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  • Aléa Torik: Liebe Iris, ich komme gerade nur unter einiger Gymnastik ins Netz. Ich antworte am Wochenende. – Und das in einer Zeit, wo jede Mail beantwortet werden muss, bevor sie vollständig geschrieben und abgeschickt und gelesen ist: Die Antwort muss schon vor der Mail da sein. Im Grunde...
  • irisnebel: Die Jahre sind zwischen die Buchdeckel geraten und führen da ein Eigenleben mit jenen, die sie öffnen… nichts kann verschwinden. :) … und ich weiß nicht, ob du außer Selbstdisziplin und Arbeit nicht auch anderes hinzugefügt und gewonnen hast. :)
  • Aléa Torik: Liebe Iris, vielen Dank. Da steckt allerdings ein hohes Maß an Selbstdisziplinierung dahinter und ein paar Jahre Arbeit. Und diese Jahre sind jetzt weg. Aléa Torik
  • irisnebel: wunderbar :) auch von mir: gratulation!
  • Aléa Torik: Lieber NO, ich freue mich auch über den Artikel. Nicht nur, weil ich damit auch anderswo, in einem Lexikon, greifbar bin, weil es Anerkennung ist, weil ich, wenn die Literaturwissenschaft das aufgreift, nicht mehr nur die Tante bin, die sich diese abstruse Konstruktion ausgedacht hat;...
  • NO: Ich gratuliere! Und zwar herzlich! Und freue mich für Sie (und für mich auch ein bisschen …) Wie findet’s denn der Verleger? Beste Grüße NO
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, das ist wahr, die Dicke der Bücher liegt vor allem an ihrer Länge. Wenn die Länge kürzer wär, wär die Dicke dünner. AT
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ja, die Längen müssen schon sein, der Dicke wegen. Als weniger “veraltet” habe ich übrigens Robert Musils ‘Mann ohne Eigenschaften’ empfunden, kürzlich beim zweiten Lesen nach 25 Jahren. Auch da ist es ja mit der Handlung nicht weit her,...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, es gehört zum Anforderungsprofiel eines tausendseitigen Buches, dass es Längen hat. Man hatte damals aber auch mehr Zeit: der Leser hat sich an einer zweiseiteigen Beschreibung von Vorhängen erfreut. Heute denkt man nach zwei Zeilen: wann geht’s denn endlich weiter?...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Menschen werden also sozusagen in den Laden gelockt, auf die Liste, wo sie dann, wo sie schon mal da sind, sich auch was aussuchen?! Ja, ich denke, so läuft das, der Leser will einfach nicht zurück ins völlig Unübersichtliche und nimmt dann irgendwas, was...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, dass die meisten Menschen keine Bücher finden können und sie deswegen in Listen nach ihnen suchen müssen, ist der Grund warum diese Listen existieren. Nicht, weil da gute oder schlechte Literatur versammelt ist. Es ist eher Hilflosigkeit, sich an eine Liste zu wenden....
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, auch ich lese ja zeitgenössische Literatur, oft von Menschen, die ich persönlich kenne. Wichtig ist mir aber immer, egal ob das Werk von Homer oder Pynchon ist, daß es aktuell ist, mich also (thematisch) im Hier und Jetzt anspricht als Gegenwartsmensch! Listen...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, warum nicht noch einmal Proust lesen? Weil wir die Zeit nicht haben. Wir hatten sie, als wir jünger waren. Weil wir für alles Zeit hatten. Ich lag tzu Beginn meines Studiums sechs Wochen, lange Wochen, in Berlin im Krankenhaus und sechs weitere, noch viel längere, in...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, das Auf-finden der Bücher, schöne Anekdote. So finde ich meine Bücher nicht, ich begegne ihnen auch meist auf ungewöhnliche Weise Es stimmt – zum Glück – nicht, dass ich keine zeitgenössische Literatur lese. Ich lese mich nur nicht an solchen Listen...
  • bersarin: Als ich den Anfang dieses Blog-Textes las, dachte ich: Wow, dies sind ja mal richtig coole, rasante und treffende Beobachtungen. Bis ich dann merkte, daß die ja von mir sind. Ich hatte diese gelungenen Sätze schon wieder vergessen. Ich will es gar nicht so sehr kulturpessimistisch...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, auch ich finde meine Bücher anders, sogar manchmal im wahrsten Sinne des Wortes, zuletzt wieder mal in einem Hauseingang, wo öfter mal eine Kiste mit Büchern steht. Ich nahm mir ‘Die Habenichtse’ von Katharina Hacker mit, hätte ich mir nie gekauft,...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, auch das ist pointiert formuliert von Herrn Hinrich. Ja, die rote Liste, gut zum zitieren, zum vorgaukeln von Bildungsbürgertum. Aber schlecht zu lesen. Die meisten Bücher, die da drauf stehen, sind sowieso viel zu dick. Das ist ein Schicksal, das sie mit der Liste...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ein gewisser Manfred Hinrich sagte mal, “Leser, die nicht lesen können, sind ein Trost für Autoren, die nicht schreiben können.” Insofern funktioniert der Buchhandel nach einem einfachen Prinzip. Den von Arno Schmidt geforderten geübten Leser findet...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, ich bin, was die aktuelle Ausformung eines Individuums angeht, in gewisser Weise durchaus deiner Ansicht – doch wenn ich glaubte, mein aktuelles Ich sei die mir höchstmögliche Entwicklungsstufe, so würde ich mich ja vor mir selbst und der Welt lächerlich machen,...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, du gehst offenbar davon aus, dass dein aktuelles Ich die höchstmögliche Entwicklung deiner potentiellen Anlagen ist. Ich bin da etwas andere Meinung, nicht was dich persönlich betrifft, sondern generell. Ich halte die aktuelle Ausformung eines Individuums für eine...

