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    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom April, 2011

    22 April 2011

    Ostern – Paşti

    Die Etymologie in der Limba română ist, anders als in der Limba germană, lateinisch: Pascha. Ostern gehört von der Datierung her zu den beweglichen Feiertagen. Im Gegensatz zu anderen westeuropäischen Ländern, die sich am gregorianischen Kalender orientieren, wird in den orthodoxen Kirchen der osteuropäischen Länder bei der Berechnung des Osterdatums am julianischen Kalender festgehalten. Im vergangenen wie in diesem Jahr sind es dieselben Daten. Das Ganze ist ein bisschen komplizierter und zeigt noch heute, woran wir nicht mehr gewöhnt sind, welch enorme Synchronisationsleistung ein Kalender ist. Wem das nicht reicht, wer ein philosophisches Werk und eine These braucht, der sollte Norbert Elias lesen, Über die Zeit.

    Ostern ist das wichtigste religiöse Fest in România. Das wird wie Weihnachten in ganz Europa ähnlich gefeiert. Es gibt bei uns den Karfreitag und den Ostermontag. Es gibt gefärbte Eier und selbst in einem Agrarland, wo man die wesentlichen Zusammenhänge kennt und weiß, dass Eier von Hühnern gelegt werden, spielt der Osterhase eine kleine Rolle. Frauen werden, wie in vielen Gegenden mit slawischen Traditionen, mit Wasser bespritzt und symbolisch von den Männern mit einer Rute geschlagen. Angeblich werden sie dadurch schön. Als Dank bekommen die Männer von den Frauen und Mädchen ein bunt bemaltes Ei geschenkt. In manchen Gegenden zieht man in der Osternacht mit Fackeln durch den Wald.

    Über Ostern tut sich hier nicht viel. Also ich tue nicht viel. Ich habe die Arbeit bereits an den Nagel gehängt. An dem Nagel hängt inzwischen einiges: der biegt sich bedenklich. Ich werde dennoch ein wenig am Schreibtisch sitzen. Ich muss einen Brief an meinen Prof schreiben und dieser Brief will wohlformuliert sein. Ich muss mich, mit der Absage für das eine im Nacken, für ein anderes Stipendium bewerben. Es warten angefangene Blogtexte auf mich. Ich muss für die Diss einen Text lesen und noch eine Handvoll andere Dinge tun. Ich muss Kontakte zu den Freunden in Rumänien halten, sonst habe ich bald keine mehr. Es gibt ein kleines WG-Frühstück. Ich möchte über Ostern mein Leben so banal wie möglich gestalten, auch wenn es das schon von Natur aus ist. Man muss das Leben mit seinen eigenen Waffen schlagen.

    Zur Kommentarfunktion: Es gibt immer noch Schwierigkeiten, die auch erst in der Woche nach Ostern gelöst werden können. Wenn Sie einen Kommentar eingeben wollen, müssen Sie, auch wenn dort etwas anderes steht, beim Captcha beide Worte eingeben. Ich denke allerdings, dass Sie dasselbe tun werden wie ich, sich aus dem Netz heraushalten.

    Das neue Lesezeichen von Litblogs ist da. Das ist ein schönes Tool, dass Christiane Zintzen und Hartmut Abendschein dort anbieten.

    Und dann steht da noch einen Posten auf meinem Zettel, der nicht unwichtig ist: Hummeln anfassen. Man muss mit den Händen einen Hohlraum um die Hummel bilden, mit einer kleinen Öffnung, die man sich dann ans Ohr hält. Wie eine Muschel. Hummeln können einem nichts tun. Wollen die auch gar nicht. Die bekommen auch keine Panik. Die leben einfach so vor sich hin. Das will ich die kommenden Tage auch versuchen.

    Paşte fericit!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 April 2011

    Glück

    Unter dem Eintrag „Glück“ findet sich in Kluges Etymologisches Wörterbuch (22. Auflage 1989) der Zusatz: „Herkunft unklar“. Grandios! Genauso empfinde ich das auch. Das ist vielleicht das erste Mal, dass ich vollkommen konform mit einem Wörterbuch bin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 April 2011

    Tod und Liebe und Verdacht

    „Die Unbefleckte Empfängnis“ von Gaétan Soucy

    Es gibt die guten und die schlechten Romane. Es gibt die Romane mit den hellen und die mit den dunklen Stoffen. Es gibt die runden und die kantigen Romane. Es gibt die Romane, die Fragen stellen und die, die Antworten geben. Es gibt die sich aufblähenden und die in sich zusammenfallenden Romane. Es gibt die, die vorne anfangen und hinten aufhören und die, die es umgekehrt machen. Es gibt die schneller und die langsamer werdenden, es gibt die verrätselnden, die versprechenden und die halluzinatorischen Romane, die erratischen und die erotischen. Es gibt die aufklärenden, die erklärenden und die verklärenden. Es gibt die nüchternen und die trunkenen. Es gibt die auffälligen, die gefälligen und die gefühligen. Es gibt die rapportierenden, die reklamierenden, die revoltierenden und die rotierenden. Es gibt die launigen, die launischen, die lebhaften, die lahmen, die libidinösen, die lüsternen, die liebevollen, die larmoyanten, die lyrischen, die luziden, die liturgischen, die luziferischen, die langweiligen, die lachhaften, die lächerlichen, die lauten, die leisen, die listigen und die lustigen Romane. Und genau so einer ist das.

    „Die Unbefleckte Empfängnis“ ist der Debütroman des Frankokanadiers Gaétan Soucy. Seine beiden nachfolgenden Romane sind diesem in der Übersetzung zuvorgekommen, zusammen bilden sie die „Trilogie der Vergebung“, bestehend aus „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ (La petite fille qui aimait trop les allumettes), „Die Vergebung“ (L’acquittement) und eben „Die Unbefleckte Empfängnis“ (L’Immaculée Conception). Gaétan Soucy steht sowohl dem Surrealismus als auch dem Symbolismus nahe. Die wirklichkeitsadäquate, rein beschreibende und realistische Prosa ist seine Sache nicht. Der Sinn der Ereignisse und Handlungen ergibt sich selten nur aus ihrer Nähe zur Wirklichkeit. Ereignisse scheinen oft keine Bedeutung und keinen Sinn zu haben. Sie gewinnen diesen Sinn erst, indem sie auf andere Ereignisse verweisen, die, für sich betrachtet, auch nicht sinnvoll sind.

