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  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom August, 2011

    20 August 2011

    Auf der faulen Haut

    Morgen in aller Frühe geht es nach Rumänien. Endlich. Ich hatte in den vergangenen Tagen auf nichts anderes mehr Lust. Ich breche hier regelrecht zusammen oder auseinander. Es ist gut, dass es jetzt nach Hause geht. Für eine gewisse Zeit. Mehr als eine gewisse Zeit Zuhause ist nicht zu haben. Dann gehen wir wieder in die Fremde und träumen von Zuhause. Andere träumen von der Fremde. Oder sie träumen gar nicht. Das ist die bedauerlichste Variante.

    Ich werde etwa zwei Wochen unterwegs sein. Ich werde auf der faulen Haut liegen, dem Opa beim Holzhacken zuschauen und der Oma beim Einkochen helfen. Ich werde mit aufs Feld gehen und das neue Fohlen anschauen. Ich werde das Kind meiner Eltern sein. Ich werde die sein, die ich hier nicht bin und nie sein kann.

    Wer hier als Kommentator/in angemeldet ist, kann Texte einstellen. Alle anderen müssen sich gedulden, bis ich wieder zurück bin. Ich schaue unterwegs in keinen Computer. Wenn ich wieder in Berlin bin, zeige ich Fotos. Dieses Mal aus Bukarest.

    Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Sommer.

    Bonnie ‚Prince‘ Billy – “New Partner”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 August 2011

    „Manchmal täuscht sich der Schmerz“

    „Vernarbte Herzen“ von M. Blecher

    Wie bei Dieter Forte ist auch hier ein Aufenthalt im Sanatorium das Thema. Ich sagte in meiner letzen Auseinandersetzung mit M. Blecher, er hatte keine Zeit, sich andere Themen zu suchen. Krank, todkrank beinahe von Anfang an, konnte er nur das zum Thema erheben, was ihm begegnete. Und da war in erste Linie der Aufenthalt in Kliniken für Knochentuberkulose. Blecher verbrachte sein Leben im Liegen.

    Bei Emanuel, der in Paris studiert, wird die Pott`sche Krankheit diagnostiziert. Sein Vater kommt aus Rumänien angereist und bringt den Sohn nach Berck, in ein an der französischen Kanalküste gelegenes Sanatorium. Schon bei der Ankunft erkennt Emanuel, dass dieses Städtchen geprägt ist von denen, die hierher kommen, um ihre Krankheit auszukurieren. Und das tun sie im Liegen. Überall in der Stadt sind von Pferden gezogene Wagen unterwegs, auf denen die Kranken liegen. Die Therapie ist vorwiegend konservativ – Antibiotika und Penicillin waren noch nicht entdeckt, respektive nicht einsatzfähig – und besteht vor allem aus an der frischen Luft liegen und sich möglichst wenig dabei bewegen. Was Emanuel am Bahnhof allerdings noch nicht sieht, bald aber am eigenen Leib zu spüren bekommt: die Kranken werden eingegipst und dann in so genannte Schienbetten gelegt. Sie werden bewegungsunfähig gemacht und sind vollständig auf das Pflegepersonal angewiesen, die ihre Betten durch die Klinik schieben.

    Emanuel lernt andere Kranke kennen. Manche sind schlimmer dran als er. Die Tuberkulose hat bei einigen die Halswirbelsäule ergriffen, der Gips arretiert also auch den Kopf. Sie kommunizieren mit der Umgebung, indem sie sich einen Spiegel vor das Gesicht halten. Sie lächeln nicht einen anderen Menschen an, sie lächeln in den Spiegel. Einer der Patienten ist Ernest. Er allerdings gehört zu einer speziellen Kaste: Lange geheilt, können sie die Klinik nicht verlassen. Wir begegnen auch hier einer Figur, die im Roman von Dieter Forte präsent gewesen ist und auch in den Kommentaren eine große Rolle gespielt hat: dass die Welt da draußen für die von drinnen nicht die Erlösung vom Leiden ist: „Die Genesung ist ebenso unerbittlich wie die Erkrankung.“ Viele ehemalige Kranke bleiben in Berck, sie lassen sich später im Dorf nieder. Ärzte, Apotheker und Krankenpfleger, sie alle sind ehemalige Patienten.

    Zu denen, die nach der Genesung nicht mehr in die Welt zurück gefunden haben, gehört auch Solange. Ihr Mann hatte sie wegen ihrer Erkrankung verlassen. Auch das müssen die Kranken, die Jahre um Jahre dort liegen und vielleicht nie wieder aufstehen, bitter lernen: dass die Welt da draußen nichts mehr mit ihnen anfangen kann. Emanuel lernt Solange kennen und verliebt sich in sie, in ihren schönen, gesunden Körper. Oder sie verliebt sich in ihn. Er verliebt sich in ihre Liebe. Liebe ist bekanntlich ein ziemliches Durcheinander. Mit dem Oberkörper im Gips, bewegungsunfähig auf dem Rücken liegend, ist der Vollzug dieser Liebe aber alles andere als befriedigend. So wird Emanuel Solanges Liebe und vor allem ihrer Ergebenheit schnell überdrüssig.

