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Aléas Anordnungen

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  • Aléa Torik: @ Lotte Eisen/Bizikova/David/Anne/Sylv ia etc. Das ist also jetzt der intelligente Kommentar? Oder kommt der noch? Lotte, ich erkläre dir jetzt mal was, nicht, weil ich annehme, dass du es verstehst, sondern weil mir gerade eben zufällig sterbenslangweilig ist. Einen Roman zu...
  • lotte eisen: Aber die “allgemeinen erheiterte Menge wird Ihnen Trost spenden.
  • lotte eisen: So ganz frei von Größenwahn scheinen Sie ja nicht zu sein.
  • Aléa Torik: Mensch Lotte, eins kann man dir jedenfalls nicht vorwerfen: dass du nicht zur allgemeinen Erheiterung beiträgst.
  • lotte eisen: Mit bedeutender Philosophie einer Literatur Bedeutung zu verschaffen ist leicht. Der einfache Analogieschluss wird zum Profil der Methode. Eine höhere Qualität des literarischen Materials a l s Kunst wird dadurch nicht hergestellt. Ich denke, dass mit dem von Claus Heck vorgestellten...
  • Aléa Torik: Lieber Bersarin, herrje! Ich dachte ebenfalls, dass endlich einmal ein gescheiter Kommentar zu meinem schönen Roman kommt, aus dem vielgepriesenen, ach so schönen Internet, dem noch viel schöneren literarischen Internet und weil ich auf keinen Fall nur nebenher antworten wollte, habe...
  • bersarin: Als ich die Zeilen des kühnen Daniel Craig las, dachte ich in einer ersten Reaktion, die ich mir fast zutraue, eine spontane Reaktion zu nennen, wenngleich jegliche Spontaneität im Sinne von Unmittelbarkeit mir eher fremd ist: Mein Gott, wie kann jemand so verdammt gute Kommentare...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Anne, David, – welche Pseudonyme du dir auch noch zulegen wirst, und: Sylvia. Deine Schüler? Das hier ist ein literarisches Blog, immer noch. Hier zählen inhaltliche Auseinandersetzungen und, neben der sachlichen Ebene die das hat, vielleicht sogar noch...
  • lotte eisen: Paranoide Intelligenztests sind leider alles, was dabei heraus kommt, wenn die Bildung fehlt. Ich bin hier nur noch, um einigen meiner Schüler, die bei Ihnen hängen geblieben sind, zu zeigen, das von Nichts nichts kommen kann. Ich würde geradezu Geldmittel ausgeben, um dieses...
  • Aléa Torik: @ Bizikova, Lotte Eisen, Sylvia: bitte strengt euch bei eurem nächsten Kommentargeseusel hier ein bisschen mehr an. Ich will nur Kommentare im dreistelligen IQ-Bereich. Wie schade übrigens, dass es „La mer gelée“ nicht mehr gibt: Ihr seht, ich bin mit einem furchtbar guten Gedächtnis...
  • Craig Phillips: Mr Phillips hat den Text leider bei Bersarin geklaut (AT): “Es tut sich in diesem Buch ein spannendes Spiel auf, das sich – unter anderem – um die Autor(innen)schaft und um Fiktionalität von Autoren gruppiert, und es stellt sich in dieser Prosa zudem die Frage „Wer...
  • Orlanda: Zwei!
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, das war leicht! Was hältst du davon, wenn wir das von hier in die Wirklichkeit verlegen. Vielleicht ein Mittagessen in der Mensa. Morgen um zwölf oder um zwei? Misses Torik
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, wie ich höre, erwartet man von Ihnen das authentisch-sein. Statt dankbar zu sein, dass Sie einen Künstleroman geschrieben haben, ein Selbstbild in der Kunst und dabei vom Schreiben, von der Tätigkeit des Erfindens berichten. Sie sehen: ich habe am Wochenende doch...
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas jetzt weiß ich wieder, wen ich in meiner Aufzählung vergessen hatte: Sie. Das schlechte Gewissen, Ich hatte den mehrfach versprochenen Essay zur Zeittheorie auch angefangen, wieder weggelegt und dann einfach abgehakt. Hier waren ja in den letzten Monaten andere Sachen...
  • phorkyas: Liebe Aléa, so long and thanks for all the fish. Herzlich, Phorkyas PS. Falls Sie über Herrn Keuschnigs Kommentar gestolpert waren, dass der Konstruktion Ihres Avatars pekuniäre Absichten zu grunde lägen, und eine deutliche Distanzierung meinerseits fehlte, so bitte ich das zu...
  • Aléa Torik: Liebe Orlanda, vielen Dank für die aufmunternden Worte. Sie haben vollkommen recht. Beinahe vollkommen: Ich drohe nicht mir selbst, sondern ich versuche einen sinnvollen Lebensentwurf. Wenn ich nicht erkennen kann, dass das Schreiben diesen Sinn hat, dann kann ich es nicht...
  • Orlanda: Guten Tag Aléa Torik, ich wollte Ihnen schon länger schreiben, fand aber die nötige Ruhe und Zeit nicht. Einige Ihrer Einträge hier, bei Aisthesis und Iris Nebel habe ich gelesen. Ihre Texte gefallen mir sehr, Sie haben einen bisweilen coolen, dann wieder sehr empfindsamen Tonfall....
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, Sie Ihrerseits leben noch? Ich bekenne … dass es das eigene ist, das einmalig eigene Leben: „Das ist keine bloße Wortspielerei und schon gar keine Ungenauigkeit. Hier wird ein Zustand beschrieben, für den kein Wort gebraucht wird. Weil es womöglich keines dafür gibt....
  • Avenarius: Liebe Alea, Ich bekenne: Sie haben gelebt!