    In diesem Verständnis von der Welt, in so einer Netzstruktur gibt es kein natürliches Zentrum. Das Zentrum ist dort, wo sich etwas im Netz möglicher Bedeutungen verfängt. Man könnte überall anfangen diesen Roman darzustellen, in der überflüssigen und grotesken Szene, da die kleine stumme Sarah ihren Beschützer Remouald in eine Metzgerei zieht, die in Käfigen lebenden Tiere im Hinterhof durcheinander wirbelt, den Hühnern ins Hinterteil tritt und dann mit einem Kalbsschnitzel einen Schinken verprügelt. Das sind wenige Seiten, kaum der Rede wert, mit oder ohne Schnitzel, die Entwicklung nimmt ihren Verlauf. Das siebenjährige Mädchen ist keine Hauptfigur, aber sie präsentiert ein wichtiges Motiv: die Kindheit und vor allem die Liebe zu Kindern.

    Remouald Tremblay ist ein etwa dreißigjähriger, zu groß geratener Volltrottel mit dem Lächeln eines Esels. Er war einst ein hochintelligentes Kind, aus dem von einem auf den anderen Moment ein Dummkopf geworden ist. Er hat mitunter Zusammenbrüche, die wie epileptische Anfälle aussehen, tatsächlich aber Erinnerungen an seine Kindheit sind. Er pflegt seinen alten Vater Séraphon Tremblay, der im Rollstuhl sitzt und seine Zeit damit verbringt, den Sohn zu tyrannisieren.

    „Séraphon Tremblay schämte sich wenig für seine körperlichen Unzulänglichkeiten, die er durchaus für sich zu nutzen wusste. Er war einer jener Greise, die es sozusagen von Geburt an sind, die ihr Leben lang auf das richtige Alter warten und erst am Ende des Weges ganz zu sich selbst finden, dann aber den machtvollen Glanz aller Dinge erlangen, die ihr volles Wesen entfaltet haben. Sein Körper verlangte so gut wie nichts mehr, was ihm sehr entgegenkam, die Sorge war er los, und versetzte ihn obendrein in die glückliche Lage, seinen Sohn Remouald unter der Last seiner Schwäche erdrücken zu können.“

    Tagsüber arbeitet Remouald in einer Bank. Der Bankbesitzer, Monsieur Judith, bittet ihn eines Morgens auf seine Nichte Sarah aufzupassen. Der Trottel geht also mit dem Kind spazieren, er geht mit ihr ins Kino, er kauft ihr ein Lotterielos und merkt bald, dass er sie gern hat. Am Abend des zweiten Tages erhält Judith die Nachricht, dass die Mutter des Mädchens im Sterben liege und ihre Tochter noch einmal sehen wolle. Da ihn selbst ein wichtiger Termin von der Reise abhält, schickt er Remouald mit der kleinen Sarah los. Der nimmt noch seinen gelähmten Vater mit. In einer kalten Winternacht steigen sie mitten auf der Strecke aus einem Güterzug. Séraphon wird auf einen Schlitten umgeladen und festgebunden. Sie bekommen eine Öllampe und Streichhölzer. Dann treten sie die Wanderung durch den Schnee ins Sanatorium Saint-Aldor-de-la-Crucifixion an, wo angeblich die Mutter Sarahs liegt. Die drei kommen allerdings nie an. Sarah erhält die Streichhölzer, sie gibt bisweilen noch ein Leuchten von sich, dann verschwindet sie, die Öllampe leckt, fängt Feuer und Remouald und Séraphon verbrennen bis zur Unkenntlichkeit.

    Auch damit könnte man im Netz der Bedeutungen beginnen, denn auch dies ist ein wiederkehrendes Motiv: die kleinen und die großen Brände. Als viele Jahre zuvor Remoualds Mutter stirbt, heißt es von Célia „Sie starb ohne Worte, nur ein Seufzer im Schlaf, der nicht einmal genügt hätte, um ein Streichholz auszublasen.“ Streichhölzer die nicht ausgeblasen werden, können größtes Unheil anrichten. Séraphon war einmal der Besitzer einer Holzhandlung, die durch einen Brand vernichtet wurde. Die Umstände dieses Brandes, so kamen damals die Behörden überein, sollten der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Angeblich steckte Remoualds Vater Joachim dahinter. Remouald hieß früher Bilboquain mit Nachnamen und ist lediglich Séraphons Stiefsohn. Möglicherweise war der Brandstifter auch Wilson, der als Aushilfe in der Holzhandlung arbeitete und eine Neigung zu hübschen Jungs hatte. Wilson liebte Remouald und war tödlich eifersüchtig auf dessen Schwester Joceline. Wilson aß nur Tiere, die er selbst getötet hatte. Bevor die Holzhandlung brannte, servierte er dem geliebten Kind ein grausiges Mal. Seit jenem Tag war seine Schwester Joceline verschwunden. Remouald verlor den Verstand, Wilson erhängte sich, Célia wurde verrückt, Joachim starb bei dem Brand. Daraufhin kam Remouald ins Sanatorium: Saint-Aldor-de-la-Crucifixion. Vollständig verwandelt wurde er drei Jahre später entlassen. Aus einem hübschen kleinen Jungen ist ein metergroßes Ungetüm geworden, aus einem überaus intelligenten Jungen ein Trottel.

    Das Zusammenleben mit der Mutter und dem Stiefvater wird zum Martyrium. Die Mutter zieht sich immer mehr in ihre psychischen, sein Stiefvater Séraphon in seine physischen Gebrechen zurück. Remouald erträgt all das als eine Art Sühne, als Buße, weil er sich nicht erinnern kann, außer in den epileptischen Anfällen. Der Tod durchs Feuer ist die Erlösung aus seiner Qual.

