10 Mai 2011
Die Kinder der Finsternis III : „Der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen“
Das ist ein kurioser Artikel. Ich sage hier sehr lange, was ich nicht machen will, dann mache ich es doch, aber nur kurz, um etwas anderen zu machen, was ich dann allerdings nicht mache und dann höre ich einfach auf. Unter einer Seminararbeit stünde: Thema verfehlt. Allerdings bin ich mit der Art und Weise meiner Verfehlung ganz zufrieden. Mit einem gelungenen Artikel könnte ich kaum zufriedener sein.
Das Thema des Artikels ist Fremdheit und Andersheit. Regelmäßige Leser und Leserinnen können sich denken, dass mich das sehr interessiert. Ich bin fasziniert von Fremden und es übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Ich weiß nicht, ob es das in geologischer oder geografischer Hinsicht ist, aber in ethnologischer Hinsicht ist Deutschland ein interessantes Gebiet. Und auch ein wenig befremdlich: hier rennen immer alle. In Siebenbürgen sitzt man auch schon mal am Straßenrand. Allerdings rennt man auch in Bukarest. Sogar noch schneller als hier. Aber man rennt anders. Man rennt in Bukarest so wie man in Siebenbürgen sitzt.
Ich schiebe diesen Artikel schon länger vor mir her. Fremdheit ist zwar ein Thema das mich interessiert, aber es ist ein schwieriges Thema. Ähnlich wie beim Kitsch-Artikel müsste ich für eine seriöse Darstellung enorm viele Abgrenzungen machen. Ich könnte etwas zu Julia Kristevas Interpretationsansatz in „Fremde sind wir uns selbst“ sagen. Julia Kristeva ist Bulgarin und in jungen Jahren nach Frankreich gekommen, wo sie schnell mit der literarischen und philosophischen Avantgarde in Berührung kam. Aber ihr Ansatz ist so komplex, das liest hier kein Mensch. Darüber hinaus müsste auch zwischen Fremdheit und Andersheit unterscheiden. Ich müsste zwischen kultureller und individueller Fremdheit unterscheiden. Ich müsste etwas dazu sagen, dass es uns leicht fällt, Fremdheit an der Hautfarbe zu identifizieren, schwer bis unmögliche allerdings, Fremdheit an der Haar- oder der Augenfarbe festzumachen. Ich müsste etwas dazu sagen, dass viele, was sie im Urlaub exotisch finden, zu Hause anders einschätzen. Da wo wir selbst fremd sind, wird Fremdheit anders bewertet als an Orten, an denen wir es nicht sind: Fremdheit ist kontextanhängig. Ich müsste versuchen, Typologien der Wahrnehmung zu finden und zu definieren. Ich müsste etwas zur Differenz von Multikulturalität und Interkulturalität sagen (hier ein Glossar). Ich müsste etwas zu einem Begriff sagen, der in meiner Wahrnehmung inzwischen häufig genannt wird: Cultural Citizenship. Damit wird eine kulturelle gegenüber einer nationalen Identität hervorgehoben. Seit einiger Zeit wird der Begriff Transnationalisierung gebraucht. Staatsbürgerschaften und Fußballnationalmannschaften sind in einer globalisierten Welt vielleicht nicht mehr aktuell. All das kann ich hier nicht tun.
Das Gefüge von Fremdem und Eigenem ist seltsam verschoben: was der eine als fremd empfindet, ist einem anderen das Eigene. Und denen das Fremde eigen ist, ist das Eigene anderer fremd. Diese Formulierung schreit schon nach einer These. Und da ich nicht arbeiten kann wenn geschrien wird, kommt diese These sofort hinterher: Das Fremde und das Eigene stehen sich nicht disparat gegenüber. Das vollkommen Fremde wäre nicht erlebbar. Das relativ Fremde hingegen kann erlebt werden und ist da entweder Faszination oder Irritation auslösend, Anziehung oder Abstoßung. Das relativ Fremde kann deswegen erlebt werden, weil es die Elemente des Eigenen mitbringt. Das Fremde ist uns ähnlich. Nur nicht ganz so ähnlich wie das Eigene. Aber vielleicht ist das Eigene uns auch gar nicht so ähnlich wie wir annehmen.
