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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Juli, 2011

    29 Juli 2011

    Romananfänge

    Romananfänge könnten wunderbar sein: schöne, große Sätze, die den Leser mit ihrer Magie für die folgenden tausend Seiten in den Bann ziehen. Dummerweise haben Romananfänge einen konstruktiven Nachteil: sie stehen ganz vorne im Text! Sie werfen den Leser, bevor er auch nur die allerkleinste Möglichkeit hat sich auf den Text einzulassen, sofort wieder hinaus.

    Dieses Problem fand ich vorgestern ganz wunderbar beschrieben in einer Glosse der Süddeutschen Zeitung. Ich hab’s im Netz gesucht, aber nicht gefunden. Also werde ich es mal abtippen. Das ist Journalismus, wie ich ihn mir vorstelle.

    „Wir können froh sein, dass wir keine Romane schreiben müssen. Leute, die Romane schreiben müssen, begeben sich auf ein Feld, wo die Götter der Peinlichkeit mit den Sirenen des Kitsches ringen, besonders, wenn die Aufgabe lautet, einen Roman zu verfassen, in welchem sogenannte innere Vorgänge beschrieben werden sollen. Innere Vorgänge sind schon bei Menschen, die keine Romane schreiben müssen, unerträgliche Veranstaltungen, besonders, wenn diese Menschen einem lang und ausführlich davon erzählen. Menschen allerdings, die Romane schreiben, stehen noch einer weiteren Herausforderung gegenüber: Sie müssen ihren Roman mit einem ersten Satz beginnen lassen. Und wenn der nicht sitzt, dann rutscht alles weg.

    Ein Schriftsteller, der berühmt geworden ist für seine ersten Sätze, war Edward George Bulwer-Lytton. Sein Roman „Paul Clifford“ beginnt mit den Worten „It was a dark and stormy night.” Viele haben gelacht über diesen Anfang, weil er angeblich unfreiwillig komisch sein. Aber wenn man sich jetzt bitte mal ein bisschen zusammennimmt und aus dem künstlichen Lachkrampf windet, muss man schon fragen: Was ist so schlecht daran zu schreiben, es war eine dunkle und stürmische Nacht, wenn es sich um eine dunkle und stürmische Nacht gehandelt hat? Trotzdem wurde Bulwer-Lytton das Stigma des Romananfang-Dilettanten nicht los; folgerichtig wurde nach ihm ein Preis benannt, der Autoren für den schlechtesten Romaneinstieg auszeichnet. Dieses Jahr ist es die Professorin Sue Fondrie. Ihr erster Satz geht so: „Cheryls Gemüt drehte sich wie die Flügel einer windbetriebenen Turbine, die ihre Gedanken wie Spatzen in blutige Stücke zerfetzten, die auf einen wachsenden Haufen vergessener Erinnerungen fielen.“ Ist das denn wirklich so schlecht? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man immer weiterlesen möchte, bis der Haufen vergessener Erinnerungen in schwindelnde Höhen wächst und irgendwann in einer dunklen und stürmischen Nacht umgefegt wird?

    Ach, könnte man alle ersten Sätze der Bulwer-Lytton-Preisträger aneinanderreihen – es käme der schönste Roman der Weltliteratur heraus. Cheryls sich drehendes Gemüt musste aber irgendwann vom unerschütterlichen Gerald zum Halten gebracht werden. Gerald ist der Held des Romans von Jim Gleeson, dem Bulwer-Lytton-Preisträger von 2007. Und so geht es los: „Gerald begann – aber er wurde unterbrochen von einem schmerzhaften Pfeifen, das ihn dauerhaft zehn Prozent seines Hörvermögens kostete, so wie jeden anderen innerhalb eines Zehn-Meilen-Radius der Eruption, nicht dass es viel bedeutet hätte, denn ‚dauerhaft‘ meinte: die nächsten zehn Minuten oder so bis er von fließender Lava begraben oder von dampfender Asche erstickt wurde – zu pinkeln.“

    Falls Sie etwas kommentieren wollen, geben Sie bitte bei dem Captcha beide Worte ein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Juli 2011

    ZAZ – Je veux

    Das Video habe ich gefunden. Das wollte ich auch haben. Also habe ich es mir genommen. So ist das im Internetzeitalter. Da nimmt man sich, was man haben will. Das hat unbestreitbar seine Vorteile: solange man selbst nehmen kann. Anders, ganz anders, sieht die Sache natürlich aus, wenn es einem genommen wird.

    Bitte bei Kommentaren beide Worte eingeben. Ich bekomme das gerade nicht anders hin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juli 2011

    Anpassung, Teil II

    Noch einmal die Frage nach der Anpassung. Dieses Mal ist es schon schwieriger, weil nicht deutlich ist, ob es überhaupt eine Frage der Anpassung ist. Ich hatte ein Gespräch mit meinem Lektor, ein wichtiges und gutes Gespräch. Die meisten Dinge, vor allem formale Fragen, sind ganz unstrittig. Es gibt allerdings auch Differenzen. Die kann man sicher damit erklären, dass wir anderen Geschlechts und anderen Alters sind, dass ich den Text produziert und er ihn lektoriert hat. Er streicht gerne Sätze, ich würde sie lieber umformulieren. Ich mag es gerne etwas verspielter, er ist da ernster.

    Es sind viele Geschmacksfragen dabei. Allerdings ist das bei der Literatur so: da kann man lange mit Argumenten kommen, es urteilt nicht der Verstand, sondern der Geschmack. Und das ist es auch, was der Leser als erstes an den Text anlegt: seinen Geschmack. Denn er liest ihn nur einmal und beim ersten Mal hat man, um einen  Text zu begreifen in der Regel nichts als seinen Geschmack: Weil das erste Begreifen ein Genießen ist!

    Der Lektor möchte gerne zwei, drei Kapitel streichen, er möchte einen für mich wesentlichen Erzählfaden ausdünnen. Er hätte das Ganze gerne etwas runder. Ich hingegen mag das eckige und halte es für eine wesentliche Qualität meines Schreibens. Auf der Ebene wo der Text inzwischen angekommen ist, geht es um viele Fragen: die nach seiner Qualität, die nach seiner Stimmigkeit, die nach dem Erfolg auf dem Markt. Das alles ist gar nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Der unveröffentlichte Text verschwimmt auf eine eigenartige Weise zwischen sich selbst auf der einen und der möglichen Rezeption auf der anderen Seite.

