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Aléas Anordnungen

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  • Philipp: Liebe Aléa, den Idioten habe ich nicht zu Ende gelesen. Ihren Roman schon. Wenn das kein Kompliment ist… Sehr gut gefallen hat mir der Stil und die Gesamtkomposition. Das liest sich...
  • Christian: Liebe Alea, das kürzen des Textes stell’ ich mir sehr schwer vor. Ehrlich gesagt hat mir die von mir erwähnte Stelle nicht am besten gefallen. Aber sie hat mir am meisten Spass...
  • Der Buecherblogger: Liebe Aléa, gestern nacht habe ich Ihren Roman zu Ende gelesen. Sie mögen sich schon längst zu neuen Ufern Ihrer Identität aufgeschwungen haben, aber in mir brodelt das, was ich...
  • Aléa Torik: Lieber phorkyas, wir Rumänistinnen sind alle auch Romanistinnen, denn die Romanistik umfasst die Sprachen Rumänisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Mindestens....
  • phorkyas: Liebe Aléa, dann hatte ich mich da nicht verhört. Bisher war mir nur eine rumänische Romanistin begegnet. In der Tat war das die Verteidigung – viel schlimmer war es aber den Text...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich vermute, die Situation war die, dass Sie Ihre Dissertation verteidigt haben?! Da habe ich noch Zeit. Rumäninnen können, wenn es die Männer zu beeindrucken gilt, so...
  • phorkyas: Liebe Aléa, bei dem Ausdruck Triumph habe ich auch länger gezögert, aber mir war kein besseres Wort eingefallen. Vor kurzem habe ich etwas Ähnliches hinter mich gebracht, stand aber...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, Triumph wäre nicht das richtige Wort. Ich triumphiere nicht, das wäre nicht mein Stil. Ich hätte es vorne sitzend nicht so genießen können wie hinten stehend. Es gibt...
  • phorkyas: Ich stand in der letzen Reihe und konnte mir das in Ruhe anhören. Das klingt nach einem wunderbar in der Stille ausgekosteten Triumph. @Dr. No: Frauen mit Akzent, oh ja! Und ein...
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  • Aléa Torik: Ich danke Ihnen allen, für die guten Wünsche und statt hier lange zu antworten, schauen Sie meinen neuen Beitrag an. Da können Sie alles sehen, was Sie sehen wollen. Aléa
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  • Archiv vom November, 2011

    29 November 2011

    Ändern Sie Ihr Gehen!

    Es gibt Dinge, die ich wirklich nicht gerne tue. Putzen und Spülen gehören dazu. Ich telefoniere auch nicht gerne. Man muss die ganze Zeit dieses Telefon festhalten und das stört mich. Ich weiß oft nicht einmal, wo sich mein Telefon gerade befindet. In der vergangenen Woche musste ich allerdings ein wichtiges Telefonat führen. Es waren die letzten Änderungen an den Fahnen zu besprechen. Das war ein fünfstündiges Gespräch mit meinem Lektor Ulrich Steinmetzger! Danach war ich richtig platt. Mein Ohr tat mir weh und mein Mund auch. Man muss ja beim telefonieren die ganze Zeit reden oder zuhören. Das ist ein frappanter Unterschied zum normalen Miteinander, wo man auch mal schweigen kann. In dieser Woche wird die Setzerin alle Änderungen einarbeiten und dann gibt es einen weiteren Fahnenabzug, allerdings nur noch in elektronischer Form. Dieses Dokument wird noch ein letztes Mal vom Lektor und der Autorin überprüft. Wenn dann noch etwas übersehen wurde, dann ist es wohl nicht mehr zu ändern? So in der Art fragte ich. Und mein Lektor antwortete mit einem Zitat von Volker Braun: „Was nicht zu ändern geht, ändert das Gehen.“

    Falls Sie den Text einmal lesen und einen Fehler finden sollten: ändern Sie Ihr Gehen! Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 November 2011

    Die Geisteswissenschaften sind ein Zug

    Das Folgende habe ich als Antwort auf einen Kommentar geschrieben, fand es dann aber so lecker, dass ich es noch einmal widerkäue und dabei ein wenig anreichere.

    Die Geisteswissenschaften sind ein Zug, der immer in voller Fahrt ist und der niemals anhält, um Studierende oder anderweitig interessierte Reisende aufzunehmen. Es kommt auch kein Schaffner, der einem erklärt, dass die Fahrkarte für Derrida mindestens Freud und Platon und Aristoteles ist. Auch wenn er käme: man sitzt ja gar nicht drin, sondern steht draußen auf dem Bahnhof, der Zug fährt mit 200 Stundenkilometern vorbei und was immer der Schaffner sagt, man versteht kein Wort. Und selbst wenn man es verstünde: in einer einzigen Sekunde ist der Zug schon wieder weg, und man kann mit diesem kleinen Informationspartikel, das man aufgeschnappt hat, nicht viel anfangen. Man steht auf dem Bahnhof und denkt: Derrida ist mir einfach eine Nummer zu schnell und auch zu schnell wieder weg. Wenn man aber das Glück hat, innendrin zu sitzen, dann denkt man bisweilen, wenn man rauschaut: Grandios!