  • Archiv vom September, 2011

    28 September 2011

    Or-bit-or

    Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.

    Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cărtărescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stângă” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreaptă” (Blendend, Der rechte Flügel). Cărtărescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.

    Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings – die in der rumänischen Mythologie aus den Tränen der Jungfrau Maria geboren werden – mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.

    Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.

    Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.

    Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).

    Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.

    Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.

    Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cărtărescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.

    Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 September 2011

    Alle Künste stehen gleich hoch

    Alle Künste stehen gleich hoch. Nur das Schreiben steht ein wenig höher. Denn es hat einen Vorteil gegenüber allen anderen Künsten: es ist billig. Man braucht keine Instrumente, keine Noten, keine Leinwände, keine Farben, keine Übungsräume und keine Probebühne. Man braucht nicht einmal Leute, die einem zuhören. Man ist ganz mit sich allein. Man hungert und dürstet und merkt’s nicht einmal. Es ist das Billigste, was man sich vorstellen kann. Selbst das Nichtstun ist noch teurer. Denn im Nichtstun läuft einem die Zeit davon.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2011

    Apocalipsă

    Wenn ich aus Rumänien wieder nach Deutschland komme, habe ich in der Regel Schwierigkeiten mich hier einzuleben. Ich komme aus einer anderen Welt und ich bin hier dann mehr oder weniger schnell an dem Punkt, wo ich mich frage, wie sinnvoll das alles ist, was ich tue.

    Das Leben dort ist ganz anders als hier. Ich beschäftige mich mit anderen Sachen und ich spreche eine andere Sprache. Ich habe andere Menschen vor der Nase, andere Probleme, andere Geschichten. Ich bin politischer als hier, wo ich nur teilweise verstehe was passiert. Dort sitze ich den ganzen Tag lang herum und rede.

    Ich habe einen halben Tag mit einer Freundin über Roșia Montană gesprochen. Rumänien geht’s wirtschaftlich nicht sonderlich gut. Anders als Griechenland, an dem Europa und die Welt mitleidet – nicht weil die Griechen netter sind als die Rumänen, sondern weil die einen den Euro haben und die anderen nicht – leidet Europa nicht an Rumänien. In Roșia Montană sieht der rumänische Präsident Traian Băsescu die Teil-Lösung dieses wirtschaftlichen Problems. Dort liegen gigantische Goldvorräte .

    Vor einigen Jahren hat man sich zur Zusammenarbeit mit dem kanadischen Konzern Gabriel Resources Ltd. entschlossen, vielmehr hat man die Schürfrechte sozusagen abgegeben. Nun liegt das Gold da leider nicht – wie in Fort Knox – in schönen handlichen Barren im Keller herum. Das Gold muss nicht nur gestapelt, sondern es muss abgebaut werden, es ist ein in Gesteine eingespengseltes mineralisches Gold. Die Kanadier wollen das tun, indem sie ein Verfahren benutzen, das in der EU so nicht mehr zulässig ist: indem sie Cyanid einsetzen. Das Verfahren nennt man Auslaugen. Zurück bleiben gigantische Abraumhalden mit vergifteter Natur. Zurück bleiben auch riesige Mengen zyaniertes Wasser, das in Staubecken eingelagert wird. Was passiert, wenn die Dämme brechen, hat man schon einmal erfahren müssen. Im Jahr 2000 hat es in Baia Mare die nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl zweitgrößte Umweltkatastrophe Europas gegeben. Eigentlich war das Projekt auch schon vom Tisch. Aber der rumänische Präsident hat es neu für sich entdeckt. Und der steigende Goldpreis tut sicherlich auch nichts für die Umwelt.

