Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2021 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 28 Juni 2011

    „Immer sagen, suchen Paradies“

    „Auf der anderen Seite der Welt“ von Dieter Forte

    „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    Das ist ein Roman, der sich im seinem Verlauf sehr stark verändert. Er beginnt mit einer Geschichte, detailliert und gleichermaßen rudimentär erzählt. Er beginnt mit der Fahrt des Protagonisten, eines Mannes ohne Namen, nur ein „er“ sitzt da, ein Personalpronomen mit einer Lungenkrankheit, er fährt mit dem Zug auf eine Insel in ein Sanatorium und dort wird er tun, was sie dort alle tun: sich hinlegen und sterben. Oder, wenn er‘s schafft: aufstehen und weiterleben. Das ist das Thema des Buches: aufstehen und weiterleben.

    In dem Buch passiert nicht viel. Ein Kranker fährt von einer Stadt ans Meer. In ein Hospital, ein Sanatorium auf einer Insel. Er kommt an, es gibt ein Abendessen, er schläft eine Nacht, er bekommt ein Frühstück, er geht zur Toilette und auch ein Mittagessen ist noch drin, später geht er sogar einmal in die Kneipe und auf den hauseigenen Friedhof. Aber damit hat es sich auch schon. Mit der Handlung sind wir am Ende. Es wird kaum etwas vom Alltag berichtet, keine Besuche bei den Ärzten, keine Ängste, Sorgen, Befürchtungen. Da ist kaum mal ein Blick aus dem Fenster, kein Geschmack auf der Zunge, kein Gedanke an Frauen.

    Die Person hat keinen Namen. Es ist einer, der zum Sterben kommt. Er kommt mit einem überdimensionierten Koffer, deutsche Qualität mit tausend Jahre Garantie, aber der ist schon bei der Ankunft im Sanatorium völlig ramponiert, die tausend Jahre schon vorbei: „Für eine eventuelle Rückfahrt nicht mehr zu gebrauchen“ wie es ohne Illusionen heißt. Rückkehr allerdings in einem strengen Sinne gibt es nicht. Die Welt da draußen, jenseits des Sanatoriums, ist für die, die hier jahrelang liegen, die hoffen und verzweifeln, nicht unbedingt eine verlockende: „Wer von hier den Rückweg antrat, wer es schaffte aufzustehen und zu gehen, diese Insel wieder zu verlassen, der hatte auf ewig die Maßstäbe des Nichts, des Sinnlosen und der Bedeutungslosigkeit in sich, der konnte nie mehr die Menschen und ihr Leben verstehen.“

    Er hat einen Zimmergenossen, einen Alten, der sich zu Tode hustet. Der ihm vorher aber noch etwas erzählt. Der ihm vom Leben erzählt und von seiner Vergeblichkeit. Alle seine Geschichten beginnen mit den Worten: „Da wartet man nun auf den Tod.“ Das ist eine der Schwierigkeiten im Leben, dass ein jeder, mehr oder weniger direkt, auf den Tod wartet. Dieses Warten des Menschen auf den Tod, auf seinen eigenen Tod, nicht auf einen anderen, einen belanglosen, unbekannten Tod, das hat eine ganz einfache und höchst fatale Struktur: Der Mensch „ …hofft auf morgen.“

    Das Bett des Alten wird dann von anderen belegt, die ebenfalls husten, vom vergeblichen Leben erzählen und sterben. „Die Nachfolger des Alten blieben nur kurz in der Erinnerung, starben nach wenigen Tagen oder wurden auf eine andere Station verlegt, zogen vorbei wie in einem Totentanz, ohne dass sich für ihn dadurch ein Nacheinander ergab; als seien alle, ob tot oder lebendig, gleichzeitig in einem einzigen Bild anwesend, aus dem sich die vergehende Zeit entfernt hatte.“

    Diese Geschichten der Bettnachbarn und kurzzeitigen Zimmergenossen – der Lehrer, der Kaufmann, der Rechtsanwalt, der Vertreter – die machen sich langsam selbständig. Es werden immer neue Personen und Geschichten erzählt, es sind schon lange nicht mehr nur die Zimmergenossen, es sind nicht mehr nur noch Vertreter von Berufsgruppen, es sind Erinnerungen des jungen Mannes, es werden Namen genannt, viele Namen, die ich alle nicht kenne. Ich habe die Stadt nicht erkannt und die Insel habe ich auch nicht erkannt. Ich kenne die Namen der Jazzmusiker, der Politiker, der Maler und Schauspieler nicht: die habe ich alle miteinander noch nie gehört – immerhin weiß ich inzwischen, wer die Persildame ist. Auch das ist ein Zeichen von Tod, da hat man gelebt, vielleicht sogar mehr als die anderen, man war berühmt, da hieß man Armstrong oder Rühmann oder Beuys, und dann kommt die nächste Generation, hört die Namen, schüttelt den Kopf und sagt lapidar: nie gehört. Das ist eine Welt, die mir schon fremd ist, Worte wie „Eiltelegramm“ oder „Turnanzug“ wirken für mich bereits altbacken. Das sind Schichten und aus den Schichten werden Geschichten und diese Geschichten machen die Geschichte: die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg, nach der totalen materiellen und moralischen Destruktion.

    Es werden einzelne Schicksale erzählt, eindringlich, tragisch, lakonisch. Geschichten vom Sterben, von der Sinnlosigkeit des Lebens, die einem anhand der Sinnlosigkeit des Sterbens erst so richtig vor Augen steht. Aber dann ist es auch schon vorbei, ehe man’s richtig begriffen hat. Vielleicht meint man, auf dem Totenbett liegend, man könnte es verstehen, man könnte, wenn man jetzt aufstünde und in die Welt hinausginge, das Leben verstehen. Das sind teilweise bittere Tropfen, die kann man nicht aus der Flasche trinken. Auch aus diesem Grund hat bei mir das Lesen recht lange in Anspruch genommen.

    Da ist die schöne und tragische Geschichte des Geigers, ein Virtuose, ein absoluter Meister in seinem Fach. Eine Geige besitzt er allerdings nicht. Mit einer Geige könnte er gar nicht spielen: er kann es nur, wenn die anderen sich das vorstellen, was er spielt. Da ist die Geschichte des Geldfälschers, dessen Arbeit ganz außergewöhnlich gut sei, wie die Polizei ihm versichert. aber leider eben falsch, da nun einmal einzig die Notenbank Geldscheine herstellen dürfe, deren Scheine per Gesetz echt und alle anderen durch eben dieses Gesetz falsch seien. Da ist der Maler, dessen überdimensioniertes Gemälde zu Lebzeiten keinen Sinn ergibt und dessen Freunde, weil sie es zu seiner Beerdigung mitnehmen wollen, dieses Bild zersägen und am Grab wieder zusammensetzen: und da macht es dann mit einem Mal jenen Sinn. Da ist Boris, der vom Verkauf gefälschter Gemälde lebt und das nicht schlecht und der die Differenz von echt und falsch nicht versteht. Ein Bild ist ein Bild und grundsätzlich nicht fassbar mit dem Begriff der Echtheit. Bilder stellen etwas da. Das ist alles. Die Welt, so Boris sei nur in einem gerahmten Gemälde zu ertragen. Und darum gehe es im Leben, es zu ertragen, nicht um die Suche nach dem Echten mit dem man das Falsche desavouieren könne.

