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  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Februar, 2012

    26 Februar 2012

    „Wie Hunter Mayhem nach Uruguay reiste“

    Ich mache Werbung in anderer Sache: Vor einiger Zeit fand sich eine nette Mail in meinem Postkasten. Im Nachgang ergab sich eine schöne Korrespondenz, die beinahe im Streit geendet wäre. Es ging aber nicht etwa darum, wessen Roman der Bessere ist, sondern vielmehr darum, wessen Opa den besseren Traktor besitzt. Da hat bedauerlicherweise der andere Opa derzeit mit einem selbstgebauten Modell die Nase vorn. Nun weiß man allerdings nicht, wie der wirklich fährt. Und ich lasse mir nur sehr ungern ein X für ein O vormachen.

    In der Mail hat mir Francis Nenik von seinem Buch berichtet, ein Roman mit dem Titel „XO“. Man kann den Text im Netz herunterladen, man kann ihn aber auch kaufen. Mein Verständnis des Kapitalismus ist sicher eher hinkend als fliegend, ich verstehe das nämlich nicht. Ich verstehe nicht, welchen Anreiz es geben soll, das, was man gratis haben kann, zu kaufen. Indem ich es gratis abgebe, verhindere ich doch geradezu den Verkauf. Ich würde einen kleinen Teil, die ersten Seiten hergeben und wer mehr will, muss es kaufen. Hier können Sie sich das anschauen.

    Der Verfasser von Mail und Roman hat auch Kurzgeschichten geschrieben. Es gibt bei den Quandery Novelists Geschichten von ihm und seiner Gang, wahlweise auf Deutsch und auf Englisch, wahlweise mit oder ohne Entlohnung. Ich habe diese Geschichte hier gelesen und die gefiel mir wirklich gut: „Wie Hunter Mayhem nach Uruguay reiste“.

    Obwohl es also nach meinem Verständnis wenig Anreiz gibt den Roman zu kaufen, habe ich es dennoch getan. Ich habe Auszüge online gelesen habe und fand das interessant genug, um es in Gänze lesen zu wollen. Aber ich habe keine Lust achthundert Seiten (!) am Bildschirm zu lesen. Ich werde sicher etwas dazu sagen, vielleicht im April oder Mai, wenn mein eigener Text beim Lektor liegt und hier weniger zu tun ist.

    Bei der Gelegenheit werde ich auch etwas zu der Situation von Autoren sagen, wie sie sich mir darstellt: zu den klassischen Verlagen mit ihrer Dinosaurierstruktur und den modernen Publikations- und Vertriebswegen. Dazu wie Autoren sich heute präsentieren müssen, was der Markt macht und ob man da mitmachen muss, kann oder soll. Das ist eine Diskussion, die ich als wichtig, aber derzeit für mich hier nicht förderlich empfinde. Ich setzte ja auf den alten Weg: Verlag. Sonst hätte ich mein Buch schon vor drei Jahren veröffentlichen können. Heute möchte ich lediglich auf den Roman von Herrn Nenik hinweisen. Vielleicht kaufen Sie sich den ja auch. Sonst können Sie, wenn es soweit ist, nicht mitreden.

    So sieht‘s aus, und hier können Sie das kaufen.

    Nachtrag: Es gibt bereits die ersten Spuren des Buches, hier. Heute ist der fünfte März und ich bin dabei, XO zu lesen und bin überaus angetan.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Februar 2012

    Der Atlas des Westens V

    Das ist jetzt meine letzte Bemerkung zu der Auseinandersetzung mit dem Text von Daniele Del Giudice. Ich habe das schon einmal an anderer Stelle gesagt. Da wollte das keiner hören. Deswegen sage ich es jetzt noch einmal. Ich wiederhole das so lange, bis man mir endlich Gehör schenkt oder mir widerspricht: Die Bilder der Physiker – vom Universum und dem ganzen Rest – sind sehr schöne, in erster Linie allerdings poetische Bilder. Wir visualisieren die Umstände, um sie uns vorstellen zu können. Aber was wir uns vorstellen können, ist nicht die Wahrheit über das, was da draußen wirklich ist. Es ist die Wahrheit über das, was wir uns vorstellen.

    Meine Vermutung zu dieser Teilchen-Physik ist: diese Leute sind auf der Suche nach einem Bild und nicht nach einem Ereignis. Oder in den Worten, die wir hier bereits hatten: unter den Worten verbergen sich die Bilder.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Februar 2012

    Der Atlas des Westens IV

    Der Schriftsteller Epstein beschreibt drei nebeneinander stehende Personen:

