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  • Archiv vom Mai, 2011

    29 Mai 2011

    Etwas Dunkles. Etwas Unergründliches. Oder Heiterkeit

    „Der Herr der Wolken“ von Stéphane Audeguy

    Ich habe das Buch gelesen, weil ein Freund zum Thema „Wolke“ promoviert. Die Wolke als Wolke, die Wolke als Metapher, als Motiv, als Dispositiv. Der Roman steht bei der Arbeit nicht im Mittelpunkt, er hat lediglich vor Jahren einen Anstoß dazu gegeben.

    In dem Roman heißt es einmal: „Der Himmel ist kein Gegenstand, er ist ein Milieu.“ In diesem Milieu bewegen wir uns. Vielmehr bewegen sich die Wolken und wir stehen still. Die Wolken werden bewegt. Und doch bewegen sie sich nicht. Sie stehen: Für sich oder für etwas anders. Sie stehen gar nicht, sie hängen. Sie hängen auch nicht, sie schweben. Sie schweben nicht, sie haben Auftrieb, sie überwinden die stärkste Kraft, die es in diesem Universum gibt, die Schwerkraft. Wenn sie keinen Auftrieb haben, sinken sie. Sie sind Teil eines Kreislaufes und laufen doch nicht und im Kreis schon gar nicht. Sie sehen leicht aus, sind aber schwer. Sie sehen luftig aus, sind aber wässrig. Sie sind gasförmig auch wenn Gas keine Form hat. Sie sind kein Ganzes, sie sind nicht einmal der Teil eines Ganzen. Sie sind teilnahmslos. Sie symbolisieren etwas. Etwas Dunkles. Etwas Unergründliches. Oder Heiterkeit. Wolken verändern unablässig ihre Form, ihre Erscheinung, ihre hyle, ihre morphe, ihre Gestalt. Sie entstehen und vergehen. Unabänderlich wandelbar. Sie gehören zum Himmel, zu einem göttlichen, mit rationalen Mitteln nicht zu ergründenden Jenseits. Sie sind ungreifbar und unangreifbar. Sie sind feucht, flüssig, gasförmig, neblig. Sie standen einige Jahre, ein Jahrhundert lang, im Mittelpunkt einer Wissenschaft, die es noch gar nicht gab und die sich heute kaum noch für sie interessiert, die Meteorologie. Die Wolke als Wolke ist nicht mehr interessant. Interessant sind heute ihre Derivate.

    „Mit dieser ebenso ästhetischen wie medialen Vorliebe ist die Wolke zu einer Grenzfigur zwischen Himmel und Erde, zwischen den Himmlischen und den Irdischen geworden und konnte bis in die Neuzeit hinein als Hieroglyphe von Abwesenheit und Undarstellbarkeiten fungieren“, heißt es in dem Vorwort eines Sammelbandes: „Archiv für Mediengeschichte – Wolken“:

    „Der Herr der Wolken“ ist ein Roman der einen Aspekt der Wissenschaftsgeschichte thematisiert. Stéphane Audeguy bedient sich historischer Fakten, variiert und verändert sie aber nach Belieben. Die historische Wirklichkeit fungiert dabei wie kleine Kondensationskerne, die immer notwendig sind wenn aus unspezifischer Feuchtigkeit Tropfen werden und aus Tropfen Regen wird.

    In der Hauptsache werden die natürlichen Wolken in der Atmosphäre thematisiert. Es kommen allerdings auch andere Wolkenbildungen zur Sprache, eine Wolke aus Insekten, die sich über den Kadaver eines Orang Utans hermacht, Giftgaswolken im ersten Weltkrieg, die Aschewolke beim Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 und die Wolke, die sich nach der Explosion der Atombombe über Hiroshima gezeigt hat. Daneben werden zwei eher abstrakt wolkige Erscheinungen thematisiert: die Liebe und der Wahnsinn. Wir haben hier möglicherweise eine begriffliche Erweiterung des ursprünglichen Anwendungszusammenhangs der Wolke.

    Wir sind in Paris im Jahr 2005. Die Rahmengeschichte erzählt von Akira Kumo, einem älteren japanischen Modeschöpfer, und Virginie Latour, einer jungen Bibliothekarin. Akira Kumo hat alle Sammelleidenschaften zugunsten einer einzigen aufgegeben: er sammelt Literatur, die sich mit der Erforschung der Wolken beschäftigt. Er stellt Virginie Latour ein, die ihm bei der Archivierung seiner Bücher behilflich sein soll. Allerdings archivieren die beiden nur mit vermindertem Interesse. Vielmehr erzählen sie einander Geschichten. Ein Großteil des Romans ist als Erzählung der jeweiligen Personen angelegt, allerdings aus der Perspektive eines Erzählers, bei konsequent fehlender direkter Rede. Akira erzählt seiner neuen Bibliothekarin die Geschichten jener Menschen von denen die Bücher seiner Sammlung berichten. Als sei das für deren Arbeit von Belang.

    Er beginnt mit Luke Howard, der eine Klassifizierung der Wolken vornimmt. Anders als seine Vorgänger, bedient er sich dabei lateinischer Namen: Cirrus – Federwolken, Stratus – Schichtwolken, Cumulus – Haufenwolken und Nimbus – Regenwolken. Auf dieser Grundlage werden, mit den entsprechenden Modifikationen, noch heute Wolken klassifiziert. Akira erzählt von dem Mathematiker Richardson, der mittels numerischer Rechenmodelle als erster etwas bis dahin Undenkbares wagte: eine sogenannte Wettervorhersage. Das Wetter gehorchte Gesetzmäßigkeiten, die man erkennen und deren Auswirkungen man vorhersehen konnte! Es ist heute selbstverständlich, dass man sich für das Wetter von Morgen interessiert, weil man weiß, dass sich das Wetter nicht hält. Gerade als traue man dem Wetter von morgen mehr zu als dem von heute. Eine perpetuierte Hoffnung, die nie endet, denn enttäuschend ist ja immer nur das gegenwärtige Wetter. Akira erzählt von dem Maler Carmichael, der nichts als Wolken malte und sich dabei immer weiter vom Gegenständlichen entfernte.

    Im zweiten Teil des Romans wird Virginie nach London geschickt, um das mysteriöse „Abercrombie-Protokoll“ zu erwerben, das dem Japaner in seiner Sammlung noch fehlt. Während sich Virginie dort aufhält, schreibt Akira ihr zwei Briefe, in denen er sein Leben erzählt. Er stammt aus Hiroshima und hat den Abwurf der Atombombe überlebt. Aber, in gewisser Weise, den Tod seiner Schwester Kinoko nicht. Er hat sie vollkommen vergessen. Jetzt, da er sich als alter Mann wieder seiner Kindheit erinnert – dieses in der Literatur ausgesprochen beliebte Muster, der Mensch vergisst einen Teil seines Lebens und erinnert sich dann aufgrund eines Erlebnisses doch noch, ist im Grunde das, was Freund in der „Psychopathologie des Alltagslebens“ aufzeichnet: eine Krankheit symbolisiert etwas und verschwindet, sowie diese Symbolisierung aufgehoben wird –; nachdem er sich also wieder erinnert, und er erinnert sich, indem er der jungen Frau schreibt, springt er aus dem Fenster. Wer eine Atombombe überlebt hat, überlebt auch einen Fenstersturz. Er sieht Virginie wieder, die mit dem Protokoll aus London zurückkehrt und dem offenbar Querschnittsgelähmten die Reise Abercrombies‘ durch die Welt erzählt und ihm die Bilder zeigt, die das Protokoll enthält.

