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  • 19 Juni 2011

    Warum immer so sexuell? Oder: Idealität und Realität der Welt

    Auf meinen letzten Artikel hin schrieb mir einer, der sich Trollinger nannte und fragte mich: „Warum immer so sexuell?“ Ich antwortete ihm und war mit meiner Antwort auch zufrieden. Ich war so zufrieden, dass ich es schade fänd, wenn das nun ohne weitere Beachtung im Orkus der ungelesenen Kommentare verschwände. Also wird’s befördert (mit einigen, wenigen Veränderungen). Man kann diesen Artikel nur verstehen, wenn man den vorhergehenden zur Kenntnis genommen hat.

    Lieber Trollinger,

    Sie fragten: Warum immer so sexuell? Das ist keine unberechtigte Frage. Ich nehme sie auch ernst und versuche sie zu beantworten.

    Generell kann eine solche Antwort zwei Wege gehen: Erstens: weil die Welt, also die Menschen, nun einmal so sind, sie sind sexuell. Zweitens: weil die Welt nicht so ist wie die Menschen es gerne hätten: sie sind nicht sexuell genug. Im ersten Fall könnte man sagen, ist die Welt ideal; oder nahezu ideal. Im zweiten Fall ist sie real; oder nahezu real. Das muss vielleicht jeder für sich entscheiden. Ich kenne Ihre Welt nicht, ich kenne meine – und ich vermute, dass wir, Sie und ich und wir alle, die jeweils unsrige Welt als die Welt wahrnehmen, die die einzige ist und sie so generalisierend die Welt nennen – und ich würde sagen: wenn in dieser einzigen Welt von irgendetwas nicht zu viel vorhanden ist, dann vom Glück, von der Lust und der Liebe. Ich glaube, ich bin sogar sicher, dass mehr Unglück, mehr Unlust und mehr Hass in der Welt sind.

    Ich antworte ganz direkt und offen auf Ihre Frage: wir sind immer so sexuell, um es uns ein bisschen schöner zu machen! Um ein bisschen mehr Glück und Lust und Liebe in die Welt zu bringen. Also in unsere Welt. Möglicherweise aber ist all das Unglück nur deswegen in der Welt, weil wir davon träumen, mehr Glück zu haben. Damit habe ich Ihre Frage beantwortet, nach bestem Wissen und Gewissen.

    Ich habe nun auch meinerseits eine Frage: Ich habe Ihnen in meinem Artikel zwei Alternativen vorgeschlagen, nicht versteckt, sondern offen und sogar in der Überschrift präsent: Kino oder Bett? Wenn Sie also jetzt nur die eine sehen und kritisieren, die sexuelle nämlich, das Bett, und die andere, die nicht sexuelle, das Kino, gänzlich unterschlagen, muss ich meinerseits Ihnen nun die Frage stellen: Warum immer so sexuell, Herr Trollinger?

    Ich kann Ihnen diese Frage auch beantworten. Sie beantworten sie vielmehr schon selbst. Warum glauben Sie, so war Ihr Vorschlag, will der Mann sich einen Bart stehen lassen? Natürlich, weil es männlich ist – oder glauben Sie vielleicht, weil er im Gesicht friert? -.  Sich einen stehen lassen: das sind Ihre Worte! Weil er will, dass die Frauen das männlich, also sexy finden. Die Antwort auf die Frage lautet: weil die Welt nun mal so sexuell ist. Weil die Welt ideal oder real ist, annähernd ideal und annähernd real. Das ist einerlei. Wir machen sie uns dann schon so zurecht wie sie uns passt, insgesamt nämlich ein bisschen mehr oder weniger sexuell. Und das geschieht ein wenige offener – wie bei mir – oder ein wenig versteckter – wie  Ihnen -. Das eine ist nicht schlechter als das andere. Es ist nur unterschiedlich.

    Deswegen gibt es vielleicht die Sexualität: weil man ihn ihr vom einen wie vom anderen, von der Idealität wie von der Realität der Welt, ein wenig Abstand nehmen kann. Und ein wenig Abstand von der Welt: das ist doch nicht schlecht oder?

    Ich hoffe nun, Sie finden meine Antwort nicht flapsig. So ist sie nicht gemeint. Es war eine ernste Antwort auf eine ernste Frage. Und ich bin auch ganz zufrieden damit. Ich bin geradezu glücklich!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von e.a.richter
    Datum/Uhrzeit 24. Juni 2011 um 21:19

    Kino oder Bett?

