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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • 24 Februar 2011

    Die Kinder der Finsternis II: Der Mensch liebt, ob er will oder nicht

    Das Thema dieses Artikels ist Liebe. Und Sexualität. Und Männer. Vor allem aber Frauen.

    Es gibt sie, diese Männer, die Erfolg bei den Frauen haben und die, was immer sie tun, von den Frauen geliebt und bewundert werden. Mich interessieren solche Typen in der Regel nicht und ich emfinde auch die Darstellung Barrals in diesem einen Punkt als etwas penetrant. Aber sei`s drum, bei allen Frauen Erfolg zu haben, ist eine Männerphantasie und ich lasse sie hier gelten, weil Männerphantasien mitunter ja sehr aufregend sein können.

    Barral bekommt nahezu immer was er will, alle Frauen und dann, mehr als einmal, auch noch deren Töchter. Sein Leben ist geprägt von Frauen. Da ist Judith, die mit Otho verheiratet ist und die Barral nicht haben, nicht besitzen und nicht heiraten kann. Aber er bekommt sie natürlich dennoch.

    „Acht Jahre Sehnsucht fingen lodernd Feuer. Die Wollust kochte. Sie zerbissen, zerdrücktem, zerkrallten einander. Seine Schultern Bluteten. Raserei nach Raserei, unendliches Liebesgeflüster an seinem Hals, Begierde um Begierde, den Tag, die Nacht, den nächsten Tag. Ihre Zähne verbeulten das Amulett. Das Auge ihres Vaters machte sie nur noch besessener. ‚Oh Barralî, wenn das Hölle ist, will ich nicht in den Himmel. Und wenn ich sterben muss, komm, komm, komm!! Ein Mal leben!‘“

    Judith: die lebenslange Liebe die er zu schützen verspricht vor dem einstigen Freund, dem Minnesänger Walo, der Judith ebenfalls liebt. Der sie liebt und auch hasst. Dreißig Jahre nach Barrals Schwur sie zu schützen, dreißig Jahre in denen Walo Judith verfolgt, quält, ängstigt und erniedrigt, beschläft er sie. Und schneidet ihr anschließend die Gurgel durch.

    „Judith Cormons, fünfzehnjährig, aus dem Kloster ins Brautbett befohlen, war ein lebhaftes, schönes Geschöpf von wolkenhaft schnellem Wechsel des Ausdrucks, der ihre fassbaren Reize um einen unfassbaren steigerte. Ihr Frohsinn, durch die Erweckung verstört, tauchte nach drei Wochen Hochzeit heiter aus der Wehmut hervor, sie lächelte wärmer als früher, nicht glücklicher, und die Art, in der sie ging, niedersank, Reverenz, Handkuß, Wangenkuß zelebrierte oder entgegennahm, sich erhob, einen Raum durchschritt und ihn beherrschte, sprach von dem, was das Zeitalter an den Frauen schätzte, von Maß, Selbstzucht und Milde.“

    Da ist Fastrada, die Tochter Judiths und Othos. Als Otho schon tot ist und Judith Barral endlich heiraten könnte, verzichtet sie zugunsten ihrer Tochter, die ihn ebenfalls liebt. Fastrada ist die Schönste von allen seinen Frauen, aber Barral ist sie zu kalt. Er kommt nicht ran an sie, Kind um Kind gebiert sie, Jahr um Jahr leben sie zusammen, er schreit nach Fastrada als er nach den Züchtigungen durch den Kardinal Fugardi mit dem Tod ringt. Aber verstehen kann er sie nicht. Sie liest. Sie liebt ihn, aber sie glüht nicht. Sie ist nicht eifersüchtig. Als sie jemand fragt, ob Barral sie betrüge, antwortet sie: „Leider nein.“ Nach dem Mord an ihrer Mutter Judith macht Fastrada, gegen den Willen Barrals, eine Wallfahrt nach Campostela, um der Toten den Eingang ins Paradies zu ermöglichen. Und kehrt nicht mehr zurück. Im letzten Drittel des Romans erfahren wir, dass sie von den „Mohren“ verschleppt wurde und als Haremsdame Fatima, als gebildete Unterhalterin des Sultans lebt. Dreizehn Jahre später kehrt sie an die Seite ihres Ehemannes zurück. Der aber ist längst wieder verheiratet: erneut mit einer Tochter Judiths, Fastradas Halbschwester.