    Die Welt da draußen, die ist, wenn man mit dem Zug durchfährt, nicht weg. Die Welt ändert sich nur ein wenig. Deswegen fährt man ja mit dem Zug. Nicht weil man irgendwohin will, sondern weil die Welt sich ändern soll! Weg geht sie davon nicht. Weg sind nur die Bahnhöfe und Haltepunkte.

    Es gibt nur eine Welt, aber sie brauchen zwei Worte um sie zu betreten!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 November 2011

    Die „Sinnsättigung der Kunst“

    „Die Kunst als Sprache“ – so lautet die Überschrift des ersten Kapitels eines Buches von Jurij Lotman mit dem Titel „Die Struktur literarischer Texte“. Das Schlüsselwort fällt also bereits im Titel: Der Autor ist Strukturalist. Der Strukturalismus ist, so darf man wohl formulieren, die erfolgreichste und gleichermaßen umstrittenste Literaturtheorie der Welt. Erfolgreich ist sie, weil sie herausragende Ergebnisse geliefert hat, umstritten ist sie, weil sie von Grundannahmen ausgeht, die fragwürdig sind.

    Um das gleich vorweg zu sagen, ich fühle mich weder bei den Strukturalisten noch bei den Poststrukturalisten heimisch, nicht methodologisch, noch was meine eigenen poetischen Arbeiten angeht. Aber dieser Text zeigt auf wenigen Seiten eine handhabbare Theorie und Lotmann ist ein Klassiker, auch weil er mit dem Material der anderen Klassiker des Strukturalismus arbeitet: Ferdinand de Saussure, Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss.

    Es herrscht derzeit, so scheint es oft, eine Art Vakuum in den Geisteswissenschaften. Man meint allenthalben eine Theorie vorweisen zu müssen, die die alte überwindet. Man spürt vielerorts in der neueren Forschung, dass man den Poststrukturalismus abgelegt hat, oder man möchte ihn ablegen, aber man weiß nicht, mit welchen Begrifflichkeiten welchen Inhalts das zu tun wäre. Man spricht schon viel zu lange vom Poststrukturalismus. Es gibt Versuche, große und kleine, aber bisher hat sich, meines Wissens, keiner als endgültig durchgesetzt. Vielleicht wird das auch nicht stattfinden und das Kennzeichen moderner Theoriebildung ist ihre polymorphe Gestalt. Möglicherweise imitiert sie damit auch nur jene Erscheinungen, die sie eigentlich interpretieren wollte.

    Ich beschränke mich im ersten Teil dieses Textes auf eine Darstellung. Zuerst definiert Jurij Lotman Kunst als eine Sprache, die sich, wie jede Sprache, zwischen Sender und Empfänger ereignet. Er beschreibt zwei Schritte, im ersten will er das isolieren, was die Kunst mit jeder anderen Sprache gemein hat, um es mit einer Theorie der Zeichensysteme beschreiben zu können; und im zweiten Schritt will er dann das aufzeigen, was die Kunst als eine besondere Sprache von „anderen Systemen des Typs Sprache unterscheidet.“ (Jurji Lotman, Die Struktur literarischer Texte, Seite 20)

    Er unterscheidet natürliche Sprachen (das Rumänische und das Deutsche u. a.) von den künstlichen Sprachen (die Sprache der Wissenschaft, der Juristen, der Verkehrszeichen u. ä.) von den sekundären Sprachen, von denen er sagt, dass sie über dem Niveau der natürlichen Sprachen angesiedelt seien und diese als ihr Material nutzen. Das ist bereits eine recht vermittelte Begrifflichkeit, die man wohl am besten so interpretiert, dass die natürliche Sprache nichts anderes ist, als der alltägliche, vorwiegend mündliche Gebrauch der Sprache, ihre faktuale Ausprägung. Die sekundäre Sprache hingegen ist die literarische, die poetische oder fiktionale. Er nennt die Kunst und die künstliche Sprache ein „sekundäres modellbildendes System“ und damit ist nicht nur die Literatur gemeint, sondern Kunst im Allgemeinen.

    Dann impliziert er, was er eigentlich erklären müsste, dass das Bewusstsein des Menschen sprachliches Bewusstsein ist und dass alle Modelle, die auf dem Bewusstsein aufbauen, also auch die Kunst, als sekundäre modellbildende Systeme verstanden werden können. Nicht alle Theoretiker sind sich an dieser entscheidenden Stelle einig, um das sehr vorsichtig auszudrücken. Der Gipfel dieser Theorie ist wahrscheinlich Jacques Lacan, der behauptet: „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“. Was die Struktur einer Sprache hat, ist, so die implizite Schlussfolgerung, mit sprachanalytischen Mitteln zu analysieren. Und was getan werden kann, so meine kulturkritische Zusammenfassung des 20. Jahrhunderts, das wird getan.

