Anpassung, Teil I
Ein Internetprojekt hat mich gebeten, eine Handvoll Bücher zu empfehlen. Das habe ich getan. Postwendend antworte man , dass ich mich an die Struktur halten solle. Dazu gehöre, dass ich die Bücher in eigenen Worten empfehle. Ich finde aber, dass die Autoren sich sehr viel besser selbst empfehlen können. Also habe auf die Teilnahme verzichtet. Vielmehr habe ich auf die Anpassung verzichtet. Von der Teilnahme bin ich ausgeschlossen worden. Es war für mich wichtiger, meinen eigenen Vorstellungen zu entsprechen. Meine Vorschläge hätten nicht allein von der Form der Präsentation nicht zu dem Projekt gepasst. Da ich nun einmal Zeit darauf verwandt habe, kommen die fünf für mich wichtigen Bücher jetzt hierher. Zwei Deutsche, ein Engländer, ein Amerikaner, ein Rumäne. Fünf Männer, keine Frau.
- Ottfried Preußler, Krabat: „Er schien einen Augenblick nachzudenken, dann lehnte er sich im Sessel zurück und sagte: ‚Nun gut – ich gewähre dir eine Frist von acht Tagen. In dieser Zeit, dafür sorge ich, wirst du Gelegenheit haben zu lernen, wie es sich lebt, wenn man nicht mehr zaubern kann. Alles und jedes was du im Lauf der Jahre bei mir gelernt hast – von dieser Sekunde an soll es aus und vergessen sein! Heute in einer Woche, am Vorabend des Silvestertages, werde ich dich ein letztes Mal frage, ob du mein Nachfolger werden magst: Dann wird sich ja herausstellen, ob du auf deiner Antwort beharren willst.‘“
- Lewis Carroll, Alice im Wunderland: „‚Ich bin ganz deiner Meinung’, sagte die Herzogin; ‚und die Moral davon ist: ‚Scheine, was du bist, und sei, was du scheinst’ – oder einfacher ausgedrückt: ‚Sei niemals ununterschieden von dem, als was du jenem in dem, was du wärst oder hättest sein können, dadurch erscheinen könntest, dass du unterschieden von dem wärst, was jenen so erscheinen könnte, als seiest du anders!’“
- M. Blecher, Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit: „‘Ich gehe ins Kabinett, ein Pulver einnehmen, ich habe Kopfschmerzen, ich bitte dich, folge mir nicht.‘ Ich versprach es unter Schwüren und folgte ihr nach einer Sekunde. Im Kabinett begann ein regelrechter Kampf, in dem, völlig klar, Claras Kräfte dazu neigten nachzugeben. Dann, als wäre sie über etwas gestolpert, fiel sie mit einmal auf das Kanapee. Sie legte die Hände unter den Kopf und schloß die Augen, als würde sie schlafen. Es war unmöglich, die Lage ihres Körpers um einen Zentimeter zu verändern; so wie sie da halb auf der Seite lag, musste ich ihr den Rock unter den Waden wegreißen und mich an sie schmiegen. Clara übte keinerlei Widerstand gegen meine Handgriffe, aber sie bot mir auch kein Entgegenkommen. Sie war unbeweglich und gleichgültig wie ein Stück Holz, und allein ihre intime und geheime Wärme zeigte mir an, daß sie aufmerksam war und wusste.“
- David Foster Wallace, Unendlicher Spaß: „DeLints Lachen klang für Steeplys feines Gehör wie das Lachen eines älteren, weit weniger fitten Mannes, wie das mukoide, die Faust auf die Brust schlagende Lachen eines alten Mannes im Liegestuhl im Kiesgarten in Scottsdale, Arizona, mit über den Schoß gebreiteter Decke, der seinen Sohn sagen hört, seine Frau behaupte, ihn nicht mehr zu kennen.“
- Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts: „Man sieht, der Bogen ist weit gespannt: ein hoher Soldat, geschmückt mit den Orden seines plemperrasselnden Heldentums, den Sternen seines Ranges, den Streifen seiner Hose; der Verehrung seines Volkes gewiß, irgendwo auf einer märchenhaften Insel im Mittelmeer, der langweilt sich mit seiner abgegriffenen Generalin und läßt einen hübschen Küchendragoner zum hygienischen Nachexerzieren mehrmals täglich antreten – und nach dreißig Jahren sitzt irgendwo in einem Hinterzimmer der wenig märchenhaften Stadt Amsterdam ein Mann mit dem Namen Vigoleis, ohne Sterne, ohne Rang, an den Hosen nur die Spiegelstreifen seines stubenhockerischen Lebenswandels, Held nur in den Seiten seines eigenen Buches, und ein trauriger obendrein – er sitzt und schreibt sich noch das Ochsenfieber an den Leib.“
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Rezensierte Gedichte und andere: „wesentlich aufgelöst und gebildet“
Ich hatte Anfang des Jahres angekündigt, dass ich mich vermehrt um Lyrik, vor allem aber um Literatur aus Rumänien bemühen werde. Das hat gedauert, in diesem Jahr dauert alles etwas länger, dafür geht die Zeit schneller vorbei. So kommt‘s wieder ins Lot.