    Cyanid ist ein Schwermetall, die Blausäure zerstört die ganze Gegend dort. In der beabsichtigten Menge ist das eine Umweltkatastrophe, die nicht zufällig entsteht, sondern bewusst eingeleitet wird. Nun ist diese Gegend, die Munții Metaliferi, eine einmalige Natur, die zerstört wird. Das Empfinden für Natur ist in Siebenbürgen sehr ausgeprägt. Man weiß, jedenfalls empfindet man das so, dass die Karpaten einer der schönsten Gegenden Europas sind. Das Empfinden für die Zerstörung der Natur ist allerdings vor allem bei Gebildeten vorhanden. Oder die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Und Umweltprojekte sind nahezu nicht zu finanzieren. Die Leute sind froh, wenn sie Arbeit bekommen und genau das verspricht die kanadische Firma ja auch. Von Mülltrennung wie sie in Berlin und wahrscheinlich in ganz Deutschland praktiziert wird, ist man weit entfernt. Einen Artikel zu dem Widerstand, allerdings schon einige Jahre alt, aber mit Fotos, gibt es im Eurasischen Magazin, hier.

    Aber es ist so weit weg, von meinem Leben hier, von meinem Schreiben und meinen anderen Interessen, dass ich gar nicht darüber berichten möchte. Dort drüben höre ich immer Geschichten, während ich hier nie Geschichten höre. Alle erzählen mir dort Geschichten, von der Nachbarin, deren Dachstuhl eingestürzt ist und die glaubt, dass da wer am Werk war. Von der Cousine, die heiraten will oder die vielleicht nur das will, was der Mann will, der sie heiraten will. Von der Frau, die in den Wald gegangen und nicht wieder herausgekommen ist. Hier muss ich mir alle Geschichten selbst ausdenken. Dort war noch Sommer, hier ist schon Herbst. In Bukarest waren fünfunddreißig Grad, da geht alles um zehn oder zwanzig Prozent langsamer. Und es geht nicht nur langsamer, gemächlicher, schwitzender, es geht einfach anders. Das sind genau die zehn Prozent, die das Leben dort und hier voneinander unterscheidet.

    Hier steht mir ein Urlaubssemester bevor, mit vor allem einer großen Aufgabe, den zweiten Roman zu beenden. Damit ich in den beiden kommenden Semestern an der Diss arbeiten kann. Hier ist alles sehr stark durchstrukturiert. Es ist natürlich deswegen so, weil ich das mache. Ich vermute, dass das Leben zu einem großen Teil aus Alltäglichkeit besteht. Eingespannt in einen Rahmen aus Interessen und Notwendigkeiten, aus Eintönigkeit und Abwechslung, stellt man sich die Frage nach einem Sinn eigentlich nicht. Ich stelle sie mir nicht. Ich stelle sie an solchen Umbrüchen, wenn ich von der einen in die andere Gegend, von der einen Vorstellung in die andere reise. Jetzt steht der Klotz „Roman“ vor mir. Das sind sechs arbeitsreiche Monate. Dann muss das fertig sein. Die Art von fertig, die es eben sein muss, bevor ich mit dem Lektor zusammenarbeite. Oder gegen ihn.

    Die Apokalypse ist sehr beliebt in Rumänien. Man sieht sie überall am Werk. Überall apokalyptische Reiter. Ich erzähle einen Witz. Aus irgendeinem für den Witz nicht wichtigen Grund geht die Welt unter: Vulkane und Atome. Vulkanausbrüche, Atomkraftwerks- oder Atombombenausbrüche und- explosionen, Erdbeben, Asteroiden, untergehender Dollar, untergehender Euro. Weltweit stürzen die Flugzeuge ab. Missgeburten, Tod und Pestilenz. Alles kaputt. Alle Menschen verstrahlt, verstümmelt und tot. Nur die Rumänen haben überlebt. Nur den Rumänen geht es wie immer. Und warum ist das so? Ganz einfach: Weil die Rumänen eben schon immer 50 Jahre hinterher waren.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte eingeben.

