12 August 2011
Die gefühlte Treppe
Ich habe bereits die erste, recht eindringliche und auch sehr fundierte Kritik an meinem zweiten Roman. In meinem Text kommen allerlei Personen, Dinge und Motive vor. Die kommen da nicht nur einfach vor, sie sind konstitutiv für den Text. Unter anderem spielt da eine Treppe eine Rolle. Die ist mir wichtig.
Nun kann man sich ja zu Treppen auf allerlei Weisen verhalten, man nimmt sie oder man nimmt sie nicht. Neben diesen beiden aktiven Verhaltensweisen, gibt es auch noch passive Erlebensformen. Dem einen sind Treppen womöglich vollkommen gleichgültig. Der zweite kann Treppen nicht ausstehen, weil er mal tausend Euro auf einer Treppe verloren hat. Und der dritte liebt Treppen. Er hat mal tausend Euro auf einer Treppe gefunden.
Man kann es nicht allen recht machen. Dann müsst man alle Worte vermeiden. Und alle Orte, an denen man einen Tausend Euro Schein finden kann. Und das geht nicht, da man diese Scheine an nahezu jedem Ort finden kann. Jedenfalls in Berlin. Womit ich nicht sagen will, dass ich schon mal einen gefunden habe, sondern nur, dass man sie finden kann.
Das mit der Treppe versteht jetzt noch keiner. Aber später, wenn mein zweiter Roman auf dem Markt ist, wird man das verstehen können. Obwohl es dann auch keiner versteht, weil man sich nicht mehr an diesen Artikel hier erinnern kann. Im Grunde ist die Äußerung sinnlos. Jetzt ist es zu früh, sie zu verstehen und in eineinhalb Jahren ist es zu spät.
Cornelia Klettke schreibt in ihrer Habilitationsschrift über moderne Literatur: „Der Text kommuniziert Intensität – statt Intention bzw. Intentionalität – und zielt so beim Empfänger nicht auf den Intellekt, sondern auf die Sinneswahrnehmung und das Gefühl.“ (Cornelia Klettke, Simulacrum – Schrift, Fink Verlag 2001, Seite 294)
So will ich auch meinen Text verstanden wissen. Ich meinte nicht die intellektuelle, sondern die gefühlte Treppe.
Und auch hier wieder – natürlich – bei Kommentaren bitte beide Worte abtippen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 12th, 2011 unter "Aléas Ich", mittel












Kommentar von der blinde Hund
Datum/Uhrzeit 12. August 2011 um 22:27
> „Der Text kommuniziert Intensität –
> statt Intention bzw. Intentionalität –
Das sind so Sätze, wie ich sie eigentlich nur von Literatur- und Kulturwissenschaftlern kenne – klingen unglaublich wichtig, sind aber nonsense. Ein Text “kommuniziert” nicht “Intensität”, ein Text ruft intensive Reaktionen hervor oder stellt eine intensive Situation bzw. intensive Gefühle dar.
Auch kommuniziert man keine “Intentionen”, die hat man oder hat sie nicht und kann sie äußern oder nicht, und das explizit oder implizit. (Vermutlich meint die Dame genau das – aber warum sagt sie es dann nicht so?) Und “Intentionalität” – die Autorin weiß vermutlich gar nicht, was das ist (da muss man Brentano und Husserl lesen oder wenigstens einen guten Lexikoneintrag ( http://plato.stanford.edu/entries/intentionality/ ), das kann man nämlich in keiner Weise “kommunizieren”.
War jetzt überhaupt nicht zum Thema (wie auch), aber bei solchen Sätzen – geäußert von angeblichen Wissenschaftlern in wissenschaftlichen Texten – möcht ich manchmal dazwischengrätschen.