian: Hallo Alea, bevor sich hier der Vorhang schließt, auch von mir ein kurzer Abschiedskommentar. Damals über David Foster Wallace hier gelandet und seitdem regelmäßig mitgelesen. Bei DGDW hoffe ich ja immer noch auf eine Hörbuchfassung. Da ich den Blog schon lange kenne, kann ich nur von...
  • Aléa Torik: Lieber NO, tatsächlich die genannten Personen haben alle indirekt mit unserer Bekanntschaft zu tun, am ehester aber noch Wallace, der nichts davon wusste. Wie man eben üblicherweise nichts von den Lebenswegen der anderen weiß, die man möglicherweise beeinflusst. Oder auch nicht. Vier...
  • Aléa Torik: @ Anne: ob mit oder ohne Anrede, Du oder Sie, ob man einer ist oder eine oder etwas dazwischen. ob man sich in seinem Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht oder nicht, ob man sich verständlich ausdrücken kann oder nur unverständlich: das ist alles einerlei; nur um eines möchte...
  • Aléa Torik: Liebe Alice, „Ich“ sagen kann jeder. Macht auch jeder. Muss auch jeder machen. Man muss den Ort, an dem man sich befindet, identifizieren. ‘Ich’ ist nach Mama und Papa wahrscheinlich das dritte Wort, das ein Kind lernen muss. Oder jedenfalls ein sehr zentrales. Dabei ist...

  • Archiv vom August, 2012

    24 August 2012

    Stern der Ungeborenen II

    [Ich dachte ursprünglich, dass ich in diesem zweiten Artikel zu Werfel einen kurzen Überblick über die Stationen gebe, die F. W. durchläuft, um mich dann mit einzelnen Aspekten auseinander zu setzen. Aber ich weiß nicht, was ich derzeit nebenher leisten kann. Weniger jedenfalls. Aber weniger als was?]

    F. W. macht, wie ich sagte, an allen wichtigen Orten jener zukünftigen Welt im „Elften Weltengroßjahr der Jungfrau“ Station. Zu Beginn tut er sich schwer zu begreifen, dass er am Leben ist. Denn dazu muss er verstehen, dass er zuvor tot war. Daran aber hat er keinerlei Erinnerung. Er hat nicht nur an das Totsein keine Erinnerung, das ist noch nicht lange her, sondern auch keine ans Sterben, was allerdings schon sehr lange her ist. Er tut sich, frisch wieder am Leben, schwer damit, seinen Zustand zu begreifen. Er trägt noch den Anzug, in dem man ihn beerdigt hat, einen Frack, der allerdings recht unbeholfen wirkt in einer Welt, die hauchdünne Schleier trägt oder gar nichts. B. H., der ihn zum Leben wiedererweckt, kennt er bereits aus Jugendtagen. Er gehört zu einer kleinen Gruppe Menschen, den Wiedergeborenen, die nicht nur einmal leben, sondern wiederholt, in jeweils anderen Körpern und mit anderen Identitäten. B. H. wird in den drei Tagen seines Aufenthaltes sein Führer durch die Welt der astromentalen Menschheit sein.

    F. W. bekommt von B. H., der ihn bei seinem Aufenthalt begleitet, ein Mentelobol in die Hand, eine Art Geduldspiel, mit dem man das Reiseziel auf sich zubewegt. Damit werden die beiden sich in dieser Welt bewegen, vielmehr – daran muss ich mich erst gewöhnen! – bewegen sie nicht sich selbst, sie bewegen die Welt. Der eigentliche Reiseweg fällt weg, stattdessen werden kleine Kugeln in diesem Spiel in Löcher versenkt. Man bewegt nicht seinen Körper, sondern seinen Sinn. Die, sagen wir ruhig Verkehrsmittel dazu, lauten: Willensrichtung Veränderungsdrang, Zielsicherheit, Mutmaßliche Dauer der Ungeduld, Mutmaßliche Dauer der Geduld. Anhand des Reisens wie auch sonst immer wieder, wird die Zeit zwischen den Anfängen der Menschheit, die sich in der Regel allerdings der Forschung entzieht und der Jetztzeit mit Beschreibungen gefüllt: wie die Hundertausend Jahre dazwischen ausgesehen haben. Man hat lange in tausend Meter hohen Häusern gelebt, ist mit Gyroplanen um die Welt geflogen, bis man unter die Erde zog, weil darüber Krieg geherrscht hat, wieder einmal. Und da ist man dann später auch nicht mehr weggezogen, die Atmosphäre des Planeten war sowieso inzwischen eintönig und nahezu stimmungslos, kaum Wetter und keine Wolken.