    Diese Rezeption beginnt mit dem Lektor. Es ist sehr schwierig für mich, die Seite der Produktion zu verlassen und die der Rezeption einzunehmen. Und ich darf es auch nicht tun, weil ich die Änderungen vornehmen muss. Nähme ich eine kontemplative Haltung gegenüber meinem Text ein, wäre das nicht mehr möglich.

    Was ist das Richtige für den Text? Ist das Thema Blindheit, was am Anfang meines Interesses stand und was für mich überaus wichtig war und ist und da für mein Empfinden den gesamten Text strukturiert; ist das auf der Ebene, auf der der Text inzwischen angekommen ist, noch immer zentral? Verliert der Text, weil er von den anderen, sehr poetischen Kapiteln wiederholt zu dem Blinden und seinem berichtenden Stil zurückkehrt? Oder ist diese wiederholte Rückkehr in einem unruhigen Text, ein beruhigendes Moment? Ist die Verwirklichung meines eigenen Stils immer leserfreundlich? Muss ich das immer und notwendig sein? Muss ich, um es zu sein, unter meinen Möglichkeiten bleiben?

    Ich habe ein Kapitel, das den Überfluss in Deutschland beschreibt. Der Lektor sagt, es sei ausgezeichnet geschrieben. Aber überflüssig. Natürlich ist es das! Ein Kapitel über den Überfluss wäre, wäre es nicht überflüssig, überflüssig. Aber reicht das, um seinen Verbleib im Roman zu rechtfertigen? Wir haben uns darauf geeinigt, dass es reicht und behalten es drin. In einem anderen Kapitel, so der Lektor, bliebe ich unter meinen Möglichkeiten. Also löschen wir es. Aus geometrischen Gründen, was immer das bedeutet, würde ich daraus folgend, noch ein anderes Kapitel löschen wollen. Aber ist Geometrie wichtig?

    Es sind viele Fragen. Fragen, die keiner beantworten kann. Aber ich werde sie beantworten müssen. Ich muss handeln. Das muss vor dem Sommerurlaub vom Tisch sein. Es muss noch einmal an den Lektor, dann an die Setzerin und danach haben Lektor und Autorin noch einmal zwei Wochen Zeit, um die Fahnen zu lesen und letzte Korrekturen anzubringen.

    Ich selbst, mein Text, der Lektor, der, ganz ohne jede Frage dem Text gut tut (das habe ich ihm gesagt und ich habe mich dafür bedankt. Es gibt Dinge, die sind mit Geld nicht zu klären, da bleibt nur der Dank), der Leser, der Rezensent, der mögliche Erfolg auf dem Markt, das Buch als Debüt einer Autorin, die noch sehr viel vorhat, und die Angst unterzugehen, aus Zufall oder weil man sich für das eine oder gegen das andere Kapitel entschieden hat und der Gesamteindruck dann eben nicht genau der ist, den andere erwarten: das alles verschwimmt auf eine eigenartige Weise miteinander.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Juli 2011

    Anpassung, Teil I

    Ein Internetprojekt hat mich gebeten, eine Handvoll Bücher zu empfehlen. Das habe ich getan. Postwendend antworte man , dass ich mich an die Struktur halten solle. Dazu gehöre, dass ich die Bücher in eigenen Worten empfehle. Ich finde aber, dass die Autoren sich sehr viel besser selbst empfehlen können. Also habe auf die Teilnahme verzichtet. Vielmehr habe ich auf die Anpassung verzichtet. Von der Teilnahme bin ich ausgeschlossen worden. Es war für mich wichtiger, meinen eigenen Vorstellungen zu entsprechen. Meine Vorschläge hätten nicht allein von der Form der Präsentation nicht zu dem Projekt gepasst. Da ich nun einmal Zeit darauf verwandt habe, kommen die fünf für mich wichtigen Bücher jetzt hierher. Zwei Deutsche, ein Engländer, ein Amerikaner, ein Rumäne. Fünf Männer, keine Frau.

    - Ottfried Preußler, Krabat: „Er schien einen Augenblick nachzudenken, dann lehnte er sich im Sessel zurück und sagte: ‚Nun gut – ich gewähre dir eine Frist von acht Tagen. In dieser Zeit, dafür sorge ich, wirst du Gelegenheit haben zu lernen, wie es sich lebt, wenn man nicht mehr zaubern kann. Alles und jedes was du im Lauf der Jahre bei mir gelernt hast – von dieser Sekunde an soll es aus und vergessen sein! Heute in einer Woche, am Vorabend des Silvestertages, werde ich dich ein letztes Mal frage, ob du mein Nachfolger werden magst: Dann wird sich ja herausstellen, ob du auf deiner Antwort beharren willst.‘“

    - Lewis Carroll, Alice im Wunderland: „‚Ich bin ganz deiner Meinung’, sagte die Herzogin; ‚und die Moral davon ist: ‚Scheine, was du bist, und sei, was du scheinst’ – oder einfacher ausgedrückt: ‚Sei niemals ununterschieden von dem, als was du jenem in dem, was du wärst oder hättest sein können, dadurch erscheinen könntest, dass du unterschieden von dem wärst, was jenen so erscheinen könnte, als seiest du anders!’“

    - M. Blecher, Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit: „‘Ich gehe ins Kabinett, ein Pulver einnehmen, ich habe Kopfschmerzen, ich bitte dich, folge mir nicht.‘ Ich versprach es unter Schwüren und folgte ihr nach einer Sekunde. Im Kabinett begann ein regelrechter Kampf, in dem, völlig klar, Claras Kräfte dazu neigten nachzugeben. Dann, als wäre sie über etwas gestolpert, fiel sie mit einmal auf das Kanapee. Sie legte die Hände unter den Kopf und schloß die Augen, als würde sie schlafen. Es war unmöglich, die Lage ihres Körpers um einen Zentimeter zu verändern; so wie sie da halb auf der Seite lag, musste ich ihr den Rock unter den Waden wegreißen und mich an sie schmiegen. Clara übte keinerlei Widerstand gegen meine Handgriffe, aber sie bot mir auch kein Entgegenkommen. Sie war unbeweglich und gleichgültig wie ein Stück Holz, und allein ihre intime und geheime Wärme zeigte mir an, daß sie aufmerksam war und wusste.“