    Er fleht vor ihr in ein einsames in die Dünen, wo eine reiche Amerikanerin eine Villa am Strand besitzt. Sie kommt jedes Jahr nach Berck. Ihr Mann litt ebenfalls an der Pott´schen Krankheit und ist auch an ihr verstorben. Emanuel verbringt den Sommer dort in der Villa, wo sie mit ihrem Sohn und der Haushälterin wohnt. Eines Tages muss er in die Klinik, um den Gips „auszuziehen“. Er trifft Solange, die äußerlich ruhig ist, aufgrund der Trennung aber innerlich geradezu verblutet. Emanuel zeigt sich unwillig. Sie lässt ihn gehen. Am nächsten Tag schreibt sie ihm Brief, in dem sie ihren Tod anzeigt. Es ist auch der Todestag von Monsieur Tils. Alle sind auf dem Friedhof, Emanuel kann sich alleine in seinem Gips nicht bewegen, er kann keine Hilfe rufen. Mitten in der Nacht kommt Solange in der Villa vorbei. Sie zeigt alle Anzeichen der Verrücktheit. Sie ist mit Schlamm besuhlt, ihr Kleid hängt in Fetzen herunter, in der einen Hand hat sie einen alten, verfaulten Schuh und in der anderen einen toten Vogel. Emanuel ist über diesen Auftritt erbost, Solange ist anhand seines Verhaltens „zutiefst gedemütigt“. Er ist ihr gegenüber kalt und gleichgültig. Draußen gibt es ein schweres Gewitter, er aber fragt lediglich: „Wann gehst du?“. „Er hörte ihre draußen sich entfernenden Schritte und danach einen lauten und langgezogenen Donnerschlag, wie Kanonenfeuer. Einen Augenblick lang dachte er, der Blitz könne Solange getroffen haben, aber statt ihn traurig zu stimmen, belebte ihn dieser Gedanke.“

    Es sind nicht die menschlichen Bindungen, die eine Intensität des Textes ausmachen. Im Gegenteil, die mangelnde Intensität der Bindungen intensiviert den Text. Emanuel erscheint hartherzig. Auch das ist der Krankheit geschuldet. Er fühlt sich wie ein nur „flüchtig verleimter“ Mensch; mit sich selbst und mit den anderen. Diese Kranken haben nicht nur vernarbtes Gewebe, sie haben vernarbte Herzen. Emanuels Freund Quitonce stirbt, er aber ist nicht bei ihm. Isa stirbt und er ist in der Stunde ihres Todes nicht bei ihr. Die Beziehung zu Colette in Paris, mit der er eine „hygienische Liebe“ gemacht hat, endet belanglos, sie verbschieden sich nicht einmal. Auch die Beziehung zu Solange endet ohne emotionale Beteiligung Emanuels. Das sind keine echten, intensiven und emotionalen Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Das sind einfach Verhältnisse zu anderen.

    Auch in diesem Text finden wir, was man, wollte man eine Analyse des Textes vornehmen, vielleicht zu einer Poetik Blechers ausarbeiten könnte: die Struktur der Gegensätzlichkeit. Quitonce stirbt mit einem Lachen.

    „Es war ein derart entsetzliches Lachen, daß man es nachts bis in Emanuels Zimmer hören konnte. Im gesamten Sanatorium widerhallte sein zersprungenes und grausames Echo wie das Heulen eines Tieres, und es endete in abgehackten, beängstigenden Salven. Tatsächlich, das Lachen eines leidenden Pojaz, eine bittere Heiterkeit, die einem qualvoll das Herz zusammenschnürte.
    Emanuel sprach am nächsten Tag mit dem Arzt darüber.
    -Manchmal täuscht sich der Schmerz, erklärte ihm Doktor Cériez. Statt einen Schrei auszulösen, entzündet er auf der gleichen Nervenbahn den Zugang zur Heiterkeit … Man könnte von einer unsichtbaren Hand sprechen, die sich im Schalter irrt.  … Es handelt sich um den gleichen Strom, der da fließt, aber wenn er ans Ende gelangt, verwandelt er sich in Gelächter und nicht in eine Schmerzensgrimasse …“

    Die vielleicht beeindruckendste Szene ist ein Gespräch zwischen Emanuel und der schwerkranken Isa. Ihr Bein fault, sie aber glaubt noch kurz vor der Amputation, dass alles in Ordnung sei. Sie spielt mit ihrer Gouvernante Karten und ist der felsenfesten Überzeugung, dass sie nicht um Punkte, sondern um Zeit spielt. Um Lebenszeit.