    Die erste Station ist eine normale Familie. Die Tochter heiratet in den kommenden Tagen. Anlässlich des Hochzeitsfestes ist F. W. von den Toten erweckt worden, als eine Art Geschenk: zum Angucken. Er lernt das Familienleben kennen, Braut und Bräutigam, Brauteltern, Großeltern und die Ururgroßmutter. Heiraten werden Io-Do und Io-La. Die Vorsilbe Io bedeutet so viel wie Subjekt. F. W., noch benommen, bemerkt jedoch, dass die Menschen anders sind als die, die er gekannt hat. Sie sehen, trotz unterschiedlichen Alters alle mehr oder weniger gleich aus, durchaus schön, alterslos. Aber eben auch weniger individuell als er die Menschen gekannt hat. Das ist vielleicht ein Teil der Schönheit, dass sie nicht objektiv ist. Die Menschen haben keine Haare mehr, auch die Männer nicht, nicht einmal auf dem Kopf, Haare sind atavistisch. Sie tragen Perücken, an denen man ihren Stand und ihre Zugehörigkeit erkennen kann. Er trifft die Brautfamilie zu Hause an. Und dort ist man nackt: „Von allem Anfang an fühlte ich, daß die Nacktheit der anwesenden Gestalten in keiner Weise mit dem zu vergleichen war, was in meiner Epoche der Schönheitsköniginnen am Badestrand und auf dem Sportplatz als Nacktheit oder Halbnacktheit umzugehen pflegte. Dies ist ja nicht eigentlich Nacktheit gewesen, sondern nur Ausgezogenheit oder Enthülltheit dessen, was gewohnheitsmäßig verhüllt war. Diese Nacktheit hier hingegen schien als Nacktheit gedacht zu sein, sie stand nicht im Widerspruch zu sich selbst, sie konnte als traditionelle Lebensregel zu Hause gelten, sie hatte nicht den heimlichen Wunsch, Blicke auf sich zu ziehen und Begierden zu wecken, sie war unschuldig.“

    Eine Nacktheit allerdings, die auch durch die Beleuchtung verändert wird. Es erleuchtet nicht, es verwischt vielmehr, es macht die Gegenstände diffus und angenehm ungenau. Diese Beleuchtung der Räume und Wände, die F. W. erst als Tapeten wahrnimmt, ist allerdings nicht objektiv, sondern wird je nach subjektiver Gestimmtheit anders wahrgenommen. Das wird der Gast noch mehrfach erfahren. Dass die Wirklichkeit das ist, was die Menschen dafür halten, was sie, das klingt jetzt etwas veraltet: projizieren. Sie projizieren nicht, sie entwerfen das, was ihnen die Welt dann zurückspiegelt. Diesen verwirrenden Umstand kann er auch anhand einer Skulptur erkennen: „Je mehr ich übrigens mich in die Skulptur vertiefte, um so klarer, ebenbildlicher, formenschöner schien sie zu werden. Sie besaß demnach die Eigenschaft, den Eindruck den sie im Betrachter hervorrief, während der Betrachtung zu verwandeln, zu klären, zu intensivieren.“

    Viele Tierrassen sind ausgestorben, der Hund hingegen ist immer noch an der Seite des Menschen. Allerdings gibt es nicht mehr viele Rassen. Auch hat der Hund sich verändert, es ist hündischer geworden, unterwürfiger. Und gerade darin will F. W. eine größere Nähe zum Menschen erkennen: „Durch die traurige und tiergefesselte Grundierung dieses Hündchens aber äugte, ächzte, schnupperte, schmeichelte die Menschenhaftigkeit hervor, genauer, die Angemenschtheit, in jedem Zu- und Wegspringen, im Zögern oder in der Entschließung der Bewegungen und vor allem im aufmerksamen Blick, im abschätzenden Blick im habgierigen, berechnenden Blick.“

