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  • 04 Januar 2012

    „I would prefer not to“

    Am liebsten lese ich Romane. Geschichten mag ich nicht so gern, Kurzgeschichten, Erzählungen oder Short Stories. Allerdings sind die leichter zu lesen als ihre dicken Verwandten. Wahrscheinlich sind sie auch leichter zu schreiben und vor allem leichter zu verstehen. Damit haben wir schon drei Gründe, die gegen diese Textgattung sprechen!

    „Bartleby, der Lohnschreiber“ ist wohl die bekannteste Erzählung von Herman Melville. Diese Geschichte ist zum Zeitpunkt der Erzählung bereits vergangen und in ihrer Entwicklung abgeschlossen. Sie wird dem Leser aus der Perspektive eines älteren, namenslosen Anwalts berichtet, der sich als wenig ehrgeizig, aber zuverlässig bezeichnet. Bartleby war einer seiner Angestellten, zuständig für das Kopieren von Akten. Seinen Aufgaben kommt er einige Tage lang in vorbildlicher Weise nach: „Er betrieb sein Geschäft Tag und Nacht, kopierte bei Sonnenschein und Kerzenlicht“. Dann allerdings hört er sukzessive zu arbeiten auf und beantwortet alle Nachfragen mit derselben Antwort, die ein wenig variiert, aber nie erklärt oder begründet wird: „Es ist mir eigentlich nicht genehm“. In einer anderen Übersetzungen steht „Ich möchte lieber nicht“. Das Original lautet: „I would prefer not to“. Er verweigert sich der Arbeit. Dem Anwalt, obwohl keineswegs ein kalter und berechnender Vertreter der Gattung Mensch, bleibt nach verschiedenen Versuchen ihn zur Arbeit zu bewegen, nichts anderes übrig als Bartleby zu entlassen. Da der Schreiber aber außer den Räumen der Kanzlei keinen anderen Aufenthaltsort hat, geht er eben nicht. Mehrfach scheitert der Versuch, Bartleby zum Verlassen der Räume zu bewegen. So zieht schließlich der Anwalt mit seiner Kanzlei um und Bartleby bleibt als Vermächtnis dem nächsten Mieter. Auch dann kümmert sich sein Mentor noch um ihn. Der Schreiber aber beantwortet weiterhin alle Einlassungen seines Gönners mit der stereotypen Bemerkung: „I would prefer not to“. Schließlich lässt ihn der Hausherr wegen Hausfriedensbruch in die Tombs einliefern. Auch dort ist ihm sein Mentor noch zugetan. Bartleby allerdings hat nur diese Antwort auf alle Invektiven: „I would prefer not to“. Wenige Tage später stirbt er. Der Anwalt, der etwas über die Motive dieses Menschen erfahren möchte, findet heraus, dass sein ehemaliger Schreiber vorher bei der Post gearbeitet hatte, in der Abteilung für unzustellbare Briefe, ein, wie es im Englischen heißt, Dead Letter Office.

    Auffallend sind zwei gegenläufige Tendenzen, nennen wir sie Gleichartigkeit und Differenz oder Gemeinschaft und Abgeschiedenheit, Anziehung und Abstoßung.

    Zur ersten Tendenz gehört der hohe Grad an Übereinstimmung zwischen Arbeitgeber und Angestelltem. Beide Figuren schienen keinerlei Privatleben zu haben. Nicht nur Bartleby hat keine Kontakte zur Außenwelt, auch sein Arbeitgeber hält sich beinahe nur in der Kanzlei auf. Außer einem Besuch der Trinity Church, der dann nicht zustande kommt, erfahren wir nichts über sein Privatleben. Als er einmal mehrere Tage nicht zur Arbeit geht, heißt es von ihm, „Während dieser Zeit lebte ich eigentlich fast ausschließlich in meinem Kutschwagen.“ So wie sein Angestellter ausschließlich in den Räumen der Kanzlei lebt. Nur einmal ist von seinem Zuhause die Rede, am Schluss, als die Zuneigung des Anwaltes – sagen wir lieber: die Gleichartigkeit zwischen den beiden Männern – ihren Höhepunkt erreicht und er seinem Angestellten anbietet, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Die Ähnlichkeit betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Räumlichkeiten: das spätere Gefängnis und die Kanzlei werden mit ähnlichen Worten beschrieben, der Blick ist beschränkt von Ziegelmauern.