    Lotman unterstellt im Folgenden, dass die poetische Sprache „erheblich komplizierter als die natürliche Sprache“ ist (ebenda, Seite 24) und zweifellos absterben würde, wenn sie lediglich denselben Informationsgehalt hätte wie diese, aber „die aus dem Material der (natürlichen) Sprache geschaffene, komplizierte künstlerische Struktur gestattet es, einen Informationsumfang zu übermitteln, der mit Hilfe der elementaren eigentlichen sprachlichen Struktur gar nicht übermittelt werden könnte.“ (Seite 24) Mittels der Struktur (!) wird ein komplexer Inhalt produziert und übermittelt. Das bedeutet, der rein faktuale Informationsgehalt wäre ohne die komplexe Struktur nicht zu vermitteln.

    „Der Gedanke des Schriftstellers realisiert sich in einer bestimmten künstlerischen Struktur und ist von ihr nicht zu trennen.“ (Seite 25). Das formuliert Leo Tolstoi mit den Worten, dass er, wenn er „Anna Karenina“ wiedergeben wollte, es nur in derselben Form tun könnte wie er es bereits getan hat: in “Anna Karenina”. Tolstoi gebraucht für diesen Zusammenhang den Lotman „Struktur“ nennt, das Wort „Verkettungen“. Die Menge aller Verkettungen macht die Komplexität der Struktur eines Textes aus. Erst in der Gesamtheit dieser Struktur kann man die Idee des Textes verstehen. In keinem noch so treffenden Zitat kommt diese Idee heraus, sondern nur in der Gesamtheit aller strukturbildenden Maßnahmen. Die Menge aller Verkettungen, die man auch als Relationen der einzelnen Elemente, Syntagmen, Worte, abstrakte Ideen, beschreiben kann, bilden die Struktur. Darauf basiert die Behauptung der Strukturalisten – ihr Erfolg und ihr Pferdefuß gleichermaßen – dass die Idee eines Textes außerhalb der Struktur nicht vorhanden ist. „Ein Literaturwissenschaftler, der hofft, die Idee eines Werkes losgelöst von der Modelleirung der Welt durch den Autor, losgelöst von der Struktur des Werkes zu erfassen, erinnert an einen idealistischen Gelehrten, der versucht das Leben von jener biologischen Struktur zu isolieren, deren Funktion es doch ist.“ (Seite 26)

    Diese Verkettungen nennen die Strukturalisten mit de Saussere die Relationalität: Etwas ist nicht für sich genommen, sondern einzig in Bezug auf etwas anderes. Ein Hund ist nicht deswegen ein Hund, weil er ein Hund ist, sondern weil er keine Katze ist. Ein Mann ist nicht ein Mann, weil er ein Mann ist, sondern weil er keine Frau ist. Und ein Fenster ist nicht an sich ein Fenster, sondern weil es ein Loch in der Wand ist mit einer Glasschreibe davor, die keine Verandatür ist. Gäbe es nur Männer auf der Welt, machte es keinen Sinn, Männer so zu bezeichnen. Aber es gibt eben auch noch Hunde und Fenster.

    Sprache wird nach Saussure in die konkrete Mitteilung was einer sagt – die „parole“ – und die abstrakte Sprache – die „langue“ – unterteilt: in das konkret Gesagte einer Äußerung und das Abstrakte, in dem alle Möglichkeiten zu Äußerungen gleichwertig vorhanden sind, die Menge aller Worte und Regeln. Ich, als Senderin einer Information, berichte – „parole“ oder Mitteilung -, dass ich heute einen Mann mit einem Hund am Fenster vorbeigehen sah und der Leser, als Empfänger der Worte Mann – Hund – Fenster, setzt diese Information auf seine ihm eigene Weise zusammen. Der Mann hatte ein bestimmtes Alter und Aussehen, der Hund und das Fenster ebenfalls. Der Empfänger dieser konkreten Information setzt das zusammen, indem er auf die abstrakte „langue“ oder Sprache zurückgreift: er versteht meine Mitteilung, aber die konkrete Umsetzung, die Rückübersetzung in die ihm individuelle „parole“ Mann – Hund – Fenster sehen bei ihm ganz anders aus. Sender und Empfänger greifen auf dieselbe Sprache, auf dasselbe abstrakte und unendlich komplexe Gefüge aus Grammatik und Vokabeln zurück, beide verstehen einander, im Idealfall, und dennoch hat diese einfache Sache vielerlei Gestalt. Ich kann also nicht nur ein- und denselben Sachverhalt auf nahezu unendlich viele verschiedene Weisen beschreiben wie Raymond Queneau in seinen “Stilübungen”, sondern jede noch so deutliche und distinkte Mitteilung wird immer zuerst in die allgemeine Sprache zurücktransferiert und dann wieder in eine konkrete Mitteilung übersetzt. Anders ausgedrückt: Jeder Empfänger modelliert einen anderen Mann, einen anderen Hund und ein anderes Fenster. Die eigentliche Information hat gleichzeitig Teil an beiden Systemen.