    - David Foster Wallace, Unendlicher Spaß: „DeLints Lachen klang für Steeplys feines Gehör wie das Lachen eines älteren, weit weniger fitten Mannes, wie das mukoide, die Faust auf die Brust schlagende Lachen eines alten Mannes im Liegestuhl im Kiesgarten in Scottsdale, Arizona, mit über den Schoß gebreiteter Decke, der seinen Sohn sagen hört, seine Frau behaupte, ihn nicht mehr zu kennen.“

    - Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts: „Man sieht, der Bogen ist weit gespannt: ein hoher Soldat, geschmückt mit den Orden seines plemperrasselnden Heldentums, den Sternen seines Ranges, den Streifen seiner Hose; der Verehrung seines Volkes gewiß, irgendwo auf einer märchenhaften Insel im Mittelmeer, der langweilt sich mit seiner abgegriffenen Generalin und läßt einen hübschen Küchendragoner zum hygienischen Nachexerzieren mehrmals täglich antreten – und nach dreißig Jahren sitzt irgendwo in einem Hinterzimmer der wenig märchenhaften Stadt Amsterdam ein Mann mit dem Namen Vigoleis, ohne Sterne, ohne Rang, an den Hosen nur die Spiegelstreifen seines stubenhockerischen Lebenswandels, Held nur in den Seiten seines eigenen Buches, und ein trauriger obendrein – er sitzt und schreibt sich noch das Ochsenfieber an den Leib.“

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    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Juli 2011

    Palatul Baroc din Timişoara

    Timişoara ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Banat und die zweitgrößte Stadt Rumäniens. Im Barockpalast ist das Kunstmuseum der Stadt zu finden, das Muzeul de Artă Timişoara. Das Video zeigt die beste Lichtinstallation, die ich jemals gesehen habe. Ich finde, es steigert sich immer weiter. Das muss man laut hören und über den ganzen Bildschirm ansehen.

    Nachtrag I: Wie ich gerade in einem sehr langen und witzigen Gespräch mit Lavinia erkannt habe, zeigt das Video etwas ganz anderes als dieses Museum. Also alles wieder zurück: das Video ist hervorragend, aber es ist wahrscheinlich in Ungarn, denn das Museum in Timişoara hat weniger Etagen. Alles sehr mysteriös!

    PAINT UP! 2011 OFF CONTEST SHOW from Bordos.ArtWorks/ Bordos L. Zsolt on Vimeo.

    Nachtrag II: Die Angelegenheit hat sich aufgeklärt. Ein uns nicht bekannter Bukarester Blogger hatte dieses Video verlinkt und behauptet, das sei in Timişoara, der Palatul Baroc. Das haben dann andere gedankenlos abgeschrieben, einschließlich mir. Da war man so stolz, was die Rumänen für großartige Lichtinstallationen hinbekommen, dass keiner in den Abspann geschaut hat, wo deutlich steht, dass es ein Gebäude in Budapest ist. Nun haben Rumänen und Ungarn ein eher schwieriges Verhältnis zueinander, was sich vor allem an Siebenbürgen entzündet: beide Länder erheben einen Anspruch auf dieses Gebiet. Jedenfalls endetet mein Gespräch mit Lavinia im Gelächter als sie sagte: Die Ungarn sollen sich mal nichts einbilden, Licht an- und ausschalten kann man auch woanders. Das ist ja auch egal, wer es gemacht hat: es ist einfach beeindruckend. Ich werde nicht die Überschrift des Artikels ändern. Das ist jetzt wie auf dem Bild, unter dem die Worte zu lesen sind: Das ist eine Banane. Dieses Bild zeigt einen Apfel.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    22 Juli 2011

    Rezepte zum Blaumachen

    Ich mag durchaus längere Artikel, ich schreibe die mitunter ja selbst. Auch wenn sie im Netz nicht gut ankommen. Man liest nicht gerne so lange Sachen am Bildschirm. Ich verweise in der Regel nicht auf andere Blogs. Was ich lese, kann man meiner Blogroll entnehmen. Heute mache ich eine Ausnahme und weise auf einen Artikel von Iris Nebel hin: Rezepte zum Blaumachen. Dort finde ich wiederholt Artikel, die einen umfassenden Wissenshorizont zeigen und einen geradezu enzyklopädischen Anspruch haben. So auch mit diesem Artikel über die Farbe Blau. Lapislazuli, Indigo oder Azur, Steine und Stoffe, die sich hoher Wertschätzung und Beliebtheit erfreuen.

    Das Blaue am Ischtartor in Babylon oder in Buchara an der Seidenstraße oder in Marokko: „Chefchaouen, Nordmarokko 2009, Vibragiel Chefchaouen / Chefchaouen oder (Arabisch : شفشاون / الشاون, Spanisch :. Chefchaouen, = „Hörner„;  Shawen – nichtoffizielle Kurzform, aus der die spanische Form Xauen entstand, heute auch Chauen, aus der französischen Form Chaouen gebildet) ist eine Stadt im Nordwesten von Marokko, die 1471 in den Ausläufern des Rif-Gebirges, in der Nähe von Tétouan gegründet wurde. Es ist die Hauptstadt der Provinz gleichen Namens und berühmt für seine blauen Gebäude. … Über Jahrhunderte hinweg galt Chefchaouen als heilige Stadt, die Ausländern unter Androhung der Todesstrafe versperrt war (bis 1920), was wiederum dazu beitrug, dass ihre mittelalterliche Architektur erhalten blieb“.

