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Aléas Anordnungen

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    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




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    Kommentare:

  • Aléa Torik: Hallo Miss Lingen, gemessen an Ihrem fatalistischen Namen haben Sie den Kommentar ja ganz gut hinbekommen. Vielen Dank auch für das Kompliment. Zu Ihrer Frage: Genova ist einer jener Zeitgenossen, die ein sehr einfaches Weltbild haben, wo es klare Grenzen gibt, zwischen dem, was...
  • Miss Lingen: Hallo Aléa Torik: mir hat dieser Artikel ebenfalls gut gefallen. Warum bezeichnet genova Sie als Trottel?
  • Aléa Torik: Hallo Holio, wann und wo das neue Buch erscheinen wird, steht noch in den Sternen. Ich weiß derzeit lediglich, wo es nicht erscheinen wird. Meine Erinnerung, sagen Sie, trügt nicht. Und doch trügt die Erinnerung immer. Das ist, würde ich sogar behauten wollen, eine ihrer wesentlichen...
  • holio: Ihre Erinnerung trügt nicht. Die bestehende Differenz lässt sich prosaisch wegerklären. Bin von der Mutter auf die Tochter umgeswitcht, um vorgefundene Differenzen wegzuerklären. So einfach kann man sich betrügen. Passte auch besser zu Ihrem Alter. Und überhaupt entzündete die neue Theorie...
  • Aléa Torik: Hallo holio, Sie haben das also gesehen. Ich wundere mich ja immer, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich das anschauen können. Nein, ich schreibe ganz anders. Anders als bisher und anders als Senthuran schreibt oder seine Figuren sich artikulieren lässt oder sie es, ohne dass...
  • holio: Eliona schreibt, wie ich mir vorstelle, wie Sie heute schreiben könnten. Aber ich muss vorsichtig sein. Als ich Sie damals für die verheimlichte Tochter von Herta Müller hielt, wissen Sie noch? was haben Sie und Ihre Freunde gelacht. Zeichen sind so rätselhaft immer und Menschen dahinter...
  • Aléa Torik: Lieber NO, welche Gruppe meinen Sie, die stehende Zehnergruppe am Ende des Berichts von Prof. Decuble oder die hängende Vierergruppe am Ende meines letzten Kommentars? Ah , jetzt sehe ich es, die “akademische Gruppe”. Zu unseren Diskussionen: Ich glaube mich erinnern zu...
  • NO: “…doch dann haben wir ins Buch gelesen …” Man könnte auch sagen: Ins Schwarze getroffen! So Sie, der Sie mit diesem Buch auch auf der Landkarte der rumänischen Literatur nun verzeichnet sind (wenn ich mich da noch an unsere Streitgespräche im Eiffel über die Anzahl der...
  • Aléa Torik: Liebe Iris, es war ein sehr guter Aufenthalt und tatsächlich ist es etwas besonderes, sich als Autor inmitten eines sehr interessierten, aber auch involvierten, weil übersetzenden Publikums zu befinden. Es ist besonders und gleichzeitig irreal, weil man bewundert wird für ein Produkt,...
  • irisnebel: haha, du machst dich gut als Hahn im korb. ;) nein, ich denke, das hat dir gut getan. muss ein befriedigendes Gefühl gewesen sein, so ernst genommen zu werden. schön. glückwunsch!
  • genova68: “Möglicherweise habe ich den Aufenthalt in Rumänien auch erfunden, um mal wieder ein bisschen Stimmung in die Bude zu bringen.” Gut möglich, (du Trottel), liebe Aléa.
  • Aléa Torik: @ holio: vielen Dank für die Blumen, ich werd’ sie, auch wenn ich keinen grünen Daumen habe, bisweilen gießen: Wasser übern Laptop, fertig.
  • holio: Ein schöner Bericht. So etwas wie Ihre Erlebnisse in Bukarest lese ich wirklich gern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, Schweigen? Ach Schweigen! Aléa Torik
  • Phorkyas: Liebe Aléa, hätt’ ich nur geschwiegen,.. Ex negativo, muss ich schließen, dass Sie meine Kritik ansehen als hässlich im Sinne von unverständig, literarisch uninteressiert, hinter dem Horizont des Autors zurückbleibend, den Autor nicht ernstnehmend, etc. Vielleicht...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, sehr schöne – schön im Sinne von verständig, literarisch interessiert, über den Horizont des Autors hinausweisend, den Autor erstnehmend, seine Absichten am Erreichten messend und diese Messungen verwerfend – Rezensionen meiner beiden Romane finden Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, ich bewege mich ja gern. Ich fahre Rennrad. Und während ich einmal mit einer schönen Reisegeschwindigkeit vor mich hin fuhr, hatte ich den Gedanken, dass es wohl nicht sehr schlau ist, sich auf einem Rad mit 23 mm dünnen Reifen mit 70 Stundenkilometern einen Berg...
  • Aléa Torik: Liebe Iris, es hätte kaum besser sein können. Die Lesung war nicht sehr gut besucht, es war vielleicht halbvoll, aber mit interessanten und interessierten Leuten besetzt. Man war aufmerksam, obwohl ich nahezu eine volle Stunde gelesen habe und die Diskussion danach muss mindestens als...
  • bersarin: Ja, es ist ausgesprochen schade, daß wir hier im Blog nichts mehr lesen. Keine Buchbesprechungen, keine Beobachtungen, kein Nichts. Ich will meine Enttäuschung deshalb nicht verhehlen, weil dies hier einer der besten Blogs im Internet war. Wenn Du von Literatur schriebst, war das weder...
  • Irisnebel: sehr schoen. wie wars denn? lg Irisnebel