    „- Ich erkläre es dir, begann Isa von neuem. Aber du darfst es niemandem sagen, ich bitte dich … niemandem … Ich spiele jeden Tag mit Celina Karten, wir tun so als spielten wir um nichts, aber ich spiele in Gedanken um Tage … um Lebenstage … So viele Punkte wie ich von ihr gewinne, um so viele Tage verlängert sich mein Leben … und von ihrem Leben werden sie abgezogen. Verstehst du?
    Sie begann fiebrig zu lachen, und zuckte beunruhigt, als hätte sie ihre Bewegungen nicht mehr ganz unter Kontrolle.
    _Gerade heute morgen habe ich ihr noch einmal 314 Tage abgenommen … Was sagst du dazu? Fast ein Jahr … Sie weiß natürlich nichts davon … deshalb nimmt sie zusehends ab, während ich immer besser aussehe …
    Sie hatte vollends die Kontrolle verloren. Mit gespreizten Fingern zerwühlte sie sich die Haare und fuhr sich über das Gesicht.
    - Ich rechne damit, ihr eines Tages alle ihre Lebenstage abzunehmen … so dass sie plötzlich, noch an meiner Seite, erschöpft vornüberfällt und tot ist … Wie eine jener Puppen, die man aufbläst und aus denen dann ganz langsam alle Luft  entweicht, wenn man das Ventil öffnet … Ja … ja. ich werde gewinnen.
    Sie schwieg einen Augenblick lang und sage dann aufgeregt:
    - Weißt du, warum ich gewinnen werde? … Eigentlich ist dies ein Geheimnis … Hörst du … Weißt du warum? …
    Vor Aufgeregtheit konnte sie kaum noch atmen.
    - Weil ich … weil ich trickse, platzte sie heraus.
    Nun glühte sie, ihre Wangen loderten, die Hände flatterten unruhig.
    - Wenn ich geheilt bin … werde ich Tänzerin … Heute sage ich dir alles, Emanuel, ich werde nackt mit dir tanzen …
    Sie entsetzte sich plötzlich über das, was sie gesagt hatte, und ohrfeigte sich selbst.“

    Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Solange wird wohl ihre eigenen Wege gehen. Man weiß es nicht. Quitonce und Isa sind tot. Madame Tils geht zurück nach Amerika und auch Emanuel verlässt den Ort. Er geht in die Schweiz, ins nächste Sanatorium. Am Ende sitzt er im Zug und schaut aus dem Fenster: „In der Ferne verschwand die Stadt wie in sinkendes Schiff in der Dunkelheit.“ Ernest, der nach vielen Jahren der Krankheit wieder in Paris ist, schreibt einen Brief an Emanuel, in dem es heißt “Aber du weißt wohl, dass genau die Gefühle, die am sinnvollsten wären, im wirklichen Leben verboten sind.“ Wenn wir einmal unterstellen, dass es sich bei dieser Äußerung nicht nur um eine einzig der Figur zu subsumierenden Einsicht handelt, sondern insgesamt gelten kann, dann müsste man so weit gehen zu sagen, dass es eben doch das wirkliche Leben ist, das die Kranken leben. Dass sie leben, auch wenn sie nicht wissen, was das Leben eigentlich ist. Ja, vielleicht ist das sogar die unabdingbare Voraussetzung.

    Hier, wie in „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“, ist der Begriff von Wirklichkeit für den Text von erheblicher Relevanz. Die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Strebungen kennzeichnet Blechers Begriff von Wirklichkeit. Er spricht von einer widerwärtigen Realität, die dann herrscht, unterstelle ich, wenn eine der beiden Strebungen in ihr überhandnimmt. Das sind, soweit ich sehe, immer Strebungen, die gleichzeitig vorhanden sind, und die man auf die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod zurückführen könnte. Wirklichkeit wäre dann, wenn die Realität, die bloße Vorhandenheit, und die Irrealität, die, sagen wir, phantastische Seite der Sache, oder sagen wir ihre Fiktionalität, Sache zu einem ausgewogenen Verhältnis finden. Das sind hier bloße Vermutungen. Ich setzte mich mit dem Begriff der Wirklichkeit bei Blecher nach der Lektüre des ausstehenden Buches „Beleuchtete Höhle“ auseinander.

    Das ist eine schöne Formulierung, sie gefällt mir, je länger ich sie im Ohr habe, umso besser. Die Hoffnung, die man im Leben haben kann und haben sollte: dass der Schmerz sich manchmal täuscht. Der Zugang zur Heiterkeit findet, laut Blecher, auf derselben Nervenbahn statt wie der Zugang zum Schmerz. Und einen Zugang zur Heiterkeit, das gehört im Leben zu den bedeutsamsten Dingen. Denn die Dinge, die in der Wirklichkeit sind, sind nicht auf eine bestimmte Weise, arretiert nämlich. Sie sind vielmehr offen für eine Bedeutung. Eine Bedeutung, die sie nicht von Natur aus haben, die sie nicht mitbringen, sondern die wir ihnen verleihen müssen.

    M. Blecher, Vernarbte Herzen
    Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ernest Wichner
    Bibliothek Suhrkamp 2006, 221 Seiten
    ISBN: 978-3-518-22399-4

    Bitte beim Captcha beide Worte eingeben. Es wird eines Tages besser werden. Oder noch schlechter. Dann müssen drei Worte eingegeben werden. Von denen nur zwei vorgegeben werden. Das dritte müssen Sie selbst finden. Wir werden noch richtig kreativ.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    und zwar soeben.