    „Epstein überlegte einen Augenblick lang, wie die Stellung eines jeden Einzelnen von ihnen, die kleineren und größeren Abstände zueinander, die Beziehung im Raum und zum Flugzeug, das sie inzwischen wieder alle betrachteten, noch stärker als die Gesten zum Ausdruck brachten, wie man sich und die anderen sah, und diese Bilder verbargen sich unter Sätzen wie: ‚Hoffentlich kommt er bald zurück‘, oder ‚Ich bin mir nicht sicher, ob das Fahrgestell etwas abbekommen hat, aber lieber nichts riskieren.‘ Er dachte, all dies hielte die Menschen aufrecht, wie ein Gerüst, und wenn es plötzlich wegfiele, brächen auch die Menschen zusammen, wie jemand, der im Laufen geköpft wird und dessen Körper noch ein paar Schritte macht, bevor er zusammenbricht.“

    Daniele Del Guidice, Der Atlas des Westens, Seite 20

    Da freut sich die Literatur_wissenschaflerin! Eine sehr gelungene Passage: die Worte halten die Menschen aufrecht und fielen sie, die Worte, weg, wäre das wie wenn jemand im Laufen geköpft wird und noch ein paar Schritte weitertaumelt. Die Bilder verbergen sich unter Sätzen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 Februar 2012

    Der Atlas des Westens III

    [Die Einträge zu Del Giudice sind jetzt ein wenig zerrissen, was den Umständen mit der Lesung zuzuschreiben ist und dem Absturz meiner Festplatte. Aber es muss ja nun einmal weitergehen.]

    Sehr interessant sind solche Formulierungen wie die folgende, wo einer mit seinem Auto über eine Straße fährt: „Brahe betrachtete die bewegliche Landschaft oberhalb des Armaturenbretts.“

    Wir wissen, dass die Landschaft feststeht und wir es sind, die sich durch sie hindurchbewegen. Aber wir wissen auch, dass in dem Moment wo wir das tun, sich die Landschaft an uns vorbeibewegt. Unser Wissen von den Tatsachen – die Landschaft steht fest – lässt sich mit unserer Wahrnehmung nicht in Einklang bringen. Wir sind daran gewöhnt, diesen Widerspruch zu ignorieren. Aber er ist dennoch da. Es ist immer da, wenn wir uns ins Verhältnis zu den Dingen setzen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Februar 2012

    Schreiben Sie mir eine E-Mail

    Bedauerlicherweise ist gestern meine Festplatte kaputtgegangen. Die Dateien hatte ich auf einem Stick, alles andere lag in Gottes Händen. Und der kannte sich leider mit Computern nicht aus. Die gesamte Architektur meines Rechners ist weg. Unter vielen Dingen auch alle E-Mail-Adressen. Und nicht nur die Adressen. Sollten Sie mir am 15. oder am 16. Februar eine Mail geschrieben haben, ist die nicht angekommen.

    Bitte schreiben Sie mir eine Mail, dann habe ich wenigsten Ihre Adressen. Am liebsten ohne Inhalt, sonst muss ich hundert Mal meine Verfassung erklären. Die wird davon aber nicht besser. Ich nutze jetzt nur noch eine Adresse:

    alea.torik(ät)aleatorik.eu

    Vielen Dank!

    Ich vermute, dass mintestens – da ist mir doch das rumänische Wort minte dazwischen gerutscht, mintestens ist die Steigerung von minte. Es muss also heißen: mindestens – einer von Ihnen mir eine Mail geschrieben hat. Ich habe keine bekommen. Was immer das ist. Wenn es etwas Dringendes gibt, vorläufg bin ich zu erreichen unter aleatorika@googlemail.com

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Februar 2012

    Mysterium

    „Die tiefste Lehre Prousts – wenn Dichtung je belehrend sein kann – besteht darin, das Wirkliche in der Beziehung zu dem zu sehen, was auf immer anders bleibt zu dem Anderen als Abwesenheit und Mysterium“. (Emmanuel Lévinas)

    „Die Beziehung zum Andern, so betont Lévinas immer wieder, ist Ethik. Nur wenn diese wahrgenommen wird, kann der Andere als Anderer erscheinen. ‚Das absolut Neue ist der Andere‘. Nur in diesem ‚Ausgehen vom Anderen‘ wird der andere nicht objektiviert, kein Gegenstand des forschenden Wissens, der Deutung oder der vereinnehmenden Behandlung. Der Andere fordert zum Handeln in Güte heraus. … Nach Lévinas ist der Andere nicht etwas, das aus mir erwächst, sondern in mich einfällt.“ (Heinz J. Kersting).

    In diesem Zusammenhang schrieb mir Alice, von der ich Zitat und Stellenangabe habe: „In Ihrem Roman erlebe ich die Figuren in diesem Sinne oder mit der gleichen Haltung dargestellt: mit Liebe und Respekt, fast so, als würden Sie selbst sich den Zugriff auf die von Ihnen erschaffenen Figuren verbieten, denn diese sind frei, auch zu scheitern.“

    Das sind Formulierungen, die mich ganz ungeheuer freuen. Etwas in der Art empfinde ich ebenfalls. In der ästhetischen Formung fiktiver Figuren – eines Figurenensembles -, entzieht sich immer etwas. Das ist kein Fehler und auch keine Schwäche, sondern literarisch notwendig. Und das ist eine Art ethischer Grundierung. Diese Figuren sind insoweit frei, und also nicht an die Autorin gebunden, da sie tatsächlich auch scheitern können. Also nicht in ihrer Konzeption durch mich, sondern in ihrem Sein an sich.

