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  • 10 Mai 2011

    Die Kinder der Finsternis III : „Der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen“

    Das ist ein kurioser Artikel. Ich sage hier sehr lange, was ich nicht machen will, dann mache ich es doch, aber nur kurz, um etwas anderen zu machen, was ich dann allerdings nicht mache und dann höre ich einfach auf. Unter einer Seminararbeit stünde: Thema verfehlt. Allerdings bin ich mit der Art und Weise meiner Verfehlung ganz zufrieden. Mit einem gelungenen Artikel könnte ich kaum zufriedener sein.

    Das Thema des Artikels ist Fremdheit und Andersheit. Regelmäßige Leser und Leserinnen können sich denken, dass mich das sehr interessiert. Ich bin fasziniert von Fremden und es übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Ich weiß nicht, ob es das in geologischer oder geografischer Hinsicht ist, aber in ethnologischer Hinsicht ist Deutschland ein interessantes Gebiet. Und auch ein wenig befremdlich: hier rennen immer alle. In Siebenbürgen sitzt man auch schon mal am Straßenrand. Allerdings rennt man auch in Bukarest. Sogar noch schneller als hier. Aber man rennt anders. Man rennt in Bukarest so wie man in Siebenbürgen sitzt.

    Ich schiebe diesen Artikel schon länger vor mir her. Fremdheit ist zwar ein Thema das mich interessiert, aber es ist ein schwieriges Thema. Ähnlich wie beim Kitsch-Artikel müsste ich für eine seriöse Darstellung enorm viele Abgrenzungen machen. Ich könnte etwas zu Julia Kristevas Interpretationsansatz in „Fremde sind wir uns selbst“ sagen. Julia Kristeva ist Bulgarin und in jungen Jahren nach Frankreich gekommen, wo sie schnell mit der literarischen und philosophischen Avantgarde in Berührung kam. Aber ihr Ansatz ist so komplex, das liest hier kein Mensch. Darüber hinaus müsste auch zwischen Fremdheit und Andersheit unterscheiden. Ich müsste zwischen kultureller und individueller Fremdheit unterscheiden. Ich müsste etwas dazu sagen, dass es uns leicht fällt, Fremdheit an der Hautfarbe zu identifizieren, schwer bis unmögliche allerdings, Fremdheit an der Haar- oder der Augenfarbe festzumachen. Ich müsste etwas dazu sagen, dass viele, was sie im Urlaub exotisch finden, zu Hause anders einschätzen. Da wo wir selbst fremd sind, wird Fremdheit anders bewertet als an Orten, an denen wir es nicht sind: Fremdheit ist kontextanhängig. Ich müsste versuchen, Typologien der Wahrnehmung zu finden und zu definieren. Ich müsste etwas zur Differenz von Multikulturalität und Interkulturalität sagen (hier ein Glossar). Ich müsste etwas zu einem Begriff sagen, der in meiner Wahrnehmung inzwischen häufig genannt wird: Cultural Citizenship. Damit wird eine kulturelle gegenüber einer nationalen Identität hervorgehoben. Seit einiger Zeit wird der Begriff Transnationalisierung gebraucht. Staatsbürgerschaften und Fußballnationalmannschaften sind in einer globalisierten Welt vielleicht nicht mehr aktuell. All das kann ich hier nicht tun.

    Das Gefüge von Fremdem und Eigenem ist seltsam verschoben: was der eine als fremd empfindet, ist einem anderen das Eigene. Und denen das Fremde eigen ist, ist das Eigene anderer fremd. Diese Formulierung schreit schon nach einer These. Und da ich nicht arbeiten kann wenn geschrien wird, kommt diese These sofort hinterher: Das Fremde und das Eigene stehen sich nicht disparat gegenüber. Das vollkommen Fremde wäre nicht erlebbar. Das relativ Fremde hingegen kann erlebt werden und ist da entweder Faszination oder Irritation auslösend, Anziehung oder Abstoßung. Das relativ Fremde kann deswegen erlebt werden, weil es die Elemente des Eigenen mitbringt. Das Fremde ist uns ähnlich. Nur nicht ganz so ähnlich wie das Eigene. Aber vielleicht ist das Eigene uns auch gar nicht so ähnlich wie wir annehmen.

