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  • 11 März 2012

    „Natürlich heißt niemand Aléa Torik“ I

    Ich bin überaus glücklich mit dem Artikel von Nicole Henneberg, dem diese Formulierung, die Überschrift, entnommen ist! Nicht allein, weil mein Buch da gut wegkommt, sondern weil sie ausnahmslos alle mir wichtigen Umstände benennt.

    Im Zentrum meines Romans steht ein Blinder: einer, der sich seiner Sache, seiner sinnlichen Wahrnehmungen, nicht sicher sein kann. Das ist eine zutiefst verstörende Erfahrung. Dann ist Krisztina angesprochen, die beinahe zentrale Figur, die wiederholt erwähnt, aber nie richtig thematisiert wird; die sich bis zuletzt entzieht und den Leser zwingt, sich seine eigenen Phantasien zu machen. Dadurch versetze ich den in die Situation eines Blinden. Das ist es, was das Buch können muss, seine innerste Absicht: einem Sehenden die Erfahrung des Blindseins zu vermitteln. Dann haben wir die schöne Formulierung über Maddox: „Je tiefer ihn etwas berührt, desto vorsichtiger wird er“. Außerdem werden die beiden mir liebsten Kapitel genannt: das über Berlin, über den Überfluss und die Liebe – Der Salon Sucre – und das der Hellseherin Lydija, das, weil hier die Gegensätze zwischen Vergangenheit und Zukunft aufgehoben werden, am schwierigsten zu schreiben war. Frau Henneberg benennt, wie das erste und das letzte Kapitel zusammenhängen und spricht dabei jene Stelle an, von der ich befürchte, dass die meisten Leser sie übersehen: wenn am Ende des Vortrags des blinden Marijan angedeutet wird, dass alles andere, alle Figuren dieses Romans möglicherweise gar nicht wirklich existieren, sondern nur als Einbildung der Zuhörer während des Vortrags . Was man sich eben so einbildet, um nicht selbst zu erblinden, heißt es da irgendwo sinngemäß. Dann ist da gleich zu Anfang die sensationell intelligente Thematisierung meines Identitätsthemas: der Hinweis auf meine Dissertation, wo ich mit den Begriffen Identität, Authentizität und Illusion den Kern von Fiktionalität zu beschreiben und zu begreifen versuche.  Und schließlich am Ende des Artikels die Frage: Stand Mircea Cărtărescu Pate? Sie können sich vielleicht erinnern, dass ich voller Bewunderung für den Mann bin.

    Ich kannte das Gefühl nicht, wenn ein anderer über einen schreibt. Jemand, der wirklich wissen will, was in dem Buch steht. Genau das ist der Umstand, der auch mich interessiert und den ich nur durch einen anderen erkennen kann. Man hat beim Schreiben Absichten und dann ändern die sich, mit oder gegen den eigenen Willen, dann verliert man sie aus den Augen und bekommt anderes in den Blick, das geht so hin und her und jahrelang. Am Ende ist es fertig und man weiß kaum noch, was man da eigentlich fabriziert hat. Das kann nur ein anderer wissen. Ein wohlwollendenden anderer, der nicht das hineinliest, was er gerne sehen will, sondern das heraus, was die Autorin sehen wollte. Der Text ist dann, im Idealfall, eine Art Leinwand, auf die beide, Leser_in und Autor_in gleichermaßen projizieren. Und projizieren müssen sie, denn die Leinwand ist im Grunde, bis auf die dürren Worte, einigermaßen leer.

    Das ist doch eine schöne Kuh auf dem Bild in dem Artikel, oder? Ausgeprägter Rücken und wahrscheinlich ein schönes Gesicht. Nicht so schön und stolz wie die Galloways, aber auch schön. Wäre allerdings dieses Bild verwendet worden, hätte wohl jeder gedacht: Mensch, die Torik hat aber schöne Locken!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 11. März 2012 um 20:13

    Aléa Toriks Geräusche-Roman

    „Marijan saß auf einem Stuhl einen halben Meter unter der Meeresoberfläche.“

    So geht die Sache ja los. Und daran ändert auch die ganze Geräuschkulisse des Internets nichts.

    Zweite Lektüre von „das geräusch des werdens“. Ich frage mich:

    Ist das ein erster Satz für die Rubrik von Phyllis Kiehl? Vielleicht nicht. Oder doch? Der Satz hat jedenfalls etwas. Skurril, ein unaufhebbarer innerer Widerspruch, wie er sich schon in dem Buchtitel andeutet und in der Kapitelüberschrift „Berlin am Meer“ fortsetzt und in das anklingende Thema der Fotografien eines Blinden hineinführt.

    Die Sache geht gut los.

    Man kann über vieles streiten. Zum Beispiel darüber, ob die Sexszene am Anfang so prickelnd ist. Ich zum Beispiel kann mich an einen Beitrag im BLOG von Aléa Torik erinnern, in dem von ihr beschrieben wird, wie ein zugekiffter Konzertbesucher ihr ganz langsam und mit ausdauerndem Genuss an die Brust greift – und sie ganz langsam und mit Genuss ausholt und ihm eine ins Gesicht scheuert, um dann zu räsonieren, er können ihr gerne noch einmal an die Brust greifen und dann würde sie ihm gerne noch einmal mit voller Wucht eine runter hauen. Ich zum Beispiel fand, besagter BLOG-Beitrag hatte mehr erotischen Esprit.

    Warum habe ich im BLOG Aléa Torik gelesen? Intellektueller Reiz und streckenweise Poesie. Wie gesagt, man kann über alles streiten. Aber mir war der BLOG Witz und Geist, Frechheit und Gescheitheit, die quicke Intelligenz mit der dort ausgeteilt wurde, die sich fast aufhebenden gegensätzliche Formulierungen, die Poetik vieler Geschichten von den „Kleinen Onkels“ aus den Dörfern oder von den „Frauenfrühstücken in den Städten“, etwas, was ich, der Laie, LITERATUR nennen würde, das hat mir gefallen (wer auch immer es geschrieben hatte) – das findet sich auch in diesem Buch.

    Und nicht nur dort weiter hinten in dem Kapitel, wo der Anfangssatz variiert wieder auftaucht. Der Junge sitzt ja tatsächlich. Unterhalb. Kriegt keine Luft. Schwitzt Wasser. Und überhaupt Wasser. Assoziationen. Wie spielt Aléa Torik mit Assoziationen! Denn da tauchen plötzlich Taucherflossen auf! Schwimmflossen! Der Junge kann nicht schwimmen. Das scheint eine Bedeutung zu haben, bleibt aber am Cliff hängen.