    Das ist etwas, das ich dem Leben gegenüber habe, der Respekt, der aus dem Wissen stammt, dass man scheitern kann. Das muss ich als Autorin meinen Figuren mitgeben können. Das ist eine Intensität, die weit über Fragen von Handlungsaufbau, Plot oder Spannung hinausgeht. Ich muss meinen Figuren etwas mitgeben können, das über mich hinausgeht. Das ist das Mysterium.

    Ich glaube, mit diesen Formulierungen findet der langwierige Abnabelungsprozess von dem Roman wirklich zu seinem Ende! Deswegen ist das ein wichtiger Eintrag.

    Emmanuel Lévinas, Amour et révélation, In: Huot-Pleuroux, P. u.a. (ed.): La charité aujourd’hui. S.O.S, Paris 1981: S. 133-148. In: Heinz J. Kersting: Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung. Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision (IBS) Aachen, 2002: S. 79.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 Februar 2012

    Gehirn und Gedicht

    Ich fand das erst interessant, dann aber sehr schnell nicht mehr: die neurologische Fundierung des Lesens und Denkens im Gehirn. Wenn es so ist wie im Folgenden beschrieben wird, dass ein aufnehmende Lesen nur innerhalb der Pausen möglich ist, die das Auge von den permanenten Blickrichtungswechseln macht, dann ist das eben so. Das ist bei allen Menschen der Fall, das ist einfach die neurologische Grundlage. Wir müssen da nicht lange drüber nachdenken, was sein könnte, machten unsere Augen keine Pausen oder wären wir doppelt so intelligent wie wirs sind.

    Ich habe diesen Gedanken schon einmal anhand der These Cărtărescu angesprochen, dass die Welt der Termiten so aussieht wie ihre Kaufwerkzeuge ihnen das vorgibt. Diese termitische Strukturierung der Welt, das gilt auch für uns. Bei Cărtărescu können Sie sich einen Termin holen, und danach gehen Sie gleich mal zu dem Kollegen über den Flur und dann rechts, zu Ion Manolescu hierher, der hat einen großartigen Roman geschrieben, die Ausschnitte finden Sie hier,  und dann sind sie eins, zwei drei auf dem neusten Stand.

    Jetzt aber zu den Gehirnforschern:

    „Sie wissen auch, obwohl die Worterkennung die Basis des Lesevorgangs ist, ist es ja noch viel komplizierter, denn Bedeutung entsteh ja auch in Wortkombinationen, in Sätzen in Phrasen. Das ist keine Statische Angelegenheit, sondern wir müssen dreimal oder viermal pro Sekunde ruckartig unsere Augen bewegen, zwölf Blickbewegungsmuskeln müssen dafür von unserem Gehirn koordiniert werden. Zwischen diesen ruckartigen Sakkaden (Blickzielbewegungen) liegen kurze Pausen, Fixation genannt, die im Mittelwert nur eine Viertelsekunde dauern und nur während dieser Fixationen, kann das Gehirn die Information aufnehmen, die es zum sinnentnehmenden Lesen benötigt. Kurzum, das Gehirn verhält sich ein bisschen wie Bölls Clown, der nur Augenblicke sammelt, aber aus diesen Augenblicken konstruiert es dann etwa ein Gedicht, das wiederum dem Gehirn einer anderen Person entnommen ist, in diesem Fall Ricarda Huchs.“ (Arthur Jacobs)

    Raoul Schrott und Arthur Jacobs über “Gehirn und Gedicht”, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 Februar 2012

    Am 16. Dezember 2010 ist Thien Tran in Paris verstorben

    Am 16. Dezember 2010 ist Thien Tran in Paris verstorben. Er hat das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium bekommen. Ich kann mich an die Lektüre von Rom, Blicke von Brinkmann erinnern. Ich habe das Buch einmal in eine Reihe mit zwei anderen mich beindruckenden Büchern gestellt: Örtliche Leidenschaften von Barbara Bongartz und Die Insel des zweiten Gesichts von Albert Vigoleis Thelen.

    Wie Thien Tran wohl gelebt haben mag? In Vietnam geboren, kam er mit drei Jahren nach Deutschland. Fühlt man, wenn man in dem Alter hierher kommt, die eigene Fremdheit oder die der anderen? Er studierte Literatur und Philosophie, hat einen Band mit Gedichten veröffentlicht, und wollte, wie ich irgendwo gelesen habe, immer mit dem Kopf durch die Wand. Das ist keine schlechte Angewohnheit für einen Dichter. Es gibt einfach sehr viele Wände und wenn man anders hindurch käme als mit dem Kopf, dann bräuchte man nicht Dichter werden. Man nähme einfach Türen, Fenster, Treppenhäuser, Aufzüge. Man sieht die natürlichen Löcher in den Wänden und muss nicht mühsam eigene hineinbrechen.