    „Überall immer nur Sinn gesucht. Leben voller Einbildung. Und deswegen sich das Leben nehmen. Wegen Illusion. Immer sagen, das kann nicht alles gewesen sein. Immer sagen, suchen Paradies. Wozu braucht der Mensch Paradies? Er hat doch Erde! Warum hat er Angst vor Hölle? Hat er auch auf Erde! Erde ist Paradies und Hölle. Was will der Mensch? Das Leben, wenn gutgeht, fünfundzwanzigtausend Tage, etwas mehr, etwas weniger. Kann man sich nicht beklagen. Zigtausendmal die Sonne. Zigtausendmal den Mond. Es genügt, sage ich. Mehr muss nicht sein. Wozu dann noch einmal ein Leben? Und auch noch ein ewiges. Und auch noch im Paradies. Mensch ist dumm und arrogant. Hat ein Leben. Will noch ein Leben. Aber besser. Wird Gott verzweifeln bei so viel Frechheit. Du anderer Meinung?“

    Da sind die Geschichten vom ganz normalen Leben, von Anna, die nach dem Krieg in das Land des allergrößten Wunders gerät, das Deutschland des Wirtschaftswunders und die dann, weit weg von allen Wundern, ihr Allerweltsleben lebt, sie „gab nicht auf, arbeitete, schuftete ohne viel zu schlafen auf mehreren Arbeitsstellen gleichzeitig, war Bürobotin, Parkhauswächterin, Fabrikarbeiterin, Würstchenverkäuferin, hatte rund um die Uhr ein Dutzend Putzstellen, Privat und in Büros, Privat tags, Büro nachts, mähte Rasen, schnitt Hecken, säuberte Swimmingpools, liebte Männer, wurde betrogen, verlor ihr Erspartes in großzügiger Gastlichkeit, rappelte sich wieder auf, gebar Kinder, zog sie auf, überstand alles, lebte ein abenteuerlichen Leben, und wenn sie scheiterte, sagte sie: Es ist wie es ist.“

    Geschichten, von psychisch und physisch Versehrten, die nicht wissen wie sie weiterleben sollen. Die anfangen Rollen zu spielen, eigene oder andere, die sich in dem Sanatorium vor dem Tod verstecken oder ihn dort erwarten, vielleicht, weil man mit dem Tod im Lieben besser fertig wird. All diese Geschichten werden von einem thematischen Kern zusammengehalten werden. Ein Kern, der es mir zu Beginn schwer gemacht hat, an dem ich mich gewöhnen musste und der dann immer wichtiger wurde, den ich immer besser verstanden habe, ohne ihn allerdings ganz zu verstehen: Aufstehen und Weiterleben.

    Dieses Aufstehen und Weiterleben hat einen mechanischen Anteil. Das normale Weiterleben, für das man gar nicht erst aufstehen muss. Einen Anteil, den man oft leichten Herzens absolviert, man ist motiviert, verdient Geld oder Anerkennung oder hat eins Mordsziel vor Augen, man hat am Abend zuvor entdeckt, dass man seine Frau noch immer liebt oder weiß, dass man mittags einen Ziegenkäse zu essen bekommt, den man sehr schätzt, man mag es, wie er auf der Zunge schmilzt und man spürt in diesem Moment , dass man zu einem nicht unwesentlichen Teil mit der Zunge lebt. Aber dann gibt das es noch einen anderen Anteil, den man nicht jeden Tag spürt, weil man es nicht ertragen könnte, dann und wann aber spürt man es und dann spürt man, wie schwer das ist: aufstehen und weiterleben. Weil man nämlich nicht auf diese eine Art lebt: in den Tag hineinlebt. Weil man dann auf eine andere Weise lebt: aus ihm heraus. Nicht, dass das Leben auf sein Ende zuläuft ist die Bedeutung, sondern dass man wider dieses Ende leben muss. Dass das Ende dieses Leben sinnlos macht und man dagegen anleben muss.

    Die Geschichte des jungen Mannes, zum Leben verurteilt und zum Sterben gezwungen, zerfällt zugunsten dieser anderen Geschichten. Das wenige, was man erfährt, wird sogar noch weniger. Es zerfällt etwas. Das lineare Erzählen zerfällt in einzelne Blöcke, in ein Kompositum, die Beschreibung eines Bildes, wo alles zu gleicher Zeit das ist. Wo der Tod immer anwesend ist. Man hat alles so wahnsinnig wichtig genommen, ob man diese oder andere Blumen im Garten hat, diese oder eine andere Uhr am Handgelenk, ob die Zeit im Kreis geht oder um die Ecken schleicht.

    Diese Sinnlosigkeit der Welt, des Alltags: das versteht vielleicht nur der, der einmal ernsthaft krank gewesen ist, der, wie es so euphemistisch heißt, mit dem Tod gerungen hat. Es ist kein Geheimnis, dass Dieter Forte hier sein eigenes Schicksal verarbeitet hat, Erlebnisse aus jungen Jahren, die offenbar lange haben liegen müssen, bis der Autor in der Lage war, diese Ereignisse und Empfindungen in Sprache zu übersetzen. Eine Übersetzung, die ein Autor immer leisten muss, eine Anstrengung, die ein Leser niemals erfährt. Dieser Text ist sicher keiner für jedermann, aber welcher Autor, der ernsthaft Wert auf sich und sein Können und Schreiben legt, will schon für jedermann sein? Das ist ein großer Erzähler.

    Der Leser hat es mit einer in hohem Maß durchgearbeiteten, geschliffenen Sprache zu tun, wie sie oft nur von der Lyrik her kennt, wie man sie bisweilen auch kaum ertragen kann, die Sprache des Romans, ja selbst wissenschaftliches Schreiben ist durchdrungen von Füllwörtern, Worten, die Einhalt gebieten, die sagen; hier geht’s nicht weiter. Wir machen mal ein Wort lang eine Pause. Solche Pausen macht Forte wenige. Es ist eine atemlose Sprache.

    „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    Der Bücherblogger hat gleich vier Teile zu dem Buch geschrieben.

    Bei Kommentaren bitte beide Worte eigeben. Auch wenn das Captcha etwas anders behauptet. Ich finde gerade den richtigen Schalter nicht.

    Dieter Forte, Auf der anderen Seite der Welt
    Fischer Verlag
    Preis € 19,90

    ISBN: 978-3-10-022116-2



    Kommentare

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 30. Juni 2011 um 01:54

    Liebe Aléa,

    soll man um ein Uhr nachts noch Kommentare schreiben? Gegen den kleinen Schlaf anschreiben, wenn es wie auch im Buch, wider den großen geht? Einmal mehr fällt mir bei Ihrem Text auf, dass es nicht um die geschliffene, literaturwissenschaftliche Rezension geht, sondern um die Beschreibung der eigenen Betroffenheit durch ein Buch. Dass Sie so wunderbar von Ihren Schwierigkeiten und Zwiespälten mit “der anderen Seite der Welt” erzählen können, liegt daran, dass Sie immer beides tun, den Gegenstand beleuchten, aber auch das ganz persönliche Verhältnis dazu. Ich habe nie das Gefühl, Sie würden bewerten wollen, gut oder schlecht, sie nähern sich behutsam, langsam verstehend.
    Sprachlich ist der Forte ein schwerer Brocken, ein “jahrtausendealter schwarzer Stein” und Sie gehören ja wem auch immer sei dank noch zur jüngeren Generation. Hier schreibt jemand auch mit dem ganzen Gestus einer älteren Generation über die Nachkriegsgeschichte, aber die Präzision der Sprache unterläuft das Verfallsdatum der Personen und des “nie gehört”. Danke für die freundliche Erwähnung am Schluß. Ich fahre zur Zeit immer noch mit Maik Klingenberg in die Walachei. Etwas weiter nördlich könnten wir Sie gemeinsam besuchen.
    Gute Nacht und schlafen sie gut

    Dietmar

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 30. Juni 2011 um 08:56

    Lieber Dietmar,

    vielen Dank für die freundlichen Worte. Darum geht es mir wahrscheinlich wirklich in erster Linie, das haben Sie gut erkannt, dass ich über einen Text zu mir selbst finde. Das sind keine Rezensionen wie sie im Feuilleton stehen könnten und keine literaturwissenschaftlichen Abhandlungen, sondern Versuche, etwas mit dem anzufangen, was ich vorfinde. Etwas für mich zu erkennen, zu fühlen oder zu formulieren. Das sind Auseinandersetzungen, die ich unternehme, weil es etwas bringt. Mir!