    Und dann ist alle Angst verflogen und alles so wie zuvor:

    „Als ginge man sonst im Leben immer um etwas herum, das mit einem Mal genau in der Mitte lag.“

    Was ist denn das für ein Satz? Eine Umschreibung, wo die Liebe liegt?

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 12. März 2012 um 22:38

    Lieber NO,

    stimmt, Ihre zweite Lektüre. Nach all den Veränderungen.

    Das Widersprüchliche ist überall: ein blinder Fotograf; einer, der einen Meter unter dem Meer sitzt; Berlin liegt nicht, wie der Titel des ersten Kapitels behauptet, am Meer; und in Mărginime – also übersetzt etwa: Marginalien – gibt es, auch hier anders als der Titel behauptet, kein Zentrum.

    „Ich zum Beispiel kann mich an einen Beitrag im BLOG von Aléa Torik erinnern, in dem von ihr beschrieben wird, wie ein zugekiffter Konzertbesucher ihr ganz langsam und mit ausdauerndem Genuss an die Brust greift – und sie ganz langsam und mit Genuss ausholt und ihm eine ins Gesicht scheuert, um dann zu räsonieren, er können ihr gerne noch einmal an die Brust greifen und dann würde sie ihm gerne noch einmal mit voller Wucht eine runter hauen. Ich zum Beispiel fand, besagter BLOG-Beitrag hatte mehr erotischen Esprit.“ – Ich erinnere mich auch an die Szene. Nur an den ausdauernden Genuss erinnere ich mich nicht. Der muss beim Lesen dazu gekommen sein. Sie fanden das hatte mehr Sexappeal? Nun: Blinde schlägt man nicht! Vielleicht ist das nicht sehr erotisch, ich wollte das aber auch nicht. Das ist irgendwo auf Seite drei oder vier. Ich wollte nicht sofort mit Sex anfangen. Das ist zwar beliebt, dann versteht jeder, worum es geht, aber ich wollte es, bar jeder Obszönität im Roman verteilen und ausbreiten.

    Wasser ist ein interessantes Element. Marijan kann nicht schwimmen, ganz am Ende des Romans, eine Stunde nach seinem Anfang, wird das wichtig. Dem Blinden entsteht eine Welt wenn es regnet und sie, diese Welt, im Regen eine Kontur bekommt. Das vielleicht zentrale Kapitel – Der Salon Sucre – beginnt mit den Worten: „Irgendwo zwischen den Alpen und der Ostsee, zwischen Fläming und Uckermark, Ruppiner Land und Märkischer Schweiz, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Aleutentief und Azorenhoch liegt Berlin geradewegs im meteorologischen Nirgendwo. Regen, nichts als Regen. Regen, Regen, Regen.“ Und dann regnet es auch im gesamten Kapitel, es regnet vorne herein und hintern heraus, und am Ende, beim Tod der Mutter, regnet es auch, die Mutter löst sich auf, gelangt ins Grundwasser in die Ostsee und kommt als Regen wieder zurück. Und von Elena heißt es am Tag ihrer Hochzeit: “Sie wusste nicht, ob sie glücklich war. Sie wäre vielleicht glücklicher gewesen, wenn es nicht geregnet hätte”. Habe ich irgendwo mal erzählt, dass ich Regen mag, Spaziergänge im Regen?

    „Als ginge man sonst im Leben immer um etwas herum, das mit einem Mal genau in der Mitte lag.“ Was ist denn das für ein Satz, fragen Sie. Das ist eine gute Frage! Wirkt ein wenig fremd. Alternative: Als wäre man immer unterhalb von etwas, was plötzlich über einem liegt. Haha! In dem Satz geht es um Liebe, ja. Vielleicht klingt er deswegen so irritierend.

    Es freut mich ungemein, dass Sie das Blog als Literatur begriffen haben. So war‘s gemeint. Poetisch, literarisch, kokett. Deshalb der Name. Vielleicht ist mir das aus dem Ruder gelaufen. Seit der Roman draußen ist, interessieren sich alle für meinen Namen.

    Ich habe es heute schon mehrfach gesagt. In sechs Wochen ist hier Schluss. Aber die Seite, auf der ich über das Buch reden kann, die bleibt offen. Nur ist das ein begrenztes Material, das man, hat man‘s einmal gelesen, ja auch nicht mehr wiederkäuen muss. Und, wie gesagt, die meisten Leser wollen Bücher lesen und nicht mit der Autorin diskutieren. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

    Herzlichen Dank für Ihren Kommentar.

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 15. März 2012 um 10:13

    Aléa Torik

    Das Geräusch des Werdens („dgdw“) ist: Regen. Nein, eigentlich: Regentropfenlaute. Nein, eigentlich: Klang. Also Musik. Wie Töne sich nach und nach zu einer Symphonie summieren, so entsteht für den Blinden ein sinnlich erfahrbarer Raum durch den Widerhall einer Serie von Klangtönen, die auf Widerstände im Raum treffen, auf Menschen in Zimmern, auf Gegenstände im Hinterhof. Für uns fallen die Tropfen lediglich von oben nach unten. Für Marijan nicht:

    „Der Regen fällt auf die Metallrohre eines Klettergerüsts, das hinter dem Haus steht, es klingt, als würde ein Instrument gespielt.“

    Mir kommt in den Sinn jemand, die liegt auf meiner umgedrehten Weinkiste am Bett und erinnert die Tropfen in Harlem:

    „Von allen Wolken lösen sich die Dauben,
    der Regen wird durch jeden Schacht gesiebt,
    der Regen springt von allen Feuerleitern
    und klimpert auf dem Kasten voll Musik.“ (IB)

    Anders, ganz anders, formuliert Aléa Torik von tropfen und triefen und tröpfeln und wie der Regen gegen die Fenster fällt. Dichterworte.

