16 August 2011
“Zirkulierende Wahrheiten“
Iris Nebel findet die Formulierung „zirkulierende Wahrheiten“ genial. Genial ist vielleicht, dass diese Formulierung zuvor gar nicht gefallen ist. Diese Worte sind nicht direkt formuliert worden. Genial ist, dass die Formulierung entstanden ist, weil sie in der Luft lag. Da waren nur irgendwelche Worte, die ich, mehr oder weniger gedankenlos hingeschrieben hatte. Dann kam Avenarius mit Roland Barthes im Gepäck und mit einem Mal war plötzlich da, was zuvor nicht da war: Die Wahrheit. Vorher war’s nur irgendwas. Dann wurde es Wahrheit. Hier kann aus allem, hier kann vielleicht sogar aus dem letzten Dreck noch Wahrheit werden.
Was sind zirkulierende Wahrheiten? Ist Wahrheit nur unter der Bedingung, dass sie zirkuliert? Dass sie, sagen wir, auf etwas anderes verweist? Dass sie Teil einer Bewegung ist, einer Bewegung von Signifikanten oder Bedeutungen. Wahrheit wäre dann Wahrheit, wenn sie nicht mit sich identisch ist. Was einer klassischen Auffassung von Wahrheit und Identität wiederspricht. Das ist eine Auffassung, die einer modernen Zeichentheorie – die Ferdinand de Saussure‘s – verpflichtet ist.
Vielleicht ist das ein Widerspruch. Das wird von der Logik nicht akzeptiert. Aber von solchen Wahrheiten spreche ich auch nicht. Hier ist eher die Rede von poetischen Wahrheiten. Damit meine ich nicht das zufällige Zusammenfinden zweier Strebungen, wie beispielsweise in einer Metapher, wie in „schwarze Milch der Frühe“ von Celan. Ich meine eher etwas, was ich in dem vorhergehenden Beitrag auch versucht habe: Worte und Vorstellungen zueinander zu bringen, die nichts miteinander zu tun haben. Etwas in einem Zusammenhang zu bringen: Treppe, tausend Euro, Worte, der nie richtige Zeitpunkt, Intensität versus Intentionalität.
Was sind zirkulierende Wahrheiten? Eine Wahrheit, die nur dann eine ist, wenn sie zirkuliert. Wenn sie von einem Ort zum anderen, nicht nur wandert, nicht nur vagabundiert, sondern wenn sie zum Ausgangpunkt zurückkehren kann. Was ist das für eine Auffassung von Text, wenn er einen Sinn formuliert, sowie er sich bewegt? Wenn da nicht etwas zur Deckung kommen muss, sondern, im Gegenteil, wenn etwas different ist. Wenn sich etwas von etwas anderem wegbewegt.
Wenn die Welt unter dem Verdacht steht, nur Schein zu sein, dann ist Wahrheit vielleicht nicht die ewige bewegungslose Wahrheit, sondern ein Schein unter anderen. Sie ist durch nichts mehr privilegiert. Sie vergeht wie alle anderen Scheinhaftigkeiten.
Avenarius sagte in seinem letzten Kommentar zum vorhergehenden Artikel: „Die Wahrheit steht … auf der Seite des Lebens, nicht, weil die Erzählung unwahr wäre, sondern weil es eine Wahrheit (z. B die “wahre” Psychologie eines Lesers) ausserhalb der Erzählung gibt.“
Genial ist, dass die Wahrheit plötzlich da ist. Ob es nun die echte, letzte Wahrheit ist oder nur irgendeine. Nur eine, die mal ein wenig Gültigkeit hat. Bis hier morgen einer daherkommt und klipp und klar beweist, dass die Wahrheit ein Scheiß ist, wenn sie nur relational verstanden wird. Wir führen ja auch nur irgendein dreckiges beschissenes Leben und wir würden es vielleicht nicht führen wollen, wenn es nicht unsere eigenes wäre.
Kommentare gerne unter der Verwendung dieser Begrifflichkeit. Und – logisch – beide Worte beim captcha abtippen. Es sind ja Wahrheiten, nicht eine einzige Wahrheit. Wer interessiert sich schon für eine einzige Wahrheit?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 16th, 2011 unter mittel, Paralipomena












Kommentar von avenarius
Datum/Uhrzeit 16. August 2011 um 15:29
Was Sie sagen ist richtig: Barthes hatte gar keinen klassischen Wahrheitsbegriff. Dieser ist für ihn längst vom metaphysischen Sockel gestoßen. Wahrheit verdeckt „das bewegliche Heer von Methapern, Metonymien, Anthropomorphismen“. Wahrheit (d. h. der wahrheitsuchende Mensch) setzt sich logozentristisch-identifizierend über die Erscheinungen hinweg. Alle diese Kritik geht auf Nietzsche zurück.
Damit muss man nicht einverstanden sein, aber hier, und nicht nur hier, ist es so.
Woanders wird eine der Wolffchen Schulmetaphysik entwachsene Metaphysik als dialektisches Konstruktionsprinzip restituiert.
Aber genug.