    Diese Erzählung bildet den dritten Teil des Romans. Richard Abercrombie zieht in die Welt hinaus, um die Wolken zu fotografieren, besinnt sich eines Besseren und zieht nur noch Frauen aus. Zwischen ihren Beinen findet er seinen eigentlichen Himmel. Er fotografiert keine Wolken mehr, sondern das pudendum femininum, die weibliche Vulva. Das Protokoll, das ein Mythos unter den Meteorologen seiner Zeit war, zeigt in der Hauptsache Frauen in der Position in der auch Gustave Courbert ‘L’Origine du monde – Der Ursprung der Welt’ sie gezeigt hat.

    Der Forscher Abercrombie entdeckt etwas, das er Analogie, richtiger Isomorphie, nennt: alle lebendigen Strukturen der Welt lassen sich auf wenige, analog ausgeprägte Grundformen zurückführen. Diesen mit Abstand umfangreichsten Teil des Romans, empfinde ich als seinen schwächsten. Die Analogie Wolke – Feuchtigkeit – weibliches Geschlecht – andere Formen wie Muscheln etc. – erscheint mir recht weit hergeholt.

    Richard Abercrombie kehrt, nachdem er mit allen geschlafen hat, die er kriegen konnte, nach England zurück, adoptiert den Flegel Abigail als seine Erbin und stirbt. Abigail schläft daraufhin ebenfalls mit allen, die sie kriegen kann, bekommt mit vierzig ein Kind, ein Junge der ebenfalls Richard Abercrombie heißt und, kaum erwachsen, natürlich auch mit allen schläft, die er kriegen kann und dann auch – ich sagte es, dieser Teil ist etwas schwach – mit Virginie Latour. Er ist der rechtmäßige Erbe des Abercrombie Protokolls von dem nach wie vor keiner weiß, was sich darin eigentlich befindet.

    Nach dem Bericht Virginies, die nicht fragt, warum Akira aus dem Fenster gesprungen ist, springt er erneut, dieses Mal mit größerem Erfolg: sein Blut bildet „ein unregelmäßiges, schönes Muster von unbestimmter Bedeutung.“ Virginie, die in seinem Testament gut bedacht ist – nicht ganz zu Unrecht, denn es sieht so aus, als sei sie nach Kinoko, die erste Frau, die Akira wirklich gern hat – erhält eine Stelle in einem internationalen Wetterforschungsinstitut, wird Herausgeberin des Abercrombie-Protokolls und erbt ein schickes Haus in London. Sie verstreut die Asche des Modeschöpfers in einem Sturm.

    Was mir sehr gut gefällt, ist die signifikante, geradezu aufdringliche Häufigkeit des Verbs „begreifen“. Das steht in einer schwer aufzulösenden Opposition zum Thema dieses Romans: die Wolken sind nicht zu begreifen, aufgrund ihrer Ferne nicht und nicht aufgrund ihrer Konsistenz. Ich finde das Buch allerdings, sowie es um Sex und Liebe geht, eher schwach. Akira Kumo hatte lebenslang nur mit Prostituierten Sex, mit Abertausenden. Ob er jemals Liebe für jemand anderen als seine kleine Schwester empfunden hat, ist fraglich. Dasselbe Motiv / Bild / Attitüde zeigt der gesamte Abercrombie-Clan. Virginie fungiert als Gegenbild. Sie ist wie sie heißt: eine Jungfrau. Sie hatte noch nie einen Orgasmus unter Einfluss eines Mannes, sondern muss es sich alleine machen. Als sie mit Abercrombie ins Bett geht und einen „ozeanischen Orgasmus“ bekommt, scheint das immerhin ganz gut zu sein. Aber mehr auch nicht.

    Man verliebt sich in diesem Roman bisweilen, Virginie verliebt sich irgendwie in Akria, obwohl der schon über siebzig ist. Ob sie das nicht bemerkt oder nicht stört, erfährt man nicht. Sie verliebt sich dann auch in jemand anderen. Den nächsten, mit dem sie Kontakt hat. Die Beziehung zu ihrem vorherigen Freund endet an einem Abend recht belanglos: er will nicht mehr, ihr ist das ganz recht und als der das bemerkt, will er doch wieder: „Das ist natürlich ein bisschen traurig, aber eigentlich ist es nicht schlimm.“ Dann ist allerdings auch wieder vom „süßen Vergnügen“ die Rede, was Akira und Virginie empfinden, wenn sie zusammen sind. Ist das platonische Beisammensein als Erlösung von den Zumutungen der Sexualität zu verstehen?

    Erfüllender Sex als Masturbation, als Abwesenheit des anderen oder wahlloses Vögeln, das ebenfalls von der Abwesenheit des anderen zeugt: beides scheint keine erfüllende Sexualität. Möglicherweise ist das die These Audeguys: wir empfinden in der Sexualität keine Befriedigung, keine Erfüllung. Aber dann wäre es die Aufgabe des Schriftstellers, das zu thematisieren. Oder nicht? Ist die Aufgabe etwa lediglich die der Darstellung? Ist die bloße Darstellung bereits die Thematisierung? Das wieder sind interessante Fragen: was ist die Aufgabe des Schriftstellers? Und was die des Lesers? Ohne Aufgabe wollen wir den einen so wenig entlassen wie den anderen.

    Sex ist hier niemals schön. Niemals lustig. Sex ist nicht vorher begehrend, nachher nicht befriedigend. Er ist nicht die Liebe weckend, sie fürchtend oder vertreibend. Liebe ist keine Illusion und auch nicht desillusionierend, es gibt keine Erwartungen und keine Enttäuschungen. Das Verhältnis zum Sex würde ich hier als utilitaristisch bezeichnen. Auch der Wortschatz Audeguys zeugt da nicht von Interesse, man „macht“ es eben, es wird einem „besorgt“, Männer „vögeln“ die Frauen, die ihrerseits „flachgelegt“ werden. Das ist der zweite Roman eines noch, naja, verhältnismäßig jungen Schriftstellers – nach „Die Unbefleckte Empfängnis“ von Gaétan Soucy – in dem Sex wie eine körperliche Notwendigkeit erscheint, die zwar bisweilen Unannehmlichkeiten mit sich bringt – ein Schamhaar zwischen den Zähnen oder zu viel Feuchtigkeit zwischen den Beinen – aber darüber hinaus keinen Anlass zu Träumen oder Sehnsucht gibt. Das finde ich verwunderlich! Wenn das Personal der modernen Literatur nicht von Liebe träumt, wovon dann? Das ist der Tod der Kirschbäume. Es lässt sich bekanntlich nirgends besser von der Liebe träumen als unter einem Kirschbaum über dem die Wolken dahinziehen, fern und vielbedeutend.