    Ob Humunculus oder Golem, ob extraterretristische oder androide Erscheinungsform, sie alle sind nach unseren Ebenbild gestaltet: anthropomorph. Sie müssen möglichst unsere Gestalt oder unseren Verstand mitbringen, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger. Der Marsianer hat eine grünliche Hautfarbe, die, wenn er seekrank ist, ins fleischfarbene tendiert. Er isst gerne Lasagne und Lachs mit Dill und er hat Antennen auf dem Kopf, die beim Kauen ein wenig wackeln, was Marisanerinnen sehr sexy finden. Er isst mit den Fingern. Jedenfalls tut das der rumänische Marsianer. Ich kann mich an einen Film erinnern, aber nicht an seinen Titel. Das war eine solide Schweinerei. Ansonsten sind die Bewohner vom Mars wie die der Erde: glücklich, traurig, meist irgendwo dazwischen, und manchmal müde vom zurückliegenden oder vom bevorstehenden Tagwerk.

    Das Fremde wird in „Die Kinder der Finsternis“, soweit ich sehe, in drei Dimensionen thematisiert. Da ist erstens das Nachbarland Kelguriens: Dschondis. Das ist die fremde Welt, die von den Mohren bewohnt wird. Zweitens ist da Fastrada, die dreizehn Jahre lang unter dem Namen Fatima mit den Mohren lebte. Sie hat an beiden Welten teil, ist aber weder in der einen noch in der anderen heimisch. Drittens ist da das Fremde im Eigenen. Auch das in drei Ausprägungen: der Jude Jared, der Verrückte Walo und die Weber, die mit ihren Töchtern, Müttern und Mägden schlafen und eine andere Vorstellung von der Sittlichkeit haben: „Gott habe den Menschen als Tier gemacht, damit er als Tier sich des Leibes erfreue, bevor er anfangen könne, sich emporzuläutern. Die Natur kenne kein Sittengesetz und kein Eigentum. Alles gehöre allen. Der Körper des Menschen sei gestiftet von dem Satans-Gott alten Bundes, die Seele von dem gütigen, messianischen Gott, und die messianische Seele befreie sich aus dem satanischen Körper allein dadurch, daß die Sinneslust ihn zu Schlacken verglühe.“

    Kelgurien, die Mauretanische Mark, hat als historisches Vorbild die Provence. In dieser Gegend, im ganzen Mittelmeerraum haben die Araber ihren Einfluss geltend gemacht und ihre kulturellen Spuren hinterlassen (auf meiner Lebensreiseliste, auf der nicht viel steht, steht direkt neben New York die Alhambra: wer sich erinnert, ich hatte vor Jahr und Tag für eine geografische Neuordnung der Welt plädiert und da können diese beiden Orte nebeneinander liegen). Dafür steht Dschondis. Keine Frage, das ist die in vielem überlegene Kultur. „Die Moslemun nutzen ihr Land. Das Blachfeld des Schiedskampfes lag bereits umgepflügt und geschlammt; waffenlose Krieger bauten sich Hütten; man glaubte an das Wort der Verträge. Drüben in Kelgurien waren die Kastelle noch besetzt, der Karst noch Karst, die Ödnis noch Ödnis; Ruinen, Skelette, verbrannte Wälder. Nirgends unterwegs ein neues Haus, nirgends ein Anfang.

    Ungewaschen betrat kein Mohammedaner die Mosche; die Mönche zu Sankt Maximin wuschen morgens ihre Hände; das Gesicht zu waschen war ihnen freigestellt; die Füße säuberte der Bruder dem Bruder jeden vierzehnten Tag, ein Bad erlaubte die Ordensregel zweimal im Jahr. Sie schliefen in der Kutte auf Stroh; sie arbeiteten in der Kutte auf den Feldern. Selbst die Felder rochen nicht so wie sie hätten riechen müssen; in Dschondis rochen sie nach Wasser, Fruchtbarkeit und Vernunft. Dem Abte zu trauen, hieß das: dem Herrn vorgreifen; ein frommer Abt wartete, bis Gott regnen ließ; ließ er es nicht regnen, erntete man nicht. Dom Peregrin fragte, ob der Regen Weihwasser sei; die Brüder bekreuzigten sich; und ob man einen Bach, den man herbeileite, nicht segnen können. Abt und Prior versprachen, die Frage prüfen zu wollen.“