    Ich werde mich bei Ihnen noch zu Ihren vier Texten äußern. Das wird aber erst in der nächsten Woche der Fall sein: ich habe gerade zu viel um die Ohren. Und nicht nur da.

    Ich habe mir das Video bei Ihnen angesehen. Der Text von dem Autor ist gut, das Gedicht hat mir sehr gefallen!

    Was ist denn aus dem Literaturrätsel geworden: Gibt’s keine Auflösung, keinen Gewinner?

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 19. Juli 2011 um 14:18

    Liebe AT!

    Spät, sehr spät! Aber ich will bestätigen, welch` eindrucksvolles Buch das ist. Meine Lektüre ist schon ein paar Jahre her. Mir ist dennoch sehr präsent, wie mir dieses Buch in 2 Teile zerfiel. Zwei völlig verschiedene Teile, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. So eine Zweiteilung habe ich nie wieder so gelesen. Der erste Teil eine zusammenhängende Krankengeschichte. Aber ab der Mitte zerbröselt das Buch in eine Fülle von Erzählsplittern wie ein zu Boden gefallener Spiegel

    Die erste Hälfte: Die Krankengeschichte. Ein Hauch von Zauberberg, aber auf Insel, nicht auf Berg. Genauso hermetisch abgeschlossen wie die Welt in Davos, aber nicht so bunt, nicht so poetisch, nicht so ironisch. Also ganz anders; nicht abgeschrieben; das hat einen Teil des Reizes ausgemacht. Die Kranken waren wirklich krank und schlugen sich nicht in Wolldecken ein auf der Terrasse. Ein wahrhaftiges Gitterbett in gelblichem Krankenhausweiß sehe ich vor mir, wenn ich mich an den Text zu erinnern versuche.

    Die zweite Hälfte: Hundert verschiedene Einsprengsel. Für sich stehende Geschichten kann man das nicht nennen, mehr Bilder, Blitze, aus denen eine Handlung, eine Abfolge nicht entsteht, eher ein ungeordnetes Mosaik (des ungeordneten, zersplitterten Deutschlands nach dem Kriege?). Und ja, auch ich erinnere Jazz, farbige Besatzungssoldaten, Trümmer, Fraternisierung, GIs. Kennen Sie zufällig „Tauben im Gras“? So ähnlich (aber besser!).

    Ich erinnere mich auch an eindrucksvolle Sprache. Großartige Sätze, ganz am Anfang zum Beispiel, wo der abfahrende Zug eine langgestreckte Kurve beschreibt und der Kranke hinaus auf seine winkende Familie und dann auf den Himmel blickt und über Abreise, Abschied, (Nie-) Wiederkommen, Tod nachdenkt (glaube ich zu erinnern). Und immer wieder dieser Satz vom Meer und dem schwarzen Stein. Ich hab’ ihn irgendwann gemocht, diesen Satz, der alles wie eine Klammer zusammenhält. Ein bisschen so wie bei Johnsons „Jahrstage“, wo jede der 4 Lieferungen (Bände) mit einem Satz bzw. Absatz über Wasser (bzw. Meer) eingeleitet wird.

    Großes Kino, der Roman. Und wenn man bedenkt: Den Forte kennt man gar nicht (anders als Marcel Beyer, Ingo Schulze, Daniel Kehlmann, Uwe Tellkamp). Beweist einmal wieder: „Der Turm“ und die “Vermessung der Welt“, die sind Hype, die kennt man deswegen, die kauft man (und vielleicht liest man sie auch). Aber es gibt Bücher, da gibt es keinen Hype, und die sind nicht weniger lesenswert!

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 19. Juli 2011 um 17:14

    Lieber NO,

    ich habe lange nichts von Ihnen gehört. Wäre hier das hier ein Club oder ein Sportstudio, kämen Sie um eine Neuanmeldung nicht herum, mit den entsprechenden horrenden Kosten, die ich selbstverständlich auch sofort eintreiben und pfänden lassen würde: Haus, Garten, Auto, Uhr, Lesesessel, Frau, Kinder, Enkel, Gummistiefel und Badeschlappen: alles weg!

    Zum ernsten Teil der Veranstaltung: Das Buch fällt langsam auseinander, in kleine und dann auch immer kleinere Teile und Teilchen. Wahrnehmungsschnipsel, die noch von einem Ich erzählt werden, hinter denen der Erzähler aber eigentlich zurücktritt. In den Vordergrund treten dann Beschreibungen von Personen, abstrakten Zusammenhänge, die Ansprache an eine imaginäre Trauergemeinden, die Anklänge von Totengespräche von Lukian oder Fontenelle: das alles verdichtet sich sehr zu einem Gesellschaftsbild von der Warte eines Toten. Einer Person, die nicht mehr beteiligt ist und nur noch beobachtet.

    Ich erinnere mich auch an den Roman von Koeppen, allerdings nicht genau. Ich habe es wohl nicht zu Ende gelesen.

    Ich danke noch mal für Ihren Tipp zu Forte. Ich hatte den Namen nie gehört. Was nicht nur daran liegt, dass er vor allem als Theaterautor in Erscheinung getreten ist. In der Tat sehr seltsam, dass manche Autoren so einen ungeheuren Erfolg haben, andere aber unbekannt bleiben. Obwohl, was sie schreiben nicht schlechter ist. Der Forte ist sicher nicht schwerer zu lesen als Tellkamp und das Thema Tod sicher bedeutender als das Thema Mauerfall. Für solches Markgeschehen gibt es sicher unzählige Beispiele. Die Fokussierung der öffentlichen Wahrnehmung auf manche Titel, Personen oder Umstände ist ganz und gar erstaunlich und unverständlich. Vor einigen Jahren hat Saša Stanišić einen Roman geschrieben „Wie der Soldat das Grammophon repariert“. Das beschreibt den Krieg in Jugoslawien, im damaligen Jugoslawien, aus der Sicht eines Kindes. Das ist ganz witzig und sympathisch gemacht. Aber es ist ein Buch für Jugendliche, keins für Erwachsene. Der Mann wird seit Jahren vom deutschen und auch vom internationalen Literaturmarkt mit Stipendien totgeschlagen. Ich finde das unverständlich, auch wenn das Buch nicht schlecht war. Aber die Zu- und Hinrichtung eines Erwachsenenverstandes auf Kinderniveau: das ist jetzt wieder ein anderes Thema.

    Dummerweise gibt es keine verlässliche Strategie, die wirklich guten Sachen herauszufiltern: Der Wallace war auch Hype in Amerika und ich fand’s ganz groß. Ein Tipp von mir ist Thomas Bernhard „Auslöschung“. Gewöhnungsbedürftig, sehr sogar. Ganz schwieriger Mensch. Im Grunde genommen nicht für diesen Planeten geeignet. Aber ein großer Schriftsteller.

    Und jetzt weiter im Text: Thomas Pynchon. Da werde ich mir nach zweihundert Seiten mal etwas Luft machen und es dann hierher stellen.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 24. Juli 2011 um 13:31

    „… mit einer Intensität, die im Leben nicht zu finden war ….“

    Anknüpfend an einen Kommentar bei Alban Nikolai Herbst über „Rom“, über Erinnerungen und Sentimentalitäten will ich mit einem Ausrufungszeichen versehen die Beglaubigungswirkung solcher Erinnerungen, wie sie Dieter Forte umschreibt in diesem großen Buch „Auf der anderen Seite der Welt“ („ASW“) auf S. 9:

    „… LEBEN, das aus verblassenden ERINNERUNGEN bestand, die sich unbemerkt von einem entfernten, vor dem nahen Tod noch einmal aufleuchteten, mit einer Intensität, die im Leben nicht zu finden war, als diese Erinnerungen unter der Gleichförmigkeit der Tage und Nächte wie unter einer grauen Aschenschicht verschwanden und erst durch den nahenden Tod ihre bleibende Gültigkeit erlangten“.

    Für mich klingt da mit das „Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten“ ganz vorne im Faust.

