Archiv vom Dezember, 2011
21 Dezember 2011
Machen Sie mal einen Spaziergang!
Der Dezember ist nicht mein Lieblingsmonat. Alles dreht sich um Weihnachten, um das Kaufen von Geschenken. Es ist die Zeit, in der ich mich am wenigsten wohl fühle in meiner Haut und der Monat, schon immer gewesen, in dem ich am wenigsten produktiv bin. Ich bin am Ende des Jahres auch am Ende meiner Kräfte. Wenn ich mir meine Aufenthaltsorte frei aussuchen könnte, würde ich den Herbst in Bukarest verbringen, den Sommer in Berlin, den Frühling in den Bergen Transsilvaniens und den Winter am Meer. Aber dann käme ich wahrscheinlich durcheinander.
Es war ein wechselvolles Jahr. Es gab, wie wohl bei Ihnen allen, nicht nur gute Dinge. Immer dann, wenn mir das heiße rumänische Blut überkocht, laufen die Dinge nicht so wie ich mir das vorstelle. Dabei kocht es ja über, weil die Dinge falsch laufen. Irgendetwas im Verhältnis von Ursache und Wirkung ist da nicht miteinander in Einklang zu bringen. Der eine Roman ist fertig, der zweite in Arbeit, für den dritten gibt es eine Skizze. Ich habe einen Essay geschrieben, vielmehr überarbeitet, und einige abstrakte Ideen für weitere kleine Texte. Ich habe an der Uni ein paar wichtige Dinge getan und andere angeschoben. Es sind Dinge zu Ende gegangen und, wichtiger, andere haben angefangen. Ich habe getrauert und gehofft und letztlich war das Verhältnis dieser Strebungen ausgeglichen; mit einem deutlichen Übergewicht ins Positive. Allerdings ist mein Gemüt so veranlagt, dass es die Dinge, die in der Schwebe sind und von Natur aus nirgendwohin neigen, in diese positive Richtung drängt. Nur Schmerz oder Lust, nur Trauer oder Hoffnung: das hält kein Mensch aus.
Ich bleibe, wie in den beiden vergangenen Jahren, in Berlin. Ich bleibe zu Hause statt nach Hause zu fahren. Das ist eines der Dinge, die man positiv oder negativ empfinden könnte. Ich schlafe aus. Ich lese und schaue bisweilen aus dem Fenster. Ich denke an Geldorf, den schönen und stolzen Labrador, mit dem ich am Breiten Luzin Freundschaft geschlossen habe. Er hat mich vor den Geistern des Sees beschützt und ich habe ihm zum Dank das erste Kapitel von „Das Geräusch des Werdens“ vorgelesen. Da er auch aus Berlin kommt – aus Lichtenrade, wo ich noch nie war – werde ich ihn mir für einen langen Weihnachtspaziergang ausleihen. Darauf freue ich mich sehr! Bei dieser Gelegenheit werde ich ihn auch einmal auf sein kauendes und gähnendes Verhalten bei meiner kleinen Lesung ansprechen. Ich bin sicher, der hat ein schlechtes Gewissen.
Ich lese
- Hermann Melville, Bartleby, der Lohnschreiber
- Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens
- Wolf von Niebelschütz, Der blaue Kammerherr
- Janet Frame, Dem neuen Sommer entgegen (eine Empfehlung)
- Bruno Schulz, Das Sanatorium zur Sanduhr
- F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby
Das letzte wird bei dem einen oder anderen Verwunderung auslösen. Ich weiß, dass es hierzulande vielgelesen ist. Ich aber kenne es nicht und deswegen lese ich es. Ich werde mich, was ich gut kann, in mich zurückziehen. Ich schalte alle Lampen um mich herum aus und meine eigene an.
Ich wünsche Ihnen allen eine gute Zeit, ein schönes Fest und geruhsame Tage danach! Machen Sie mal einen Spaziergang! Mit oder ohne Hund. Ich hoffe, es ergeht Ihnen wie mir, dass Sie sich auf das neue Jahr freuen. Ich freue mich unbändig!
Crăciun fericit! – Frohe Weihnachten!
Und dann doch noch etwas Weihnachtliches, aus Südamerika, Agentienien: Ariel Ramírez, Missa Criolla, wir hören das Gloria mit Jose Carreras!