    Alban Nikolai Herbst hatte einmal in seinem BLOG – ich weiß nicht mehr wo – höchst eindrucksvoll davon erzählt, dass er den Verlust des Augenlichts, so schlimm er auch sei, sich weniger schrecklich denke als den Verlust des Gehörreichtums. Den Beschrieb solche Ängste gibt es hier auch zu besichtigen. Das Regenkapitel erzählt von einer Art Verlust. Nicht unwitzig; aber auch nicht unerschreckend:

    „Ich würde hier erst wieder weg gehen, wenn ich sehen konnte. Wenn ich jetzt ohne mein Augenlicht wegginge, hätte ich später die größten Schwierigkeiten, es zurückzubekommen.“

    Der Junge will nicht fort aus dem Krankenhaus, wo alles geschah. Mit ihm geschah. Blindheit einschlug wie ein Schicksal. Warum blind aus heiterem Himmel? Vielleicht ein cliffhanger und Erklärungen kommen später. Aber es ist auch eine Metapher. Kürzlich, nach einem Termin in einer Kleinstadt südlich Hamburg klingelte ich am späten Nachmittag nach über 17 Jahren wieder an der Tür eines alten Freundes; ich erkannte ihn sofort – und er wog noch 45 Kilo. Ich habe alle weiteren Besprechungen abgesagt, mich hingesetzt und mit ihm Rotwein getrunken und gescherzt und gelacht über die alten Zeiten in den Sommern an der Ostsee. Er lebt von Tag zu Tag. Und wenn er kann, geht er mit seinen Kindern zum Handball. „Leben leben“ würde ich das nennen wollen

    Das Schicksal anzunehmen, das Leben zu leben, sein Leben zu ergreifen, auch davon erzählt Aléa Torik in diesem Buch.

    Eines der eindrucksvollsten ist das Leben des Großvaters. Nicht minder poetisch als der Regen. „Er fertigte Schuhe für den Lebensweg an, für die Strecke zwischen Geburt und Tod, die ein jeder in seiner Weise beschritt.“ Der alte Schuster; die Geschwindigkeit; die Gleise und Züge; des Schusters Sohn, der nur halb geht und wieder kommt und dabei etwas von seinem Leben verliert; ein anderer, der aufbricht ins Paradies oder ins Paris, der das wagt; die Stadt und das Dorf und die ewige Frage: Gehen oder Bleiben?

    Liebe AT, das ganze Sprachgewirr der einzelnen Kapitel, beim ersten Lesen habe ich mich wie der Blinde gefühlt, weil man die vielen, vielen Stimmen aus dem Off nicht zuordnen konnte, weil keine Namen gegeben wurden, man musste sich die Beziehungen basteln und erschließen, wer spricht, das hatte fast Johnson‘sche Züge der Mutmaßungen. Das Wiederlesen macht das einfacher?

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 15. März 2012 um 22:22

    Lieber NO,

    Sie mögen die Gedichte von Frau Bachmann, das hatte ich schon feststellen können.

    Was ich am Regen mag, ist auch die Nähe von Tristesse und …naja, das Gegenteil: mir fällt gerade kein Wort ein. Das saftige und grüne des Lebens eben.

    „Alban Nikolai Herbst hatte einmal in seinem BLOG – ich weiß nicht mehr wo – höchst eindrucksvoll davon erzählt, dass er den Verlust des Augenlichts, so schlimm er auch sei, sich weniger schrecklich denke als den Verlust des Gehörreichtums“ – Ich bin nicht sicher, ob das an seinem Vorstellungsvermögen liegt: das ist ja ein die Musik liebender Mensch, die Noten und vielleicht die Notenformen und -figuren: bei Noten muss man sich eben mehr vorstellen als bei Gesehenem. Oder sagen wir: das Assoziationsvermögen wird mehr gefordert. Denke ich. Also ich bin nicht sicher, inwieweit er oder man sich Blindheit oder Taubheit vorstellen kann. Deswegen hat‘s so lange mit dem Schreiben an diesem Roman gedauert: ich war nicht sicher. Es hat so lange gedauert, bis ich verstanden hatte, dass ich das beschreiben und darstellen muss: die Unsicherheit.

    Blindheit aus heiterem Himmel. Der Himmel ist so heiter nicht. Stellt sich heraus.

    „nach über 17 Jahren wieder an der Tür eines alten Freundes … er wog noch 45 Kilo … und gescherzt und gelacht über die alten Zeiten in den Sommern an der Ostsee. Er lebt von Tag zu Tag … Leben lernen“ – Kann man das von mir lernen? Nein! Aber mir gefallen Figuren, die in solchen Situationen oder an solchen Stellen im Leben sind. Da wo man sich entscheiden muss was wichtig ist und was nicht. Die ewige Frage: Gehen oder Bleiben, sich entscheiden müssen. Am Ende des Romans, im letzten Kapitel, kommt es zu einer Diskussion, die an der Stelle gar nicht wichtig ist, aber für den gesamten Roman ist sie es. Leonie fragt Maddox wie er aus einer unübersichtlichen Anzahl Fotos gerade die achtundzwanzig für die Ausstellung ausgesucht hat. Der skurrile Maddox behauptet, er habe sie nicht ausgewählt. Daraufhin antwortet Leonie: „Man wählt immer. Man kann nicht nicht wählen. Selbst wenn man nicht wählt, wählt man zwischen wählen und nicht wählen. Also kann man nicht nicht wählen.“ Ich löse das dann ins Komische auf, indem ich Maddox antworten lasse: „Ich habe das genauso gemacht wie Marijan auch. Ich weiß nicht, wie man wählt, weil Marijan nicht weiß, wie man fotografiert. Ich hab‘s ihm einfach nachgemacht.“ Ich weiß nicht, ob ich mit der Antwort dort zufrieden bin. Mit der Komik den Ernst zu beantworten; Kann man das überhaupt? Oder ist am Ende alles ernst? Kann man das gar nicht anders als auf Ernst mit Komik antworten? Ich meine auf jenen Ernst, wenn man nur noch 45 Kilo wiegt. Gehen oder Bleiben? Alle meine Figuren müssen diese Frage auf die eine oder andere Weise beantworten.

    Und das heißt: Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen; auch dann wenn man nicht weiß, was aus Ihnen erwächst, welche Konsequenzen das hat. Das habe ich auch gemacht. Das macht jeder. Man kann nicht nicht wählen. Aber es gibt sehr wohl Dinge, die man nicht wählen kann: 45 Kilo.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 20. März 2012 um 15:51

    Liebe AT,

    es gibt, völlig richtig, sehr wohl Dinge, die man nicht wählen kann, die muss man tragen. Das nenne ich Haltung. Diese kann sehr wohl darin bestehen, dem Ernst mit Humor zu begegnen. Wenn man Dinge aber wählen kann, kann man nicht nicht wählen, das sehe ich auch so. All dies klingt ein bisschen paradox. Aber es scheint mir durchaus Thema Ihres Buches zu sein. Und so spaßig es denn auch manchmal daher kommt, oder so vermeintlich einfach gestrickt, es wirft diese Fragen auf. Das würde ich Gehalt nennen.