    Roana ist vierzig Jahre jünger als ihr Mann. Am Ende wird Barral sie, die vielleicht reizvollste Gestalt dieses Romans, die am schönsten Dargestellte, als die große Liebe seines Lebens bezeichnen. Sie läuft nicht gerade. Sie geht „schräg zur eigenen Richtung“. Sie ist die eigenwilligste, vielleicht auch die Stärkste und deswegen auch die verletzlichste – denn Stärke ist ja nichts anderes als die Angst vor Schwäche. Als ihre erste Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet und Barral ihr einfach ein nächstes machen will, verweigert sie sich. Sie legt sich ins Bett und weiß nicht weiter, ihre Schwester Arabella kommt und pflegt sie.

    „Es schläft etwas in mir, das aufwachen will. Ich muss mich nur finden, er muss sich finden, vorher finden wir nicht zusammen. Sage ihm, dass ich ihn liebe. Sage es nicht. Sage, ich kenne nichts außer ihm; wenn er morgen stürbe, nie soll ein anderer Mann mich anrühren, er soll mich anrühren; er, ein anderer als er jetzt ist, mich, ein Mädchen, das er nicht kennt. Sage ihm, wie ich flehe und bettle, aber er darf es nicht hören. Sag ihm, ich will kein Winterkind und auch keine Wiederholung von Lorda. Ich will ein Kind, Arabella, ganz gewiß. Ein Kind aus Erde und Wasser, Feuer und Luft. Am Jahrestage der Pappelblüte will ich, auf einem durchsonnten, jungfräulichen Felsen im Kelmarinbach, mittags, unter dem Buchenlaub, von Libellen umschwebt.“

    Als Fastrada zurückkehrt, gerät Roana vollkommen aus dem Gleichgewicht. Sie spricht nur das Nötigste mit der Halbschwester, sie zieht sich von ihrem geliebten Mann zurück, sie verschwindet auf Jahre und kehrt dann wieder zurück. Und dennoch dauert es noch lange Zeit bis die beiden Ehepartner versöhnt sind.

    „Roana kam, etwas schräg zur eigenen Richtung. Mit gespannt mildem Lächeln, bis in die Poren durchsintert von Wehmut, blickte sie an ihm vorüber auf die im Abendrot glimmenden Mauern von Stadt und Schloß Lorda. Sie wehrte den Kniefall ab und presste seinen eisgrau gewordenen Kopf an ihre Brust. – ‚Nimm mich wieder auf‘, bat er. – ‚Ginge ich dir sonst entgegen, Liebster? Wohin soll ich denn gehen als zu dir?‘“

    Und da ist Maitagorry, Bäuerin, Ehefrau des Schmieds, auch sie lebenslange Geliebte, drall und schön, und bis an den Rand voll mit Aberglauben.

    „Wer ist der Stärkste und unverheiratet?“ – „Mon Dom ist der Stärkste!“ – „Wer ist der Stärkste nach mir? – „Larrat!“ – „Her mit Larrat! Ich friere!“ Sie zogen den Schmied aus, wie er auch bettelte, ihn zu schonen, Mon Dom werde ihm sämtliche Knochen brechen. „Du schenkst mir nichts!“, verfügte der Herr. – „Nichts!“ knurrte Larrat und schlug die Hand an. Nackt im tanzenden Feuerschein rangen sie. Nackt im tanzenden Feuerschein trat Maitagorry auf die Schwelle des Hauses. Augen und Lippen glitzerten. In den Ställen blökte das Vieh. Barral warf den Schmied. Breitbeinig kniete er über ihm. Breitbeinig stand er auf, die Brust geweitet. „Scher dich! Hinaus aus meinem Kreis! Der Herr über Ghissi zeugt ein Kind aus seiner Erde! Komm, Erde Ghissi. Wollt ihr wohl singen!“ Die Sterne funkelten, Maitagorry, den Blick in den Augen ihres Herrn, teilte die Flechten, mit denen sie sich bedeckt hielt, tat sie hinter sich, ging in seine Arme und lag auf dem Kirchplatz. Am nächsten Tage traute der Vikar sie dem Schmied an. Zum Erntedankfeste bekam der Schmied eine Tochter; er bat Mon Dom zum Gevatter; Mon Dom bestimmte, sie solle Graziella heißen.“