    Die gegenläufige Tendenz ist die Andersartigkeit. Die Kanzlei ist durchdrungen vom Geist der Ambivalenz. Die beiden Angestellten werden als sprunghaft in ihrem Verhalten beschrieben, der eine ist vormittags zuverlässig, was Punkt zwölf ins Gegenteil umschlägt, der andere ist zur selben Zeit unzuverlässig, Mittags schlägt auch er ins Gegenteil. Ihre alternierenden „Launen“ werden allerdings als „sinnig“ bezeichnet: es kommt zu einem Gleichgewicht. Auch der Anwalt ist von dieser Ambivalenz geprägt. Zu welchem Verhalten er sich gegenüber Bartleby auch durchringt, immer spricht etwas dagegen. Sodass er schließlich gar nichts unternimmt. Er denkt über Bartleby nach, aber er kann sich nicht zu einem Verhalten durchringen und ringt er sich schließlich doch durch, setzte er es nicht um. Setzt er es aber um, kommt es zu keinem Erfolg. Er liest zwei Bücher mit gegenläufigem Inhalt „Über den Willen“ und „Über die Notwendigkeit, kann sich aber erneut nicht durchringen und glaubt schließlich, dass genau dies sein Schicksal sei. Diese Ambivalenz wird kontrastiert durch das Verhalten Bartlebys. Zwar ist es unverständlich, weil es keinerlei Einsicht oder Introspektion in die Figur gibt; aber von Unsicherheit, Zweifeln oder Zögern, von einer vorübergehenden Laune kann nicht die Rede sein. Er scheint seiner Sache absolut sicher.

    Bartlebys Schicksal scheint von Anfang an klar: „bläßlich adrett, bemitleidenswert anständig, rettungslos verloren“, heißt es bei seinem ersten Auftritt. Er arbeitet einige Tage, dann beginnt er mit seiner Verweigerung, die ohne Ausnahme als sehr „sanft“ bezeichnet wird. Er gibt keine Erklärung für sein Verhalten. Aber er ist nicht umzustimmen, nicht durch Argumente und auch nicht durch das Verständnis des Anwalts, also durch die Artikulation der Gemeinsamkeit. Was den Anwalt irritiert, so scheint es, ist das Fehlen der sonst allgegenwärtigen Ambivalenz. Es sieht geradezu so aus, als habe der Schreiber eine Art Recht, ein Naturrecht, so zu sein und sich so zu verhalten, obwohl es gegen alle Vernunft spricht. Er ist sich scheinbar seiner Sache absolut sicher, bis in den Tod. Es gibt keinen erkennbaren Zweifel, für den Anwalt nicht und für den Leser auch nicht. Es ist eine generelle, unerklärliche Verweigerung, die immer weiter um sich greift, vom Korrekturlesen über das Kopieren bis zum Essen und schließlich in einer Lebensverweigerung endet.

    Der Anwalt kann dieses Verhalten nicht interpretieren, er hätte ihn bereits eher vor die Türe gesetzt, „wäre ich etwas normal Menschlichem darin gewahr geworden“. So wird ganz konsequent Bartleby schließlich auch beschrieben als „Kreatur“, „Gespenst“ und „Inkubus“. Nun ist die Ablehnung aller Tätigkeiten sicher kein Grund, einem Menschen das menschliche abzusprechen. Es sei denn, das genuin menschliche wäre für den Anwalt eben jener Zwiespalt: Ambivalenz als das Zeichen des Daseins. Als man ihm am Ende andere Arbeitsmöglichkeiten anbietet, lehnt der Schreiber diese Angebote dreimal mit den Worten ab: „ich bin nicht wählerisch“. Er ist es sogar so wenig, dass er überhaupt nicht wählt. Wählen kann man auch nur dann, wenn man zwischen zwei Dingen wählen kann. Wenn alles eindeutig ist, ist eine Wahl tatsächlich nicht möglich.