    SIE haben aber die Frage nicht beantwortet. Sie hätten an manchen Stellen schreiben können „sie“ (statt Lydija oder Leonie), dann hätte der Leser mehr konstruieren müssen, um die jeweils sprechende Person einzuordnen. Hätte sich (noch) blinder gefühlt. Ist dieser Weichspüler ein Zugeständnis an die Leserschaft? An den Markt? Kauft man eher und liest, wenn man einfacher versteht? Oder ist es nicht eher anders herum: Anstrengung scheuende Leser lesen das sowieso nicht, und die anderen werden unterfordert!?

    Herausragend übrigens das Liv-Kapitel, jedenfalls der Strang, welcher mit einer fürchterlichen Konsequenz auf den großen Konflikt zwischen Tochter und Eltern zusteuert. Und dann – NICHTS. Das Mädchen ist abends wieder da, lacht, und lebt ihr Leben eben ab jetzt außer Haus. Da war ich doch etwas verblüfft, enttäuscht. Eine so vorstellbare Katastrophe im Schülerleben schlittert heran, wir alle haben so etwas wohlmöglich schon erlebt – und dann fällt alle Schilderung aus und das Mädchen geht sozusagen einfach zur Tagesordnung über….. Any comments on that?

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 21. März 2012 um 16:03

    Lieber NO,

    richtig, man muss tragen oder ertragen lernen, was man nicht gewählt hat oder was über einen gekommen ist. Darin kann man Haltung zeigen. Und wenn es Dinge gibt, die man nicht wählen kann und die dann doch über einen gekommen sind, dann muss man die auch wählen. Sonst macht es einen kaputt. Mit Humor dem Ernst begegnen, das ist eine gute Strategie. Nicht immer ganz leicht, aber gut. Die leichten Sachen haben ja oft den Nachteil, dass sie zu leicht sind.

    Habe ich das Buch einfacher gemacht, um dem Leser die Lektüre einfacher zu machen? Das ist nicht das erste Mal, dass ich darüber nachdenke und nicht das erste Mal, dass ich die Frage verneine. Zu dem Zeitpunkt, da der Leser bemerkt, dass es nicht ganz einfach ist, hat er es erstens schon gekauft, zweitens liest er es bereits und drittens ist er dann gefesselt. Oder nicht. Ich bekomme mit einem einfacheren, mit einem gefälligeren und leichtläufigerem Roman nicht mehr Leser. Dazu müsste ich auf dem Cover den Schwierigkeitsgrad angeben, zwischen eins und hundert. Und das kann ich nicht, weil ich meine Leser nicht kenne, denn der eine wird fünfundachtzig wählen, wo der andere unter fünfzig bleibt.

    Also im Groben kenne ich meine Leser schon: Akademiker. Die, die Sie mal „Intensivleser“ genannt haben: Leser, die nicht allein einen Bericht der Ereignisse wollen, sondern auf die Sprache achten, in der er verfasst ist. Leser, die das genuin literarische mit erfassen und begreifen. Die nicht nur wissen wollen, wie es weitergeht und ob die Liebenden sich am Ende kriegen, sondern die wissen wollen, wie das gemacht ist, was da weitergeht. Und natürlich: wie die Liebe gemacht ist.

    Any comments on Liv? Interessant, dass Sie das ansprechen: Liv, das gut situierte, behütete, wohlerzogene Mädchen. Ja, ich habe einen Kommentar: das birgt dramatisches Potential, das ich schlicht übersehen habe. Man könnte sagen: es ist ein wenig zu viel (sic!) Idylle. Man kann ein Buch überladen, mit Personen, mit Handlung, mit Dramatik, auch mit dem Willen der Autorin, dem Ganzen einen Sinn zu verleihen, aufzubürden. Aber das Kapitel um Liv wäre eine Stelle gewesen, an der ich mehr hätte machen können. das muss ich jetzt erkennen. Davon kann man nicht genug bekommen als Autorin: vom literarischen Gespür. Das ist sehr viel wichtiger als gute Sätze bilden. Das lernt man: früher oder später. Für das Gespür hingegen kann man mitunter sein Leben lang arbeiten. Und merkt dann, dass es mit Arbeit nicht zu erreichen ist. Sehr interessant, dass ich da etwas übersehen habe. Und ärgerlich.

    Herzlich (und ärgerlich)
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 22. März 2012 um 20:55

    Aléa Torik: DGDW

    Es gibt Dichter, die können Bilder. Der Dichter des „Wolpertinger“ zum Beispiel. Oder William Gass in „The Tunnel“. Bei Aléa Torik gibt es jedenfalls diese Bild des Sitzenbleibens:

    „Meine Mutter saß an ihrer Nähmaschine und lächelte über meine Schwester und mich, die wir im Fenster des kleinen Ladens für Hochzeitskleider hockten und auf die Straße schauten. Ich habe erst viele Jahre später bemerkt, als ich längst zu Hause ausgezogen war, dass ein Teil von mir dort im Fenster sitzen geblieben ist, ein Teil, der noch immer dort sitzt und ohne davon zu wissen vollkommen glücklich ist.“

    Es gibt erwachsene Menschen, die kommen wieder nach Hause auf Besuch ab und an. Es ist alles wie immer, und immer noch so, wie man es verlassen hatte als man ging vor so vielen Jahren. Es nervt ein bisschen. Man lächelt nachsichtig. Und doch. Es ist ja nicht so, dass man das so mag wie man es da jetzt sieht. Aber manchmal, manchmal da zaubert einen der vertraute Anblick zurück in die Kindheit. Die Zeit, als man klein war und die anderen groß, und man klein sein durfte.

    Kennen Sie Hermann Hesses „Gute Stunde? Wo der Wanderer, der Erwachsene, sich erinnert? Wo der süße, volle Duft der glühenden Erdbeeren das Bild des schützenden Gartens und der nahenden Mutter evoziert wie der der Madelaine die Erinnerung an Combray:

    „Mir ist, ich bin ein Knabe
    Und alles war geträumt
    Was ich vertan, versäumt,
    Verspielt, verloren habe.“

    Das Leben verrast einem. Die vielen Jahre, wie der Sand durch die Finger; das ist ein Thema dieses Buches. Und ein anderes ist dieser Teil von mir, der da immer noch in dem Fenster zu Hause sitzt. Da ist Ihnen ein außerordentlich schönes Bild gelungen, liebe AT!!