    Mit Blau verbinden wir den Himmel und das Meer, das Gefühl der Tiefe und wenn die Seele eine Farbe hätte, dann wäre sie sicher blau. Blau soll gegen den bösen Blick schützen. Fliegen mögen kein Blau und meiden Häuser, die so angestrichen und gekalkt sind. Das kennte ich auch. Die guten Geister hingegen zieht es an. Da mag sehr rückständig aussehen, alte Mythologie aus dem Orient und auch dem Balkan. Aber tatsächlich findet sich auch in hoch zivilisierten Ländern – ich sage das mit einem kleinen Lächeln, nicht abschätzig und nicht ironisch – eben auch: Jungen zieht eher blaue Sachen an, Mädchen eher rote oder verwässerte rote: rosafarbene. Nun ist es ja nicht so, dass Blau natürlicherweise maskulin ist, rot feminin. Das hat etwas mit der Wertschätzung zu tun. Die Farbe war wertvoller und blaue Farbpigmente teurer als rote. Junge waren wertvoller als Mädchen, weil sie die Sippe und Familie erhalten konnten, Mädchen hingegen, waren nur das Gefäß, in dem der männliche Same seiner Vollendung im Leben des Säuglings entgegen sieht.

    „Bevor es blau erscheint, ist die ungebrannte Farbe erst einmal rot.“ Ich weiß nicht wie das Wort auf Deutsch heißt. Es gibt ein Mittel, das man in die Wäsche gibt, ein tiefes dunkles blaues Pulver, mit dem färbt man weiße Wäsche. Vielmehr gibt man den vergilbten und ausgewaschenen weißen Sachen ihren ursprünglichen Farbton zurück, indem man die komplementäre Farbe verstärkt: indem man sie blau färbt, macht man sie weiß. Genau verstehe ich den Effekt nicht.

    Und das verstehe ich auch noch nicht: Wenn Sie kommentieren wollen, denken Sie bitte daran, dass sie beide Wörter eingeben müssen. Auch wenn das Captcha etwas anderes behauptet.





    17 Juli 2011

    Wie sehr ich mich auch anstrenge

    Ich habe eine anstrengende Zeit hinter mir. Monate, in denen ich manchmal so erschöpft war, dass ich nicht ein noch aus wusste. Ich habe eine Grenze nicht, die ich als natürlich und als gesund empfinde. Wo ich, ähnlich wie beim Hunger, wenn ich satt bin aufhöre Appetit zu verspüren. Ich empfinde diese Grenze bei der Erschöpfung nicht. Ich bin kaputt und kaputter. Aber ich höre nicht auf, mich weiter kaputt zu machen. In den vergangenen Wochen war ich bei zwei Ärzten. Der Internistin sagte ich, ich könnte mich nicht erholen, wie sehr ich mich auch anstrenge. Die antwortete mir, dass man den Zustand der Erholung auch nicht durch Anstrengung erreiche, sondern indem man aufhört, sich anzustrengen. Neben ihren eigenen Untersuchungen schickte sie mich zu einem Neurologen. Dem habe ich meine Situation recht ausführlich geschildert und er sagte anschließend, ich rede „wie aus dem Lehrbuch“. Bedauerlicherweise ist es das Lehrbuch für Psychosomatik.

    Ich werde Entspannungstechnicken erlenen müssen, sonst sagte die Ärztin, sagten beide Ärzte, würde ich ernstlich krank werden können. Ich mache also ab sofort Yoga. Und ich schaue mir schöne Bilder an. Wie gestern. Und heute auch. Und morgen. Vielleicht. Allzu viel Entspannung kann ja auch zermürbend sein.

    Hier habe ich es gefunden.

    Noch immer ist der Technik Murks nicht behoben: Bitte geben Sie, wenn Sie kommentieren möchten, beide Worte ein!





    16 Juli 2011

    Kissenschlacht

    Leider habe ich keine Geschwister. Das ist bestimmt nicht immer alles friedlich, wenn mehrere Personen sich um die Zuneigung der Eltern bemühen. Aber es gibt sicher sehr schöne Momente.  So eine familiäre Kissenschlacht beispielsweise, die  stelle ich mir ganz entzückend vor.

    Die Bilder von Spencer Tunick zeigen in der Regel Ansammlungen von Nackten. Sie sind manchmal nah am Kitsch. Dennoch empfinde seine Bilder als sehr lebendig und organisch. Manche haben etwas von einem Gewebe. Die Menschen sind wie in die Landschaft hineingewachsen. Hier kann man das sehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben





    10 Juli 2011

    Rezensierte Gedichte und andere: „wesentlich aufgelöst und gebildet“

    Ich hatte Anfang des Jahres angekündigt, dass ich mich vermehrt um Lyrik, vor allem aber um Literatur aus Rumänien bemühen werde. Das hat gedauert, in diesem Jahr dauert alles etwas länger, dafür geht die Zeit schneller vorbei. So kommt‘s wieder ins Lot.

    Dass ich mir ein nahezu unauffindbares Druckwerk, „Rezensierte Gedichte“ von Günther Schulz vornehme, hat auch biografische Gründe. Schulz kommt aus Siebenbürgen, aus derselben Ecke wie ich auch. Er hat diese Ecke verlassen und ist ins runde Berlin übergesiedelt, wie ich auch. Er beschäftigt sich mit Identität, wie ich auch. Es sind sowohl lebensgeschichtliche als auch literaturwissenschaftliche Interessen, die nach persönlicher, kultureller Identität als auch nach der eines Sprachkunstwerks fragen.

    Günther Schulz hat Theologie und in diesem Rahmen auch Philosophie studiert. Vielleicht, oder sogar gewiss nicht, weil er werden wollte, was er dann vorübergehend wurde, Pfarrvikar nämlich, sondern weil man in Rumänien, und daher kommt er, an dieser Fakultät fast unbehelligt, und, was in repressiven Systemen weit wichtiger ist, fast unbeschattet bleibt und man dort noch unter natürlichem Lichteinfall studieren und sich bilden kann: lumen naturale, lumen supranaturale.

