Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2017 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Oktober, 2011

    26 Oktober 2011

    Or–bit–or II

    Ich war am Montagabend bei der Veranstaltung mit Mircea Cărtărescu, der aus dem zweiten Band der Orbitor – Trilogie vorgelesen hat. Allerdings nur eine einzige Seite, denn er gehört, wie viele Autoren, zu denen, die nicht lesen können. Es kann sogar exzellent lesen, und er liest auch immer und überall und alles, aber er ist ein der Öffentlichkeit und dem Rampenlicht eher abgeneigter Mensch. Man merkt ihm an, dass er froh ist, wenn das hinter ihm liegt. Außerdem war es natürlich eine Lesung auf Deutsch. Das tat der Sache keinen Abbruch, die Übersetzung ist besser als das Original. Aber auch das Original ist besser. Beide sind besser. Nicht besser als das andere, sondern besser als sie selbst.

    Der Roman, sein in Deutschland inzwischen einigermaßen bekannter erster Teil, sein gerade erschienener zweiter und sein hier noch unbekannter dritter Teil sind alle miteinander am Rand der Lesbarkeit, der Entzifferbar und Interpretierbarkeit geschrieben. Die mir bekannten Rezensionen und Hinweise auf diesen zweiten Teil (Verlagsankündigung, Perlentaucher, Deutschlandfunk etc.) belassen es in der Regel auch bei der Bemerkung, dass man nicht darstellen könne, was in dem Buch passiert. Selbst „passieren“ ist nicht das richtige Wort. Meistens ist von der erheblichen Komplexität die Rede. Auf Deutsch gelesen hat Frank Arnold: und den hat das alles nicht interessiert. Vielleicht wusste er das auch nicht. Der trank den 100% tigen Text als wär‘s 3%tiger Schaumwein. Das war einfach grandios. Er hat sich in einer guten halben Stunde nicht ein einziges Mal versprochen, er hat nicht einmal gestockt. Als wenn er den Text gar nicht liest, sondern in diesem Moment erfindet.

    Realistische und phantastische Ebenen und Textteile wechseln sich in der Trilogie ab. Mircea Cărtărescu hat an diesem Abend, wie schon in seinen Seminaren, und in seiner Dissertation wiederholt darauf hingewiesen, dass die rumänische Literatur in Europa falsch lokalisiert sei, und ihre eigentlichen Nachbarn die Südamerikaner sind. Die rumänische Literatur ist in der Tat sehr viel deutlicher an der Phantastik orientiert als die deutsche, die zu einem erheblichen Teil zum Realismus neigt.

    Diese beiden Pole sind natürlich nicht ganz so streng voneinander zu scheiden wie Nord- und Südpol. Beide entwickeln sie ihre magnetischen Felder, die in das andere Feld hineinreichen. Ein realistischer Autor schreibt in der Regel realistische Romane in ebensolcher Manier. Wer der Phantastik zuneigt, hat andere sprachliche Möglichkeiten als der realistische Schriftsteller. Der phantastische Schriftsteller hat andere Möglichkeiten, weil er einen anderen Maßstab an die Dinge anlegt. Allerdings muss man das können. Man muss über ein solches Maß verfügen, sonst nützt einem alle Phantasterei nichts.

    Realisten und Phantasten können zur konservativen oder modernen Fraktion gerechnet werden. Allerdings bildet ja auch der Realismus nicht nur die Natur ab wie sie ist. Die Modernen, die Modernsten, nämlich die Postmodernen, die so modern ja auch schon wieder nicht sind – es gibt wohl nur gerade keinen Begriff, der das Postmoderne hinter sich lässt; die Postmodernen glauben nicht mehr daran, dass etwas einfach nur ist: sie postulieren, dass sie das machen. Die Dinge sind nicht, weil sie irgendwo herumliegen, sondern sie liegen dort herum, weil sie sie als liegende beschreiben. Und indem sie sie beschreiben, machen sie sie.

    Zur Standortbestimmung: Ich bin eine realistische Schriftstellerin, die eindeutig der derzeit noch begriffslosen Gruppe der Nachfolger der Postmodernen zuzurechnen ist, die wahrscheinlich gar keine Gruppe ist. Ich kenne jedenfalls keinen anderen aus dieser Gruppe. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich einen der anderen kennenlernen möchte. Ich glaube, ich komme eher mit den konservativen Phantasten aus der Gruppe der Postmodernen zurecht. Menschlich, nicht literarisch. Sollte ich jemals eine Kontaktanzeige aufgeben, wäre dieser Absatz der ideale Text.