    „Das Grauen, in dem er zwanzig Jahre lang gefangen gewesen war, ließ ihn nun frei, und zum ersten Mal konnte er atmen, ohne zu spüren, wie eine böse Hand – seine eigene – ihm das Herz zusammendrückte. Die heilige Jungfrau wachte über den Brand, richtete die Flammen immer wieder mit sanften Griffen wie einen Blumenstrauß. Sein Vater Joachim pflegte ihm jeden Abend, wenn Remouald von der Schule kam, die Hände zu waschen, und nach dem Abendessen tanzten sie Gigue, und seine Mutter saß lachend im Schaukelstuhl am Ofen und klatschte den Takt.
    Die Flammen glitten über Remoualds Haut und streichelten ihn. Er öffnete halb die Augen, schloss sie wieder, öffnete sie erneut, wie ein glückliches Kind, das in den Armen eines Menschen einschläft, den es liebt. Er fühlte sich zwischen zwei Welten: einer Welt, die es schon nicht mehr gab, und einer Welt, die es noch nicht gab und die es vielleicht nie geben würde. Aber welche Gegenwart? Welche Zukunft? Diese Worte hatten keine Bedeutung mehr. Das Feuer bedeckte schon seine Hose und einen Ärmel seines Mantels. Er hatte noch die Kraft, seine Taschen zu durchforsten. Er wollte alles wegwerfen, was darin war, sich dessen entledigen, ganz gleich was es war. Er wollte sterben wie ein Bettler in einer Sagengeschichte, ohne jeden Besitz, den Mantel voller Sterne. Vergebung erfahren. Er holte ein Lotterielos hervor, an das er sich nicht erinnern konnte. Es schien ihm ein großartiges Rätsel, eine Zahl die womöglich das Geheimnis des Universums enthielt … Er übergab es dem Feuer, dem versengten Gras, fand sich damit ab, dass dieses Geheimnis ihm nicht mehr enthüllt würde – wer konnte schon im Augenblick des Verlöschens von sich behaupten, alles verstanden zu haben.“

    Der Roman wird auch von einer Brandgeschichte eröffnet. Der Grill aux Alouettes brennt bis auf die Grundmauern nieder, dutzende Menschen kommen dabei zu Tode. In dem beliebten Lokal verkehrte Remouald bisweilen. So auch an jenem Tag als der Grill abbrennt und ihn kurz zuvor jemand fragt, ob er ihm wohl mit Streichhölzern aushelfen könne. Einige Tage nach dem Brand beobachtet Clémentine Clément die gegenüber wohnt, einen jungen und einen alten Mann im Rollstuhl in den Trümmern. Da sie auch drei ihrer Schüler auf dem Gelände sieht, kommt ihr sofort ein Verdacht. Sie schreibt anonyme Briefe an die Polizei und die Feuerwehr. Sie liebt den Feuerwehrhauptmann. Und auch den Schuldirektor. Die Kinder liebt sie ebenfalls, sie küsst sie mitunter herzhaft. Bei den Kolleginnen steht sie allerdings im Verdacht, ihre Schützlinge unnötig zu traktieren. Sie liebt auf ungewöhnliche Weise, nach außen zurückhaltend in erotischen Dingen, ist sie umso freizügiger in ihren Vermutungen über das, was die anderen treiben. Sie sieht Zusammenhänge wo keine sind. Clémentine sieht Verschwörungen und Unzucht. Sie sieht auch viele schöne Männer. Sie sieht unanständige Zeichnungen ihrer Schüler und sie sieht sie gemeinsam onanieren. Oder sie meint das alles zu sehen. Sie hält das nicht streng auseinander. Sie lügt, sie phantasiert, sie erinnert: Bekanntermaßen alles keine sehr verlässlichen Tätigkeiten. Sie erinnert sich an ihren ersten Mann, der eine Woche vor der Hochzeit tot war, an das Kind, das sie von ihm erwartete, das einen Tag nach der Geburt auch tot war. Am Ende der Entwicklung ist sie womöglich erneut schwanger, ob vom Feuerwehrhauptmann oder von einem ihrer minderjährigen Schüler … sie liebt die Kinder und die Männer auf eine schwer zu differenzierende Weise, überall Tod und Liebe und Verdacht.

    „Sie verbrachten den Abend miteinander, redeten, tranken ein wenig, erfreuten sich an der Gegenwart des anderen, lachten sogar (ja, lachten!). So hatte sie ihn noch nie erlebt. Er war wie ausgetauscht, war ausgelassen, umgänglich, aufmerksam, humorvoll. Genau genommen sprach der Hauptmann nicht viel, machte nur ab und zu eine grobe Bemerkung, aber er konnte zuhören, er bestärkte sie in ihrem Gefühl, ein wichtiger Mensch zu sein. Gut die Hälfte von dem was sie von sich erzählte, war zwar gelogen, aber es kam ihr nicht so vor, als würde sie in irgendeiner Weise täuschen; sie beschönigte ein wenig, weil es ein schöner Abend war. Sie machte keine Zeugenaussage vor einem Richter, sondern vollführte ein Pas de deux. Die Anmut schob sich tanzend vor die Wahrheit.“

    Weder die Liebe, noch die Sexualität werden als erfüllend erlebt, nicht einmal als befriedigend, von den Frauen so wenig wie von den Männern. Der Feuerwehrhauptmann hat noch andere Interessen als mit der überspannten Clémentine Tee zu trinken und sich ihre Gedichte anzuhören. Er gibt der Witwe Racicot Schlafmittel und macht dann mit ihr, was er will. Zwei Schuljungen aus der Klasse der Lehrerin schauen durch eine Dachluke zu und bekommen Nachhilfeunterricht.