    Der Sammlung Gedichte ist sozusagen ein Vorwort mitgegeben, Lektürehinsicht nannte man das einmal, ein mehrseitiger essayistischer Text, der dem Band den Namen gibt, indem er die Gedichte rezensierte nennt. Und der in der Überschrift bereits anklingen lässt, worum es dann auch sich dreht: Re-Zensur. Was sie aber streng genommen nicht sind. Er, Günther Schulz, greift vor – oder nach -, indem er, was andere womöglich übersehen, wenn sie die Exponate „nur“ ästhetisch genießen wollen, da sie den Zusammenhang nicht verstehen, in dem sie entstanden sind und auf den sie reagieren. Sie sind 1968 / 69 in Rumänien geschrieben. Ein Jahr später ist Günther Schulz in die Bundesrepublik ausgewandert. Von Wandern kann allerdings nicht die Rede sein: er ist geflogen. Er hat von seinem Land und seinen bekanntesten Vertretern, von Herrn Ceauşescu und der Securitate, einen Tritt in den Hintern bekommen. Und eine Spritze in den Arm. Auch wenn die Flüssigkeit in der Spritze wohl keinen Wirkstoff – oder „contre la variole“ ein Antipocken-Wirkstoff – enthalten hat, die Wirkung, dass man vor Angst stirbt, die hatte es dennoch. Angst, die bei manchen, die ähnlich behandelt wurden, lebenslang nicht abgebaut werden konnte. 1971 erschien dieser Band Gedichte in einer vom LCB herausgegebenen Edition.

    Der Autor geht in seinem Vorwort, in seiner dem eigenen Werk, den Produktionsbedingungen und dem Produkt nachstellenden, einer Rezeption vorauslaufenden Rezension, auf den möglichen Einwand des Lesers ein, einer anscheinend fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit in Rumänien, dem Regime. Er weist auf zwei Bedingungen hin, unter denen diese Gedichte entstanden sind. Da ist einmal „Zwang und Zensur“, er nennt es „eine ideologische Uniformierungskampagne, die dem Denken keine Wahl, der Meinung keine Abweichung, dem Zweifel kein Recht, dem Widerspruch kein Pardon, dem Erkenntnisprozeß weder Spielraum noch Bedenkzeit einräumte“. Eine Situation, die „der Literatur ein Engagement abnötigten, das sich aufs Ausschmücken der vorgegebenen Thesen beschränkte, entfremdeten […] den Schriftsteller seiner Arbeit.“

    Zweitens weist er darauf hin, dass diese Gedichte in Rumänien in seiner Muttersprache, also auf Deutsch entstanden sind, geschrieben von einem rumänischen Staatsbürger. Als Angehöriger einer Minderheit liegt die Bandbreite der eigenen Reaktionen zwischen Integration und Emigration. Nach dem Endes des Krieges und unter den Bedingungen der stalinistischen, später nationalkommunistischen Diktatur erschien Deutschland, also Westdeutschland, als Projektionsfläche aller materiellen und politischen Utopien: „In dieser Brechung erschien die Existenz in Rumänien unfrei und schlecht und West-Deutschland als materielle, nationale, politische und zivilisatorisch-kulturelle Utopie.“

    „Der aufs Indirekte, Verschlagene, Angedeutete eingespielten Apperzeption  bedeutete zum Beispiel auch noch das ausweichende, realitätsflüchtige von was anderen als von den sozialen, politischen Realitäten Sprechen Auseinandersetzung damit, oder zumindest, im indirekten Verständnis, negative Reaktion auf die jahrelang abverlangte dekorative Bejahung.“

    Anschrift

    diese furcht- und flucht-
    zerissenen zungen
    tabakgebeizt
    speichelbefleckt
    mit allerhand wasser
    verflucht zerbissen besungen
    erschreckt

    nach vater- und
    land befragt
    nach omen und nomen
    alles in allem:
    nie eine sache
    immer nur sätze ein band
    immer nur fallen und ratten
    der weißhaarigen mutter-
    sprache aus dem schwarz-
    haarigen schatten
    gefall’n

    aus gebot und verboten
    erinnern und ahnen
    aus anderen worten gelernt
    verdichtet versiegelt gebucht
    die anschrift
    im gordischen knoten
    von stürzenden spiegeln
    allen wandernden orten
    entfernt und an allen
    gesucht

    Hier lässt sich am leichtesten erahnen, was es heißt in einer Diktatur zu leben. Und das als Schriftsteller, dessen Tun ein Schreiben, dessen Schreiben ein Denken und dessen Denken ein Durchdringen sein sollte: der muss sich die Zunge abbeißen „diese furcht- und fluch-zerissenen zungen … verflucht zerbissen besungen“.

    Vaterland und Muttersprache: das ist in der Regel kein Widerspruch, da man im Vaterland die Muttersprache spricht. Die übliche familiäre Geborgenheit eben. Es wird dann jedoch eine besondere Situation, wenn man mit seiner Muttersprache fremd im eigenen Land ist, weil da eine andere Sprache, eine Fremdsprache gesprochen wird. Man ist dort fremd, wo die Heimat ist. Auch dann noch, wenn man, schizo-bilingue, das Rumänische spricht. Man spricht dann eine andere Sprache. Man selbst spricht die Fremdsprache, nicht der andere. Man selbst ist Fremder. (Aber der Andere ist nicht man selbst.) Man ist fremd im Eigenen. Eine andere Sprache sprechen heißt nicht, andere Vokabeln für dasselbe zu nutzen, sondern: sich nicht verständlich machen zu können. Wer das nicht kann, der ist ausgegrenzt. Ausgegliedert. Rumänien: Das ist die eigene Gegend, das eigene Land, die eigenen Straßen und die eigenen Götter, die in den eigenen Gebirgen hausen. Man ist mittendrin. Und genau deswegen sitzt man in der Falle. Man ist Ratte.

    Die wandernden Orte: wenn der Ort nicht mehr ist, wo er sein sollte. Und das ist bei den Siebenbürger Sachsen so, sie haben die Kontrolle über ihren Ort, ihr Land, dieses Siebenbürgen, lange verloren. Auch deswegen haben so viele dieses Heimatland verlassen, als es möglich war: weil das eigene fremd geworden ist. Und das zieht einen weiteren Schritt nach sich: wenn das fremde anfängt das eigene zu werden. Normalerweise ändert man seinen Aufenthaltsort. Man selbst ändert sich nicht, indem man den Ort wechselt und die beiden Orte, der alte und der neue, verändern sich ebenfalls nicht: Es bleibt alles so wie es ist. In dem vorliegenden Fall ist das anders. Wenn der Ort sich bewegt, ist eine Anschrift natürlich sinnlos. Man ist, wo immer man ist, unerreichbar.

    Schöne Beobachtung: Welche Haarfarbe man hat, im Schatten, im Schattendasein, im beschatteten Dasein, verliert man sie, diese eine der wenigen Möglichkeiten zur Individuation. Der Schatten betreibt seine Gleichmacherei: dort hat man immer schwarzes Haar. Selbst das weit entfernte Gegenteil, das weißhaarige, wird zu schwarz. Im Schatten wird man immer angeschwärzt.

