25 Juni 2011
Erfahrung als Problem
Anfang dieser Woche hatte ich einen Termin bei meinem Prof. Ich gammelte vorher im Institut herum. Um ehrlich zu sein, ich war angespannt. Ich bin immer etwas angespannt, wenn ich dort einen Termin habe. Das ist auch gut so. Man sieht mir die Anspannung allerdings nicht an. Es sieht aus, als gammele ich. Anders als das flanieren, das eine Lebenseinstellung ist, ist das gammeln eine Einstellung zum Tod. Vielmehr ist es gar keine: einfach Zeit totschlagen. Ich stand also wild um mich schlagend, gammelnd und angespannt im Institut am „Schwarzen Brett“. Dort werden Jobs und Praktika ausgeschrieben. Es gab ein Praktikum bei einer Berliner Literaturagentur. In der Spalte Arbeitsbereich stand dort: Manuskripte begutachten; in der Spalte Erfahrung stand: wenig. Um die Manuskripte in dieser Agentur zu begutachten, braucht man nur wenig Erfahrung. Man muss die vermutlich nur lesen und dann entscheiden, ob sie gut sind oder nicht.
Diejenigen, die über die Qualität von Manuskripten entscheiden, brauchen nicht viel Erfahrung. Weil Erfahrung stört. Erfahrung ist das, was alte Männer haben und das klingt nach Resignation und Lebensüberdruss, Haarausfall und Prostatabeschwerden. Das hört sich nach Scheitern an. Wie soll man das, bitteschön?, seinem jungen Publikum klarmachen? Die wollen junge, frische, neue und wilde Literatur. Erfahrung stört womöglich überhaupt bei der Literatur, nicht nur beim anfänglichen Begutachten von Manuskripten. Auch beim Schreiben stört sie. Sie stört beim Lesen. Das stört, wenn man beim Lesen denkt: Mensch ist das langweilig, langwierig, langatmig! Erfahrung stört überhaupt. Überall da wo man originär etwas erfahren oder erleben könnte, steht sie einem im Weg. Sie stört auch im Leben. Warum nicht immer wieder von vorne anfangen? Warum nicht immer dieselben Fehler machen, immer auf dieselben Männer und Frauen reinfallen? Reinfälle haben ja auch ihren Reiz.
Da liest also die nahezu erfahrungs- und ahnungslose Praktikantin so ein Manuskript, zwanzig, dreißig Seiten und ein Exposé. Was kann in so einem Textauszug passieren? Ein bisschen Liebe, ein bisschen Sex und ein bisschen Tod. Ein bisschen Handlung, ein paar Sätze und einige Abschnitte und Charaktere, was man so braucht und unterbringen kann. Ein bisschen Ordnung und ein bisschen Anarchie, ein paar Andeutungen und Umdeutungen, ein Anfang und ein Ende, etwas eloquentes, elegantes, ordinäres und ohnmächtiges. Und wenn sie dann, die Praktikantin nämlich, auf die geringste Erfahrung stößt: Zack! Raus mit dem Mist!
Später, wenn es gedruckt ist – also die anderen Manuskripte, die, die es nicht bis zur Ablehnung geschafft haben – wenn es irgendwo im Buchhandel oder im Prospekt herumliegt und sich nicht verkauft, dann kommen sie alle an. Dann war der Text doch nicht erfahrungslos genug, dann muss sich irgendwo zwischen den Zeilen eine Erfahrung versteckt haben, die allen entgangen ist. Sie alle haben es übersehen und dann wird der Autor oder die Autorin verflucht, die sich unrechtmäßig eingeschlichen hat. Die Autorin, die einfach nicht in der Lage war, den derzeitigen Strebungen des Literaturbetriebs zu entsprechen und den Wunsch des jungen Publikums nach vollständiger Erfahrungslosigkeit zu erfüllen. Also gilt es, das Übel bereits an der Wurzel zu fassen: Erfahrung ist eben ein Problem.
Die Leute bei der Literatur Agentur gehen vielleicht davon aus, dass über kurz oder lang sowieso keiner mehr Bücher liest und sie fangen gleich selbst damit an. Indem sie damit aufhören. Oder sie bewerten die Manuskripte nach der Farbe der Umschläge. Grün liest ja heute keiner mehr. Gut, das ich einen Verlag habe und gut auch, dass ich nur in Magenta schreibe.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juni 25th, 2011 unter Auf dem Fischmarkt, lang












Kommentar von Norbert W. Schlinkert
Datum/Uhrzeit 25. Juni 2011 um 13:22
Liebe Aléa,
höre ich da so etwas wie Resignation heraus? Oder einfach nur Kritik an der Qualität der heutigen deutschsprachigen Literatur? Natürlich hast Du recht, doch Du solltest bedenken, daß der gemeine Leser es nicht besser verdient hat, weil er oder sie kaum in der Lage sein dürfte, höherwertige anspruchsvoll geschriebene, mit Lebens- und Berufserfahrung durchsetzte Literatur zu begreifen, ohne sich dann nicht mehr unterhalten zu fühlen. Natürlich will der Leser von sich und seiner Welt abgelenkt und in eine andere Welt entführt werden, da tut es gemeinhin ein üblicher Plot, der mit banaler Sprache in die Welt gesetzt wird. So what! Das ist die kommerzielle Welt der Unterhaltung, nichts weiter, da würden komplett unaustauschbare persönliche Erfahrungen nicht allgemein genug wirken, denn den Protagonisten muß natürlich etwas zustoßen, das dem Protagonisten des eigenen Lebens ebenso zustoßen kann, wenigstens in der Phantasie. Außerdem wollen Literaturagenturen, Verlage, Lektoren, Kritiker und Druckereien einfach nur Geld verdienen, da kann man auf Kunst wohl keine Rücksicht nehmen, jedenfalls nicht auf aktuelle. Von denen, die Kunst herstellen und das Glück haben, fürchterliche Erfahrungen gemacht zu haben, die sie dann zum Beispiel in Texten hochliterarisch be- oder verarbeiten, kann kein Mensch leben, es sei denn, es gibt den Nobelpreis. Darunter ist nix zu holen, dann aber schon, selbst wenn die Bücher dann nur verkauft und nicht gelesen werden. Aber was soll man sich aufregen – der Literaturbetrieb ist hierzulande seit über 200 Jahren verlogen bis dorthinaus wie jeder andere Betrieb auch, und wer schlau ist, der baut nicht nur Tretminen, sondern auch Tretminenräumgeräte und natürlich die Prothesen für die Opfer.
Wer das Pferd von hinten aufzäumt, kriegt immer nur in die Fresse – auch ‘ne Erfahrung, und was für eine!