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 23. März 2012 um 17:40

    Lieber NO,

    in den meisten, den allermeisten Fällen, kann ich viel zu dem sagen, was Sie mir hier hinlegen. Zum Beispiel als Sie in Ihrem letzen Kommentar etwas zu den Möglichkeiten von Liv sagten, zu dem Potential, das ich, gut oder schlecht, jedenfalls ungenutzt habe liegen lassen. Dieses Mal jedoch kann ich nichts sagen, ich freue mich einfach, dass Ihnen das Bild des im Fenster sitzenden Kindes, Clara, gefällt, das erst, wenn ich mich recht erinnere, erkennt, dass es damals glücklich gewesen ist, als sie zurückkommt und sich von außen, mit dem Abstand der Jahre, dort sitzen sieht.

    „Wenn ich mich recht erinnere“: natürlich freue ich mich, wenn anderen der Text gefällt. Aber ich habe wirklich sehr, sehr wenig Lust, mir den noch mal anzuschauen. Ich habe viel Zeit damit verbracht und das reicht jetzt. Mit dem Verleger ist vereinbart, dass ich im kommenden Jahr Lesungen machen werde. Ich werde mich also noch einmal mit dem Text konfrontieren müssen. Ich halte das für ein gutes Zeichen: dass die Lust sich auf den neuen Text stürzt. Aber ich werde es ganz sicher nich noch einmal komplett lesen. Vielleicht in dreißig Jahren.

    Das ist eine schöne Gelegenheit noch einmal die Berliner Verwaltung zu zitieren: „Die angezeigte Wartezeit entspricht nicht der zu erwartenden Zeit.“ In diesem Zusammenhang bekommt das einen ganz anderen Geschmack, nicht? Wir können nicht davon ausgehen, die gesamte Warte- und Lebenszeit absitzen und verwarten zu dürfen, bis zum bitteren Ende, bis der Laden dichtmacht Wir müssen damit rechnen, früher zum (obersten) Sachbearbeiter gerufen zu werden. Also immer schön lächeln, wenn uns jemand ein lustiges Schild hinhält. Iss vielleicht die letzte Gelegenheit.

    Das Gedicht von Hesse ist wunderschön. Es ist kein avantgardistisches Gedicht, aber einfach schön. Ich kannte das nicht.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 25. März 2012 um 13:32

    Aléa Torik: “dgdw”

    Das Clara-Kapitel, das Kapitel mit dem Laden für Hochzeitskleider – da ist Ihnen wirklich etwas Großartiges gelungen, liebe AT, zumindest für meinen Geschmack. Erwachsenenerinnerungen, Kindheit, Spiel und Glück, die andere Straßenseite, erst so fremd, dann bekannter, dann vertraut, dann überwunden und fast langweilig, Bilder des Groß- und Starkwerdens, das haben Sie so gut hingekriegt, dass ich mich jedenfalls ständig an meine Kindheit erinnere, obwohl ich nun weiß Gott nicht mit einer Schwester und in einem Laden großgeworden bin.

    Und dann kommt wieder ein Aufbruch. Claras. Wieder geht jemand und bleibt nicht, wie zuvor schon Ioan und Valentin, wie schon Marijan und wie im Grunde auch schon Liv, nur dass Liv nicht zu einem anderen Ort aufbricht, sondern ein neues Leben anfängt (ohne Eltern und deren Geld, mit einem arbeitslosen Ausländer, den sie am Bahnhof aufgabelt (ausgerechnet), der ihr ein Kind macht und nur zu Hause rumhängt, der nicht richtig Deutsch kann, mein Gott, wie hat unsere Tochter ihr Leben weggeworfen an so einen Versager, scheiße, und wir haben uns doch solche Mühe mit Ihr gegeben).

    Auf S. 151: Hätten Sie zwischen „Vorhänge“ und „erste Nacht“ den zweiten Absatz weggelassen, hätten wir Leser uns mehr Zusammenhänge konstruieren müssen: Ob die Dame denn nun beim Abendessen war, ob die Dame denn nun mit ihrer Mutter telefoniert hat?

    Aber weiter unten treffen Sie eben wieder wie mit einer Wünschelrute mein Zauberwort, wo die Lehrerein abends durch das Dorf wandert, Gardinen betrachtet und sich fragt:

    „Würde es jemals so sein, dass ich sagen konnte: Ich schlendere durch mein Dorf?“

    Schläft ein Lied in diesen Dingen. So schlenderte ich einst so manches Mal, wenn der Tag schwer oder frustrierend gewesen war, durch das nächtliche Frankfurt von Sachsenhausen über die eiserne Mainbrücke aufs Bankenviertel zu und wieder zurück und stellte mir diese Frage, solange ich dort lebte, und wusste die Antwort nicht. Ich hatte mich schon an einige Städte gewöhnt, irgendwann muss mal Schluss sein. Und dann kam ich, ein halbes Jahr nachdem ich Frankfurt verlassen hatte, zu einer dienstlichen Veranstaltung wieder dorthin zurück und, als ich durch das Bankenviertel gefahren wurde zum Schweitzer Platz und nach Sachsenhausen, da wurde mir warm ums Herz – ja verdammt, wer hätte denn das gedacht? Der Mensch ist schon komisch. Und all diese Lebenserfahrungen, die fangen Sie hier mal eben ein, Frau AT? Nicht zu fassen!!??

    Tja, und so könnte ich fortfahren. Könnte schreiben über die beiden Varians – die Varianten dessen, was aus Menschen werden kann: „Das war e i n Mensch mit z w e i Möglichkeiten. Ein Mensch, der zwei verschiedene Wege gehen kann.“ Und was da für Gedanken für mich dran hängen, und das „Leben bedeutet, zwischen Möglichkeiten zu wählen und dabei zwangsläufig etliche ungenutzt zu lassen.“

    Oder könnte schreiben über die gebrochenen Spiegelung der Varian-Brüder in den Clara-Schwestern und so weiter.

    Ein beeindruckendes Stück Literatur, was Sie da hingebaut haben, meine ich. Na, ich korrigiere vorsichtshalber: Ein mich beeindruckendes Stück Literatur

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. März 2012 um 18:18

    Lieber NO,

    das Clara-Kapitel scheint ganz gut anzukommen, das habe ich schon mehrfach gehört. Ich bin auch nicht mit einer Schwester und einem Laden gegenüber groß geworden. Die Aufgabe der Literatur ist es ja auch nicht, Erinnerungen des Autors oder der Autorin darzustellen. Vielmehr nimmt man eigene Erinnerungen und macht sie sozusagen zu anderen. Dass die anderen dann ihre eigenen darin wiedererkennen, ist beabsichtigt.

