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  • 05 Juni 2011

    Machtlosigkeit

    Die vielleicht fatalste Form der Machtlosigkeit ist das Mitmachen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 5. Juni 2011 um 17:13

    (…) Inmitten des Platzes hatten sie einen Pavillon aufgestellt. Im Inneren des Gebäudes – man könnte, weil es rund war, auch Rondell sagen – fühlten wir uns sicher, fürchteten uns vor nichts mehr. Und weil es sich zugleich um ein Speiserestaurant handelte, speisten wir und tranken den sametroten Wein aus der Bretagne.
     legte die Tasche, in der die Papiere waren, auf den leeren Stuhl neben sich. Während wir speisten, sprachen wir nicht über die Papiere.
    Dann sagte : “Wir müssen die Augen öffnen und Umsichtig sein. Aller Wankelmut ist Folge und Ausdruck der Irritation des Gesichts.”
    Sie sah hinüber zum übermächtig den Platz abschließenden Dom. Die herrliche Rosette über dem Portal des Domes glich einer Rettina, welche das sanfte Licht der Nachmittagsonne in sich aufnahm, um es im Innern des Gotteshauses gerecht zu verteilen. Ich bestellte mir einen Cognac, wandte mich dann mit folgenden Worten an “: Nur in der Vervielfältigung des Materials und dessen Verteilung ist das Glück einer längeren Dauer verbürgt. Seine Existenz ist nicht sicher, solange es noch ausgelöscht werden kann…” – “Ruhig”, sagte “ruhig, es ist längst schon verteilt. Die Schwierigkeit ist eine ganz andere.
    Ich hatte zu sehr an Umstände gedacht. Das war ein Anfall von Schwäche, den  mir nicht nachsah. Es war aber keine Empörung, was sie mir gegenüber empfand. Sondern das klare Erkennen einer Gefahr stieg in ihr auf, einer Gefahr, an der unser Vorhaben scheitern konnte, sie wurde einer feindlichen Welt gewahr, die herausgehalten werden musste und deren Hereinbrechen auf einen Fehler hinwies, auf einen Fehler, den wir übersehen haben mussten.
    Mitten im Nebel tauchten die Gegner auf, im Nebel des Sozialen, wo die Vielen sind, welche die Masse sind. Ein paar Leute nur waren zuständig für unseren “Fall”, es hätten aber auch alle sein können, denn das Gesetz, welchem sie folgten, war die Bewegung der Menge selbst. Wir konnten uns nicht wehren, wie wir es gegenüber offener Gewalt gekonnt hätten, sondern wir waren völlig gebunden, unsere Stärke war geradezu vernichtet. Wir konnten gegen diese Macht nicht ankämpfen, sie weder besiegen noch durch sie untergehen. Wir konnten uns ihr aber auch nicht entziehen, was bedeutet hätte, sie zu ignorieren, um in der Gewissheit der eigenen Stärke, zwar isoliert, jedoch entschlossen, die Schrift zu erhalten.
    Daher  : “Weil wir uns korrumpiert sehen , müssen wir uns eben an etwas anderes halten als wir es selbst sind. Wir sollten das Material sichten und auf bessere Zeiten hoffen, also alle Kraft und Aufmerksamkeit, alles Geschick, alle Unternehmungen der konservativen Aufgabe unterordnen.“
    ”Das Vorhandene erhalten!”
    “Ja.”

    Kommentar von Norbert W. Schlinkert
    Datum/Uhrzeit 6. Juni 2011 um 15:32

    Liebe Aléa,
    wie schrieb ich noch letztens, auch ganz kurz:
    Das Schlimmste an einer Diktatur sind nicht die jeweiligen Diktatoren, sondern die, die es gerne wären.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 6. Juni 2011 um 23:30

    Das klingt zunächst einmal nach Mitläufertum, Mitläufer sind immer machtlos, denn sie laufen ja nur mit, weder voraus noch hinterher. So kurze apodiktische Sätze rufen bei mir immer den Verdacht einer Sprachlosigkeit hervor, die hat mich selbst gerade ergriffen.

    @avenarius
    Aus dem Text lese ich leider gewisse elitär antidemokratische Gedanken heraus:

    “Mitten im Nebel tauchten die Gegner auf, im Nebel des Sozialen, wo die Vielen sind, welche die Masse sind.”

    Die Elite vergisst immer, dass sie selbst Masse ist, weil jeder einzelne gleichzeitig zur Masse gehört, ob er will oder nicht, egal wie “sametrot” sein Wein auch ist.
    Um mich mal ordentlich auszumeckern, die “konservative Aufgabe” müsste doch, wenn sie sich auf eine Schrift bezieht, eine konservatorische sein? Aber jetzt genug mit der Kritelei. Doch auch die hochgeschätzte Gastgeberin belästige ich noch mit einer Rechtschreibfrage: Müsste das Nomen “mitmachen” nicht groß geschrieben werden?

    @Norbert W. Schlinkert
    Klingt als käme nach jeder Revolution zwangsläufig wieder eine Diktatur. Aber sehen das die jetzt Unterdrückten genauso?