Dass ich mir ein nahezu unauffindbares Druckwerk, „Rezensierte Gedichte“ von Günther Schulz vornehme, hat auch biografische Gründe. Schulz kommt aus Siebenbürgen, aus derselben Ecke wie ich auch. Er hat diese Ecke verlassen und ist ins runde Berlin übergesiedelt, wie ich auch. Er beschäftigt sich mit Identität, wie ich auch. Es sind sowohl lebensgeschichtliche als auch literaturwissenschaftliche Interessen, die nach persönlicher, kultureller Identität als auch nach der eines Sprachkunstwerks fragen.
Günther Schulz hat Theologie und in diesem Rahmen auch Philosophie studiert. Vielleicht, oder sogar gewiss nicht, weil er werden wollte, was er dann vorübergehend wurde, Pfarrvikar nämlich, sondern weil man in Rumänien, und daher kommt er, an dieser Fakultät fast unbehelligt, und, was in repressiven Systemen weit wichtiger ist, fast unbeschattet bleibt und man dort noch unter natürlichem Lichteinfall studieren und sich bilden kann: lumen naturale, lumen supranaturale.
Der Sammlung Gedichte ist sozusagen ein Vorwort mitgegeben, Lektürehinsicht nannte man das einmal, ein mehrseitiger essayistischer Text, der dem Band den Namen gibt, indem er die Gedichte rezensierte nennt. Und der in der Überschrift bereits anklingen lässt, worum es dann auch sich dreht: Re-Zensur. Was sie aber streng genommen nicht sind. Er, Günther Schulz, greift vor – oder nach -, indem er, was andere womöglich übersehen, wenn sie die Exponate „nur“ ästhetisch genießen wollen, da sie den Zusammenhang nicht verstehen, in dem sie entstanden sind und auf den sie reagieren. Sie sind 1968 / 69 in Rumänien geschrieben. Ein Jahr später ist Günther Schulz in die Bundesrepublik ausgewandert. Von Wandern kann allerdings nicht die Rede sein: er ist geflogen. Er hat von seinem Land und seinen bekanntesten Vertretern, von Herrn Ceauşescu und der Securitate, einen Tritt in den Hintern bekommen. Und eine Spritze in den Arm. Auch wenn die Flüssigkeit in der Spritze wohl keinen Wirkstoff – oder „contre la variole“ ein Antipocken-Wirkstoff – enthalten hat, die Wirkung, dass man vor Angst stirbt, die hatte es dennoch. Angst, die bei manchen, die ähnlich behandelt wurden, lebenslang nicht abgebaut werden konnte. 1971 erschien dieser Band Gedichte in einer vom LCB herausgegebenen Edition.