    „Hätten Sie zwischen „Vorhänge“ und „erste Nacht“ den zweiten Absatz weggelassen, hätten wir Leser uns mehr Zusammenhänge konstruieren müssen“ – das ist immer ein Problem, nicht beim Schreiben, aber in späteren Korrekturfassungen: was mutet man dem Leser zu? Bei der Beantwortung dieser Frage sind Lektor und Autorin durchaus nicht immer einer Meinung gewesen.

    Obwohl ich, ums knapp zu formulieren, die Auseinandersetzung mit einem Lektor oder Leser schätze, weil ich einfach nicht alles wissen oder sehen kann, nicht jeden Abzweig sehen und jede Idee haben kann, wie man es anders oder besser machen könnte: und das Bessere liegt hinter dem Guten, nicht hinter dem Schlechten. Vieles sehe ich erst, indem ich mich verhalte: für oder gegen einen Einwand. Es gibt sicherlich auch Autoren, die einzig sich selbst vertrauen und sich jede Einmischung in ihr künstlerisches Werk verbitten. Ich gehöre nicht dazu. Ich mag die Einmischung, wenn sie einigermaßen anständig formuliert ist. Dass ich eine Deppin bin, will ich nicht hören. (Das weiß ich ja bereits, sonst würde ich nicht schreiben. Dann würde ich Vorstandsvorsitzende von VW. Oder Fußballspieler).

    Was die beiden Varian-Brüder betrifft: Ich erinnere mich, dass das eine der größeren Entscheidungen war – wenn Entscheidung das richtige Wort ist: die Figuren wachsen eher aus einem heraus als das man sich für oder gegen etwas entscheiden könnte – es war jedenfalls mal die Frage, ob ich sie tatsächlich als eine Figur anlege; ob ich das deutlicher machen sollte, dass es eine Figur mit zwei unterschiedlichen Möglichkeiten ist. Ich habe mich dann aber dagegen entschieden – wenn Entscheidung das richtige Wort ist: die Figuren wachsen … .

    Ich genieße das jetzt einfach, dass das Buch Ihnen gefällt.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 27. März 2012 um 10:49

    @15. März 2012 um 22:22

    Im letzten Kapitel fragt Leonie, wie Maddox unter den “abertausenden” Fotos die 28 ausgestellten ausgewählt habe. Und Marijan denkt daraufhin, dass die Leute heute ja wirklich nur ein “Tausendstel von dem, was er gemacht hat”, sehen. Eine Seite weiter erfahren wir, dass der Fremde Marijan “vor zwei Jahren die Kamera geschenkt hatte”. Verrechne ich mich, wenn ich auf im Schnitt 40 Fotos pro Tag komme?

    Leonies Frage, wie Maddox unter diesen eine Auswahl getroffen habe, erinnert mich an Gerhard Richter. Der ließ sich vom Zufallsgenerator Anordnungen seiner Farbquadrate erzeugen und wählte aus. Entscheidungsprobleme werden dimensional verlagert von der zeitaufwändigen Herstellung eines Werks auf die Auswahl aus einer potenziell unermesslichen Masse. Wobei die Zeit in den Bewertungsprozessen wiederkehrt. Zwar werden tippende Affen irgendwann ein Werk wie von Shakespeare schaffen, aber wer will das Meisterwerk unter dem Wust an Müll herausfinden?

    Ähnlich muss wohl Marijan knipsen, weil er nicht während der Produktion begutachten und verwerfen kann. Auslösend für ein Foto müssen andere Sinneseindrücke sein, oder auch eine Bewegung des Geistes, wie es beispielsweise ein Plan wäre, täglich morgens um sieben das Licht in der Küche zu dokumentieren. Oder ist sein Wille so frei, dass er keiner Rechtfertigung bedarf?

    Maddox’ Kriterien bleiben wolkig. “Ich hatte kein Kriterium.” Irgendwie aber muss Selektion stattgefunden haben. Seien es 28 zufällig herausgezogene Abzüge aus einem Berg, der sauber gestapelt ein Würfel mit Kantenlänge 50 cm wäre, oder 28 Zufallszahlen zwischen 1 und 28.000, die sich auf das Meer der Dateinamen abbilden lassen. Oder es sind die ersten 28 oder die letzten. Oder er hat begonnen die Fotos durchzusehen, bis er 28 zusammenhatte, die ihm gefallen, und dann abgebrochen. Wir fühlen uns wie Lehrer, die um die Genese der Hausaufgaben ihrer Schüler nicht wissen.

    Sorry, hab geschwafelt wie im Abitur über George Segal, was sich in 15 Punkten niederschlug ^^

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. März 2012 um 12:54

    Lieber Herr/Frau holio,

    Ihre Frage nach den Kriterien ist interessant und berechtigt, daran schließt sich nahtlos die Frage an, die mir auf der Seele brennt, nämlich was denn da eigentlich drauf ist auf diesen Bildern und welche Rolle das spielt für den Roman oder für das, was der Leser daraus ableiten könnte (wenn er denn wollte).

    Fest steht: alea torik hatte die Antwort immer schon beharrlich verweigert, und die, die ihre Figuren finden, ist unbefriedigend. Sie lässt ja Maddox sagen:

    „Ich habe das genauso gemacht wie Marijan auch. Ich weiß nicht, wie man wählt, weil Marijan nicht weiß, wie man fotografiert. Ich hab‘s ihm einfach nachgemacht.“

    Das ist mehrfach falsch. Unter anderem kann die Begründung für die Unfähigkeit auszuwählen („weil“!) schlechterdings nicht in der (künstlerischen) Unfähigkeit eines anderen beim Fotografieren liegen. Die Antwort ist also bestenfalls ein Spaß, um dem Ernst zu begegnen, also der Frage, wie auswählen und demzufolge und vor allem: Was?

    Vor allem aber ist die Marijan-Auswahl nicht willkürlich, sondern im Zweifel in Reaktion auf seine Umwelt. Als Leonie ihn von hinten anspricht, dreht er sich um und macht das Bild. Aber so dürfte er auch auf andere Laute reagieren, z.B. auf den Regen bzw. die Regentropfengeräusche, auf Baulücken in der Straße, wo der Wind durchpfeift und ähnliches. Nicht Bilder, die Schönes zeigen, Bekanntes oder Interessantes. Sondern nicht Gewöhnliches. Notwendig unscharf, notwendig verschrägt.