    Ich sprach von zwei Phänomenen, die im Rahmen der Wolkenbildung angesprochen werden, beide ähnlich nebulös. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Personals in diesem Roman wird als wahnsinnig oder verrückt bezeichnet. Carmichael wird es über seiner Malerei. Man erfährt allerdings nicht, warum das so ist: weil er es nicht schafft, die Wolken so zu malen wie er sie sieht? Oder weil er es schafft? Im einen wie im anderen Fall – in der Erfüllung wie der Enttäuschung – muss man ja die Hoffnung aufgeben! Wird er es, weil seine Frau todkrank ist? Wird er an der Konfrontation einer geometrischen, einer linearen, also rationalen Darstellung von nicht Darstellbarem verrückt? Daran, dass er Räumliches, Dreidimensionales in nur zwei Dimensionen, in Linie und Fluchtpunkt unterbringen muss? Auch Richard Abercrombie wird als „Irrer“ bezeichnet, sein Projekt, weltweit Wolken zu fotografieren, als „schlichtweg gestört“. Warum er das ist, wird nicht erklärt. Auch seine adoptierte Tochter Abigail ist wahnsinnig: auch hier sind die Erklärungen ihres Lebenswandelns nicht ausreichend für eine solche Diagnose.

    Die Menschen werden nicht wahnsinnig. Der Leser kann es nicht nachvollziehen. Sie sind es einfach. Vielmehr werden sie so bezeichnet. In einem Satz. Der Autor belässt es dabei, dass sie es sind. Sie sind nicht aus allen Wolken der Rationalität gefallen und dann wahnsinnig geworden. Das ist so ähnlich wie in der Liebe, man verliebt sich einfach in jemanden. Man schläft mit jemandem oder wird von ihm beschlafen. Einmal ist bei Abigail von an „Wahnsinn grenzender Liebe“ zu ihrem Sohn die Rede, aber eben nur einmal. Ansonsten ist Abigail gefühlkalt, von Liebe kann bei ihr nicht die Rede sein: wie diese Liebe sich artikuliert, wird nicht beschrieben.

    Möglichweise ist das Audeguys These oder doch – bewusst oder nicht, beabsichtigt oder nicht – ein Ergebnis seiner Arbeit an diesem Text, dass Phänomene wie Liebe oder Wahnsinn nebulös sind. Das wäre beim Wahnsinn ein deutlicher Rückfall hinter jede Position der Aufklärung. Ich finde es wenig überzeugend, wenn einer behauptet, Wahnsinn hätte keine Ätiologie. Liebe ist sozusagen die gesellschaftlich akzeptierte Form des Wahnsinns. Und auch die, so desillusionierend es bisweilen ist, hat eine Ätiologie, das Werk Sigmund Freuds steht dafür.

    Die Wolke ist kein Gegenstand. Joseph Vogl bezeichnet sie in seinem Aufsatz  – „Wolkenbotschaft“ – in dem oben genannten Sammelband als ein „unmögliches Objekt“ Etwas, „das sich durch das notorische Schwanken, durch Zufallsbildung, durch Wandelbarkeit, durch den intrikaten Wechsel zwischen Formlosigkeit und flüchtiger Form, durch einen sehr lockeren Sitz in den Kausalketten auszeichnet“. Die Wolke ist, an der Grenze zwischen Passiv und Aktiv, sie ist ein Ereignis. Einerseits lässt sich die Taxierung der Wolken in die großen Ordnungsversuche des 18. Jahrhunderts einsortieren, zu denen auch Linné, Darwin und etliche andere gehören, und tut das, was sie alle tun: Etwas Unförmiges in begriffliche Formen zu zwängen. Andererseits weist die Wolke darüber hinaus, denn hier ist nicht nur das Verhältnis zweier Mittel gegeben – Form und Formlosigkeit, Aktiv und Passiv, Signifikant und Signifikat, Substanz und Akzidenz, Konversion und Konvulsion – sie steht vielmehr genau an dieser Schwelle und gehört dann zu keiner der beiden Seiten: „Wenn die Wolken, wie Goethe und Howard einmal bemerkten, die Miene oder die „Physiognomik der Atmosphäre“ bestimmen, so wird diese Physiognomie von unkörperlichen Ereignissen umspielt, von Ereignissen, die – um es mit einem Paradox von Lewis Caroll zu sagen – am Himmel erscheinen wie ein „Grinsen ohne Katze“.

    Das Buch war ein Bestseller in Frankreich. Es stand auf der Liste zum Prix Goncourt und die Übersetzerin hat, soweit ich weiß, den André Gide Preis für ihre Arbeit bekommen. Avenarius hat mich für die Art gelobt, wie ich mit Büchern und Texten umgehe. Er nannte das respektvoll- zurückhaltend. Ich habe mich darüber gefreut. Ich tue jetzt etwas, was ich sehr ungerne tue: ich bin etwas weniger zurückhaltend.

    Ich selbst mache viele Flüchtigkeitsfehler, leider, und ich bin jederzeit geneigt, sie anderen nachzusehen. Allerdings hat der Text enorme sprachliche Schwächen, die über Flüchtigkeit hinaus geht, das sind schon richtige Fluchten! Es fängt beim Titel an. „Der Herr der Wolken“ heißt im Original „La théorie des nuages“. Das ist ein sinnvoller Titel. Auch im Rumänischen ist der Titel mit „Teoria norilor“ korrekt übersetzt und – kleiner Scherz! – da das Original richtig ist, ist nicht einzusehen, warum die Übersetzung falsch sein sollte.

    Da ist die Rede davon, dass dem Modeschöpfer im Internet an die tausend Seiten „gewidmet“ seien. Was eine Suchmaschine im Netz anzeigt, sind einfach Fundorte, mitnichten sind es Widmungen. Einmal heißt es: „Liebe auf den ersten Blick, das gibt es bei Freundschaften häufiger als in der Liebe.“ Im Französischen steht da wahrscheinlich ‚coup de foudre‘ und das kann man in diesem Fall dann eben nicht linear übersetzen. An anderer Stelle heißt es im Text: „Ende August steigt auf Krakatau der Druck unter besagtem Pfropfen inzwischen seit Jahren an.“ Wir haben es in diesem Satz mit drei temporalen Bestimmungen zu tun, die nicht zusammen passen: „Ende August“ – „inzwischen“ – „seit Jahren“. Da trägt jemand „eigenhändig“ einen Koffer, der ihm dann „in die Schulter einschneidet“. Da ist die Rede davon, dass ein Buch „ständig“ wiederaufgelegt wird, was ganz sicher nicht der Fall ist; viel zu viele banale Dinge werden als „schrecklich“ bezeichnet. In einem Roman, der den Abwurf einer Atombombe thematisiert kann man dieses Adjektiv genau einmal benutzen. Da sind Nachlässigkeiten wie die, das Abercrombie 1831 39 Jahre alt ist, ein Jahr später aber bereits 45. Einmal heißt es, Virginie könne sich „der nobelsten aller menschlichen Tätigkeiten widmen“, der Arbeit; dann wird über sie gesagt, sie bekomme ihr Geld in der „unvorteilhaftesten, menschlich gesehenen demütigsten Form, die es gibt: als Arbeitslohn“. Da es sich in beiden Fälle um Erzählerrede handelt, sind das hier nicht verschiedene Perspektiven aus Figurensicht, sondern sozusagen objektive Erkenntnisse des Erzählers.