    F.W. lernt den Bräutigam kennen, der keinen sonderlich sympathischen Eindruck macht, er sammelt Waffen, primitive Dinge aus der grauen Vorzeit, einen Revolver, aber er hat auch Fernschattenzertrümmerer, kleine Rohre, mit denen man ganz Städte zerstören kann und mit denen die letzten Kriege geführt wurden. Im Zimmer des dieses Waffennarrs kommt zum ersten Mal eine bedrückte Atmosphäre auf und der Brautvater äußert sich seinem Gast gegenüber dann auch pessimistisch, als er sagt: „Wir sind bedroht.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 August 2012

    Avantgardisten

    „Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.“

    Ein Zitat von Romain Gary, allerdings habe ich es nur von Wikipedia. Das ist alles andere als eine fundierte Information, die in diesem Fall auch nicht auf einem langen und intensiven Leseerlebnis beruht: Einfach nur gefunden und hierher gestellt. Wie man das heute so macht. Sehr bedauerlich!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 August 2012

    Oder man war nicht gut oder nicht gut genug oder sogar schlecht

    Die Suche nach dem eigenen Platz: Wer DGDW gelesen hat, weiß, dass das ein Thema für mich ist. In kritischen Äußerungen – der vergangene Beitrag bestand allerdings aus drei Teilen, einem Erlebnisbericht, einer netzkritischen Äußerung und einem poetischen Aperçu – spielt meine Erfahrung hinein, momentane Ereignisse, die mich ins Grübeln bringen (ein entfernter Freund ist gestorben, sehr jung; ich habe eine Frau kennengelernt, die nur einen Arm und ein Bein hat, vielmehr habe ich sie nicht kennengelernt, sie hat eine Mauer der Ablehnung um sich gezogen, die sie davor bewahrt, dass andere sie ablehnen). Ich frage mich auch, was eigentlich ein literarisches Blog ist und von nicht literarischen Blogs unterscheidet. Zweifel haben allerdings auch andere: Dort habe ich mich beteiligt, noch in beruhigender Funktion.

    Was ich mit meinem Buch erlebe – ich erlebe auch gute Dinge, ich habe Leute kennengelernt, die mich unterstützen in dem, was ich mache – entspricht nicht meinen Erwartungen. Und das, obwohl es gute Rezensionen bekommen hat, und nicht wenige. Die große Schwierigkeit ist, Interesse zu evozieren, zu fokussieren, zu lenken. Und da gibt es dann noch den Literaturbetrieb, der für mich ein nicht zu greifendes und nicht zu verstehendes Phänomen ist. Was vor der Veröffentlichung prägend war, ist auch hinterher noch da, vielleicht sogar noch schlimmer: das Empfinden, das es einfach viel zu viele Bücher gibt, zu viele Leute, die schreiben und zu viele Dinge, die nach oben kommen und von denen man nicht versteht, warum das so ist. Oder, um ehrlicher mit sich zu sein: warum man selbst nicht nach oben kommt. Es gehen Preise an einem vorbei, Stipendien, Nominierungen etc. etc. Man kommt nicht in Frage, weil einen niemand sieht. Man ist und bleibt, was man immer gewesen ist: unsichtbar.

    Und das empfinde ich als ein massives Problem: ich bin Anhängerin einer Literaturwissenschaft, die die Hermeneutik als etwas hinfällig ablehnt oder doch eben modernen Positionen zuneigt. Die Autor_in ist kein Genie, sondern eine Art Durchgangsstation: wichtig ist allein der Text. Und dann erfährt man im Literaturbetrieb, dass der Text keine Rolle spielt. Aber man erfährt es ja auch eigentlich gar nicht, sondern: man erfährt es nicht. Man erfährt gar nichts! Aber so geht es sicher mehr als neunzig Prozent aller meiner Leidensgenossen. Es wird nach der Veröffentlichung eigentlich kaum besser, es wird beinahe noch schlimmer. Vorher konnte man sich immer noch sagen, dass man ein verkanntes Genie ist (so holt man die hinausbeförderte Hermeneutik wieder herein). Nachher kann man dieses Sedativum nicht mehr einnehmen. Da hat man dann kein Glück gehabt. Oder man war nicht gut oder nicht gut genug oder sogar schlecht.