Nachtrag: Als ich heute las was ich gestern schrieb, hatte ich das Gefühl, dass es in einem Punkt nicht der Wahrheit entspricht. In Wirklichkeit war das ein ganz außergewöhnlich gutes Jahr! Ich bin gerade nur kaputt und das ist ein Zustand, den zu begreifen ich mich schwer tue. Das sind Tage, an denen nichts läuft und ich nicht verstehe, warum das so ist. Das verdunkelt meine Stimmung. Bis ich dann begriffen habe, dass ich nicht mehr kann. Und dann lasse ich es auch gut sein. So ein Zustand war das gestern. Ich hatte heute ein langes und außergewöhnlich gutes Gespräch mit meinem Verleger. Jetzt lasse ich bis Sylvester alles liegen und lege mich dazu. Am ersten Januar stehe ich wieder auf.
Bei Kommentaren bitte beide Worte des Captcha eingeben. Das ändert sich im neuen Jahr.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, mittel, Schall & Rauch | Eintrag von Aléa Torik | um 15:49 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
19 Dezember 2011
Mein Vorschlag für das Wort des Jahres: „Digitaler Außenseiter“
Mein Anschreiben an die “Gesellschaft für deutsche Sprache”:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wohlwissend, dass Sie das nicht anbieten, möchte ich dennoch einen eigenen Vorschlag für das „Wort des Jahres“ 2011 machen. Mit diesem Vorschlag ist der Wunsch verbunden, dass Sie Ihr Auswahlverfahren modifizieren mögen und Vorschläge und deren Begründungen nicht nur von einer „Fachjury“ vornehmen lassen, sondern von denen akzeptieren, die einfach nur Nutzer der Sprache sind, aus Not oder aus Lust. Ohne dabei fachliche Kompetenzen vorweisen zu können. Ich mache hiermit den Anfang.
Ich schlage „Digitaler Außenseiter“ als Wort des Jahres vor. Der digitale Außenseiter ist, einer Studie der Initiative D21 zufolge zu 59 % weiblich und zu 73 % nicht berufstätig. Der digitale Außenseiter ist einer, an dem der Wandel der Gesellschaft vorbeigeht. Ein Wandel, der vor allem jenen Teil der Welt betrifft, deren Nutzung für viele, vor allem Jüngere, womöglich weniger weibliche und mehr berufstätige Personenkreise, selbstverständlich ist. Für den digitalen Außenseiter ist sie ein Buch mit sieben oder mehr Siegeln und Passwörtern. Wo die einen eine eigene Hompage haben, ihr Smartphone mit Apps füttern und sich zu Weihnachten ein Tablet wünschen, verstehen die anderen nur noch Bahnhof. Ein Bahnhof in einem böhmischen Dorf, wo der letzte Zug schon lange abgefahren ist. Man sitzt einfach da und wartet und weiß innerlich, dass man da im Leben nicht mehr wegkommt.
Das digitale Leben fängt ja nicht erst beim Computer an, das beginnt bereits beim Telefon, das Teil einer weit größeren Einheit aus verschiedenen Geräten ist. Wer sich heute für ein Telefon entscheidet, der muss sich für ein komplettes Ökosystem aus Apps samt Umgebung entscheiden, für eine Apple Plattform oder für Android oder Windows, für oder gegen Lion oder Siri, und möglicherweise auch noch für Fedora oder gegen Ubuntu. Viele können das nicht. Sie können sich nicht einmal mehr zwischen den verschiedenen Mobilfunkangeboten entscheiden, zwischen Verträgen mit oder ohne Flat, mit oder ohne home zone, weil sie nicht einmal wissen, was ein Citycall ist. Sie lassen das Telefon links liegen, weil sie die Bedeutung der Tasten nicht mehr verstehen, wo weder die Sieben noch die Neun einfach nur Tasten sind, sondern Mehrfachbelegungen, die kein Mensch versteht oder braucht. Jedenfalls kein digitaler Außenseiter.
Das digitale Leben unterscheidet nicht zwischen dem was man braucht oder nicht braucht. Wer solche altmodischen Trennungen vollzieht, der ist bereits einer, der der Digitalen Avantgarde, der anderen Seite der Gesellschaft, hinterher humpelt. Das sind altmodische Begriffe aus der analogen Welt, die in ihrer digitalen Parallelwelt keine Rolle mehr spielen. Die digitale Avantgarde, ist eine Gesellschaftsschicht, die nichts mehr braucht aber alles kann. Die jenseits der Nöte und Sorgen der anderen, der 59 % weiblichen und 73 % nicht berufstätigen, permanent neue Anwendungen erfindet, die auch wieder keiner braucht und die Unbrauchbaren hinter sich lässt.
Ich sehe bedauerlicherweise gerade, dass ich etwas hinterherhinke: das Wort des Jahres 2011 ist bereits vergeben. Macht nichts. Ich schlage hiermit das Wort „Digitaler Außenseiter“ als Wort des kommenden Jahres vor.
Ich grüße Sie ganz herzlich
Aléa Torik
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 17:00 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











