23 November 2011
Die „Sinnsättigung der Kunst“
„Die Kunst als Sprache“ – so lautet die Überschrift des ersten Kapitels eines Buches von Jurij Lotman mit dem Titel „Die Struktur literarischer Texte“. Das Schlüsselwort fällt also bereits im Titel: Der Autor ist Strukturalist. Der Strukturalismus ist, so darf man wohl formulieren, die erfolgreichste und gleichermaßen umstrittenste Literaturtheorie der Welt. Erfolgreich ist sie, weil sie herausragende Ergebnisse geliefert hat, umstritten ist sie, weil sie von Grundannahmen ausgeht, die fragwürdig sind.
Um das gleich vorweg zu sagen, ich fühle mich weder bei den Strukturalisten noch bei den Poststrukturalisten heimisch, nicht methodologisch, noch was meine eigenen poetischen Arbeiten angeht. Aber dieser Text zeigt auf wenigen Seiten eine handhabbare Theorie und Lotmann ist ein Klassiker, auch weil er mit dem Material der anderen Klassiker des Strukturalismus arbeitet: Ferdinand de Saussure, Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss.
Es herrscht derzeit, so scheint es oft, eine Art Vakuum in den Geisteswissenschaften. Man meint allenthalben eine Theorie vorweisen zu müssen, die die alte überwindet. Man spürt vielerorts in der neueren Forschung, dass man den Poststrukturalismus abgelegt hat, oder man möchte ihn ablegen, aber man weiß nicht, mit welchen Begrifflichkeiten welchen Inhalts das zu tun wäre. Man spricht schon viel zu lange vom Poststrukturalismus. Es gibt Versuche, große und kleine, aber bisher hat sich, meines Wissens, keiner als endgültig durchgesetzt. Vielleicht wird das auch nicht stattfinden und das Kennzeichen moderner Theoriebildung ist ihre polymorphe Gestalt. Möglicherweise imitiert sie damit auch nur jene Erscheinungen, die sie eigentlich interpretieren wollte.
Ich beschränke mich im ersten Teil dieses Textes auf eine Darstellung. Zuerst definiert Jurij Lotman Kunst als eine Sprache, die sich, wie jede Sprache, zwischen Sender und Empfänger ereignet. Er beschreibt zwei Schritte, im ersten will er das isolieren, was die Kunst mit jeder anderen Sprache gemein hat, um es mit einer Theorie der Zeichensysteme beschreiben zu können; und im zweiten Schritt will er dann das aufzeigen, was die Kunst als eine besondere Sprache von „anderen Systemen des Typs Sprache unterscheidet.“ (Jurji Lotman, Die Struktur literarischer Texte, Seite 20)
Er unterscheidet natürliche Sprachen (das Rumänische und das Deutsche u. a.) von den künstlichen Sprachen (die Sprache der Wissenschaft, der Juristen, der Verkehrszeichen u. ä.) von den sekundären Sprachen, von denen er sagt, dass sie über dem Niveau der natürlichen Sprachen angesiedelt seien und diese als ihr Material nutzen. Das ist bereits eine recht vermittelte Begrifflichkeit, die man wohl am besten so interpretiert, dass die natürliche Sprache nichts anderes ist, als der alltägliche, vorwiegend mündliche Gebrauch der Sprache, ihre faktuale Ausprägung. Die sekundäre Sprache hingegen ist die literarische, die poetische oder fiktionale. Er nennt die Kunst und die künstliche Sprache ein „sekundäres modellbildendes System“ und damit ist nicht nur die Literatur gemeint, sondern Kunst im Allgemeinen.