    Die Erinnerungen an längst Gewesenes, längst Geborgenes („Und ich dachte immer nur „Rom“ – ANH). An die vergangene Zeit, die verrinnende, verrannte Lebenszeit. Auch bei Goethe doch wohl. Die Zeit eben. Die Zeit, die keiner mehr hat angeblich.

    „Zeit war hier nicht Geld, Zeit war hier zur Genüge vorhanden, im Grunde der einzige Besitz, und man konnte sich erlauben, damit verschwenderisch umzugehen. Zeit war hier unerschöpflich …“ (Forte, ASW S. 30).

    Da verführt es mich, an Rolf Dieter Brinkmanns Blicke in Rom (aus der Villa Massimo heraus) zu denken (Empfehlung übrigens von Aléa Torik): „Schlimm genug ist schon, dass die Zeit, die man hat, aufgestückelt wird durch das Notwendige, das jeden Tag wieder anfällt – aber die Zeit ist ja nichts Objektives, das von eine Stelle aus an jeden verteilt wird in bestimmten Mengen – Zeit ist da, und es kommt doch alles darauf an, dass man sich selber s e i n e Zeit nimmt, also etwas Aktives gegen den Zwang der Notwendigkeiten, die die Zeit einnehmen – und nicht darauf wartet, dass einmal eine Zeit für dieses oder jenes kommen wird. Das tritt nie ein.“

    Und so, siehe da, führt das Schmökern im Forte auch zurück nach Rom. Die Stadt, die e w i g heißt.

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 24. Juli 2011 um 21:27

    Lieber NO,

    „mit einer Intensität, die im Leben nicht zu finden war“:

    Ist das jetzt beunruhigend? So wie das in dem zitierten Satz formuliert ist, ist es beunruhigend. Intensitäten sind im Leben nicht zu finden. In der Gegenwart nicht und in der Erinnerung an die Vergangenheit auch nicht. Sie entstehen durch die Nähe des Todes. In dieser Nähe ist dann wohl alles Erinnerung.

    “Zeit ist Geld”: das habe ich noch nie verstanden. Weit eher würde ich das Gegenteil verstehen können. Ich verstehe durchaus, dass man Zeit aufwenden muss, um Geld zu bekommen, zu verdienen. Man verwandelt die Zeit in Geld. Aber nicht alle Zeit ist Arbeitszeit. Nicht alle Zeit ist ein monetäres Äquivalent. Es ist nicht die Zeit selbst, sondern der Wunsch, sie sinnvoll zu nutzen. Die einzige Ähnlichkeit von Zeit und Geld ist doch wohl die natürliche Begrenztheit. Die Philosophen sagen, dass der Tod das Leben erst zu einem wertvollen macht. Dass die Begrenztheit des Lebens es zu einem wertvollen Gut macht. Hunderttausend Jahre Leben vor der Nase und eine Milliarde Euro auf dem Konto sind wahrscheinlich stinklangweilig. Weil man, denke ich, damit einfach nichts wirklich sinnvolles mehr machen kann.

    Ich kann mich an die Empfehlung für den Brinkmann sehr gut erinnern. Der war in London, ist über die Straße gegangen und hat auch nach links und nach rechts geschaut. Aber in der falschen Reihenfolge. So ist er vom Bus überfahren worden.

    Hier eines seiner Gedichte:

    “Der Bauer summt,
    der Kühlschrank brummt,
    die Kinder kommen aus der Schule
    und sind verdummt”

    Das erinnert mich an diesen Österreicher, ich habe den Namen vergessen, der hat ein Gedicht geschrieben, das heißt “Ottos Mops”. Das ist so ähnlich.

    Hier ist seine Seite, die Seite, die von seiner Frau glaube ich und einem Freund geführt wird.

    Sich seine Zeit nehmen: das ist auch eine Formulierung die mir gefällt. Und dann mit der Zeit machen, was einem wichtig ist. Und auch da hat er recht: das die richtige Zeit kommt, das tritt nicht ein. Oder selten. Es sind die Menschen, die behaupten, dass etwas zur richtigen Zeit geschehen sei. Und das muss man können: Die Dinge so nehmen wie sie sind und dann behaupten, dass sie genau richtig sind.

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 25. Juli 2011 um 18:21

    „ …wer hier lange war, hält es in der Welt nicht mehr aus …“

    Die Inselvariante des Todesschiffers spricht; der, bei dem man bezahlen muss. Es geht mir aber weniger um das Sanatorium. Weniger um Orte, an die man sich gewöhnt hat. Weniger um die Einsamkeit und Weltabgewandtheit, in der man sich, aus welchen Gründen auch immer, eingerichtet hat wie Dän im Schauerfeld.

    „Viele kommen hierher zurück, sagte der Fahrer, wer hier lange war, hält es in der Welt nicht mehr aus .Kommen wieder und sterben hier. Warum weglaufen, wenn man sowieso wieder hier landet.“

    Und dann kommt die Beschreibung der Häuser mit den Walfischknochen als Eingänge. Der Friedhof. Mich erinnert das an Moby Dick. Ich bin mir nicht sicher, ob mich meine vielen Assoziationen trügen: Das Sanatorium und Zauberberg, die Zersplitterung der Geschichte und „Tauben im Gras“, die Walfischknochen und Melville. Von einem Koffer ist die Rede, AT hat es umschrieben, wie der, den Karl Roßmann im Schiff vergisst, als dies in Amerika angelegt hat. Soll das so sein? Wird hier auch deutsche Literaturgeschichte unterschwellig erzählt?

    Wie auch immer, der Kutscher spricht von „weglaufen“, fiel mir auf. Läuft man denn weg, wenn man einen Ort verlässt, an dem man lange war, auch wenn es in tödlicher Krankheit geschah? Ist das ein Weglaufen vor dem Tod? Und Gevatter Tod ist freudig überrascht, wenn er einen am Fluchtort trifft und mitnimmt, denn er wähnte einen ja dort auf der Insel.

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 26. Juli 2011 um 09:51

    Lieber NO,

    ich freue mich, dass es noch zu einer richtigen Auseinandersetzung über das Buch kommt.

    „ …wer hier lange war, hält es in der Welt nicht mehr aus …“

    Der Koffer ist wirklich ein schönes Detail dieses Textes. Es ist riesig, eigentlich kann ihn keiner bewegen, er ist zu groß, er ist zu schwer und er ist kaputt als er auf der Insel ankommt. Das ist ein Objekt, das seinen Besitzer beinahe sofort im Stich lässt, als für die Welt nicht mehr in Frage kommend.

    Das Bild der Walfischknochen, aus denen die Häusereingänge der Gehöfte gebildet werden, das fand ich auch ein sehr beeindruckendes Bild, diese riesigen Kieferknochen. Fast gespenstisch. Allerdings muss ich es mir vorstellen, ich habe solche Knochen noch nie gesehen. Man trifft ja hier in Berlin im Prenzlauer Berg auch nicht alle Tage einen Wal auf der Straße.

    Karl Roßmann aus „Der Heizer“, dem ersten Kapitel des Amerika-Romans von Kafkas: auch diese Geschichte endet im Ungewissen. So wie dieses Buch hier auch. Man kann davon ausgehen, dass der Protagonist – wenn man ihn am Ende überhaupt noch so nennen kann – die Insel verlassen wird, dass er es „in der Welt“ wird aushalten müssen. Das strukturiert das Leben, diese Widersprüchlichkeit, dass man leben will, aber auch muss. Ich habe einmal einen Text zu einer Vorlesung über menschliche Freiheit gelesen, in dem heiß es, sinngemäß,: Wir sind frei. Wir sind nicht frei von allem. Wir sind frei zu allem. Aber wir sind nicht frei, frei zu sein. Dazu sind wir verurteilt.

    Wir werden es also in der Welt aushalten müssen! Was manchmal sehr einfach ist, manchmal schwerer. Meistens spürt man den Zwang nicht und man kann sich frei wähnen, wo man gezwungen ist. Im Ausgleich dazu fühlt man sich in vielen anderen Situationen gezwungen, wo man eigentlich frei ist.