    Lotman postuliert die Aufhebung des Dualismus von Form und Inhalt eines Kunstwerkes zugunsten seiner Idee, die durch das konkrete Verhältnis von Mitteilung und Sprache gegeben sei. Es gibt im sprachlichen Kunstwerk kein Äußeres und keine Form, weil mit dem Inhalt, der Mitteilung, der „parole“, seine gesamte Form, die Sprache, die „langue“ bemüht werden muss! “Die Sprache eines künstlerischen Textes ist ihrem ganzen Wesen nach ein bestimmtes künstlerisches Modell der Welt und gehört in diesem Sinne mit ihrer ganzen Struktur zum ‚Inhalt‘, d. h. sie trägt Informationen. Wir haben schon festgestellt, daß das von der Sprache geschaffene Modell der Welt viel allgemeiner ist als das im Augenblick seiner Erschaffung zutiefst individuelle Modell der Mitteilung.“ (Seite 34 f) Daraus folgert er, dass „die Sprache der Kunst die allgemeinsten Aspekte des Weltbildes – seine Strukturprinzipien – modelliert, wird gerade in manchen Fällen auch den wesentlichsten Inhalt eines Werkes ausmachen; sie kann dann zu dessen Mitteilung werden, und damit verweist der Text auf sich selbst zurück.“ ( Seite 36)

    Im Weiteren legt Lotman da, dass die Menge aller in einem künstlerischen Text sich befindenden Zeichen zu einer Art Meta- oder Superzeichen werden. In diesem iconischen Zeichen wird nicht mehr zwischen der Ebene des Ausdrucks und der seines Inhalts unterschieden: „Das Zeichen ist hier das Modell seines Inhalts.“ (Seite 40). Dadurch werden semantische und syntaktische Ebene miteinander verschmolzen. Es entsteht ein künstlerisches Zeichen das, so Lotman als sekundäres System „auf und über der natürlichen Sprache errichtet wird.“ (Seite 39) Dieses Metazeichen „literarischer Text“ ist keine Aneinanderreihung, keine syntagmatische Kette, sondern hierarchisch organisiert, in der Art ineinander gesteckter Bedeutungen und Verweise: „Damit hängt die grundsätzliche Vielzahl möglicher Rezeptionen literarischer Texte zusammen. Und damit hängt offenbar auch die keiner anderen – nichtkünstlerischen – Sprache erreichte Sinnsättigung der Kunst zusammen. Die Kunst ist das sparsamste und konzentrierteste Verfahren der Informationsspeicherung und-übermittlung.“ (Seite 42)

    Neben dieser Fähigkeit zur Speicherung von Informationen hat ein literarischer Text eine weitere Besonderheit: „er gibt an verschiedene Leser jeweils verschiedene Informationen ab.“ (Seite 43) Das ist nun hochinteressant, dass diese verschiedenen Informationen nicht etwa als ein Nachteil, als Schwäche des Textes oder seine Uneindeutigkeit verstanden wird, sondern als seine Stärke, da er verschiedene Informationen verdichtet: Mann, Hund und Fenster sind keine zu schwachen Beschreibungen der Realität, sondern, im Gegenteil, der Leser kann aus Mann – Hund – Fenster etwas machen, weil der Text, diese drei Worte und ihre Verbindungen zu einem ganzen Satz, nicht nur zur parole gehören, sondern gleichzeitig zur langue und aus diesem Reservoir immer und permanent schöpfen und an jeden Leser und Rezipienten und Empfänger andere Informationen abgeben: „Der literarische Text verhält sich wie eine Art lebender Organismus, der mit dem Leser durch eine Rückkoppelung verbunden ist und ihm Unterricht erteilt.“ Etwas banal formuliert könnte man sagen: jeder assoziiert etwas anderes. Ich hatte hier schon einmal das Beispiel der Treppe: der eine hat auf einer Treppe tausend Euro verloren, der andere hat tausend Euro gefunden und dementsprechend wird das Wort „Treppe“ bei dem Verlierer negativ, beim Finder positive Assoziationen auslösen.

    Bei den natürlichen Sprachen gibt es in der Regel nur zwei Zustände zwischen Sender und Empfänger: Verstehen und Nichtverstehen. Der dazwischen liegende Bereich der Redundanz, das Missverständnis, gilt als Manko. Bei den sekundären modellbildenden Sprachen ist dieser Zwischenbereich weitaus größer und gehört organisch dazu. Lotman nennt dieses permanente potentielle Missverständnis sogar eine „Fähigkeit der Kunst“ (Seite 44), das ist sozusagen ihre Reserve. Sender und Empfänger verfügen nach Roman Jakobson über unterschiedliche Grammatiken, der Produzent ergreift den Text nach den Regeln einer grammtischen Synthese, der Rezipient nach den Regeln einer grammtischen Analyse. Die beiden Kodes müssen einen großen Anteil Übereinstimmung vorweisen, sie haben eine Schnittmenge, damit beide sich verstehen. Die sich nicht überschneidenden Teile des Kodes bilden dann jenen Bereich, der beim Übergang von Autor zu Leser Veränderungen unterlegen ist: das potentielle Missverständnis. Oder, anders ausgedrückt, die Fähigkeit des Textes zu einem mehrdeutigen, mehrschichtigen Verständnis. Während in der faktualen, natürlichen Sprache Mehrdeutigkeit als ein Hindernis für das Verständnis gilt, als Mangel, ist es bei fiktionalen Texten geradezu als Nobilitierung anzusehen. Poetische Texte verfügen über diese Mehrdeutigkeit, weil sie nicht an sich sind, sondern auf etwas anderes verweisen: das ist der innerste Kern dessen, was wir als Zeichen verstehen.