    Ich war in Sibiu in einer Ausstellung. Weil man nicht fotografieren durfte, gibt es nur das Plakat dazu.





    13 September 2011

    Alt ist man, …

    Alt ist man, wenn man aufhört sich ähnlich zu sehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 September 2011

    Dazwischen, ohne Zeit, ohne Richtung

    Zwischen Bukuresti und Sibiu: ich bin ich mit dem Zug gefahren. Das sind etwa 300 Kilometer und 8 Stunden Fahrt. Allerdings geht es durchs Hochgebirge. Ich hätte gerne die Taubstummen im Zug fotografiert. Generell habe ich schon Schwierigkeiten damit, Unbekannten die Kamera ins Gesicht zu halten, hier war es geradezu unmöglich. Es wäre auch fraglich gewesen, ob deren ausgeprägte Körperhaltung, Mimik und Gestik auf den Bildern zu sehen gewesen wäre. Stattdessen habe ich mich mit Dora und ihren kleinen Sohn Dimi unterhalten, der mit mir kokettierte.

    Die Bilder sind vielleicht nicht durchweg interessant. Zu sehen ist unter anderem ein Krankenhausdach, das ich noch jemandem schuldig war. Zu sehen ist auch der Bus, mit dem ich zur Uni gefahren, der Park, in dem ich oft nach der Uni gesessen, eine Bank auf der ich Händchen gehalten habe, ein Hinterhof, den ich kenne. Meine Erinnerungen eben.

    Am Tag vor der Abreise bin ich immer voller Wehmut. Und dann saß ich bereits im Zug nach Berlin. Ich schaue die ersten Stunden aus dem Fenster. Vom Zug aus kann ich in der Ferne mein Dorf in den Bergen sehen, den Kirchturm. Ich spüre, wie das alles weniger wird und wie etwas anderes mehr wird, die Freude auf Berlin, auf alles, was mich da erwartet, vor allem aber die Freude aufs Schreiben.

    Auf dem Weg nach Alba Iulia stand ein Zigeuner neben einem Wohnwagen und grüßte den vorüberfahrenden Zug mit erhobener Hand. Seltsamerweise war es nahezu leer, da war nur ein schlafender Mann und eine kleine Holländerin, kaum halb so groß wie ich, die weder Deutsch noch Rumänisch konnte – auch keine andere Weltsprache – nicht einmal Englisch, und die mich dauernd in einem frei erfundenen Kauderwelsch fragte, wie spät es sei. Es gibt in Rumänien keine Sommerzeit. Aber das ändert sich nicht alle zehn Kilometer. Die Zeit ist immer dieselbe, diesseits wie jenseits der Grenze. Sie vergeht drüben zwar langsamer, aber sie vergeht gleichmäßig langsamer, nicht stochastisch.

    Ich bin also wieder da. Totul e bine când se sfârșește cu bine! – In etwa: Alles ist gut, was gut endet.

    Sie wissen es schon: beim Captcha bitte beide Worte eingeben.





    08 September 2011

    Bucureşti, zehn Minuten vor vier

    Im Vergleich mit dem vernünftigen Transsilvanien ist Bucureşti geradezu wahnsinnig. Bukarest: das sind arme Menschen, streunende Hunde, fünfunddreißig Grad Hitze. Ich habe bei einer Freundin gewohnt, eine Kanadierin, die im vergangenen Jahr einen Rumänen geheiratet hat. Die hatten eine Seilbahn im Flur hängen und ein Zimmer frei. Ich habe Freunde getroffen, im Lipscani Viertel, wir haben Bier getrunken. Ziemlich viel sogar. Erstaunlich, was alles in einen reingeht. Ich war im Cişmigiu-Park spazieren, wo ich früher häufig war, in der Nähe der Universität. Einmal bin ich in eine Zigeunerhochzeit geraten. Die haben einfach die Straße dichtgemacht, indem sie ihre Autos quergestellt haben, dann wurden zwei mannshohe Lautsprecher auf die Straße gestellt und getanzt. Das ging viele Stunden lang so. Um die Stimmung zu erfassen, müsste ich allerdings den Ton mitliefern.