    Aber darüber hinaus, oder darunter oder weit weg davon, erlebe ich das Schreiben als ausgesprochen befriedigend. Es läuft gerade ausgezeichnet. Es könnte nicht besser laufen. Ich komme kaum hinterher. Ich werde da morgen wieder sitzen, schreiben und glücklich sein. Ich kann das nicht anders formulieren. Ich komme abends, nach stundenlanger Bewusstlosigkeit, nach Hause, total platt, aber ich weiß, dass ich den Tag über glücklich war. Das können wohl nicht viele Menschen von sich sagen.

    Liebe Ulrike, ich danke dir für dein Engagement. Ich wusste nicht, dass du so viele Bücher verkauft hast. Ich wusste auch nicht, dass die Leute noch einmal in den Laden kommen und ihre Meinung dazu sagen. Das freut mich natürlich sehr. Auch wenn man beim Schreiben nicht an Leser denkt, man denkt nur an den Text, das ist ein autonomes Gebilde, das sich, obwohl es gemacht ist, aller Beeinflussung entzieht. Das ist eine ganz seltsame Erfahrung: eine Entfremdung vom eigenen Einfluss auf den Text und gleichzeitig ein Gefühl großer Nähe: man muss nur die Finger hinhalten, die machen es dann schon richtig; auch wenn man beim Schreiben nicht an den Leser denkt, wenn man fertig ist, denkt man umso intensiver an ihn und sie! Ich schicke dir ein signiertes Exemplar vom nächsten Buch das im kommenden Februar erscheint. Ich habe dich schon auf die Liste gesetzt.

    Lieber Genova, ja du hast recht, das ist ein großes Kompliment, aber der Tipp, etwas auf den Buchrücken zu drucken: geh damit mal zu meinem Verleger, der erzählt dir etwas anderes. Bücher, die in der Buchhandlung liegen, erreicht man nicht mehr. Die Bücher im Großlager hingegen sind unverkäuflich, weil die nicht in der Buchhandlung liegen. So in der Art jedenfalls. Das ist ganz schwierig oder es wird so dargestellt. Und kostet Geld. Und Zeit. Und Geld und Zeit sind rare Güter in der Verlagsbranche, wenn man nicht Suhrkamp oder Hanser mit Nachnamen heißt.

    Lieber Avenarius, vielen Dank für den seltenen Kommentar. Wie Segelschiffe im Wind: die können untergehen, die können in böse Winde gelangen, von Piraten geentert werden oder ein Depp an Land haut ein Loch in den Bug, weil er den Eingang nicht findet. Auf die Idee, dass dieses Loch an Deck der Eingang sein soll, kann ja keiner kommen.

    Lieber Kid, vielen Dank, Pessoa hatte eine Größe – allerdings auch eine Tiefe der Verzweiflung -, die ich nicht habe, nicht erreiche und vor der ich den nicht vorhandenen Hut ziehe, ein Ausnahmetalent, der jedes Wort teuer bezahlt hat. Zu teuer! Was das Schreiben und Bloggen angeht: da muss jeder wohl seinen eigenen Weg suchen. Aber ich suche ja.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 August 2012

    Man träumt von Meteoren

    Ich hatte Anfang der Woche eine Verabredung mit Frank Berberich und Esther Gallodoro von LETTRE International. Ich wollte meine Belegexemplare persönlich abholen und mich auch vorstellen. Das war eine sehr interessante Verabredung. Frau Gallodoro zeigte alle acht Seiten ihres schönen kubistischen Gesichts. Herr Berberich, ein Intellektueller wie er im Buche steht und bisweilen auch im wirklichen Leben existiert, hat mir einen Schriftsteller empfohlen – Romain Gary, mit dem Nancy Housten ein Interview  gemacht hat -, ich habe gleich auch ein Exemplar von der Nummer mitbekommen, einen Vortrag zur Geschichte der Stadt Weimer gehalten und mir dann vom Internationalen Essay Contest erzählt, den LETTRE zusammen mit Weimar im Jahr 1999 organisiert hat.