Dann impliziert er, was er eigentlich erklären müsste, dass das Bewusstsein des Menschen sprachliches Bewusstsein ist und dass alle Modelle, die auf dem Bewusstsein aufbauen, also auch die Kunst, als sekundäre modellbildende Systeme verstanden werden können. Nicht alle Theoretiker sind sich an dieser entscheidenden Stelle einig, um das sehr vorsichtig auszudrücken. Der Gipfel dieser Theorie ist wahrscheinlich Jacques Lacan, der behauptet: „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“. Was die Struktur einer Sprache hat, ist, so die implizite Schlussfolgerung, mit sprachanalytischen Mitteln zu analysieren. Und was getan werden kann, so meine kulturkritische Zusammenfassung des 20. Jahrhunderts, das wird getan.
Lotman unterstellt im Folgenden, dass die poetische Sprache „erheblich komplizierter als die natürliche Sprache“ ist (ebenda, Seite 24) und zweifellos absterben würde, wenn sie lediglich denselben Informationsgehalt hätte wie diese, aber „die aus dem Material der (natürlichen) Sprache geschaffene, komplizierte künstlerische Struktur gestattet es, einen Informationsumfang zu übermitteln, der mit Hilfe der elementaren eigentlichen sprachlichen Struktur gar nicht übermittelt werden könnte.“ (Seite 24) Mittels der Struktur (!) wird ein komplexer Inhalt produziert und übermittelt. Das bedeutet, der rein faktuale Informationsgehalt wäre ohne die komplexe Struktur nicht zu vermitteln.
„Der Gedanke des Schriftstellers realisiert sich in einer bestimmten künstlerischen Struktur und ist von ihr nicht zu trennen.“ (Seite 25). Das formuliert Leo Tolstoi mit den Worten, dass er, wenn er „Anna Karenina“ wiedergeben wollte, es nur in derselben Form tun könnte wie er es bereits getan hat: in “Anna Karenina”. Tolstoi gebraucht für diesen Zusammenhang den Lotman „Struktur“ nennt, das Wort „Verkettungen“. Die Menge aller Verkettungen macht die Komplexität der Struktur eines Textes aus. Erst in der Gesamtheit dieser Struktur kann man die Idee des Textes verstehen. In keinem noch so treffenden Zitat kommt diese Idee heraus, sondern nur in der Gesamtheit aller strukturbildenden Maßnahmen. Die Menge aller Verkettungen, die man auch als Relationen der einzelnen Elemente, Syntagmen, Worte, abstrakte Ideen, beschreiben kann, bilden die Struktur. Darauf basiert die Behauptung der Strukturalisten – ihr Erfolg und ihr Pferdefuß gleichermaßen – dass die Idee eines Textes außerhalb der Struktur nicht vorhanden ist. „Ein Literaturwissenschaftler, der hofft, die Idee eines Werkes losgelöst von der Modelleirung der Welt durch den Autor, losgelöst von der Struktur des Werkes zu erfassen, erinnert an einen idealistischen Gelehrten, der versucht das Leben von jener biologischen Struktur zu isolieren, deren Funktion es doch ist.“ (Seite 26)
Diese Verkettungen nennen die Strukturalisten mit de Saussere die Relationalität: Etwas ist nicht für sich genommen, sondern einzig in Bezug auf etwas anderes. Ein Hund ist nicht deswegen ein Hund, weil er ein Hund ist, sondern weil er keine Katze ist. Ein Mann ist nicht ein Mann, weil er ein Mann ist, sondern weil er keine Frau ist. Und ein Fenster ist nicht an sich ein Fenster, sondern weil es ein Loch in der Wand ist mit einer Glasschreibe davor, die keine Verandatür ist. Gäbe es nur Männer auf der Welt, machte es keinen Sinn, Männer so zu bezeichnen. Aber es gibt eben auch noch Hunde und Fenster.
