11 Februar 2012
Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?
Das war gestern ein rundum gelungener Abend. Besser hätte das nicht laufen können. Ich war den ganzen Tag über ziemlich aufgeregt. Ich habe mich vor der Lesung mit einer Dame von der Presse getroffen. Die wollte mich auf Herz und Nieren prüfen. Dummerweise hatte ich, bevor ich das Café betrat, das Gefühl, weder das eine noch das andere zu haben. Ich war aufgeregt. Das bin ich auch jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Prof. treffe. Ich bin ein wenig zu spät gekommen. Sie saß schon da und hatte mein Buch auf dem Tisch liegen.
Ich habe ihr dann von meinen beiden Roman erzählt und sie mir von ihrem Vater, der lange mit dem Schreiben gekämpft, es aufgegeben hat und jetzt gerade wieder damit anfängt. Das Schreiben kann ein Kreuz sein. Aber auch ein großes Glück. Dann haben wir über die rumänische Literatur gesprochen - Mircea Cărtărescu, Herta Müller und Oskar Pastior – und über Rumänien natürlich. Das ganze Gespräch war ausgesprochen gut. Das war sogar noch besser.
Danach bin ich zu spät zu meiner Lesung gekommen! Da war gewollt. Zwei Freunde haben für mich gelesen: Valentina und Claus. Es waren etwa fünfzig Leute anwesend. Ich stand in der letzen Reihe und konnte mir das in Ruhe anhören. Ich habe die Worte von Herrn Osburg mitbekommen, der von meinem Buch geschwärmt und die von Frau Schwind, die meine beiden Vorleser_innen schön eingeführt hat. Dann wurde „Es war dasselbe, es fühlte sich nur vollkommen anders an“ gelesen. Ich konnte kaum glauben, dass ich das geschrieben habe. Wieder einmal stellte ich fest, dass der Text, wenn man alleine davor sitzt, ein anderer ist. Ein anderer als der, der dann in einem Buch steht. Und er verändert sich noch einmal, wenn er von fremden Stimmen gelesen wird. Er verändert sich, wenn er gehört, wenn er verstanden wird. Und wahrscheinlich verändert er sich auch, wenn er nicht verstanden wird.
Ich muss die Dinge manchmal aus der Ferne wahrnehmen. Ich fühle mich dann sicherer. Außerdem bin ich nur vorlaut, wenn das Netz dazwischen ist. Ich stand dort hinten und habe gelächelt und ich weiß, dass die beiden da vorne das gesehen haben. Später drückte mir Herr Osburg den nächsten Vertrag in die Hand. Damit wäre auch „Aléas Ich“ unter Dach und Fach: Erscheinungstermin Januar 2013! Das war also wirklich ein sehr schöner Tag. Dann habe ich meine beiden Vorleser noch in ein Restaurant eingeladen.
Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Februar 11th, 2012 unter mittel, Paralipomena












Kommentar von NO
Datum/Uhrzeit 12. Februar 2012 um 10:50
Der Rausch des Werdens
Glückwunsch!!!!!
In üblichem hanseatischen Stil, den ich ja mit Wolf-Rüdiger Osburg teile, herkunftsbedingt, könnte man von einer gelungenen Veranstaltung sprechen. Die Lesung war nämlich gar nicht so unübel. Insbesondere fand ich die Stimmung stellenweise euphorisch, das kommt ja nicht so oft vor nach meinen Erfahrungen. – und ich liebe Weißwein und Oliven zu Texten in der Öffentlichkeit
Nun saß ich ja sehr weit vorne, da bekommt man nicht so mit, was hinten passiert, aber vorne haben zwei gelesen, das hatte schon was. Wenn dialogisch zwei darüber streiten, wer sich auf die begehrte Schöne werfen darf in Gedanken, dann hat es eben was, wenn da vorne eine Schöne liest den einen Dialogteil.
Und wenn sich dann die beiden da vorne in eine Art Leserausch hineinsteigern, ist alles gut, so dass ich vielleicht 3 Geständnisse machen darf:
Die Vernissage insbesondere diese schwarz-weiß fotogemalten Exponate an den Wänden des Vorleseraums, hätte es verdient gehabt, dass eine zweite Zugabe gelesen worden wäre (keiner hätte da protestiert!), die sich auf die Bilder im Buch bezieht. Denn diese Exponate in der Galerie zitierten mir ziemlich passend die Kamerabilder des blinden Fotografen Marijan im Roman, die „Zwischenräume“, die Räume zwischen 2 Geräuschen, mithin die Zwischentöne im Leben eines jeden, die Blindheit, die Versehrtheit eines jeden, um die es letztlich ja (auch) geht in diesem Buch. .
Von den gelesenen Texten hat mir der der Zugabe am besten gefallen, der Regen, der auf die Dächer und Dachrinnen fällt, auf die Mülltonnen, auf die Garagen und Fahrräder und Vorsprünge, und der so Klänge erzeugt, Widerhall, Geräusche, so dass für den Blinden vermittels dieser Geräusche diese Gegenstände hörbar werden, also „Werden“, eine Entstehung, eine Schöpfung, aus der Leere vor ihm durch Geräusche ein Raum „wird“, er anhand der Töne und Zwischentöne etwas „sieht“, was „mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist. Eine poetisch-stille Passage, die natürlich über den Romankontext hinausweist: Dass „leben“ ist, genauer hinzuhören, auf Zwischentöne und Zwischenräume zu achten, Schöpfungen zu schaffen, Leben zu wagen.
Ihre Vorleserin, Ihre Valentina, hat einen fast unsichtbaren, zauberhaften Akzent. Nicht polnisch, den kenne ich, dass kann ich beurteilen, aber slawisch, jedenfalls osteuropäisch. Sehr passend, sehr hübsch. So zurückhaltend, der Akzent, dass das Deutsch im Grunde akzentfrei ist, aber mit einer kleinen Schwere behaftet, mit etwas Dunklem, Fernem.
Also: Großen Glückwunsch!! Tolle Sache!!
Beste Grüße
NO