    18 August 2011

    Damien Rice – 9 Crimes

    Wunderschöne Musik. Ich kenne das Gefühl, das in dem Video beschrieben wird. Ich kenne es zu genau.

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    16 August 2011

    “Zirkulierende Wahrheiten“

    Iris Nebel findet die Formulierung „zirkulierende Wahrheiten“ genial. Genial ist vielleicht, dass diese Formulierung zuvor gar nicht gefallen ist. Diese Worte sind nicht direkt formuliert worden. Genial ist, dass die Formulierung entstanden ist, weil sie in der Luft lag. Da waren nur irgendwelche Worte, die ich, mehr oder weniger gedankenlos hingeschrieben hatte. Dann kam Avenarius mit Roland Barthes im Gepäck und mit einem Mal war plötzlich da, was zuvor nicht da war: Die Wahrheit. Vorher war’s nur irgendwas. Dann wurde es Wahrheit. Hier kann aus allem, hier kann vielleicht sogar aus dem letzten Dreck noch Wahrheit werden.

    Was sind zirkulierende Wahrheiten? Ist Wahrheit nur unter der Bedingung, dass sie zirkuliert? Dass sie, sagen wir, auf etwas anderes verweist? Dass sie Teil einer Bewegung ist, einer Bewegung von Signifikanten oder Bedeutungen. Wahrheit wäre dann Wahrheit, wenn sie nicht mit sich identisch ist. Was einer klassischen Auffassung von Wahrheit und Identität wiederspricht. Das ist eine Auffassung, die einer modernen Zeichentheorie – die Ferdinand de Saussure‘s – verpflichtet ist.

    Vielleicht ist das ein Widerspruch. Das wird von der Logik nicht akzeptiert. Aber von solchen Wahrheiten spreche ich auch nicht. Hier ist eher die Rede von poetischen Wahrheiten. Damit meine ich nicht das zufällige Zusammenfinden zweier Strebungen, wie beispielsweise in einer Metapher, wie in „schwarze Milch der Frühe“ von Celan. Ich meine eher etwas, was ich in dem vorhergehenden Beitrag auch versucht habe: Worte und Vorstellungen zueinander zu bringen, die nichts miteinander zu tun haben. Etwas in einem Zusammenhang zu bringen: Treppe, tausend Euro, Worte, der nie richtige Zeitpunkt, Intensität versus Intentionalität.

    Was sind zirkulierende Wahrheiten? Eine Wahrheit, die nur dann eine ist, wenn sie zirkuliert. Wenn sie von einem Ort zum anderen, nicht nur wandert, nicht nur vagabundiert, sondern wenn sie zum Ausgangpunkt zurückkehren kann. Was ist das für eine Auffassung von Text, wenn er einen Sinn formuliert, sowie er sich bewegt? Wenn da nicht etwas zur Deckung kommen muss, sondern, im Gegenteil, wenn etwas different ist. Wenn sich etwas von etwas anderem wegbewegt.

    Wenn die Welt unter dem Verdacht steht, nur Schein zu sein, dann ist Wahrheit vielleicht nicht die ewige bewegungslose Wahrheit, sondern ein Schein unter anderen. Sie ist durch nichts mehr privilegiert. Sie vergeht wie alle anderen Scheinhaftigkeiten.

    Avenarius sagte in seinem letzten Kommentar zum vorhergehenden Artikel: „Die Wahrheit steht  … auf der Seite des Lebens, nicht, weil die Erzählung unwahr wäre, sondern weil es eine Wahrheit (z. B die “wahre” Psychologie eines Lesers) ausserhalb der Erzählung gibt.“

    Genial ist, dass die Wahrheit plötzlich da ist. Ob es nun die echte, letzte Wahrheit ist oder nur irgendeine. Nur eine, die mal ein wenig Gültigkeit hat. Bis hier morgen einer daherkommt und klipp und klar beweist, dass die Wahrheit ein Scheiß ist, wenn sie nur relational verstanden wird. Wir führen ja auch nur irgendein dreckiges beschissenes Leben und wir würden es vielleicht nicht führen wollen, wenn es nicht unsere eigenes wäre.

    Kommentare gerne unter der Verwendung dieser Begrifflichkeit. Und – logisch – beide Worte beim captcha abtippen. Es sind ja Wahrheiten, nicht eine einzige Wahrheit. Wer interessiert sich schon für eine einzige Wahrheit?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    und zwar soeben.





    12 August 2011

    Die gefühlte Treppe

    Ich habe bereits die erste, recht eindringliche und auch sehr fundierte Kritik an meinem zweiten Roman. In meinem Text kommen allerlei Personen, Dinge und Motive vor. Die kommen da nicht nur einfach vor, sie sind konstitutiv für den Text. Unter anderem spielt da eine Treppe eine Rolle. Die ist mir wichtig.