Sprache wird nach Saussure in die konkrete Mitteilung was einer sagt – die „parole“ – und die abstrakte Sprache – die „langue“ – unterteilt: in das konkret Gesagte einer Äußerung und das Abstrakte, in dem alle Möglichkeiten zu Äußerungen gleichwertig vorhanden sind, die Menge aller Worte und Regeln. Ich, als Senderin einer Information, berichte – „parole“ oder Mitteilung -, dass ich heute einen Mann mit einem Hund am Fenster vorbeigehen sah und der Leser, als Empfänger der Worte Mann – Hund – Fenster, setzt diese Information auf seine ihm eigene Weise zusammen. Der Mann hatte ein bestimmtes Alter und Aussehen, der Hund und das Fenster ebenfalls. Der Empfänger dieser konkreten Information setzt das zusammen, indem er auf die abstrakte „langue“ oder Sprache zurückgreift: er versteht meine Mitteilung, aber die konkrete Umsetzung, die Rückübersetzung in die ihm individuelle „parole“ Mann – Hund – Fenster sehen bei ihm ganz anders aus. Sender und Empfänger greifen auf dieselbe Sprache, auf dasselbe abstrakte und unendlich komplexe Gefüge aus Grammatik und Vokabeln zurück, beide verstehen einander, im Idealfall, und dennoch hat diese einfache Sache vielerlei Gestalt. Ich kann also nicht nur ein- und denselben Sachverhalt auf nahezu unendlich viele verschiedene Weisen beschreiben wie Raymond Queneau in seinen “Stilübungen”, sondern jede noch so deutliche und distinkte Mitteilung wird immer zuerst in die allgemeine Sprache zurücktransferiert und dann wieder in eine konkrete Mitteilung übersetzt. Anders ausgedrückt: Jeder Empfänger modelliert einen anderen Mann, einen anderen Hund und ein anderes Fenster. Die eigentliche Information hat gleichzeitig Teil an beiden Systemen.
Lotman postuliert die Aufhebung des Dualismus von Form und Inhalt eines Kunstwerkes zugunsten seiner Idee, die durch das konkrete Verhältnis von Mitteilung und Sprache gegeben sei. Es gibt im sprachlichen Kunstwerk kein Äußeres und keine Form, weil mit dem Inhalt, der Mitteilung, der „parole“, seine gesamte Form, die Sprache, die „langue“ bemüht werden muss! “Die Sprache eines künstlerischen Textes ist ihrem ganzen Wesen nach ein bestimmtes künstlerisches Modell der Welt und gehört in diesem Sinne mit ihrer ganzen Struktur zum ‚Inhalt‘, d. h. sie trägt Informationen. Wir haben schon festgestellt, daß das von der Sprache geschaffene Modell der Welt viel allgemeiner ist als das im Augenblick seiner Erschaffung zutiefst individuelle Modell der Mitteilung.“ (Seite 34 f) Daraus folgert er, dass „die Sprache der Kunst die allgemeinsten Aspekte des Weltbildes – seine Strukturprinzipien – modelliert, wird gerade in manchen Fällen auch den wesentlichsten Inhalt eines Werkes ausmachen; sie kann dann zu dessen Mitteilung werden, und damit verweist der Text auf sich selbst zurück.“ ( Seite 36)
Im Weiteren legt Lotman da, dass die Menge aller in einem künstlerischen Text sich befindenden Zeichen zu einer Art Meta- oder Superzeichen werden. In diesem iconischen Zeichen wird nicht mehr zwischen der Ebene des Ausdrucks und der seines Inhalts unterschieden: „Das Zeichen ist hier das Modell seines Inhalts.“ (Seite 40). Dadurch werden semantische und syntaktische Ebene miteinander verschmolzen. Es entsteht ein künstlerisches Zeichen das, so Lotman als sekundäres System „auf und über der natürlichen Sprache errichtet wird.“ (Seite 39) Dieses Metazeichen „literarischer Text“ ist keine Aneinanderreihung, keine syntagmatische Kette, sondern hierarchisch organisiert, in der Art ineinander gesteckter Bedeutungen und Verweise: „Damit hängt die grundsätzliche Vielzahl möglicher Rezeptionen literarischer Texte zusammen. Und damit hängt offenbar auch die keiner anderen – nichtkünstlerischen – Sprache erreichte Sinnsättigung der Kunst zusammen. Die Kunst ist das sparsamste und konzentrierteste Verfahren der Informationsspeicherung und-übermittlung.“ (Seite 42)