    Wie Thien Tran wohl gestorben sein mag? Vielleicht ist er genauso tragisch, so lächerlich ums Leben gekommen wie Brinkmann in London. Weil er nicht an den Linksverkehr gewöhnt war und beim Überqueren der Straße instinktiv in die falsche Richtung geschaut hat. Aber Thien Tran ist in Paris gestorben. Vielleicht hat er keine Wand mehr gesehen, durch die er hindurch konnte? Überall nur Ausweglosigkeit statt Wände und Löcher. Vielleicht hat er sich vom Leben verabschiedet, wie so viele Dichter. Suizid und Sprachlosigkeit haben einiges gemein.

    Ich weiß kaum etwas über den Mann, nichts über seine Dichtung, nichts darüber, wie er mit Worten gelebt hat. Ich kenne ihn gar nicht. Er steht im Alphabet bei Literaturport einfach nur unter mir. Vorher stand er unter Claudia Tomann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Februar 2012

    Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?

    Das war gestern ein rundum gelungener Abend. Besser hätte das nicht laufen können. Ich war den ganzen Tag über ziemlich aufgeregt. Ich habe mich vor der Lesung mit einer Dame von der Presse getroffen. Die wollte mich auf Herz und Nieren prüfen. Dummerweise hatte ich, bevor ich das Café betrat, das Gefühl, weder das eine noch das andere zu haben. Ich war aufgeregt. Das bin ich auch jedes Mal, wenn ich mich mit meinem Prof. treffe. Ich bin ein wenig zu spät gekommen. Sie saß schon da und hatte mein Buch auf dem Tisch liegen.

    Ich habe ihr dann von meinen beiden Roman erzählt und sie mir von ihrem Vater, der lange mit dem Schreiben gekämpft, es aufgegeben hat und jetzt gerade wieder damit anfängt. Das Schreiben kann ein Kreuz sein. Aber auch ein großes Glück. Dann haben wir über die rumänische Literatur gesprochen - Mircea Cărtărescu, Herta Müller und Oskar Pastior – und über Rumänien natürlich. Das ganze Gespräch war ausgesprochen gut. Das war sogar noch besser.

    Danach bin ich zu spät zu meiner Lesung gekommen! Da war gewollt.  Zwei Freunde haben für mich gelesen: Valentina und Claus. Es waren etwa fünfzig Leute anwesend. Ich stand in der letzen Reihe und konnte mir das in Ruhe anhören. Ich habe die Worte von Herrn Osburg mitbekommen, der von meinem Buch geschwärmt und die von Frau Schwind, die meine beiden Vorleser_innen schön eingeführt hat. Dann wurde „Es war dasselbe, es fühlte sich nur vollkommen anders an“ gelesen. Ich konnte kaum glauben, dass ich das geschrieben habe. Wieder einmal stellte ich fest, dass der Text, wenn man alleine davor sitzt, ein anderer ist. Ein anderer als der, der dann in einem Buch steht. Und er verändert sich noch einmal, wenn er von fremden Stimmen gelesen wird. Er verändert sich, wenn er gehört, wenn er verstanden wird. Und wahrscheinlich verändert er sich auch, wenn er nicht verstanden wird.

    Ich muss die Dinge manchmal aus der Ferne wahrnehmen. Ich fühle mich dann sicherer. Außerdem bin ich nur vorlaut, wenn das Netz dazwischen ist. Ich stand dort hinten und habe gelächelt und ich weiß, dass die beiden da vorne das gesehen haben.  Später drückte mir Herr Osburg den nächsten Vertrag in die Hand. Damit wäre auch „Aléas Ich“ unter Dach und Fach: Erscheinungstermin Januar 2013! Das war also wirklich ein sehr schöner Tag. Dann habe ich meine beiden Vorleser noch in ein Restaurant eingeladen.

    Wo haben Sie eigentlich alle gesteckt?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Februar 2012

    Veranstaltungshinweis: Lesung am 10. Februar 2012

    Am kommenden Freitag wird bei der Vernissage Stadt, Land, Fluss mein Roman „Das Geräusch des Werdens“ vorgestellt.   Es wird, wenn das technisch machbar ist, einen Mitschnitt dieser Lesung geben, den ich hier auf der Seite einstellen werde.

    Hier ist die Ankündigung. Wenn Sie kommen möchten, dann können Sie sich anmelden unter: ms(ät)schwindkommunikation.de

    19.00 Galerie SCHMALFUSS BERLIN Knesebeckstr. 96 VH 3. St. 10623 Berlin.

    Und der Tagesspiegel hat auch Wind von der Sache bekommen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Februar 2012

    Der Atlas des Westens II

    In der Auseinandersetzung mit dem Text hatte ich gesagt, Höhepunkt des Romans sei die Nacht, in der die Physiker die Ergebnisse ihres Experiments sehen. Hier wird beschrieben, woran, im Moment des Geschehens!, man sich, wenn es vorüber ist, erinnern wird. Es wird eine Vergangenheit in der Zukunft beschrieben, eine Zeit, die in mehrfacher Hinsicht nicht ist. Das ist sehr interessant, wenn man sich eine andere Äußerung zu Zeit und Wahrnehmung anschaut.