    Interessant, dass Maitagorry das Kind neun Monate bis zur Geburt trägt, Barral der biologische Vater ist, der Schmied aber, wie es hier so schön heißt, „bekam“ die Tochter. Ich will es den interessierten Lesern und Leserinnen nicht verhehlen: Sollte ich einst eine Tochter bekommen, nenne ich sie nach dieser Figur, Maitagorry, genannt Maita. Sie trägt, glaube ich, ihren Namen mit Stolz. So wie ich den meinen. Maita ist aus Erde und aus Erde bin ich auch. Aus Erde wird meine Tochter sein. Aus jener Erde aus der ich komme und zu der ich eines Tages auch wieder zurückkehre.

    Maita, die Frau des Schmieds und Barrals Geliebte, ist, wie Barral, bis in die Wurzeln ihrer Existenz abergläubisch. Als es monatelang nicht regnet in Kelgurien, als alle hungern und dürsten, das Vieh in den Ställen stirbt und die Ernte auf den Feldern vertrocknet, und das Saatgut des nächsten Frühjahrs, zu einer Zeit, da rein rationale Erklärungen nicht viel wert waren, ist der Aberglaube schnell zur Hand. Und Aberglaube ist, anders als der konfessionelle Glaube, der das Andere der Rationalität ist, eine Vorstufe dieser Rationalität, weil er einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen herstellen will (Hui! Hier darf – wer möchte und wer kann – zwischen den Zähnen pfeifen! Hier darf auch – wer möchte und wer kann – eine Gegenthese aufstellen). Maita – „Die Erde Ghissi“ – ist davon überzeugt, dass sie der Schlüssel zur Veränderung ist. Nur wenn sie blutet, wird Regen kommen. Sie will von Barral ausgepeitscht werden. Auch andere in Ghissi sind dieser Auffassung: „Ich meine, Mon Dom, ihr solltet die Schmiedin verdreschen, damit es aufhört, und eine vornehme Jungfrau heiraten.“

    „Wo hast du die Peitsche? Nur mit der Peitsche wirst du mein Herr. Nur, wenn ich blute, regnet es. Blute ich nicht, regnet es Blut. Kälbermit zwei Köpfen. Blinde Kinder. Mord. Sage, dass du mich mehr liebst als die andere. Liebe sie, aber sage, Mon Dom, daß du mich mehr liebst. Weil du Maitagorry genommen hast, machtest du mich zu Maitagorry. Trage deine Schuld oder ich erwürge dein Gewissen, ich sitze auf deinen Träumen und wenn ich will, so halte ich dein Herz auf, bis er nicht mehr pulst. […] Mit einem Tritt warf sie den Knienden um, lief an den Gewölbepfeiler, zog sich am Kettenring auf und ließ sich zerprügeln, bis die Muskeln nachgaben. Blutend fiel sie auf den gestampften Lehm. ‚Komm doch‘, schluchzte sie. Er kam. ‚Komm doch‘, lachte sie und umschlang ihn mit allen Gliedern. ‚Komm doch, ich will ein Kind. Knecht, süßer Knecht. Liebster du, Heißer du, Wilder du. Luziade, mein brauner Fels. Und Maitagorry, Maitagory wird es sein, Maitagorry wird dich begraben in Eis.‘
    Wortlos vor Wut und Liebe leckte er ihre Wunden, damit sie heilen konnten, warf sich aufs Pferd und galoppierte über die Felder. [… ] Der Himmel brach auf die Erde. Es rauschte und trommelte, troff durch die Esse und gurgelte aus den Fugen der Schwellen.
    Maitagorry winkte Barral an ihren Mund. ‚Bis in die Hölle hab ich Euch lieb. Warum schlugt ihr mich nicht eher‘ – ‚Weil ich in den Himmel wollte.‘ – Ihre Zähne nahmen zärtlich sein Ohrläppchen. ‚Erst Hölle, dann Himmel. Da unten sind Maita und Mon Doms eins.‘‚ Graziella lauschte. Sie merkten es nicht. ‚Mon Dom, wir werden ein Kind haben. Ghissi wird nicht mehr mit Fingern zeigen. Alle Kinder, die Mon Dom aus mir hat, werden sterben für Mon Dom. Und Maita wird ihn begraben.‘“

