07 April 2011
Langsam wird’s einem genommen
Der Vertrag zwischen mir und dem Verlag zeigt klar und deutlich, was ich jetzt langsam realisiere: Ich habe meinen Text verkauft. Alle Rechte, das Hauptrecht der Nutzung – die Veröffentlichung als gebundenes Buch – und alle Nebenrechte, die etwaige Vermarktung als Taschenbuch, als Hörbuch, als Übersetzung, auch die in Blindenschrift, die Makulatur, das Verramschen etc., etc. obliegt nicht mehr mir: alle Rechte sind an den Verlag übergegangen, bis auf das Urheberrecht.
Auf dem Buch wird mein Name stehen und der Titel auf den wir uns hier, auf den der Verleger und der Lektor und ich uns geeinigt haben: „Das Geräusch des Werdens“. Aber noch ist es kein Buch. Ich habe vor zwei Wochen den Text in seiner vorläufigen Endfassung abgeliefert. Nun machen sich andere über den Text und die Rahmenbedingungen her. Das ist ein interessanter und langwieriger Prozess, was mit einem Manuskript angestellt wird, bevor es als Buch zu kaufen ist. Es kommen die Praktikantin und der Lektor und quengeln und nörgeln. Sie machen aus dem vorläufigen Endprodukt ein endgültiges Endprodukt. Dann bekomme ich es noch einmal zurück und mache aus dem endgültigen Endprodukt ein finales endgültiges Endprodukt. Es kommt der Verlagschef und leitet das Gespräch mit dem Worten ein „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten …“ Dann kommt die Kommunikationsagentur, es kommt die Frau die ein Cover um mein das Buch macht, dann kommt der Vertriebsleiter, sie alle wollen sich unterhalten und sagen „Liebe Frau Torik …“
Sie alle machen Sachen, die ich will. Ich spreche von der Art wie der Text und auch ich selbst präsentiert werden. Ich habe da genaue Vorstellungen. Die werden, soweit möglich, auch umgesetzt. Aber es gibt Grenzen, die von der Natur der Sache herrühren. Oder von irgendwelchen anderen, mir nicht bekannten Naturen. Alle beteiligten Personen wollen und müssen Entscheidungen treffen, die mit meinem Buch nichts zu tun haben; die beispielsweise den Verlagsprospekt betreffen, mit dem die Verkäufer den Buchhandel bereisen. Die Bücher kommen – as I just learned – nicht einfach so in den Buchhandel, weil der in aller Herrgottsfrühe anliefernde Post- und Paketdienstleister sie zufällig im Gepäck hat, nicht durch Gottes Hand oder weil sie ja nun mal verkauft werden müssen und der Buchhandel eben der Ort des Geschehens ist. Mitnichten. Bücher werden mehrfach verkauft, vom Verlag an die Buchhandlung und von der Buchhandlung an den Leser und der Leser verkauft es bei Amazon dann noch mal. Möglicherweise wird‘s zwischen all diesen Schritten auch gelesen. Sicher ist das nicht. Sie alle nehmen es einem. Sie alle verdienen oder wollen verdienen, sie alle wollen Einfluss nehmen und sie alle müssen Entscheidungen treffen, die mit mir und meinem Buch nichts zu tun haben. Das ist ein Produkt für den der verminderte Mehrwertsteuersatz von derzeit sieben Prozent gilt. Moment mal eben, das Telefon klingelt … so, da bin ich wieder, das war gerade das Finanzamt, der Finanzminister persönlich, der sagte: „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten.“
Und eines Tages kommt so ein Typ, ungewaschen und ungepflegt, sichtbar desorientiert, schlecht gelaunt, geradezu verwirrt. Er hat sich mit seiner Frau gestritten, er soll ein Geschenk kaufen, was er nicht kann, er ist kein Geschenketyp, er ist nicht spendabel, er ist geizig, seine Firma will ihn rausschmeißen, er denkt an Sex, was Männer ja angeblich dauernd machen, die denken an Sex und merken es schon gar nicht mehr, und er denkt, dass er eigentlich an etwas anderes denken will, ihm fällt aber nichts ein, er hat schlechte Laune, Fernseher kaputt, MP3 Player kaputt, Internet kaputt, am liebsten würde er jemand eine reinhauen, da steht er nun und weiß kaum wie er dahin gekommen ist: und das ist dann der Leser!
Das ist der Letzte in einer langen Verwertungs- und Rezeptions- und Vermeidungskette und der Letzte unter denen, die es einem nehmen wollen. Dann kommt meine große Stunde. Ich werde hinter ihm stehen. Ich werde ihm die Hand auf die Schulter legen. Er wird denken, es sei der Ladendetektiv, weil er es natürlich klauen wollte: mein Buch nämlich. Musik klaut er ja auch, wozu also für Bücher bezahlen? Er wird sich umdrehen, er wird mich sehen und denken, dass ich etwas von ihm will, weil er ja eben doch nahezu immer an Sex denkt. Ich werde langsam meinen Kopf an seinen bewegen. Er wird natürlich denken, das sei seine große Stunde. Ich werde ganz nahe an seinem Ohr flüstern. „Nimm deine dreckigen Pfoten von meinem Buch“. So wird’s nicht kommen. Ich darf laut Verlagsvertrag nichts tun, was den Vertrieb und Verkauf behindert.
Ich werde also flötend neben meinem Buch stehen und falls er es weglegen will, um sich irgendeinen Schund zu greifen, der aus unbegreiflichen Gründen neben meiner Hochliteratur liegt, werde meinen Absatz auf seinem großen Zeh abstellen und die äußerste Kante dieses schmalen Absatzes mit meinen 66 Kilogramm belasten und während er aufjault und kreischt werde ich ihm erklären, dass mein Buch nur palettenweise abgegeben wird. Weil sie alle ein Exemplar haben wollen. Seine Frau, die gleich kommt und der ich werde erklären müssen, dass ihr Mann was von mir wollte, die will es natürlich auch lesen. Die rennt am selben Nachtmittag noch zum Scheidungsrichter und der will mein Buch auch lesen. Der Vorsitzende und die ehrenamtlichen Richter, die Schöffen und Beisitzer, die Schriftführer und die anderen Angestellten im Gericht, die Angestellten beim Landesscheidungsgericht und beim Bundesscheidungsgericht und die beim Bundesverfassungsgericht, die Hausärzte, die den Mann wegen des zerquetschten Zehs behandeln müssen, die Chirurgen, die den Zeh amputieren, die Psychologen, die Psychiater, die Suizidpräventionsberater, die Suizidberater, die Suizidhelfer, die Bestatter, die Einäscherer, die Urnenhersteller: sie alle wollen mein Buch lesen. Und deswegen geht es nur palettenweise heraus, wie ich dem Mann sehr eindringlich erkläre, der das aber alles nicht richtig versteht, weil er gerade an Sex denkt. Weil eben alle, die gerade an Sex denken in Wirklichkeit mein Buch lesen wollen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: April 7th, 2011 unter Das Geräusch des Werdens, voluminös