Ob Humunculus oder Golem, ob extraterretristische oder androide Erscheinungsform, sie alle sind nach unseren Ebenbild gestaltet: anthropomorph. Sie müssen möglichst unsere Gestalt oder unseren Verstand mitbringen, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger. Der Marsianer hat eine grünliche Hautfarbe, die, wenn er seekrank ist, ins fleischfarbene tendiert. Er isst gerne Lasagne und Lachs mit Dill und er hat Antennen auf dem Kopf, die beim Kauen ein wenig wackeln, was Marisanerinnen sehr sexy finden. Er isst mit den Fingern. Jedenfalls tut das der rumänische Marsianer. Ich kann mich an einen Film erinnern, aber nicht an seinen Titel. Das war eine solide Schweinerei. Ansonsten sind die Bewohner vom Mars wie die der Erde: glücklich, traurig, meist irgendwo dazwischen, und manchmal müde vom zurückliegenden oder vom bevorstehenden Tagwerk.
Das Fremde wird in „Die Kinder der Finsternis“, soweit ich sehe, in drei Dimensionen thematisiert. Da ist erstens das Nachbarland Kelguriens: Dschondis. Das ist die fremde Welt, die von den Mohren bewohnt wird. Zweitens ist da Fastrada, die dreizehn Jahre lang unter dem Namen Fatima mit den Mohren lebte. Sie hat an beiden Welten teil, ist aber weder in der einen noch in der anderen heimisch. Drittens ist da das Fremde im Eigenen. Auch das in drei Ausprägungen: der Jude Jared, der Verrückte Walo und die Weber, die mit ihren Töchtern, Müttern und Mägden schlafen und eine andere Vorstellung von der Sittlichkeit haben: „Gott habe den Menschen als Tier gemacht, damit er als Tier sich des Leibes erfreue, bevor er anfangen könne, sich emporzuläutern. Die Natur kenne kein Sittengesetz und kein Eigentum. Alles gehöre allen. Der Körper des Menschen sei gestiftet von dem Satans-Gott alten Bundes, die Seele von dem gütigen, messianischen Gott, und die messianische Seele befreie sich aus dem satanischen Körper allein dadurch, daß die Sinneslust ihn zu Schlacken verglühe.“
Kelgurien, die Mauretanische Mark, hat als historisches Vorbild die Provence. In dieser Gegend, im ganzen Mittelmeerraum haben die Araber ihren Einfluss geltend gemacht und ihre kulturellen Spuren hinterlassen (auf meiner Lebensreiseliste, auf der nicht viel steht, steht direkt neben New York die Alhambra: wer sich erinnert, ich hatte vor Jahr und Tag für eine geografische Neuordnung der Welt plädiert und da können diese beiden Orte nebeneinander liegen). Dafür steht Dschondis. Keine Frage, das ist die in vielem überlegene Kultur. „Die Moslemun nutzen ihr Land. Das Blachfeld des Schiedskampfes lag bereits umgepflügt und geschlammt; waffenlose Krieger bauten sich Hütten; man glaubte an das Wort der Verträge. Drüben in Kelgurien waren die Kastelle noch besetzt, der Karst noch Karst, die Ödnis noch Ödnis; Ruinen, Skelette, verbrannte Wälder. Nirgends unterwegs ein neues Haus, nirgends ein Anfang.