    Mircea Cărtărescu ist drei Etagen besser als ich. Eine werde ich überwinden durch beständige Arbeit an mir und meinen Texten: das bedarf meiner selbst. Die zweite Etage werde ich möglicherweise überwinden: sie ist nur durch Erfolg und Anerkennung der Leistungen zu erklimmen: sie bedarf der anderen. Die dritte Etage ist uneinnehmbar – nicht durch Fleiß, Glück oder Kampf – und sie ist nicht zu erklären durch die dargestellte Differenz von Phantasten und Realisten, Modernen, Postmodernen oder Antiquierten. Sie ist allein eine Frage der Begabung: mit der Lunge, die dort oben atmen kann, muss man geboren werden.

    Zu der Textstelle, die am Montag gelesen wurde (das Kapitel beginnt in der deutschen Ausgabe auf Seite 513): Maarten ist ein kleiner Junge aus Amsterdam, der im Winter mit seinem Hund Frits Eislaufen geht. Er haut von zu Hause ab und läuft alleine mit dem Hund zu einem weit draußen liegenden Schiff, eine zweitägige Tour auf dem Eis. Auf halber Strecke will er bei der Mühle übernachten. Er denkt nicht daran, dass seine Eltern sich Sorgen machen. Als wüsste er, dass sie ihn nicht wiedersehen werden. Er fällt in ein Eisloch, er krabbelt hinein, sieht dort eingefrorene Fische und seinen vor zwei Jahren ertrunkenen Bruder Gerrit. Er klettert wieder heraus und fährt weiter auf seinen Schlittschuhen. Er kommt an die Mühle und bemerkt, dass er Frits schon lange nicht mehr hat bellen hören. Der Leser ahnt in diesem Moment bereits: Frits ist schon lange tot. Maarten altert, nachdem er aus der Höhle wieder herauskommt, innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb von 24 Stunden wird aus einem kleinen Jungen ein alter Mann. Er wächst, seine Schuhe, seine Kleidung platzt ab, während er über das Eis fährt. Er verändert sich äußerlich und innerlich. Er kommt an die Mühle, schläft mit einer Frau, die ihm ausgesprochen ähnlich ist, sein femininer Zwilling, und gegen Mittag des kommenden Tages stirbt er.