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    Negatives Gedicht auf den Heimgang

    von unserem langen gewürme-geschwärme
    von unserer erbärmlich belämmerten herde
    von uns keine spur

    wir sind ja nur:
    gevögel gedärme getier

    wir haben nur erde gefressen
    wir haben traumlos vergessen
    wir affen wir raben wir schlangen

    wir sind im wasser gegangen
    oder im wind sind wir sind
    alles verschollen verlassen verfangen
    alle vergessen gegangen

    wir papageien wir echsen wir bären
    wir aalen olmen menscheln chimären
    o daß wir doch seien und wären
    nicht sind:

    fische im see
    wölfe im schnee
    vögel im regen und
    würmer im wind

    aber wir haben alles vergessen
    wir haben unsere spuren gefressen
    wir flo wir schwa
    wir schwie wir sa
    wir sind verloren gega
    wir sind verlo
    wi si

    Negatives Gedicht: Unter dem Staats- und Kulturpolitischen Gebot und Zwang zur Positivität ist ein Negatives Gedicht eine direkte Provokation. Vermutlich entstanden in Auseinandersetzung mit der aufdringlichen Figur des sozialistischen „Bestarbeiters“, russisch Stachanowist, rumänisch „fruntasch in productie“. Das waren in den sozialistischen Planwirtschaftsbetrieben „ Helden der Arbeit“ mit dem roten Wimpel am Arbeitsplatz, die vorgesetzten Vorbilder, die Beispiele des Positiven.

    Wir sind die Herde. Wir sind die Tiere. Und doch sind wir es nicht: Von uns keine Spur. Indem wir vergessen, fressen wir unsere eigenen Spuren. Unsere Hinterlassenschaften. So endet es oder wir enden so: wir können nicht einmal mehr die Worte erinnern, derer wir bedürfen, um das Elementarste herauszufinden und zu beschreiben: wer wir sind. Auch wenn wir wissen wer wir sind – das was wir nicht sind: „daß wir doch seien und wären“ – es reicht nicht, um uns selbst zu bezeichnen. Wir können nur beklagen, dass wir die Tiere sind. Das wir nicht einmal erinnern, Menschen zu sein. Und am Ende wissen wir nicht einmal mehr das. Und selbst wenn wir es wüssten, uns fehlen die Worte es zu formulieren.

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    Nachruf
    einem 26-jährigen
    Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen
    hinter dem Wald

    laut
    hinter den apfelbaumbergen
    bellen die füchse
    in die sächsische strohfeuernacht

    und in heimlicher mundart
    träumt östlich
    der schnee

    dort ist:
    schon bald vor vier jahr
    mein großer bruder verschieden
    auf einem maisblättersack

    im waldhüttenfrieden
    an deutschen utopien verschieden
    mit seiner rumänischen lieben
    verscholl’n

    und jetzt holt sich endlich im winter
    ländlich
    das weiße vom himmel herunter
    hinter den wäldern
    am rande der welt
    sein transsylvanisches dorf

    (ich hätte vorausschicken soll’n:
    als er noch jünger war
    hat dort mein großer bruder protestiert
    zur zeit der schweine-
    schlacht vielleicht sogar
    gegen die kälte)

    Man fragt sich, warum die letzte Strophe, die auch noch in Parenthese daherkommt, sagt, dass etwas hätte vorausgeschickt werden sollen. Die Strophe steht also an der falschen Stelle. Und vermutlich steht sie da, weil sie an der falschen Stelle richtig ist. Weil es der richtige Ort für die falsche Stelle ist. Manchmal muss man Sachen im Leben tun, von denen man weiß, dass sie falsch sind. Aber man weiß auch, dass es richtig ist sie zu tun. Dass man sie tun muss. Weil es nicht um richtig und falsch geht, sondern um einen Metaebene. Was ist das für eine Ebene in diesem Gedicht? Was hätte vorausgeschickt werden sollen? Wäre es vorausgeschickt worden, wäre die Strophe in dieser Form ja ausgefallen. An der richtigen Stelle wäre sie nämlich falsch gewesen. Diese Information ist eine, die nur unter dem Vorzeichen der Verneinung gültig ist.

    Wenn das, was vorausgeschickt hätte werden sollen, nachgestellt wird – wenn einem nachgestellt wird? – dann hat es an dem anderen Ort auch eine andere Bedeutung. Worte haben ja, je nachdem wo sie stehen, eine andere, eine verschiedene Bedeutung. Aber welche?

    Der ältere Bruder als er noch jünger war: er ist verschieden. Woran verschieden? Oder wovon verschieden? Von dem jüngeren Bruder? Oder von sich selbst als er noch jünger war? Dann hingegen heißt es, er sei verschollen. Verschollen sein, das ist ein alltägliches Schicksal junger Männer im Krieg. Also nicht verschieden. Scholle ist ein Fisch. Scholle ist auch das Stück Erde auf dem man aufgewachsen ist. Schollen sind auch die Eisstücke, die im kalten Wasser treiben. Und kalt ist es in dem Gedicht ja.

    An deutschen Utopien verschieden: Welche das wohl gewesen sein mögen? Vielleicht seine eigenen, vielleicht der Traum von Deutschland? Ein u-topos – kein Ort. Weil unerreichbar? Das alles gibt es nicht: es gibt keine Apfelbaumberge, keine Strohfeuernacht, keinen Maisblättersack, keinen Waldhüttenfrieden. Und gegen das Schlachten von Schweinen zu protestieren, ist sinnlos. Ein sinnloser Protest. So sinnlos wie gegen die Kälte zu protestieren.

    Man holt nur noch das Weiße vom Himmel, nicht mehr das Blaue. Das Blaue wird bekanntlich vom Himmel gelogen, das Vielversprechende Blaue vom Himmel.

    Bei diesem Gedicht wäre wohl eine richtige Analyse vonnöten, die Rhythmus und Reim beachtet, die Metrik, etc. Aber das kann ich hier nicht leisten.