  • Archiv vom Juni, 2012

    30 Juni 2012

    „Das Geräusch des Werdens“ – In der WAZ

    Das war eine schöne Überraschung gestern, der Artikel in der WAZ von Britta Heidemann. Anders als die anderen, legt sie vor allem Wert auf den spielerischen Aspekt, auf meinen Spieltrieb. Sie sagt, dass ich besser spiele als alle anderen. Dass dies auch eine sehr ernste Veranstaltung ist, steht dort ebenfalls, eines der „aufregendsten Romanedebüts des Jahres“ heißt es. Wenn es nur ein kurzer Artikel ist, freue ich mich doch über die klugen und sensiblen Worte, mit denen Frau Heidemann es  geschrieben hat, ohne Unterstellung übler Absichten, sich einzig für die Literatur interessierend: also nicht mich hinter den Worten suchend, mich und die Vorstellungen, die ich beim Schreiben hatte, sondern ihre eigenen Vorstellungen dabei suchen. Das ist Lesen: suchen, versuchen und versuchend. Das ist das Lesen und die Leser, die ich mir wünsche.

    Leider muss jetzt wieder in meinen alltäglichen Wahnsinn. Oder glücklicherweise, das kann man ja oft gar nicht voneinander trennen. Ich muss am Sonntagabend das Manuskript für  Aléas Ich beim Lektor abgeben. Das wird noch öfter passieren in den kommenden Monaten. Neben einigen Lücken, fehlenden Textstücken, neben einigen noch nicht deutlich ausgearbeiteten Passagen, noch nicht endgültig ausgefeilten Motiven, Schwächen in Darstellung und Sprache und neben noch einigen anderen Kalamitäten – unfertige Texte sind eine Ansammlung von Ungereimtheiten, Ungereimtheiten und Ahnungen großer Entwicklungen, die es nehmen könnte, wenn …, ja wenn … – fehlen noch zwei Kapitel, eines habe ich gestern entnervt gelöscht und ein anderes muss ich, weil ich das eine gelöscht habe, neu schreiben, weil ich diese Entwicklung brauche, das gelöschte brauche ich aber auch. Vor allem brauche ich einen Abschnitt, sechs, sieben Formulierungen. Ich brauche die dringend! Und ein Frühstück brauche ich jetzt auch.

    Hier finden Sie den Artikel. Leider funktioniert der Link dort auf meinen Blog nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2012

    „Es gibt kein versäumtes Leben“

     „Die Abkürzung“ von Thorsten Krämer

    Das ist ein dünnes Buch, aber ein dicker Text. Er gehört in jenes Genre, das gar keins ist, eine Literatur, der ich seit einiger Zeit häufiger begegne: Autor oder Autorin nimmt die eigene Biografie und literarisiert und fiktionalisiert sie. Vielleicht ist es auch nicht die eigene Biografie, aber indem der Autor, der Urheber sie literarisiert, wird sie zur eigenen. Denn er lebt sie – er erlebt sie – ja auf seine Weise: auf die einzig akzeptable Weise in der Literatur: indem er sie beschreibt. Der Urheber ist im Buch nicht greifbar und in gewisser Weise auch uninteressant. In Zeiten der Mediatisierung sieht das vielleicht auch schon wieder anders aus: Man muss ja lediglich den Fernseher aufschlagen – haha! -, um einen Schriftsteller in Positur zu sehen. Wichtiger ist, für mich als Literaturwissenschaftlerin, der Text. Das sagt im Übrigen auch Octavio Paz: „Dichter haben keine Biografie. Ihr Werk ist ihre Biografie.“ Dichter haben keine Biografie und keinen Fernseher.

    Wie der Titel das prägnant formuliert, es geht um Abkürzungen. Solche Abkürzungen kann es geben. Meistens stellen sie sich, wenn man sie gegangen ist, nicht als sehr sinnvoll heraus. Das Leben will gelebt, Erfahrung wollen und müssen gemacht werden. Selbst die, dass man so manchen Tag und Monat lebt, ohne dabei eine einzige Erfahrung zu machen: die Zeit vergeht einfach nur.