    Was mir zum Laufen einfällt: ich glaube, wir werden im Leben nicht glücklich, wenn wir weglaufen. Dass ein Kutscher, ein Chauffeur, vom Laufen spricht, das ist gut. Ist alles Laufen ein Weglaufen? Oder ein Hinterherrennen? Vielleicht kann man im Leben kein rechtes Verhältnis dazu gewissen. Dazu, das man am Ende verliert. Man müsste es tatsächlich irgendwie ins Leben integrieren. Aber schon der Vorgeschmack auf den Tod, das Älterwerden, ist ja schwer zu integrieren.

    Herzlich
    Aléa

    Nachtrag: Ich neige dazu, dass die Angelegenheit leichter zu meistern ist, wenn man das Leben als eine Komödie betrachtet. Allerdings, und das macht einem diese Sichtweise schwer, hat man ja für eine Tragödie bezahlt! Warum sollte man sich dann mit einer Komödie zufriedengeben?!

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 26. Juli 2011 um 19:43

    Liebe Alea,

    ich bin nicht sicher, ob sie recht haben.

    Kafkas Karl endet nicht im Ungewissen, sondern in Oklahoma, in Erlösung. Das ist hier bei dem jungen Mann schwieriger zu beurteilen, denn der zersplittert ja in den vielen Geschichten der zweiten Buchhälfte wie die Eiskristalle der Scheekönigin, die es aufzusammeln gilt. Interessant, dass Sie zu denken scheinen, der kleine Kay hier sei noch auf der Insel, weil er (wie Sie sagen) diese erst verlassen w i r d . Ich dachte nämlich immer, er habe sie bereits in der zweiten Buchhälfte verlassen, denn sonst könnte er uns ja gar nicht diese ganzen Geschichtensplitter erzählen.

    Aber egal, ob er weg ist oder erst weg sein wird, er muss in der Tat in dieser grausamen Welt zurecht kommen, denn auch in meiner Deutung kehrt er ja ersichtlich nicht wieder auf die Insel zurück (weil dieser kleine Kay nämlich keine Gerda hat). Und für das Leben-Müssen in der Welt haben Sie sehr schöne Formeln gefunden. Ich habe irgendwo gelesen: Einmal leben zu dürfen, ist das erste Gebot, einmal leben zu müssen das zweite.

    Also Rückkehr zur Insel, wie der Fahrer vorschlägt? Natürlich, ob die Insel Erlösung ist, bleibt ebenfalls offen. Aber der Fährmann macht für mich deutlich, dass die Welt an sich kaum aushaltbar ist. Deswegen muss man sich zeitweilig zurückziehen. Und wenn man sich zurück zieht, wird die Welt einem fremd. So heißt es an anderer Stelle (ASW S.140/141):

    „Von der Welt da weit draußen drang wenig über das Meer. Mitteilungen kamen verspätet oder unglaubhaft … Zeitungen gab es nicht. Man las den Inselboten …Sie [die Nachrichten hörenden und lesenden Patienten] trugen [die Nachrichten], um jedes Wort bemüht, weiter, keiner verstand es,… sie hätten ja auch nichts [von den Nachrichten] verstanden, alles sinnlos da draußen, unverständlich und unerklärlich, eine verrückte Welt…Es waren Nachrichten aus einem fremden, unbekannten Land… Als er einmal erfuhr, …dass Teile der Stadt abgerissen werden müssten, glaubte auch er [der Protagonist] gar nichts mehr. Das waren doch alles Märchen, Schilda [wo die verrückten Schildbürger herkommen!] war dagegen ein Ort der Vernunft. Aber die da draußen in der Welt schienen nichts zu ahnen, sie lebten in ihrem Kauderwelsch und in ihrer Märchenwelt“.

    Das ist für mich satirisch überzogen. Die Insulaner werden der Welt nicht wirklich dadurch fremd, dass sie vom „richtigen Leben“ nichts mitkriegen. Sondern weil diese unsere Welt so verrückt ist, so quer, unlogisch unverständlich grausam, unschön, dass man sie gar nicht mehr ernst nehmen kann. Und man sitzt da, registriert das, aber die anderen um einen herum, selbst die Freunde, registrieren das nicht. Das ist schräg, sehr schräg, jdf. fühle ich mich so manchmal. Und deswegen (so finde ich) meint der Fährmann, man könnte auch genauso gut oder besser dann auf die Insel zurückkommen. Oder wer so schräg denkt, ist dort. Man hofft auf Erlösung.

    Dies wiederum, ich gebe es zu, steht in großem Kontrast zu dem Mann, der den Selbstmord seiner Frau beklagt mit diesem grandiosem Monolog „Immer sagen, suchen Paradies…“, den Sie oben zitiert haben, in der Tat eine ganz große Passage in diesem an reichen Passagen vollen Roman.

    Aber, so fällt mir gerade auf, sind denn reiche Bücher nicht Teil der Lösung? Die machen doch selber reich und wenn man reif ist, dann muss man nur auf die Insel und lesen …

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 26. Juli 2011 um 22:01

    Der Protagonist, der lungenkranke junge Mann in ASW, landet nicht im Ungewissen, wie die letzten Sätze des Romans zweifelsfrei beweisen.

    “Er nahm den festen, grauschwarzen Karton, in dem die Fieberkurve steckte, richtete sich auf, schrieb auf der Rückseite der Fieberkurve seine Worte, schrieb seine Worte durch die Nacht bis in den neuen Tag.”

    Das ist der Beginn eines Schriftstellerlebens, wessen Leben braucht man eigentlich nicht zu erwähnen, er wird vier Romane schreiben. Die einzige Art, mit seiner Krankheit, den Kriegserlebnissen und seinem Entfremdungsgefühl fertig zu werden. Die zerstörte, wie ein Spiegel zersplitterte Welt, in die auch der Roman stilistisch verfällt, kann nur noch im Prozeß des Schreibens gerettet und wieder zusammengefügt werden. Schriftsteller sind immer Fremde in einer als normal empfundenen Welt, sie bleiben im übertragenem Sinne immer auf der anderen Seite. Sonst könnten sie die Welt gar nicht beschreiben. Sie produzieren gleichsam ein Gegenbild der Welt, das sie selbst gleichzeitig heilt.

    Über eine schnell hingeworfene Charakterisierung Fortes in einem früheren Beitrag “wie gewonnen so zerronnen” bin ich gestolpert. Das ist wahrscheinlich an der Stelle witzig gemeint, aber für das Werk Fortes viel zu flapsig. Hier schreibt jemand mit dem Atem einer Blut spuckenden Lunge.
    Schön, dass es weitere aufmerksame Leser (NO) gibt, die sich zu Forte hier äußern.

    Herzlichen Gruß

    Dietmar

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2011 um 19:40

    „ …und weiß nicht, warum man so unglücklich ist …“

    Liebe Aléa Torik, lieber Bücherblogger,

    wie gewonnen, so zerronnen – das ist sicher zu schmal ein Brett und passt mir auch inhaltlich nicht. Sich abfinden und weiter machen, und sei es, als Schriftsteller – ja, darum geht es hier, da haben Sie recht. Aber der Clou ist es nicht. Der Clou ist das, was fehlt.

    Für die Deutung dieses Buches wollte ich noch einmal auf meine Schneekönigin-Assoziation zurückkommen. Der Clou ist, dass man eine Gerda findet, die einem die Splitter aus dem Auge holt und einen zurückführt aus der Königin Reich der Kälte. Schauen Sie auf die Textpassage in ASW auf S. 145, so geht‘s:

    „Denn was die Menschen mit aller Gewalt und über Leichen gehend in der Welt als Glück erkämpfen wollen – das ist nur Reichtum, Macht und Lärm. Man steht im Mittelpunkt des Lebens als ein Beneideter und Hochgelobter, und weiß nicht, warum man so unglücklich ist. Ein großes Schauspiel, dass da als perpetuum mobilie geboten wird. Wer nach dem Glück jagt, wird es nie finden.“

    So geht’s, wenn man nicht aufpasst. Und zwar auch dem erfolgreichen Schriftsteller. Der alte Totengräber, der diesen Satz da eben sagt, erinnert sich dabei ja traurig an seine verstorbene Frau. Seine Gerda. Und die fehlt dem Protagonisten. Der ist quasi ein Morell ohne Melusine. Na, was wäre denn das für eine schöne Bescherung! So sehe ich das.