    Ich vermute, dass mir der Autor nicht liegt: „Atemlos legt sich Virginie, die befürchtet, zu früh zu sein, ein paar Sätze zurecht, aber Richard Abercrombie hört sie kommen, lächelt ihr entgegen, bringt sie mit einer Geste zum Schweigen, und indem er sie sanft vor sich schiebt, beschreibt er mit dem Arm eine weitläufige Geste: Da entdeckt sie über die Baumwipfel des Friedhofs hinweg ganz London, das ihr in der trockenen Morgenluft zu Füßen liegt.“ Die Einwände die ich gegen diesen Satz habe, sind zu viele, um sie aufzuzählen. Einmal heißt es über Richard Abercrombie: „Eine Stunde verbringt er auf dem Oberdeck des Linienschiffs, das ihn langsam Richtung England trägt, während es mitten in der Bucht wartet, bis der Wasserstand ein Anlegen erlaubt.“ Ich habe nur einen Einwand, aber einen soliden: Hier ist der Hauptsatz bereits in England angekommen, während der Relativsatz noch auf das Ablegen des Schiffes in Amerika wartet.

    Womöglich hat die Übersetzerin kein abschließendes Lektorat bekommen. Wie viele Schriftsteller einen Lektor brauchen, brauchen ihn wohl auch die Übersetzer. Die haben es ja in der Regel noch schwerer als der Autor. Der Autor kann schreiben, was er will, ein Übersetzer hingegen, dem sicher bisweilen gelungenere Formulierungen auf der Zunge liegen, muss sich an die Vorgaben halten.

    Sollten meine Romane je übersetzt werden, muss ich zuvor mit dem Übersetzer reden. Ich wünsche mir eine eigensinnige und freie Übersetzung. Die grobe Richtung sollte stimmen, wenn ich meine Leute rechts gehen lasse, sollte der Übersetzer sie nicht nach links gehen lassen. In der Geometrie sind meine Texte in durchdacht. Alles andere hingegen habe ich einfach nur so zusammengeschrieben und ich wünsche mir, dass mein Übersetzer mit derselben Auffassung an die Arbeit geht. Das Urheberrecht in seiner derzeitigen Fassung ist ja sowieso für die Mülltonne.

    Das habe ich gerade erst gesehen, deswegen hier nur als Anhang: John Ruskin malte blaue Wolken und nannte sie weiße.

    Das ist auf den Land anders als in der Stadt: Man sieht den Himmel. Man sieht den Himmel und kommt vielleicht auch leichter hinein. Möglicherweise ist das ein Grund für den Rückgang der Bedeutung von Religion in der Stadt, weil man aufgrund der städtebaulichen Situation eine Einschränkung des Himmels hinnehmen musste.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Mai 2011

    Geschlechterproblematik

    Ich saß in der vergangenen Woche in der Mittagspause in der Sonne, mit dem Hintern im Gras und dem Kopf in den Wolken. Ich musste da oben etwas herausfinden, was meinen nächsten Artikel betrifft. Da setzte sich doch ein Typ neben mich, vielmehr in meine Nähe, und unterbrach meinen Forscherinnendrang indem er lautstark telefonierte. Das war nicht unbedingt das, was man ein interessantes Gespräch nennen könnte. Er sprach mit einem anderen Mann und er sprach über eine Frau. Eine Frau, die nicht so wollte, wie er. Ich weiß nicht, ob seine Entrüstung begründet war oder nicht, jedenfalls sagte er in diesem Tonfall: „Die hat tagelang bei mir übernachtet“.

    Dann kann‘s natürlich zwischen den Geschlechtern nicht klappen, wenn man, unterstelle ich einfach, das Bett zu getrennten Zeiten benutzt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 Mai 2011

    Ich würd‘s machen

    Ich komme gerade zu Freunden und da läuft Fußball. Duisburg gegen Schalke. In dem Moment da ich den Raum betrete, fällt der Satz des Moderators: „Linksverteidiger suchen sie fast alle“. Da ich mich seit einiger Zeit mit dem Gedanken ans Geldverdienen trage, würde ich das mal so formulieren: ich würd‘s machen. Wir müssen dann bei einem Bewerbungsgespräch über das Laufen reden. Mit so langen Beinen läuft sich‘s ja meistens nicht gut. Da ist ja auch so ein kleiner Spanier dabei, bei denen aus Schalke. Oder von Schalke? Mit dem würde ich mich schon mal unterhalten wollen. Oder zusammen etwas verteidigen. Egal!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Mai 2011

    Wie ich mir den Himmel vorstelle

    Man frage mich nicht, wie ich dazu komme. Ich tu‘s einfach: mir den Himmel vorstellen. Ich bin nicht ausgesprochen religiös, ich stelle mir keinen Gott und keine Ewigkeit vor. Keine dauerhafte Arretierung im Paradies. Wie ich mir den Himmel vorstelle, lässt sich mit zwei Sätzen beschreiben. Sie sind von Franz Kafka, der womöglich, nach Sigmund Freud,  zweitbeste Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Ich spreche von den beiden letzen Sätzen des neunten Kapitels „Im Dom“ aus dem „Prozeß“. Das Substantiv „Gericht“ ist hier ausnahmsweise als Synonym für den Himmel zu verstehen.

    „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entlässt Dich wenn Du gehst.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Mai 2011

    Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

    In den Nachrichten hat es heute Morgen geheißen: „IWF- Chef Strauss-Kahn hält sich derzeit in New York in einer Arrestzelle auf“. Das ist wahrscheinlich nicht falsch. Ich kann es nicht überprüfen. Ich bin derzeit nicht in New York.

    Ich vermute, dass die Amerikaner, die sicher anders sind als die Europäer – sonst müssten sie sich ja nicht in Amerika aufhalten, sondern könnten hier leben, wo wir auch sind und wo die Menschen ganz normal und natürlich sind -; ich vermute, dass die Amerikaner, die vielleicht nicht so deutlich zwischen Reichtum und Armut unterscheiden wie die Europäer, oder noch deutlicher, die vielleicht nicht so deutlich zwischen Oben und Unten unterscheiden, oder noch deutlicher, die vielleicht nicht so deutlich zwischen Glück und Unglück, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Notwendigkeit und Determinismus auf der einen und Schicksal und Sternen auf der anderen Seite unterscheiden; dass also die Amerikaner sehr wohl zwischen Freiheit und Unfreiheit unterscheiden; und ich vermute ebenfalls, dass jemand, der sich in New York in einer Arrestzelle „aufhält“ lediglich über eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit verfügt, die sicher deutlich geringer ausfällt als die in der Nacht zuvor in der Suite eines Hotels.