    Wasser ist ein zentrales Thema dieses Romans. Es beginnt mit einem Regenschauer, mit einer Furt, die nur schwer zu queren ist, mit einem Staudamm, den Barral bauen will. Am Ende investiert er die letzen Jahre seines Lebens darin, einen Bach zu teilen und sein Land fruchtbar zu machen. Der Umgang mit Wasser ist es, was die fremde Kultur so überlegen macht. Jeden Wunsch erfüllt der Imam seinem Freund Barral, aber den Wunsch nach dem „Instrumentarium“, den erfüllt er ihm nicht. Das ging über die Freundschaft hinaus und alle Bitten nach näheren Informationen werden Barral abgeschlagen. Das wäre Wirtschafts- und Wasserspionage. In Kelgurien diskutiert man Jahr und Tag darüber, ob das Wasser aus der Erde heidnischer oder himmlischer Herkunft sei. Und kann sich schließlich doch nicht einigen, so dass das Grundwasser vorerst nicht aus der Erde hochgeholt werden und auf die heimische Scholle geleitet werden darf. Man muss auf den nächsten Regen wartet, denn der kommt von oben und muss deswegen von Gott sein. Man muss warten, auch wenn die Menschen dabei verdursten. Mit Gott zu verdursten ist besser als ohne Gott zu leben.

    Auch der Glaube der Mohren ist überlegen: „Das ist eine Religion mit Verstand: hopp! Vom Schlachtfeld ins Paradies, ohne langes Warten auf Jüngstes Gericht. … es verhält sich so, der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen, weil ihm für da oben ein Harem versprochen wurde, den er hernieden sich nicht leisten kann, und wovon er da oben sofort etwas hat.“ Die Mohren in Dschondis sind die besseren Mediziner, die besseren Landwirte, sie sind systematischer in ihrem Handeln, allerdings auch rücksichtsloser gegenüber Unterlegenen und inferioren Kulturen: „Hier zieht man es vor zu leben. Für das Sterben hält man sich Sklaven.“ Vor allem aber haben die Mohren eine andere Auffassung von Zeit, von Zukunft, von Vorausbestimmung und Geschick. Eine Auffassung, die wir als Fatalismus bezeichnen würden.

    Aber was heißt hier ‚wir‘? In Rumänien ist das Verhältnis zur Zukunft auch ein anderes als in Deutschland, ein möglicherweise fatalistischeres. Hexen und Wahrsager haben dort Konjunktur. Das ist nicht nur dummes, rückständiges Zeug: wenn man die Zukunft voraussagen kann, wenn sie feststeht, dann ist sie damit auch erreichbar. Dann ist sie umsetzbar. Ein offenes Verhältnis zur Zukunft, das einzig durch die Möglichkeit charakterisiert wird, ist vielleicht das fortschrittlichere, effektivere Modell, aber nicht unbedingt das bessere. Zentral ist auch hier das Verhältnis von Fremdem und Eigenem. Jeder kolonialistische Ton ist dabei fehl am Platz. Es ist nicht so, dass die Welt nur auf eine Weise existiert. Die Vorstellungen eines Physikers von Endlichkeit und Unendlichkeit ist anders als die eines gläubigen Katholiken. Das eine ist nicht richtiger als das andere. Es ist näher oder ferner, eigener oder fremder. Die Schulmedizin ist nicht die einzige Art und Weise, Krankheiten zu behandeln. Sie sind nur dann ohne Alternative, wenn man bedingungslos an die Kausalität glaubt. Wenn man alles andere diesem einen Gott unterwirft.

    Die in der sogenannten kultivierten Welt herrschende Zeitauffassung – zwei wie ich finde, exzellente Artikel, einszwei – ist nicht wie sie ist, weil sie die Wahrheit beschreibt. Sie ist vielmehr gewachsen. Sie hat sich durchgesetzt gegen andere Auffassungen die auch ihre Vorteile hatten, sich aber nicht haben durchsetzen können. Langsam hat sich eine chronologische Auffassung von der Zeit Bahn gebrochen , eine sukzessive fortschreitende Auffassung gegenüber einer kairotischen , die eher den Zufall und die Gelegenheit betont. Das ist eine allegorischere Auffassung, von Zeit. Sie ist allegorisch und daher weniger effizient. Effizienz aber ist in der Zeitauffassung der westlichen Gesellschaften kein unwichtiger Wert. Und was einst aus diesem Zeitbegriff heraus musste, wird heute, soweit ich das sehe gerne in therapeutischen Ansätzen, wieder hereingenommen .