    Briefe, die keinen Adressaten haben, sind Dead Letters: Was einer einem anderen mitteilen wollte, das findet zu dem zweiten nicht hin und zum ersten nicht zurück. Es braucht beide Pole, den Sender und dem Empfänger, damit es zu einem Austausch kommen kann. Briefe, die keinen Adressaten und keinen Absender haben, die nirgendwoher kommen und nirgends hingehen, die keine Vergangenheit und auch keine Zukunft haben.

    Die Räumlichkeiten der Kanzlei sind in zwei Teile geteilt und obwohl Bartleby zu den Angestellten gehört, wird er in jenem Teil untergebracht, in dem der Anwalt sitzt, hinter einem Paravent, und „auf diese Weise waren, sozusagen, Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist das Menschsein: „Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist sozusagen die Ambivalenz: wir sind immer beides, manchmal sogar beides zugleich. Wir sind in bestimmten Dingen und Umständen von den anderen abgeschieden, wir sind vereinzelt und wir sind immer auch Teil einer Gemeinschaft, einer Bürogemeinschaft, einer Glaubensgemeinschaft oder auch nur der Gemeinschaft der Menschen. Wir gehen nie vollständig in der Vereinzelung oder in der Gruppe auf.

    Man könnte das auch etwas provokanter formulieren (das Blog liegt ja schon seit einiger Zeit recht tot herum, vielleicht kann ich noch mal einen oder einen anderen aufrütteln mit einer provokanten These; aber wer richtig tot ist, lässt sich vermutlich auch nicht mehr mit These zum Leben provozieren) : Wer sich nicht widersprüchlich verhält, sondern eindeutig, der ist nicht zu verstehen. Weil Verständnis zwar auf der Grundlage einer Gemeinsamkeit funktioniert, der hier genannten ersten Tendenz, – wenngleich das Wort im Deutschen nicht allein einen intellektuellen, sondern auch einen emotionalen Bedeutungshof hat, der allerdings hier nicht gemeint ist – wichtiger aber ist zweite Tendenz: die Differenz.

    Das Eindeutige kann gar nicht verstanden werden, weil die Grundlage eines jeden Verständnisses die Möglichkeit ist, es misszuverstehen! Ich sage nicht, dass das richtig ist, ich sage bloß, dass das provokant ist. Wenn ich hier bloß richtige Dinge formulieren müsste, könnte ich ohne Schwierigkeiten hundert Einträge am Tag einstellen. Aber das ist ja ein Blog für Fortgeschrittene. Die einfache Trennung von richtig und falsch ist eben etwas für Anfänger.

    Bei Kommentaren: beide Worte eingeben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 4. Januar 2012 um 19:52

    Am liebsten lese ich Erzählungen, kurze Geschichten, Vignetten. Romane mag ich nicht so gerne. Allerdings sind sie viel leichter zu lesen als ihre schmalen Verwandten. Ziemlich sicher sind sie auch viel leichter zu schreiben und vor allem leichter zu verstehen (vor allem für Literaturwissenschaftler und Pädagogen).

    Tut mir leid, liebe Alea, aber die Einleitung zu diesem Text halte ich für vollkommenen Unsinn. (Wahrscheinlich ist sie ja auch als solcher gemeint.)

    Bartleby ist trotzdem oder deswegen toll. Finde ich. Findet mein Sohn. Findet mein Mann…Eigentliche jede/r Leser:in, den/die ich kenne.

    By the way – natürlich lese ich viele Romane. Viele der großartigsten epischen Texte aber, die ich kenne und liebe, sind keine. Der Roman ist die erzählerische Form einer bestimmten Epoche. Es gab ihn vorher nicht; es wird ihn einmal nicht mehr geben. Wir können die großen Epen des Mittelalters dennoch lesen, heute noch. Sogar Romane des 19. Jahrhunderts (mein Fontane). Aber Alice Munros Erzählungen sind näher dran, an dem was ich über die Gegenwart erzählt haben möchte, als jeder (dicke) Roman, den ich in den letzten Jahren gelesen habe.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 4. Januar 2012 um 21:22

    Liebe Melusine,

    die Einleitung ist keineswegs unsinnig gemeint. Unsinn ist eine Kategorie, die mich nicht interessiert, schon gar nicht der vollkommene Unsinn. Weil ich grundsätzlich immer jeder Äußerung, meinen eigenen und denen der anderen, einen Sinn zugestehe. Ich habe das mit einem Zwinkern gesagt, aber dieser humoristische Anklang nimmt der Äußerung nicht ihren sinnvollen Gehalt. Mancher Sinn kommt im Witz erst zu sich selbst.