    Lotman spricht von einer Dialektik von Autor- und Leserverhalten zum literarischen Text, die beide gleichermaßen konstruktiver Natur sind und die, in extremer Ausprägung ihrer Differenz auch als Träger verschiedener Informationen dienen können. Das, wie ich meine, bei weitem Interessanteste an dieser Differenz ist das Verhältnis von Zufälligem und Notwendigem. Das ist bei Sender und Empfänger jeweils ein anderes, da die Informationen auf der eine Seite anders kumuliert und sortiert werden als auf der anderen: „Der Dichter weiß, daß er auch anders hätte schreiben können, – für den Leser gibt es in einem Text, den er als künstlerisch vollwertig aufnimmt, nichts Zufälliges.“ (Seite 50, kursiv vom Autor).

    Im Anschluss daran referiert Lotman einen russischen Mathematiker, der unter Zuhilfenahme von kybernetischen Modellen eine formalisierte Beschreibung dichterischer Prozesse gibt. Ich mache das hier nicht mehr, weil der Artikel zu lang würde und weil ich es auch nicht so spannend finde. Wenn man wirklich wissen will, mit welchen Strukturen der Strukturalismus eigentlich arbeitet, dann kann man sich etwas Besseres ansehen. Einen Text, der, sagen wir mal etwas provokant, eine Spur der Verwüstung hinter sich hergezogen hat. Dieser Text ist ein Mythos auf den unzählige Arbeiten sich beziehen, die Interpretation eine Gedichts von Baudelaire: Claude Lévi-Strauss, Roman Jakobson „Le Chats“ von Charles Baudelaire, in: Sprache im technischen Zeitalter 29, 1969.

    Interessant finde ich die Formulierung Lotmans, dass in der Kunst ein Abbild der Wirklichkeit geschaffen wird (Seite 27). Das bedeutet, dass der künstlerische Text, wie immer er sich gestaltet, ein Abbild der Wirklichkeit ist. Selbst dann, wenn die Wirklichkeit das im Text Beschriebene gar nicht hergibt. Nicht der Text überschießt die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit nutzt nicht die Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, ihr aber vom Text sozusagen zur Verfügung gestellt werden. Von daher könnte man formulieren: Der künstlerische Text, als Abbild der Wirklichkeit, bildet auch jene Dimension der Wirklichkeit ab, die diese selbständig nicht abzubilden in der Lage ist. Und das ist eine Revolution im abendländischen Denken! (etwas weniger großmäulig formuliert: in dem kleinen Teil des abendländischen Denkens, der mir bekannt ist!) Der literarische Text bereichert also die Wirklichkeit durch ihre eigenen Möglichkeiten, weil er Wirklichkeit als eine sprachliche erfasst, die als solche in einer Menge von Verkettungen – von Syntagmen, Worten, Bildern, Bedeutungen etc. auf semantischer, syntaktischer, grammatischer, phonologischer, morphologischer, kompositorischer und prosodischer Ebene – steht.

    Die Bedeutungen der einzelnen Interpretamente ergibt sich nicht aus den Interpretamenten selbst, sondern aus ihrem Verhältnis zu- und untereinander, auch dieses Verhältnis ist ein relationales. Die Strukturen selbst, innerhalb derer sich solche Interpretamente ansiedeln, sind sehr vielfältig und können im Allgemeinen als alle gesetzmäßig geordneten Beziehungen gelten, als auch konkret alle Typologien, jede Ordnung und Systematik und im Besonderen alle Oppositionen wie dynamisch und statisch. Menge und Individuum, Egoismus und Altuismus, oben und unten, belebt und unbelebt, hell und dunkel, aktiv und passiv und andere, die sich auch im linguistischen Bereich ansiedeln wo labiale und dentale Laute einander gegenübergestellt werden. Diese Neigung zum Binarismus lässt sich auch noch einen Schritt vor der Interpretation ausfindig machen, in der Differenzierung der Sprache nach Syntagma und Paradigma. Das Syntagma bezeichnet die einmalige Anordnung der Worte zu sinnvollen Sätzen, das Paradigma bezeichnet die Menge der möglichen Worte, an denen an der jeweiligen Stelle im Satz ausgewählt werden kann. Ich kann also Mann durch Frau, Hund durch Katze und Fenster durch Verandatür ersetzen: Die Struktur meiner kleinen Erzählung ist dieselbe: ich kann als Autorin aus, je nach Wortgruppe, mehr oder minder großen Gruppen von Synonymen schöpfen.

    Ich bin, um das abschließend noch zu sagen, ohne es allerdings detailliert zu unterlegen, keine gläubige Anhängerin des Strukturalismus, weil ich nicht der Auffassung bin, dass man die potentiell unendliche Menge der Interpretamente mit einer tendenziell beschränkten Menge an Strukturen zu erfassen vermag. Allerdings wäre das eine maßlose Überschätzung meiner Fähigkeiten, eine der eindrucksvollsten Theorien in der Literaturgeschichte, in die über die Jahrzehnte hin tausende Wissenschaftler unterschiedlichster Fakultäten eingearbeitet haben, mit einigen dürren Worten auszuhebeln.