Neben dieser Fähigkeit zur Speicherung von Informationen hat ein literarischer Text eine weitere Besonderheit: „er gibt an verschiedene Leser jeweils verschiedene Informationen ab.“ (Seite 43) Das ist nun hochinteressant, dass diese verschiedenen Informationen nicht etwa als ein Nachteil, als Schwäche des Textes oder seine Uneindeutigkeit verstanden wird, sondern als seine Stärke, da er verschiedene Informationen verdichtet: Mann, Hund und Fenster sind keine zu schwachen Beschreibungen der Realität, sondern, im Gegenteil, der Leser kann aus Mann – Hund – Fenster etwas machen, weil der Text, diese drei Worte und ihre Verbindungen zu einem ganzen Satz, nicht nur zur parole gehören, sondern gleichzeitig zur langue und aus diesem Reservoir immer und permanent schöpfen und an jeden Leser und Rezipienten und Empfänger andere Informationen abgeben: „Der literarische Text verhält sich wie eine Art lebender Organismus, der mit dem Leser durch eine Rückkoppelung verbunden ist und ihm Unterricht erteilt.“ Etwas banal formuliert könnte man sagen: jeder assoziiert etwas anderes. Ich hatte hier schon einmal das Beispiel der Treppe: der eine hat auf einer Treppe tausend Euro verloren, der andere hat tausend Euro gefunden und dementsprechend wird das Wort „Treppe“ bei dem Verlierer negativ, beim Finder positive Assoziationen auslösen.
Bei den natürlichen Sprachen gibt es in der Regel nur zwei Zustände zwischen Sender und Empfänger: Verstehen und Nichtverstehen. Der dazwischen liegende Bereich der Redundanz, das Missverständnis, gilt als Manko. Bei den sekundären modellbildenden Sprachen ist dieser Zwischenbereich weitaus größer und gehört organisch dazu. Lotman nennt dieses permanente potentielle Missverständnis sogar eine „Fähigkeit der Kunst“ (Seite 44), das ist sozusagen ihre Reserve. Sender und Empfänger verfügen nach Roman Jakobson über unterschiedliche Grammatiken, der Produzent ergreift den Text nach den Regeln einer grammtischen Synthese, der Rezipient nach den Regeln einer grammtischen Analyse. Die beiden Kodes müssen einen großen Anteil Übereinstimmung vorweisen, sie haben eine Schnittmenge, damit beide sich verstehen. Die sich nicht überschneidenden Teile des Kodes bilden dann jenen Bereich, der beim Übergang von Autor zu Leser Veränderungen unterlegen ist: das potentielle Missverständnis. Oder, anders ausgedrückt, die Fähigkeit des Textes zu einem mehrdeutigen, mehrschichtigen Verständnis. Während in der faktualen, natürlichen Sprache Mehrdeutigkeit als ein Hindernis für das Verständnis gilt, als Mangel, ist es bei fiktionalen Texten geradezu als Nobilitierung anzusehen. Poetische Texte verfügen über diese Mehrdeutigkeit, weil sie nicht an sich sind, sondern auf etwas anderes verweisen: das ist der innerste Kern dessen, was wir als Zeichen verstehen.
Lotman spricht von einer Dialektik von Autor- und Leserverhalten zum literarischen Text, die beide gleichermaßen konstruktiver Natur sind und die, in extremer Ausprägung ihrer Differenz auch als Träger verschiedener Informationen dienen können. Das, wie ich meine, bei weitem Interessanteste an dieser Differenz ist das Verhältnis von Zufälligem und Notwendigem. Das ist bei Sender und Empfänger jeweils ein anderes, da die Informationen auf der eine Seite anders kumuliert und sortiert werden als auf der anderen: „Der Dichter weiß, daß er auch anders hätte schreiben können, – für den Leser gibt es in einem Text, den er als künstlerisch vollwertig aufnimmt, nichts Zufälliges.“ (Seite 50, kursiv vom Autor).
