08 September 2011
Bucureşti, zehn Minuten vor vier
Im Vergleich mit dem vernünftigen Transsilvanien ist Bucureşti geradezu wahnsinnig. Bukarest: das sind arme Menschen, streunende Hunde, fünfunddreißig Grad Hitze. Ich habe bei einer Freundin gewohnt, eine Kanadierin, die im vergangenen Jahr einen Rumänen geheiratet hat. Die hatten eine Seilbahn im Flur hängen und ein Zimmer frei. Ich habe Freunde getroffen, im Lipscani Viertel, wir haben Bier getrunken. Ziemlich viel sogar. Erstaunlich, was alles in einen reingeht. Ich war im Cişmigiu-Park spazieren, wo ich früher häufig war, in der Nähe der Universität. Einmal bin ich in eine Zigeunerhochzeit geraten. Die haben einfach die Straße dichtgemacht, indem sie ihre Autos quergestellt haben, dann wurden zwei mannshohe Lautsprecher auf die Straße gestellt und getanzt. Das ging viele Stunden lang so. Um die Stimmung zu erfassen, müsste ich allerdings den Ton mitliefern.
Vier Tage später ging‘s mit dem Zug zurück, der voller Taubstummer war. Die kamen möglicherweise von einer Veranstaltung oder einem gemeinsamen Ausflug. Es ist ja nicht ganz einfach mit einem Taubstummen in Kontakt zu kommen. Zumal die Hemmung auf beiden Seiten ist. Es ging durch das Prahova-Tal, das in einer der schönsten Gegenden der Karpaten liegt. Leider an diesem Tag nebelverhangen, so dass die Bilder nicht das zeigen, was sie zeigen könnten. Am letzen Abend habe ich noch ein Konzert gesehen, einen Teil davon, und dann gings wieder in ein Restaurant. Abschied eben. Der letzte Abend ist immer eine Katastrophe.
Ich bin nicht sehr zufrieden mit den Fotos. Ich habe Schwierigkeiten, Menschen direkt ins Gesicht zu fotografieren. In Sibiu ging‘s noch. Zum einen kenne ich einige, die auf den Bildern zu sehen sind. Außerdem war die Situation so, dass alle alles fotografiert haben. In Bukarest war das schon schwieriger. Das liegt natürlich an mir. Ich mag es nicht, wenn mich jemand fotografiert. Das hat am Dienstag jemand in der Bibliothek gemacht, mehrfach. Ich bin verärgert von meinem Platz aufgestanden und habe die Frau gebeten, damit aufzuhören. Ich weiß allerdings, dass die meisten Menschen gerne fotografiert werden. Ich empfinde es dennoch als einen aggressiven Akt, wenn ich jemandem eine Kamera vor die Nase halte.
Geschrieben: September 8th, 2011 unter Allzupersönliches, kurz




















































Kommentar von Philipp
Datum/Uhrzeit 9. September 2011 um 14:33
Liebe Aléa,
mir gefällt die zweite Serie sogar besser als die erste. Liegt wohl an den Motiven, Mittelalterfest ist nicht so meins, Bukarest finde ich spannender. Ich hatte bisher überhaupt keine Vortstellung wie es dort aussieht. Jetzt würde ich mir die Stadt gerne mal anschauen.
Das Volumen-Phänomen beim Biertrinken kenne ich auch gut. Es ist unvorstellbar an nem Abend 2,5 Liter Cola zu trinken. Beim Bier dagegen passt die Flüssigkeitsmenge immer irgendwie rein…
Zu den Taubstummen: Auf jeden Fall angenehmer als ein Kegelverein auf dem Jahresausflug. Oder Kleinkinder im Hysterie-Modus.
Bin übrigens auch etwas überrascht, dass du dir die rumänischen Kings of Heavy Metal anhörst. Die Videos, die du postest, gehen ja sonst eher in die ruhigere Singersongwriter-Richtung.
Jedenfalls vielen Dank für die Fotos, freue mich schon auf die dritte Lieferung.