Der Autor geht in seinem Vorwort, in seiner dem eigenen Werk, den Produktionsbedingungen und dem Produkt nachstellenden, einer Rezeption vorauslaufenden Rezension, auf den möglichen Einwand des Lesers ein, einer anscheinend fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit in Rumänien, dem Regime. Er weist auf zwei Bedingungen hin, unter denen diese Gedichte entstanden sind. Da ist einmal „Zwang und Zensur“, er nennt es „eine ideologische Uniformierungskampagne, die dem Denken keine Wahl, der Meinung keine Abweichung, dem Zweifel kein Recht, dem Widerspruch kein Pardon, dem Erkenntnisprozeß weder Spielraum noch Bedenkzeit einräumte“. Eine Situation, die „der Literatur ein Engagement abnötigten, das sich aufs Ausschmücken der vorgegebenen Thesen beschränkte, entfremdeten […] den Schriftsteller seiner Arbeit.“
Zweitens weist er darauf hin, dass diese Gedichte in Rumänien in seiner Muttersprache, also auf Deutsch entstanden sind, geschrieben von einem rumänischen Staatsbürger. Als Angehöriger einer Minderheit liegt die Bandbreite der eigenen Reaktionen zwischen Integration und Emigration. Nach dem Endes des Krieges und unter den Bedingungen der stalinistischen, später nationalkommunistischen Diktatur erschien Deutschland, also Westdeutschland, als Projektionsfläche aller materiellen und politischen Utopien: „In dieser Brechung erschien die Existenz in Rumänien unfrei und schlecht und West-Deutschland als materielle, nationale, politische und zivilisatorisch-kulturelle Utopie.“
„Der aufs Indirekte, Verschlagene, Angedeutete eingespielten Apperzeption bedeutete zum Beispiel auch noch das ausweichende, realitätsflüchtige von was anderen als von den sozialen, politischen Realitäten Sprechen Auseinandersetzung damit, oder zumindest, im indirekten Verständnis, negative Reaktion auf die jahrelang abverlangte dekorative Bejahung.“
Anschrift
diese furcht- und flucht-
zerissenen zungen
tabakgebeizt
speichelbefleckt
mit allerhand wasser
verflucht zerbissen besungen
erschreckt
nach vater- und
land befragt
nach omen und nomen
alles in allem:
nie eine sache
immer nur sätze ein band
immer nur fallen und ratten
der weißhaarigen mutter-
sprache aus dem schwarz-
haarigen schatten
gefall’n
aus gebot und verboten
erinnern und ahnen
aus anderen worten gelernt
verdichtet versiegelt gebucht
die anschrift
im gordischen knoten
von stürzenden spiegeln
allen wandernden orten
entfernt und an allen
gesucht
Hier lässt sich am leichtesten erahnen, was es heißt in einer Diktatur zu leben. Und das als Schriftsteller, dessen Tun ein Schreiben, dessen Schreiben ein Denken und dessen Denken ein Durchdringen sein sollte: der muss sich die Zunge abbeißen „diese furcht- und fluch-zerissenen zungen … verflucht zerbissen besungen“.
Vaterland und Muttersprache: das ist in der Regel kein Widerspruch, da man im Vaterland die Muttersprache spricht. Die übliche familiäre Geborgenheit eben. Es wird dann jedoch eine besondere Situation, wenn man mit seiner Muttersprache fremd im eigenen Land ist, weil da eine andere Sprache, eine Fremdsprache gesprochen wird. Man ist dort fremd, wo die Heimat ist. Auch dann noch, wenn man, schizo-bilingue, das Rumänische spricht. Man spricht dann eine andere Sprache. Man selbst spricht die Fremdsprache, nicht der andere. Man selbst ist Fremder. (Aber der Andere ist nicht man selbst.) Man ist fremd im Eigenen. Eine andere Sprache sprechen heißt nicht, andere Vokabeln für dasselbe zu nutzen, sondern: sich nicht verständlich machen zu können. Wer das nicht kann, der ist ausgegrenzt. Ausgegliedert. Rumänien: Das ist die eigene Gegend, das eigene Land, die eigenen Straßen und die eigenen Götter, die in den eigenen Gebirgen hausen. Man ist mittendrin. Und genau deswegen sitzt man in der Falle. Man ist Ratte.