    Es ist mit der größten Wahrscheinlichkeit nicht falsch, dass Monsieur Dominique Strauss-Kahn sich „derzeit“ in einer Arrestzelle „aufhält“. Aber das ist nicht das Entscheidende – weder für Herrn Kahn, noch für das Zimmermädchen, das für den Wechsel zwischen Zimmer und Zelle gesorgt hat -; es ist nicht das Entscheidende, wo er sich aufhält, das Entscheidende ist vielmehr, dass er da aufgehalten wird.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Mai 2011

    Die Kinder der Finsternis III : „Der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen“

    Das ist ein kurioser Artikel. Ich sage hier sehr lange, was ich nicht machen will, dann mache ich es doch, aber nur kurz, um etwas anderen zu machen, was ich dann allerdings nicht mache und dann höre ich einfach auf. Unter einer Seminararbeit stünde: Thema verfehlt. Allerdings bin ich mit der Art und Weise meiner Verfehlung ganz zufrieden. Mit einem gelungenen Artikel könnte ich kaum zufriedener sein.

    Das Thema des Artikels ist Fremdheit und Andersheit. Regelmäßige Leser und Leserinnen können sich denken, dass mich das sehr interessiert. Ich bin fasziniert von Fremden und es übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Ich weiß nicht, ob es das in geologischer oder geografischer Hinsicht ist, aber in ethnologischer Hinsicht ist Deutschland ein interessantes Gebiet. Und auch ein wenig befremdlich: hier rennen immer alle. In Siebenbürgen sitzt man auch schon mal am Straßenrand. Allerdings rennt man auch in Bukarest. Sogar noch schneller als hier. Aber man rennt anders. Man rennt in Bukarest so wie man in Siebenbürgen sitzt.

    Ich schiebe diesen Artikel schon länger vor mir her. Fremdheit ist zwar ein Thema das mich interessiert, aber es ist ein schwieriges Thema. Ähnlich wie beim Kitsch-Artikel müsste ich für eine seriöse Darstellung enorm viele Abgrenzungen machen. Ich könnte etwas zu Julia Kristevas Interpretationsansatz in „Fremde sind wir uns selbst“ sagen. Julia Kristeva ist Bulgarin und in jungen Jahren nach Frankreich gekommen, wo sie schnell mit der literarischen und philosophischen Avantgarde in Berührung kam. Aber ihr Ansatz ist so komplex, das liest hier kein Mensch. Darüber hinaus müsste auch zwischen Fremdheit und Andersheit unterscheiden. Ich müsste zwischen kultureller und individueller Fremdheit unterscheiden. Ich müsste etwas dazu sagen, dass es uns leicht fällt, Fremdheit an der Hautfarbe zu identifizieren, schwer bis unmögliche allerdings, Fremdheit an der Haar- oder der Augenfarbe festzumachen. Ich müsste etwas dazu sagen, dass viele, was sie im Urlaub exotisch finden, zu Hause anders einschätzen. Da wo wir selbst fremd sind, wird Fremdheit anders bewertet als an Orten, an denen wir es nicht sind: Fremdheit ist kontextanhängig. Ich müsste versuchen, Typologien der Wahrnehmung zu finden und zu definieren. Ich müsste etwas zur Differenz von Multikulturalität und Interkulturalität sagen (hier ein Glossar). Ich müsste etwas zu einem Begriff sagen, der in meiner Wahrnehmung inzwischen häufig genannt wird: Cultural Citizenship. Damit wird eine kulturelle gegenüber einer nationalen Identität hervorgehoben. Seit einiger Zeit wird der Begriff Transnationalisierung gebraucht. Staatsbürgerschaften und Fußballnationalmannschaften sind in einer globalisierten Welt vielleicht nicht mehr aktuell. All das kann ich hier nicht tun.

    Das Gefüge von Fremdem und Eigenem ist seltsam verschoben: was der eine als fremd empfindet, ist einem anderen das Eigene. Und denen das Fremde eigen ist, ist das Eigene anderer fremd. Diese Formulierung schreit schon nach einer These. Und da ich nicht arbeiten kann wenn geschrien wird, kommt diese These sofort hinterher: Das Fremde und das Eigene stehen sich nicht disparat gegenüber. Das vollkommen Fremde wäre nicht erlebbar. Das relativ Fremde hingegen kann erlebt werden und ist da entweder Faszination oder Irritation auslösend, Anziehung oder Abstoßung. Das relativ Fremde kann deswegen erlebt werden, weil es die Elemente des Eigenen mitbringt. Das Fremde ist uns ähnlich. Nur nicht ganz so ähnlich wie das Eigene. Aber vielleicht ist das Eigene uns auch gar nicht so ähnlich wie wir annehmen.

    Ob Humunculus oder Golem, ob extraterretristische oder androide Erscheinungsform, sie alle sind nach unseren Ebenbild gestaltet: anthropomorph. Sie müssen möglichst unsere Gestalt oder unseren Verstand mitbringen, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger. Der Marsianer hat eine grünliche Hautfarbe, die, wenn er seekrank ist, ins fleischfarbene tendiert. Er isst gerne Lasagne und Lachs mit Dill und er hat Antennen auf dem Kopf, die beim Kauen ein wenig wackeln, was Marisanerinnen sehr sexy finden. Er isst mit den Fingern. Jedenfalls tut das der rumänische Marsianer. Ich kann mich an einen Film erinnern, aber nicht an seinen Titel. Das war eine solide Schweinerei. Ansonsten sind die Bewohner vom Mars wie die der Erde: glücklich, traurig, meist irgendwo dazwischen, und manchmal müde vom zurückliegenden oder vom bevorstehenden Tagwerk.

    Das Fremde wird in „Die Kinder der Finsternis“, soweit ich sehe, in drei Dimensionen thematisiert. Da ist erstens das Nachbarland Kelguriens: Dschondis. Das ist die fremde Welt, die von den Mohren bewohnt wird. Zweitens ist da Fastrada, die dreizehn Jahre lang unter dem Namen Fatima mit den Mohren lebte. Sie hat an beiden Welten teil, ist aber weder in der einen noch in der anderen heimisch. Drittens ist da das Fremde im Eigenen. Auch das in drei Ausprägungen: der Jude Jared, der Verrückte Walo und die Weber, die mit ihren Töchtern, Müttern und Mägden schlafen und eine andere Vorstellung von der Sittlichkeit haben: „Gott habe den Menschen als Tier gemacht, damit er als Tier sich des Leibes erfreue, bevor er anfangen könne, sich emporzuläutern. Die Natur kenne kein Sittengesetz und kein Eigentum. Alles gehöre allen. Der Körper des Menschen sei gestiftet von dem Satans-Gott alten Bundes, die Seele von dem gütigen, messianischen Gott, und die messianische Seele befreie sich aus dem satanischen Körper allein dadurch, daß die Sinneslust ihn zu Schlacken verglühe.“