    „Der Mann stand regungslos hinter ihr im Türrahmen. Seine muskulöse Brust war mit krausen Haaren überdeckt. In der Wölbung seiner Beine lag etwas Animalisches. Mit durchdringender Härte starrte er auf den Nacken der Witwe, als wolle er ihr einen Schlag darauf geben. Von kalter Wut getrieben ging er zum Bett, packte die Katzen beim Schwanz und warf sie aus dem Zimmer. Er ließ die Knöpfe seiner Hose aufspringen. Dann drehte er die Witwe auf den Rücken und riss ihr die Hose herunter. Er machte zwei, drei Kniebeugen, stieg seinerseits aufs Bett und kniete sich mit aufgerichtetem Geschlecht auf die unbezogene Matratze. Die Racicot bekam einen Lachanfall. Mit der Körperspannung eines Kunstturners legte er sich auf sie. Die Federn des Bettgestells fingen an zu quietschen.
    Die Witwe lachte lauthals weiter wie ein dickes Tier, das gekitzelt wird. Sie hielt den Oberkörper des Mannes fest umschlungen, und je länger er sie bearbeitete, umso mehr veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, bis vages Entsetzen darin zu lesen war.
    Gleichwohl schlief die Witwe kurz darauf ein. Ihr Partner konnte sie nur ab und zu mit einem verstärkten Beckenstoß wecken: Dann öffnete sie zu Tode entsetzt die Augen, stieß ein langes Brüllen aus, und ihre Lider fielen wieder zu. Der Mann hielt inne. Seine Lippen zitterten; ihm tropfte der Schweiß von den Haaren. Er drehte die Witwe wie einen Pfannkuchen um, hielt so gut er konnte ihren Pferdhintern hoch und nahm sie sich ungestüm wieder vor. Das Bett stampfte. Der Mann fluchte leise vor sich hin und schlug der Frau auf die Hinterbacken.
    Die Stöße auf dem Bett waren noch auf der Galerie zu hören, wo Bradette unter der Decke derart erregt war, dass er seinen Kumpan ständig in die Seiten stieß. Rocheleau ließ es geschehen, ohne etwas zu sagen, benommen, stumpfen Blickes wie seekrank. Er konnte den Blick nicht vom Gesicht der Racicot abwenden, die mit der Nase ins Kissen gedrückt dalag und im Schlaf weiter vor sich hinmurmelte.“

    Die Liebe ist nicht schön. Auch der Sex ist nicht schön. Die Kinder sind schön. Und gerade das ist ihr Vergehen. Schönheit ist ein Zeichen von Unschuld. Schönheit, die die Erwachsenen reizt an dieser Unschuld teilzuhaben. Solche Teilhabe bedeutet allerdings ihre Zerstörung. Unschuld steht vom ersten Moment an im Verdacht, nie vollkommen unschuldig, nie ganz rein gewesen zu sein. Unrein, weil von Unreinheiten umgeben. Die Kindheit ist bedroht von der Lust der Erwachsenen. So ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit und der Unbeschwertheit jener Jahre, da man jung war und schön und kluge oder auch nur naive Fragen gestellt hat, hier immer doppelbödig. Diese Ambivalenz von Schönheit und Lust ist fatal, man liebt das Schöne und zerstört es durch seine Liebe. Will man jemand anderen vor dieser Liebe oder dem Sex bewahren, wie ein Vater seinen Sohn, wird alles nur noch schlimmer, Rocheleau ist, als sie den Feuerwehrhauptmann beobachten, lange nicht so erregt wie sein Freund Bradette, weil er sich dabei vor Schmerzen windet.

    „Die Klammer war eine kleine Vorrichtung aus Metall, die sein Vater an seinem elften Geburtstag zwischen seinen Beinen angebracht hatte, um jene männlichen Regungen zu verhindern, denen kleine Jungen unterworfen sind und deren Anblick zu schmerzlich gewesen wäre für eine Mutter, die ihren Sohn vom Himmel herab mit so viel Wunderbarer Liebe bedachte.“

    Man könnte diesen Roman (auch) darzustellen versuchen, indem man erzählt, dass ein gewisser Rogatien als Kind an eine Mauer schreibt: „Ich gehöher für imer Justine Vilbroquais“. Dieser Rogatien, der in seiner ersten Hinterlassenschaft an die Welt noch nicht recht-schreiben konnte, wird in späteren Jahren Romanschriftsteller, der der Geliebten seiner Kindheit einen Brief schreibt. Er will sie wiedersehen, wenn sein Roman beendet ist: am 22. Dezember. An diesem Tag wird (auch) „Die Unbefleckte Empfängnis“ vollendet.

    Es gibt eine Wirklichkeit in diesem Buch, aber sie ist schwach ausgeprägt. Die Ereignisse finden zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts statt, in einem Stadtteil Montréals. Bereits die Wahl der meisten Figurennamen orientiert sich nicht mehr an dieser Wirklichkeit. Auch die Ereignisse sind oft eine Spur neben der Realität. Von einem Balkon fiel „ein Stück Fell und landete direkt vor seinen Füßen, stieß dann einen fürchterlichen Schrei aus und schoss wie ein Pfeil unter die Galerie.“ Vater und Sohn Tremblay schlafen in einem Bett. Das Essen wird dem einen vom anderen vorgekaut, der Alte empfängt es mit in den Nacken gelegtem Kopf aus dem Mund seines Sohnes. Als einer der Schüler Clémentines im Sterben liegt, schneidet sich dessen Mutter mit einer Klinge den Handballen auf und lässt ihren Sohn das Blut trinken.

    Mir ist dieses Universum etwas zu dunkel, zu viele Tode, zu viele Waisen und zu viele intellektuell oder emotional beschädigte Figuren. Die wenigen hellen Lichter die der Autor seine Figuren anzünden lässt, verglühen mir zu schnell. Es ist mir auch eine Nuance zu brutal: nachdem Wilson dem kleinen Remouald ein Essen zubereitete, bittet er ihn in einem Sack nachzuschauen, was er gegessen hat. In dem Sack steckt der Kopf seiner Schwester. Die Stärke dieses Textes liegt darin, dass er viele mögliche Zusammenhänge anbietet, die er nicht wertet. Aber das ist auch seine Schwäche. Ich wünsche mir als Leserin zumindest einen kleinen Überhang an Realität. Aber das ist Geschmacksache und vielleicht ist diese Unverbindlichkeit das, was der Autor als Kennzeichen von Realität empfindet.

    Das sind alles möglicherweise sinnvolle Bezüge. Mehr als die Möglichkeit dazu, scheint kaum sinnvoll zu sein. Der Sinn muss sich frei bewegen können, er muss sich im Netz möglicher Bedeutungen verfangen können. Einmal arretiert, wird er ausgeschaltet. Bedeutungen erfolgen aufgrund von Zuschreibungen, und möglicherweise auch mangelnden Zuschreibungen. Umstände jedenfalls, die die Dinge nicht mit sich bringen. Die Dinge sind nackt. Ins Kleid der Bedeutung können sie nur durch unsere Zuschreibungen gesteckt werden. Durch Zusammenhänge, die wir konstruieren. Zu viele Zusammenhänge können allerdings auch aufs Gemüt schlagen, das zeigt das Beispiel der Lehrerin. Zuviel Konstruktion oder zu wenig, beides ist nicht gut für den (literarischen) Verstand. Vielleicht ist die sinnlose Szene mit dem Kalbsschnitzel, vielleicht ist Sinnlosigkeit überhaupt, eine bessere Beschreibung der Welt. Besser, weil sinnvoller.