    Bücher – alles gefrorene Zeit…

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juni 2011 um 09:09

    Lieber Norbert,

    ich wusste nicht, ob, was ich da ohne Erklärung hinstelle, in den Augen und Ohren anderer auch so klingt und aussieht wie in meinen. Das weiß man oft nicht, aber in diesem Fall hatte ich mir tatsächlich überlegt, anzudeuten was ich meine. Ich sehe nur, dass das nicht notwendig war, denn so wie du es verstehst, wollte ich es verstanden wissen. In politischen Sinne. Ich meinte das einfache, unreflektierte Hinterherrennen, das derjenige, der es tut, gar nicht als Frage von Macht oder Machtlosigkeit empfindet. Und der deswegen auch gar nicht auf die Idee kommt, sein Tun zu ändern.

    Deine Äußerung geht allerdings über meine hinaus oder trifft eine andere Gruppe: Ich sprach von denen, die ohne Reflexion mitmachen. Du sprichst von denen, die mitmachen, weil sie selbst gerne vormachen wollten. Die sind viel gefährlicher als die, die bloß mitmachen. Aber in anderen als politischen Dimensionen, sind die Gefährlichen die Interessanten. Zum Beispiel beim Schreiben.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juni 2011 um 09:14

    Lieber Avenarius,

    vielen Dank für den poetischen Kommentar. Und wie das so ist, die Poesie bringt auch die poetische Form mit sich und mit der Form verlassen wir die Ebene des Eindeutigen. Das akademische und das journalistische Schreiben müssen sich damit nicht herumschlagen. Sie wollen nur das sagen, was sie tatsächlich aussagen. Die poetische Form hingegen will mehr. Sie will mehr als sie sagen könnte, wenn sie direkt spräche. Das ist mir persönlich ein ganz wichtiger Punkt: ich will als Schriftsteller mehr sagen als ich sagen könnte, wenn ich direkt spräche. Und ich kann da auch mehr als ich könnte. Und es ist mir ebenfalls wichtig, dass der vorhergehende Satz keine Vergleichsebene mehr hat, also etwa: ich kann da mehr als ich könnte, wenn …. Ich kann einfach mehr in der poetischen Form. Dazu will ich mal etwas schreiben. Das aber wäre ein akademischer Aufsatz, der über das hier hinausgeht, was ich hier machen kann.

    Meine Frage: was ist, wenn das, was man konservieren kann, nicht Wert ist konserviert zu werden. Wenn tatsächlich nur eine winzig kleine Elite Vorteil daraus zieht. Wenn das konservieren bereits ein korrumpieren ist?

    Ich frage nicht, um an Ihrem Text zu zweifeln. Ich frage, weil Sie einen poetischen Text einstellen und ich frage nach der konkret politischen Bedeutung.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. Juni 2011 um 09:16

    Lieber Dietmar,

    zur Elite: ich hoffe, dass genova sich noch melden wird. Ich bin auf der Suche nach der Definition eines Wortes, das er in den Ring geworfen hat: das Manierierte. In diesem Zusammenhang hatten wir auch bereits das Wort oder seinen Umkreis des elitären.

    Ich hatte den Satz von Avenarius so nicht gelesen, aber vielleicht sagt er noch etwas dazu.

    Dieser Satz, mein eigener, ist nicht Ausdruck von Sprachlosigkeit wie Sie an der Länge des vorherigen Artikels erkennen können. Ausdruck von Sprachlosigkeit ist eher die Menge von Kommentaren zu jenem. Ich versuche einfach verschiedene Dimensionen und Textformen zu bedienen und dazu gehören aphoristische ebenso wie die, die Norbert Schlinkert mal als Königsform bezeichnet hat: der Roman.

    Ich hatte es großgeschrieben, weil ich das auch so empfand. Dann habe ich es nachgeschaut, das gibt’s nicht als Substantiv, also habe ich es wieder kleingeschrieben. Aber ich meinte natürlich den substantiierten Gebrauch des Wortes. Und deswegen schreibe ich es jetzt wieder groß. Vielen Dank für den Hinweis!