    Der klassische Einwand gegen den Strukturalismus ist der, dass er eine „synchrone“, also eine ungeschichtliche Bewertung seiner Gegenstände vornimmt, und damit die klassische „diachrone“ verdränge. Das ist in der Tat ein nicht unerheblicher Einwand, der sicher ganz stark auf Lévi-Strauss reagiert, den das „wilde Denken“ und der Mythos gereizt hatten, weil dort die zeitliche Folge der Ereignisse geradezu irrelevant ist. Allerdings hat sich der Strukturalismus seither auch verändert.

    Virulent bleibt die selbstkritische Betrachtung des bulgarisch-französischen Strukturalisten Tzvetan Todorov, die aber allen wissenschaftlichen Diskursen gleichermaßen vorgehalten werden kann: „Es wäre präziser und ehrlicher, zu sagen, dass das Ziel des wissenschaftlichen Werkes nicht die bessere Kenntnis seines Gegenstandes, sondern die Vervollkommnung des wissenschaftlichen  Diskurses ist.“ (Tzvetan Todorov, Quest-ce que le structuralisme ?, ed. François Wahl Paris 1968, Seite 163)

    Die Arbeit Lotmanns endet mit den Worten: „Man kann mit voller Überzeugung sagen, daß unter allem, was Menschen geschaffen haben, der künstlerische Text im höchsten Maße jene Merkmale aufweist, die den Kybernetiker an der Struktur des lebenden Gewebes faszinieren.“ (Seite 425)

    Jurij M. Lotman, Die Struktur literarischer Texte, Wilhelm Fink Verlag, München 1972.

    Ich sitze hier den ganzen Tag am Breiten Luzin und schaue den Fischen beim Schwimmen zu, den Vögeln beim Fliegen und den Menschen beim Hyperventilieren und frage mich: Interessiert das hier eigentlich jemanden?

    Um einen Kommentarabzugeben, müssen Sie kein ausgebildeter Verbrecher sein, Sie müssen hier nichts überfallen, einschlagen oder loseisen. Sie müssen lediglich beide Worte beim Captcha eingeben und Schwupps sind Sie drin und können hier machen was Sie wollen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 November 2011

    Die neueste Entwicklung auf dem Buchmarkt: BOOK

    Ich mag es eigentlich nicht, das zu sagen was andere sagen. Ich mag es nicht, zu denken was andere denken. Es lässt sich aber, trotz der Vielzahl der Worte, nicht vermeiden, da es keine unendliche Anzahl vernünftiger Gedanken gibt. Ich mag es nicht, das zu zeigen, was andere zeigen. Aber es lässt sich nicht vermeiden, da es auch keine unendliche Anzahl schöner Dinge gibt. Schöner und sinnvoller Dinge, die sich anzuschauen lohnt. Die wenigen aber muss man verbreiten.

    Das Folgende habe ich bei Inadaequat  gesehen.

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    20 November 2011

    Die Worte der anderen

    Indem man die Worte der anderen für die eigenen hält, lernt man eine Sprache.“

    Das ist ein Zitat. Ich zitiere mich selbst. Der Formulierung werde ich erst einmal – Achtung: Schöne Formulierung! – Glauben schenken.

    Erst hält man die Worte der anderen für die eigenen und dann ihre Meinungen und Auffassungen. Es ist ein Wunder, wenn man nicht sich selbst für einen der anderen hält.

    Falls es Sie überkommt und Sie sich dazu äußern möchten: bitte zwei Worte beim Captcha eingeben.

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    18 November 2011

    Geldorf, die Fahnen und ich

    Heute früh lief hier ein Mann um die Hütten herum und rief lauthals meinen Namen. Meine Hütte ist eine von sechs, die einen halben Kilometer von der Straße weg sind. Das war mal eine kleine Siedlung von DDR Oberen, die sich irgendwie gemacht haben und belohnt wurden. Inzwischen hat das hier offenbar mehrfach den Besitzer gewechselt. Ich wohne in der Hütte am einen Ende und ein älterer Mann wohnt mit seinem Hund am anderen Ende, die vier dazwischen stehen leer. Der Hund ist ein bildhübscher Labrador und heißt Bob Geldorf. Er hört seltsamerweise nicht auf Bob, der ignoriert seinen Vornamen, sondern nur auf Geldorf. Er ist noch kein Jahr alt und hat nur Blödsinn im Kopf.

    Der Mann der hier herumlief und erstaunlicherweise meinen Namen kannte, war von einem Kurierdienst. Der hat die Fahnen vom ersten Roman gebracht. Den hatte ich schon völlig vergessen. Ich habe also erst einmal ausgepackt, im Beisein von Geldorf.  Sein Besitzer ist heute für einen Tag nach Berlin gefahren und hat mich gebeten, auf den Hund aufzupassen. Geldorf ist offenbar sehr an neuster Literatur interessiert und hat den Vorgang des Auspackens mit äußerstem Interesse verfolgt. Vor Aufregung hat er sich fast in den Schwanz gebissen. Ich sitze also jetzt auf dem Sofa und halte den Ausdruck in Händen. Geldorf liegt auf dem Boden und kaut an einem Hundeknochen, beobachtet mich aber ununterbrochen. Ich bin ganz sicher, dass er schon überlegt, an meinem Laptop herumzukauen.