    Das legt – auch Mit Blick auf die optische Wahrnehmung vieler Bilder von Gerhard Richter und losgelöst von der Aleatorik seiner Fotoauswahl – nahe, auf den Fotos die Wahrnehmung einer anderen Sichtweise zu erwarten, als man sie normalerweise auf Fotos zu sehen bekommt. Die Wahrnehmung, die Sichtweise nicht nur von jemanden, der ein Dritter ist (also nicht man selbst), sondern vor allem die Sichtweise von jemanden, der anders ist, egal wie Sie das Anderssein definieren: Blind, beschädigt, verletzt, fremd, komisch, männlich (während man selber weiblich ist).

    Das mag zum Nachdenken anregen. Die Besucher der Ausstellung im Roman, den Leser des Buches in der Wirklichkeit.

    Das (doppelte) Paradoxon: Die Fotos eines blinden Fotografen, ausgestellt in Berlin am Meer, Stadtbilder eines Landkindes. Vielleicht ist sie Metapher. Die Beschädigung eines jeden einzelnen ist exemplarisch zu besichtigen? Zwischenräume und Zwischentöne werden nicht mehr wahrgenommen? Warum noch mal malte Richter unscharfe Fotos?

    In dem BLOG von alea torik hatte irgendjemand (ich meine, eine Frau zu erinnern) vor langer Zeit geschrieben, sie hätte das nachzubilden versucht, in dem sie mit geschlossenen Augen fotografiert habe und das sei eine sensationelle Erfahrung gewesen. Ich erinnere allerdings nicht mehr die Einzelheiten, oder ob sie die Bilder jemals irgendwo im Netz gezeigt hatte.

    NO

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 27. März 2012 um 22:07

    Sehr geehrter NO.

    Der Galerist wählt gewöhnlich diejenigen Exponate des Künstlers, die das Besondere des Werkes am ehesten repräsentieren. Das Besondere an den Exponaten Marijans ist ihre fragwürdige Existenz aufgrund der Unfähigkeit der Darstellung. Die auf die bloße Existenz reduzierten Exponate verkehren den Telos des Besonderen zum Kreisel des Beliebigen. Also wird der Galerist notwendig zum Unterhändler des Zufalls.
    Auch dies ein Paradoxon und bei allem Ernst nicht ohne Witz.

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 28. März 2012 um 10:52

    Großartig, scharfsinnig, folgerichtig, knapp und mit Witz, Sehr geehrter, lieber Herr avenarius, meine Verehrung. Leider muss ich unterbrechen und bin ca. 2 Wochen nicht verfügbar.

    Sie machen mir zwar Lust zu fragen. Wenn das Besondere die Beliebigkeit ist, gibt es dann nichts Besonderes? Also jedenfalls nicht hier in der Ausstellung im Roman, die Ausstellung ist sinnlos, der Inhalt der Bilder gleichgültig? Und wenn ja, ist damit das telos verfehlt? Wenn das Besondere an den Fotos ist, dass sie überhaupt existieren, lässt sich das dann auch als einen Apell lesen des Buches an die Leser bezüglich deren eigener Existenz?

    Sie machen mir zwar Lust zu fragen, aber leider muss ich unterbrechen.

    Eines steht allerdings jetzt für mich fest, Ihr bemerkenswerter Satz: „Auch dies ein Paradoxon und bei allem Ernst nicht ohne Witz.“ beschreibt (unter anderem) ganz wunderbar diesen Roman!

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 28. März 2012 um 15:20

    Aléa Torik`s “Geräusch des Werdens”

    Nicole Henneberg schreibt in ihrer Rezension (Literaturbeilage FAZ vom 10. 3. 2012) über einen Riss in der im Roman beschriebenen Realität, ein Riss durch die Zeit: „Vergangenheit und Tod stehen mitten in der Gegenwart, und jederzeit können sie durch die Tür treten.“

    Das sehe ich nicht so.

    Beziehungsweise: Darum geht es hier nicht. Natürlich treten Vergangenheit und Tod durch die Tür, weil die Kapitel nicht chronologisch erzählt werden, sodass mancher, der auftritt, zu dem Zeitpunkt längst tot ist, und manches nächste Kapitel von der Zukunft erzählt, die in der Abfolge noch gar nicht dran ist. Das ist schon alles gut gemacht. Aber der Clou steckt für mich woanders.

    Ich kanns kurz machen: Auch das rhythmisch dynamische Lydija- und das Salon Sucre-Kapitel sind mich sehr beeindruckende Stücke Literatur. Über den Salon Sucre hatten wir ja, liebe Frau AT, schon vor langer Zeit in Ihrem BLOG ausführlich diskutiert, kann ich mich erinnern. Und damals existierten nur die Aufzählungen, die ich mit den 2666-Morden bei Bolano verglichen, und die aufgezählten Überflüsse, die ich auf die Mangelwirtschaft in Osteuropa bezogen hatte. Heutzutage ist ja auch noch eine Liebesgeschichte dabei. Und was für eine!! Man denkt, da küssen sich zwei. Die tun aber nur so. Und dann küssen sie sich doch und springen aus der Kulisse. Man denkt, es regnet, dabei regnet‘s gar nicht. Und dann regnet es doch.

    Das haben Sie aber alles hübsch ineinander konstruiert, Frau AT. Und das ist doch der Clou: Es ist ein Riss durch die Realität. Und durch den Riss kommt die Irrealität in das Buch stolziert, das Irre. Das Nicht-Reale, die Imagination. Die Illusion. Man denkt, es regnet in Berlin, wenn die zwei sich küssen, aber es regnet nur in Berlin, nicht bei den zweien, und dann aber doch. Gleichzeitig. Ineinander.

    Das ist ein Spiel mit Identifikation und Illusion. Der Zuschauer aus der Buch-Handlung nimmt Illusion für bare Münze, den Film für echt. Und dann ist der plötzlich echt. Der Leser des Buches nimmt den Buchstoff für bare Münze, aber der ist nur Fiktion! Oder? Gibt es da nicht einen realen Kern? Schreibt die Torik nicht im BLOG schon am Salon Sucre? Das ist doch Beweis!? Ja? Oder ist der BLOG ein Buch? Ist der Film „Der Himmel über Berlin“ ein Beweis dafür, dass es eine Siegessäule gibt in Berlin? Ist die Siegessäule auf dem Cover des Buches dgdw ein Beweis dafür? Ist, was im BLOG steht, Beweis für irgendetwas, das im Buch steht?

    Steht denn das Salon-Sucre-Kapitel zufällig in der Mitte des Romans? Nein, es steht da, weil es wichtig ist. Es ist ein Schlüssel. Es lässt schließen auf Identität, Authentizität und Fiktion. Meines Erachtens ist das der Clou. Das ist gut, also gut gemacht!