Im Anschluss daran referiert Lotman einen russischen Mathematiker, der unter Zuhilfenahme von kybernetischen Modellen eine formalisierte Beschreibung dichterischer Prozesse gibt. Ich mache das hier nicht mehr, weil der Artikel zu lang würde und weil ich es auch nicht so spannend finde. Wenn man wirklich wissen will, mit welchen Strukturen der Strukturalismus eigentlich arbeitet, dann kann man sich etwas Besseres ansehen. Einen Text, der, sagen wir mal etwas provokant, eine Spur der Verwüstung hinter sich hergezogen hat. Dieser Text ist ein Mythos auf den unzählige Arbeiten sich beziehen, die Interpretation eine Gedichts von Baudelaire: Claude Lévi-Strauss, Roman Jakobson „Le Chats“ von Charles Baudelaire, in: Sprache im technischen Zeitalter 29, 1969.
Interessant finde ich die Formulierung Lotmans, dass in der Kunst ein Abbild der Wirklichkeit geschaffen wird (Seite 27). Das bedeutet, dass der künstlerische Text, wie immer er sich gestaltet, ein Abbild der Wirklichkeit ist. Selbst dann, wenn die Wirklichkeit das im Text Beschriebene gar nicht hergibt. Nicht der Text überschießt die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit nutzt nicht die Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, ihr aber vom Text sozusagen zur Verfügung gestellt werden. Von daher könnte man formulieren: Der künstlerische Text, als Abbild der Wirklichkeit, bildet auch jene Dimension der Wirklichkeit ab, die diese selbständig nicht abzubilden in der Lage ist. Und das ist eine Revolution im abendländischen Denken! (etwas weniger großmäulig formuliert: in dem kleinen Teil des abendländischen Denkens, der mir bekannt ist!) Der literarische Text bereichert also die Wirklichkeit durch ihre eigenen Möglichkeiten, weil er Wirklichkeit als eine sprachliche erfasst, die als solche in einer Menge von Verkettungen – von Syntagmen, Worten, Bildern, Bedeutungen etc. auf semantischer, syntaktischer, grammatischer, phonologischer, morphologischer, kompositorischer und prosodischer Ebene – steht.
Die Bedeutungen der einzelnen Interpretamente ergibt sich nicht aus den Interpretamenten selbst, sondern aus ihrem Verhältnis zu- und untereinander, auch dieses Verhältnis ist ein relationales. Die Strukturen selbst, innerhalb derer sich solche Interpretamente ansiedeln, sind sehr vielfältig und können im Allgemeinen als alle gesetzmäßig geordneten Beziehungen gelten, als auch konkret alle Typologien, jede Ordnung und Systematik und im Besonderen alle Oppositionen wie dynamisch und statisch. Menge und Individuum, Egoismus und Altuismus, oben und unten, belebt und unbelebt, hell und dunkel, aktiv und passiv und andere, die sich auch im linguistischen Bereich ansiedeln wo labiale und dentale Laute einander gegenübergestellt werden. Diese Neigung zum Binarismus lässt sich auch noch einen Schritt vor der Interpretation ausfindig machen, in der Differenzierung der Sprache nach Syntagma und Paradigma. Das Syntagma bezeichnet die einmalige Anordnung der Worte zu sinnvollen Sätzen, das Paradigma bezeichnet die Menge der möglichen Worte, an denen an der jeweiligen Stelle im Satz ausgewählt werden kann. Ich kann also Mann durch Frau, Hund durch Katze und Fenster durch Verandatür ersetzen: Die Struktur meiner kleinen Erzählung ist dieselbe: ich kann als Autorin aus, je nach Wortgruppe, mehr oder minder großen Gruppen von Synonymen schöpfen.