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2011 um 22:37

    Lieber Dietmar, lieber NO,
    ich komme gerade vom Yoga und komme nicht mit: ich habe versucht, die Äußerung „wie gewonnen so zerronnen“ zu finden, um zu verstehen in welchem Zusammenhang das hier steht. Aber ich finde sie nicht. Wer hat das wo gesagt?
    Ich melde mich morgen, am Abend zu Ihrer beider Äußerung. Ich kann mich jetzt nicht mehr konzentrieren. Ich bin müde. Aber es ist ja auch Abend.
    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 27. Juli 2011 um 23:30

    @NO: “Morel ohne Melusine”

    Zu Forte kann ich nichts schreiben, denn ich habe das Buch nicht gelesen.

    Dagegen könnte ich so tun, als wisse ich, was, vielmehr wer, Morel ohne Melusine wäre. Doch weiß ich es so wenig, wie ich auch nur ahnen kann, wer sie, also Melusine, ohne ihn, ohne Morel wäre. Ein anderes Leben – ungelebt. Sie lassen einander oft sein – und allein. Was indessen wäre, wenn sie einander je verließen: God only knows…
    http://www.youtube.com/watch?v=8Twr9LghpBo

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 28. Juli 2011 um 07:33

    Liebe Aléa,

    lassen Sie sich im hoffentlich guten Morgen keine grauen Haare wachsen über eine schnelle Bemerkung von Ihnen selbst. Ich würde auch nicht behaupten, dass man das “wie gewonnen so zerronnen” nicht an der einen oder anderen Stelle bei Forte empfinden kann, nur dass es das Thema bei ihm sei widerstrebt mir etwas. Ihre Bemerkung steht im letzten Kommentar “Wie sehr ich mich auch anstrenge” (Power of books, 17. Juli) als Nachtrag. Redensarten, das erinnerte mich an den guten alten Büchmann mit seinen “Geflügelten Worten”. Dass Worte wie Pegasus fliegen können ist eine schöne Vorstellung, früher flossen sie ja sogar aus einer Feder, jetzt federt nur noch die Tastatur. Ich schweife ab und wollte doch nur verhindern, dass Ihre möglicherweise rotbraunen Haare die Farbe wechseln.

    Herzlich

    Dietmar

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 28. Juli 2011 um 13:16

    Hallo Melusine, wie schön! Und vorab Danke für die Grüße drüben auf DieDschungel!

    Auch wenn Sie das Buch nicht kennen, sind Sie ein Gewinn, mit leichter Hand werden zwei fundamentale Wahrheiten in den Ring geworfen:

    Zum einen: Ohne Freiraumgewährung gibt’s auch keine Beziehungsewigkeiten! Wie wahr! Und zur Untermalung diese Musik – ich mag den Song sehr! Die Straßenszenen erlaube ich mir als persönliches Geschenk zu betrachten. Danke!

    Zum anderen: Leben bedeutet, zwischen Möglichkeiten zu wählen und damit zwangsläufig etliche andere ungenutzt zu lassen. Wie noch wahrer. D A S unter anderen führt bei den sentimentalen Rückbetrachtungen dazu, dass man immer wieder „Rom“ murmelt.

    Auf das Buch hier bezogen fehlt es dem jungen Mann an beidem. Und genau das finde ich in der Tat auffällig. Vielleicht hatte er (hat man manchmal) wirklich keine Wahl. Aber vielleicht muss man zum Wahlort auch erst hinreisen. Das nennt man dann Lebensweg. Mit Koffer. Das nennt man dann Erfahrungen.

    Liebe Grüße
    NO

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 28. Juli 2011 um 16:28

    Dieter Christian Andersen

    Noch einmal zurück zum Koffer! So fängt „der Fliegende Koffer“ an:

    Es war einmal ein Kaufmann, der war so reich, dass er die ganze Straße, und eine kleine Gasse dazu mit Silbergeld pflastern konnte; aber das tat er nicht, er wusste sein Geld anders zu gebrauchen; gab er einen Schilling aus, bekam er einen Taler wieder, so ein Kaufmann war er – und dann starb er.

    Der Satzanfang gehört in die Sammlung von Miss TT! Passt aber vor allem zur Kaufmanns- Splittergeschichte in ASW S. 106:

    „Ein Kaufmann saß da in einem goldfarbenen seidenen Schlafanzug auf der Bettkante, entpuppte sich als Börsianer, der in einem Notizbuch aus Krokodilleder mit einem schmalen, silbernen Stift winzige Zahlen eintrug …Und wenn die anderen aufwachten und auf dem Parkett erschienen, hatte er schon gekauft oder verkauft, so seine Interpretation der Weltläufe… In meinem Reich geht die Sonne nicht unter, sagte er und fiel mit dem Notizbuch in der Hand hintenüber, lag wie ein Ballen Seide in seinem Bett, die Beine steif weggestreckt, der silberne Stift rollte über den Boden.

    Das sind eben auch Warnungen, Aufforderungen, zum Wesentlichen zu kommen. Und die Nacherzählungen einer alten Geschichte, nämlich das Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lukas XII, 16 ff), der – obschon bereits reich – weiter reiche Ernte hat und Scheunen bauen lässt, um all das zu horten, sich dann sagt, hab‘ nun Ruhe und guten Mut, dem aber entgegnet wird: „Du Narr! Diese Nacht wird man Deine Seele von Dir fordern; und wem wird dann gehören, was Du angehäuft hast?“

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. Juli 2011 um 16:59

    Lieber Dietmar

    damit hat sich das aufgeklärt. Ich hatte diese Formulierung nicht einmal in Erinnerung. Um also meine Bemerkung, die bei Ihnen offenbar für Verärgerung gesorgt hat, noch einmal zu zitieren, zur Gänze und nicht aus dem Zusammenhang: „Wie gewonnen, so zerronnen: das ist das Thema des Romans von Forte gewesen. Was immer man im Leben gewinnt, sich erarbeitet – durch Fleiß, Rücksichtslosigkeit, Beständigkeit oder Zuverlässigkeit -, was immer man erreicht – Geld, Geborgenheit oder Ruhe -: am Ende wird man es verlieren. Das klingt sehr negativ. Ist es auch. Aber man kann es sich ein wenig schön reden. So sagte Norbert Schlinkert bei einer ganz anderen Gelegenheit – wir sprachen über die Existenz als Schriftsteller – : „Das ist ein Kampf, den man nicht gewinnen kann. Aber das heißt noch nicht, dass man ihn verlieren muss.“

    Ich erkläre das dann ja im Folgenden, wie ich finde, durchaus. Das war nicht nur so hingeworfen. Aber selbst wenn. Es geht bei solchen Äußerungen ja nicht um vollständige Wiedergabe eines Romans, sondern darum, etwas auf eine Formel zu bringen. Dass das auch etwas wegschneidet, ist unerlässlich. Außerdem sagte ich ja, diese Formel sei das „Thema“, ich sprach nicht von Inhalt. Und schließlich würde ich nicht so viel Arbeit in einen Roman stecken, lesen, besprechen und kommentieren, wenn‘s Schund wäre.

    So, ich hoffe, das habe ich jetzt damit klargestellt. Es war definitiv nicht witzig gemeint. Obwohl ich sonst ja Witze auch nicht scheue.

    Umso besser, was der Norbert da auf einen Punkt gebracht hat, oder?

