Archiv vom Mai, 2012
19 Mai 2012
„Unverkennbar genauso schauderhaft und böse“
„Die Drehung der Schraube“ von Henry James
Die Novelle The turn of the screw ist das wohl bekannteste Werk Henry James‘. Der Text lässt zwei deutlich auseinanderfallende Lesarten zu, ist also sehr offen für seine Interpretation. Auf der einen Ebene wird eine Gespenstergeschichte erzählt und auf der anderen die Geschichte eines erstaunlichen Wirklichkeitsverlustes. Dass diese beiden Ebenen so nah nebeneinander liegen und sich dennoch auszuschließen scheinen, ist das eigentlich gespenstische.
Die erste Geschichte ist, wie die meisten Geschichten, die nicht von der Handlung leben, schnell erzählt. Die Ereignisse sind lange vorüber, eine Gouvernante hat sie als junge Frau erlebt, als alte Frau hat sie es aufgeschrieben und das Manuskript einem Bekannten übergeben, der es seinerseits auf dem Totenbett an jemanden weitergibt. Jahre vorher wurden diese Aufzeichnungen einer illustren Gesellschaft vorgelesen, mit dem Zusatz, dass es das Gruseligste sei, was man sich denken könne. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive berichtet.
Die junge, namenlose Gouvernante nimmt ihre erste Stellung auf dem Land an, wo sie die beiden Kinder Flora und Miles beaufsichtigen und erziehen soll. Deren Eltern sind verstorben und der erziehungsberechtigte Onkel will mit den beiden nicht behelligt werden. In dem Landhaus leben noch einige Bedienstete, vor allem die Haushälterin Mrs Grose. Das Haus mit dem Garten und dem angrenzenden Park ist eine geradezu paradiesische Landschaft, in die allerdings das Grauen einbricht. Die Vorgängerin der Gouvernante, Miss Jessel, ist auf mysteriöse Weise verschwunden und dann verstorben. Verstorben ist auch der Diener Peter Quint. Bei beiden soll es sich, nach Aussage von Mrs Grose, um ruchlose Personen gehandelt haben und andeutungsweise wird hier auf ein Verhältnis der beiden hingewiesen. Die beiden Toten erscheinen der Gouvernante mehrfach, allerdings auch nur ihr. Sie steigert sich nach und nach immer weiter in diese Sache hinein. Sie ist davon überzeugt, dass Miss Jessel an Flora und Peter Quint an Miles heranwill. Diese Überzeugung verstärkt sich soweit, dass sie schließlich sogar meint, die Kinder seien mit den beiden Erscheinungen – also mit den Toten und natürlich mit dem Bösen – im Bunde. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung kommt zu einer Konfrontation zwischen der Gouvernante, Flora, Mrs Grose und Miss Jessel; mit dem allerdings irritierenden Umstand, dass keine Spur von Miss Jessel zu sehen ist. Die beiden erkennen in dieser Situation den Wahn der Gouvernante. Flora wird daraufhin krank und fährt mit der Haushälterin ab. Die Gouvernante bleibt mit dem Jungen vor Ort, wo es dann zu einer weiteren Konfrontation zwischen ihr, Peter Quint und Miles kommt. Am Ende liegt der Junge tot in ihren Armen: „Wir waren allein mit dem friedvollen Tag, und sein kleines Herz hatte, der Macht des Bösen entrissen, aufgehört zu schlagen.“ Damit endet die Novelle. Der Text findet also nicht, in die, wie immer man das verstehen will, Wirklichkeit zurück, zu jenem Abend, da die Gesellschaft am Kamin sitzt und das Manuskript vorgelesen bekommt. Eine Wirklichkeit, die verbürgen könnte, dass es sich bei der Erzählung um eine Geschichte gehandelt hat.
Die zweite Geschichte, die des Wirklichkeitsverlustes der Gouvernante, ist die interessantere. Die Gouvernante hat, das weiß sie, eine gewisse Neigung für Erscheinungen, sie spricht von ihrer „schrecklichen Anfälligkeit für Eindrücke dieser Art“, sie sagt von sich, dass „mich ein Verlust dieser Fähigkeit, die Erscheinungen zu sehen, weit mehr beunruhigen würde als ihr Erhalt“ und sie spricht von ihrer eigenen „fixen Idee“ und erkennt, dass sie unter einem „Zauberbann“ steht. Das wird nicht weiter spezifiziert und hindert sie vor allem auch nicht, diese Idee immer weiter in Szene zu setzen, wie ein Regisseur ein Theaterstück inszeniert. Sie ist sehr reflektiert und befragt nahezu ununterbrochen ihr Tun. Aus jeder dieser Selbstbefragungen resultiert dann eine weitere Drehung der Schraube. Sie lässt nicht locker, sie schraubt nie zurück, sondern zieht sie immer weiter an. Das könnte man eine Wahnstruktur nennen, da es dem Subjekt nicht mehr möglich ist, sich selbst in seinen wahnhaften Handlungen zu erkennen. Der Verstand hat keine distanzierende, sondern eine dienende Funktion.