    Das lyrische Ich kommt aus einem kleinen Dorf, im Grunde wohl kaum mehr als eine Straße, mit einem „Puff“  auf der anderen Seite. Der Mann dahinter, der Autor, kommt aus Wuppertal, eine Stadt, Aber der Autor ist ja nicht so wichtig, es geht um seine Manifestation im Text. Das ist mir natürlich sehr sympathisch, da ich auch aus einem Dorf komme, mit nur einer Straße, eine Art Rundweg. Allerdings ein Dorf ohne Puff, also auch ohne einen Grund, da immer hinüber zu starren. Hier wie dort, in Mărginime wie in Ronsdorf, hat man es in dem Alter, mit dem das lyrische Ich im Text seine Existenz beginnt; in dem Alter hat man vor allem eilig die Zeit bis zum Erwachsenwerden herumzukriegen. Hier wie dort ist die Welt, die man als Kind erlebt, sehr rätselhaft. Dieses Ich, das ich der Einfachheit und der Personifizierung halber Thorsten nenne, kommt auf dem Schulweg an einem „Klumpen Menschenfleisch“ vorbei. Wilde Phantasien brechen auf und machen sich über diesen Klumpen her und man ist beinahe enttäuscht, wenn es sich dann nur um einen Stein handelt. Ich habe mich auch gegruselt, aber nicht vor Steinen, sondern vor Wesen, die im Wald wohnten und nachts ins Haus kamen. Gruseln und Angst können sehr angenehm sein. Wilde Phantasien sind es vor allem, was das andere Geschlecht angeht, was damals, so war es bei mir, noch gar kein Geschlecht war, sondern eben Jungs, bei Thorsten also Mädchen. Zwei Mädchen, die sich aneinander schmiegten: das konnte die Phantasie eines Jungen viele Jahre beschäftigen, gefühlte Jahre.

    Es gibt noch eine andere Koinzidenz zwischen Mărginime und Ronsdorf, dem Autor und der Leserin dieses Buches: wir beide haben relativ früh, viel zu früh, angefangen dicke Bücher zu lesen. In sie hineinzuschauen, weil man dort Dinge zu sehen bekam, die man in der Wirklichkeit nicht sah; die man nicht verstand und wo dann wieder alles sehr rätselhaft erschien. Rätselhaft, wie sich das verhielt mit Marcel und Gilberte. Ich kann mich noch sehr genau an die fremden Namen erinnern, die auf mich den größten Reiz ausübten. Sehr viel größer jedenfalls, als all die Zwischenräume. Jene langen Textstrecken zwischen den Namen, die ich nicht so genau verstand. Lesen wird in der Entwicklung jedenfalls sehr schnell wichtig, nicht nur die Suche nach der verlorenen Zeit, auch Lolita und Stiller. Und er wie ich haben das eine errötend, lüstern geradezu, verschlungen und das andere gelangweilt weggelegt. Ich allerdings erst als ich längst in Berlin war. Ich hatte nie zuvor von Stiller gehört und habe es nach hundert sehr zähen Seiten verschenkt.

    Sehr gut gefallen hat mir der mittlere von drei Teilen der Abkürzung: die Gegenüberstellung von altklug und frühreif. Ich habe darüber nie nachgedacht und alles, was ich jetzt weiß, habe ich vom Autor gelernt. Man hält sich für frühreif, ist es aber oft nicht, man ist altklug. So geht es auch diesem lyrischen Thorsten, der sich für frühreif hält, weil er sich für ältere Mädchen interessiert. Ältere, die in irgendeiner Weise „verderbter“ sein müssen als jüngere Mädchen, also die in seinem eigenen Alter. Die Mädchen seines Alters sind aber genauso, sie interessieren sich für die älteren Jungs, und zwar mit der Begründung, dass die schon Erfahrungen hätten. Selbst mit seiner tatsächlich altklugen und nicht frühreifen Argumentation hat er bei dem Mädchen seiner Wahl keine Chancen: „In zwei Jahren wäre ich einer der älteren Jungen, und deshalb müsse ich, nach der Logik der Mädchen genau jetzt die Erfahrungen machen, die sie mir aber verwehrten.“ Der altkluge ist immer schon weiter, weiter jedenfalls als die anderen ihn einordnen würden. Er sucht nach Abkürzungen: „Die Gegenwart ist für ihn immer nur ein Zwischenstadium, der Vorläufer dessen, was er bereits jetzt anvisiert.“

    Und dann ist die Kindheit und die Jugend, so unwahrscheinlich es einem damals erscheinen mochte, plötzlich vorbei: „Was mir als Jugendlicher wie das Gefängnis meiner selbst vorkam, gilt mir heute als Zeichen einer Kontinuität der Persönlichkeit, die gerade erste Veränderung, und damit Leben, möglich macht.“

    Der Text bringt, scheinbar unmotiviert, zwei Bemerkungen von Martin Heidegger. Am Schluss geht der Autor ausführlich darauf ein. Und obwohl mir Heidegger nicht gefällt – ich kann mir allerdings nur von seiner Sprache ein Bild machen, nicht von den Inhalten, die habe ich nicht verstanden – gefallen mir die Bemerkungen in diesem Buch, mir gefällt die Arbeit des Autors mit der Begrifflichkeit.