    Vier Tage später ging‘s mit dem Zug zurück, der voller Taubstummer war. Die kamen möglicherweise von einer Veranstaltung oder einem gemeinsamen Ausflug. Es ist ja nicht ganz einfach mit einem Taubstummen in Kontakt zu kommen. Zumal die Hemmung auf beiden Seiten ist. Es ging durch das Prahova-Tal, das in einer der schönsten Gegenden der Karpaten liegt. Leider an diesem Tag nebelverhangen, so dass die Bilder nicht das zeigen, was sie zeigen könnten. Am letzen Abend habe ich noch ein Konzert gesehen, einen Teil davon, und dann gings wieder in ein Restaurant. Abschied eben. Der letzte Abend ist immer eine Katastrophe.

    Ich bin nicht sehr zufrieden mit den Fotos. Ich habe Schwierigkeiten, Menschen direkt ins Gesicht zu fotografieren. In Sibiu ging‘s noch. Zum einen kenne ich einige, die auf den Bildern zu sehen sind. Außerdem war die Situation so, dass alle alles fotografiert haben. In Bukarest war das schon schwieriger. Das liegt natürlich an mir. Ich mag es nicht, wenn mich jemand fotografiert. Das hat am Dienstag jemand in der Bibliothek gemacht, mehrfach. Ich bin verärgert von meinem Platz aufgestanden und habe die Frau gebeten, damit aufzuhören. Ich weiß allerdings, dass die meisten Menschen gerne fotografiert werden. Ich empfinde es dennoch als einen aggressiven Akt, wenn ich jemandem eine Kamera vor die Nase halte.





    05 September 2011

    Sibiu, zehn Minuten vor acht

    Ich war kurz weg und nun bin ich wieder da. Ich berichte nur in wenigen Worten. Ich lasse lieber die Bilder sprechen. Dann habe ich Zeit, in Berlin anzukommen. Es gibt drei Fotostrecken, aus Sibiu, aus Bucureşti und dann der Rest.

    Ich bin in den ersten Tagen nur auf dem Dorf, bei der Familie geblieben. Ich habe manchmal Sehnsucht nach Familie und die kann die eigene am besten erfüllen. Ich bin einen Tag nach Ocna Sibiului – Salzburg zum Baden gefahren. Ich war einen weiteren Tag mit meinem Vater zum Wandern in Victoria, am Fuß der Munţii Făgăraş. Da habe ich leider die Kamera vergessen. Vielmehr einen kleinen Teil derselben: den Akku. Am letzen Wochenende im August findet traditionellerweise in Sibiu das Cetăţi Transilvane statt,  ein beliebtes Mittelalterfestival. Da war ich natürlich auch dabei. Die Hauptattraktion, die Band Corvus Corax, habe ich allerdings nicht mitbekommen. Zu der Zeit saß ich bereits in einem Weinkeller. Ich habe an dem Abend einige Male ziemlich laut gelacht.

    Nach einer Woche bin ich dann nach mit dem Bus nach Bucureşti gefahren. Ein großer Teil des Verkehrs wird mit Bussen bestritten, sie sind billiger als Züge und schneller. Ich habe diese Fahrt früher oft gemacht. Es läuft immer laute Musik im Bus. Auf der Fahrt wird irgendwo in den Vorstädten auf Autohöfen gehalten: Rumänien eben. Es geht durch das malerische Olt-Tal über Pitești, eine durch die ersten Jahre des Kommunismus sehr unrühmliche Stadt. Der Bus an diesem Tag hatte Plätze für genau 23 Personen, darin befanden sich ungefähr 33 Personen. So verdienen die Busfahrer Geld, denn bezahlen müssen auch die, die keinen Platz haben: Rumänien eben. Unter anderem stand Marlene, die gerade das Abitur absolviert hat und seit drei Wochen in Rumänien unterwegs war. Ihre Eltern haben siebzehn Jahre in Rumänien gelebt und die Tochter konnte, obwohl sie in Deutschland aufgewachsen ist, fließend Rumänisch. Auf dem letzten Teil der Fahrt, auf der berühmten, weil einzigen Autobahn des Landes, standen zwei Frauen, ein Mann und ein Baby am Straßenrand: Rumänien eben. Der Busfahrer hat gehalten und die Anhalter mitgenommen. Als der Mann ihm dann Geld anbieten wollte, hat der Busfahrer selbstverständlich abgelehnt. Rumänien eben: zutiefst menschlich.