Ungewaschen betrat kein Mohammedaner die Mosche; die Mönche zu Sankt Maximin wuschen morgens ihre Hände; das Gesicht zu waschen war ihnen freigestellt; die Füße säuberte der Bruder dem Bruder jeden vierzehnten Tag, ein Bad erlaubte die Ordensregel zweimal im Jahr. Sie schliefen in der Kutte auf Stroh; sie arbeiteten in der Kutte auf den Feldern. Selbst die Felder rochen nicht so wie sie hätten riechen müssen; in Dschondis rochen sie nach Wasser, Fruchtbarkeit und Vernunft. Dem Abte zu trauen, hieß das: dem Herrn vorgreifen; ein frommer Abt wartete, bis Gott regnen ließ; ließ er es nicht regnen, erntete man nicht. Dom Peregrin fragte, ob der Regen Weihwasser sei; die Brüder bekreuzigten sich; und ob man einen Bach, den man herbeileite, nicht segnen können. Abt und Prior versprachen, die Frage prüfen zu wollen.“
Wasser ist ein zentrales Thema dieses Romans. Es beginnt mit einem Regenschauer, mit einer Furt, die nur schwer zu queren ist, mit einem Staudamm, den Barral bauen will. Am Ende investiert er die letzen Jahre seines Lebens darin, einen Bach zu teilen und sein Land fruchtbar zu machen. Der Umgang mit Wasser ist es, was die fremde Kultur so überlegen macht. Jeden Wunsch erfüllt der Imam seinem Freund Barral, aber den Wunsch nach dem „Instrumentarium“, den erfüllt er ihm nicht. Das ging über die Freundschaft hinaus und alle Bitten nach näheren Informationen werden Barral abgeschlagen. Das wäre Wirtschafts- und Wasserspionage. In Kelgurien diskutiert man Jahr und Tag darüber, ob das Wasser aus der Erde heidnischer oder himmlischer Herkunft sei. Und kann sich schließlich doch nicht einigen, so dass das Grundwasser vorerst nicht aus der Erde hochgeholt werden und auf die heimische Scholle geleitet werden darf. Man muss auf den nächsten Regen wartet, denn der kommt von oben und muss deswegen von Gott sein. Man muss warten, auch wenn die Menschen dabei verdursten. Mit Gott zu verdursten ist besser als ohne Gott zu leben.
Auch der Glaube der Mohren ist überlegen: „Das ist eine Religion mit Verstand: hopp! Vom Schlachtfeld ins Paradies, ohne langes Warten auf Jüngstes Gericht. … es verhält sich so, der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen, weil ihm für da oben ein Harem versprochen wurde, den er hernieden sich nicht leisten kann, und wovon er da oben sofort etwas hat.“ Die Mohren in Dschondis sind die besseren Mediziner, die besseren Landwirte, sie sind systematischer in ihrem Handeln, allerdings auch rücksichtsloser gegenüber Unterlegenen und inferioren Kulturen: „Hier zieht man es vor zu leben. Für das Sterben hält man sich Sklaven.“ Vor allem aber haben die Mohren eine andere Auffassung von Zeit, von Zukunft, von Vorausbestimmung und Geschick. Eine Auffassung, die wir als Fatalismus bezeichnen würden.
Aber was heißt hier ‚wir‘? In Rumänien ist das Verhältnis zur Zukunft auch ein anderes als in Deutschland, ein möglicherweise fatalistischeres. Hexen und Wahrsager haben dort Konjunktur. Das ist nicht nur dummes, rückständiges Zeug: wenn man die Zukunft voraussagen kann, wenn sie feststeht, dann ist sie damit auch erreichbar. Dann ist sie umsetzbar. Ein offenes Verhältnis zur Zukunft, das einzig durch die Möglichkeit charakterisiert wird, ist vielleicht das fortschrittlichere, effektivere Modell, aber nicht unbedingt das bessere. Zentral ist auch hier das Verhältnis von Fremdem und Eigenem. Jeder kolonialistische Ton ist dabei fehl am Platz. Es ist nicht so, dass die Welt nur auf eine Weise existiert. Die Vorstellungen eines Physikers von Endlichkeit und Unendlichkeit ist anders als die eines gläubigen Katholiken. Das eine ist nicht richtiger als das andere. Es ist näher oder ferner, eigener oder fremder. Die Schulmedizin ist nicht die einzige Art und Weise, Krankheiten zu behandeln. Sie sind nur dann ohne Alternative, wenn man bedingungslos an die Kausalität glaubt. Wenn man alles andere diesem einen Gott unterwirft.