    „Man unterscheidet zwischen Internet-Freunden und wirklichen Freunden, als sei hier eine klare Grenzlinie zu ziehen, und der gängige Kulturpessimismus beklagt das Fehlen ‚echter‘ Kontakte und die Unverbindlichkeit der Online-Welt. Dieses immergleiche Lamento verführt dazu, schon allein aus Trotz die Gegenposition einzunehmen, aber damit unterschreibt man leider auch die Dichotomie, die der Rede vom Niedergang innewohnt. Indem Heidegger aber die Räumlichkeit anders denkt, bietet er eine Handhabe, die Phänomene einer über das Internet globalisierten Welt auf eine Art und Weise zu fassen, die über die Unterscheidung zwischen ‚real‘ und ‚virtuell‘ hinausgeht. Denn in Wahrheit sind uns diese Phänomene schon lange vertraut.
    Das Zeug zum Lesen, die Bücher also, halten wir beim Lesen zwar in den Händen, aber es ist uns ferner als die fiktiven Charaktere, denen wir bei der Lektüre begegnen. Vielleicht sind es auch nicht einmal mehr Bücher, sondern Bildschirme, aber in diesem Verständnis macht das keinen Unterschied. Auch das taktile Empfinden ist der Erfahrung der Nähe zum Inhalt des Gelesenen untergeordnet – die Beschaffenheit der Straße spielt in Heideggers Beispiel keine Rolle. Insofern ist es erstaunlich, dass gerade belesene Menschen einen Kulturpessimismus verfallen, wenn es um solche Phänomene wie social media geht. Solche Menschen messen erfundenen Personen große Bedeutung bei, sie schreiben ihre Doktorarbeiten  über erfundene Figuren der Weltliteratur und wollen dann nicht glauben, dass man mit jemandem befreundet sein kann, den man nie leibhaftig gegenüber stand.“
    [ … ]
    Solche Wahlverwandtschaften sind es, die über das Internet heute leichter denn je zu realisieren sind – und die globale Vernetzung ermöglicht es, dass der Andere sogar antwortet: Die Projektionsfläche erwacht zum Leben! Heutzutage ist es nicht ungewöhnlich, dass ich über den Alltag von Freunden auf der anderen Seite der Welt jederzeit besser informiert bin als über das Leben meiner direkten Nachbarn, deren Namen ich vielleicht nicht einmal weiß. Oft wird dieser Umstand beklagt und als Zeichen einer gesellschaftlichen Verwahrlosung interpretiert. Aber auch das ist aus den bereits genannten Gründen restaurativer Unsinn. Wer jemanden, dessen soziale Kontakte zu großen Teilen online gepflegt werden, für vereinsamt hält, war selbst nie wirklich einsam.“

    Die letzen Sätze und Gedanken finde ich wirklich groß. Vielleicht weil sie meinen eigenen begegnen. Es sind nicht wenige, die sich darüber beklagen, dass man so viel verpasst im Leben. Das habe ich nie verstanden. „Es gibt kein versäumtes Leben. Die Erfahrung, etwas getan zu haben, ist nicht wertvoller als die, etwas nicht getan zu haben.“ Wenn man nicht darauf hereinfällt, was einem allenthalben gesagt wird, das man etwas, das man viel, wahnsinnig viel, versäume, dann erkennt man leicht, dass man gar nichts versäumen kann. Oder nur, wenn man meint, etwas zu versäumen, wenn man angestrengt nach lebensintensiven Erlebnissen Ausschau hält und dabei nicht erkennt, dass man ja auch in diesem Moment lebt. Vielmehr, dass man hätte leben können, wenn man nicht nach Besserem Ausschau gehalten hätte.

    Bei allen Gemeinsamkeiten es gibt allerdings auch einen fundamentalen Unterschied zwischen der Kindheit in Deutschland und der in Rumänien. Während ich mit sieben oder acht Jahren die Spiele von Garri Kasparow und Vladimir Kramnik imitiert, kritisiert und optimiert habe, hat Thorsten Krämer Tennis gespielt: „Es gab auch ein großes Parkhaus, auf dem ich im Sommer an den Wochenenden mit dem Nachbarsjungen die großen Wimbledon-Spiele von Björn Borg und John McEnroe nachspielte.“

    Thorsten Krämer ist, wie man leicht sehen kann, blitzgescheit. Und warum auch nicht? Es spricht ja nichts dagegen, es zu sein. Warum sich das Leben künstlich schwer machen, wenn man es leicht haben kann?! Haha!

    Der Band ist Teil einer Serie – “krämer’s monthly” – von der bisher Die Abkürzung und Pfleghar-Phantasie greifbar sind. Der dritte Band, Die Veränderung, ist in Arbeit. Jeder Band hat einen Umfang von 48 Seiten und ist ein eigenständiges Werk. Die Formen variieren von Lyrik über Prosa und Essay, bis hin zu szenischen Texten.

    Thorsten Krämer, Die Abkürzung
    Biografisierte Erzählung, 47 Seiten
    Hier kann man das erwerben.