    Die Zukunft in Dschondis ist nicht offen, der Gang des Lebens liegt in den Sternen. Die muss man nur zu lesen verstehen. Die Astrologen wurden, wenn sie Dinge vorhersagten die den Herren nicht passten, nicht selten einen Kopf kürzer gemacht. Also sagte man voraus, was den Herren vermutlich passten könnte. Ganz so verschiedenen von dem, was wir Zukunft nennen, ist das nicht. Auch wir stellen, wenn wir uns die Zukunft vorstellen, das vor, was uns genehm ist, ob wir es aus dem Gang der Sterne herauslesen oder aus unseren Handlungen. Handlungen, die wir, wenn sie den anderen nicht genehm sind, anpassen müssen. Man müsste sich also das Substantiv ‚Handlung‘ ansehen. Was Handlung ist, das steht allerdings eher in den Sternen als bei Wikipedia.

    Wir leben in einer Gesellschaft in der das Planen eine große Rolle spielt. Wir haben einige tausend kleine und einen großen, einen Lebensplan. Der dann plötzlich wertlos wird, wenn uns unser Mann für eine jüngere, hübschere verlässt, oder weil es mit ihr mehr Spaß im Bett macht; wenn wir einen Infarkt bekommen oder die Börse pleitegeht oder wir plötzlich und unerwartet mit der Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert werden. Wenn wir nichts tun können, um die Situation zu ändern: dann wird Handlung anders bewertet. Dann erkennen wir, dass die Handlung so wichtig nicht ist, nicht im Leben und auch nicht in den Romanen. Und das es vielleicht besser gewesen wäre, auf die Sterne zu hören. Also auf das, was man aus dem Gang der Dinge hätte heraushören können. Wenn man auf seine Sinnlichkeit gehört hätte, wenn man gelernt hätte, das zu sehen, was ganz offensichtlich daliegt. Statt immer nur auf die Kausalität. Wir fahren mit hundert gegen die Wand und meinen dann, im Sterben liegend, dass es die Kausalität gewesen ist, die uns umgebracht hat.

    Die Zukunft aus den Sternen herauslesen oder aus unseren eigenen Handlungen, das ist so verschieden nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 11. Mai 2011 um 09:28

    Dieses, verehrte Alea, ist natürlich einer Ihrer besseren Artikel.
    Dass die Ruine dem noch im Entstehen begriffenen Bauwerke gleiche hat Goethe bemerkt.
    Zu Ihrem sehr interessanten Artikel möchte ich noch einiges sagen, benötige aber noch Zeit. Gegenwärtig habe ich keine Zeit.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. Mai 2011 um 21:40

    Lieber Avenarius,

    lassen Sie sich Zeit (angeblich ist das ja der Gruß unter Philosophen). Ich habe mir ja auch Zeit gelassen. Ich würde jetzt sagen wollen: es läuft nicht weg. Aber das wissen wir nicht, denn wie alles seine Zeit hat, so hat auch alles sein Verfallsdatum. Aber nach allgemein menschlichem und auch nach meinem Ermessen, können Sie sich viel Zeit lassen.

    Wir werden zusammen herauszufinden versuchen, ob der Artikel, der Ansatz, ruinös ist oder etwas taugt.
    Aléa

    Kommentar von Phorkyas
    Datum/Uhrzeit 11. Mai 2011 um 22:24

    Dann erkennen wir, dass die Handlung so wichtig nicht ist, nicht im Leben und auch nicht in den Romanen. Und das es vielleicht besser gewesen wäre, auf die Sterne zu hören. Also auf das, was man aus dem Gang der Dinge hätte heraushören können.

    Darf ich das auch taoistisch auffassen? (Apropos: Taoismus, der scheint für mich Fremden ja auch manchmal nahe am Fatalismus – auch wenn natürlich eher das Gegenteil: hört man den Gang der Dinge nur genau genug, so ist schon mit dem Nichtstun alles getan, mit einer infinitesemalen Bewegung der Hand, das Ruder bewegt… ach, und war es nicht ein Taoist und Physiker, der mir mal ein Horoskop erstellte und mir erklärte wie Wasser oder Regen für sie Chaos bedeutete… und jetzt würde ich auch gerne so wunderbar abschweifen wie Sie, ..es war eine Freude Ihren Text zu lesen, aber es würde mir nicht gelingen)