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    KOMM:

    steig ein wenig unwirklicher
    über meine treppe
    ein wenig möglicher
    du kannst ruhig stolpern
    aber bitte mach keinen lärm

    wir spielen dann noch blinde kuh
    fuchs geht herum mundhalten
    kopfzerbrechen
    oder rote handschuh
    wenn es dir passt

    könntest du fliegen
    ich könnte mir vorstelln
    wir würden

    aber was heißt schon beweis
    möglicherweise

    möglicherweise
    weißt du dass ich weiß
    daß du weißt
    möglicherweise
    ist das ein beweis

    Was heißt schon Beweis? Blinde Kuh, Fuchs geht herum, Mundhalten, Kopfzerbrechen, Rote Handschuh. Das sind Kinderspiele. Und doch sind es keine. Die ersten beiden sind es. Die zwei folgenden sind Spiele von Erwachsenen. Was ist das dritte? Was heißt schon Beweis?

    Was heißt schon Beweis? Wofür und wogegen braucht es einen Beweis? Für eine Tat oder ein Vergehen? Möglicherweise ist das auch einerlei, wofür oder wogegen. Es lässt sich alles so oder anders drehen und wenden und was heute für einen spricht, spricht morgen schon gegen einen. Was heißt schon Beweis?

    Was heißt schon Beweis? Der Beweis ist kein zwingender Beweis. Wozu so hart mit den Dingen und den Umständen umgehen? Ein möglicher Beweis ist in manchen politischen Verhältnissen schon ausreichend. Er kann Kopf und Kragen kosten. Aber was will man schon mit seinem Kopf oder seinem Kragen? Was will man mit solchen relativen Werten wie Schuld oder Unschuld die morgen ja etwas ganz anderes bedeuten könne als heute, weil man heute ja noch nicht das Kriterium von morgen kennen kann. Jenes Kriterium, das Gut von Böse scheidet und wahr von falsch. Was heißt schon Beweis?

    Was heißt schon Beweis? Die Möglichkeit, dass es so oder anders ist. Das ist der Beweis. Möglicherweise. Das reicht vollkommen aus. Was heißt schon Beweis?

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    WOLKEN

    fliegen tanzen schwimmen
    Spielarten:
    „was wir sind
    schon sind wir es nicht mehr!“

    seit Jahren
    bewegt es mich: das Problem
    der Identität
    der Wolken

    (oder die Schwierigkeit
    der vernünftigen Ausbildung
    einer solchen)

    die Wolken
    (scheint es nicht zu bewegen)
    bewegen sich zwar nach dem Wind
    doch nicht so sehr
    nach der wechselnden Mode ihrer Betrachtung

    vorübergehend
    wesentlich aufgelöst und gebildet
    scheinen sie nur – wie Worte: Fassungen
    Versionen zu sein

    (Formsache:
    reine Erscheinung Wendung Bewegung)

    „Identität der Wolken“: Sie haben keine. Oder das identische ist, dass sie einander nicht identisch sind. Sie sind klassifizierbar. „Wir verlassen das Identische um es darzustellen“ heißt es bei Novalis. Die Wolken verlassen sich auch. Sie zerstieben, sie verregnen, sie zerlaufen.

    „die Schwierigkeit einer vernünftigen Ausbildung einer solchen“: Identität nämlich: das klingt, als gäbe es allerhand unvernünftige Ausbildungen, die auszubilden keine Schwierigkeit ist.

    „was wir sind, schon sind wir es nicht mehr“: will heißen, dass wir es nicht lange sind. Nicht lange genug, um es zu begreifen. Um es auszuschlachten. Und es zu klingender Münze zu verarbeiten. Wir sind‘s nur so lange, bis wir es begriffen haben. Wir sind es, indem wir es nicht sind. Die Wolken sind das Vorbild dieser Identität die keine ist.

    „seit Jahren bewegt es mich: das Problem der Identität“: In der Bewegung ist keine Identität, denn wir verlassen das identische, wenn wir uns bewegen. Genaugenommen passen die starre Identität und die Bewegung nicht zusammen. Das hat einen komischen Anklang. Es ist wie mit den Spiegeln, wir treten aus uns heraus, um uns zu betrachten. Um uns in einer Weise zu betrachten, als seien wir nicht aus uns herausgetreten, sondern noch vollständig. Entzweit betrachten wir uns als seien wir mit uns identisch. Identisch aber ist lediglich das Abbild.

    Identität hat einen Hang zur Vollständigkeit. Wir sind mit uns identisch, wenn uns nichts fehlt. Das Fehlen ist ein Mangel und der Mangel ist die Bedrohung der Identität. Dabei ist es vielleicht umgekehrt. Die Verdoppelung ist die Bedrohung des mit sich identischen, denn erst darin, in der Spiegelung und in der Reflexion ist die Identität gefährdet. Aber vielleicht ist es auch erst die Gefährdung, die die Identität sicherstellt. Die Unsicherheit, die eine Garantie zur Sicherheit gibt.

    Wir bilden vernünftige Identitäten aus. Die Ausbildung einer unvernünftigen Identität: das wär‘s!

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    BLACK BOX

    „der Schnee ist weiß”:
    ist wahr dann und nur dann
    wenn der Schnee weiß ist

    wir beobachten
    was beobachtbar ist
    echt objektiv

    die schwarze Kiste zum Beispiel
    im Schnee
    schwarz auf weiß
    im lautlosen Hinterhof

    was drin ist
    dort vorgeht
    und ob überhaupt
    sehen wir nicht

    es könnte ein Sarg sein
    nur noch nicht abgebeizt
    anthropophag

    oder ein Zauberschrank:
    weiße Ratten schwarze Tauben
    eine weibliche Leiche

    Trickkiste
    voller blutrünstiger Schemen
    aber das – ist Spekulation

    schwarz auf weiß
    steht die Kiste im Hinterhofschnee
    keiner weiß
    wer was loswerden wollte:

    ausgedientes Volksgefängnis
    überflüssige Melancholien
    Persönlichkeitsinventar: Kinder
    dürfen nicht damit spieln

    bis Mittwoch mit großem Hallo
    die Müllmänner kommen
    geübt in der Kunst verschwinden-zu-lassen
    gut sichtbar orange
    wenig neugierig
    sehr effektiv

    Ich will es nicht interpretieren, nichts dazu sagen, nichts zu der Farbgebung, nichts zu der Idee, die Melancholie in einer Kiste verschwinden zu lassen, auch hier ist die Kunst der Differenz höher zu bewerten als die der Identität – Schnee ist dann weiß, wenn er weiß ist -, weil die Identität ohne Aussage ist. Keiner kommt auf die Idee die Kiste aufzumachen, obwohl die Nachbarn in Städten, und in Dörfern auch, vor allem eins sind: neugierig. Die Müllmänner wollen nicht, die Kinder dürfen nicht. Zu all dem sage ich nichts.