    Es gibt 144 Exemplare, ich habe das 29. Vielleicht ist das auch bei dem Buch so wie bei meinem eigenen, hinten und vorne sind sie mit sich identisch und an allen anderen Stellen individuell. So hat meine Ausgabe nur 47 Seiten, obwohl alle anderen angeblich 48 haben. Solche Dinge sind rätselhaft, aber gerade darin sehr reizvoll.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Juni 2012

    Die Securitate und Oskar Pastior

    Ich war gestern auf der Oskar Pastior Tagung im Literaturhaus in der Fasanenstraße: Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior – Symposion. Nachdem vor zwei Jahren entdeckt wurde, dass Pastior sich vierzig Jahre zuvor von der Securitate hatte anstellen lassen – geführt als IM Otto Stein -, er einen Wisch unterschrieben hat, diese diktierten Verpflichtungen, Informationen abzuliefern, und in der Folge tatsächlich auch sechs Berichte abgeliefert hat, kam es zu einem Skandal. Das ist hier in der Presse breit diskutiert worden, ich wiederhole das nicht. Seither versucht die Oskar-Pastior-Stiftung den Grad seiner Verstrickung herauszufinden. Erschwerend kommt die sehr unglückliche und wohl von viel Neid gekennzeichnete Auseinandersetzung und Polemisierung Dieter Schlesaks hinzu, der Pastior, wenn ich recht erinnere, antirumänische Tendenzen bescheinigt hatte, die in der Behauptung gipfelten, ihn, Pastior, träfe durch seine Spitzeltätigkeit die Mitschuld am Selbstmord Georg Hoprichs; Vorwürde, die in Zusammenhang damit zu sehen sind, das Pastior seinerseits Schlesak viele Jahre zuvor bescheinigt hatte, minderwertige Lyrik zu verfassen. Schlesak hat seine Behauptungen, Pastior sei Teil des Securitate-Systems, nie untermauern oder beweisen können und ist auch allen Aufforderungen der Stiftung, seine Vorwürfe mit Akten zu belegen, nicht nachgekommen. Die Pastior Stiftung versucht nun auf eine moralisch – ethisch einwandfreie Weise, sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen. Es waren viele Leute von der Presse eingeladen und es wurde wiederholt um kritische Fragen gebeten.

    Am Vormittag wurden jene Vorträge gehalten, die sich um die Forschungssituation drehten, von Stefan Sienerth, Ernest Wichner und Corina Bernic. Es wurde über die langwierige und teilweise sehr schwierige Aktenlage beim Consiliul Național pentru Studierea Arhivelor SecuritățiiNationaler Rat für das Studium der Archive der Securitate – und über die Ergebnisse und die derzeitige und vorläufige Bewertung – es wurde durch Klaus Ramm, den Vorsitzenden der Stiftung, beim BND und einer zweiten Einrichtung (den Namen habe ich leider vergessen) und durch Herta Müller bei der CIA  – berichtet. In den verschiedenen Archiven der BRD sind keine Information vorhanden und die letzte Reaktion der CIA steht noch aus. Die Situation in Bukarest ist schwierig, als akkreditierter Forscher bekommt man zwar die volle Akteneinsicht, allerdings sind derzeit mehr als hundert Kilometer Akten unsortiert und es wird, wenn es bei der derzeitigen finanziellen und personellen Lage bleibt, auch noch Jahrzehnte dauern, bis alle Akten systematisiert und frei zugänglich sind. Zusammenfassend lässt sich derzeit sagen: es sieht nicht danach aus, als habe Pastior sich einer moralischen Verfehlung schuldig gemacht, indem er denunziatorische Aktivitäten entfaltet hat; er hat sich keiner Verfehlung schuldig gemacht, außer jener, überhaupt seine Unterschrift unter ein solches Papier gesetzt zu haben.Alle sechs aufgefundenen Berichte stammen aus der Zeit umittelbar nach seiner Anwerbung. Es gibt eine Notitz eines Offiziers, die besagt, dass man Otto Stein, weil er zu Mitarbeit nicht geeignet sei, nicht weiter behelligen wolle. Zu diesem Faktum der moralischen Schuld hat es einen heiß diskutierten Vortrag gegeben, der Versuch einer Einordnung mittels normativer Kriterien durch Sabina Kienlechner.

    Der zweite Teil des Symposiums, der Nachmittag, war bestimmt durch eine literarische Annäherung an Oskar Pastior. Verkürzt gesagt: muss man, weil es neue Erkenntnisse über die biografische Situation Pastiors gibt, auch eine Werke anders lesen? Wie schlägt sich diese biografische Situation in seinen Texten nieder, wie die Angst vor Entdeckung? Es gab den Versuch einer oulipobiographischen Annäherungen durch Jacques Lajarrige, und abschließend einen grandiosen Vortrag von Michael Lentz, bei dem ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen oder einfach zuhören sollte. Das war sowohl performativ – Stimme, Modulation und eine Art Ganzkörpereinsatz – als auch intellektuell sehr beeindruckend. Ausgesprochen reich an Assoziationen und überaus komplex, griff er wiederholt in verschiedene Sprach- und Wissensregister. Ich muss den Aufsatz noch einmal nachlesen, so schnell kann ich nicht denken, wie er sprechen kann. Lentz machte den Versuch einer Konstruktion, ähnlich einer rhetorischen Figur, und vermutete, dass es neben den Personen Oskar Pastior und Otto Stein, neben der biografischen eine bedrohende, neben der echten eine fiktive Person gegeben hat; dass es nicht nur diese beiden Personen gegeben hat, sondern darüber hinaus noch eine dritte Person oder Instanz habe geben müssen, die auf die beiden anderen geachtet und sie vereint habe, denn, so die durchaus provokante These Lentz’: der Untergang der einen Person wäre auch immer der Untergang der anderen gewesen. Zwischendurch fragte er einmal, ohne eigentlich seinen Vortrag und Redefluss zu unterbrechen: „Wie viel Zeit habe ich noch? – „Alle Zeit“, sagte jemand. Lentz antwortete: „Herrlich. Ich bin auch gerade gut drin!“ Das war er allerdings und weiter ging‘ auf der Achterbahn der Assoziationen. Das war aber auch ein herrlicher Vortrag, und, das muss nicht in den Hintergrund treten, ein gutaussehender Mann!