    Jede erzählerische Form ist Ausdruck einer Epoche. Ich halte den Roman für den idealen Ausdruck der gegenwärtigen. Ich benutze die literaturwissenschaftliche Genrebezeichnung „Roman“, nicht das Verkaufslabel, das inzwischen selbst über Kurzgeschichten geklebt wird. Die größten Texte die ich kenne, sind Romane. Das mag bei Ihnen anders sein. Sieht so aus, als seien Ihre Texte die kurzen und meine die langen. Kein Unsinn also!

    Wir reden mit dem Text von Melville aber nicht über die gegenwärtige Epoche, sondern über eine vergangene. Dass diese Erzählung einen Sinn und einen Inhalt hat, habe ich wohl mit meinen Bemerkungen deutlich gemacht. Sonst hätte ich nach der Einleitung abgebrochen. Aber ich habe einen Teil der Darstellung gewidmet, einen zweiten Teil der Interpretation und einen letzten mit eigenen, weiterführenden Bemerkungen. Ich kann auch da keinen Unsinn erkennen.

    Selbst wenn ich mich mit meiner Prognose, dass die Texte dieser Epoche die Romane sind, täusche, und Sie sich täuschen, und die Texte nicht die Vignetten sind, weil in Wirklichkeit die SMS die Gattung unserer Zeit ist, bleibe ich dennoch bei meiner Einschätzung aus der Einleitung, weil ich die Leichtigkeit als den idealen Zugang zum Text nicht schätze.

    Hat Sie vielleicht eher der letzte Absatz geärgert?

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 5. Januar 2012 um 00:31

    Liebe Alea,
    zuerst ein glückliches neues Jahr Ihnen, und wenn Sie erlauben, allen anderen hier Vertretenen auch.

    “Wir sind in bestimmten Dingen und Umständen von den anderen abgeschieden, wir sind vereinzelt und wir sind immer auch Teil einer Gemeinschaft, einer Bürogemeinschaft, einer Glaubensgemeinschaft oder auch nur der Gemeinschaft der Menschen. Wir gehen nie vollständig in der Vereinzelung oder in der Gruppe auf.”

    Das macht die Lage (in der Erzählung) prekär.
    Kein Mensch entgeht ihr.
    Aber die narrative Kammer der Erzählung ist eng. Dagegen sind die weitreichenden Möglichkeiten dieser ontischen Bestimmung erheblich, und ihre Ausformung bedarf des ganzen Spielraumes eines Romans.
    Überragend!

    avenarius

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 5. Januar 2012 um 00:41

    Nein, soweit hatte ich gar nicht gelesen. (Tatsächlich verstehe ich jetzt, nachdem ich den letzten Absatz gelesen habe, diesen auch gar nicht.)

    Geärgert (etwas) hat mich die Behauptung, Romane seien schwerer zu lesen und zu schreiben sei als kürzere Prosa. Wenn es denn kein Unsinn sein soll, so erscheint es mir dennoch absurd und gar nicht nach vollziehbar, wieso die Länge eines Textes mit “Leichtigkeit” oder “Schwere” des Zugangs in irgendeinem Zusammenhang steht. (Meine eigene Einleitung ist ja eine reine Persiflage – und tatsächlich: Unsinn.)

    Mich langweilten die meisten Romane, die ich in den letzten Jahren angefangen habe, so sehr, dass ich sie nicht zu Ende las. Über die wenigen Ausnahmen schreibe ich in meinem Blog. Großartige Leseerlebnisse verdanke ich aber vielen Erzählungen, besonders von Alice Munro und Janet Frame.

    (Dass der Roman die Form “unserer” Epoche sein könnte, ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Ich war mir viel zu sicher, er sei die des Bürgertums, also des späten 18. und 19. Jahrhunderts.)