    Einmal trifft sich Brahe mit Wang, einen Chinesen der am DESY in Hamburg arbeitet, den Nobelpreis bekommen hat und am CERN einen Versuch machen will. Und er will, was immer das heißt, von Brahe 20 cm im Versuchsaufbau. Das Gespräch zwischen den beiden ist hochinteressant, es besteht im Grunde nur aus Wiederholungen. Wang sagt mehrfach dasselbe, bisweilen variiert er es.

    „Wenn ich es Ihnen doch sage“, hat Brahe lächelnd gesagt. „Im Gegenteil, wahrscheinlich seht ihr in Hamburg viel mehr als wir.“
    „Aber nein. In Hamburg sehen wir gar nichts. Praktisch nichts“, hat Wang gesagt, und sich mit dem Sitz seiner Krawatte abgefunden. „Nichts, was man nicht schon gesehen hätte.“
    Es entstand eine kurze Pause; der Blick des Chinesen war abwesend und gleichzeitig ganz nahe. Ganz in sich versunken und dennoch auf Brahe geheftet, als würde er ihn berühren. Nach einem Augenblick hat er aufs Neue begonnen:“Wenn man etwas sehen will, braucht man die Kraft das herzustellen, was man sehen will. Glauben Sie nicht?“
    [ … ]
    „Wenn man etwas sehen will“, hat Wang aufs Neue begonnen, „braucht man große Willenskraft und große Energie, zuvor und danach, denn das, was hergestellt worden ist, um gesehen zu werden, sieht man nicht, während es geschieht: man sieht es zuvor als Absicht und danach als Resultat.“

    Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens, Seite 54 f.

    Bei Del Guidice ist nicht ein Wort ohne Absicht: dass etwas gleichzeitig abwesend und nahe sein kann, ist dasselbe, was er dann mit den Worten „Absicht“ und „Resultat“ noch ein weiteres Mal formuliert. Man sieht die Dinge nicht, während sie geschehen, also einmal. Man sieht sie zweimal, einmal bevor sie stattfinden und einmal danach. Einmal als Absicht und einmal als Resultat. Weder in der Absicht, noch im Resultat sind sie gegenwärtig. Sie sind zukünftig oder vergangen. Das heißt: sie sind zweifach vorhanden, aber tatsächlich „da“ sind sie nicht. Das ist ein hochinteressantes Gedankenexperiment. Del Giudice beschreibt hier physikalische Zustände. Aber möglicherweise beschreibt er auch mehr als das. Wir wissen ja, dass die Gegenwart von verschwindend geringer Ausdehnung ist. Sodass wir sie sozusagen von zwei Seiten umklammern, als proleptische Absicht und als analeptisches Resultat.

    In diesem Zusammenhang sind auch die Bemerkungen zu verstehen, die von zwei verschiedenen Zeiten ausgehen, einer des Verstandes und einer der Emotionen: Erleben wir die Dinge vielleicht immer zweimal, einmal vorauslaufend mit dem Verstand und dann hinterherhinkend, mit dem Gefühl? Nur das eigentliche Ereignis erleben wir vielleicht nicht. Weil das Eigentliche nicht zu erleben ist, wir erleben seine Ableitungen.

    Das ist doch hochinteressant. Wenn ich hier Kommentator_in wäre, dann würde ich mir jetzt meinen Füller schnappen und was dazu formulieren!

    Sie bemerken vielleicht, dass ich langsam und schleichend den Gender_Gap einführe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    04 Februar 2012

    „Der Glühfaden einer Lampe im Vakuum der Birne“

    Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens

    Der Autor scheint in Deutschland nahezu unbekannt.  Das er dennoch nicht vollständig unbekannt ist, ist Cornelia Klettke zu verdanken, Professorin für Romanistik. Sie gilt als die große Del Guidice Interpretin und hat die maßgebliche Monografie verfasst: Attraverso il segno dell’infinito – Il mondo metaforico di Daniele Del Giudice). Der Autor hat einen sehr ungewöhnlichen Text geschrieben, ein Kentaur, halb Geschichte und halb Experiment. Da ich keine Rezensionen schreibe, sondern mich mit Texten auseinandersetze, will ich versuchen, dem vorliegenden durch eine ebenfalls möglichst experimentelle Versuchsanordnung gerecht zu werden.