    Kannte Oskar Pastior das Gefühl, frei zu sein? Frei vom „Ekelkomplex“ Securitate? Frei von Angst und, sehr viel wichtiger, frei von Schuld? Oder musste, was er einmal in einem Gedicht formulierte, für alle Zeit am Horizont bleiben, unerfüllbar, eine Wunschphantasie, weil, was die Wünsche uns vorgaukeln, nie erfüllbar ist, sonst müssten wir ja mit dem Wünschen aufhören, wir müssten mit dem Schreiben aufhören, was genauso schlimm ist, denn wir wünschen ja schreibend und schreiben wünschend; eine Phantasie, von der Schriftsteller immer träumen, intensiver vielleicht als von allem anderen: „Jetzt kann man schreiben was man will“.

    Das war auch für mich persönlich ein guter und schöner Tag. Die Rumänenclique ist nicht riesig, man kennt sich oder man ist kurz davor sich kennenzulernen. Ich habe meine potentielle Übersetzerin kennengelernt, Corina Bernic, die Das Geräusch des Werdens gelesen hat und sehr angetan ist. Es gibt noch keinen Verlag, aber Corina lebt in Bukarest und kennt die Szene dort sehr gut. In der kommenden Woche veranstalten wir ein schönes konspiratives Treffen und dann sehen wir weiter. Mit ihr habe ich richtig Glück: sie ist die Übersetzerin von Oskar Pastior, natürlich!, und Herta Müller. Besser hätte ich es nicht treffen können.

    Im November 2012 wird voraussichtlich bei Text und Kritik ein Sammelband mit den Vorträgen der Tagung herauskommen. Die Gesamtausgabe der Werke Oskar Pastiors finden Sie, herausgegeben von Ernest Wichner, im Hanser Verlag.

    Hier der Bericht in der taz. Hier die FAZ.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Juni 2012

    Salvaţi Roşia Montană

    Ich hatte über die Sache bereits berichtet. Sehr populär derzeit ist die Kampagne mit Maia Morgenstern.

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    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Juni 2012

    Mein Essay zu David Foster Wallace’ Roman “Unendlicher Spaß”: In LETTRE International

    Ich freue mich außerordentlich darüber! Ich weiß das jetzt schon einige Zeit und freue mich noch immer. Vielmehr freue ich mich erneut. Zuerst war Freude, dann Unglauben. Dann Zweifel. Verleugnung, Hoffnung, Wahnsinn. Und jetzt erneut Freude. Hoffentlich hört das bald auf. Ich würde gerne weiterarbeiten.

    Sie finden meinen Essay im aktuellen Heft. Wenn Sie sich das Autorenverzeichnis anschauen, bin ich dort in ausgezeichneter Gesellschaft, fast alles Nobelpreisträger und Professoren. Damit sind die Ziele bündig formuliert. Hoffentlich schieße ich nicht wieder übers Ziel hinaus und erreiche beides. Haha! Es ist zum Heulen. Ich hetze hier von einer Preisverleihung und Anerkennungsveranstaltung zur nächsten. Wirklich wahr. Jedenfalls innerhalb des Wirklichkeitsbegriffs, den man am Eingang des 21. Jahrhunderts noch haben kann, ohne sich schämen zu müssen.

    LETTRE International ist wahrscheinlich eine der besten Adressen Deutschlands für anspruchsvolle Essayistik. Und ganz sicher die beste weltweit.

    Ich mache bei diesem Artikel von der Deaktivierung der Kommentarfunktion eine Ausnahme. Sie können gerne formulieren, was Sie von dem Text halten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 Juni 2012

    „Că numai la zgomotul devenirii îmi pot eu da seama că este ceva“

    Über die Rezension von Mircea M. Pop freue ich mich natürlich ganz besonders! Hier finden Sie den Text in Gänze.