    Vielleicht hat diese unterschiedliche Perspektive auf Prosa auch viel mit den beiden Worten zu tun: Verstehen und Sinn. Nach dem einen strebe ich nicht, den anderen suche ich nicht, wenn ich lese. Stattdessen möchte ich etwas erleben, ob es Sinn macht oder verständlich (im Bezug auf welche Logik?) ist, lässt mich kalt. Es ist dies vielleicht der Grund, dass ich am wenigsten gelesen habe in jenen Jahren, in denen ich – neben Kunst, was für mich viel befriedigender war – auch Literaturwissenschaft studiert habe. Die theoretischen Konstrukte waren mir immer reine Gedankenexperimente, manchmal kurios, manchmal virtuos oder furios – mit meinem Leseerlebnis hatten sie selten etwas zu tun. Ich habe das als Leserin nie gebraucht und später nie vermisst.

    Daher – möglicherweise – rührt auch ein Teil der Langeweile, die viele zeitgenössische Romane bei mir auslösen, weil sie in diesem “Diskurs” (auch so ein lustiges Wort) mitquatschen oder Theorien darstellen. Das ödet mich sofort, sobald ich es entdecke.

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 5. Januar 2012 um 01:40

    P.S.

    Es ist keine ontische Bestimmung, sondern eine ontologische. Ontisch ist die Lage selbst.

    pardon

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. Januar 2012 um 22:08

    Lieber Avenarius,

    wenn Sie sich hier länger nicht einmischen, dann weiß ich: es sind Schulferien! Vielen Dank für die Neujahrswünsche, die ich gerne Ihnen zurückgebe.

    Der ganze Spielraum der Erzählung: Sie gehen natürlich mit sehr hohen Erwartungen in dieses Spiel. Ich denke einmal, wenn Sie schon tausende Bücher haben, dann werden Sie meins auch bald haben und vielleicht lesen Sie das dann auch, wenn es Sie nicht langweilt und wenn es Sie nicht langweilt, dann bin ich gespannt zu erfahren, in welcher Weise ich möglicherweise, den genannten Spielraum, wenn nicht ausgeschöpft, so doch wenigstens, seien wir vorsichtig: angedeutet habe. Ich bin gespannt auf ihr Urteil.
    Sie müssen mir da keinen Honig ums Maul schmieren: ich kann dieses klebrige Zeug am Mund nicht leiden.

    Der Roman hat eben auch einen erheblichen Spielraum, das sei auch noch in Bezug zu den Kommentaren von und zu Melusine gesagt: der Spielraum des Romans ist einfach sehr viel größer als der der Erzählung. Das eine ist, wenn es gut läuft: ein Spielraum. Das andere, wenn es schlecht läuft: ein Kinderzimmer. Naja. Das soll nicht nach Arroganz klingen. Ich mag eben die großen und die weiten Dimensionen. Aber auch im Kleinen sind Horizonte möglich!

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 5. Januar 2012 um 22:12

    Liebe Melusine,

    erstaunlicherweise glaube ich, dass wir auf keine gemeinsame Ebene kommen.

    Ich denke: selbstverständlich sind Romane komplexer als kurze Geschichten. Selbstverständlich müssen sie für einen Marathon ganz anders trainieren als für einen Halbmarathon: das ist nicht einfach die doppelte Strecke, das ist vielmehr eine ganz andere Kategorie von Strecke. Auch verstehe ich in keiner Weise, warum Romane einen Diskurs benötigen oder bemühen, Geschichten das hingegen nicht tun. Und selbstverständlich spreche ich, wenn ich von Romanen spreche, nicht von Tante Emmas Debüt, sondern von „Absalom Absalom“ und „Schuld und Sühne“ etc etc. Und selbstverständlich sind die eine Zehnerpotenz komplexer als Bartleby. Bartelby ist Schullektüre, Der Wal ist Weltliteratur. Und selbstverständlich gibt es wunderbare Erzählungen: ich kenne Böll, ich kenne einiges von Nabokov und vor allem kenne ich Cortázar.