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. März 2012 um 17:27

    Lieber Holio,

    was Sie da ausrechnen, hat Hand und Fuß. Ich kann nicht gut rechnen und das Wort tausend, oder tausendstel, ist für mich eher ein Wort für eine unübersichtliche und unzählbare Menge als eine Zahl. Aber sind vierzig Fotos am Tag so unrealistisch? Ich habe mir vor zwei Jahren eine Kamera gekauft und in Rumänien in beiden aufeinanderfolgenden Jahren jeweils mehr als tausend Fotos gemacht, in vierzehn Tagen. Wenn man das unschöne Wort der Kompensation als Erklärung für das Fotografieren eines Blinden hernehmen wollte, dann wäre die Zahl von 40 Bildern pro Tag keine völlig unrealistische.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. März 2012 um 17:28

    Lieber NO,

    alle Antwortversuche gebe ich in dem neuen Beitrag. Ich glaube, wichtig ist, dass es gerade Maddox ist, der die Bilder aussucht. Maddox und Marijan: das sind zwei Menschen, die in ihrem Leben, ich mag das Wort nicht und habe es im Roman auch nicht verwendet, weil es in gewisser Weise auf jeden auf uns alle anwendbar ist: zwei Menschen die in ihrem Lebensvollzug behindert sind.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. März 2012 um 17:44

    Lieber (Herr) Holio, lieber NO, lieber Avenarius,
    ich antworte auf Ihre Kommentare mit einem neuen Artikel.
    Aléa

    Kommentar von holio
    Datum/Uhrzeit 28. März 2012 um 18:59

    Liebe Aléa,

    Stil hat der Verständlichkeit ein Bein gestellt. Sie verstehen meine Frage nach den 40 Fotos täglich skeptisch. Dabei wollte ich, wie ausgedrückt, nur, dass das vielleicht mal jemand nachrechnet. 40 Fotos halte ich nicht für unrealistisch. Zu Beginn ist es ein Aussagesatz gewesen, dann endete der nächste Absatz mit einer Frage und zum Schluss fand ich es geistreich, jeden Absatz mit einer Frage und den letzten mit “nicht wissen” enden zu lassen.

    Btw, weil das hier in Marburg archiviert wird, muss ich die andere Rechnung korrigieren. Ausgehend von Abzügen der Größe 17 x 13 cm, Fotokarton der Grammatur 250 g/m^2 und einer Papierdichte von 800 kg/m^3 hab ich an einer Stelle statt durch 0,8 zu teilen mit 0,8 malgenommen. Statt Kantenlänge 50 cm bekomme ich nun 58 cm heraus. Aber das hätte ich mir sparen können, wenn mir der “Speicherchip” (346.12) nur noch präsent gewesen wäre.

    Es ist vermessen, auf der Mathematik herumzureiten. Eine Rechtfertigung gibt mir im Grunde Ihre Haltung, dass am Werk Autorin und Leser gemeinsam bilden. Daher klopfe ich mit meinem Hobbymeißel einfach an ein paar Stellen herum, deren Marmorierung mir gefallen, und solche unrepräsentativen Späne fallen dann an.

    Herzliche Grüße von holio.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 29. März 2012 um 16:40

    Lieber NO,

    auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel.

    Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des Überflusses. Im Dorf gibt es nichts, nahezu nichts, keine Läden und keinen Konsum. Später, als Valentin mit seiner oft ans Geld denkenden Frau Liv wieder in Mărginime ist, spricht er, angesichts des Mangels, von der “relativen Nutzlosigkeit” des Geldes. Geld ist nur dann etwas wert, wenn man es gegen etwas anderes eintauschen kann. Ist die Menge an Tauschobjekten gering, ist der Geldwert es auch. Ich muss aber auch zugeben, dass ich mich mit Geldtheorie nicht auskenne.

    Ich hatte damals, wie Sie sich erinnern, zwei Entwürfe für dieses Kapitel: ein Aufzählungskapitel und ein Regenkapitel, in dem sich herausstellt, dass der Regen immer von der Feuerwehr, aus diesen Rohren, kommt. Das habe ich dann in eines überführt, auf Ihre Anregung übrigens. Und damit bin ich jetzt auch sehr zufrieden. Zu Anfang und am Ende des Kapitels sieht es aus, als sei es natürlicher Regen. Und genau darum geht es dann auch, um die Illusion des Regens. Und bei aller Illusion – und die Liebe ist eine Illusion, vielleicht die beste, die man je erfunden hat, weil sie die Illusion ist, die dann Wahrheit wird: Liebe ist die Kunst, sich im anderen zu täuschen –; es geht um die Illusion: deswegen regnet es bei allen Film-Szenen: es ist kein echter Regen auch wenn der Filmzuschauer dann im Kino echten Regen sieht. Es ist keine echte Liebe und doch wird sie in den Filmszenen dazu.

    Das Kapitel steht in der Mitte, weil es die Mitte des Buches ist: wo Illusion und Wahrheit nicht voneinander zu trennen sind. Und warum sollte man sie auch trennen? Man macht das irgendwie, ich weiß nicht, seit Platon vielleicht, seit dem Höhlengleichnis, wahrscheinlich schon viel länger, seitdem hat die Wahrheit Karriere gemacht und die Illusion wurde abgehalftert wie ein alter Gaul.

    Das ist auch für mich persönlich ein wichtiges Kapitel. Dass man selbst eine Aufzählung er-zählen kann. So ein Kapitel muss man lesen können. Da ist Musik drin, aber die hört man nicht, beim ersten lesen, das muss man intonieren. Ich bin gespannt, ob mir das eines Tages gelingt, das in der Öffentlichkeit laut zu lesen.

    Schöne Ferien!

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 29. März 2012 um 16:41

    Lieber Holio,

    Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie sie irgend zu rechtfertigen sind, alle Auffassungen nebeneinander und, im Idealfall, ergänzen sie sich. Jeder liest den Text ein wenig anders, nämlich entsprechend seiner eigenen Erfahrungen, und versteht ihn dementsprechend auch etwas anders. Das einzige, was ich nicht mag, ist, wenn mir jemand erklären möchte, dass er, er allein, meinetwegen auch sie allein, einen prädestinierten Zugang zu dem Text hat. Da nicht einmal ich einen solchen Zugang habe, hat ihn auch kein anderer. Interpretationen sind immer Interpretationsmöglichkeiten und eine Möglichkeit kann der se nicht ausschließen, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt. Ansonsten sind mir alle Interpretationen recht, weil ich etwas durch sie erkenne, was ich zuvor vielleicht nicht erkannt habe.

    Herzlich
    Aléa

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