    Heute den ganzen Tag lang: Hetze! Die Zeit in diesem Land hat manchmal die ausgesprochen unangenehme Eigenschaft, einem davonzulaufen. Und wohin? Man weiß es nicht! Die Zeit ist dann einfach nur weg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Juni 2012

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten …“

    In der Begründung der Jury zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises an Mircea Cărtărescu für Orbitor. Corpul – Der Körper ist von einem „elektrisierendes Kunstwerk von seltener Intensität und Leuchtkraft“ die Rede. Weiter heißt es: „Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold haben den bilderreichen, aberwitzig surrealen Stil des Buches und die innovative Sprachpotenz dieses faszinierenden Textgewebes meisterhaft ins Deutsche übertragen, indem sie die eigene Imaginationskraft der deutschen Sprache neu und schöpferisch ausloteten.” Und so sieht das aus:

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische und schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinanderliegenden Welten muss es einen Geist gebe, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mit Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenen Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn es trägt da Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt und sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“

    Mircea Cărtărescu, Der Körper, Seite 527 f.

    Hier finden Sie ein Video. Die Schmetterlinge, die in dem Video überall zu sehen sind, sind die metaphorische Ausgestaltung einer Phantasie die das gesamte Buch durchzieht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Juni 2012

    Mircea Cărtărescu nach Einbruch im Haus der Kulturen der Welt gefasst

    „Mircea Cărtărescu nach Einbruch im Haus der Kulturen der Welt gefasst“ (Schlagzeile aus der yellowpress vom Donnerstag, 7. Juni 2012) Da hat man bei der Zeitung womöglich etwas durcheinander gebracht: Den Einbruch hatte Cărtărescu wohl an den Tagen zuvor, bei der Zeremonie hingegen wirkte er einigermaßen gefasst.

    Ich hatte eine ganze Woche Besuch aus Bukarest. Jetzt ist er wieder weg. Mein Zimmer ist leer. Leerer als da ich hier alleine war. Jetzt fühlt es sich an, als sei nicht einmal ich mehr hier. Als sei einer aus dem Raum gegangen, hätte ein Loch dort hinterlassen und alle Luftmoleküle stürzten nun da hinein, würden von dem nicht mehr Anwesenden aufgesogen, vor allem ich selbst.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juni 2012

    Das bist du auf dem Laufrad

    „Das bist du auf dem Laufrad“ sagte gerade als ich vom Einkaufen zurückkam ein Vater zu seinem kleinen Sohn. Der schaute gebannt in eine Schaufensterscheibe, wo er offenbar sehen konnte wie er auf dem Laufrad saß. Ich korrigierte das im Vorbeigehen und sagte: „Das bist nicht du auf dem Laufrad, das ist dein Spiegelbild.“ Dann habe ich ihm auf den Kopf getippt und gesagt: „Das bist du auf dem Laufrad“. Der Papa hat gelacht und meinte, das sei typisch für Berlin. Hier werde man permanent verbessert.

    Das ist ja die Katastrophe, dass wir lebenslang nicht zu unterscheiden vermögen zwischen dem, was wir sind und dem, wofür wir uns halten. Nervenzusammenbrüche, Enttäuschungen und all unser eitles Streben nach Anerkennung und Liebe wären nicht so wahnhaft, wenn wir verstehen könnten, dass wir nicht sind, wofür wir uns halten. Wie leicht könnte alles sein, wenn wir verstünden, das wir auf dieser Seite des Lebens stehen und nicht auf der anderen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Juni 2012

    Sie kommen wegen des Manuskripts?

    „‘Sie kommen wegen des Manuskripts? Es wird gerade gelesen, nein, Pardon, es ist schon gelesen worden, mit Interesse, ja, sicher, ich erinnere mich genau, beachtliches Sprachgefühl, starke Aussage, haben Sie unseren Brief nicht bekommen? Müssen wir Ihnen zu unserem Bedauern mitteilen, ja, steht alles in dem Brief, ist schon eine Weile her, daß wir ihn abgeschickt haben, immer diese Verzögerungen bei der Post, Sie kriegen ihn sicher noch, unser übervolles Verlagsprogramm, die ungünstige Konjunkturlage, sehen Sie, eben, Sie haben ihn doch schon bekommen, was steht sonst noch drin? Danken wir Ihnen, dass Sie es uns freundlicherweise zu lesen gaben, und schicken es Ihnen baldmöglichst zurück, ach so, Sie kommen, um ihr Manuskript zu holen? Nein, wir haben es noch nicht finden können, haben Sie bitte noch etwas Geduld, es wird schon wieder zum Vorschein kommen, keine Sorge, hier geht nichts verloren, erst kürzlich haben wir Manuskripte gefunden, die wir seit zehn Jahren suchten, o nein, nicht erst in zehn Jahren, Ihr Manuskript finden wir auch schon eher, bestimmt, hoffe ich jedenfalls, Manuskripte haben wir hier so viele, wissen Sie, bergeweise, wollen Sie mal sehen, ich zeig‘s Ihnen, nein, verstehe, Sie wollen Ihr Manuskript, nicht irgendein anderes, wär ja auch noch schöner, ich meine, wir haben hier so viele Manuskripte, an denen uns gar nichts liegt, da werden wir doch nicht gerade Ihres wegwerfen, an dem uns so viel liegt, nein, nicht um es zu publizieren, ich meine, um’s Ihnen zurückzugeben.‘“

    Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht – Se una notte d’inverno un viaggiatore, Hanser Verlag 1985, Seite 112 f.