    Im Hintergrund des Romans steht das wohl größte Experiment, das je von Menschen ersonnen wurde und das unter dem Namen CERN bekannt ist: Ein sogenannter Teilchenbeschleuniger. Dort werden atomare Teilchen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, um sie miteinander kollidieren zu lassen. Von den Ergebnissen dieser Zusammenstöße erhofft man sich Rückschlüsse auf die Verfasstheit von Materie im Allgemeinen und vor allem auf jenen Moment, als sie verfasst wurde: der Bing Bang. Nun versteht natürlich kein Mensch, was in dem dreißig Kilometer langen Tunnel wirklich passiert. Keiner außer den Physikern. Die meisten Physiker können gut rechnen, aber nicht gut erklären und so greifen in ihrer Not dann zu Bildern, die der Sache nicht gerecht werden: Züge fahren nicht mit Lichtgeschwindigkeit, im Atomkern sieht es nicht so aus und im Sonnensystem nicht so . Möglicherweise sieht es da sogar gar nicht aus, weil Aussehen etwas ist, was nur mittelgroße Gegenstände haben: zum Aussehen muss ja das Auge hinzukommen, das sieht. Und das sieht vielleicht nur ihm ähnliche Dinge: ‘Das Auge erkennt die Sonne nur, weil es selbst sonnenhafter Natur ist’. Es kann weder Atomkerne erkennen noch Universen.

    Der Autor hat er einen anderen Ansatzpunkt. Er lässt einen Physiker des CERN mit einem Schriftsteller kollidieren und schaut sich die Trümmer, also die Ergebnisse an. Das ist ein Experiment: die Personen scheinen nur in der Gegenwart zu existiere, im Moment der Kollision. Keiner erinnert sich an außerhalb der beschriebenen Ereignisse Liegendes. Einzige Ausnahme: der Schriftsteller, der in einem Brief ankündigt, dass er das Schreiben aufgibt. Er erinnert sich, wie er damit begann, Anfangs- und Endpunkt seiner Tätigkeit. Der Kreis wird geschlossen. Diese Zeitlosigkeit geht allerdings ein wenig auf Kosten der anderen Hälfte dieses Romans: seiner erzählerischen Tiefe. Die Figuren sind nicht sehr dicht gezeichnet, sie haben keine Konflikte, sind immer freundlich, sie antworten wenn sie gefragt werden und meistens tun sie es „lächelnd“. In einem Roman ohne jedweden Experimentalcharakter – was immer das ist, es muss präpoststrukturalistisches Erzählen gewesen sein – wäre das sehr eintönig. Aber das hier ist ein Experiment. Das beinahe schon gestelzte dieser wenigen Szenen wirkt gewollt. Del Giudice will, unterstelle ich ihm, offenbar keine Geschichte erzählen. Er will nur den Moment, in dem die Teilchen aufeinander prallen. Er will beobachten, was dann passiert.

    Gerade eine Handvoll Personen begegnen einander in ebenso vielen Szenen. Die beiden Protagonisten – der italienische Physiker Pietro Brahe, der am CERN arbeitet, im Ring, im Karussell, und der Schriftsteller Ira Epstein – stoßen beinahe mit zwei Sportflugzeugen zusammen. Vielmehr versucht Epstein Brahe in der Luft zu rammen. Später werden sie, statt sich zu streiten oder zu prügeln, Freunde. Die beiden Männer treffen sich bei einigen Gelegenheiten, einmal ist Rüdiger dabei, der Arbeitskollege Brahes, und Gilda, die für Epstein archivarische Arbeiten vornimmt; Gilda und Pietro treffen eine Verabredung und küssen sich vorsichtig; Brahe entdeckt im Laufe seines Experimentes etwas möglicherweise Bahnbrechendes; Epstein fährt aus Genf ab, Brahe kommt zur Verabschiedung an den Bahnhof. Das ist die Geschichte. Darum kann es wohl nicht gehen.

    Es geht vielmehr um das Sehen. Es geht um das Licht. Es geht darum, was Brahe sieht, wenn er in den Tunnel schaut, wenn er auf seinen Bildschirm schaut, wo diese Ereignisse visualisiert werden, wenn er die Datenmengen, die Zahlenkolonnen anschaut. Und es geht darum, was Epstein sieht, wenn er Menschen beobachtet, wenn er einen Roman schreibt und Verhältnisse konstruiert. Aber es geht nicht darum, das eine dem anderen gegenüberzustellen und als mehr oder minder realitätsgerecht zu beschreiben. Es geht Del Giudice darum, nehme ich an, Ähnlichkeiten oder Intensitäten zu pointieren. Er bemüht dabei nicht den Topos, dass Kunst und Naturwissenschaften gemeinsame Wurzeln haben, dann aber getrennte Wege gegangen sind; in getrennte Tunnel geschickt worden sind und heute von Wissenschaftlern unterschiedlicher Provenienz beobachtet werden.