    Nun kann man sich ja zu Treppen auf allerlei Weisen verhalten, man nimmt sie oder man nimmt sie nicht. Neben diesen beiden aktiven Verhaltensweisen, gibt es auch noch passive Erlebensformen. Dem einen sind Treppen womöglich vollkommen gleichgültig. Der zweite kann Treppen nicht ausstehen, weil er mal tausend Euro auf einer Treppe verloren hat. Und der dritte liebt Treppen. Er hat mal tausend Euro auf einer Treppe gefunden.

    Man kann es nicht allen recht machen. Dann müsst man alle Worte vermeiden. Und alle Orte, an denen man einen Tausend Euro Schein finden kann. Und das geht nicht, da man diese Scheine an nahezu jedem Ort finden kann. Jedenfalls in Berlin. Womit ich nicht sagen will, dass ich schon mal einen gefunden habe, sondern nur, dass man sie finden kann.

    Das mit der Treppe versteht jetzt noch keiner. Aber später, wenn mein zweiter Roman auf dem Markt ist, wird man das verstehen können. Obwohl es dann auch keiner versteht, weil man sich nicht mehr an diesen Artikel hier erinnern kann. Im Grunde ist die Äußerung sinnlos. Jetzt ist es zu früh, sie zu verstehen und in eineinhalb Jahren ist es zu spät.

    Cornelia Klettke schreibt in ihrer Habilitationsschrift über moderne Literatur: „Der Text kommuniziert Intensität – statt Intention bzw. Intentionalität – und zielt so beim Empfänger nicht auf den Intellekt, sondern auf die Sinneswahrnehmung und das Gefühl.“ (Cornelia Klettke, Simulacrum – Schrift, Fink Verlag 2001, Seite 294)

    So will ich auch meinen Text verstanden wissen. Ich meinte nicht die intellektuelle, sondern die gefühlte Treppe.

    Und auch hier wieder – natürlich – bei Kommentaren bitte beide Worte abtippen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 August 2011

    „Sinnlos, das bizarre Abenteuer, Mensch zu sein“

    „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ von M. Blecher

    Das ist ein Buch der Unruhe und des Erwachens. Man kann es nur schwer einen Roman nennen. Es sind eher die Betrachtungen eines jungen Erwachsenen. Und sie sind, wie Betrachtungen junger Leute eben sind: Sie drehen sich um sich selbst. Das ist der Versuch einer Autobiografie. Und da junge Leute nicht viel zu erzählen haben, gelingen diese Bücher in den seltensten Fällen. Sie können nur gelingen, wenn sie das eigene Ich lediglich als Ausgangpunkt nutzen, um es so schnell wie möglich zu verlassen. Und das gelingt diesem Autor in vorzüglicher Form.

    Diese autobiografischen Grundzüge haben seine drei Bücher gleichermaßen. Blecher hatte keine Zeit, sich mehr als das anzueignen, was die Natur und das Schicksal ihm zugemutet haben. Mit neunzehn Jahren an Knochenmarktuberkulose, einer Entzündung der Wirbelsäule erkrankt, ist Blecher keine dreißig Jahre alt geworden. Zwei Bücher hat er zeit seines Lebens veröffentlicht: „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ – „Întâmplări în irealitatea imediată“ -  und „Vernarbte Herzen“ – „Inimi cicatrizate“, ein Drittes stammt aus dem Nachlass: „Beleuchtete Höhle“ – „Vizuina luminată“.

    M. Blecher, dessen Vorname wahrscheinlich Max war, der seine Briefe mit Marcel unterschrieb, den seine Freunde Maniu oder Minú nannten, hat von 1909 bis 1938 gelebt und ist einer der großen rumänischen Schriftsteller. Seine Texte gehören zur Avantgarde dieser Zeit, sie stehen teilweise unter dem Einfluss des Sur-Realismus. Blecher war mit Sașa Pană befreundet, der wiederum Victor Brauner kannte, der, wie Tristan Tzara, Mircea Eliade und auch Andre Breton in der avantgardistischen Zeitschrift Contemporanul veröffentlichte . Seine erste Veröffentlichung hatte Blecher in der Zeitschrift Bilete de Papagal – Papageienblätter, der Zeitschrift von Tudor Arghezi, einen Auszug auf seinen Gedichten Corp transparent – Transparenter Leib, die es in Auszügen online gibt.

    Erfolg hatte er zu Lebzeiten kaum, obwohl sein erstes Buch von anderen Avantgardekünstlern hochgelobt wurde. Selbst in Rumänien war er lange eher ein Geheimtipp. Das Schicksal seiner Familie, allesamt rumänische Juden mit spanischen Vorfahren (wie auch bei Aleandru Vona), verliert sich in den Wirren vor und während des 2. Weltkriegs. Die Eltern reisen nach Israel aus, die Schwester nach Chile. Im kommunistischen Rumänien bestand kein Interesse an Blecher und seinen Texten, so dass erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten Arbeiten über ihn entstanden sind oder veröffentlicht werden konnten. Das dritte Buch, seine Hinterlassenschaft, erschien in Rumänien erst im Jahr 1971.