    „Er erreichte die Weide noch im milchigen Licht des Vormittags und setzte sich auf den Sack, nachdem er alles zum Essen Nötige herausgeholt hatte. Alles teilte er bis auf den letzten Krümel mit Frits. Kauend betrachtete er den endlos hohen Himmel höher als sonstwo auf der Welt. Die am tiefsten hängenden Wolken leckten das Eis wie vom Wind zerfaserte Rauchschwaden. Die darüber liegenden waren klumpiger und schienen erstarrt zu sein, doch betrachtete man sie länger, so sah man, dass auch sie einem steten Wandel der Formen und Leuchtkraft unterlagen, und der kleine Maarten fragte sich nicht ohne Grund, wie denn Gott, ohne dessen Willen und Wissen sich nichts auf der Erde rührte, die launenhaften und widersprüchlichen Bewegungen der Wolken beherrschen konnte. Welch endlose Berechnungen musste er anstellen, um zu ermitteln, in welche Richtung jedes einzelne blonde Haar auf dem Kopf des Jungen flatterte, wenn der Wind wehte und es zerzauste. Wie konnte Er wissen (aber Er wusste, denn Er war auch der Wind,, auch die Wolken, auch die stets wirbelnden Wasser), welche Richtung jeder Tropfen eines Flusses einschlägt, wenn die Wasserstrudel im Frühjahr anschwellen. Die dunklen Schneewolken, die am Himmel, zehnmal höher als die Erde, hin und her zogen, schienen keinem Gesetz zu gehorchen. Sie verknoteten und entknoteten sich schlicht und einfach aufs Gradewohl, bildeten zuweilen, ebenso zufällig, Gesichter und Landschaften, die sich dann bis zur Unkenntlichkeit verformten und wiederum andere Antlitze und Aussichten bildeten. Verhielt es sich nicht ebenso mit den stets vergänglichen Dingen unserer Welt? Bildet man nicht ein Haus mit Holz aus dem Wald, mit aus gebranntem Lehm geformten Ziegeln, mit Glas aus geschmolzenem Sand, mit aus der Erde geförderten Eisen, glänzt es nicht eine Zeitlang inmitten des Dorfes und beherbergt junge, vor Gesundheit strotzende Menschen? Erlebt es nicht frohe Hochzeiten und Taufen, um dann gleichzeitig mit den Menschen und dem Dorf zu altern, zum ‚alten Haus‘, verlassen zu werden und dann langsam in Trümmer zu zerfallen, um wieder in die Erde zu verschwinden, aus der es geknetet war. War denn nicht irgendwann auch das Dorf gegründet worden, damit es dereinst ebenso in Nebel und Vergessen verschwand? Das Kind betrachtete die schwarze Weidenrinde, die in jeder Ritze noch Spuren des Schneefalls bewahrte. Sie schien so hart, so ewig zu sein, und dennoch war sie nur eine vergängliche Form. Er stellte sich Wesen vor, so flink und unkörperlich, dass sie in der Welt der Wolken leben konnten und dass sie alle fest und unwandelbar schienen, ebenso wie den Menschen alle sie umgebenden Dinge vorkommen. Jene Wesen würden sich in einem Augenblick auflösen, doch jener Augenblick wäre ihr Leben, lange und voll von Glück und Verdruss. ‚Und wir, wir unter den stets fließenden Wolken, würden ihnen wirklich unsterblich vorkommen. Wir wären ihre Götter, in uns würden sie Trost und Halt finden, von unserer Beständigkeit und Erstarrung würden sie unentwegt träumen, so wie für uns der Herr und sein Sohn Jesus zwei herrliche, unwandelbare Statuen sind, immerdar dieselben, in deren Nähe wir wie die Wolken gebildet werden und zerfasern.‘ Ja, Fließen und Wandel waren Leben, Beständigkeit und Erstarrung waren in unserer Welt nicht möglich, denn sie waren Wesenszüge des Göttlichen. Als er bei diesem Gedanken angelangt war, wurde der Junge von großer Sehnsucht nach Ewigkeit erfasst. Winzig unter dem wirbelnden Himmel, stand er auf und blieb etwa eine halbe Stunde reglos stehen, den Blick auf den Scheitel des Gewölbes gerichtet, ohne zu blinzeln, ohne das ruhelose Winseln des Hundes zu hören, das Gesicht erhellt und verdunkelt vom ruhigen Fließen der Wolken.“

    […]

    „Wir leben in übereinandergeschichteten Welten, sagte sich Maarten, jede unter dem harten Eis der darüberliegenden, wobei jede unter ihren Füßen eine andere, seit langem versunkene sieht. Wir sind die Himmel der unter uns liegenden Welt und die verfluchte Tiefe des seligen Reiches darüber. Der obere Teil unseres Leibes ist göttlich und badet im Quarzlicht des Spitzbogens, in das wir in Ewigkeit gesetzt worden sind, der untere Teil empfängt zwischen Schenkeln und Hinterbacken die dämonische, schändliche Flamme der Hölle. Doch unser Gehirn in seinem Schädel aus bleichem Bein ist identisch mit den Eiern der Oberen in ihrem weichen Geschröt, und die beiden Halbkugeln, mit denen die unter uns denken, sind mit unseren Hoden identisch. Wie wundertätig muss das Gehirn der Oberen sein und wie niederträchtig sind die Eier der Unteren! Und dennoch ist Ersteres ähnlich dem Schädel aus behaarter Haut zwischen den Beinen der noch Höheren, und Letztere sind die glorreichen Geister der noch Tieferen. Und irgendwo, in dieser endlosen Abfolge, in den geologischen Schichtungen von Raum und Zeit, Gehirn und Geschlecht, Hirnhälften und Testikeln, Paradies und Hölle, irgendwo an dem immer klarer werdenden Scheitel der übereinander liegenden Welten muss es einen Geist geben, der für niemanden mehr Geschlecht sein kann, denn er ist zugleich Denken und Zeugung, und seine Gedanken sind Lichtsperma, in dem Engel schwimmen. Und irgendwo, in der tiefsten Tiefe, wird es ein absolutes Geschlecht geben, Testes mir Hirnrinde, Hypothalamus und Mandelkern, sein dickflüssiges Sperma aus geschmolzenem Blei trägt geflügelte Dämonen, die denken und denkend das zarte Fleisch des Seins zerstören. Wir sind eine Abfolge von Denken und Zeugung, wobei unser Denken von dem über uns geboren wird und jenes unter uns gebiert. Immerwährend gebiert unser Geist, wie ein Weberschiffchen, uns das Geschlecht, denn er trägt das Urbild unseres Geschlechts in sich, während das Geschlecht, das in seinem Kern einen Brosamen Hirn hat, stets verzweifelt uns sehnsüchtig versucht, einen anderen Geist zu zeugen, der es gebären kann und so ins Unendliche …“