    Die Welten der Männer und Frauen sind streng voneinander geschieden. Werden diese Grenzen durchbrochen, wird es schwierig. Der schwache und beeinflussbare Otho seiner Frau Judith nicht gewachsen. Daran scheitert die Ehe. Allzu femininen Männern wie Hyazinth ist kein Erfolg beschieden. Maita beschwert sich über den Mann Grazielles, auch wenn er der höchste Adel im Reiche ist, über den Markgraf Carl. Der ist ihr zu weich: „Der Hase will schließlich im Pfeffer liegen. Den Mann hat man zu würzen vergessen. Unter dem verkümmert sie …“. Das sind Männer, die sich nicht nach männlichen Verhaltensregeln einordnen lassen. Bestes Beispiel ist Barrals Sohn Konrad. „Aus meiner eigenen Jugend, Helena, weiß ich, welch ein Sporn im Fleische mir die väterliche Härte gewesen ist. Nur war ich gar nicht so weich und beeinflussbar wie meine Söhne, Konrad ausgenommen. Die Töchter gelangen mir besser, Konrad ausgenommen.“

    Helena, die, trotz ihres Namens mit männlichen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, ist das beste Gegenbeispiel. Die kalt Berechnende ist dem alternden Barral jederzeit eine Hilfe. Er nennt sie das „Gehirn Kelguriens“ und sie hat die Politik besser begriffen als jeder andere. Sie ist die geborene Strategin und weil sie das kann, verzeiht ihr Barral, dass sie weder Lust auf Männer noch aufs Kinderkriegen hat, sie also ihrer Rolle als Frau nicht gerecht wird. Er will sogar, als er begreift, was er an ihr hat, „den Eiskeller Helenas“ möglichst kalt halten, nicht, dass sie doch noch Lust auf die Männer bekommt. Helena geht es um nichts anderes als die Politik: „‘Nicht bewundern‘, sagte Helena. ‚Beobachten und lernen, wer wem auf welche Weise was tut, um über welche Scheinziele, Halberfolge, Sprungäste und Umwege wohin zu gelangen.‘“

    Die Text oszilliert zwischen Minne und Liebe, zwischen Geist und Sex. Freizügigkeit, strenges Reglement und Enthaltsamkeit wechseln sich ab. Liebe und Sexualität sind strengen Regeln unterworfen. Regeln, die ihre Wirksamkeit und ihren Wert wie alle Regeln, nicht durch sie selbst erhalten, durch die allgemeine Befolgung also, sondern durch die Ausnahme. Jede noch so strenge Regel funktioniert, weil es Situationen gibt, in denen sie nicht angewendet werden. So ist es in der Beichte: die Sünde gilt, aber sie kann Sünder erlassen werden. Die Frau ist zur Treue verpflichtet: solange ihr der Mann gibt, was sie verlangt. Das Gesetz der Treue wird unterlaufen durch die Minne. Die Minne erlaubt Rittern um Frauen zu werben. Wohlwissend, dass sie sie nicht bekommen. Jedenfalls nicht ohne weiteres. Über einen Minnesänger hat die Frau, was sie in der Regel nicht hat: Macht. Deswegen darf der Ehemann nicht um die eigene Frau minnen, weil er sich damit unter ihre Launen beugt. Verheiratete Frauen von Stand sind in der Regel von Minnesängern umgeben. Ritter, die eine Frau lieben, was von einem Ehemann nicht gefordert wird. Die Frauen sind umzingelt von Männern. Denn Männer dürfen es nicht nur, sie sollen es sogar: ihr vornehmes Blut verteilen. „Über den Zaun fressen“ lautet die vornehme Beschreibung für das, was im Deutschen das Wort „Fremdgehen“ bezeichnet.

