14 Januar 2012
Das Raunen der Piraten
Ich habe in langen Jahren ein Schiff gebaut, einen schönen Dreimaster. Und so wie mein Schiff nicht an einem Tag gemacht worden ist, so läuft es auch nicht an einem Tag vom Stapel. Am 23. Januar wird es in allen deutschsprachigen Häfen liegen. Aber am Horizont kann man es bereits sehen.
Es gibt Dinge, die man hier nicht sehen kann. Ich hatte eine Einladung vom WDR für ein einstündiges Radiointerview mitsamt Lesung. Ich musste es absagen. Darüber hat sich mein Verleger nicht gefreut. Gefreut hat er sich allerdings darüber, dass der Text offenbar Eindruck macht. Ich weiß derzeit noch nicht, wo ich die kommenden Monate verbringe. Es gibt die Möglichkeit nach Paris zu fahren oder nach Bukarest, wo ich Freunde haben und wohnen kann. Ich will mich zurückziehen, weil ich am nächsten Buch arbeiten muss. Jetzt habe ich ein Urlaubssemester und kann überallhin. Das Blog kann ich von allen Orten der Welt aus bedienen.
Für den potentiellen Leser kommt das Schiff langsam näher. Und wo es für andere größer wird und greifbarer, wird es für mich kleiner. Auch wenn mein Name groß draufsteht: mich werden Sie an Bord nicht finden. Andere haben das übernommen, ein Kapitän und ein erster Offizier und Matrosen und ein Koch. Wer hier regelmäßig liest, der weiß, dass die Trennung vom Buch für mich emotional schwierig war. Es war immer meins und dann habe ich es an einen Verlag verkauft und erkennen müssen, dass es nicht mehr mir gehört. Ich musste einiges lernen, womit mein Widerspruchsgeist nicht gut zurechtgekommen ist. Ich hatte mit diesen emotionalen Verwicklungen gar nicht gerechnet.
Ich bin nicht mehr an Bord. Ich stehe an Land und werde zusehen wie es sich bewegt, mal in der Nähe, mal etwas weiter entfernt. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit das anzuschauen. Es liegt noch in ruhiger See, aber es wird in den nächsten Monaten hoffentlich etwas windiger werden. Das Schiff kommt ja nur voran, wenn die Segel sich blähen. Vielleicht kommt es sogar in einen Sturm. Ich kann mir schon vorstellen, aus welcher Richtung der kommt. Aber so manches kleine Gebläse hat sich schon für eine Naturgewalt gehalten. Mein Schiff wird nicht kentern.
Der Leser wird’s lesen, auf die eine oder andere Weise „schön, schön“ sagen, und dann wird er es ins Regal stellen und vergessen. So wie ich das mit Büchern auch mache. Aber für mich ist das etwas anderes. Dieses Schiff wird immer bleiben. Und anders als die Leser, die sich längst anderen Schiffen zugewandt haben, anders als für den Verlag, der den aktiven Vertrieb irgendwann aufgibt, weil die nächsten Schiffe aufgetakelt werden, eine neue Saison kommt und mit ihr neue Bücher; anders als für alle anderen wird es mich immer begleiten. Es wird immer am Horizont zu sehen sein, deutlicher oder verschwommener, wichtiger oder unwichtiger. Aber es wird immer da sein, allezeit.
Ich habe mich schon längst abgewendet. Ich muss ja mein nächstes Schiff bauen. Nicht, weil ich nichts anderes kann. Ich kann auch mein Dissertationsrennbot fahren. Will ich aber derzeit nicht. Ich will weder einen Rumpf aus Stahl noch einen aus Carbon, keine Schaluppe, keine Pinasse. Ich will fünf Masten. Ich will die Segel setzen, die Takelage ächzen hören, ich will den Wind in den Masten spüren und abends will ich das Raunen der Piraten hören, uralte Geschichten vom Meer und seinen Opfern, seinen Helden und ihren Toden.
Ich beende mit diesem Artikel eine Serie, die „Das Geräusch des Werdens“ begleitet hat. Nicht von Anfang an, denn der Roman war fertig, als ich dieses Blog begonnen habe. Am Tag des Erscheinens wird es einen Hinweis geben, aber hiermit findet die Trennung von der Produktion statt. Jetzt geht es um die Wirkung und, so sagt man, um die Würdigung.
Hat ein Text eine Würde? Hat er sie von Anfang an oder bekommt er sie durch seine Leser? Durch seine, auch das sagt man so, Aneignung?
Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Januar 14th, 2012 unter Das Geräusch des Werdens, lang












Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 15. Januar 2012 um 16:49
Liebe Aléa,
“Ich hatte eine Einladung vom WDR für ein einstündiges Radiointerview mitsamt Lesung. Ich musste es absagen.”… kann ich gar nicht nachvollziehen, ehrlich gesagt. Was muss das fuer ein gewichtiger Grund sein, der das verhindert! Oder ist das Projekt nur aufgeschoben?
P.s.: Gesundes Neues Jahr noch und gutes Gelingen
LG
Irisnebel