    […]

    „Zornig war die Zeit über ihn hinweggebraust. Er sah sich im Spiegel des Eises an: ein altes Gesicht, umrahmt von grauem Haar. Er legte sich in den Tümpel und wartete aufs Sterben. Das Eis krachte von allen Seiten; da und dort war es dünn geworden wie ein Fingernagel. In weiter Entfernung stürzten von den Eisbergen ganze Steilküsten ins Meer.
    Aus der Tiefe stieg nun ein riesenhaftes Segelschiff auf. Ein morsches Schiff, dessen Holz mit Muscheln und Wurzelwerk besetzt, dessen Nieten und Nägel flauschweich vor Rost waren, die Schiffsglocke vor Grünspan zerfressen. An den Masten schwarze Segel und schwarze Flaggen, gebauscht von glitzernden Fischschwärmen. In den Kajüten unter dem Deck angeknabberte Leichname von Seeleuten, Riffkorallen wuchsen ihnen wie Hörner aus dem Schädel. Zu ihren Füßen Seelilien, vermengt mit Haufen von Gold, Geschmeiden und Perlen, Schätze, die niemand mehr begehrte. Die Masten hatten als erste das Eis durchstoßen, es aufgebrochen und in große, rasierklingenscharfe Schollen zersplittert, die ihre Vielecke einen Augenblick lang in der Luft blinken ließen, um dann in der Ferne auf dem noch unversehrten Eisboden in Kristalle zu zerbrechen. Höher und höher stiegen sie ins Luftmeer, und die großen schwarzen Blahen trockneten augenblicklich, wobei sie nicht bloß unendlichen Modergeruch verbreiteten, sondern auch Salzkristalle verstreuten, die sich wie Raureif ringsumher verteilten, dazu zig, ja Hunderte unbekannter Tiere aus der Tiefe, röchelnde Ungeheuer, die auf dem Eis ihren letzten Atemzug taten. Das Heckkastell hatte auch die Quarzoberfläche aufgebrochen und ließ Tonnen Wasser aus der Ladeluke strömen, dann brach das große Achterdeck hervor, hob in der Mitte Maarten empor, dessen verschleierte Augen alles ohne Staunen betrachteten, bloß mit ungestilltem Todesverlangen. Die große Galeone hatte die Wasserlinie erreicht, neigte sich seitwärts, sank aber nicht, dann hob sie sich und blieb inmitten von Eissplittern reglos inmitten der Wüstenei. Ein Wasserring von unsagbarer Klarheit umspülte sie, ein Ring, der sich in der Abenddämmerung mehr und mehr ausweitete und seine Farbe in Gold, dann in Purpur wandelte.
    Der Greis richtete sich auf, schnürte langsam seine kufenbesetzten Schuhe auf und schritt barfuß, mit frostgeröteten Füßen, auf den korkweichen Decksplanken bis zum Burg vor. Er klammerte sich mit den Händen an die Reling des Bugs und versteinerte, das Gesicht gen Westen gewandt. Das orange Licht der Abenddämmerung, das Wolken und Wogen entzündete, verfing sich in der Kräuselung seiner Haut, verdoppelte seine Barthaare mit Schatten, drang wie eine klare Flüssigkeit zwischen die Lider und füllte seinen Schädel. Vom Schädel stieg ihm der Bernstein der Abenddämmerung in die Wirbelsäule, wie in das Leitungsrohr eines alten Wasserturms, und dort verteilte er sich in die Bahnen der zu seinen müden Organen, zu seiner welken Haut hinabsteigenden Gehirn- und Zwischenrippennerven. Der Alte wurde zu einer in den durchsichtigen Stein des Sonnenniedergangs gehauenen Statue.“

    So schreibt man derzeit in Rumänien. Auf Etage siebzehn.

    Ein Kommentar, zwei Worte eingeben! Bitte. Sonst macht mein Programm hier gar nichts.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 Oktober 2011

    Beschäftigen, bewegen, beruhigen und beunruhigen

    Ich brauche das Netz derzeit nicht so. Wenn man das bei sich feststellen kann, kann man ebenfalls feststellen, dass das Netz einen auch nicht braucht. Man weiß nicht, welche der beiden Feststellungen die beruhigende und welche die beunruhigende ist.