Die wandernden Orte: wenn der Ort nicht mehr ist, wo er sein sollte. Und das ist bei den Siebenbürger Sachsen so, sie haben die Kontrolle über ihren Ort, ihr Land, dieses Siebenbürgen, lange verloren. Auch deswegen haben so viele dieses Heimatland verlassen, als es möglich war: weil das eigene fremd geworden ist. Und das zieht einen weiteren Schritt nach sich: wenn das fremde anfängt das eigene zu werden. Normalerweise ändert man seinen Aufenthaltsort. Man selbst ändert sich nicht, indem man den Ort wechselt und die beiden Orte, der alte und der neue, verändern sich ebenfalls nicht: Es bleibt alles so wie es ist. In dem vorliegenden Fall ist das anders. Wenn der Ort sich bewegt, ist eine Anschrift natürlich sinnlos. Man ist, wo immer man ist, unerreichbar.
Schöne Beobachtung: Welche Haarfarbe man hat, im Schatten, im Schattendasein, im beschatteten Dasein, verliert man sie, diese eine der wenigen Möglichkeiten zur Individuation. Der Schatten betreibt seine Gleichmacherei: dort hat man immer schwarzes Haar. Selbst das weit entfernte Gegenteil, das weißhaarige, wird zu schwarz. Im Schatten wird man immer angeschwärzt.
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Negatives Gedicht auf den Heimgang
von unserem langen gewürme-geschwärme
von unserer erbärmlich belämmerten herde
von uns keine spur
wir sind ja nur:
gevögel gedärme getier
wir haben nur erde gefressen
wir haben traumlos vergessen
wir affen wir raben wir schlangen
wir sind im wasser gegangen
oder im wind sind wir sind
alles verschollen verlassen verfangen
alle vergessen gegangen
wir papageien wir echsen wir bären
wir aalen olmen menscheln chimären
o daß wir doch seien und wären
nicht sind:
fische im see
wölfe im schnee
vögel im regen und
würmer im wind
aber wir haben alles vergessen
wir haben unsere spuren gefressen
wir flo wir schwa
wir schwie wir sa
wir sind verloren gega
wir sind verlo
wi si
Negatives Gedicht: Unter dem Staats- und Kulturpolitischen Gebot und Zwang zur Positivität ist ein Negatives Gedicht eine direkte Provokation. Vermutlich entstanden in Auseinandersetzung mit der aufdringlichen Figur des sozialistischen „Bestarbeiters“, russisch Stachanowist, rumänisch „fruntasch in productie“. Das waren in den sozialistischen Planwirtschaftsbetrieben „ Helden der Arbeit“ mit dem roten Wimpel am Arbeitsplatz, die vorgesetzten Vorbilder, die Beispiele des Positiven.
Wir sind die Herde. Wir sind die Tiere. Und doch sind wir es nicht: Von uns keine Spur. Indem wir vergessen, fressen wir unsere eigenen Spuren. Unsere Hinterlassenschaften. So endet es oder wir enden so: wir können nicht einmal mehr die Worte erinnern, derer wir bedürfen, um das Elementarste herauszufinden und zu beschreiben: wer wir sind. Auch wenn wir wissen wer wir sind – das was wir nicht sind: „daß wir doch seien und wären“ – es reicht nicht, um uns selbst zu bezeichnen. Wir können nur beklagen, dass wir die Tiere sind. Das wir nicht einmal erinnern, Menschen zu sein. Und am Ende wissen wir nicht einmal mehr das. Und selbst wenn wir es wüssten, uns fehlen die Worte es zu formulieren.