Sie macht sich ihre eigene Sensibilität für solche Dinge zunutze, die Phantasie läuft ein Stücken voraus. Sie überlegt sich eines Abends wie es wohl wäre, jetzt einem Mann zu begegnen. Und natürlich – „ – von einem Entsetzen erfüllt, wie es noch kein Alptraum in mir je ausgelöst hatte -, war der Eindruck, meine Phantasien seinen unversehens Wirklichkeit geworden“ - trifft sie in diesem Moment auf ihn. Vor allem weiß sie sich der intellektuell und emotional deutlich ungelegeneren Haushälterin auf eine geradezu perfide Weise zu bedienen. Im scheinbaren Miteinander, im Gespräch und in der Beratung, in der Zuneigung der beiden Frauen macht sie Mrs Grose zu einem willenlosen Instrument, sodass die immer genau das tut, was die Gouvernante von ihr erwartet. Durch ihre Überlegungen und mittels ihrer Fähigkeiten, den neuen Entwicklungen genau jene Neigung zu geben, die es braucht, um die ganze Angelegenheit immer weiter zu steigern – vielmehr, um im Bild zu bleiben, zu kippen – vermag sie es mit traumwandlerischer Sicherheit Mrs Grose für ihre Zwecke einzuspannen. Als sie ihr Peter Quint beschreibt, den sie nie lebend gesehen hat, tut sie das im Grunde genau nach den Vorgaben von Mrs Grose: „Als ich daraufhin an ihrem Mienenspiel erkannte, dass sie, zu ihrer großen Bestürzung, aufgrund dieses Hinweises erste Umrisse eines Bildes ausgemacht hatte, fügte ich rasch Pinselstrich um Pinselstrich hinzu.“
Auffallend ist, dass die Gouvernante immer vollkommen sicher ist über die Bedeutung des eigenen Mienenspiels wie die des anderen. Sie weiß mit absoluter Sicherheit, was andere denken und fühlen. Sie ist niemals im Zweifel über deren Reaktionen und Empfindungen, sie „weiß“, „spürte sogleich“ etc.. Im Grunde genommen unterscheidet sie gar nicht zwischen den eigenen Gefühlen und denen der anderen. Jedes Wort wird Mrs Grose im Mund herumgedreht, bis es genau jene Bedeutung hat, die es von Anfang an für sie selbst hatte. Aus diesem Grund versteht sie auch nicht, dass sie andere manipuliert. In gewisser Weise manipuliert sie nicht einmal, weil ihr keine Absicht unterstellt werden kann, sie selbst ist vielmehr die erste, die ihren Illusionen erliegt. Immer wieder gelingt es ihr, die Haushälterin dazu zu bringen, eigene Gedanken und Vermutungen auszusprechen, denen sie dann nur noch zustimmen muss.
Die Gouvernante kommt auf den Gedanken, dass die Kinder sie hintergehen. Während Flora nichts anderes tut als sich altersgemäß zu verhalten, nämlich zu spielen, ist sie der festen Überzeugung, Miss Jessel sei im Raum und Flora wisse dies, „wolle mich aber glauben machen, sie sehe sie nicht, während sie gleichzeitig und ohne sich etwa anmerken zu lassen, zu ergründen trachtete, ob ich meinerseits die Frau sähe! Es war ein Jammer, dass ich mir die ominösen kleinen Manöver erneut vergegenwärtigen musste, mit denen sie meine Aufmerksamkeit abzulenken suchte – ihre merklich gesteigerte Geschäftigkeit, der größere Spieleifer, das Geträllere, das Daherplappern von Unsinn und die Aufforderung, mit ihr herumzutollen.“
Auch die außerordentliche Schönheit der Kinder ist von wichtiger Bedeutung. Ihrer Verzweiflung setzt die Gouvernante immer deutlicher die Kinderwelt entgegen: „Sie war erfüllt vom Märchenzauber des Kinderzimmers und der Poesie des Schulzimmers.“ Auffällig ist die permanente Anwesenheit der Erotik, die Kindern werden nahezu ununterbrochen geküsst und in den Arm genommen; eine Erotik die dadurch sogleich wieder verleugnet wird, indem die Kinder aus der menschlichen Sphäre herausgehoben werden, engelsgleiche Schönheiten, ja sogar gottgleich. Damit ist die Unschuld auch immer gleich wiederhergestellt. Die Gouvernante versteht die Zurückweisungen durch die Kinder nicht und als Miles ihr deutlich sagt, dass er in Ruhe gelassen werden will, reagiert sie mit verstärkter Zärtlichkeit. Sie erkennt zwar, dass sie ihre beiden Schützlinge wie Gefangene hält, aber sie erkennt nicht, dass sie damit genau jenem Bild entspricht, dass sie selbst von Miss Jessel und Mr Quint zeichnet, die über ihren eigenen Tod hinaus, an den Kindern festhalten. Ebendies tut sie auch, wenn sie am Ende den Jungen, über seinen Tod hinaus, in den Armen hält, ihn an sich drückt und sich selbst wohl an ihn klammert.