    PS. Leider kenne ich Niebelschütz bisher nur aus Besprechungen – in Bezug auf die Mohren und Geschichte Spaniens habe ich daher nur die Jüdin von Toledo im Hinterkopf (..ich glaube die Typologie war dort ungefähr so: die kulturell und wirtschaftlich fortschrittlicheren Mosleme müssen der grobschlächtigen Dynamik der Christen weichen, die Liebesbeziehung über die kulturelle Grenze hinweg zerbricht {ein Wunde: bezugnehmend auf dieses Buch versuchte ich einmal schlichtend, diffundierend in eine Kulturkampfdebatte einzugreifen, erlitt aber Schiffbruch – ja, bei manchen dieser Verteidigern des Abendlandes und christlichen Werte fühle ich mich dann schon fremd im Eigenen.})

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. Mai 2011 um 08:40

    Lieber Phorkyas,

    ich wollte nicht den Wert von Handlungen herabsetzen oder mindern. Nicht im Allgemeinen jedenfalls. Ich wollte ihn nur als in der Regel wenig geeignet, bisweilen sogar völlig ungeeignet, bezeichnen, was das Erreichen eines bestimmten Ziels angeht. Wenn man aber, was das Ziel betrifft, variabel ist, wenn man (Mann) eine Frau anspricht, die nicht will, und man (Mann) dann auch mit einer anderen zufrieden ist, die sehr wohl will, dann hat man (Mann) in gewisser Weise ja sein Ziel erreicht.

    Spaß beiseite! Wie oft tun wir Dinge, mit denen wir nicht erreichen, was wir erreichen wollten. Wie oft enden unsere Handlungen irgendwo auf halbem Weg? In Lebensläufen muss man ja immer seine Erfolge auflisten, deswegen sind die oft so kurz. Und nicht, weil ihr Autor/rin sich prägnant hat ausdrücken können.

    Ob man nun jahrelang zur Psychoanalyse geht oder zum Teufelsaustreiber und Wahrsager: natürlich sind das Unterscheide, möglicherweise mehr als nur gradueller Natur. Aber beides sind kulturell erlernte Verhaltens- und Verstehensweisen mit mittels derer die Subjekte auf eine bestimmte Weise auf die Umwelt reagieren.

    Ich wehre mich gegen eine Begrifflichkeit, die in seriösen Diskussionen schon lange nicht mehr gebraucht wird, aber in vielen Zusammenhängen die sich auf Xenophobie zurückführen lassen, immer noch in den Köpfen herum spukt, die der höher und nieder entwickelten Kulturen. Mir hat mal jemand gesagt, das war noch im Umkreis von „Unendlicher Spaß“, ich sei ja inzwischen in der „Hochkultur“ angekommen.

    Ich habe das Verb „hören“ in dem Artikel tatsächlich aktiv gewählt (was ich nicht mit jedem Wort tue, die meisten Worte kommen einfach und sie stehen dann in dem Artikel, weil ich nichts dagegen getan habe): man muss in vielen Dingen feinsinnig sein und auf seine Wahrnehmungen hören. Meine eigenen Verhaltensweisen sagen mir vielleicht mehr über mein Verhältnis, mein allgemeines Verhalten, zu Zukünftigem als die jeweils tatsächliche Handlung, mit der ich dann auf die Außenwelt reagiere.

    Ich wollte nicht sagen, dass ich, wenn ich es nicht bewusst tue, in die Uni fahren nämlich, dennoch dort ankommen könnte. Ich muss es tun, um das Ziel zu erreichen. Und dennoch: ist das mechanische Aufstehen eine Handlung? Ist das in-die-Uni-gehen ein Ziel? Auf dieser Ebene wollte ich es verhandelt wissen. Was ist eine Handlung?

    Was ist ein Baum? Ich erinnere mich an einen Witz: eine Gruppe Philosophen sitzt unter einem Baum. Die Männer versuchen den ganzen Tag zu definieren, was ein Baum ist; was zu dem Baum dazugehört und was nicht; was man weglassen könnte und es wäre dennoch ein Baum. Am Abend kommt ein Liebespaar und legt sich knutschend unter den Baum. Und die Philosophen fragen sich, ob das notwendig zu der Definition von Baum dazugehört.

    Wir verstehen: knutschen ist eine Handlung, aber kein Baum!

    Ich muss zur Uni!