    Als ich unlängst Ihren Kommentar las, mußte ich an ein Erlebnis denken, das ich vor einiger Zeit hatte, auch deshalb, weil diese lässige Frage in dieser Situation gar nicht aufgetaucht war, doch gleich danach eine erstaunliche Sensualisierung.

    Während meine Begleiterin in der Alten Naufahrt schwimmen ging, machte ich wie meistens eine Runde, und zwar so, daß ich sie von der gegenüberliegenden Seite eine Weile beobachten konnte, bis sie dann hinter dem Gebüsch zwischen Weg und Gewässer verschwand. Nacktbaden sollte zwar hier nicht passieren; aber niemand hält sich an das, was auf den zwei Tafeln geschrieben steht.

    Nach kurzer Zeit tauchte in einiger Entfernung eine Frau mit einem Kinderwagen und einem Hund auf. Der Hund kam näher, lief wieder ein Stück zurück, die Frau kam näher. Der Hund war nicht an der Leine, ich ging auf ihn zu, er umstrich mich, ich wurde etwas langsamer. Plötzlich stellte er sich auf die Hinterpfoten und legte seine Vorderpfoten auf meine Brust. Ich blieb sofort stehen, fixierte die Frau und sagte: Legen Sie Ihren Hund an die Leine! Sie lachte und sagte: Er tut Ihnen doch nichts!

    Die Frau war etwa 35, blond, etwas erhitzt, das Kind im Wagen war nicht zu sehen, auch nicht zu hören. Die Frau ließ sich auf keinen weiteren Disput ein, sondern sagte nur: Wissen Sie was, ich hab ein Kind und einen Hund. Der ist mir geblieben, ich bin jetzt allein. Und schon war sie vorbei, drehte sich aber dann mehrmals um und hielt ihre Hände mit den weggestreckten ersten zwei Finger so gegen ihre Schläfen, als würde sie mir Hasenohren andeuten wollen, und sagte höhnisch: Legen Sie ihn doch selbst an die Leine! Sie Angsthase, Sie!

    Ich war ziemlich empört. Zugleich dachte ich, ich hätte mich einer Frau gegenüber wie gegenüber einem Mann benommen, also unangemessen schnell die Contenance verloren. Andererseits war das die Folge der Erfahrung mit uneinsichtigen Hundebesitzern, die sich über die Vorsicht bzw. Ängstlichkeit der Nichthundebesitzer lustig machen oder sie gleich zu beschimpfen beginnen.

    Unerwartet trat die Frau ein zweites Mal in mein Gesichtsfeld, und zwar als ich dort ankam, wo meine Begleiterin ins Wasser gegangen war, gerade in dem Moment, da ihr Kinderwagen ins Wasser rollte und sie hinuntereilte und ihn herauszog. Das Kind – ein etwas 2jähriger Bub – stand auf dem Weg.

    Der Hund erblickte mich und lief wieder auf mich zu. Ich sagte zur Frau: Soll sich die Szene von vorhin wiederholen? Sie setzte den Buben in den wassertriefende Kinderwagen und antwortete erst, als der Hund aufjaulte, weil ich ihm versehentlich auf eine Pfote getreten war: Er hätte Sie jetzt beißen können! Aber er ist klüger als Sie, obwohl er noch so jung ist! Danach tauschten wir einige Schimpfwörter aus, bis sie mit dem Kinderwagen und dem Hund hinter einer Wegbiegung verschwunden war.

    Als sich mein Zorn gelegt hatte, spürte ich, wie langsam Interesse an dieser Frau in mir aufstieg. Ich fand ihr gerötetes Gesicht attraktiv, auch den Umstand, daß sie so unbeherrscht war und kurz ihre vielleicht sehr schlimme private Situation ins Spiel gebracht hatte. Immerhin – sie hatte nicht zu weinen begonnen, sondern war sofort aggressiv geworden.

    Kino oder Bett? In dieser Szene ist beides enthalten, Kino und Bett. Aber diese Frage läßt sich erweitern: Warum nicht Gespräch?

    Aus einiger Distanz betrachtet – das Ereignis hatte natürlich auch eine sexuelle Komponente. Etwa: daß eine mir unbekannte Frau in einer Situation, die sie völlig überfordert, die Kraft hat, sich auf einen so lächerlichen Schlagabtausch einzulassen; und daß sie sich mir bei der Wiederbegegnung nach dem selben Muster entgegenstellt, ohne auf Frauensolidarität zu schielen oder zu bedenken, daß sich meine Begleiterin aus Loyalität zu mir gegen sie hätte wenden können.