Es wird unablässig, nahezu auf jeder Seite, mit Gegensätzen gearbeitet – das schöne Antlitz des Jungen und das eigene hässliche Gesicht; das Grauenvolle und das Köstliche, das Sehen das Aufklärerische und das Unverständliche und Rätselhafte, der „Zauberbann“ den die Kinder auf sie ausüben, der „zauberhaften Sommer“ wird kontrastiert wird mit einem „Albtraum“, von „Entsetzen“ ist die Rede. Das Ganze wird wiederholt als „Grauen“ bezeichnet, aber es scheint sich gar nicht so anzufühlen, die Gouvernante nimmt das sogar sehr sportlich, von großer Furcht jedenfalls ist nicht viel zu spüren. Vielleicht besteht dieses Unheimliche gerade darin, dass es dieses Unheimliche gar nicht gibt. Von Entsetzen wäre nicht die Spur, wenn es nicht permanent als das bezeichnet würde. Das gespenstische ist weniger die Anwesenheit dieser beiden Toten, es geht keinerlei Bedrohung von ihnen aus und man merkt sehr schnell, dass es lediglich die Wahrnehmungen der Gouvernanten sind, Das gespenstische ist, inwieweit die Wahrnehmung der Wirklichkeit zurücktreten kann und die Umstände, die einzelnen Teile eines Puzzles, wahnhaft neu gelegt werden können. Die Nähe von ‚normaler‘ und ‚wahnhafter‘ Wahrnehmung ist erschreckend.
Zu den interessantesten Bedingungen gehört, dass die Sache aus der Perspektive der Gouvernante erzählt wird, also aus der befangenen Ichperspektive mit der Hellsicht der späteren Jahre, da die Ereignisse lange vorüber und, so steht zu vermuten, vielfach überdacht und beleuchtet worden sind. Aber auch aus dieser gereifteren Position der Erzählerin, die sich immer sehr genau erinnern kann, kommt es niemals dazu, das Erlebte in Frage zu stellen. Auch hier wird Reflexion nicht als eine Fähigkeit verstanden, sich selbst kritisch zu erkennen, sondern immer als eine Art Verstärkung der Emotionalität. Da ist niemals der geringste Zweifel am eigenen Tun und Denken.
Ich habe mich nicht gegruselt bei dieser Gespenstergeschichte, aber ich grusele mich bei der Vorstellung, so ganz und gar man selbst und nur man selbst zu sein wie es diese Frau ist, in deren Welt nichts und niemand eindringen kann.
Ich hatte einmal vermutet, dass William Faulkner vieles von dem, was er geschrieben hat, nicht bewusst, nicht in voller Absicht getan habe. Ich glaube einfach, dass er zu jenen Autoren gehört, deren Schriften auch davon leben, dass ihren Verfassern nicht jede Regung bewusst war. Henry James gehört meiner Auffassung nach zu der anderen Sorte Autoren. Der Text ist hochgradig durchgearbeitet und sehr artifiziell gehalten. Die Personen müssen ihm vollkommen klar vor Augen gestanden haben. Ich bin beeindruckt, aber ich glaube, dass ich selbst zu der andere Gruppe gehöre.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - James, Henry : Die Drehung der Schraube, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 9:22 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
17 Mai 2012
Sklave des Gelesenen
„‘Kritisiert sie die Bücher nicht, die du liest?“
‚Ich? Ich lese keine Bücher‘, erklärt Irnerio bündig.
‚Und was liest du dann?‘
‚Gar nichts. Ich habe mich so ans Nichtlesen gewöhnt, daß ich nicht mal lese, was mir zufällig unter die Augen kommt. Das ist nicht leicht: Im zarten Kindesalter bringen sei einem das Lesen bei, und dann bleibt man das ganze Leben lang Sklave all des geschriebenen Zeugs, das sie einem ständig vor die Augen buttern. Na ja, auch ich musste mich in der ersten Zeit schon ein bißchen anstrengen, bis ich nichtlesen konnte, aber inzwischen geht’s ganz von allein. Das Geheimnis ist, daß du nicht weggucken darfst, im Gegenteil, du mußt hinsehen auf die geschriebenen Wörter, du mußt so lange und intensiv hinsehen, bis sie verschwinden.’“
Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht – Se una notte d’inverno un viaggiatore, Hanser Verlag 1985, Seite 59.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema mittel, Worte, nichts als Worte | Eintrag von Aléa Torik | um 8:45 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