    Wir sprachen über das ostentativ Weibliche meines Namens. Am Ende des Gesprächs hat er nach meinem Blog gefragt und ich habe kurz erzählt, was mir passiert ist. Er hat nicht einmal müde gelächelt. Und ich habe wieder einmal verstanden, dass Blogs eine miserable Reputation haben. Und ich habe auch verstanden, warum das so ist. Mit dem Blog hier werde ich nichts erreichen. Vor allem keine Leser. Ich hatte mal mehrere hundert davon am Tag. Von denen haben keine zehn mein Buch gekauft. Bloggen ist beinahe ein Zeichen unseriöser Literatur. Keiner der Nominierten hat einen Blog, weder beim Deutschen Buchpreis noch bei der Hotlist der unabhängigen Verlage. Ich verstehe inzwischen, warum das so ist.

    Man könnte Steine in den Himmel werfen, in der Hoffnung, dass sich richtige Meteore daraus entwickeln, die mit mehreren tausend Stundenkilometern zurück auf die Erde rasen und riesige Löcher schlagen, kilometertiefe Krater und Verwüstungen. Aber die Steine werden lediglich langsamer, sehr schnell sogar, stehen dann für einen kurzen Moment lang still und fallen schließlich kunstlos wieder herunter. Aber man träumt von Meteoren.

    (Ja, Holio: was Sie twittern ist richtig!) (Und man macht sogar schon Werbung für mich, sehr schön)

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    und zwar soeben.





    16 August 2012

    Mich interessiert die Literatur

    Eigentlich interessiert mich nur das Schreiben, die Verwertung durch den Literaturbetrieb schon weniger. Allerdings bin ich durchaus irritiert, dass er meinen Roman geradezu ignoriert. Das stimmt auch gar nicht. Er verkauft sich nur nicht. Aber da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Vor allem dieser: es gibt nicht den Literaturbetrieb. Mich interessiert weder der Hype um Hegemann, mich interessiert nicht, wer am Bachmannwettbewerb teilnimmt, warum Grass dies sagt und jenes nicht, etc, etc. Das beschäftigt sich alles vor allem mit sich selbst.

    Was ich aber irritierend finde, ist das, was sich gerade um den Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung abspielt. Wenn jemand in seiner Stellung einen Krimi schreibt – und mit Krimis kann man nur eins: Kasse machen – dann zeigt er damit, dass das Feuilleton im Grunde am eigentlichen Buchmarkt vorbeigeht: Kasse kann man mit Schund machen, mit Krimis. Das was Herr Steinfeld rezensiert ist etwas ganz anderes als das, was er schreibt und was er vermutlich liest. Das ist bedauerlich.

    Was mich aber geradezu ärgert, ist diese Pseudonymisierung, was ja offenbar inzwischen jeder macht. Leider macht Steinfeld das offenbar nur aus Marketinggründen. Und er erkennt nicht und das scheinen auch sehr wenige nur zu erkennen, dass man dem Spiel zwischen Tarnung und Täuschung, zwischen Identität und Authentizität – ein Spiel, das ein jeder im Umgang mit anderen spielt, und im Netz noch viel perfider – eine sehr produktive, künstlerische Seite abgewinnen kann: indem man die Differenz zwischen erzählendem Ich und erzähltem Ich betont. Alles muss ich selbst machen! Leider wird die Möglichkeit dazu durch solche Maschen deutlich minimiert.

    Und dann: wie oft muss man es doch noch sagen? Der Autor ist ein Konstrukt. Immer. Ob Pseudonym, Heteronym, Orthonym oder Anonym. Das was man als realistische Person im Hintergrund sieht, ist das, was man sehen möchte. Hermeneutische Kosmetik.