Die in der sogenannten kultivierten Welt herrschende Zeitauffassung – zwei wie ich finde, exzellente Artikel, eins, zwei – ist nicht wie sie ist, weil sie die Wahrheit beschreibt. Sie ist vielmehr gewachsen. Sie hat sich durchgesetzt gegen andere Auffassungen die auch ihre Vorteile hatten, sich aber nicht haben durchsetzen können. Langsam hat sich eine chronologische Auffassung von der Zeit Bahn gebrochen , eine sukzessive fortschreitende Auffassung gegenüber einer kairotischen , die eher den Zufall und die Gelegenheit betont. Das ist eine allegorischere Auffassung, von Zeit. Sie ist allegorisch und daher weniger effizient. Effizienz aber ist in der Zeitauffassung der westlichen Gesellschaften kein unwichtiger Wert. Und was einst aus diesem Zeitbegriff heraus musste, wird heute, soweit ich das sehe gerne in therapeutischen Ansätzen, wieder hereingenommen .
Die Zukunft in Dschondis ist nicht offen, der Gang des Lebens liegt in den Sternen. Die muss man nur zu lesen verstehen. Die Astrologen wurden, wenn sie Dinge vorhersagten die den Herren nicht passten, nicht selten einen Kopf kürzer gemacht. Also sagte man voraus, was den Herren vermutlich passten könnte. Ganz so verschiedenen von dem, was wir Zukunft nennen, ist das nicht. Auch wir stellen, wenn wir uns die Zukunft vorstellen, das vor, was uns genehm ist, ob wir es aus dem Gang der Sterne herauslesen oder aus unseren Handlungen. Handlungen, die wir, wenn sie den anderen nicht genehm sind, anpassen müssen. Man müsste sich also das Substantiv ‚Handlung‘ ansehen. Was Handlung ist, das steht allerdings eher in den Sternen als bei Wikipedia.
Wir leben in einer Gesellschaft in der das Planen eine große Rolle spielt. Wir haben einige tausend kleine und einen großen, einen Lebensplan. Der dann plötzlich wertlos wird, wenn uns unser Mann für eine jüngere, hübschere verlässt, oder weil es mit ihr mehr Spaß im Bett macht; wenn wir einen Infarkt bekommen oder die Börse pleitegeht oder wir plötzlich und unerwartet mit der Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert werden. Wenn wir nichts tun können, um die Situation zu ändern: dann wird Handlung anders bewertet. Dann erkennen wir, dass die Handlung so wichtig nicht ist, nicht im Leben und auch nicht in den Romanen. Und das es vielleicht besser gewesen wäre, auf die Sterne zu hören. Also auf das, was man aus dem Gang der Dinge hätte heraushören können. Wenn man auf seine Sinnlichkeit gehört hätte, wenn man gelernt hätte, das zu sehen, was ganz offensichtlich daliegt. Statt immer nur auf die Kausalität. Wir fahren mit hundert gegen die Wand und meinen dann, im Sterben liegend, dass es die Kausalität gewesen ist, die uns umgebracht hat.
Die Zukunft aus den Sternen herauslesen oder aus unseren eigenen Handlungen, das ist so verschieden nicht.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 10th, 2011 unter - Niebelschütz, Wolf von: Die Kinder der Finsternis, Lessons & Lectures, voluminös












Kommentar von avenarius
Datum/Uhrzeit 11. Mai 2011 um 09:28
Dieses, verehrte Alea, ist natürlich einer Ihrer besseren Artikel.
Dass die Ruine dem noch im Entstehen begriffenen Bauwerke gleiche hat Goethe bemerkt.
Zu Ihrem sehr interessanten Artikel möchte ich noch einiges sagen, benötige aber noch Zeit. Gegenwärtig habe ich keine Zeit.