    Ich sage lediglich, dass ich die zentrale Aussage des Gedichts in der Zeile finde: „eine weibliche Leiche“. Ich könnte mir da auch keinen toten Mann vorstellen. Bei einem Mann fragte man sich sogleich, wer ihn umgebracht hat. Und wie? Vor allem: warum stellt man die Leiche in den Hinterhof? Eigentlich müsste man sie im Keller einbetonieren. Bei einer weiblichen Leiche fragt man sich das nicht. Man sieht sie durch den Sargdeckel hindurch auf rotem Samt liegen. Mucksmäuschenstill und mausetot. Die Müllmänner kommen und nehmen sie mit.

    Sie binden den Sarg oben auf dem Dach des Müllautos fest. Das sieht nicht schön aus. So packen sie die Leiche aus und legen sie auf den Rücksitz des Müllautos. Aber dort macht sie die Müllmänner nervös. Tot oder nicht tot, sie lag nackt in dem Sarg und nackt liegt sie nun auf dem Rücksitz. Also halten sie vor einem Supermarkt, kaufen eine Vorratspackung Zellophan, wickeln sie in die transparente Folie ein und stellen sie an den Straßenrand. Gegen Abend kommt ein distinguierter älterer Herr, schaut sie sich genau an und findet sie ganz ungeheuerlich schön. Er nimmt sie mit nach Hause, legt sie in sein Bett und versucht, Liebe mit ihr zu machen. Seine Versuche bleiben erfolglos, was allerdings mehr seinen eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten zuzuschreiben ist als den ihren. Am nächsten Tag, bitter enttäuscht, bringt er sie wieder fort. Er stellt sie an eine Kreuzung wo sie recht zügig einen interessierten Abnehmer findet. Auch diesem zeigt sie die kalte Schulter. Auch er bringt sie wieder fort. Er stellt sie in das Schaufenster eines großen Bekleidungshauses, wo sie einige Zeit dafür sorgt, dass Zellophan die gesamte Frühjahrskollektion bestimmt. Monatelang gibt nur noch transparente Kleidung zu kaufen. Dann bricht jemand in der Nacht ins Kaufhaus ein, er nimmt sie in den Arm. Er liegt ihr zu Füßen. Er betet sie an. Die anrückende Polizei, nimmt den Mann fest. Und die Frau auch. Sie kommt ins Frauengefängnis, die Presse bekommt Wind von der Sache, sie wird wieder freigelassen, das Ganze ist der Gefängnisdirektion peinlich, man will sie loswerden und stellt sie an eine Straßenecke, wo an einem windigen Tag ein paar Kinder vorbeikommen und mit dem Finger auf sie zeigen. Es kommt ein Künstler, der sie anmalt, um die Brüste herum und die Schultern. Es kommt einer, der sie küsst, einer, der Lieder für sie singt, einer der weint, einer lächelt, einer erzählt ihr eine Geschichte, weil er vermutet, dass sie gerne eine hören möchte und dann erzählt er ihr noch eine zweite. Am nächsten Morgen ist sie weg. Es ist nur noch das eine Ende der Folie da. Man nimmt ihre Spur auf, man folgt der Zellophanfolie, an dessen anderem Ende muss sie sein. Man folgt ihr, indem man die Folie aufwickelt, man wickelt immer schneller, es wickeln immer mehr Leute, es entsteht eine Hysterie, alle wickeln mit, alle sind verwickelt, alle wollen sie wiedersehen. Aber es bleibt bei diesem Wunsch. Es war Endlosfolie.

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    Der Autor Günther Schulz geht, so hat er das in seiner Vorrede bezeichnet, einen Weg in die Sprache. Er nimmt sich, wie viele Dichter, irgendwann das Werkzeug vor, mit dem er die Dinge bearbeitet. Die Sprache. Die großen Dichter sind die, die den Weg in die Sprache gesucht, und den Weg wieder zurückgefunden haben. Oder kann man nicht zurückfinden? Und die großen sind die, die dort verschollen sind?

    Das Werkzeug des Schriftstellers sind nicht Hammer noch Meißel. Anders als beim Gewehr, wo man die Objekte totschießt, schießt man mit der Sprache die Objekte lebendig. Das ist die Jagd nach Bedeutung. Schreiben nannte der Autor in einem Interview mit sich selbst einmal „eine spitzfindige Art, sich hinterrücks für ein vereiteltes Lebensglück zu entschädigen, d. h. Kapitulation vor dem Gegebenen und Flucht ins Belletristische zu erlesenerem Genuß – oder aktive Weigerung, sich mit dem, was ist, glücklich abzufinden“.

    In einem Roman Eginald Schlattners, dem Maler siebenbürgischer Panoramen, in „Das Klavier im Nebel“ ist das wohl bekannteste Gedicht Günther Schulz‘ abgedruckt, „Nachruf einem 26-jährigen Sanitäter in Waldhütten-Siebenbürgen hinter dem Wald“  Er war Mitarbeiter der „Neuen Literatur“, jener, unter deutschsprachigen Rumänen bekannten deutschsprachigen Literaturzeitschrift der, wie sie damals hieß, Sozialistischen Republik Rumänien.

    In der neusten Ausgabe der „Spiegelungen – Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“ (Heft 1, 2011, München) von Peter Motzan und Stefan Sienerth sind neue Gedichte von Günther Schulz zu lesen, unter anderen die beiden mit denen ich diesen Artikel beschließe. Was ich eingangs gesagt, vor allem zitiert habe, gilt für die beiden letzten Gedichte wohl nur noch eingeschränkt. Sie stammen aus neuerer Produktion. Aber ganz vergessen kann man Unterdrückung und Destruktion wohl nie.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.