    Das ist ein nicht unwichtiger Moment. Ich halte zum ersten Mal den gesetzten Text in Händen, wie er als Buch erscheint, mit den entsprechenden Zeilen- und Seitenumbrüchen. Das muss ich bis Mittwoch kommender Woche gelesen haben. Wahrscheinlich werde ich es Geldorf vorlesen und dann die Stellen umschreiben, bei denen er jault. Mit den Fahnen steht nun auch bereits der Drucktermin fest. Und der Erscheinungstermin steht ebenfalls fest: der 23. Januar 2012.

    Die wichtige Frage die Sie jetzt alle haben, lautet natürlich: um wie viel Uhr erscheint es? Das weiß ich noch nicht, aber ich wäre für elf Uhr morgens. Spätestens! Bücher, die nachmittags erscheinen, haben oft so eine unnötige Schwere, die Charaktere sind bleiern und das Personal unlustig, und bei abendlichen Erscheinungen sind die Handlungsfäden bisweilen geradezu verworren.

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    09 November 2011

    Immer älter und gesünder

    Ich bin derzeit nicht in Berlin. Ich bin etwas südlich von Feldberg, in einem Dorf namens Carwitz. Das Dorf darf man sich nicht allzu groß vorstellen, man kommt der Wahrheit nahe, wenn man das Gegenteil tut. Das liegt an einer Seenplatte, hier herrscht eine wunderschöne herbstliche Stimmung. Langsam wird’s kühl. Aber da ich, wie ich letztens in einem Kommentar schrieb, Wolle mag, mache ich mir keine Sorgen.

    Das Polabische, vor allem die altpolabische Sprache hat hier offenbar einiges hinterlassen, so geht auch der Dorfname auf eine altpolabische Vokabel zurück, karva heißt Kuh. Ich bin also in einem Kuhdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und da ich auch aus einem Kuhdorf komme, fühle ich mich hier sehr wohl. Das Aufregendste in karva-carwitz bin derzeit ich selbst. Die Einwohner recken die Hälse, vielleicht bin ich zu neugierig oder sie glauben mir nicht, dass ich hier bin zum Schreiben. Außer mir gibt es hier noch das Hans Fallada Museum. Fallada war hier ebenfalls zum Schreiben und vielleicht haben die das dem auch nicht geglaubt und die Hälse gereckt.

    Ich wohne in der Datsche eines Freundes. Es gibt hier fließendes Wasser, Strom, eine Art Bett und manchmal funktioniert auch das W-LAN. Ich kann mich bei einem Nachbarn einloggen, der mir sein Passwort genannt hat. Es gibt in der Bude einen Ofen. Mal sehen wie lange ich das hier aushalte. Ich stehe früh auf, wasche mich und dann setze ich mich an die Arbeit. Einmal am Tag geh‘ ich spazieren. Heute wollte ich eine Zeitung kaufen, da gab es auch eines dieser Yellow-Press-Erzeugnisse mit der Schlagezeile: „Berliner werden immer älter und gesünder.“

    Soso, dachte ich mir. Während ich hier auf dem Land bin, ora et labora, während ich älter und erschöpfter werde und eines Tages auch ganz alt und zu Tode erschöpft sein werde, krank und kränker, werden die Berliner also immer gesünder. Und das offenbar zur selben Zeit. Ich gehe jetzt bereits, jung wie ich bin, meinem Ende entgegen, während die Berliner, so muss man das wohl verstehen, den anderen Weg nehmen. Sie werden zwar auch älter, aber sie werden immer gesünder, sodass sie offenbar, wenn sie ganz alt sind auch ganz gesund sind. Sie sterben dann wahrscheinlich nicht an Krankheiten wie unsereins, sondern an ihrer elenden, pathologisch perversen, geradezu krankhaften Gesundheit.

    Ich bleibe also lieber noch ein bisschen hier. Ein warmer Pullover, warme Socken und die klappernde Tastatur; bisweilen ein Spaziergang und früh schlafen gehen; gelegentlich ein Glas Rotwein. der hier in schönen Flaschen in einem Vorratszimmer wächst. Das alles ist sehr gemächlich. Und das kommt meinen natürlichen Zeitempfinden entgegen. Da hat mich doch der Phorkyas eine Heilige genannt, wo ich doch bloß eine Eilige bin. Aber alle Eile kommt hier zur Ruhe.