    Aléa

    Kommentar von Phorkyas
    Datum/Uhrzeit 16. Mai 2011 um 23:56

    Liebe Aléa,

    zum Glück schrieben sie noch “kulturell erlernte” – letztens rutschte mir da doch schon ein “anerzogen” und ja “herangezüchtet” heraus.. und wäre dann Kultur auch eines dieses Instrumente, den Menschen klein zu züchten?

    Im Gegenteil so hoffe ich. All diese wunderbar-abstrusen, sinnlosen Kulturdinge. Dass die Leute sich einreden, sie müssten vor Farbklecksen erfuhrchtsvoll erstarren, sich schwere, alkoholische Getränke zuführen, die Lunge verteeren, abstrusen Textgirlanden hinterherschmökern oder Glühbirnen vermissen – Da bin ich gern dabei (z.B. grünen Tee – Yogi-Tee find ich zwar auch nicht schlecht, besonders mit Süßholz,.. aber momentan ist es literweise Jasmin-Tee..)

    „Hochkultur“ das klingt schon nach perversem Invektiv (tja, wer sich mit der Hochkultur ins Bette legt, der kann sich gleich einsargen… aber wir doch nicht, mögen wir die Assozitationsgirlanden noch weinselig in alle Richtungen werfen, uns in Sätze verstricken aus denen wir selbst nicht mehr herauswissen, solange die Party nicht vorbei – Handeln das setzte wohl ein Bewusstsein voraus, aber kein so ver{schl}eiertes…
    So jetzt ist das Lied aber schon vorbei – http://www.youtube.com/watch?v=HmgO1H6fkG4&feature=related – Text {zum Glück} aus.)

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 21. Mai 2011 um 09:16

    Ein Zeichen sind wir, deutungslos…………
    …..lang ist die Zeit, es ereignet sich aber
    das Wahre.

    Aus einem Entwurf zu dem Gedicht „Mnemosyne“ von Hölderlin.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 22. Mai 2011 um 10:02

    Lieber Avenarius,

    nachdem Sie mir in der vergangenen Woche einen Kommentar zu Niebelschütz angekündigt hatten, ein Kommentar, zu dem Sie, wie Sie schrieben, mangels Zeit gerade nicht kommen, hatte ich angenommen, es handelte sich um einen Kommentar, der in erster Linie mit seiner schieren Masse auf sich aufmerksam machen würde. Ich hatte mich alos schon in das erwartete Thema eingearbeitet, nämlich osteuropäische und mitteleuropäische Flugrouten und Landerechte von Marsschiffen. Das hat mich kalt erwischt, jetzt kommen Sie mit Hölderlin.

    Da muss ich also noch mal umdenken.

    „Es ereignet sich aber das Wahre“. Das ist doch Hegel. Das ist doch die Auffassung, der auch Karl Marx irrigerweise unterlag, als er glaubte, das Absolute, das Wahre werde sich schon ereignen. Das ist die Auffassung, das Gute werde sich durchsetzen. Wenn Sie mal kurz aus dem Fenster schauen: haben Sie den Eindruck, dass das Gute sich durchgesetzt hat. Oder dass es sich morgen durchsetzt? Das Gute würde sich durchsetzen, wenn es nicht einen mächtigen Gegner hätte: das Schlechte. Oder ist das zu sehr in Antinomien gedacht. Und die Wahrheit liegt dazwischen. Zwischen den Zeilen.

    Das habe ich jetzt nur so hingeschrieben. Beinahe ohne nachzudenken. Eher im Affekt.

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 22. Mai 2011 um 15:24

    Fasst hätten Sie im Affekt schon ins Schwarze getroffen. Die gegenseitige Entsprechung der beiden, Hegel und Hölderlin, gibt es tatsächlich. Es ist aber eben nur eine anfängliche Identität, bezogen auf die Schulzeit im Stift, wo sie mit Schelling ein Zimmer sich teilten. Oder bezogen auf den dort gemeinsam gepflanzten Maibaum, der als Symbol für die Hoffnung, es werde das Wahre sich auch wirklich ereignen, steht. Allein die Wege trennten sich bald. Was der Dichter als das Wahre vorstellt ist nun etwas ganz anderes als das Wahre des Staatsphilosophen, von dem Marx dann meinte, es noch auf „die Füße stellen“ zu müssen. Inwiefern und inwieweit dies gelang ist umfangreich diskutiert worden, und nicht wenige natürlich viel kleinere als Marx ließen sich immer spitzfindigere, stellenweise recht gut bezahlte Diskursbeiträge einfallen. Die nach Marx etwas zu sagen hatten kamen anderswo her.
    „Lang ist die Zeit“ , die wir, ein Zeichen gleichwohl, „deutungslos, schmerzlos sind“.
    Wie aber kann, in Ansehung dessen, dass wir „die Sprache in der Fremde verloren“ sich e r e i g n e n – das Wahre? Der Dichter sagt, was er sagt, nicht nach Methode und System des Philosophen.
    Der Vollzug des Wahren im Sinne von Hegels Weltgeist als Entäußerung des Begriffes in Form eines preußischen Staates käme dann plumper Gewalt gleich, denn ein abstrakt über die Menschen kommendes Gesetz schlägt in Gewalt um. Jedoch Gesetze e r e i g n e n sich nicht, sie werden gesetzt. Hinter dem Medusenhaupt des Gesetzes stehen Interesse und Macht.
    „Es ereignet sich aber das Wahre.“ Dies ist der öffnende Hinweis vorm Abgrund, an dem kein Zeichen nicht gezeichnet ist.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 22. Mai 2011 um 21:03