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Nachruf
einem 26-jährigen
Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen
hinter dem Wald
laut
hinter den apfelbaumbergen
bellen die füchse
in die sächsische strohfeuernacht
und in heimlicher mundart
träumt östlich
der schnee
dort ist:
schon bald vor vier jahr
mein großer bruder verschieden
auf einem maisblättersack
im waldhüttenfrieden
an deutschen utopien verschieden
mit seiner rumänischen lieben
verscholl’n
und jetzt holt sich endlich im winter
ländlich
das weiße vom himmel herunter
hinter den wäldern
am rande der welt
sein transsylvanisches dorf
(ich hätte vorausschicken soll’n:
als er noch jünger war
hat dort mein großer bruder protestiert
zur zeit der schweine-
schlacht vielleicht sogar
gegen die kälte)
Man fragt sich, warum die letzte Strophe, die auch noch in Parenthese daherkommt, sagt, dass etwas hätte vorausgeschickt werden sollen. Die Strophe steht also an der falschen Stelle. Und vermutlich steht sie da, weil sie an der falschen Stelle richtig ist. Weil es der richtige Ort für die falsche Stelle ist. Manchmal muss man Sachen im Leben tun, von denen man weiß, dass sie falsch sind. Aber man weiß auch, dass es richtig ist sie zu tun. Dass man sie tun muss. Weil es nicht um richtig und falsch geht, sondern um einen Metaebene. Was ist das für eine Ebene in diesem Gedicht? Was hätte vorausgeschickt werden sollen? Wäre es vorausgeschickt worden, wäre die Strophe in dieser Form ja ausgefallen. An der richtigen Stelle wäre sie nämlich falsch gewesen. Diese Information ist eine, die nur unter dem Vorzeichen der Verneinung gültig ist.
Wenn das, was vorausgeschickt hätte werden sollen, nachgestellt wird – wenn einem nachgestellt wird? – dann hat es an dem anderen Ort auch eine andere Bedeutung. Worte haben ja, je nachdem wo sie stehen, eine andere, eine verschiedene Bedeutung. Aber welche?
Der ältere Bruder als er noch jünger war: er ist verschieden. Woran verschieden? Oder wovon verschieden? Von dem jüngeren Bruder? Oder von sich selbst als er noch jünger war? Dann hingegen heißt es, er sei verschollen. Verschollen sein, das ist ein alltägliches Schicksal junger Männer im Krieg. Also nicht verschieden. Scholle ist ein Fisch. Scholle ist auch das Stück Erde auf dem man aufgewachsen ist. Schollen sind auch die Eisstücke, die im kalten Wasser treiben. Und kalt ist es in dem Gedicht ja.
An deutschen Utopien verschieden: Welche das wohl gewesen sein mögen? Vielleicht seine eigenen, vielleicht der Traum von Deutschland? Ein u-topos – kein Ort. Weil unerreichbar? Das alles gibt es nicht: es gibt keine Apfelbaumberge, keine Strohfeuernacht, keinen Maisblättersack, keinen Waldhüttenfrieden. Und gegen das Schlachten von Schweinen zu protestieren, ist sinnlos. Ein sinnloser Protest. So sinnlos wie gegen die Kälte zu protestieren.
Man holt nur noch das Weiße vom Himmel, nicht mehr das Blaue. Das Blaue wird bekanntlich vom Himmel gelogen, das Vielversprechende Blaue vom Himmel.
Bei diesem Gedicht wäre wohl eine richtige Analyse vonnöten, die Rhythmus und Reim beachtet, die Metrik, etc. Aber das kann ich hier nicht leisten.
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KOMM:
steig ein wenig unwirklicher
über meine treppe
ein wenig möglicher
du kannst ruhig stolpern
aber bitte mach keinen lärm
wir spielen dann noch blinde kuh
fuchs geht herum mundhalten
kopfzerbrechen
oder rote handschuh
wenn es dir passt
könntest du fliegen
ich könnte mir vorstelln
wir würden
aber was heißt schon beweis
möglicherweise
möglicherweise
weißt du dass ich weiß
daß du weißt
möglicherweise
ist das ein beweis
Was heißt schon Beweis? Blinde Kuh, Fuchs geht herum, Mundhalten, Kopfzerbrechen, Rote Handschuh. Das sind Kinderspiele. Und doch sind es keine. Die ersten beiden sind es. Die zwei folgenden sind Spiele von Erwachsenen. Was ist das dritte? Was heißt schon Beweis?