  • 06 April 2012

    „Liebe machen und Schreiben“

    „Die sechzigjährige und der junge Mann“ von Nora Iuga

    Nora Iuga wird in der rumänischen Literatur zur den Oneiristen gezählt. Ihr bekanntester Vertreter ist Dumitru Ţepeneag, die Gruppe geht aber, soweit ich weiß, auf Miron Radu Paraschivescu zurück. Die in dieser Tradition stehenden Autoren berufen sich auf eine nicht eindeutige Trennung von realer und imaginärer Welt. Eine Welt, in der Traum und Delirium ähnliche Wahrheitskriterien mitbringen können wie die Wirklichkeit. Der Oneirismus - oneiros : Traum – war, ist sogar noch immer, das Beispiel für den Widerstand gegen die Kollaboration mit dem Regime, dessen Vorstellungen von Literatur das dumpfe Lob des Vorhandenen war. Solche Vorstellungen – nämlich zu Zuflucht zu einer Welt, die vollständig inexistent ist – die in Direktiven formuliert wurden, werden hier außer Kraft gesetzt: Revoluţia onirică părea un maximum al eliberărilor – Die oneirische Revolution schien ein Maximum an Befreiung zu sein (1). Nora Iuga sagte einmal, der Oneirismus sei das, was im Wasserhahn noch vom Surrealismus übrig war. Man zählt die inzwischen etwa achtzigjährige Autorin außerdem zu den Anhängern der Quasi-Literatur, was man am besten mit lyrischer Prosa übersetzt und wozu ich noch einen gesonderten Eintrag machen werde.

    Sexagenara și tânărul – Der Text hat zwei Ebenen. Eine erste, die erotische, in leicht anrüchiger Variante: eine ältere Frau, die  einen deutlich jüngeren Mann begehrt. Erotik und Sexualität waren in Rumänien während der Diktatur Tabuthemen. Nachdem die Diktatur gefallen war, fielen dann auch die Hüllen und in den Jahren danach probierten und experimentierten nicht wenige, vor allem der jüngeren Generation einen eher vulgären Stil. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings in jenem Teil Europas, den ich als offenen bezeichnen möchte, Sex & Drugs schon wieder passé. Jedenfalls als literarische Themen. Die weibliche Hauptfigur hat Besuch von einem jungen Mann. Die scheinbare Unterhaltung ist ein Monolog, ein Selbstgespräch, das immer wieder den appellierenden Tonfall annimmt. Er sagt kein Wort, ist ungreifbar und hinter seinen grünen Augen undurchdringlich, unverstehbar, unerreichbar. Dass das nicht die reine Wirklichkeit ist, wird recht bald deutlich, wiederholt ist die Rede davon, dass er lediglich ihrer Phantasie entspringt. Er ist eine fiktive Figur. Am Ende des Textes ist von der „Perversion des Fiktiven“ die Rede: Perversion als eine Verschiebung des Genießens, wo der Genuss echt, seine Voraussetzungen hingegen falsch sind. Ein Zustand also, in dem man nicht mehr zwischen echt und unecht, wahr und falsch unterscheiden kann. Wir haben es mit einer Struktur zu tun, die man als eine oneirische bezeichnen darf.