Ich bin, um das abschließend noch zu sagen, ohne es allerdings detailliert zu unterlegen, keine gläubige Anhängerin des Strukturalismus, weil ich nicht der Auffassung bin, dass man die potentiell unendliche Menge der Interpretamente mit einer tendenziell beschränkten Menge an Strukturen zu erfassen vermag. Allerdings wäre das eine maßlose Überschätzung meiner Fähigkeiten, eine der eindrucksvollsten Theorien in der Literaturgeschichte, in die über die Jahrzehnte hin tausende Wissenschaftler unterschiedlichster Fakultäten eingearbeitet haben, mit einigen dürren Worten auszuhebeln.
Der klassische Einwand gegen den Strukturalismus ist der, dass er eine „synchrone“, also eine ungeschichtliche Bewertung seiner Gegenstände vornimmt, und damit die klassische „diachrone“ verdränge. Das ist in der Tat ein nicht unerheblicher Einwand, der sicher ganz stark auf Lévi-Strauss reagiert, den das „wilde Denken“ und der Mythos gereizt hatten, weil dort die zeitliche Folge der Ereignisse geradezu irrelevant ist. Allerdings hat sich der Strukturalismus seither auch verändert.
Virulent bleibt die selbstkritische Betrachtung des bulgarisch-französischen Strukturalisten Tzvetan Todorov, die aber allen wissenschaftlichen Diskursen gleichermaßen vorgehalten werden kann: „Es wäre präziser und ehrlicher, zu sagen, dass das Ziel des wissenschaftlichen Werkes nicht die bessere Kenntnis seines Gegenstandes, sondern die Vervollkommnung des wissenschaftlichen Diskurses ist.“ (Tzvetan Todorov, Qu‘est-ce que le structuralisme ?, ed. François Wahl Paris 1968, Seite 163)
Die Arbeit Lotmanns endet mit den Worten: „Man kann mit voller Überzeugung sagen, daß unter allem, was Menschen geschaffen haben, der künstlerische Text im höchsten Maße jene Merkmale aufweist, die den Kybernetiker an der Struktur des lebenden Gewebes faszinieren.“ (Seite 425)
Jurij M. Lotman, Die Struktur literarischer Texte, Wilhelm Fink Verlag, München 1972.
Ich sitze hier den ganzen Tag am Breiten Luzin und schaue den Fischen beim Schwimmen zu, den Vögeln beim Fliegen und den Menschen beim Hyperventilieren und frage mich: Interessiert das hier eigentlich jemanden?
Um einen Kommentarabzugeben, müssen Sie kein ausgebildeter Verbrecher sein, Sie müssen hier nichts überfallen, einschlagen oder loseisen. Sie müssen lediglich beide Worte beim Captcha eingeben und Schwupps sind Sie drin und können hier machen was Sie wollen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 23rd, 2011 unter Lessons & Lectures, schikanös












Kommentar von phorkyas
Datum/Uhrzeit 24. November 2011 um 23:43
Liebe Aléa,
pfuh.. starker Tobak. Für mich als Nicht-Literat(ur-Theoretiker) ist da dann doch schnell Ende, geht es schon zu nah an die jetzige Forschung. – Sobald das “Post” vor den Strukturalismus rückt, wird es bei mir diffus. Einen Text von Barthes über den “Text” habe ich mal versucht zu lesen und verließ ihn ratloser, als ich ihn begann. – Und am Strukturalismus interessierten mich vermutlich auch die falschen Dinge: die Mathematik (die Bourbaki-Schule und Alexander Grothendieck, die da irgendwie auch mitgemischt haben sollen) – Aber irgendwie war es auch so eine strukturalistische Grundüberzeugung, die mich zum Mathematik/Physik-Studium brachte: die Überzeugung, dass alles Struktur oder Form sei. Ob ich das auch von einem literarischen Text sagen wollen würde – dass das Material, der Stoff, gewissermaßen egal ist? Nein, das wäre wohl Unsinn.
Lieben Gruß in Ihre Enklave,
Phorkyas