01 Oktober 2011
Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur
Das Folgende ist eine Antwort auf eine Kritik des vorausgegangenen Artikels durch den Blinden Hund. Man muss, um das hier zu verstehen, den Artikel und seine Kritik gelesen haben. Das war mir einfach zu viel Arbeit, um es als Kommentar verschwinden zu lassen.
Lieber blinder Hund, ich danke für das Lob. Das hat mich gefreut. Dass es sich mit einer Verärgerung und Kritik bei dir vermischt: einverstanden! Eine Mischung zwischen Freude und Ärger ist abwechslungsreicher als nur Ärger oder nur Freude. So geht’s mir mit deinem Beitrag allerdings auch. Obwohl ich nicht verärgert bin, sondern belustigt. Diese Differenz zwischen deiner und meiner Reaktion würde ich als die Differenz zwischen einem männlichen und einem weiblichen Schreibstil verstehen wollen.
Wir sind ja schon einmal so ein wenig aneinander geraten. Und das ist jetzt offensichtlich erneut der Fall. Du fordert erneut das Primat der Philosophie. Du kritisierst andere, mich, die Germanistik, allerlei andere Geisteswissenschaftler, die sich nicht mit Philosophie auskennen. Du forderst eine Strenge des Diskurses, die du jedoch selbst nicht leistest. Der größte Teil deines Kommentars ist eher polemischer Natur: Germanisten wissen nicht was sie reden. Das wissen nur die strengen Philosophen und die, die von den Philosophen Gnade finden, in dem Fall die Physiker.
Was ich getan habe, ist nichts anderes als das Bild der Termiten zu nehmen, in deren Werkzeugen sich deren Welt bereits vorgeprägt zeigt und das auf den Menschen anzuwenden. In unseren Werkzeugen zeigt sich unser Weltverständnis. Ich sehe daran nichts Unlauteres.
Das ist hier ein Blog. Das ist keine akademische Veranstaltung. Das ist nicht meine Diss. Ich muss hier nicht jedes Wort beweisen. Das ist ein literarisches Spielzimmer, hier wird gar nichts bewiesen. Es ist auch kein Roman, den ich in endlosen Überarbeitungen schleife. Ich schreibe hier auch mal was herunter, was ich morgen korrigiere oder relativiere. Oder ich schreibe morgen etwas anderes. Das hat etwas mit Lust und Phantasie und Onanie zu tun.
Es ist der Irrtum derjenigen, die mittels Definitionen Macht ausüben wollen, wenn sie sagen, man müsse alles definieren: Ich kann durchaus sagen, dass es ein schöner Tag war, ohne dass ich definieren müsste, was ein Tag ist, wie er sich zur Nacht abgrenzt, wie viele Stunden er dauert, ob er als Ganzes oder in Teilen schön war, was Schönheit ist und ob es sich um eine innere oder eine äußere Schönheit handelt. Etc etc. Es war ein schöner Tag. Punktum. Sprache hat eine allgemeine Basis, die man nicht bei jedem Sprechakt erklären und definieren muss. Ich rufe einfach meine Freundin Marie an und sage ihr: „Marie: das war ein wunderschöner Tag.“ Und die weiß sofort, was ich meine.
Cărtărescus Auffassung besagt nicht, dass man nicht sagen kann, was in literarischen Texten steht. Er ist Literaturwissenschaftler, einer meiner Exliteraturwissenschaftsdozenten: Ich habe bei ihm Seminare gehört. Selbstverständlich kann man Texte verstehen, man kann sie auslegen und deuten und umdeuten und mit etwas anderem vermengen und verwursten, zum Beispiel zu Dissertationen. Aber ein Autor kann, und das ist es, was er sagt, einen Text, den er selbst geschrieben hat, nicht besser oder treffender in Worte fassen als er es in dem Text getan hat. Wer war das, der etwas Ähnliches antwortete, als er nach einer Lesung gefragt wurde, was er damit eigentlich sagen wolle, sagte „Eben dieses“? Wenn er es besser, treffender und prägnanter hätte sagen können, dann hätte er das getan. Das ist die Aussage Cărtărescus.
Zur Relativitätstheorie: Kannst du das mathematisch nachrechnen? Wahrscheinlich nicht. Du kannst die Geschichten darüber lesen: bei Bertrand Russel vielleicht. Es gibt sicherlich auch neuere Erklärungen. Du kannst die mathematische Theorie nicht nachrechnen. Du nimmst die als wahr. Du glaubst, dass sie richtig ist. Du nimmst das als eine narrative Geschichte, weil du nur ihren narrativen Teilen verstehen kannst. Jeden noch so kleinen Beweis verstehst du nicht.
