18 November 2011
Geldorf, die Fahnen und ich
Heute früh lief hier ein Mann um die Hütten herum und rief lauthals meinen Namen. Meine Hütte ist eine von sechs, die einen halben Kilometer von der Straße weg sind. Das war mal eine kleine Siedlung von DDR Oberen, die sich irgendwie gemacht haben und belohnt wurden. Inzwischen hat das hier offenbar mehrfach den Besitzer gewechselt. Ich wohne in der Hütte am einen Ende und ein älterer Mann wohnt mit seinem Hund am anderen Ende, die vier dazwischen stehen leer. Der Hund ist ein bildhübscher Labrador und heißt Bob Geldorf. Er hört seltsamerweise nicht auf Bob, der ignoriert seinen Vornamen, sondern nur auf Geldorf. Er ist noch kein Jahr alt und hat nur Blödsinn im Kopf.
Der Mann der hier herumlief und erstaunlicherweise meinen Namen kannte, war von einem Kurierdienst. Der hat die Fahnen vom ersten Roman gebracht. Den hatte ich schon völlig vergessen. Ich habe also erst einmal ausgepackt, im Beisein von Geldorf. Sein Besitzer ist heute für einen Tag nach Berlin gefahren und hat mich gebeten, auf den Hund aufzupassen. Geldorf ist offenbar sehr an neuster Literatur interessiert und hat den Vorgang des Auspackens mit äußerstem Interesse verfolgt. Vor Aufregung hat er sich fast in den Schwanz gebissen. Ich sitze also jetzt auf dem Sofa und halte den Ausdruck in Händen. Geldorf liegt auf dem Boden und kaut an einem Hundeknochen, beobachtet mich aber ununterbrochen. Ich bin ganz sicher, dass er schon überlegt, an meinem Laptop herumzukauen.
Das ist ein nicht unwichtiger Moment. Ich halte zum ersten Mal den gesetzten Text in Händen, wie er als Buch erscheint, mit den entsprechenden Zeilen- und Seitenumbrüchen. Das muss ich bis Mittwoch kommender Woche gelesen haben. Wahrscheinlich werde ich es Geldorf vorlesen und dann die Stellen umschreiben, bei denen er jault. Mit den Fahnen steht nun auch bereits der Drucktermin fest. Und der Erscheinungstermin steht ebenfalls fest: der 23. Januar 2012.
Die wichtige Frage die Sie jetzt alle haben, lautet natürlich: um wie viel Uhr erscheint es? Das weiß ich noch nicht, aber ich wäre für elf Uhr morgens. Spätestens! Bücher, die nachmittags erscheinen, haben oft so eine unnötige Schwere, die Charaktere sind bleiern und das Personal unlustig, und bei abendlichen Erscheinungen sind die Handlungsfäden bisweilen geradezu verworren.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 18th, 2011 unter Allzupersönliches, Das Geräusch des Werdens, mittel












Kommentar von avenarius
Datum/Uhrzeit 18. November 2011 um 23:59
Liebe Alea.
Wo der Hund doch nur Blödsinn im Kopf hat, müsste er unbedingt auf Bob reagieren. Also eher als auf Geldorf. Geldorf klingt mir nüchtern und kalt oder nach die Kirche im Dorf lassen. Schuster bleib bei deinen Leisten! Komisch… Aber vielleicht ist Geldorf auch die Spitze des Blödsinns.
Es ist auch eine Freude, Sie sich so freuen zu sehen.
Ich erinnere mich an einen Tag, da des grauen Mannes bissig verrufener Hund meinem Großvater übergeben wurde. Der graue Mann, hieß es, fahre einige Zeit fort, könne jedoch den Hund nicht mitnehmen.
Mein Großvater hat seine Hilfe angeboten.
Der Hund lebte in einem eigens für ihn errichteten Zwinger, welcher im Hof zwischen unserem Haus und dem des grauen Mannes stand. Die erste Zeit der Betreuung warf Großvater, der sich fürchtete, nur das Futter von oben in den Zwinger, ohne dessen Tür auch nur dünnen Spaltes zu öffnen. Später, als der Hund zutraulich tat, wie vor Dankbarkeit winselte, demütig und oft auf dem Rücken lag, wagte sich Großvater auch schon einmal in den Zwinger hinein, diesen zu reinigen.
So kam der Nachmittag, an dem ich Großvater mit dem Hund des grauen Mannes im Stadtpark sah. Wie es schien, hatte er den seit Jahren Unnahbaren gleichsam für sich gewonnen.
Großvaters Stolz bekamen wir alle bei Tische zu hören; denn ihm lag schon daran, uns von seinen Fortschritten zu erzählen.
Schließlich, nach Wochen, wagten auch wir, die Kinder -und unsere Furcht war groß-, schließlich wagten auch wir uns zu dem Hund, und durften allein, ohne Großvater, mit ihm sein.
So ging es fort. Doch mit einem Schreck nahmen wir die Heimkehr des grauen Mannes wahr.
Er bedankte sich sehr. Versicherte uns, den Hund, so oft wir nur wollten, zu überlassen, wunderte sich nicht über besagten Erfolg.
Und im Morgen des Tages nach der Rückkehr des grauen Mannes erwachte ich, von einem lauten Schrei aus dem Schlaf gerissen: Großvater, der den grauen Mann bat, den Hund von der Leine zu lassen und der in dem raschen Anlauf ein Zeichen der Zuneigung des Tieres zu erblicken glaubte, wurde mit einem schneidenden Biss in den Bauch entsetzlich betrogen und fürchterlich verletzt.
Es ist mir heute seltsam, den nun schon seit Jahren leer stehenden Zwinger zu sehen. Es ist mir auch seltsam, heute den Blick jenes Greises zu sehen, der der gleiche Blick noch ist von einst, da ich nach dem morgendlichen Schrei ans Fenster sprang und ihn zum ersten Mal im Gesicht des grauen Mannes sah.
avenarius