    Das ist die erste, eigentlich banale Ebene. Das Begehren, die Lust auf einen anderen Menschen. Diese Banalität wird deutlich thematisiert. Die ältere Frau pflegt ihre alte Mutter, sie füttert die Katze, geht einkaufen, schwitzt unter den Armen und wenn sie aufs Klo geht, pinkelt sie so leise wie möglich, weil sie sich für das Geräusch vor dem schönen Mann schämt. Die Protagonistin ist unübersehbar das alter ego der Autorin: „die grand dame der rumänischen Lyrik“. Aber auch das Leben einer berühmten Lyrikerin ist in vielen Dingen alltäglich und gewöhnlich. Man ist nicht ununterbrochen berühmt, sondern nur, wenn mindestens einer zuschaut. Es ist, so bedauerlich das sein mag, nicht die eigene Arbeit oder die eigene Leistung, die einen berühmt macht, sondern es sind die anderen, die diese Arbeit loben. Streng genommen ist es die Arbeit oder das Werk, das berühmt wird, nicht die Urheberin. Auf dieser persönlichen Ebene ist das ein sehr mutiges und offenes Buch. Diese Offenheit auf der ersten Ebene ist zentral, wenn es um die zweite geht.

    Diese zweite Ebene ist das Schreiben, vielmehr die Verbindung zwischen Leben und Schreiben, das hier zur Literatur wird. Die Protagonistin erzählt dem jungen Mann ihr ganzes Leben. Sie hat deutsche Literatur studiert, war Lehrerin für Deutsch, hat Romane und Lyrik geschrieben, bei Zeitungen gearbeitet. Auch hier ist der Text sehr autobiografisch gehalten: es ist das eigene Leben, mit dem Nora Iuga hier einsteht! Sie hat Germanistik studiert und arbeitete bei den deutschsprachigen Zeitung „Neuer Weg“ und „Volk und Kultur“, sie arbeitet als Übersetzerin und hat Günther Grass Blechtrommel übersetzt, Paul Celan, Herta Müller, Elfriede Jelinek, Oskar Pastior und viele andere. Die Protagonistin kennt sie alle, der halbe rumänische Literaturbetrieb wird erwähnt, die meisten deutlich mit Namen angesprochen, andere, sagen wir die Konkurrentinnen, etwas versteckter: Ana Blandiana, Gabriela Adameșteanu und Herta Müller; die Rumänen ebenso wie die Deutschen. Diese zweite Ebene ist eine Geschichte der rumänischen Literatur in den Jahren vor dem Ende der Diktatur. Und für mich ist das die interessantere und spannende Ebene.

    Das wird gestaltet anhand der beiden Freundinnen Terry und Anna. Anna ist die Protagonistin. Sie ist es, die erzählt. Zumindest ist sie es manchmal. Sie ist es und sie ist es nicht. Die Erzählerin erzählt mal aus der Perspektive Annas, sie sagt „Ich“ und dann spricht sie wieder in der dritten Person von sich. Diese Perspektive wechselt häufig, sie kann sogar innerhalb eines Satzes wechseln, so dass das sprechende Subjekt mal sich selbst, dann aber wieder eine der beiden Freundinnen meint. Mal ist sie die Erzählerin, mal die erzählte Figur. Auch das hat eine Struktur, die man ohne Weiteres dem Oneirismus zurechnen kann.