    Aber ich will mich gar nicht streiten. Nicht, weil ich Angst vor Streit haben, ich streite mich auch in Seminaren und mit Freunden. Ich will mich nicht streiten, weil das im Netz nicht geht. Entweder ist innerhalb weniger Äußerungen das Geschirr zerschlagen oder man lässt es auf sich beruhen. Weder das eine noch das andere sind interessant, weder für Sie noch für mich. Nehe ich an Unterstelle ich, so wie ich Sie kenne und einschätzte. Und so wie ich mich kenne und einschätze.

    Wir müssen auch nicht zu einer einvernehmlichen Auffassung kommen. Es ist für viele Meinungen Platz (am Tisch des Herrn und an anderen, etwas kleineren Tischen). Und wie ich schrieb: „Wer sich nicht widersprüchlich verhält, sondern eindeutig, der ist nicht zu verstehen. Weil Verständnis zwar auf der Grundlage einer Gemeinsamkeit funktioniert, der hier genannten ersten Tendenz, – wenngleich das Wort im Deutschen nicht allein einen intellektuellen, sondern auch einen emotionalen Bedeutungshof hat, der allerdings hier nicht gemeint ist – wichtiger aber ist zweite Tendenz: die Differenz.“

    Danke für Ihre Kommentare!

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 5. Januar 2012 um 23:18

    Liebe Alea,

    das stimmt wohl, dass wir hier einfach nicht zusammen kommen. Diese Wert-Urteile, die sich an der Länge eines Textes orientieren, verstehe ich einfach nicht. (Schullektüre vs. Weltliteratur – das sind Maßstäbe, die ich nicht teile und nicht nachvollziehen kann.)

    Das wäre so, als sagte ich, großformatige Gemälde seien per se wertvoller als kleine Tuschezeichnungen. Das mag auf dem Kunstmarkt so sein. Mir gilt dieser Bewertungsmaßstab nichts.

    Am meisten Zeit in meinem bisherigen Leben habe ich in die Auseinandersetzung mit den Druckgraphiken von William Hogarth und den Sudelbüchern Georg Christoph Lichtenbergs gesteckt. Ich würde nun nicht sagen, dass Graphiken bedeutender sind als Tritpychen oder Aphorismen wichtiger als Dramen. Das Gegenteil allerdings ließe ich auch niemals gelten. (Tut mir leid; es erscheint mir weiterhin völlig unbegreiflich, diese Rechnung überhaupt aufzumachen.)

    Ich lese viele Romane. Und noch viel mehr Erzählungen, Novellen, Kurzgeschichten. Viel Lyrik auch. Es gibt gute und schlechte. Dass eine Gattung “bedeutender” sei als die andere, das ist ein Gedanke, der mir nach wie vor völlig fremd und unbegreiflich ist.

    Kommentar von mützenfalterin
    Datum/Uhrzeit 6. Januar 2012 um 11:55

    Ich habe mit großem Interesse diese Diskussion verfolgt und obwohl es vollkommen überflüssig ist, möchte ich mich der Meinung von Melusine B. anschließen, auch ich finde es sehr befremdlich Werturteile am Volumen festzumachen. Es gibt Romane, die bestehen aus nichts als Geschwafel und es gibt sehr kurze Gedichte, die eröffnen ganze Welten. Und womöglich gibt es Leser, die das so sehen und andere, die andere Maßstäbe anlegen.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 6. Januar 2012 um 17:02