    Das ist ein empfindliches Universum, das uns Gaétan Soucy hier präsentiert. Wie ein Lotterielos mit einer Zahl darauf, die eine Niete oder einen Hauptgewinn bedeuten kann, eine Zahl „die womöglich das Geheimnis des Universums enthielt“; die, ebenso gut möglich, nichts als eine Zahl ist, eine 22 vielleicht, die nichts bedeutet, die keinerlei Sinn produziert. Das ist ein Universum ohne Zentrum. Eines, in dem die Bedeutungen bisweilen aufblitzen und gleich wieder verglühen. Es gibt eben solche und solche Romane. Und genau so einer ist das.

    Gaétan Soucy
    Die Unbefleckte Empfängnis
    Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers
    Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010
    ISBN-13 9783882215304
    Gebunden, 331 Seiten, 22,90 EUR





    17 April 2011

    Hundert Seiten Bücher

    Der kluge und gebildete Paco, der nicht nur viel weiß, sondern auch dauernd Zeitung liest und ins Kino geht – den ich einmal in Berlin getroffen habe und von daher weiß ich was ich sage: der auch dauernd Bier trinkt – hat ein ungewöhnlich schönes Projekt: die hundert Seiten Bücher. Solche Bücher sind keine Zumutung fürs Zeitbudget und sie geben, wie es da so schön heißt, einem das Gefühl ein ganzes Buch gelesen zu haben. Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 April 2011

    Lernen, was ich nicht lernen wollte

    Ich muss gerade sehr viel lernen, was ich nicht lernen wollte. Ich muss lernen, dass das Buch später nicht so aussehen wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist jetzt nicht mehr meins. Oder nur noch zu einem kleinen Teil. Andere machen jetzt damit, was sie für richtig halten. Auch wenn ich es für falsch halte.

    Es ist nicht mehr mein Buch. Der Verlag hat in nahezu allen Dimensionen gekauft. Er hat jetzt die Rechte daran. Und das sei, wie man mir eindringlich erklärte, auch wichtig, weil der Verlag damit arbeiten muss. Es dürfe nicht sein, dass ich denen jetzt hineinreden will in ihre Arbeit, weil ich nichts davon verstünde. Das war ein schwieriges Gespräch mit meinem Mentor. Das war auch ein schwieriges Gespräch, weil ich schwierig bin. Sagte er mir. Das muss ich erst mal verdauen. Aber ich habe ja auch noch ein paar Jahre Zeit. Es ist hier nicht alles eitel Sonnenschein. Frau T. ist nicht nur schlank und schlau und schön, sondern auch schön schwierig. Ich will dem Mann auf keinen Fall auf die Füße treten und deswegen muss ich jetzt aufhören, anderen auf die Füße zu treten.

    Verkauft oder nicht: es ist mein Buch und es wird immer meins bleiben. Es steht mein Name drauf, nicht der des Lektors, nicht der Name der Agentur, die das Cover entworfen hat; nicht die Namen derjenigen, die losziehen um es zu verkaufen und die es nur mit Schlagworten verkaufen können, die vielleicht nicht die sind, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte. Das ist mein Buch und dennoch muss ich es loslassen. Das ist extrem schwierig. Das ist wie ein Mensch, den man geliebt hat. Man hat viele Tage und Nächte mit ihm verbracht, man weiß wie er riecht, wie er schmeckt, man kennt sein Lachen und sein Weinen. Und dann muss man ihn gehen lassen. Man muss ihn an andere abgeben, die gar nicht wissen wie er lacht und weint, weil es für sie bloß ein Mensch ist wie jeder andere auch!

    Ich leide an dem Umschlag. Wahrscheinlich werde ich auch noch an anderen Dingen leiden, an der Schrift, am Papier, an der Seitenaufteilung, an der Vorstellung, dass die Seitenzahlen nicht in derselben Schrift sein könnten wie die Buchstaben oder daran, dass mein Name auf dem Cover in einer Serifenschrift erscheint oder ohne Serifen, Kleinschreibung, Großschreibung oder an der falschen Stelle auf dem Cover. Ich könnte an allem leiden, was ich nicht schön finde und ich könnte vermutlich alles nicht schön finden. Auch das hat man mir gesagt und ich habe es nur schwer verstehen wollen: es geht nicht darum, ob es schön ist. Das sei eine vollkommen unangemessene Beschreibung der Situation. Vielmehr gehe es darum, Leute anzusprechen. Es muss Neugier erwecken. Es muss sich in einem Markt behaupten der etwa 70.000 Neuerscheinungen jedes Jahr verdauen muss. Ein Markt auf dem der größte Teil seiner Produkte ungesehen und ungelesen untergeht. Und deswegen solle und müsse ich mich jetzt einfach raushalten. Ich muss noch einen letzten Arbeitsschritt tun, die finalen Absprachen mit dem Lektor und der Praktikantin umsetzen. Und dann ist es aus und vorbei.

    Das ist mir in den vergangenen Wochen tatsächlich ein wenig entglitten und ich musste es mir erst mühsam wieder in Erinnerung rufen: Dann fängt es erst an.

    Ich bin schwierig? Es sind die Umstände, die schwierig sind. Ich passe mich ihnen lediglich an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    13 April 2011

    Obwohl es keiner ist

    Dies ist in meinem Blog der dreihundertste Artikel. Obwohl es keiner ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 April 2011

    Das Blog scheint wieder zu funktionieren

    Könnten Sie dies hier, wer immer sich da jetzt angesprochen fühlt, bitte versuchsweise kommentieren? Von meinem Computer geht’s, aber ich möchte gerne wissen, ob Ihre Kommentare, die ja als Mails an das Programm gesendet werden, auch tatsächlich auf Ihren Rechnern erscheinen und dann an micht gehen.  Sie, die Kommentare, müssten jetzt auch sofort im Blog erscheinen und nicht erst durch mich freigeschaltet werden.