    Und: was ich in Blogs dazu gelesen habe, ist keinen Deut besser als das, was im Feuilleton steht. Aber deutlich gehässiger. Mich interessiert die Literatur.

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    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 August 2012

    Es ist gut, bis auf den Umstand, dass es noch ein klein wenig besser sein könnte

    Ich habe keinerlei Probleme mit meinem Fleiß. Ich bin eigentlich gar nicht fleißig, da ich alles, was ich tue, aus einem einzigen Grund tue: weil ich es will. Ich gehe vollkommen auf in meinem Tun. Ich muss nichts überwinden, keine Hürden. Ich habe auch keinen Schweinehund. Ich kenne in dieser Hinsicht weder Schweine noch Hunde. Ich mache einfach so lange, bis ich nicht mehr kann. Dann gehe ich ins Bett und am nächsten Morgen, Wunder der Rekonvaleszenz, kann ich wieder. Und ich mache auch wieder. Entweder kann und mache ich wieder genauso wie am Tag zuvor oder sogar noch besser. Und das mache ich wieder solange, bis ich nicht mehr kann.

    So mache ich das. Bis auf manche Tage, an denen einfach Stillstand herrscht, weil mein Kopf oder mein Körper nicht wollen. Und bis auf den kleinen Umstand, dass Glück noch etwas anderes ist, weil es mit anderen Menschen zu tun hat, also mit einem anderen, so jedenfalls sind meine Vorstellungen; bis auf diesen Umstand ist alles gut und könnte kaum besser sein. Es ist gut und bis auf den Umstand, dass es doch noch ein klein wenig besser sein könnte – weil Zufriedenheit vielleicht das Gegenteil von Glück ist, man ist in seiner Zufriedenheit geradezu unglücklich -, könnte ich kaum zufriedener sein.

    Und da ich das bemerke, bemerke ich auch, dass ich ausgesprochen unzufrieden bin. Ich spreche schon den ganzen Tag mit Freunden und Freundinnen und die Erkenntnis läßt sich jetzt nicht mehr leugnen: Ich komme in diesem Jahr nicht nach Rumänien. Ich schaffe es einfach nicht. Ich habe alle Daten hier hin und wieder zurück gedreht. Aber die Arbeiten und Termine liegen so eng beieinander, dass ich nicht einmal eine Woche oder zehn Tage finde, wo ich aussteigen könnte. Zum Teufel mit der Zufriedenheit und dem Glück. Ich brauche zwei Wochen Erholung im Jahr. Und ich brauche sie nicht an irgendeinem vermaledeiten Strand, Nord-, Ost- oder Südsee, sondern ich brauche sie in Sibiu und in Bukarest. Ich will einen Berg sehen. Lebende Natur, nicht irgendein monotones maritimes Ereignis, das aus Langeweile Wellen wirft.

    Plötzlich schlechte Laune! Und das nur, weil ich eine Differenz zwischen Zufriedenheit und Glück erkannt habe. Alles Scheiße hier! Luxusscheiße!

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    08 August 2012

    Es ist nicht wichtig, was da wirklich steht. Wichtig ist, dass ich weiß, was ich meine, das da stehen sollte. Denn nur dann wird am Ende das da stehen, was da stehen muss

    Ich bin seit zwei Wochen in der wichtigsten Arbeitsphase des Manuskriptes von Aléas Ich. Mitte September muss ich jene Version abgeben, in die der Lektor mit Vorschlägen eingreifen darf, die ich annehmen oder ablehnen kann. Das muss dann bei 95 % sein. Ich hätte mir einen etwas größeren Zeitraum gewünscht. Groß ist jetzt vor allem der Druck. Mein Verleger hat deutlich gesagt, welche Wichtigkeit dieser Roman für ihn hat. Allerdings muss ich den Druck ignorieren, sonst kann ich nicht arbeiten. Ich setze mich morgens in die Bibliothek, schalte meinen Text ein und die Umwelt und mich selbst aus.

