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  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
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  • 01 August 2011

    Meine weibliche Leiche

    Ich wollte die Geschichte mit meiner weiblichen Leiche nicht untergehen lassen. Ich hatte mich von einem Gedicht dazu inspirieren lassen. Auf einem Hinterhof steht eine Kiste, die auch ein Sarg sein könnte. Man weiß nicht, was drin ist. Vielleicht „eine weibliche Leiche“.

    Ich könnte mir auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann würde man sich sogleich fragen, wie er gestorben ist und wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste sie im Keller einbetoniert werden. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht.

    Man sieht die weibliche Leiche durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit. Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt es nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

    In einer Variante ist diese Geschichte bei den Gleisbauarbeiten nachzulesen.

    Die Einstiegshürde für Kommentatoren liegt, wie man mir schrieb, in diesem Blog sehr hoch. Und sie liegt sogar noch höher als es scheint, nämlich doppelt so hoch: bitte geben Sie beim Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 10:53

    liebe Aléa,

    warum so ein jaehes ende? ich finde, die leiche sollte in melusines lagerstatt:

    http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2011/07/mein-platz.html#de

    oder in Guido Roms:

    http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2011/07/mein-platz-der-wettbewerb-1-alles-was.html

    grotesken… ;)

    lg
    Irisnebel

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 11:33

    Liebe Iris,

    das wäre eine gute Idee, mich an diesem Wettbewerb zu beteiligen. Aber das ist nicht praktikabel.

    Die Geschichte baut auf einer Symmetrie auf. Man weiß nicht, wie die Leiche in den Sarg gekommen ist, man fragt auch nicht danach. Und dieser Anfang muss sich im Ende wiederfinden. Wie die Person aus dem Leben verschwunden ist, so verschwindet die Leiche dann aus dem Tod.

    Ich wüsste nicht, wie ich sie an diesen Ort bekommen könnte. Ich kenne das auch gar nicht. Was ist das, ein Baumarkt oder ein Einkaufszentrum?

    Aléa

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 11:59

    hehe, eine mysteriose lagerstatt fuer diverse gegenstaende, moebel, frachtgut, das man eine zeitlang gut, sicher, billig… vielleicht auch geheim… unterbringen will… aus diversen gruenden, bei umzug, voruebergehenden auslandsaufenthalten, usw.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 12:04

    Vielleicht kann man da auch Leichen unterbringen, weibliche Leichen? Möglicherweise spezialisieren die sich noch auf weibliche Leichen zwischen fünfunddreißig und vierzig? Dann ließe sich da vielleicht doch etwas machen. Ich könnte da mal anrufen und nach der Verwahrungsart von Leichen fragen. Allzu kühl stelle ich mir sehr unangenehm vor.

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 21:35

    Ausdrücklich werden Leichen nicht verboten, dort. An diesem Ort. Es ist nicht kühl; es herrscht eine angenehme Raumtemperatur. Die Musik, die auf den Fluren die Ohren berieselt, ähnelt derjenigen in gehobenen Einkaufsmärkten. Ach, liebe Alea, schreiben Sie doch mit. Ein Preis ist Ihnen sicher!

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 21:58

    Liebe Melusine,
    wenn man mich so bittet, kann ich gar nicht absagen. Zumal mein Märchen damals auch auf Ihre und NOs Anregung zustande gekommen ist. Ich schreibe eine Variante zu dieser Geschichte. Ich wandele sie ein wenig ab. Zu einer neuen Geschichte komme ich gerade nicht.
    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 1. August 2011 um 23:36

    Au ja!

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 2. August 2011 um 09:45

    klasse! :)