    Keiner Ihrer alten Kommentare ist in meinem System gespeichert. Leider. Können Sie das vielleicht noch einmal einstellen? Ich würde mich freuen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 April 2011

    Natur versus Technik

    Ich habe immer noch Schwierigkeiten mit der Technik. Die Angelegenheit lässt sich vor Montag nicht klären. Vielleicht ist das ganz einfach zu lösen, nur kann ich es eben nicht selbst tun. Es haben sich einige gemeldet, die einen Kommentar eingestellt hatten. Bitte keine Vorwürfe, ich habe das alles nicht bekommen. Ich werde es selbstverständlich freischalten, wenn es nach der Reparatur noch da ist, ansonsten würde ich mich freuen, wenn Sie es noch einmal einstellen könnten.

    Ich stelle jetzt um auf Natur. Meine Mitbewohnerin und ich haben den Balkon bepflanzt. Wir waren in einem Gartencenter und dann haben wir auf dem Balkon unsere Blumenkästen mit Kräutern geschmückt: Basilikum. Thymian, Zitronenmelisse, Rosmarin, Petersilie, Schnittlauch und ein dicker Busch Lavendel. Im nächsten Monat kommen Bohnenkraut, Tomaten und ein Olivenbaum dazu. Dabei haben wir einen leckeren Weißwein getrunken. Der Vormittag war sehr lustig. Das wurde auch Zeit, dass ich mal wieder so etwas unternehme, einen Unsinn bei dem es was zu lachen gibt. Ich mache ja sonst nur sinnvolle Sachen. Wer immer das Leben erfunden haben mag, es war sicher nicht seine Absicht, dass der Mensch nur sinnvolle Sachen macht. So gesehen waren Olga und ich der Absicht des Schöpfers heute Vormittag sehr nahe. Was genau die Absicht des Schöpfers war, weiß ich derzeit noch nicht. Dem komme ich schon noch auf die Schliche. Immerhin studiere ich ja Literaturwissenschaften. Und wenn Gott je einen Job hätte machen wollen, dann sicher den des Schriftstellers. Und da bin ich ihm auf dem Fersen. Auf den Versen. Das wäre auch eine schöne Überschrift für diesen Artikel gewesen, aber doch etwas vermessen: Ich bin Gott auf den Versen.

    Mit den Kräutern kann ich endlich mal eine richtige Suppe zubereiten. Man kriegt ja in Deutschland keine vernünftigen Suppen zu essen. Das ist ein Manko. Ich bin ein bisschen blau, obwohl das, stand auf der Flasche, ein Grauburgunder war. Ich geh jetzt mal ins Bett. Sonst ruiniere ich mir mit einem einzigen Artikel meinen schönen Ruf. Also das, was ich als meinen schönen Ruf bezeichne. Aber vielleicht trinke ich ja auch vorher noch einen kleinen Schluck.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 April 2011

    Ich habe technische Schwierigkeiten

    Also nicht ich persönlich, sondern das Schrott-Blog hier. Mein havariertes Atomschrottblog. Ich habe mich gewundert, dass ich seit Wochen keinen Kommentar bekomme. Das ist ja manchmal so, dass es niemanden interessiert, was man macht. Aber dass wirklich nicht einer ein Wort verliert, fand ich verwunderlich. Nun war ich heute Abend mit Norrrrrrbert W. Schlinkert ein Bier trinken und der mault mich an, warum ich seine Kommentare nicht freischalte: Nun, ich habe sie einfach nicht. Ich habe niemandes Kommentare. Schicken Sie mir Ihre Kommentare in Zukunft per Post an die im Impressum angegebene Adresse.

    Ich werde morgen also mal jemanden losschicken, mit einem Hammer in der Hand, der das hier repariert. Ich hoffe, dass sich das morgen erledigen lässt. Sonst wird’s Montag. Und ich hoffe, dass Ihre Kommentare dann noch da sind. Wenn da welche sind.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 April 2011

    Langsam wird’s einem genommen

    Der Vertrag zwischen mir und dem Verlag zeigt klar und deutlich, was ich jetzt langsam realisiere: Ich habe meinen Text verkauft. Alle Rechte, das Hauptrecht der Nutzung – die Veröffentlichung als gebundenes Buch – und alle Nebenrechte, die etwaige Vermarktung als Taschenbuch, als Hörbuch, als Übersetzung, auch die in Blindenschrift, die Makulatur, das Verramschen etc., etc. obliegt nicht mehr mir: alle Rechte sind an den Verlag übergegangen, bis auf das Urheberrecht.

    Auf dem Buch wird mein Name stehen und der Titel auf den wir uns hier, auf den der Verleger und der Lektor und ich uns geeinigt haben: „Das Geräusch des Werdens“. Aber noch ist es kein Buch. Ich habe vor zwei Wochen den Text in seiner vorläufigen Endfassung abgeliefert. Nun machen sich andere über den Text und die Rahmenbedingungen her. Das ist ein interessanter und langwieriger Prozess, was mit einem Manuskript angestellt wird, bevor es als Buch zu kaufen ist. Es kommen die Praktikantin und der Lektor und quengeln und nörgeln. Sie machen aus dem vorläufigen Endprodukt ein endgültiges Endprodukt. Dann bekomme ich es noch einmal zurück und mache aus dem endgültigen Endprodukt ein finales endgültiges Endprodukt. Es kommt der Verlagschef und leitet das Gespräch mit dem Worten ein „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten …“ Dann kommt die Kommunikationsagentur, es kommt die Frau die ein Cover um mein das Buch macht, dann kommt der Vertriebsleiter, sie alle wollen sich unterhalten und sagen „Liebe Frau Torik …“