    Hochverehrte Damen und Vorredner(innen),

    über Geschmack lässt sich doch nicht streiten. Der Satz “Am liebsten lese ich Romane” ist doch kein Werturteil. Darin drückt sich nur eine Vorliebe für das selbst erfahrene schwere Hervorbringen eines solchen aus und der Respekt vor wirklich großen literarischen Werken. Es ist also ein Plädoyer für das, worüber man nicht so leicht hinwegkommt, für das, was man manchmal mühsam wie einen Berg erklimmen muss. Natürlich kann das für alle literarischen Gattungen gelten. Borges hat nur Erzählungen geschrieben, der letzte Literaturnobelpreisträger fast auschließlich Gedichte und vielleicht entwickelt Aléa mit 67 eine Vorliebe für Haikus. Im Moment aber dominiert bei ihr die Schwere der Panoramasicht des Romans zwischen den Buchdeckeln, womit nicht ausgeschlossen ist, das der Inhalt vor Leichtigkeit schweben kann. Zum anderen kann ich in der fiktiven Welt des Romans sehr lange spazieren gehen, während ich bei den anderen Literaturarten relativ schnell, was die Länge angeht, an den Rand des Zimmers gelange. Der Fokus scheint mir in der Erzählung auch ein anderer zu sein, da gibt es oft nur einen alten Mann und das Meer. Nicht, dass das weniger wert wäre, aber es ist ein anderer Blickwinkel. Die Differenz, die in den Beiträgen zum Ausdruck kommt, finde ich spannend, aber es drängt sich mir ein Bild auf, in dem drei Damen vor einem Schaufenster stehen und die eine findet die Schuhe, die andere die Handtasche und die dritte das Kleid gut. Ich glaube, sie haben alle drei das Recht, sich für was auch immer zu entscheiden.

    Herzlich

    Dietmar

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Januar 2012 um 10:27

    Liebe Melusine,

    meine einleitende Bemerkung war aphoristischer Natur. Die setzt auf ein intuitives, nicht auf ein analytisches Verständnis. Wenn ich anfange, das zu erklären, mache ich es kaputt. Das versteht man oder man versteht es nicht. Und wie immer man darauf reagiert, liegt es entweder an der Produzentin oder an der Rezipientin.

    Das Missverständnis zeigt bereits, dass man nicht an jede Textform mit dem gleichen Verständnis herangehen kann. Romane brauchen einen andern Verstehenshorizont als Kurzgeschichten und die wieder einen anderen als Lyrik. Bitte missverstehen Sie mich hier nicht! Das ist auf derselben Ebene gesagt wie: fiktionale Texte brauchen einen anderen Verstehenshorizont als faktische Texte.

    Ich sagte es und wiederhole es noch einmal: ich mache kein Werturteil anhand der Länge, sondern anhand der Form. Es ist auch kein allgemeines Werturteil. Und wenn es ein sein sollte, gilt das nur für mich. Das Ich von Frau Torik ist in dem ersten Absatz das Subjekt. Von daher wiederhole ich auch das noch einmal: ich verstehe überhaupt die Aufregung nicht.

    Ich sprach von der Form, und da scheint mir der Roman „bedeutender“ zu sein. Ich halte die Form für spannender und auch für kulturell bedeutender. Ich glaube, dass im Roman Dinge zur Sprache kommen können, die nur da zur Sprache gebracht werden können. Das gilt für jede Kategorie von Text. Sie werden in Deutschland nur mit einer Dissertation promoviert, nicht mit einem Essay; auch dann nicht, wenn die Diss Mittelmaß ist, der Essay aber genial. Texte und Inhalte können nur unter einer bestimmten Form entstehen. Das gilt für das Gedicht ebenso wie Novellen. Ich habe weder Gedichten noch Haikus den Wert abgesprochen. Ich habe nur zwei Formen gegeneinander gehalten.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Januar 2012 um 10:29

    Liebe Mützenfalterin,

    selbstverständlich kann man die Bedeutung eines Textes nicht an seiner Länge feststellen. Das habe ich auch nie gesagt. Ich habe das Gegenteil gesagt, indem ich das Beispiel vom Halbmarathon und vom Marathon brachte: es geht nicht um die Länge der Strecke, es geht um die Kategorie oder Form! Selbstverständlich gibt es gute und schlechte Romane und gute und schlechte Erzählungen; selbstverständlich haben alle da unterschiedliche Vorrausetzungen, um für sich festzulegen, was gut und schlecht ist. Selbstverständlich gibt es Gedichte die eine Welt eröffnen. Nichts davon habe ich irgendwie in Frage gestellt. Ich habe in humoristischer und aphoristischer Weise zwei Gattungen gegeneinander gehalten und der einen den Vorzug gegeben.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Januar 2012 um 10:30

    Lieber Dietmar,

    sehr schlau! Sie nehmen gleich alle drei für sich ein, indem sie Kleider in Aussicht stellen. Ihre Initiative ist durchaus willkommen. Am Ende zählt in der Tat der Geschmack, der ein Urteil trifft. Vor dem Geschmack kommt jedoch das Essen, das den Geschmack hat.