Was heißt schon Beweis? Wofür und wogegen braucht es einen Beweis? Für eine Tat oder ein Vergehen? Möglicherweise ist das auch einerlei, wofür oder wogegen. Es lässt sich alles so oder anders drehen und wenden und was heute für einen spricht, spricht morgen schon gegen einen. Was heißt schon Beweis?
Was heißt schon Beweis? Der Beweis ist kein zwingender Beweis. Wozu so hart mit den Dingen und den Umständen umgehen? Ein möglicher Beweis ist in manchen politischen Verhältnissen schon ausreichend. Er kann Kopf und Kragen kosten. Aber was will man schon mit seinem Kopf oder seinem Kragen? Was will man mit solchen relativen Werten wie Schuld oder Unschuld die morgen ja etwas ganz anderes bedeuten könne als heute, weil man heute ja noch nicht das Kriterium von morgen kennen kann. Jenes Kriterium, das Gut von Böse scheidet und wahr von falsch. Was heißt schon Beweis?
Was heißt schon Beweis? Die Möglichkeit, dass es so oder anders ist. Das ist der Beweis. Möglicherweise. Das reicht vollkommen aus. Was heißt schon Beweis?
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WOLKEN
fliegen tanzen schwimmen
Spielarten:
„was wir sind
schon sind wir es nicht mehr!“
seit Jahren
bewegt es mich: das Problem
der Identität
der Wolken
(oder die Schwierigkeit
der vernünftigen Ausbildung
einer solchen)
die Wolken
(scheint es nicht zu bewegen)
bewegen sich zwar nach dem Wind
doch nicht so sehr
nach der wechselnden Mode ihrer Betrachtung
vorübergehend
wesentlich aufgelöst und gebildet
scheinen sie nur – wie Worte: Fassungen
Versionen zu sein
(Formsache:
reine Erscheinung Wendung Bewegung)
„Identität der Wolken“: Sie haben keine. Oder das identische ist, dass sie einander nicht identisch sind. Sie sind klassifizierbar. „Wir verlassen das Identische um es darzustellen“ heißt es bei Novalis. Die Wolken verlassen sich auch. Sie zerstieben, sie verregnen, sie zerlaufen.
„die Schwierigkeit einer vernünftigen Ausbildung einer solchen“: Identität nämlich: das klingt, als gäbe es allerhand unvernünftige Ausbildungen, die auszubilden keine Schwierigkeit ist.
„was wir sind, schon sind wir es nicht mehr“: will heißen, dass wir es nicht lange sind. Nicht lange genug, um es zu begreifen. Um es auszuschlachten. Und es zu klingender Münze zu verarbeiten. Wir sind‘s nur so lange, bis wir es begriffen haben. Wir sind es, indem wir es nicht sind. Die Wolken sind das Vorbild dieser Identität die keine ist.
„seit Jahren bewegt es mich: das Problem der Identität“: In der Bewegung ist keine Identität, denn wir verlassen das identische, wenn wir uns bewegen. Genaugenommen passen die starre Identität und die Bewegung nicht zusammen. Das hat einen komischen Anklang. Es ist wie mit den Spiegeln, wir treten aus uns heraus, um uns zu betrachten. Um uns in einer Weise zu betrachten, als seien wir nicht aus uns herausgetreten, sondern noch vollständig. Entzweit betrachten wir uns als seien wir mit uns identisch. Identisch aber ist lediglich das Abbild.
Identität hat einen Hang zur Vollständigkeit. Wir sind mit uns identisch, wenn uns nichts fehlt. Das Fehlen ist ein Mangel und der Mangel ist die Bedrohung der Identität. Dabei ist es vielleicht umgekehrt. Die Verdoppelung ist die Bedrohung des mit sich identischen, denn erst darin, in der Spiegelung und in der Reflexion ist die Identität gefährdet. Aber vielleicht ist es auch erst die Gefährdung, die die Identität sicherstellt. Die Unsicherheit, die eine Garantie zur Sicherheit gibt.
Wir bilden vernünftige Identitäten aus. Die Ausbildung einer unvernünftigen Identität: das wär‘s!