    Es sind einfach gerade andere Dinge, die mich beschäftigen, bewegen, beruhigen und beunruhigen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Oktober 2011

    „Man wird nicht als anderer geboren, ..

    … man wird zum anderen gemacht.“

    Das hat einer meiner Professoren in Bukarest, George Guţu, gesagt. Sowie man zum Objekt einer (ethnologischen) Beschreibung wird, wird man ver-andert. Und indem man ver-andert wird, vermute ich, wird man verändert.

    George Guţu meinte das damals, wenn ich mich recht erinnere, so umfassend wie nur möglich. Jede im Kern ethnologische Beschreibung macht einen anderen zum anderen. Wenn das so ist, dann ist die Frage, ob und inwieweit das Wissen um diesen Sachverhalt einem etwas vom Selbst oder vom Eigenen nimmt. Oder ob und inwieweit das Selbst vielleicht gerade in diesem Wissen, im Widerstand gegen die Ver-anderung, erst entsteht oder sich zumindest konturiert.

    Einfach nur „sein“ hat vermutlich keine Spezifizität, wenn man das nicht sehr stark mit Begriffen auflädt. Das Selbst entsteht womöglich durch die Aufgaben, die an es herangetragen werden. Wie die Organe entsprechend ihrer Verwendungen und Funktionen entstehen. Wie die Niere nicht nur einfach eine Funktion hat, sondern sie hat eine ganz bestimmte Funktion. Die Frage ist auch, inwieweit wir uns von dem Begriff der Funktionalität leiten lassen, ob wir das Selbst als ein soziales Selbst verstehen, das einzig oder vor allem der sozialen Funktion gehorcht und sich dementsprechend anpasst. Anpassung ist wohl ein Begriff, der nicht sehr hochwertig einzuordnen ist. Möglicherweise ist das aber auch ein positiver Prozess der Verselbstung, diese Ver-anderung.

    Bevor mein schöner aufrechter Beitrag hiermit vollends auf die schiefe Bahn, und ich mit ihm, da sich ein Sprachgebrauch einschleicht, der mich allzu sehr an Martin Heidegger erinnert; bevor das gegen die Wand fährt, da ich die nicht mag, diese Sprache Heideggers, und darüber hinaus auch nicht viel von seinen Texten verstehe, beende ich hiermit meinen abendlichen Versuch, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

    Ich meine das wirklich ernst: ich habe die technischen Veränderungen angeschoben und hier wird sich einiges verbessern. Allerdings ist die schiefe Bahn der Technik noch nicht schief genug, so dass auch jetzt noch gilt: bei Kommentaren zwei Worte eingeben (vielleicht hat man meinen Ehrgeiz bemerkt, immer andere Formulierungen für immer den gleichen Sachverhalt zu finden?).

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Oktober 2011

    Reißen Sie sich zusammen!

    Die neusten Nachrichten über „Das Geräusch des Werdens“ stimmen mich wirklich froh. Bevor das Buch im Februar des kommenden Jahres im Buchhandel greifbar ist, müssen einige Dinge angeschoben werden. Das wird nicht einfach gedruckt und dann liegt es da: Dieses „Da“ muss konkretisiert werden. Mein Verleger hat mich angerufen und mir seinen sehr positiven Eindruck von dem fertigen Text übermittelt. Er hat ihn, nachdem er ihn gekauft hatte, nicht mehr gesehen. Der Text hat sich aber deutlich verändert: er ist reifer geworden. Dennoch hätte es passieren können, dass der Verleger nicht glücklich mit den Änderungen ist. Das ist zum Glück nicht der Fall. Er ist begeistert und das hat er mir in aller Deutlichkeit gesagt. Er macht jetzt auf der Buchmesse die ersten Kontakte dafür und hat dabei einige interessante Namen in den Mund genommen. Ob sich dies alles verwirklichen lässt, wird sich zeigen. Frau Torik kommt jedenfalls ins Gespräch. Dabei wird auch auf meine Webseite verwiesen.

    Deswegen diese Ansprache: Auf meiner Seite bin ja nicht nur ich präsent. Da sind auch viele andere. Wir alle stehen jetzt unter verschärfter Beobachtung. Ich bitte Sie also: Reißen Sie sich zusammen! Achten Sie auf ihr Äußeres, ziehen Sie einen Anzug an, wenn Sie vor dem Rechner sitzen, oder ein hübsches Kleid oder ein Kostüm. Achten Sie auf Ihr Schuhwerk! Keine fettigen Finger auf der Tastatur. Keine Fehler bei der Interpunktion. Achten Sie auf Syntax und Semantik. Das gilt natürlich auch für die heimlichen Leser. Die, die ich nicht sehen kann: Achten Sie auf sich und auf mich.