    Köstlich! Calvino war im Hauptberuf Lektor! Ich werde noch einiges zu diesem Buch schreiben, aber erst in einigen Monaten. Es sind gerade zu viele andere Dinge, die auch alle drängen, sodass mir kaum Zeit bleibt, hier viel zu machen. Es kommen ganz sicher wieder wildere Zeiten. Wir sind ja noch jung.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Juni 2012

    „Das Geräusch des Werdens“ – Im Berliner Tagesspiegel

    Ich freue mich über diese Rezension. Die Vorgänge im Roman ereignen sich zu einem nicht geringen Teil hier in Berlin. Dafür müssen sich mindestens die Berliner Zeitungen und ihre Leser interessieren. Andernfalls wäre das so, wie wenn der Bundesfinanzminister sich nicht für Zahlen interessierte.

    In dem Artikel werden einige Punkte angesprochen, die mir sehr gefallen. Das ist von „magisch fantastischen Kombinationen“ die Rede, was ich als einen Anknüpfungspunkt an die südamerikanische Literatur lese, die ich sehr schätze. Als Referenztext wir Gabriel García Márquez Hundert Jahre Einsamkeit genannt. Ein Buch, dessen Lektüre ich allerdings abgebrochen habe. Ich schätze Julio Cortázar und José Lezama Lima. Aber ich habe mich über diese Nähe gefreut. Angesprochen wird auch, was meines Wissens noch keiner angesprochen hat: dass der Text, was nicht auf den ersten Blick zu bemerken ist, von obskuren Zufällen nur so strotzt. Vollkommen überraschend war für mich, dass von Mut und meiner Unbekümmertheit gesprochen wird „mit der die Autorin Genre- und Schreibkonventionen über den Haufen fabuliert“. Den ‚Haufen‘ finde ich großartig, auch wenn ich mich selbst eher als abgebrüht, denn als unbekümmert bezeichnen würde.

    Bei allem Positiven ist da auch ein kritischer Unterton zu spüren. Beispielsweise das Motiv der verschwundenen 15-jährigen Krisztina. Ich höre das nicht zum ersten Mal, dass diese Figur als zu wenig konturiert empfunden wird. Sie wird meist nur nebenbei beschrieben, außer in dem Kapitel des Vaters, der über nichts anderes spricht als seine Tochter. Aber sie hat kein eigenes Kapitel und der Leser erfährt auch nicht, was aus ihr geworden ist. Und das wird beklagt: „Leider gewinnt die Figur inmitten der Überfülle der anderen Schicksalsschilderungen kaum Kontur.“ Ich habe das allerdings in voller Absicht so gemacht und das ist auch exakt, was ich hervorrufen wollte: Man geht ja nun einmal nicht, wenn jemand verschwunden ist – sei es, dass er von zu Hause abgehauen ist, sei es, dass ihn der Geheimdienst geholt hat – irgendwohin und kann dann mehr erfahren. Man geht nicht zur Securitate und klopft da und fragt nach Informationen, damit man sich ein besseres Bild machen könne, wie genau der Betreffende verschwunden ist. Diese fehlende Konturierung ist beabsichtigt. Möglicherweise kommt das eben nicht so an, wie ich das gerne gehabt hätte. Aber vor allem: im Zentrum Marijans, des Blinden, der nicht nur die Rahmenhandlung hergibt, sondern in der Mitte des Textes steht, wird eine Erfahrung beschrieben, die für alle anderen Personen als Lektürehinweis gelten soll. Es ist weit mehr als eine äußere Beschreibung der Blindheit. Ich wollte eine Blindheit, die der Leser spüren soll – deswegen fehlen so große Teile zwischen den einzelnen Kapitels: es fehlen Personen, es fehlen Jahre und es fehlen auch Erfahrungen. Deswegen fehlt Krisztina. Und deswegen beschweren sich die Leute bei mir, dass die Figur zu wenig Kontur hat.

    Richtig aber ist, und die Kritik ist eine nicht zu unterschätzende, dass bei mir, anders als bei vielen anderen osteuropäischen Autorinnen – genannt wird Terézia Mora  – die Brutalität des Epochenwandels nicht direkt zur Sprache kommt. Das habe ich mir teilweise aufgespart für das kommende Buch. Teilweise wird es auch angesprochen: Wenn ich mir das Kapitel Saubere Fingernägel und ein wohlproportionierter Bizeps brachialis anschaue, meine ich, dass da genügend Brutalität drin ist.

    Insgesamt ist das eine sympathische, eine sympathetische Kritik. Ich finde, es gibt im Feuilleton nur zwei verschiedene Arten mit den Büchern anderer umzugehen: eine offene, neugierige und interessierte: die darf kritisieren. Und dann gibt es die desinteressierte, die alles besser weiß und die die eigene Auffassung für das Maß aller Dinge hält. Die muss kritisieren. Weil sie nichts andres kann. Ich habe also Glück mit der Besprechung von Gisa Funck, die man hier in Gänze lesen kann.

    Ich habe dauernd Glück. Demnächst werde ich schon wieder Glück haben. Das reicht mir langsam.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.