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BLACK BOX
„der Schnee ist weiß”:
ist wahr dann und nur dann
wenn der Schnee weiß ist
wir beobachten
was beobachtbar ist
echt objektiv
die schwarze Kiste zum Beispiel
im Schnee
schwarz auf weiß
im lautlosen Hinterhof
was drin ist
dort vorgeht
und ob überhaupt
sehen wir nicht
es könnte ein Sarg sein
nur noch nicht abgebeizt
anthropophag
oder ein Zauberschrank:
weiße Ratten schwarze Tauben
eine weibliche Leiche
Trickkiste
voller blutrünstiger Schemen
aber das – ist Spekulation
schwarz auf weiß
steht die Kiste im Hinterhofschnee
keiner weiß
wer was loswerden wollte:
ausgedientes Volksgefängnis
überflüssige Melancholien
Persönlichkeitsinventar: Kinder
dürfen nicht damit spieln
bis Mittwoch mit großem Hallo
die Müllmänner kommen
geübt in der Kunst verschwinden-zu-lassen
gut sichtbar orange
wenig neugierig
sehr effektiv
Ich will es nicht interpretieren, nichts dazu sagen, nichts zu der Farbgebung, nichts zu der Idee, die Melancholie in einer Kiste verschwinden zu lassen, auch hier ist die Kunst der Differenz höher zu bewerten als die der Identität – Schnee ist dann weiß, wenn er weiß ist -, weil die Identität ohne Aussage ist. Keiner kommt auf die Idee die Kiste aufzumachen, obwohl die Nachbarn in Städten, und in Dörfern auch, vor allem eins sind: neugierig. Die Müllmänner wollen nicht, die Kinder dürfen nicht. Zu all dem sage ich nichts.
Ich sage lediglich, dass ich die zentrale Aussage des Gedichts in der Zeile finde: „eine weibliche Leiche“. Ich könnte mir da auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann fragte man sich sogleich, wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste man sie im Keller einbetonieren. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht. Man sieht sie durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit.
Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.
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Der Autor Günther Schulz geht, so hat er das in seiner Vorrede bezeichnet, einen Weg in die Sprache. Er nimmt sich, wie viele Dichter, irgendwann das Werkzeug vor, mit dem er die Dinge bearbeitet. Die Sprache. Die großen Dichter sind die, die den Weg in die Sprache gesucht, und den Weg wieder zurückgefunden haben. Oder kann man nicht zurückfinden? Und die großen sind die, die dort verschollen sind?
Das Werkzeug des Schriftstellers sind nicht Hammer noch Meißel. Anders als beim Gewehr, wo man die Objekte totschießt, schießt man mit der Sprache die Objekte lebendig. Das ist die Jagd nach Bedeutung. Schreiben nannte der Autor in einem Interview mit sich selbst einmal „eine spitzfindige Art, sich hinterrücks für ein vereiteltes Lebensglück zu entschädigen, d. h. Kapitulation vor dem Gegebenen und Flucht ins Belletristische zu erlesenerem Genuß – oder aktive Weigerung, sich mit dem, was ist, glücklich abzufinden“.
In einem Roman Eginald Schlattners, dem Maler siebenbürgischer Panoramen, in „Das Klavier im Nebel“ ist das wohl bekannteste Gedicht Günther Schulz‘ abgedruckt, „Nachruf einem 26-jährigen Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen hinter dem Wald“ Er war Mitarbeiter der „Neuen Literatur“, jener, unter deutschsprachigen Rumänen bekannten deutschsprachigen Literaturzeitschrift der, wie sie damals hieß, Sozialistischen Republik Rumänien.
In der neusten Ausgabe der „Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ (Heft 1, 2011, München) von Peter Motzan und Stefan Sienerth sind neue Gedichte von Günther Schulz zu lesen, unter anderen die beiden mit denen ich diesen Artikel beschließe. Was ich eingangs gesagt, vor allem zitiert habe, gilt für die beiden letzten Gedichte wohl nur noch eingeschränkt. Sie stammen aus neuerer Produktion. Aber ganz vergessen kann man Unterdrückung und Destruktion wohl nie.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.