    Aber da war noch mehr. Ach ja: ich behauptete, der Roman ende in Offenheit. Das empfinde ich auch immer noch so. Ich würde, auch wenn’s naheliegt, das Schicksal des Protagonisten nicht so eng mit dem des Autors vermischen. Obwohl ich, und Sie haben das bei sich auch getan, auf biografische Koinzidenzen hinwies. Ich empfinde es als sehr offen: Das Schreiben war bisher nur Nebenthema und es wird auch hier nur in einem Satz erwähnt. Wir wissen nicht, was aus dem Protagonisten wird. Als nicht-offen empfände ich eine Andeutung, dass aus ihm einmal ein großer Schriftsteller werden würde.

    Herzlich

    Aléa

    Und auch hier noch ein Nachtrag: graue Haare bekomme ich davon sicher nicht. Ich war gestern nur müde und habe diese Formulierung nicht gefunden. Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, sie gelesen zu haben. Dass ich mich nicht erinnern konnte, weil ich sie nicht gelesen, sondern geschrieben hatte, darauf bin ich nicht gekommen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. Juli 2011 um 17:09

    Liebe Melusine,

    schön, dass Sie sich von einem Kommentar NO’s haben inspirieren lassen. Ich wusste nicht, dass Sie hier sogar die Kommentare mitlesen. Und dann gleich noch so etwas Tiefsinniges dazu schreiben!

    Wir alle, leben, neben dem eigentlichen Leben, noch einige andere; ungelebte Leben, die wir mit uns herumschleppen, auf sie hoffen oder die wir vermeiden und ohne die, im Guten oder im Schlechten, es auf jeden Fall ärmer wäre, das eigentliche Leben, das wir zu leben gezwungen sind, weil wir, wie wir uns auch anstrengen, ins uneigentliche nicht hinein kommen. Das können wir nur von außen betrachten.

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. Juli 2011 um 17:57

    Lieber NO,

    Sie machen sich ja wirklich Arbeit. Und mir auch. Haha! Aber so soll es sein.

    Zu Kafka: Sie haben Recht. Ich hatte es wohl falsch in Erinnerung. Ich hab’s wohl einfach hingeschrieben. Ohne es zu erinnern. Ohne zu denken.

    Ohne zu denken: auch das hatte ich nicht ge- oder bedacht: ob die Figur die Insel bereits verlassen hat.

    Das der Romananfang in diese Sammlung von Phyllis gehört, der Meinung bin ich auch. Das sollten Sie ihr schreiben. Sie haben es ja auch bemerkt. Es gibt diese äußerst beeindruckenden Sätze. Man bemerkt es nicht immer sofort, aber der hier gehört dazu: „Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

    Ich sehe gerade: schon wieder ein Missverständnis (das wird wohl derzeit an mir liegen), Sie meinten den Anfang des Märchens von Andersen (was ich gar nicht kenne).

    Das gefällt mir auch sehr!: „Einmal leben zu dürfen, ist das erste Gebot, einmal leben zu müssen das zweite.“ Ich glaube diese doppelte Perspektive auf das Leben – das Dürfen und das Müssen – das werden wir nie los. Das charakterisiert das Leben und es ist auch ein Zeichen von psychischer Gesundheit, wenn man damit irgendwie zurande kommt.

    Ich glaube auch, wie Sie in dem Kommentar am 26. schreiben (ich habe ja vier Kommentare, die noch nicht beantwortet sind), dass die Welt im Grunde vollkommen überzogen ist. Total unverständlich, was die Leute den ganzen Tag so machen. Ich meine damit nicht nur jene, die ganz anders sind als ich: die alles tun, nur um eine Harley Davidson zu fahren. Oder um sich das Haus kaufen zu können, von dem sie träumen. Ich bin ja mindestens genauso verrückt, wenn ich tausende von Stunden in das Erfinden von Figuren und Personen investiere, um damit das, was nicht ist, so aussehen zu lassen als wäre es. Nur um eine paar Romane zu schreiben, von denen es jetzt schon viel zu viele gibt. Dagegen sind die Träume von einem Motorrad oder einem Haus ja noch verständlich.

    Die großen Passagen in diesem Buch: davon gibt’s sehr viele, sehr eindringlich geschilderte Personen. Es ist gut, dass das Buch diesen Weg nimmt und keinen anderen.

    „Wer nach dem Glück jagt, wird es nie finden“: auch das gehört zu den schwer verständlichen Bedingungen dieser Gesellschaft – und sicher nicht nur dieser, aber wir, ich wie Sie, leben nur einmal derzeit in dieser hier: aussteigen kann man immer, aber derzeit sitzen wir noch bequem mittendrin – dass das Glück, dem alle hinterherrennen nicht zu kriegen ist. Man kann das Glück rennend nicht erreichen. Weil es gar nicht wegrennt. Nur wir rennen.

    Und möglicherweise hat auch das etwas mit der Struktur dieser Gesellschaft zu tun: die meisten würden Glück weit über dem Reichtum ansiedeln. Aber Reichtum kann man erstreben, da kann man sich anstrengen. Da nämlich kann man rennen. Glück ist so nicht zu erreichen. Das ist ein zufälliges Geschenk, das uns das Leben bisweilen machen kann. Oder auch verweigert. Auch da kommt es wieder auf die Fähigkeit an, das, was man hat, als genügend oder als reichhaltig oder richtig verstehen zu können.

    So!

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 31. Juli 2011 um 11:24

    „ …tagsüber Hafer, … nachts im Kreis …“

    Ein Mann erzählt vom Hippodrom auf St. Pauli. Für den, der es kennt. Oder der wenigstens „Große Freiheit Nr. 7“ kennt. Mit Hanne Albers. Der deutsche Hans.

    „Diese kleinen Ponys, fraßen tagsüber geduldig ihren Hafer, nachts liefen sie im Kreis durch das Sägemehl. Futter im Stall und nachts wieder im Kreis laufen. Und so Tag und Nacht. Wir machen ja auch nichts anderes.“

    Da, in diesem Zusammenhang fällt der Satz, den Sie, AT, zum Thema des Buches erhoben haben. „Ich war stark, konnte immer wieder neu anfangen.“

    Und wenn der Reiter vom hoppe, hoppe Pferdchen fiel:

    „… haben alle sich gefreut. Haben alle dafür gezahlt, dass sie zusehen konnten, wie einer in den Dreck fiel. Das mag der Mensch. Da sieht er gerne zu.“

    Also, das Buch erzählt auch vom Menschen an sich. Davon wie man lebt mit den Menschen in dieser Welt.

    Übrigens, Elke Heidenreich hat den Dieter Forte entdeckt für das etwas breitere Lesepublikum. Der habe ihr ja viel zu verdanken, mutmaßte ein Interviewer. Nein, hat sie gesagt, ich habe ihm viel zu verdanken, viele wunderschöne Stunden mit seinen Büchern.

    In diesem Sinne!

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von bersarin
    Datum/Uhrzeit 31. Juli 2011 um 12:43

    Zu Franz Kafka „Der Verschollene“

    Das Naturtheater von Oklahama, wie es bei Kafka heißt, (nicht: Oklahoma) ist der Endpunkt für Karl Roßmann. Mit dem Don gesprochen, dem DeLilo: Der Omega-Punkt. Er geht in diesem Theater auf eine unbestimmte Weise unter, vertaucht, denn er ist ein Verschollener, und so heißt der Roman schließlich: „Der Verschollene“ – nicht „Amerika“. Man weiß nicht recht zu sagen, ob er in jenem Theater verschmelzend eingeht und gleichsam in einer Wilhelm Meisterschen Theatertruppe landet oder ob es sein unwiederbringlicher Untergang ist und er in diesem Theater des Westens (oder: der Grausamkeit) versinkt, vergeht, verglüht. Der Bildungsroman ist damit, nach Flauberts „L’Éducation sentimentale“, noch einmal durchgestrichen und modifizierte sich zum Fragment. Dem Bürger ist seine Welt fremd und unbegriffen geworden.