    Sie alle machen Sachen, die ich will. Ich spreche von der Art wie der Text und auch ich selbst präsentiert werden. Ich habe da genaue Vorstellungen. Die werden, soweit möglich, auch umgesetzt. Aber es gibt Grenzen, die von der Natur der Sache herrühren. Oder von irgendwelchen anderen, mir nicht bekannten Naturen. Alle beteiligten Personen wollen und müssen Entscheidungen treffen, die mit meinem Buch nichts zu tun haben; die beispielsweise den Verlagsprospekt betreffen, mit dem die Verkäufer den Buchhandel bereisen. Die Bücher kommen – as I just learned – nicht einfach so in den Buchhandel, weil der in aller Herrgottsfrühe anliefernde Post- und Paketdienstleister sie zufällig im Gepäck hat, nicht durch Gottes Hand oder weil sie ja nun mal verkauft werden müssen und der Buchhandel eben der Ort des Geschehens ist. Mitnichten. Bücher werden mehrfach verkauft, vom Verlag an die Buchhandlung und von der Buchhandlung an den Leser und der Leser verkauft es bei Amazon dann noch mal. Möglicherweise wird‘s zwischen all diesen Schritten auch gelesen. Sicher ist das nicht. Sie alle nehmen es einem. Sie alle verdienen oder wollen verdienen, sie alle wollen Einfluss nehmen und sie alle müssen Entscheidungen treffen, die mit mir und meinem Buch nichts zu tun haben. Das ist ein Produkt für den der verminderte Mehrwertsteuersatz von derzeit sieben Prozent gilt. Moment mal eben, das Telefon klingelt … so, da bin ich wieder, das war gerade das Finanzamt, der Finanzminister persönlich, der sagte: „Liebe Frau Torik, wir müssen uns mal unterhalten.“

    Und eines Tages kommt so ein Typ, ungewaschen und ungepflegt, sichtbar desorientiert, schlecht gelaunt, geradezu verwirrt. Er hat sich mit seiner Frau gestritten, er soll ein Geschenk kaufen, was er nicht kann, er ist kein Geschenketyp, er ist nicht spendabel, er ist geizig, seine Firma will ihn rausschmeißen, er denkt an Sex, was Männer ja angeblich dauernd machen, die denken an Sex und merken es schon gar nicht mehr, und er denkt, dass er eigentlich an etwas anderes denken will, ihm fällt aber nichts ein, er hat schlechte Laune, Fernseher kaputt, MP3 Player kaputt, Internet kaputt, am liebsten würde er jemand eine reinhauen, da steht er nun und weiß kaum wie er dahin gekommen ist: und das ist dann der Leser!

    Das ist der Letzte in einer langen Verwertungs- und Rezeptions- und Vermeidungskette und der Letzte unter denen, die es einem nehmen wollen. Dann kommt meine große Stunde. Ich werde hinter ihm stehen. Ich werde ihm die Hand auf die Schulter legen. Er wird denken, es sei der Ladendetektiv, weil er es natürlich klauen wollte: mein Buch nämlich. Musik klaut er ja auch, wozu also für Bücher bezahlen? Er wird sich umdrehen, er wird mich sehen und denken, dass ich etwas von ihm will, weil er ja eben doch nahezu immer an Sex denkt. Ich werde langsam meinen Kopf an seinen bewegen. Er wird natürlich denken, das sei seine große Stunde. Ich werde ganz nahe an seinem Ohr flüstern. „Nimm deine dreckigen Pfoten von meinem Buch“. So wird’s nicht kommen. Ich darf laut Verlagsvertrag nichts tun, was den Vertrieb und Verkauf behindert.

    Ich werde also flötend neben meinem Buch stehen und falls er es weglegen will, um sich irgendeinen Schund zu greifen, der aus unbegreiflichen Gründen neben meiner Hochliteratur liegt, werde meinen Absatz auf seinem großen Zeh abstellen und die äußerste Kante dieses schmalen Absatzes mit meinen 66 Kilogramm belasten und während er aufjault und kreischt werde ich ihm erklären, dass mein Buch nur palettenweise abgegeben wird. Weil sie alle ein Exemplar haben wollen. Seine Frau, die gleich kommt und der ich werde erklären müssen, dass ihr Mann was von mir wollte, die will es natürlich auch lesen. Die rennt am selben Nachtmittag noch zum Scheidungsrichter und der will mein Buch auch lesen. Der Vorsitzende und die ehrenamtlichen Richter, die Schöffen und Beisitzer, die Schriftführer und die anderen Angestellten im Gericht, die Angestellten beim Landesscheidungsgericht und beim Bundesscheidungsgericht und die beim Bundesverfassungsgericht, die Hausärzte, die den Mann wegen des zerquetschten Zehs behandeln müssen, die Chirurgen, die den Zeh amputieren, die Psychologen, die Psychiater, die Suizidpräventionsberater, die Suizidberater, die Suizidhelfer, die Bestatter, die Einäscherer, die Urnenhersteller: sie alle wollen mein Buch lesen. Und deswegen geht es nur palettenweise heraus, wie ich dem Mann sehr eindringlich erkläre, der das aber alles nicht richtig versteht, weil er gerade an Sex denkt. Weil eben alle, die gerade an Sex denken in Wirklichkeit mein Buch lesen wollen.

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    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 April 2011

    Auch ich und mein Blog …

    … gehören zu den „avantgardistischen, sperrigen, oft einfach grandios verstiegenen literarischen Blogs nämlich, die Christiane Zintzen und Hartmut Abendschein unter litblogs.net kuratieren“.

    Das meint der Autor eines Artikels in der Süddeutschen, der Herr Kessler, der einen Artikel über Literatur im Internet geschrieben hat. Jedenfalls glaubt er das. Leider hat er sich nicht die Mühe einer ausführlichen Recherche  gemacht. Kostet eben alles Zeit und Geld.  Seit Erscheinen dieses Artikels  gehen die Besucherzahlen meines Blogs drastisch zurück.

    Ich hätte schon gerne gewusst, ob ich eher zu den verstiegenen oder zu den sperrigen Vertreterinnen gehöre. Oder bin ich avantgardistisch? Ich werde es nicht herausfinden.

    Nicht weniger desinformiert als der Herr Kessler war Frau Schwalm, und auch das Medium war von ähnlichem Kaliber.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

    Sprachende>ro GoogleKE
    De asemenea,




    03 April 2011

    Daniela Danz; Pontus I

    Masada

    „Wenn du dann stehst wo es still ist dass du
    es merkst wenn das Denken aufhört und
    das Hören anfängt wenn das Hören aufhört
    und das Sehen anfängt wenn ein Vogel
    fliegt wenn du als schwarzer Vogel gleitest
    und schreist, wenn du zu sprechen ansetzt
    in der klaren Luft und von nichts sprechen
    kannst als dem Licht so als wäre es das erste
    Licht wenn du einen Schatten auf den Fels
    wirfst und sagst mein Schatten bleibt
    und der Fels vergeht wenn für jetzt wahr ist
    dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen
    kannst du die Wüste mit Namen nennen“

    Zusammenfassend könnte man sagen, dass diese Gedichte vom Rand stammen. Vom geografischen Rand Europas, Griechenland, der Hellespont – Helles Meer -, vom Schwarzen Meer, von der Ukraine und Czernowitz (rumänisch Cernăuţi) der alten Hauptstadt der Bukowina; vom temporalen Rand Europas, es werden die Anfänge, die Wiege der europäischen Kulturen genannt, Griechenland und Babylonien, Homer und Ovid, aber auch Israel und die Westbank werden thematisiert, moderne Grenzen und Grenzerfahrungen an den Rändern.