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 7. Juni 2011 um 23:01

    Es kommt hier auf den Übergang von einer Klassengesellschaft zu einer Massengesellschaft an.
    In dieser „vergesellschafteten“ Menschheit verschwindet auch noch die letzte Spur von Handeln als einem zielgerichteten und für das Individuum verbindlichen menschlichen Tun. Es ist die die Massengesellschaft kennzeichnende Tatsache der „Arbeit“ als einer übergreifenden zentralen Kategorie, unter die sich unterschiedslos die Menschen subsumieren, eine Tatsache, die bereits bereits Karl Marx hinlänglich nachweisen konnte. Das historisch neue und unvergleichliche dieser Entdeckung veranlasste diesen großen Denker zu der Voraussage einer Harmonisierung der Interessen und schließlich jenem „Reich der Freiheit“, welches jedoch nicht eingetreten ist. Dass diese Massengesellschaft weit davon entfernt ist, den Zustand des „Glückes für die größte Anzahl“ zu verwirklichen hat sich inzwischen herumgesprochen. Die Literatur hierzu füllt ganze Bibliotheken.
    Moderne Demokratie und ihre Konzeptionen… Es liegt auf de r Hand, dass auch politische Verfassungen, so gut sie gemeint sind, nicht unberührt bleiben von sozialökonomischen Vorgängen. Sie müssen einen ständigen Funktionswandel erfahren. Über komplizierte bürokratische Entscheidungsketten wurde z. B die wirtschaftspolitische Neutralität des Grundgesetzes vor allem über den Umweg Europäische Union aufgegeben. Die EU ist streng auf eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik festgelegt; festgeschrieben in den Europäischen Verträgen, d. h. im Lissaboner Vertrag. Die europäische Zentralbank wird als unabhängige, d. h. d e m o k r a t i e f r e i e Institution in Art. 127 explizit auf die offene Marktwirtschaft verpflichtet.
    Daraus ergeben sich lauter politische Ziele von keinerlei Verfassungsrang und nur einfachgesetzlich abgesichert. Undsoweiter. Dies sind Beweise für die Einschränkung wirklicher Entscheidungsspielräume. Am Ende ist es so, dass der Wähler nur die Handlungen legalisiert, die später gegen ihn unternommen werden.
    Die Tatsache einer durch und durch institutionalisierten und technisierten Vermassung der Menschen führt -und darauf will die Erzählung hinaus- zu einer Schwächung des Denkens im Sinne einer Vernebelung hinsichtlich dessen, was oben von Frau Torik als das komperative „Mehr“ des Poetischen angesprochen wurde. Der am Ende des eingestellten Textes vorgeführte „Rückzug“ auf die konservative Position ist nicht das letzte Wort der ganzen noch weiter fort laufenden Erzählung. Am Ende geht es ja noch gut aus.

    Jedoch:

    Es ist ein Spruch von alten Zeiten her:
    Vor seinem Tod kann man von niemand wissen,
    Ob gut sein Leben oder schlecht verläuft.
    Ich aber weiß, eh ich zum Hades schreite,
    Daß meines schwer und unglückselig ist.

    (sophokles, die trachinierinnen)

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 8. Juni 2011 um 17:54

    Nur ein kurzer Dank für diese Erläuterungen. Gibt es die Erzählung irgendwo vollständig oder wird es sie geben. Ich würde sie gern lesen. Einen anderen Ausschnitt des Textes hatte ich schon einmal als PDF “konserviert”:

    http://buecherblogger.files.wordpress.com/2011/01/avenarius.pdf

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 9. Juni 2011 um 09:06

    Liebe Alea,
    als ich heute Morgen aufwachte ist mir noch im Bette liegend schlagend aufgefallen, dass ich Ihre Frage nach den Konsequenzen einer völligen Bestechlichkeit links liegen gelassen, einfach übergangen habe (wirklich radikale Fragen überhört man gern).
    Wenn das so wäre, ist meine Antwort, hätten alle Intellektuellen ihren Beruf verfehlt und müssten zu den Waffen greifen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. Juni 2011 um 09:25

    Lieber Avenarius,

    ich dachte, die Intellektuellen haben ihren Beruf verfehlt und griffen in ihrem Tun bereits zu den Waffen! Anders ausgedrückt: man hat den Intellektuellen erfunden, damit all die, die den Beruf verfehlt haben, sich doch noch austoben können.

    Wenns hinhaut: bald gibt es einen Artikel zum Thema Manierismus!

    Aléa

    Kommentar von genova
    Datum/Uhrzeit 12. Juni 2011 um 12:52

    Toller Satz, danke. Er ist übrigens nicht manieriert ;-)

    Falls Du nichts dagegen hast, nehme ich dich die Tage in meine Blogroll auf.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. Juni 2011 um 09:02

    Lieber genova,

    Der Satz gefällt mir auch. Den habe ich gefunden. In meinem Kopf. Ich vermute, dass auch noch andere Sätze sind. Oder vielmehr sind die nicht, die entstehen manchmal. Sie entstehen indem Worte aufeinanderstoßen. Ich muss lediglich die klimatischen Bedingungen für solche Kollisionen herstellen.

    Gerne lasse ich mich in anderer Leute Blogroll aufnehmen. Muss ich dann da etwas machen, Keller fegen oder so? Da kann ich nur vor mir warnen: ich bin wahnsinnig schlecht im Fegen.

    Aléa

    Kommentar von genova
    Datum/Uhrzeit 13. Juni 2011 um 18:04

    Nein, Aléa, du musst nichts machen, außer weiterschreiben. Und da ist “müssen” der falsche Begriff, denke ich.

    Suchte ich jemanden zum Kellerfegen, fragte ich wen anders :-)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 14. Juni 2011 um 22:36

    Lieber genova,
    das ist eine sehr gute Idee (fürs Fegen einen anderen zu fragen). Ich kann mit einem Besen in der Hand mehr Schaden anrichten, als du dir vorstellen kannst. Ich habe mit Kellerfegen schon Häuser zum Einsturz gebracht. Und frag mich bitte niemand, warum ich da den Keller fegen musste.
    Aléa

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    Datum/Uhrzeit 22. Juli 2011 um 14:09

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