    Die beiden Höhepunkte dieser minimalistisch konstruierten Erzählung, die sprachlich und stilistisch am besten ausgearbeiteten Stellen, finden sich in der Beschreibung eines Feuerwerks durch Epstein und der Beschreibung jener entscheidenden Nacht im CERN, da Brahe und seine Kollegen einen „Kandidaten“ sehen: ein Kandidaten für ein mögliches Ergebnis. Das Feuerwerk wird – durch Epstein nämlich – so beschrieben, wie man eigentlich erwarten würde, dass der Physiker Brahe die Ereignisse in dem Tunnel beschreibt. Während Brahe diese große Nacht so beschreibt wie man annehmen müsste, dass Epstein einen Roman schreibt: indem er vor allem beschreibt, wie die Menschen sich fühlen, die dabei sind und woran sie sich später erinnern würde. Jeder der beiden greift also in die Kategorie des anderen!

    Epstein, das Feuerwerk beschreibend, spricht von sphärenförmigen Granaten, „die der Reihe nach explodierten, enorme Kugeln aus gelben Sternen, die enorme Kugeln aus grünen Sternen gebaren, die enorme Kugeln aus violetten Sternen gebaren, oder Sternchen, die so rot waren wie das Rot des Spektrums, in dessen Richtung sich das Licht der sich wahrscheinlich ins Unendliche entfernenden Galaxien verschiebt, sofern das Universum offen ist, oder Kugeln aus Sternen, die so blau waren wie das Blau des Spektrums, in dessen Richtung sich das Licht der Galaxien verschiebt, sofern das Universum geschlossen ist und sie von dessen äußerem Rand abprallen und zurückkehren.“

    In der entscheidenden Nacht im Teilchenbeschleuniger stehen alle Physiker um Pietro Brahe und Rüdiger: Die Nacht, in der sie Ergebnisse ihres Experiments sehen. Hier wird beschrieben, woran man sich, im Moment des Geschehens!, erinnern wird, wenn es vorüber ist. Es wird eine Vergangenheit in der Zukunft beschrieben, eine Zeit, die in mehrfacher Hinsicht nicht ist. Dennoch, oder vielmehr: deswegen hat der Text hier eine beeindruckende Intensität. Auffallend ist, dass sich keine der Personen an sich selbst erinnern wird. Jeder erinnert sich vielmehr an einen der anderen. Nicht das eigene Erleben ist das, was diesen Moment ausmacht und intensiviert, sondern das des anderen. Und das – genau das! – machen Schriftsteller_innen: sie verschieben ihr eigenes Erleben auf andere. Sie schieben es damit aber nicht von sich weg, sondern intensivieren es.

    Das ist ein Roman über die Wahrnehmung, über Licht und Sehen und um die Grenzen dieser Begriffe – die Grenzen der Semantik – das sogenannte Hintergrundgeräusch: „so bezeichneten sie inzwischen, ohne eine Grenze zwischen Akustik und Optik zu ziehen, jegliche Störung einer klaren Wahrnehmung.“ Diese Störung ist im Grunde schon im Experiment selbst angelegt, es ist keine Störung, es ist eine Überschneidung, das Experiment ist der Detektor, „wobei sie mit einem einzigen Wort Maschine, Intentionen und eventuelle Resultate bezeichneten, in jener eigenartigen und absoluten Relation, wo alles gleichzeitig Determinat und Determinant war, er selbst nicht ausgeschlossen.“ So nennen es die Physiker, die Sprachwissenschaftler seit de Saussure nennen es Signifikat und Signifikant. Die Dinge sind beides zu gleicher Zeit, wir selbst, die den Dingen einen Sinn verleihen, nicht ausgeschlossen.

    Die Physik und die Literatur, das ist die Ähnlichkeit zwischen den beiden Disziplinen, beschäftigen sich mit Dingen, die im strengen Sinne nicht wirklich sind. Die Literatur hat dafür die Bezeichnung „fiktional“. Die Physik muss aus Datenmengen zurückrechnen und sich vorstellen, wie das, was die Daten nur beschreiben, ‚wirklich‘ gewesen sein könnte. Auch das ist eine imaginative und fiktionale Leistung. Sie unterscheiden sich hingegen darin, dass die Physik das Paradigma eines rein objektiven Geschehens ist, während es kaum ein Paradigma größerer Subjektivität gibt als die Kunst. Bei den Physikern, und ich kenne einen sehr gut, vor allem bei denen an Teilchenbeschleunigern, ist der Nobelpreis permanent Thema, die stehen nicht an einem Morgen auf, ohne sofort an den Nobelpreis statt ans Frühstück zu denken. Bei Schriftstellern ist das nicht der Fall, ich kenne jedenfalls keinen, der daran denkt. Am Ende bekommt Epstein, darf man annehmen, diesen Preis auf den Brahe und seine Kollegen, darf man ebenfalls annehmen, spekulieren. Auch hier haben wir ein umgekehrtes Verhältnis, vielmehr einen Chiasmus, den ich als eine Möglichkeit, Verhältnisse zu intensivieren beschrieben habe.