    Terry und Anna, die einander ähnlich sind, von Anfang an Freundinnen, die die Liebe zur Literatur teilen, die zu den Männern und bisweilen auch die Männer selbst; die ähnliche Lebenswege haben und die sich doch in den Jahren voneinander entfernen. Sie arbeiten bei denselben Literaturzeitschriften, aber langsam bekommt die Freundschaft einen Riss. Terry will Karriere machen und fängt an, sich an das System anzupassen, sie schläft und arbeitet sich nach oben. Terry schreibt Prosa, Anna Lyrik. Terry hat Erfolg, auch im Ausland und während der Stern der einen aufsteigt, geht der der anderen unter: Anna wird mit Publikationsverbot belegt, sie hat Schwierigkeiten in den Redaktionen und wird mehrfach entlassen. Terrys Weg führt nach oben, sie tut immer das Richtige, sie passt sich an, wenn es nötig ist- Sie leistet Widerstand, wenn sie es sich erlauben kann und der Schaden sich als berechenbar erweist: wenn der Verlust sich so dosieren lässt, dass er später wieder in einen Gewinn verwandelt werden kann. Manche Menschen, nicht nur die, die in Diktaturen leben, sind in solchen Berechnungen außerordentlich gewandt. Andere wie Anna können das nicht und wollen sich um keinen Preis vereinnahmen lassen: ni gaie, ni triste. Wie Nora Iuga, die nach der Veröffentlichung ihres zweiten Gedichtbands - Captivitatea cercului – Gefangen im Kreis – sieben Jahre nichts publizieren durfte. Terry passt sich in ihrer Literatur an, in ihrem Kleidungsgeschmack und in ihrem Verhalten. Das ist ein Verhalten, das Anna nach eigener Aussage gar nicht zur Verfügung stünde. Ein Unterschied auch, der den zwischen Prosa und Lyrik markiert: „Prosa kann man auch mit Intelligenz schreiben, die Lyrik braucht den Instinkt.“ Intelligenz kann sich anpassen, Instinkt offenbar nicht.

    Während die männliche Figur beinahe von Anfang an als ein Phantasieprodukt Annas bezeichnet wird, ist das Verhältnis der beiden Frauen komplexer, vielleicht schwerer zu enthüllen, sodass erst am Ende deutlich wird, was die beiden Frauen miteinander verbindet: „Woher stammt dieser wortlose Konflikt zwischen mir und Terry. Ich denke oft, dass sie geworden ist, was aus mir hätte werden sollen, und umgekehrt. Vielleicht gibt es uns eigentlich nur als zwei Hälften eines gemeinsamen Ganzen. Vielleicht rede ich eigentlich von mir, wenn ich von ihr rede, ich verpasse ihr mein verdorbenes Gesicht, um die ganze Wahrheit über mich sagen zu können, ohne mich bloßzustellen. Ich will, dass man das weiß, und gleichzeitig, dass es unerkannt bleibt. Immer gut hinter jemand anderem versteckt, schreie ich aus vollem Hals, denn mit diesen boshaften Verdrehungen beehre ich nicht nur sie, ich vergreife mich an allen, die ich kenne, oder ich erfinde sie, wenn ich von mir erzähle.“

    Es geht hier darum, wie man sich in einem repressiven System verhält in dem schätzungsweise 200.000 Menschen durch den Geheimdienst umgebracht wurden. Es geht vor allem um die beiden letzten Jahrzehnte vor der Wende – man teilt das in Rumänien in Jahrzehnte ein – es geht um die achtziger und die neunziger Generation. Es hatte eine Zeit der Entspannung gegeben, bis Nicolae Ceaușescu 1971 in China und Nordkorea war, danach ging es für den einen – den Conducător  – aufwärts und für alle anderen abwärts. In diesen beiden schlechtesten Jahrzehnten für die Bevölkerung dreht sich, vor allem bei den Schriftstellern, alles um das Verhalten zum Staat. Die beiden großen Alternativen – innere und äußere Emigration – stehen nicht allen in allen erdenklichen Varianten zur Verfügung (siehe auch hier). Es geht um die Möglichkeiten literarischen Widerstands – rezistenţa literară -, um Emigration – emigraţie, emigraţiune –, Flucht – refugiu – Vertreibung – alungarea, abandonarea, expulzarea – und Verbannung – exilare, surghiunire, expulzare -.