    Achten Sie drauf oder achten Sie nicht drauf. Machen Sie einfach, was Sie wollen. Sie sind ja alle schon erwachsen. Nehme ich an. Und deswegen nehme ich ebenfalls an – wie immer man dieses Erwachsen-sein definiert – wissen Sie auch, dass Sie gerade dies häufig nicht können: machen, was Sie machen wollen. Hier können Sie es. Nehmen Sie das also als eine Ausnahmesituation. Machen Sie, was Sie wollen. Aber reißen Sie sich zusammen.

    Noch immer gilt: die Kommentarhürde wird überwunden, indem man – erstens – die Anweisungen des Captcha ignoriert und dann -  zweitens – beide Worte eingibt. In dieser Reihenfolge!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Oktober 2011

    Blog – Drogen – Welt – Einstein – Licht – Straßenverkehrsordnung

    Mein Blog war einige Tage nicht zu erreichen. Jedenfalls nicht von meinem Rechner. Ich habe das, da ich jeden Tag einmal hinein schaue, auch recht bald bemerkt. Aber ich war so in meinem Schreiben versunken, dass ich nichts dagegen unternommen habe. Ich habe einen Brief an den Provider geschrieben und ihn auf der Hälfte liegen lassen. Ich habe einige Emails angefangen und liegen lassen. Ebenso diesen Beitrag: angefangen und liegengelassen. Ich wollte etwas für die Zeit formulieren, in der das Blog wieder zu erreichen ist. Jetzt ist diese Zeit überraschenderweise schon da: Ohne meinen Brief an den Provider. Und ich habe keinen Artikel, den ich einstellen könnte. Ich habe gerade andere Drogen. Ich weiß nicht, was ich darüber hinaus sagen soll. Ich bin derzeit in verschiedenen Hinsichten abwesend.

    Die Welt wird sich wohl auch ohne mich weiterdrehen. Und wenn sie sich nicht dreht, dann macht sie etwas anderes, vielleicht schlägt sie Kapriolen. Dieses jahrmillionenlange Drehen ist ja auf Dauer auch eintönig. Das liegt alles an der Relativitätstheorie. Falls das in den kommenden Tagen hier noch einmal ausfällt, schreiben Sie bitte einen Beschwerdebrief an Albert Einstein. Schreiben Sie bitte: das Licht bewegt sich womöglich gar nicht mit Lichtgeschwindigkeit. Oder schreiben Sie etwas anderes.

    Ich komme bestimmt bald wieder: mit einem zwar nicht schnelleren, aber helleren Artikel. Auf die Schnelligkeit, sagen Sie das Mr. Einstein, kommt es im Leben auch nicht immer an. Nicht einmal beim Licht. Das kommt es auf die Helligkeit an. Jedenfalls beim deutschen Licht, siehe Straßenverkehrsordnung, der Paragraf, der die Beleuchtung von Fahrrädern regelt. Da durfte ich mir vor einiger Zeit etwas anhören. Und demnächst darf ich es wohl auch anzahlen.

    Das war ein schöner Rundumschlag: Blog – Drogen – Welt – Einstein – Licht – Straßenverkehrsordnung.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Oktober 2011

    In einem Mercedes

    Auf der Fahrt nach Rumänien habe ich etwas gelesen. Ich habe es aufgeschrieben, aber ich habe vergessen aufzuschreiben, wo ich das gelesen habe. Das stammt von einer Frau:

    „Ich weine lieber in einem Mercedes, als ich auf einem Fahrrad lache.“

    Grandios! Absolut konsequent in seiner Aussage. Das lässt keine Fragen offen, nahezu keine. Nur die beiden Fragen, worüber sie denn weinen und lachen könnte. Ich fürchte allerdings, dass mich die Antworten eher beschämen würden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Oktober 2011

    Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur

    Das Folgende ist eine Antwort auf eine Kritik des vorausgegangenen Artikels durch den Blinden Hund.  Man muss, um das hier zu verstehen, den Artikel und seine Kritik gelesen haben. Das war mir einfach zu viel Arbeit, um es als Kommentar verschwinden zu lassen.