    Kelgurien, die Mauretanische Mark, hat als historisches Vorbild die Provence. In dieser Gegend, im ganzen Mittelmeerraum haben die Araber ihren Einfluss geltend gemacht und ihre kulturellen Spuren hinterlassen (auf meiner Lebensreiseliste, auf der nicht viel steht, steht direkt neben New York die Alhambra: wer sich erinnert, ich hatte vor Jahr und Tag für eine geografische Neuordnung der Welt plädiert und da können diese beiden Orte nebeneinander liegen). Dafür steht Dschondis. Keine Frage, das ist die in vielem überlegene Kultur. „Die Moslemun nutzen ihr Land. Das Blachfeld des Schiedskampfes lag bereits umgepflügt und geschlammt; waffenlose Krieger bauten sich Hütten; man glaubte an das Wort der Verträge. Drüben in Kelgurien waren die Kastelle noch besetzt, der Karst noch Karst, die Ödnis noch Ödnis; Ruinen, Skelette, verbrannte Wälder. Nirgends unterwegs ein neues Haus, nirgends ein Anfang.

    Ungewaschen betrat kein Mohammedaner die Mosche; die Mönche zu Sankt Maximin wuschen morgens ihre Hände; das Gesicht zu waschen war ihnen freigestellt; die Füße säuberte der Bruder dem Bruder jeden vierzehnten Tag, ein Bad erlaubte die Ordensregel zweimal im Jahr. Sie schliefen in der Kutte auf Stroh; sie arbeiteten in der Kutte auf den Feldern. Selbst die Felder rochen nicht so wie sie hätten riechen müssen; in Dschondis rochen sie nach Wasser, Fruchtbarkeit und Vernunft. Dem Abte zu trauen, hieß das: dem Herrn vorgreifen; ein frommer Abt wartete, bis Gott regnen ließ; ließ er es nicht regnen, erntete man nicht. Dom Peregrin fragte, ob der Regen Weihwasser sei; die Brüder bekreuzigten sich; und ob man einen Bach, den man herbeileite, nicht segnen können. Abt und Prior versprachen, die Frage prüfen zu wollen.“

    Wasser ist ein zentrales Thema dieses Romans. Es beginnt mit einem Regenschauer, mit einer Furt, die nur schwer zu queren ist, mit einem Staudamm, den Barral bauen will. Am Ende investiert er die letzen Jahre seines Lebens darin, einen Bach zu teilen und sein Land fruchtbar zu machen. Der Umgang mit Wasser ist es, was die fremde Kultur so überlegen macht. Jeden Wunsch erfüllt der Imam seinem Freund Barral, aber den Wunsch nach dem „Instrumentarium“, den erfüllt er ihm nicht. Das ging über die Freundschaft hinaus und alle Bitten nach näheren Informationen werden Barral abgeschlagen. Das wäre Wirtschafts- und Wasserspionage. In Kelgurien diskutiert man Jahr und Tag darüber, ob das Wasser aus der Erde heidnischer oder himmlischer Herkunft sei. Und kann sich schließlich doch nicht einigen, so dass das Grundwasser vorerst nicht aus der Erde hochgeholt werden und auf die heimische Scholle geleitet werden darf. Man muss auf den nächsten Regen wartet, denn der kommt von oben und muss deswegen von Gott sein. Man muss warten, auch wenn die Menschen dabei verdursten. Mit Gott zu verdursten ist besser als ohne Gott zu leben.

    Auch der Glaube der Mohren ist überlegen: „Das ist eine Religion mit Verstand: hopp! Vom Schlachtfeld ins Paradies, ohne langes Warten auf Jüngstes Gericht. … es verhält sich so, der Mohr, ob es weh tut oder nicht, stirbt mit Vergnügen, weil ihm für da oben ein Harem versprochen wurde, den er hernieden sich nicht leisten kann, und wovon er da oben sofort etwas hat.“ Die Mohren in Dschondis sind die besseren Mediziner, die besseren Landwirte, sie sind systematischer in ihrem Handeln, allerdings auch rücksichtsloser gegenüber Unterlegenen und inferioren Kulturen: „Hier zieht man es vor zu leben. Für das Sterben hält man sich Sklaven.“ Vor allem aber haben die Mohren eine andere Auffassung von Zeit, von Zukunft, von Vorausbestimmung und Geschick. Eine Auffassung, die wir als Fatalismus bezeichnen würden.

    Aber was heißt hier ‚wir‘? In Rumänien ist das Verhältnis zur Zukunft auch ein anderes als in Deutschland, ein möglicherweise fatalistischeres. Hexen und Wahrsager haben dort Konjunktur. Das ist nicht nur dummes, rückständiges Zeug: wenn man die Zukunft voraussagen kann, wenn sie feststeht, dann ist sie damit auch erreichbar. Dann ist sie umsetzbar. Ein offenes Verhältnis zur Zukunft, das einzig durch die Möglichkeit charakterisiert wird, ist vielleicht das fortschrittlichere, effektivere Modell, aber nicht unbedingt das bessere. Zentral ist auch hier das Verhältnis von Fremdem und Eigenem. Jeder kolonialistische Ton ist dabei fehl am Platz. Es ist nicht so, dass die Welt nur auf eine Weise existiert. Die Vorstellungen eines Physikers von Endlichkeit und Unendlichkeit ist anders als die eines gläubigen Katholiken. Das eine ist nicht richtiger als das andere. Es ist näher oder ferner, eigener oder fremder. Die Schulmedizin ist nicht die einzige Art und Weise, Krankheiten zu behandeln. Sie sind nur dann ohne Alternative, wenn man bedingungslos an die Kausalität glaubt. Wenn man alles andere diesem einen Gott unterwirft.

    Die in der sogenannten kultivierten Welt herrschende Zeitauffassung – zwei wie ich finde, exzellente Artikel, einszwei – ist nicht wie sie ist, weil sie die Wahrheit beschreibt. Sie ist vielmehr gewachsen. Sie hat sich durchgesetzt gegen andere Auffassungen die auch ihre Vorteile hatten, sich aber nicht haben durchsetzen können. Langsam hat sich eine chronologische Auffassung von der Zeit Bahn gebrochen , eine sukzessive fortschreitende Auffassung gegenüber einer kairotischen , die eher den Zufall und die Gelegenheit betont. Das ist eine allegorischere Auffassung, von Zeit. Sie ist allegorisch und daher weniger effizient. Effizienz aber ist in der Zeitauffassung der westlichen Gesellschaften kein unwichtiger Wert. Und was einst aus diesem Zeitbegriff heraus musste, wird heute, soweit ich das sehe gerne in therapeutischen Ansätzen, wieder hereingenommen .