    Lieber Avenarius,

    im Affekt treffe ich immer ins Schwarze. Ich habe, kaum waren wir zusammen gezogen, meiner Mitbewohnerin einen Holzklotschen an den Kopf geworfen (kennen Sie das Wort? das sind so Pantinen, aus Holz eben). Da habe ich auch getroffen. Das war straffrei, geschehen im Affekt.

    Hölderlin und Hegel und Schelling in einer WG. Das waren ja Zustände im deutschen Idealismus! Und vermutlich hatte keiner von den dreien eine Freundin.

    Und jetzt im Ernst! Ich habe eine Schwierigkeit und die lautet: wie kann ein Zeichen deutungslos sein? Wir müssen es doch deuten, um es zu verstehen. Ja, wir deuten es bereits, wenn wir sagen, es sei deutungslos, bedeutungslos, schmerzlos: also ohne uns den Schmerz seiner Bedeutung zuzufügen. Anders ausgedrückt: hat ein Zeichen, wenn wir es als solches empfinden oder einordnen, nicht immer und notwendig, eine Bedeutung?

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 23. Mai 2011 um 01:33

    Liebe Alea,
    ohne Umfang und Komplexität von Zeichentheorie zu unterschätzen, erlaube ich mir dazu noch eine Bemerkung.
    Vielleicht kann man mit dem Begriff, oder besser: mit der Peirceschen Idee der Semiose als eines unendlichen Interpretationsprozesses dem Gedanken von einem Zeichen „deutungs- u. schmerzlos“ näher kommen. Hier gibt es, soweit ich das sehe, keine Opposition der Semiose zu der vorgeblichen Starre und Unbeweglichkeit des Zeichens. Das „Nomadentum der Semiose“ könnte Hölderlins Hymnen, deren Inhalt,im Anschluß an Pindar, die Unbefangenheit im Rühmen und Preisen ist, entgegenkommen, weil die klassischen Lehren diese Idee eindeutig erkannt haben und in ihnen das s e m e i o n nicht als Äquivalenz, sondern als Schluß angesehen wurde. In einem solchen Gedankengang können Zeichen unendlich befragt werden. Das Zeichen öffnet sich und entzieht sich gleichzeitig der endlichen Deutung auf einer infinitesimalen Spur. Und gezeigt wird die wahre Stimme des Seins. Aber das Zeichen spricht nicht nur von sich selbst, es enthüllt etwas anderes und etwas mehr.

    Spät ist es geworden, die größte Erfindung ist der Wein!

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 28. Mai 2011 um 18:27

    Lieber Avenarius,
    so ist das manchmal. Einer ist der letzte. Der letzte Kommentar. Vielmehr ist das immer so! Meist sind es meine eigenen, die eine Diskussion abschließen oder einfach nicht mehr beantwortet werden. Jetzt steht Ihr Kommentar da schon einige Tage. Und nun ist es zu spät, darauf einzugehen. Meine Interessen vagabundieren weiter und sind schon woanders. Ich arbeite an einem neuen Artikel, an anderen Sachen und manchmal auch gar nicht. Ich habe ein paar Mal drauf geschaut. Jetzt wollte ich etwas schreiben und es fällt mir nichts ein. Also gibt’s eben keine Antwort mehr. Ich beschäftige mich gerade mit Mineralwasser und Schokolade und bemerke: es reicht für heute Abend.
    Aléa