    Lieber blinder Hund, ich danke für das Lob. Das hat mich gefreut. Dass es sich mit einer Verärgerung und Kritik bei dir vermischt: einverstanden! Eine Mischung zwischen Freude und Ärger ist abwechslungsreicher als nur Ärger oder nur Freude. So geht’s mir mit deinem Beitrag allerdings auch. Obwohl ich nicht verärgert bin, sondern belustigt. Diese Differenz zwischen deiner und meiner Reaktion würde ich als die Differenz zwischen einem männlichen und einem weiblichen Schreibstil verstehen wollen.

    Wir sind ja schon einmal so ein wenig aneinander geraten. Und das ist jetzt offensichtlich erneut der Fall. Du fordert erneut das Primat der Philosophie. Du kritisierst andere, mich, die Germanistik, allerlei andere Geisteswissenschaftler, die sich nicht mit Philosophie auskennen. Du forderst eine Strenge des Diskurses, die du jedoch selbst nicht leistest. Der größte Teil deines Kommentars ist eher polemischer Natur: Germanisten wissen nicht was sie reden. Das wissen nur die strengen Philosophen und die, die von den Philosophen Gnade finden, in dem Fall die Physiker.

    Was ich getan habe, ist nichts anderes als das Bild der Termiten zu nehmen, in deren Werkzeugen sich deren Welt bereits vorgeprägt zeigt und das auf den Menschen anzuwenden. In unseren Werkzeugen zeigt sich unser Weltverständnis. Ich sehe daran nichts Unlauteres.

    Das ist hier ein Blog. Das ist keine akademische Veranstaltung. Das ist nicht meine Diss. Ich muss hier nicht jedes Wort beweisen. Das ist ein literarisches Spielzimmer, hier wird gar nichts bewiesen. Es ist auch kein Roman, den ich in endlosen Überarbeitungen schleife. Ich schreibe hier auch mal was herunter, was ich morgen korrigiere oder relativiere. Oder ich schreibe morgen etwas anderes. Das hat etwas mit Lust und Phantasie und Onanie zu tun.

    Es ist der Irrtum derjenigen, die mittels Definitionen Macht ausüben wollen, wenn sie sagen, man müsse alles definieren: Ich kann durchaus sagen, dass es ein schöner Tag war, ohne dass ich definieren müsste, was ein Tag ist, wie er sich zur Nacht abgrenzt, wie viele Stunden er dauert, ob er als Ganzes oder in Teilen schön war, was Schönheit ist und ob es sich um eine  innere oder  eine äußere Schönheit handelt. Etc etc. Es war ein schöner Tag. Punktum. Sprache hat eine allgemeine Basis, die man nicht bei jedem Sprechakt erklären und definieren muss. Ich rufe einfach meine Freundin Marie an und sage ihr: „Marie: das war ein wunderschöner Tag.“ Und die weiß sofort, was ich meine.

    Cărtărescus Auffassung besagt nicht, dass man nicht sagen kann, was in literarischen Texten steht. Er ist Literaturwissenschaftler, einer meiner Exliteraturwissenschaftsdozenten: Ich habe bei ihm Seminare gehört. Selbstverständlich kann man Texte verstehen, man kann sie auslegen und deuten und umdeuten und mit etwas anderem vermengen und verwursten, zum Beispiel zu Dissertationen. Aber ein Autor kann, und das ist es, was er sagt, einen Text, den er selbst geschrieben hat, nicht besser oder treffender in Worte fassen als er es in dem Text getan hat. Wer war das, der etwas Ähnliches antwortete, als er nach einer Lesung gefragt wurde, was er damit eigentlich sagen wolle, sagte „Eben dieses“? Wenn er es besser, treffender und prägnanter hätte sagen können, dann hätte er das getan. Das ist die Aussage Cărtărescus.

    Zur Relativitätstheorie: Kannst du das mathematisch nachrechnen? Wahrscheinlich nicht. Du kannst die Geschichten darüber lesen: bei Bertrand Russel vielleicht. Es gibt sicherlich auch neuere Erklärungen. Du kannst die mathematische Theorie nicht nachrechnen. Du nimmst die als wahr. Du glaubst, dass sie richtig ist. Du nimmst das als eine narrative Geschichte, weil du nur ihren narrativen Teilen verstehen kannst. Jeden noch so kleinen Beweis verstehst du nicht.