    Die Zukunft in Dschondis ist nicht offen, der Gang des Lebens liegt in den Sternen. Die muss man nur zu lesen verstehen. Die Astrologen wurden, wenn sie Dinge vorhersagten die den Herren nicht passten, nicht selten einen Kopf kürzer gemacht. Also sagte man voraus, was den Herren vermutlich passten könnte. Ganz so verschiedenen von dem, was wir Zukunft nennen, ist das nicht. Auch wir stellen, wenn wir uns die Zukunft vorstellen, das vor, was uns genehm ist, ob wir es aus dem Gang der Sterne herauslesen oder aus unseren Handlungen. Handlungen, die wir, wenn sie den anderen nicht genehm sind, anpassen müssen. Man müsste sich also das Substantiv ‚Handlung‘ ansehen. Was Handlung ist, das steht allerdings eher in den Sternen als bei Wikipedia.

    Wir leben in einer Gesellschaft in der das Planen eine große Rolle spielt. Wir haben einige tausend kleine und einen großen, einen Lebensplan. Der dann plötzlich wertlos wird, wenn uns unser Mann für eine jüngere, hübschere verlässt, oder weil es mit ihr mehr Spaß im Bett macht; wenn wir einen Infarkt bekommen oder die Börse pleitegeht oder wir plötzlich und unerwartet mit der Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert werden. Wenn wir nichts tun können, um die Situation zu ändern: dann wird Handlung anders bewertet. Dann erkennen wir, dass die Handlung so wichtig nicht ist, nicht im Leben und auch nicht in den Romanen. Und das es vielleicht besser gewesen wäre, auf die Sterne zu hören. Also auf das, was man aus dem Gang der Dinge hätte heraushören können. Wenn man auf seine Sinnlichkeit gehört hätte, wenn man gelernt hätte, das zu sehen, was ganz offensichtlich daliegt. Statt immer nur auf die Kausalität. Wir fahren mit hundert gegen die Wand und meinen dann, im Sterben liegend, dass es die Kausalität gewesen ist, die uns umgebracht hat.

    Die Zukunft aus den Sternen herauslesen oder aus unseren eigenen Handlungen, das ist so verschieden nicht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Mai 2011

    Rent a Marriage

    Ich weiß nicht, was auf dem Auto tatsächlich stand. Ich habe „rent a marriage” gelesen. Man kann ja heute alles und jedes renten, warum nicht auch eine Marriage. Warum für immer heiraten? Man weiß ja nicht, ob man sich in zehn oder hundert Jahren noch versteht. Später, wenn man geläutert ist, kann man noch mal darüber nachdenken. Warum immer so pathetisch? Warum immer alles für immer?

    Vor einer Woche hat mir ein automatisches Programm eine Nachricht gesendet: „Sie sharen einen Link mit ….“ Ich hätte antworten sollen: share dich zum Teufel. Die Nachricht war allerdings von Mr Noreply. Vielleicht ist das der, der jetzt diese Teilzeitehen anbietet. Der hat noch ein zweites Standbein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Mai 2011

    Können ist ja ein Vermögen

    Beim Romaneschreiben zeigt man was man kann. Während man sonst oft zeigt, zeigen muss, was man nicht kann. Da man dieses aber regelmäßiger tut als jenes, könnte es zu dem betrüblichen Umstand kommen, dass man das schließlich besser kann, was man nicht kann. Dazu kommt es natürlich nicht, weil zum Begriff des Könnens mehr zählt als das reine Tun oder Zeigen. Können ist ja ein Vermögen. Und das gibt man nicht auf einen Schlag aus. Mit anderen Worten: zum Können gehört dazu, dass man, was man kann, nicht tut.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Mai 2011

    Das Gute und das wenige weniger Gute

    Mein Blog und ich, wir sind nun seit zwei Jahren im Netz. Das Blog permanent, ich nur bisweilen. Meist bin ich in der sogenannten Wirklichkeit, die so wirklich ja auch gar nicht ist. Sodass ich dann denke: wäre ich jetzt nur im Netz. Da kann einem nichts passieren. Im Netz wird man nicht von der Straßenbahn überfahren, man kann nicht verhungern und nicht verdursten. Und wenn man einsam ist, dann geht man dahin, wo andere auch einsam sind. Ich nutze mein zweites anniversaire, um in die Vergangenheit und in die Zukunft zu schauen. Und in alle anderen Richtungen. Nur wenig ist einzig zukünftig oder vergangen.

    Es liegt ein gutes Jahr hinter mir. Ich kann, durch das wenige weniger Gute bedingt, das viele Gute besser schätzen. Ich habe Leute kennengelernt, ich habe einen Mentor und einen Verlag gefunden, mein erster Roman wird veröffentlicht. Ich habe den zweiten geschrieben. Es hat sich von selbst geschrieben, ich musste bloß die Finger hinhalten.

    Das Schreiben im Netz ist für mich nicht mehr so ganz wichtig wie zu Beginn. Das liegt an einer persönlichen Auseinandersetzung Anfang des Jahres, auf die ich hier nicht noch einmal eingehen will. Ich habe mich aus diesen Kreisen etwas zurückgezogen. Und ich bin zu stark in andere Aktivitäten involviert, um mir neue Kreise zu suchen. Ich kommentiere kaum noch bei anderen. Ich glaube allerdings, dass Leserbindung vor allem durch Kommentare stattfindet. Bloggen ist eine recht hermetische Veranstaltung, die nach dem do-ut-des-Prinzip abläuft: ich gebe, damit du gibst. Oder, strenger, alttestamentarischer: wie du mir so ich dir. Kommst du auf meine Seite, komme ich auch auf deine. Es ist von daher sinnvoller, wenige Artikel zu schreiben und viel bei anderen zu kommentieren. Damit macht man sich eher einen Namen als mit eigenen Artikeln. Ich bin also ein wenig enttäuscht.

    Das Führen eines Blogs ist viel Arbeit. Bisweilen frage ich mich, wofür ich das eigentlich tue. Ich habe die Antwort gefunden: Ich tue es für niemanden. Nicht einmal für mich selbst. Ich tue es einfach so. Weil es ein Medium ist, das man bedienen kann und vielleicht sogar muss. Ich werde keine Tagebücher herausgeben, das Blog steht an dieser Stelle. Ich habe zweihundertfünfzig Seiten Text dafür geschrieben und hundertfünfzig Seiten Kommentare. Es sind einige Kommentatoren abgesprungen, wenige neue hinzugekommen. Ich danke allen, die sich hier beteiligt haben und die dies Blog mit Lesen und Schreiben unterstützen.

    Ich mache mir periodisch wiederkehrend Gedanken zum Thema Geldverdienen. Es wird einen postuniversitäten Zeitraum meines Lebens geben, den es zu überbrücken gilt. Man geht ja nicht gleich, frisch von der Uni, in die Rente. Ich habe mich jüngst mit einigen Leuten getroffen, die alle schreiben und die alle wissen, dass man damit kein Geld verdienen kann. Diese profane Erkenntnis gilt es nun zu veredeln und anschließend zu monetarisieren. Wir sind da ganz optimistisch.