    Wie in allen drei Romanen Kafkas, selbst in „Der Prozess“, wenn man ihn als Fragment nimmt, bleibt der Ausgang offen. Insofern hat Ihre Lesart durchaus Berechtigung: Karl Roßmann endet im ungewissen. Sie sind also, beste Alea, durch den Gnadenakt des kritischen Ästhetikers sowie durch die Schrift Kafkas rehabilitiert.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 31. Juli 2011 um 15:38

    Lieber Bersarin,

    ich habe den Text von Kafka nicht genau in Erinnerung, „Der Prozeß“ steht mir sehr viel lebendiger vor Augen, aber ich hatte das Ende auch als recht unbestimmt in Erinnerung. In der Literatur sind die Texte ja offen für eine Interpretation und erst recht für das Erleben. Das mag ich auch an literarischen Texten, dass sie ein Empfinden eröffnen, dass nicht immer eindeutig ist. Das erlebe ich als sehr bereichernd, wenn man über Texte spricht und nach einer Diskussion die meisten Teilnehmer mit einer differenzierteren, und oft sogar gegenteiligen Meinung die Auseinandersetzung wieder verlassen. Ich wollte mich auch nicht streiten, zumal ich bei dem anderen Text, dem von Forte, bereits meine Einschätzung eines offenen Endes betont hatte.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 31. Juli 2011 um 17:23

    Lieber NO,

    das ist eine kluge Antwort von Frau Heidenreich gewesen. Es geht ja sonst immer nur darum, welcher Autor wie an Rezension und Aufmerksamkeit kommen könnte. Dass man Bücher auch gerne lesen kann, dass man vergnügliche oder ernste Stunden mit ihnen verbringt, dass man sich in einen Sessel setzt und sich Gedanken macht, bei Cognac und Bier, oder an eine Tastatur und etwas dazu schreibt, das verdankt man ja auch den Autoren. Und dass Bücher auch nicht immer leicht sind, dass manches Thema eine Zumutung ist, und das Thema Tod ist eine Zumutung, das wissen wir ja. Und wer‘s nicht weiß, der liest die Spiegelbestsellerliste rauf und runter.

    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 2. August 2011 um 11:14

    Koffer, Reisen, Märchen: Dieter Forte in Oklahoma
    - letzte Tänze zu: „Auf der anderen Seite der Welt“ -

    Lieber Bersarin,
    (und lieber Bücherblogger und liebe AT)!

    Torik for Rehab – na meinetwegen, wenn das nötig ist, wenn Ihnen das nötig ist. Roßmann verschmilzt im Theater, der Verschollene vergeht, der Vorhang zu und alle Fragen offen – meinetwegen. Das Theater ist
    d o r t , nicht in diesem Blog. Was auch immer in O k l a h o m a (sic! – jdf. in meiner Ausgabe von Aufbau) geschieht bzw. was auch immer Ihre Deutung davon ist, wir sind hier ja nicht im (philosophischen) Seminar zu Kafka. Sondern beim Tanz. Tanz um ein lesenswertes Buch. Immer in der Hoffnung, mit diesen Spielereien auch andere auffordern zu können, sich durch
    d i e s e n Roman hier im Kreis drehen zu lassen.

    Noch einmal zurück zum Koffer: Nur mit Hilfe von „Der Fliegende Koffer“ kommt Andersens Kaufmannssohn – der hat auch keinen Namen! – ins „Türkenland“, freit die Prinzessin, aber die Hochzeit fällt aus, der Koffer verbrennt nämlich, und der junge Mann „durchwandert die Welt und erzählt Märchen“.

    Ebenso in „Amerika“: Der verschollene Karl Roßmann kommt nur über den Koffer zum Heizer, zum Onkel, an Land in den Herrensitz, und so bald der Koffer ausgepackt, also wie verbrannt nutzlos ist, wird er verstoßen, gerät ins Hotel, wird entlassen, mit seinen Kumpanen in das Zimmer zur dicken Brunelda und schließlich ins Theater in Oklahoma, dort wird er als Schauspieler aufgenommen, als Technischer Arbeiter verpflichtet, und wirkt damit an einem Ort, wo von Kunstarbeitern Märchen, Geschichten erzählt werden.

    So wie der junge Mann in ASW, der am Ende, wie der Bücherblogger richtig feststellt, Kunstarbeiter, Geschichtenerzähler, also Schriftsteller wird. Und der wäre ohne seinen Koffer auch nicht auf die Insel gekommen, wo der dann zwar nicht verbrennt, aber schwer beschädigt und dadurch nutzlos wird.

    Koffer, Reisen, Märchen – zurechtkommen in der Welt an seinem Platz. Der Koffer steht eben auch für den unnötigen Ballast, den ein jeder im Leben mit sich herumschleppt. Das Über-Gewicht, was so mancher hat, was so manchen behindert.

    Beste Grüße
    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 2. August 2011 um 16:33

    An Bersarin, Bücherblogger, NO und mich selbst:

    Wie sagte genova einst so schön: an dieser Seite hier sei (auch) schön, dass das keine männliche Seite sei, wo sich immer aller bei der ersten Gelegenheit in die Haare bekämen und vor allem Recht haben wollen. Ich zumindest wollte nicht Recht haben, und ob das nun ein offenes Ende ist oder nicht, ist ja auch einerlei, Haare hin oder her.

    Vielleicht hat der junge Mann in diesem Buch das alles auch nur überstanden, weil der Koffer, der für eine Rückreise nicht mehr zu gebrauchen war, kaputt gegangen ist. Denn zurück, im eigentlichen Sinne zurück: zurück in die Welt aus der er gekommen ist, konnte er nicht. Er macht vielmehr einen Neuanfang. Und da ist es wahrscheinlich gut, wenn man nicht allzu viel Gepäck und Ballast mit sich herumschleppt. Sonst konnte man ja gleich das alte Leben weiterleben. Was braucht man als Schriftsteller? Einen Stift und einen Zettel. Jedenfalls keinen Kubikmetergroßen Überseekoffer.

    Und ja: es ist ein Tanz um ein Buch.

    Aléa

    Kommentar von bersarin
    Datum/Uhrzeit 2. August 2011 um 21:29

    @ Aléa Torik
    Ihre Tendenz verstehe ich. Aber es geht hier nicht darum, recht oder unrecht zu behalten. Karl Kraus hat den Kerr nicht abgewatscht, bloß um im rechten Licht dazustehen oder um irgend eine männliche Sache abzufechten. Das sind Subjektivierungen. Gerade einer Schriftstellerin und genauso einem Schriftsteller sollte das Detail sowie die Sprache wichtig sein. Darüber tanzt und spielt keiner ungestraft hinweg, bzw. es muß einer oder eine dazu schon tanzen und spielen können.

    Ansonsten aber schrieb genova diese Tendenz zum freundlichen Austausch ganz richtig. Ich gehe in Sachen Freundlichkeit gar nicht so konträr. Wie hieß noch der Satz von Brecht? Beharrt einer aber auf seinem Fehler, auf den man freundlichst verwies, kann es vorkommen, daß ich in der Tat böse werde.

    @ NO
    Die Differenz zwischen Tanz und Fehldeutung ist eine ums ganze; ebenfalls die zwischen einem guten, einem unbestimmten oder einem tragischen Ende. Da ist es egal, ob man im Seminar sitzt oder durch den Tanzsaal schiebt. Und selbst dann, wenn Menschen oder Wörter tanzen, wirken sich falsche Schrittfolgen, das unsachgemäße Führen der Tanzgefährtin und insbesondere des Begriffes verhängnisvoll aus. Gerade dort. Und wie erst beim Tanz auf dem Vulkan. Ein guter Tänzer und Spieler ist der, welcher die Regeln bis zur Vollkommenheit beherrscht, um sie hinterher um so formvollendeter zu brechen.

    Die Lust am Text und am Spiel vermehrt sich nicht in der Unklarheit oder im falschen Bezug. Worum es mir ging: eine Lesart des Endes von „Der Verschollene“ zu geben, die offen ist und sich nicht dem Diktat des Optimismus beugt. Wenn schon No, dann konsequent.

    Ein Kommentar schreiben