    Du sagst: „Die Relativitätstheorie  … ist  …die beste Theorie, die wir haben und die im Alltag angewendet wird“ – Wie kommst du darauf? Wo ist der Beweis? Wieso die beste? „Rechts vor Links“ ist besser – ist allerdings keine Theorie, sondern eine Regel. „Schwere Gegenständen fallen nach unten“ ist auch besser, ist allerdings auch keine Theorie, sondern ein Gesetz. Im Vergleich mit welchen anderen Theorien ist die Relativitätstheorie die beste? Und wieso?  Du sagst: „Deine Thesen etwa, dass die Welt nur das ist, was ihr aus machen, oder dass die wissenschaftliche Forschung, wenn sie nach dem Anfang des Universums fragt, in Fiktion umschlägt. Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht.“ – Wieso stimmt das nicht? Und warum die Klassifizierung „natürlich“? Du sagst: „Wenn man da eine “Geschichte” sucht, dann keine fiktive, sondern diejenige, die einem den Anfang der Welt korrekt erläutert.“ – Diejenige, die einem die Welt korrekt erläutert: ich hatte in den Zitaten in dem Artikel auf etwas Ähnliches verwiesen, als ich Cărtărescus Zitat brachte, dass das Universum keine Beobachter braucht. Man kann es auch anders sagen: wir können es nicht beobachten, weil es sich für eine Beobachtung nicht eignet. Es eignet sich für mathematische Berechnungen. Von denen wir einmal annehmen, dass sie alle miteinander richtig sind. Aber da du und ich nicht rechnen können, müssen wir das Ganze in Geschichten verwandeln und transformieren. Und da wird’s zur Fiktion. Das schwarze Loch ist eine Geschichte. In Mathematik verwandelt, ist es vermutlich viele Duzend Seiten lang, richtig gerechnet, ein schöner Beweis. Aber er wird in eine narrative Struktur verwandet, sowie wir uns davon erzählen. Den Anfang der Welt, den kannst du gar nicht verstehen. Außer es erzählt ihn dir jemand. Und dann ist er von fiktionaler Struktur.  Du sagst: „Das behauptet sich so leicht, aber dadurch stimmt es natürlich trotzdem nicht“ – dadurch, dass ich es behaupte, stimmt es „natürlich“ nicht. Wodurch stimmt es denn?  Du sagst: „Geisteswissenschaftler, vor allem diejenigen, die sich nicht in der Philosophie auskennen, ja gerne schonmal um die Ecke geschossen kommen. Ich sage das so deutlich, weil ich das für ein Grundärgernis grade in solchen Fächern wie Germanistik halte, wo die Leute einen Haufen Blödsinn labern und unglaublich weitreichende Thesen aufstellen, ohne ihre Begriffe auch nur annähernd zu klären oder auch nur Argumente zu geben“ – Wer sich mit Philosophie nicht auskennt, labert Blödsinn? Ich bin keine Germanistin, ich studiere, Literatur, internationale Literatur.

    Ich bin ein mittelgroßer Gegenstand mit Interesse an Literatur. Ich habe Kontakte zu anderen mittelgroßen Gegenständen mit ähnlichen Interessen. In dieser Welt spielt die Regel „rechts vor links“ eine größere Rolle, als die Lichtgeschwindigkeit. Ich will dieser Theorie nicht ihre Richtigkeit noch ihre Bedeutung absprechen. Aber sie ist in meinem Lebenskontext bedeutungslos. Ich bewege mich nicht mit Lichtgeschwindigkeit, alle meine Handlungen funktionieren auch dann noch, wenn die Neutrinos doppelt so schnell daher schießen und die Ursache wird der Wirkung nicht vorhergehen. Was immer das Licht oder die Neutrons so machen.  Ich will das mal provokant formulieren: die sogenannte Antimaterie ist keinen Deut besser als der Hexenglaube in der finstersten rumänischen Provinz. Das ist dasselbe: Mystizismus.

    Ich will hier nichts beweisen. Von mir Beweise oder Argumente zu fordern – für was eigentlich? – scheint mir ähnlich sinnvoll wie von der Termite zu fordern, sie müsse beweisen, dass sie nicht doch heimlich ins Kino gehe. Da ist meine These nicht verstanden worden. Und die lautete: was immer wir verstehen, es ist innerhalb der Reichweite unsere Werkzeuge. Und es ist innerhalb dieser Reichweite die Wahrheit. Am Ende aller unserer Forschungen steht dann irgendeine Wahrheit über den Beginn unseres Universums. Die forschende Termite wird da sicher eine andere Erkenntnis erlangen als der forschende Physiker. Und der Lakritzsüchtige wird sicher eine Tüte dänische Salzlakritz finden. Das alles ist die Wahrheit.

    Und wie immer: ein Captcha, zwei Worte eingeben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.