    Im Ernst: Das Entlohnungsmodell für Schriftstellerinnen ist revisionsbedürftig. Man bekommt zwischen 8 und 12 Prozent des Nettoumsatzes der tatsächlich über den Buchhandel verkauften  Bücher. Wenn man die durchschnittliche Anzahl verkaufter Exemplare anspruchsvoller Literatur in Deutschland hochrechnet, wird der Autoir für einen oder zwei Monate leidlich bezahlt. Die verbleibenden zehn oder hundert Monate muss er eben sehen wo er bleibt. Da das kein ernstzunehmendes Modell ist, werden über kurz oder lang andere Modelle entstehen. Dazu zählt auch, dass man seine Texte im Netz anbietet. Die ersten drei Kapitel gibt’s gratis, der Download des gesamten Werks kostet dann 3,99 Euro. Man bietet ein selbstgestaltetes Cover an. Der potentielle Leser kann entscheiden, ob er den Text auf dem Bildschirm liest oder ob er sich das ausdruckt. Die Entlohnung des schreibenden Personals ist aus wirtschaftlicher Sicht kompletter Unsinn, jeder Lektor und jede beteiligte Agentur verdient besser als der Produzent des Primärgutes. Und weil es Unsinn ist, werden andere Modell entstehen. Auch Blogs sind da nicht das letzte Wort, weil da alles gleichermaßen gratis angeboten wird, sie sind eine Art Übergangserscheinung. All das ist spannend und auch belastend.

    Ich werde dieses Jahr im August nach Rumänien fahren. Ich werde in Transsilvanien auf der faulen Haut liegen. Ich werde mit Minerva – wer meinen zweiten Roman liest, wird auch Minerva kennenlernen – nach Bukarest fahren, um bei der Eröffnung seiner (sic!) Securitate-Akte dabei zu sein. Das muss man sich so vorstellen, dass einer nach vielen, nach beinahe zwanzig Jahren, in denen er immer wieder gezögert hat und vor diesem Schritt zurückgeschreckt ist, sich in einen Raum zurückziehen wird, wo er mit einer dicken Akte und seiner Vergangenheit konfrontiert ist. Wer hat damals über ihn berichtet? Welcher seiner Freunde hat einen Bericht geschrieben? Welche seiner Freundinnen hat ihn denunziert? Wo unterscheiden sich Bericht und Denunziation? Wer hat das nur aus Notwehr getan, wer aus Überzeugung. Kann man das heute noch unterscheiden? Das wird eine emotional sehr angespannte Situation. Was erwartet Minerva da? Wie sehr wird das schmerzen? Wäre es nicht besser, diesen Teil der Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen? Warum das Leichentuch anheben? Warum diese Zeit und das eigene Leben jetzt noch in einem anderen Licht sehen wollen? Minerva fährt mit seiner Freundin. Ich begleite die beiden lediglich.

    Ich gehe voller Hoffnung ins neue Jahr. Der Roman wird erscheinen. Allerdings nicht, wie angekündigt im Herbst 2011, sondern erst im Frühjahr 2012. Ich hatte mich so sehr gegen das Cover gesperrt, dass dem Verlag vielleicht nichts anderes übrig blieb, als es erst einmal aufzuschieben. Das ist mehr als ein Wehrmutstropfen. Das ist sehr bitter. Es sind die Fetzen geflogen und als es sich wieder beruhigt hatte, war der Verlagsprospekt für den kommenden Herbst bereits gedruckt. So ist das, wenn uns Rumänen das Blut in den Kopf steigt, dann schlagen wir um uns. Ich um mich. Wenn der Roman nicht untergeht, dann wird er besprochen, er wird gelesen. Unter den biografischen Angaben  – die denen aufs Haar gleichen, die Sie alle kennen – ich kann mich nicht jede Woche neu erfinden, nicht einmal jedes Jahr : „Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“ – wird sich auch die Adresse dieses Blogs finden. Es werden also Reaktionen auf das Buch kommen, auf die ich meinerseits reagieren werde. Auch das wird spannend.

    Ich werde ein Urlaubssemester einlegen. Das bedeutet, dass ich von Juni 2011 bis März 2012 nicht für die Uni arbeiten werde. Ich muss den zweiten Roman fertig machen und wie ich am ersten, von dem ich meinte, er sei es, fertig nämlich, erkennen musste, gibt es verschiedene Phasen der Fertigkeit. Die letzen Schritte kosten Kraft, da man kaum noch Fortschritte erkennen kann. Es wird eben nur immer fertiger. Der neue Text ist sehr viel leichtsinniger als der erste. Das dauert, bis man sich Leichtigkeit und Leichtsinnigkeit erarbeitet hat. Zitat Torik aus diesem neuen Text: „Man braucht Erfahrung beim Schreiben, bis man erkennt, dass die falschen Wege sehr wohl in die richtige Richtung führen können. Eine Richtung, die man nie und nimmer nehmen könnte, ginge man den richtigen Weg.“

    Ich habe mich nicht verliebt. Was immer der Grund dafür war. Es gab einige Möglichkeiten, ich habe sie nicht genutzt. Anderen bin ich vorher schon ausgewichen. Ich habe bei einigen Gelegenheiten eine ablehnende Haltung einnehmen müssen und einmal eine direkte und unmissverständliche. Ich habe jemandem weh getan, was auch mir wehgetan hat. Dazu gäbe es noch das eine oder andere zu sagen, aber ich habe mir Anfang des Jahres vorgenommen, sehr viel vorsichtiger mit Intimitäten in der Öffentlichkeit umzugehen und das mache ich auch.

    Mein Zusammenleben mit der bisweilen kapriziösen Frau aus Russland läuft nach wie vor sehr gut. Olga war drei Monate nicht da, mir ist die Decke auf den Kopf gefallen. Der Vermieter erklärte, er sei nicht zuständig.

    Ich bin in den Zoologischen Garten in Berlin eingebrochen und habe Knut erwürgt. Und so die deutsche Kultur vor der Infantilität gerettet. Vielleicht kann ich mir das vom Senat fördern lassen.

    Ich habe schöne Musik gehört, schönen Wein getrunken, schön gelacht, schön geheult: was man so macht, wenn man auf diesem Planeten lebt. Auf anderen Gestirnen herrschen sicher andere Gepflogenheiten, aber wir kommen hier nicht weg und deswegen müssen wir uns an die Dinge anpassen. Nicht an alle – ich predige sicher keinen Konformismus -, aber an einige: Wein trinken, lachen, weinen und manchmal, bei Liebeskummer, Geschirr fallen lassen und, wenn‘s ganz dick kommt, aus dem Fenster werfen.

    Bevor ich es vergesse, das ist nicht unwichtig für alles weitere, ich stelle mit dem heutigen Tag, der früher einmal mein Geburtstag gewesen ist, das Altern ein. Ich sag’s nur, nicht dass da später Unklarheiten entstehen. Ich halte das Altern für keine zeitgemäße Art, für keine adäquate Methode des Reifeprozesses. Ich bleibe ab sofort gleichalt. Ich mach da einfach nicht mehr mit.

    Totul este frumos și bine. Totul va fi și mai bine. –  Alles ist schön und gut und wird noch viel besser sein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.