    Noch immer. Zwei Worte bei Kommentaren und die Technik lässt Sie durch.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 November 2011

    Neuzugang auf der Blogroll: Elif Batuman

    Ich hatte nichts mit der Buchmesse zu tun. Ich habe schon länger das Gefühl, dass das nicht meine Veranstaltung ist. Dennoch las ich eine Bemerkung zu Elif Batuman, die in Komparatistik in New York (oder spielt mir da meine Erinnerung einen Streich?) promoviert hat, eine Türkin in Amerika. Da habe ich natürlich sofort an eine Ihnen bekannte Rumänin in Deutschland gedacht. Elif Batuman schreibt für diverse Magazine, den New Yorker (kommt das vielleicht daher?) und andere. Ich dachte: Aha, da wird also doch noch mal etwas aus mir. Ich promoviere, parallelisiere, paralysiere, und ZACK, geht’s mir so wie ihr: ich werde eines Tages über Literatur schreiben und bekomme auch noch Geld dafür.

    Frau Batuman hat ein Buch geschrieben “The Possessed. Adventures with Russian Books and the People Who Read Them”. Das ist übersetzt worden. Ich hab mir das Buch, die Übersetzung, im Internet bestellt. Soll man ja nicht tun, wenn man dem Buchhandel glaubt: das Internet ist böse. Ich hab‘s dennoch da bestellt. Ein bisschen Bosheit tut mir ganz gut. Ich dachte, es sei ein Roman. Das steht allerdings nicht drauf. Und es auch keiner drin. Dann dachte ich, es sei eine Sammlung von Essays, weil Teile, das steht immerhin im Buch, als Essays in Magazinen vorab erschienen sind. Aber es sind keine Essays.

    Ich habe schon einige schlechte Erfahrungen in Deutschland mit Worten gemacht. Unter anderem mit dem Wort Essay: man kann alles und nichts einen Essay nennen. Im Grunde kann man auch einen Rasenmäher als einen Essay auf die Kürze des Grases bezeichnen. Es ist leider kein Roman, es sind leider auch keine Essay und ein Rasenmäher ist es wohl auch nicht. Das sind Geschichten, deren Hauptfigur Elif Batuman ist. Geschichten, die sich im weitesten Sinne um Literatur drehen, weil Elif Batuman sich darum dreht. Vielleicht drehen sie sich nicht, sie tangieren, tranchieren, torpedieren und travestieren die vor allem russische Literatur. Und da kennt die Autorin sich ohne Zweifel sehr gut aus.

    Wir haben es mit einem offenkundig außergewöhnlich hohen Grad an Identität der Elif Batuman vor mit der Elif Batuman in dem Buch zu tun. Die Differenz zwischen der echten und der fiktiven Person ist offenbar gegeben durch die witzigen Formulierungen. Denn das Leben ist ernst, also muss die witzige Variante die Fiktionalisierung dieser ernsten Wirklichkeit sein. Bedauerlicherweise fand ich das Buch nicht witzig, nicht mal ansatzweise. Gerade dieser Umstand wird aber in allen Rezensionen betont, der Witz und die Klugheit, da ist sogar – hör sich einer das an – von ihr als eine der „besten Essayistinnen der Welt“ die Rede.  Also muss der Abstand der beiden Batumans für die anderen Leser größer gewesen sein als er für mich war. Ich konnte kein lyrisches Ich erkennen. Das aber wäre eine Minimalanforderung an ein literarisches Werk.

    Ich habe nicht ein Mal gelacht. Der türkisch-amerikanische Humor ist offenbar deutlich von dem deutsch –rumänischen unterschieden. Eine von uns beiden hat offenbar einen anderen Humor! Vielleich ist dieses türkisch-amerikanische-Roman-Essay-Rasenmäher-Gemisch sogar höchst explosiv. Aber die vertrocknete Frau Torik wird es nicht herausfinden. Ich habe das Buch beiseitegelegt. Welches Genre das auch immer sein mag, ich kann nur hoffen, dass es nicht zum allgemeinen Maßstab erhoben wird.

    Ich sage dennoch ausdrücklich, dass das hier kein Verriss ist. Ich wüsste gar nicht wie man das macht und es gibt keine Textsorte, die mich noch weniger interessiert als der Verriss. Ich will möglichst selbstkritisch sein und den Fehler von Elif Batuman bei mir suchen: Mir passt sowieso gerade nichts. Ich breche alle Lektüre ab. Ich werfe alles in die Ecke. Da liegt auch „Der letzte Tag“ von Pynchon und ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass ich den da noch einmal herausbekomme. Das ist umso erstaunlicher, da er mir, als ich ihn kennenlernte, sehr gut gefallen hat. Vielleicht hat er mir nicht gefallen, sondern nur imponiert. Und heute lasse ich mir nicht mehr imponieren.

    Ich lese derzeit die Einleitung der Dissertation von Frau Batuman und die gefällt mir gut und ist weitaus besser geschrieben als das Buch. Das ist auch eine liebevoll gemachte Seite, und da sie auch eine Art Blog hat – My Life and Thoughts – nehme ich sie in meine Blogroll auf. Ich nehme auch einige von der Blogroll herunter, vor allem die fünf Litblogs-Leute, weil ich die ja schon über Litblogs verlinkt habe. Nicht, dass sich Verschwörungstheorien bilden.

    Zur Überwindung des Captchas müssen bei Kommentaren beide Worte eingegeben werden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.