    Ich fand jetzt ihre unbedachte hilflose Rücksichtslosigkeit reizvoll. Ich mußte auch feststellen, daß diese mich erstaunlich aufwühlende Begegnung in mir den Wunsch geweckt hatte, sie wiederzusehen, und zwar unter dem Vorwand, ich müßtenoch etwas klären. Aber was hätte das sein sollen?

    Es war die Attraktion dieser überraschenden, nicht den Konventionen entsprechenden Reaktionen von beiden Seiten, die meine Phantasie aufgeladen hatte. Blitzschnell waren die Grenzen der Höflichkeit überschritten und, noch dazu eines Hundes wegen, und von beiden Seiten Vorurteile mobilisiert worden.

    Hätte mich der Hund gebissen, wäre es ein Unglück gewesen, mit all seinen Folgen für alle Beteiligten. So aber hatte ich Glück gehabt. Damit hatte sich auch eine lächerliche, beide schnell entblößende Situation ergeben, die erst in der nachträglichen Betrachtung ihren Reiz hatte, für mich jedenfalls, auch darin, daß es ja auch einen ganz anderen Dreh gleich an Ort und Stelle hätte geben können.

    Kino oder Bett? Der Hund, das domestizierte Raubtier, hatte beiden die Maske schnell vom Gesicht gerissen. Die Lust der Retrospektion besteht auch darin, die Chance zu einer theatralischen, das heißt: melodramatischen Wende zu imaginieren: daß nämlich sich schon nach einigen Sekunden ein Schimmer von Ironie hätte einstellen können, der den Zwangshandelnden Einhalt gebietet und ihnen den Zauber einer wählbaren Chance sichtbar macht.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. Juni 2011 um 09:32

    Lieber EAR,

    ich danke Ihnen herzlich für diesen Kommentar. Für die schöne Geschichte, die Sie da erzählen. Für die Adaption meiner Erzählung auf die Ihre oder das Herausstellen von Ähnlichkeiten und Parallelen. Meine beiden Artikel „Kino oder Bett“ als auch „Warum immer so sexuell? Oder: Idealität und Realität der Welt“ haben mir gefallen und mich wunderte, dass niemand etwas dazu gesagt hat. Deswegen freue ich mich grundsätzlich schon einmal.

    Zu Ihrer Geschichte: Sie beschreiben tatsächlich eine ähnliche Situation wie ich. Einmal grundlegend, dass es zwei Möglichkeiten gibt, eine Situation zu verstehen oder darin als Handelnder oder eine Handlung Vermeidender aufzutreten. Und dann natürlich in dem Umstand, dass man sich das Erlebte, das Erhandelte und Vermiedene, noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Es vielleicht umschreibt, es verändert. Man hat also Interesse an der Sache, an der Person, an dem Umstand der Fiktionalisierung. Denn darum geht es ja, wenn wir sagen, wir seien künstlerisch tätig: dass wir uns tatsächliche Situationen oder mögliche Situationen vor Augen führen und sie gestalten.

    Tatsächlich ist die Situation ja auch eine erotische gewesen. Die Frau hat Ihnen sogleich gesagt, dass sie keinen Mann hat. Dass da etwas in ihrem Leben fehlt. Sie hat keinen Mann, außer den kleinen, das Kind, das sich später als ein Junge herausstellt. Sie hat Ihnen also angedeutet, bewusst oder nicht, gewollt oder nicht: Bett oder Kino. Und auch Ihnen war das mehr oder weniger bewusst, währenddessen oder nachher, dass es eine Frau war. Aber sie wussten nicht, ob sie einen Mann hat, Sie schreiben, dass sie nicht wussten, ob im Kinderwagen jemand lag. Das sind die Möglichkeiten, aus denen etwas entstehen kann. Aus denen mehr entstehen kann, weil die eine Potentialität mitbringen, die der Moment so scheinbar gar nicht zulässt.

    Das ist eine schöne Geschichte. Und sie trifft auch genau das, was ich mit der meinen andeuten wollte.

    Sehr gut gefallen hat mir Ihre Formulierung vom „Zauber einer wählbaren Chance“. Es gibt ja auch die Chancen, die man nicht wählen kann. Davon gibt es sogar noch viel mehr. Viel zu viele.

    Herzlich

    Aléa