    Diese Struktur, dass beide in das Begriffsregister des anderen greifen, bereitet das besonders gelungene Ende des Romans vor, wo Ira Epstein Dinge sieht, die er nicht sehen kann!- und so die Theorie des Nobelpreisträgers Wang bestätigt, der sagte, man sähe die Dinge zuerst als Absicht und dann als Resultat -, oder die er nur sehen kann, weil sich verschiedene Kategorien überschneiden. Er sieht jene Szenen der Handlung, bei denen er nicht dabei gewesen ist. Er sieht, wie sich Brahe mit Wang trifft, er sieht Brahe mit Gilda –wenige Zeilen voller Zärtlichkeit – , er sieht Brahe nach der entscheidenden Nacht im Teilchenbeschleuniger, auf dem Weg zum Bahnhof, um ihn, Epstein zu verabschieden und er hört ihn zu sehen auf, als Brahe dann tatsächlich auf ihn zukommt! Was der Leser dann nicht mehr sieht, was aber dennoch da ist, was der Literaturwissenschaftler sieht – zuerst als Absicht und dann als Resultat! – das ist die Möglichkeit, dass Epstein, wenn er aufhört die Dinge zu sehen, wenn sie ‚da‘ sind, sie auf jene spezielle Weise der Schriftsteller_innen gesehen hat: er bildet sie sich ein. Nicht nur jene Szenen, bei denen er nicht dabei ist. Und er kann damit aufhören, wenn die Dinge “da” sind. Wenn er sie niedergeschrieben hat.

    Im Original lautet der Titel Atlante occidentale. Ich halte die wörtliche Übersetzung Atlas des Westens für alles andere als gelungen. Was in den Sprachen mit großer Nähe zum Lateinischen mitklingt, ist das ex oriente lux, das Licht aus dem Osten. Dem stellt del Giudice ein ex occidentale lux gegenüber, das Licht aus dem Westen: die Spuren kollidierender Teilchen im CERN. In diesem Roman will Epstein ein Buch schreiben mit dem Titel: Atlas des Lichts, wo wir es wahrscheinlich mit diesen Gegenüberstellungen zu tun hätten. Sein erstes Buch hatte den Titel: Atlas der Gangarten. Atlas, das wissen Sie alle, ist der, der die Welt auf seinen Schultern trägt, verweist also auf eine andere, ältere Vorstellung von der Verfasstheit der Welt, jenseits atomarer Strukturen. Diese Opposition von Ost und West, traditioneller und moderner Coleur, von verschiedenen Ausprägungen von Licht, diese Andeutung einer Gegenüberstellung: das kann man dem deutschen Wort Westen nicht entnehmen. Das gesamte Assoziationsgefüge des Titels wird unterschlagen und es wird auch kein anderes dafür geboten, nicht einmal durch das Cover: der Schutzumschlag zeigt eine Spielzeugeisenbahn (welch ein Glück, dass ich ein schöneres Cover habe!).

    Wir haben einen vielfachen, scheinbar unmotivierten Wechsel zwischen Perfekt und Präsens, bisweilen sogar im gleichen Absatz. Ich formuliere nur meine Vermutung, ohne das lange herzuleiten: Im Perfekt haben wir es mit der Versuchsanordnung zu tun, im Präsens mit den Ergebnissen.

    Daniele Del Giudice ist ein Autor, der in hohem Maße sein Material durchdrungen und auch durchgearbeitet hat. Bei diesem Buch war für mich sehr deutlich zu spüren, was ich oft schon bemerken konnte: indem ich darüber schreibe, komme ich auf seine Spur. Beim Lesen war das lange nicht so spannend wie beim Schreiben. Aber das ist ja auch in guten Seminaren so: man geht sehr viel reicher hinaus als man herein gekommen ist.

    In den kommenden Tagen reiche ich noch einzelne Bemerkungen zum Text nach, die hier nicht hineingepasst haben.

    Daniele Del Giudice
    Der Atlas des Westens
    Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
    Hanser Verlag, Roman 208 Seiten, 14.90 €
    ISBN 978-3-446-14618-1

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Februar 2012

    Seit das Captcha weg ist

    Seit das Captcha weg ist, gibt es hier keine Kommentare mehr. Ich nehme an, dass Sie nicht etwa diese Hürde vermissen und, weil Sie den Hürdenlauf gewohnt waren, nicht mehr kommentieren, da Sie das einfache Geradeauslaufen verachten. Ich nehme vielmehr an, dass Sie alle fleißig meinen Roman lesen, um dann, wie Sie ja ahnen und vielleicht sogar befürchten, jene Hürde werden nehmen, werden erklimmen müssen!, die ich anstelle des Captchas einbaue: Fangfragen zu meinem Text. Das wird hier noch ganz streng und bitter werden! Ich hoffe, Sie sind gut vorbereitet, wenn ich hier die Zügel anziehe und dreidimensionale Hürden einführe.

    Klingt als hätte ich etwas getrunken, nicht? Ist aber nicht der Fall. Ich bin nur angespannt. Dann bin ich immer so.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.