Du sagst: „Die Relativitätstheorie … ist …die beste Theorie, die wir haben und die im Alltag angewendet wird“ – Wie kommst du darauf? Wo ist der Beweis? Wieso die beste? „Rechts vor Links“ ist besser – ist allerdings keine Theorie, sondern eine Regel. „Schwere Gegenständen fallen nach unten“ ist auch besser, ist allerdings auch keine Theorie, sondern ein Gesetz. Im Vergleich mit welchen anderen Theorien ist die Relativitätstheorie die beste? Und wieso? Du sagst: „Deine Thesen etwa, dass die Welt nur das ist, was ihr aus machen, oder dass die wissenschaftliche Forschung, wenn sie nach dem Anfang des Universums fragt, in Fiktion umschlägt. Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht.“ – Wieso stimmt das nicht? Und warum die Klassifizierung „natürlich“? Du sagst: „Wenn man da eine “Geschichte” sucht, dann keine fiktive, sondern diejenige, die einem den Anfang der Welt korrekt erläutert.“ – Diejenige, die einem die Welt korrekt erläutert: ich hatte in den Zitaten in dem Artikel auf etwas Ähnliches verwiesen, als ich Cărtărescus Zitat brachte, dass das Universum keine Beobachter braucht. Man kann es auch anders sagen: wir können es nicht beobachten, weil es sich für eine Beobachtung nicht eignet. Es eignet sich für mathematische Berechnungen. Von denen wir einmal annehmen, dass sie alle miteinander richtig sind. Aber da du und ich nicht rechnen können, müssen wir das Ganze in Geschichten verwandeln und transformieren. Und da wird’s zur Fiktion. Das schwarze Loch ist eine Geschichte. In Mathematik verwandelt, ist es vermutlich viele Duzend Seiten lang, richtig gerechnet, ein schöner Beweis. Aber er wird in eine narrative Struktur verwandet, sowie wir uns davon erzählen. Den Anfang der Welt, den kannst du gar nicht verstehen. Außer es erzählt ihn dir jemand. Und dann ist er von fiktionaler Struktur. Du sagst: „Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht“ – dadurch, dass ich es behaupte, stimmt es „natürlich“ nicht. Wodurch stimmt es denn? Du sagst: „Geisteswissenschaftler, vor allem diejenigen, die sich nicht in der Philosophie auskennen, ja gerne schonmal um die Ecke geschossen kommen. Ich sage das so deutlich, weil ich das für ein Grundärgernis grade in solchen Fächern wie Germanistik halte, wo die Leute einen Haufen Blödsinn labern und unglaublich weitreichende Thesen aufstellen, ohne ihre Begriffe auch nur annähernd zu klären oder auch nur Argumente zu geben“ – Wer sich mit Philosophie nicht auskennt, labert Blödsinn? Ich bin keine Germanistin, ich studiere, Literatur, internationale Literatur.
Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur. Ich habe Kontakte zu anderen mittelgroßen Gegenständen mit ähnlichen Interessen. In dieser Welt spielt die Regel „rechts vor links“ eine größere Rolle, als die Lichtgeschwindigkeit. Ich will dieser Theorie nicht ihre Richtigkeit noch ihre Bedeutung absprechen. Aber sie ist in meinem Lebenskontext bedeutungslos. Ich bewege mich nicht mit Lichtgeschwindigkeit, alle meine Handlungen funktionieren auch dann noch, wenn die Neutrinos doppelt so schnell daher schießen und die Ursache wird der Wirkung nicht vorhergehen. Was immer das Licht oder die Neutrons so machen. Ich will das mal provokant formulieren: die sogenannte Antimaterie ist keinen Deut besser als der Hexenglaube in der finstersten rumänischen Provinz. Das ist dasselbe: Mystizismus.
Ich will hier nichts beweisen. Von mir Beweise oder Argumente zu fordern – für was eigentlich? – scheint mir ähnlich sinnvoll wie von der Termite zu fordern, sie müsse beweisen, dass sie nicht doch heimlich ins Kino gehe. Da ist meine These nicht verstanden worden. Und die lautete: was immer wir verstehen, es ist innerhalb der Reichweite unsere Werkzeuge. Und es ist innerhalb dieser Reichweite die Wahrheit. Am Ende aller unserer Forschungen steht dann irgendeine Wahrheit über den Beginn unseres Universums. Die forschende Termite wird da sicher eine andere Erkenntnis erlangen als der forschende Physiker. Und der Lakritzsüchtige wird sicher eine Tüte dänische Salzlakritz finden. Das alles ist die Wahrheit.
Und wie immer: ein Captcha, zwei Worte eingeben.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 1st, 2011 unter monströs, Paralipomena












Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 1. Oktober 2011 um 22:10
einfach klasse, habe mich trotz der angestrebten ernsthaftigkeit und ohne mich auf irgendjemanden einschiessen zu wollen- den dialog habe ich gar nicht verfolgt, nebenher auch koestlich amuesiert. v.a. ueber den vorletzten abschnitt … “Ich bewege mich nicht mit Lichtgeschwindigkeit,..”- weiss mans? es kann auch sein, dass wir oder teile von uns oder vergangene bzw. kuenftige teile von uns in verschiedenen parallelwelten mit vollkommen anderer geschwindigkeit agieren koennen… vielleicht zeitgleich mit dem gefuehlten jetzt-ich.