    Daniela Danz scheint mir mit der Geschichtsphilosophie Hölderlins vertraut, der in der Antike das Gegenstück der modernen Gesellschaft sah und sich über das Fremde das Eigene erschließen wollte, denn: „das Eigene aber ist das Schwerste“. In den wenigen Anmerkungen, die Frau Danz am Ende des Buches gibt, bezieht sie sich auch auf die Lehre der Töne Hölderlins. Ich kenne diese Konfrontation mit der Antike auch aus zwei Büchern Christa Wolfs, die ich vor langer Zeit gelesen habe, „Kassandra“ und „Medea“. Sie sucht den Ursprung unserer Gesellschaft(en) auf, um nach ihren Bedingungen zu fragen, weil sie dort, am Anfang, unverstellter und durch die Kultur weniger verfremdet erscheinen. Auch wenn mir ihre Gedankengänge, die ich damals zur Kenntnis genommen habe -in „Die Dimension des Autors“ nicht immer einsichtig gewesen sind, aber ich war ja auch noch ein junges Mädchen –. Einen ähnlichen Gedanken äußerte auch Sigmund Freund, als er sagte, ich paraphrasiere: Der Erfinder der Kultur war derjenige, der einem anderen, statt eines Steins, ein Wort an den Kopf warf. Ich will das nicht weiter thematisieren, weil ich weder mein eigenes, noch das Verständnis der Leser und Leserinnen beeinflussen möchte.

    Masada ist eines meiner bevorzugten Gedichte aus dem Band. So wenig wie ich, wenn ich einen Roman bespreche, einen Roman bespreche – ich sage lediglich, was mir durch den Kopf geht und strukturiere es dann – , so wenig mache ich hier eine Gedichtanalyse. Ich sage lediglich, was mir durch den Kopf geht und strukturiere es dann. Das darf der Leser auch erwarten, die Romane und Gedichte

    sind ja auch strukturiert. ‚Masada‘ fließt, nicht unterbrochen von Satzzeichen, nur von Zeilenumbrüchen. Nicht anhand der logischen oder semantischen Brüche stockt es, es stockt durch die Zeilenumbrüche. Es stockt an Stellen, wo es ginge es intuitiv, nicht stocken müsste. Es fließt von Zeile zu Zeile, von Bild zu Bild, von Bedeutung zu Bedeutung. Es fließt von der ersten Zeile, wo die erste Bedingung genannt wird – wenn – über die verschiedenen weiteren Bedingungen und Veränderungen, zu den späteren Zeilen, in der die Schlussfolgerungen genannt werden. Es kommt nicht einmal mehr zur entsprechenden Präposition, das ‚dann‘ wird verschwiegen. Als

    könne man, einmal am Ziel, die Bedingungen vergessen, die zu ihm führten. Es ist kein logischer Schluss, der sich an seine eigenen Bedingungen erinnert. Vielmehr braucht es die Leiter nicht mehr, die einen von Etage zu Etage, von Bild zu Bild geführt hat. Der Verstand ist das erste was über Bord geht, dann kommen die Sinneserfahrungen an die Reihe, das Hören, das Sehen, dann geht es einen Schritt weiter, nicht die Sinneserfahrungen verwandeln sich, sondern der Träger dieser Erfahrungen selbst, aus irgendeinem Vogel wird ein du – du als schwarzer Vogel -, der

    schreit. Und dann fängst du zu sprechen an, wohl nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Vogel spricht, von dem Licht, also nicht von dem, was man im Licht erkennen kann, nicht von den Gegenständen, denn Gegenstände, darf man vermuten, sind den Vögeln nicht so wichtig, Vögel sind nicht gebunden, jedenfalls nicht in jenen Bindungen, die wir kennen, sie sind vogelfrei. Außerdem sind Gegenstände in der Regel am Boden, Vögel hingegen in der Luft; die Vögel sind so wenig materialistisch, dass sie noch das Licht verneinen und von seiner Negation oder Inversion träumen – der Schatten – das Flüchtigste von allem, Flüchtige noch als das Licht, weil vollkommen von ihm abhängig (kann man das so sagen?), wenn dieses Flüchtige dann das Ewige – den Stein – noch überdauert, dann, erst dann,

    kann man davon sprechen, den ganzen Einsatz zu wagen: und die Wüste mit Namen nennen. Was dieser Einsatz genau ist, was es bedeutet, die Wüste mit Namen zu nennen – Masada ist eine Festung der Israelis in der judäischen Wüste – das wird nicht gesagt. Die Wüste ist ein Bild, das Dürre und Überleben signalisieren könnte, Trockenheit und vielleicht Konfrontation mit sich selbst. Etwas mit Namen zu benennen, bedeutet es zu erkennen, zu klassifizieren, einzuordnen und allgemein aus einem wüsten und unbenannten und unbekannten

    Zustand herauszuholen. Man merkt, ich bin auf der Suche nach einer Möglichkeit mit Gedichten umzugehen. Ich stelle mir vor, dass, wenn das Gedicht vorgetragen wird, es mit lauter werdender Stimme gesprochen wird, so dass die Sprecherin gegen Ende beinahe schreit. Die letzte Zeile wird dann wieder leise, beinahe beschwörend gesagt, geflüstert. Ich wusste lange nicht, warum mir dieses Gedicht besonders gefällt. Wegen seiner Form, das wusste ich, wegen dieses Bilderflusses, auch das wusste ich. Aber ich wusste nicht, was ich hätte wissen müssen, dass es mir gefällt, wegen dieser einen Zeile,

    „dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen“

    Und das ist es in der Tat.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 April 2011

    On Complexity

    Morgen gibt’s hier wieder was zu sehen. Heute gibt’s nur einen Link. Der Sachverhalt ist nicht ganz neu, aber ausgezeichnet dargestellt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.