    Geboren in Botoşani, aufgewachsen in Roman ging der Autor zum Medizinstudium nach Paris, erkrankte schwer und verbrachte die kommenden zwei Jahre im Sanatorium von Berck-sur-Mer an der französischen Atlantikküste. Er kehrte 1933 nach Rumänien zurück, wo er ebenfalls im Sanatorium lebte, in Techirghiol am Schwarzen Meer. Den größten Teil seines Erwachsenenlebens musste er im Liegen verbringen. Er schrieb wohl meist unter großen Schmerzen. Im letzen Jahr seines Lebens berichten seine Briefe nur noch vom Leiden, von Ärzten und Operationen.

    „(Vorkommnisse) aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ ist ein Buch, in dem einer anfängt sich in der Welt zu orientieren. Ein männliches, lyrisches Ich ohne Namen zu Beginn der Pubertät. Einer, der mit Umständen konfrontiert wird, die ihn lebenslang nicht mehr loslassen: Liebe, Sexualität, Tod. Das sind Tatsachen und Tatsachen kennzeichnen die Wirklichkeit. Das ist eine Welt, zu der er sich nicht dazugehörig fühlt: „Es gab also eine Kategorie von Dingen auf der Welt, denen ich nie würde angehören können, gleichgültige und melancholische Pojazen [ein Pojaz ist ein Clown, ein Spaßvogel, ein dummer August], kräftige Jungs, die nie Kopfschmerzen hatten. Um mich, zwischen den Bäumen im Sonnenlicht, floß ein heiterer und breiter Strom voller Leben und Reinheit. Ich war dazu ausersehen, auf ewig an seinem Rand zu bleiben, vollgestopft mit Dunkelheit und Schwächen und Ohnmachten.“ Wirklichkeit ist alles, was um einen herum ist und einen mit seiner Gegenwart bedrängt. Das lyrische Ich weiß allerdings auch, dass die Dinge in dieser wirklichen Welt nur teilweise zu Hause sind. Dieses Ich hat eine deutlich gesteigerte Wahrnehmung, die mit Zweifeln am Wahrnehmungsvermögen einhergeht.

    Die Handlung ist sehr übersichtlich. Der namenlose Junge – ich scheue mich ein wenig, ihn einen jungen Mann zu nennen – geht über den Jahrmarkt und ins Panoptikum, er schleicht sich tagsüber ins Varieté und ins Wachsfigurenkabinett. Er wandert durch die Stadt und stromert auf einem unbebauten Gelände herum. Er ist auf der Suche nach Orten und Umständen, wo die Dingen nicht so sind wie sie wirklich sind. Dinge, die neben ihrer exakten Bedeutung in der Wirklichkeit noch eine andere Dimension aufzuweisen haben. Umstände, in denen seine Hände mehr sind als nur „zwei bemitleidenswürdige, gefangene Vögel, die von einer mächtigen Kette aus Haut und Muskeln an den Schultern gefesselt waren. Arme Vögel, dazu bestimmt, mit einigen stumpfsinnigen Gesten wohlerzogenen Anstands zu fliegen wie es einstudiert und wiederholt worden war, als hätte es Bedeutung.“ Es werden hier vor allen innere Vorgänge beschrieben. Es wird beschrieben was die Welt draußen in der Welt drinnen auslöst und anrichtet.

    Die Wirklichkeit hat einen Mangel: ihre Präzision und Exaktheit. Das ist eine Welt, in der die Dinge sind, was sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Sie haben nicht die Möglichkeit anders zu sein. Sie haben keinen Über- und keinen Unterdruck. Das klingt banal, beschreibt aber ein Dilemma, das vor allem Künstler oft erleben. Man muss Dinge, indem man sie beschreibt, malt, darstellt, in Worte, Farben oder Formen fassen. Die sind nicht identisch mit der Wirklichkeit, sie bilden sie lediglich ab, sie verändern sie. Außer man ist einem totalen Realismus verpflichtet, der einfachen Wiedergabe der Welt. Der Verdoppelung. Dann allerdings muss man sich fragen, warum man künstlerisch tätig ist, wenn man sie nur wiedergeben will. Auch muss man anerkennen, dass ein jeder Kind seiner Zeit ist und man, wenn eine gewisse Entwicklung stattgefunden hat, nicht mehr oder nur noch schwer dahinter zurück kann. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hat der Surrealismus die Sicht auf die Dinge verändert, indem er der einzigen Art der Sicht, der vermeintlich natürlichen, die mögliche Art der Sicht hinzugefügt hat. Diese mögliche Welt mit den aus dem Surrealismus bekannten Reizen, dem Traum, der Phantasie und dem Wahn.