    Nora Iuga beschreibt nicht nur die rumänischen, sondern auch die deutschen Dichter, Rolf Bossert beispielsweise, den sie als den genialsten empfindet, der von der Securitate bestialisch zusammengeschlagen wurde, der in die Bundesrepublik Deutschland ausgereist ist und zwei Monate später tot auf dem Pflaster unter seinem Fenster liegt, unter bis heute wohl nicht gänzlich geklärten Umständen. Sie erzählt von Hodjak und Söllner, manche erwähnt sie hier nicht, obwohl oder weil das ihre späteren Übersetzer sind. Man kennt sich, die Rumänen und die Deutschen. Die Deutschen – vor allem die Mitglieder der Aktionsgruppe Banat – sind irgendwann alle in Deutschland (auch dies müsste ein eigener Eintrag werden) und oft als Übersetzer rumänischer Literatur tätig, was den Rumänen zugutekommt. So ist Nora Iuga heute in Deutschland beinahe angesehener als in Rumänien, wo sie, wie sie in einem Gespräch mit Anke Pfeiffer erzählt – in Sinn und Form, 2007, Nummer fünf – nicht einmal mehr zu dem Personenkreis zählt, der vom Schriftstellerverband für Übersetzungen vorgeschlagen wird.

    Auf die Frage, was sie am liebsten tue, antwortet Terry einmal: “Liebe machen und Schreiben”. Auf der ersten, der erotischen Ebene ist das ein mutiger, auf der zweiten Ebene, der des Schreibens, ist es ein wichtiger Text. Auf der dritten Ebene hingegen, der Verbindung dieser beiden anderen, gefällt er mir nicht so gut. Für mein Empfinden herrscht zu lange eine gleichbleibende Nähe und Intensität der beiden Ebenen vor und beide nehmen sich gegenseitig die Möglichkeit zur Entwicklung. Aus der Liebesgeschichte hätte mehr als eine Masturbationsphantasie werden müssen oder aus der Literaturgeschichte mehr, als dass die beiden Frauengestalten womöglich ein- und dieselbe sind. Es hätte ein Übergewicht der einen über die andere Ebene geben sollen – das Lieben über das Schreiben oder umgekehrt – statt beide schließlich untergehen zu lassen. Das ist jedenfalls mein Gefühl bei der Sache.

    Über das Literarische hinaus hat das Buch natürlich etwas, was mich sehr berührt. Wenn man einen Ort kennt, dann verwandelt er sich. Er hört auf totes Gebäude, tote Universität, tote Straßen und toter Stein zu sein. Weil man ihn mit eigenen Erlebnissen und Erinnerungen belebt. Ich kenne die Orte und die Straßen in Sibiu und in Bukarest. Ich bin tausend Mal am Izvor und Grozăveşti ausgestiegen, wenn ich vom Gara de Nord kam, und hundert Mal bei Titan. Ich kenne die Calea Victoriei, die Stirbei Voda und das Cotroceni-Viertel, die Humanitas Buchhandlung. Ich kenne die Orte und ich kenne die Mentalität der Rumänen, sich, wenn es irgend geht, durchzuwurschteln. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum es zur Zeit der Diktatur so wenig Zivilcourage gegeben hat und nahezu keine Dissidentenbewegung. Das wurde und wird sehr kontrovers diskutiert zwischen denen, die gegangen sind, die gegangen worden sind, und denen, die nicht haben gehen können, die nicht gehen wollten.  Ich kenne all die Orte  in diesem Roman, in diesem oneirischen inneren Monolog,  diesem Gewebe, und ich weiß, was man fühlt, wenn man einen Mann Dimi nennt. Auch wenn er anders heißen könnte, ist man froh, dass er genau so heißt, weil sich doch nichts auf der Welt so formulieren lässt wie diese vier Buchstaben.

    Hier können Sie noch andere Stimmen hören, vielmehr sehen. Kann man, werden Sie fragen,  Stimmen sehen?  Das muss jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls kann das.

    (1) Ungureanu Cornel, La Vest de Eden. O introducere în literatura exilului. Timişoara: Editura „Amarcord“, 1995, S. 256.