    Aber es geht ja nicht nur um Geschmack, sondern um eine Sache. Und da treffen Sie sicher auch den Nagel auf den Kopf, wenn Sie hier betonen, dass ich den Roman höher schätze, weil ich welche schreiben. Der Roman hat, beispielsweise, die Möglichkeit ein Panorama zu eröffnen. Ich habe gesagt, dass ich den Ausblick von den Achttausendern liebe. Und dass das gegen den von den Achthundertern spricht. Aber es sagt nicht, dass der Blick von den Achthundertern kein Ausblick ist.

    Selbstverständlich ist ein Gericht von Paul Bocuse schwerer zu kochen als Kartoffeln und Sauerkraut. Und man braucht andere Geschmacksnerven, um es genießen zu können. Das habe ich sagen wollen, aber ich habe nicht sagen wollen, dass das eine Essen in jedem Fall das Bessere ist. Ich gebe dem einen den Vorzug. Aber alle Beispiele machen die Sache vielleicht nur noch schwieriger zu entwirren.

    Aléa

    Kommentar von papillionis
    Datum/Uhrzeit 9. Januar 2012 um 13:16

    Was für ein Genuss! Bartleby habe ich damals im Original während meines Studiums gelesen und war von der ersten Sekunde gefesselt.
    Danke dafür, dass du es mir wieder in Erinnerung gerufen hast, es liegt nun wieder auf meinem Nachttisch …

    LG

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 9. Januar 2012 um 20:00

    Liebe papillionis,

    ich freue mich, dass es Ihnen gefällt.

    Ich habe auf Ihrer Seite gesehen, dass Sie sich mit Kinderbüchern beschäftigen. Das tue ich nicht. Aber es ist wichtig, weil, wie ich vermute, kein Erwachsener je verstehen wird, was für ein Genuss das Lesen sein kann, der es nicht auch schon als Kind erfahren hat. Ich erreiche hier nur Leute, die schon lesen können. Sie erreichen die, die eines Tages lesen werden. Hoffentlich lesen die mehr als nur SMS und das, was danach kommt. Dann, wenn die Kommunikation kürzere Formen vorzieht.

    Falls Sie hier je noch einmal zu Wort melden, wäre ich froh, wenn Sie mir sagen, woher Sie meine Webseite kennen.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von papillionis
    Datum/Uhrzeit 11. Januar 2012 um 08:56

    Liebe Alea,

    gerne melde ich mich hier wieder zu Wort :-)
    Ich bin durch die facebook Seite des Osburg Verlags auf Ihre Seite gestoßen. Ihr Buch wurde vorgestellt und als ich den Ausruf “I would prefer not to” las, bin ich hängen geblieben. In der Tat, ich habe das Privileg den von Ihnen erwähnten “Genuss des Lesens” bzw. Zuhören während des Vorlesens regelmäßig erleben zu dürfen. Was gibt es schöneres, als zu sehen, wie Kinder so in die Geschichte eintauchen, dass der Mund offen bleibt, die Augen sich weiten oder man sich einfach versteckt, weil man sich von der bösen Hexe aus Hänsel und Gretel ängstigt?

    Herzliche Grüße,
    papillionis

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. Januar 2012 um 22:12

    Liebe papillionis,

    vielen Dank für die Information. Da ist also tatsächlich jemand über facebook gekommen! Ich habe meinen eigenen Eintrag inzwischen gelöscht. Ich hatte keine Lust mehr dazu. Je mehr Freunde ich auf facebook hatte, desto weniger hatte ich tatsächlich. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass es weniger wurden.

    Ich habe das “Sie” als Anrede gewählt, weil ich das eigentlich immer tue. Ich glaube, dass man Leute, die man nicht kennt und dennoch dutzt, sehr schnell nicht mehr ernst nimmt. Anders ausgedrückt: ich glaube, dass die Achtung voreinander, vor den Leistungen der anderen und ihrem Engagement, höher ist, wenn man einander, solange man sich nicht kennt, siezt. Das ist aber in keiner Weise eine Zurechtweisung.

    Herzlich

    Aléa