    Je grandioser die Welt in ihren Möglichkeiten sein könnte, desto schmerzhafter empfindet man ihre wirkliche Dimension: „Einige Sekunden lang sahen meine Gedanken auf ideale Weise und in größter Ausführlichkeit meine würdevollen Bewegungen voraus. Ich sah mich sehr sicher vorausschreiten und mich mit einer lässigen Bewegung zu Eddas Füßen auf das Bett setzen, auf dem sie lag. Meine tatsächliche Person blieb jedoch wie ein kaputter und unbrauchbarer Anhänger hinter diesen schönen Vorstellungen zurück.“

    Präsent sind vor allem die Verlockungen und Verwirrungen durch die Geschlechterdifferenz. Da sind einige Begegnungen mit Mädchen und auch Jungs. Es passiert, wovon er später nicht einmal sagen kann, was es war. Er wird bestraft, weil er mit einem Mädchen im Bett gelegen und etwas gemacht hat, was er selbst nicht genau einschätzen und woran er sich auch nicht recht erinnern kann. Vor allem sind es zwei junge Frauen, die ihn verwirren, eine zu Beginn der hier dargestellten Entwicklung, die andere an ihrem Ende.

    Da ist Clara aus dem Nähmaschinenladen. Er sitzt Wochen-, vielleicht Monatelang in einem Hinterzimmer des Ladens, weil sich dort Clara mit ihrem Bruder aufhält. Der Bruder verlässt bisweilen das Hinterzimmer, weil er vorne eine Nähmaschine verkaufen kann oder weil er einkaufen geht. Dann ist der Junge mit Clara alleine. Unter bestimmten, sehr komplexen  Bedingungen, kann es sich ereignen, dass sie an ihm vorübergeht und dabei mit ihrer Wade sein Knie berührt. Und das macht ihn beinahe besinnungslos. Darauf wartet er immer und immer. Später kommt es auch zu einer echten körperlichen Annäherung, es kommt zu einem Liebesakt, den Clara bewusst gleichgültig anbietet und dem der Leser nur undeutlich beiwohnt, der wohl ähnlich undeutlich ist und auch erlebt wird. Clara ist ein Abenteuer: „Ein Abenteuer voller Qualen und Erwartungen, voller Unruhen und Zähneknirschen, etwas, das einer Liebe geglichen hätte, wenn es nicht die schlichte Fortdauer einer schmerzhaften Ungeduld gewesen wäre.“

    Eines Tages geschieht mehr als nur diese erotische Verwirrung durch das andere Geschlecht. Da lernt er die Liebe kennen. Die unglückliche, sich verzehrende Liebe nach Edda. Er sieht sie bei ihrer Hochzeit mit dem Frauenheld Paul, der ältere Bruder seines Freundes Ozy Weber. Mit Eddas Einzug in das Haus in dem auch er verkehrt, ändert sich das Leben aller Beteiligten. „In Eddas Umkreis begann eine Pantomime mit vier Personen: Paul wurde treu und würdevoll; der alte Weber kaufte sich eine neue Mütze und eine Brille mit Goldrand; Ozy wartete vor Aufregung keuchend darauf, daß Edda ihn rufe und ich blieb auf der Terrasse, den wässrigen Blick ins Leere gerichtet.“

    Alle Annäherungsversuche natürlich bleiben erfolglos. Er sitzt meist einfach da und starrt Edda an. Er ist verzweifelt. Er geht zu ihr und will ihr erklären, dass er ein Baum ist. Aber das kommt nicht sehr gut an. Auch Edda ist nur Wirklichkeit. Sie ist präzise das was sie ist. Auch wenn er nicht genau weiß, was sie ist. Er sitzt herum. Er sitzt draußen vor der Stadt, es regnet, er wühlt im Schlamm wie Kinder das eben tun. Er erfährt eine Art Einheit mit der Welt, er ist versöhnt, er sieht die Dinge nicht mehr als nicht zu verstehendes Gegenüber. Er wühlt im Matsch, er trauert einer Kröte hinterher. Er ist glücklich. Er schläft in einer Hütte ein und träumt von einer kopflosen Frau. Wieder erwacht, senkt sich unaussprechliche Bitternis in ihn. „Einen Augenblick lang wuchs die Verzweiflung in mir, als hätte ich brüllen und mir den Kopf gegen die Bäume stoßen müssen. Gleich darauf aber schrumpfte alle Traurigkeit, zu einem ruhigen und sanften Gedanken zusammen. Jetzt wusste ich, was ich zu tun hatte: wenn nichts mehr andauern konnte, blieb mir nichts weiter übrig, als alles zu beenden. Was ließ ich zurück? Eine feuchte, häßliche Welt, in der es langsam regnete …“ Er beschließt sich umzubringen und setzt das, allerdings im Letzten erfolglos, auch um.

    Hier kommt eine Struktur des Erlebens zur Sprache, die den gesamten Text strukturiert: Die Gegensätze. Aus dem allergrößten Glück im Matsch und im Regen, eins zu sein mit der Welt, wird genau das Gegenteil, das schlägt sehr schnell und mit aller Konsequenz um und die Welt zum unverstehbaren Gegenüber. Die einander ausschließenden Gegenteile sind sich extrem nah, vor allem dann, wenn sie Stimmungen betreffen. Ja man könnte sogar sagen, dass eine Stimmung der anderen dann am nächsten kommt, wenn sie ihr genaues Gegenteil ist. Und zwar deswegen, weil sie im Extrem, im möglichen Umschlag, aufeinander treffen.

