15 April 2011
Lernen, was ich nicht lernen wollte
Ich muss gerade sehr viel lernen, was ich nicht lernen wollte. Ich muss lernen, dass das Buch später nicht so aussehen wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist jetzt nicht mehr meins. Oder nur noch zu einem kleinen Teil. Andere machen jetzt damit, was sie für richtig halten. Auch wenn ich es für falsch halte.
Es ist nicht mehr mein Buch. Der Verlag hat in nahezu allen Dimensionen gekauft. Er hat jetzt die Rechte daran. Und das sei, wie man mir eindringlich erklärte, auch wichtig, weil der Verlag damit arbeiten muss. Es dürfe nicht sein, dass ich denen jetzt hineinreden will in ihre Arbeit, weil ich nichts davon verstünde. Das war ein schwieriges Gespräch mit meinem Mentor. Das war auch ein schwieriges Gespräch, weil ich schwierig bin. Sagte er mir. Das muss ich erst mal verdauen. Aber ich habe ja auch noch ein paar Jahre Zeit. Es ist hier nicht alles eitel Sonnenschein. Frau T. ist nicht nur schlank und schlau und schön, sondern auch schön schwierig. Ich will dem Mann auf keinen Fall auf die Füße treten und deswegen muss ich jetzt aufhören, anderen auf die Füße zu treten.
Verkauft oder nicht: es ist mein Buch und es wird immer meins bleiben. Es steht mein Name drauf, nicht der des Lektors, nicht der Name der Agentur, die das Cover entworfen hat; nicht die Namen derjenigen, die losziehen um es zu verkaufen und die es nur mit Schlagworten verkaufen können, die vielleicht nicht die sind, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte. Das ist mein Buch und dennoch muss ich es loslassen. Das ist extrem schwierig. Das ist wie ein Mensch, den man geliebt hat. Man hat viele Tage und Nächte mit ihm verbracht, man weiß wie er riecht, wie er schmeckt, man kennt sein Lachen und sein Weinen. Und dann muss man ihn gehen lassen. Man muss ihn an andere abgeben, die gar nicht wissen wie er lacht und weint, weil es für sie bloß ein Mensch ist wie jeder andere auch!
Ich leide an dem Umschlag. Wahrscheinlich werde ich auch noch an anderen Dingen leiden, an der Schrift, am Papier, an der Seitenaufteilung, an der Vorstellung, dass die Seitenzahlen nicht in derselben Schrift sein könnten wie die Buchstaben oder daran, dass mein Name auf dem Cover in einer Serifenschrift erscheint oder ohne Serifen, Kleinschreibung, Großschreibung oder an der falschen Stelle auf dem Cover. Ich könnte an allem leiden, was ich nicht schön finde und ich könnte vermutlich alles nicht schön finden. Auch das hat man mir gesagt und ich habe es nur schwer verstehen wollen: es geht nicht darum, ob es schön ist. Das sei eine vollkommen unangemessene Beschreibung der Situation. Vielmehr gehe es darum, Leute anzusprechen. Es muss Neugier erwecken. Es muss sich in einem Markt behaupten der etwa 70.000 Neuerscheinungen jedes Jahr verdauen muss. Ein Markt auf dem der größte Teil seiner Produkte ungesehen und ungelesen untergeht. Und deswegen solle und müsse ich mich jetzt einfach raushalten. Ich muss noch einen letzten Arbeitsschritt tun, die finalen Absprachen mit dem Lektor und der Praktikantin umsetzen. Und dann ist es aus und vorbei.
Das ist mir in den vergangenen Wochen tatsächlich ein wenig entglitten und ich musste es mir erst mühsam wieder in Erinnerung rufen: Dann fängt es erst an.
Ich bin schwierig? Es sind die Umstände, die schwierig sind. Ich passe mich ihnen lediglich an.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: April 15th, 2011 unter Das Geräusch des Werdens, mittel












Kommentar von Norbert W. Schlinkert
Datum/Uhrzeit 15. April 2011 um 14:43
Liebe Aléa,
nun wissen es alle: Du bist schwierig. Viele große Künstler und
Künstlerinnen sind schwierig, weil sie mit Herzblut ihre Sache
betreiben. Schwierigsein muß also nicht zwingend der Sache selbst
schaden. Deinen Roman bist Du jedenfalls los, nämlich bald an die
Leser, denen Dein Schwierigsein am Arsch vorbei geht, um das mal
poetisch auszudrücken. Loslassen können, wenn die Texte erwachsen,
wenn sie flügge werden und hinaus in die Welt streben, das müssen
wohl alle Erzeuger zu ertragen lernen. Auch Du. Ich zum Beispiel habe
noch zwei Romantexte bei mir zu Hause, die ich bald aber in die Welt
hinaus jagen will, auf daß sie eben diese bereichern. Freud und Leid
liegen nah beieinander. Nur Sein oder doch Schwierigsein, das ist
allenthalben die Frage.