    Der Lektor hat es gelesen und mir seine Meinung dazu gesagt. Ein Freund, Literaturwissenschaftler natürlich, hat es gelesen und dasselbe getan. Und ich habe ja auch meine Meinung. Der Lektor ist disqualifiziert, denn er wird dafür bezahlt. Der Freund ist disqualifiziert, denn wir sind befreundet. Und ich bin es ebenfalls, denn ich habe narzisstische Interessen. Die einzig zuverlässige Komponente ist der Text. Nur der Text darf jetzt noch Ansprüche anmelden. Ich höre mir die Meinungen, Auffassungen und Eindrücke der anderen sehr genau an und einzig dann, wenn sie den Text treffen, wenn sie die Ansprüche des Textes formulieren, nehme ich sie ernst.

    Bei mir ist das leider so, dass im Grunde die Vorvarianten alle miteinander nicht lesbar sind. Erst wenn ich mich nicht mehr mit dem blödsinnigen und enervierendem Geschäft des Figurenerfindens herumschlagen muss, wenn die wirklich sind, wenn die existieren, kann ich an die eigentliche Textarbeit gehen. Bis dahin ist das ist eine Ansammlung von orthografischen Nachlässigkeiten, von inhaltlichen Schwächen und thematischen Unzulänglichkeiten. Aber das ist gleichgültig. Es ist nicht wichtig, was da wirklich steht. Wichtig ist, dass ich weiß, was ich meine, das da stehen sollte. Denn nur dann wird am Ende das da stehen, was da stehen muss.

    Hatte ich das schon gesagt: es läuft ausgezeichnet. Wenn ich einen Wusch freihaben sollte, dann dass es in den kommenden vier Wochen so weiterläuft. Einen Wunsch! Die Wusch, das ist die Mocănița wie die Rumänen sie nennen, die Harbachtalbahn. Fahren kann man damit aber nicht mehr, hier, hier und hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    05 August 2012

    Die Unerreichbaren und die Nachahmung

    Das Niveau mancher Autoren kann man nicht erreichen. Man darf erst gar nicht versuchen, die Unerreichbaren nachzuahmen. Man erreicht sie sowieso nicht. Die Nachahmung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn man das Original überträfe. Und könnte man es übertreffen, könnte man es nicht mehr nachahmen, denn gerade darin besteht seine Unübertrefflichkeit.

    Es gilt einen eigenen, unnachahmlichen Stil zu entwickeln. Und den entwickelt man durchs Tun, durch das unablässige Formulieren. Durch das Verwandeln von beziehungslosen Dingen in Worte. Denn die Dinge existieren sowieso nicht. Es gibt kein Gelb, solange wir nicht gelernt haben, eine bestimmte Sinneserfahrung als gelb zu bezeichnen. Wir ahmen mit dem Wort die Sinneserfahrung nur nach. Es geht aber darum, einen eigenen Stil zu entwickeln. Hier drehe ich mich gerade im Kreis. Leider! Aber auch das im Kreis drehen will gelernt sein und muss beschrieben werden.

    Lieber noch einmal Fernando Pessoa: „Sich bewegen, heißt leben, sich aussagen heißt überleben. Es gibt nichts Wirkliches im Leben, was nicht deshalb wirklich ist, weil man es gut beschreiben hat. Kleinkarierte Kritiker pflegen darauf hinzuweisen, daß ein Gedicht in hymnischen Rhythmen letztlich doch nur aussagt, daß der Tag schön ist. Aber auszudrücken, daß der Tag schön ist, ist schwierig, und auch der schöne Tag selbst geht vorüber. Wir müssen mithin den schönen Tag in einem blühenden, geräumigen Gedächtnis aufheben und auf diese Weise die Felder oder Himmel der leeren, vorübergehenden Außenwelt mit neuen Blumen oder neuen Sternen bestirnen.“

    Die leere, vorübergehende Außenwelt: Es ist das eigene Innen, dass das Außen anfüllt. Nicht umgekehrt. Deswegen konnte Pessoa sagen, dass sich aussagen, überleben heiße.

    Fernando Pessoa, Livro do Desassossego – Das Buch der Unruhe, Fragment 520, Amman Verlag, Zürich, 1989, Seite 294.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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