    Damit wird ein Motiv zur poetologischen Struktur ausgebaut. Die Bedeutung der Gegensätze: Lust und Verzweiflung, Anspannung und Gleichgültigkeit, Traum und Wirklichkeit gehen durcheinander. Mehrfach wird von der Umkehrung der Relationen gesprochen. Einmal sieht er einen Unfall, bleibt dabei aber auffällig gleichgültig. Dann sieht er sich und die Welt aus der Perspektive des Unfallopfers, er spürt dessen blutende Wunde. Sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen, das verändert das Bild, das man von sich hat. Und das hat in diesen Fall auch eine schizoide Struktur.

    Bei Edda allerdings kommt das an eine Grenze. Hier kann er Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten: „ … ihr Tod war mein Tod, und in alles, was ich seitdem tue, in alles, was ich erlebe, projiziert sich kalt und dunkel, so wie ich es bei Edda gesehen habe, die Reglosigkeit meines zukünftigen Todes.“

    „Es war mein Vater, der schweigend darauf gewartet hatte, daß ich aufwachte. Als ich die Augen aufschlug, ging er einige Schritte in die Stube hinein, brachte mir eine weiße Waschschüssel und eine Kanne Wasser, damit ich mir die Hände waschen konnte. Mit einer schmerzhaften Verkrampfung, die mir das Herz zusammenpresste, verstand ich, was dies bedeutete.
    „Wasch dir die Hände“, sagte mein Vater, „Edda ist gestorben.“
    Draußen regnete es fein, und der Regen hörte drei Tage nicht auf.“

    Eddas Tod ist ein Tod in der Wirklichkeit, exakt und präzise und durch nichts abzumildern oder zu verändern. Der Tod, das erfährt der Junge hier in aller Schmerzhaftigkeit, ist so massiv, so endgültig und unwiderruflich, dass keine Möglichkeit zur Differenz besteht. Der Tod ist die pure Wirklichkeit.

    „Worin besteht mein Wirklichkeitsgefühl?
    In meine Umgebung ist das Leben zurückgekehrt, das ich bis zum nächsten Traum leben werde. Schwer hängen die gegenwärtigen Erinnerungen und Schmerzen in mir, und ich will ihnen widerstehen, nicht in ihren Schlaf verfallen, aus dem ich vielleicht nie wieder würde zurückkehren können ….
    Jetzt wehre ich mich in der Wirklichkeit, schreie, flehe, man möge mich aufwecken, man möge mich zu einem anderen Leben erwecken, zu meinem wahren Leben. Sicher ist, daß jetzt heller Tag ist, daß ich weiß, wo ich mich befinde, und daß ich leben, aber in alledem fehlt etwas, wie in meinem entsetzlichen Alptraum.
    Ich quäle mich, schreie, peinige mich. Wer weckt mich auf?
    Die exakte Wirklichkeit zieht mich immer tiefer hinab, versucht mich unterzukriegen.
    Wer weckt mich auf?
    Immer war es so, immer, immer.“

    Möglich, dass ich mich täusche, wenn ich sage, das sei ein großer Autor. Aber diese Möglichkeit, die Möglichkeit, dass etwas anders ist, ist kein Fehler. Sie ist der Garant, dass die Wirklichkeit keine absolute Präzision und keine erdrückende Konsistenz bekommen. Dann wird sie als Tod erlebt.

    Übersetzt von Ernest Wichner, mit einem Nachwort versehen von Herta Müller, die das Buch als „Meisterwerk“ bezeichnet. Ernest Wichner hat auch die anderen Bücher dieses Autors auf dem Rumänischen übersetzt. Wer bin ich, zu sagen, dass die Übersetzung sicher außerordentlich ist. Ich habe das Original, da ich auch gerade nicht mehr in der Bibliothek sitze, nicht einmal zur Hand genommen.

    Wie ich gerade erst sehe, gibt es den Text auch online.

    Auch hier gilt immer noch: bei Kommentaren bitte beide Worte des Captchas eingeben.

    M. Blecher
    Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit
    Suhrkamp Verlag 2003
    Bibliothek Suhrkamp 1367, Gebunden, 154 Seiten
    ISBN: 978-3-518-22367-3

    (Die Abbildung zeigt die Originalausgabe)






    01 August 2011

    Meine weibliche Leiche

    Ich wollte die Geschichte mit meiner weiblichen Leiche nicht untergehen lassen. Ich hatte mich von einem Gedicht dazu inspirieren lassen. Auf einem Hinterhof steht eine Kiste, die auch ein Sarg sein könnte. Man weiß nicht, was drin ist. Vielleicht „eine weibliche Leiche“.

    Ich könnte mir auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann würde man sich sogleich fragen, wie er gestorben ist und wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste sie im Keller einbetoniert werden. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht.

    Man sieht die weibliche Leiche durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit. Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt es nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

    In einer Variante ist diese Geschichte bei den Gleisbauarbeiten nachzulesen.

    Die Einstiegshürde für Kommentatoren liegt, wie man mir schrieb, in diesem Blog sehr hoch. Und sie liegt sogar noch höher als es scheint, nämlich doppelt so hoch: bitte geben Sie beim Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.