    „Die Regel bestimmt, dass die Frau, der man dient, verheiratet und unerreichbar sein muss.“ Aber die Ausnahme gilt ebenso: „Ehrlich gesprochen war es nicht nett von Euch, mich daran zu hindern, dass ich eine junge Frau, die sich nach Liebe sehnt, glücklich mache. Die ritterliche Regel erlaubt es. Wofern man nicht vergewaltigt, darf der Begleitritter, es sollte Euch bekannt sein, die Dame, die er begleitet, erfreuen. Beklagt sie sich, wird er gestraft.“ Wenn ein Mann seine Frau nicht mehr befriedigen kann oder will, dann kann er sie auch weiterreichen. So streckt Otho irgendwann die Waffen und liefert Judith an Barrals Hof ab: „Ich zähle darauf, dass meine Gemahlin keine Beschwerde erhebt und ihr Aufenthalt keine Folgen zeitigt. Ihr versteht mich?“

    Dom Guilhelm, der Bischof und Beichtvater Barrals fragt Walo nach seiner Liebe zu Judith. Sie sprechen über Liebe und Minne. Judith steht im Rücken Walos, der nicht bemerkt, dass sie dieses Gespräch mithört.

    „‘Ich bin überzeugt, seit Gott die Welt schuf, hat sich der Vorgang niemals geändert. Die Frau lockt, der Mann erliegt. Aber angreifen muss der Mann; eine Frau, die angreift, gibt es nicht. Gott schuf sie als Lockung; er stattete sie aus mit Reizen, die uns reizen sollen; er legte eine Seele in sie, schöner als die unsere; er legte in den Körper das Kindhafte und Mütterliche, in die Seele das Leichte, den Tanz, das Spiel, er durchsonnte das Weib mit etwas Fröhlichem, Glücklichem, das auf die Männer, wenn es erwecket wird, herabstrahlt.‘
    Der Bischof und verfolgte den lebhaften Wechsel des Ausdrucks in Judiths Gesicht. Seine skeptische Bemerkung veranlasste Walo, der den Mißgeschmack überhörte, zu einem umzarten Auflachen. ‚Ich muss sagen, Herr Oheim, Ihr versteht einen.‘ – ‚Nicht ganz, Herr Vetter. Ich verstehe nicht recht, was an dem Spiel neu ist, wenn es so alt ist wie die Welt. Alt ist, dass Ihr die Frau ins Bett wollt; neu, dass ihr feiner zu Werke geht, Garn um sie spinnt, Flitter streut und die Frau für dümmer haltet, als Gott sie machte.‘ Judith lächelte. ‚Die Frau hat es längst gemerkt, daß der Mann, wenn er Edelmut heuchelt, balzen will.‘‚Nun, Balz, Herr Oheim! Wir verneigen uns vor der Frau. Denkt an die rohen Sitten, in denen wir aufwuchsen. Liegen die wirklich hinter uns? Der Schlachthof vielleicht; das Gegröhl vielleicht; die Grobheit vielleicht. Aber die Frau bleibt mißachtet. Bei den Mohren wie bei uns. Bei den Vätern wie bei den Söhnen. Grob gegröhlt: Die Frau ist Stute, der Hengst bespringt sie, sie soll fohlen, und im Übrigen keilt er sie unter die Hufe. Es schreit gen Himmel, was allein hier auf Ortaffa geschieht. Seht euch die hübsche Judith an. Seht Euch an, wie mein Oheim Peregrin, wie mein Vetter Otho sie täglich behandeln. Dabei hat diese Frau einen Stolz, einen Mut, einen Verstand, einen Schalk, daß die zwei sich einsalzen können.‘‚Das wäre dein Adam, Steinmetz‘, sagte der Bischof, ‚mit diesem gewissen Zug in den Augen der Eva nachkriechen durch das Weinlaub. Kurz, Vetter, Ihr werdet Domna Judith helfen, ihre wahre Natur zu entdecken?‘ – ‚Ich hoffe sehr, daß sie sich helfen lässt.‘ – ‚Mit Ehebruch?‘ – Wir sprachen von Minne, Herr Oheim, nicht von Liebe.‘ – ‚Ah? Ist das ein Unterschied?‘ – ‚Ein großer. Liebe meint den Körper. Minne bedarf keines Körpers, Minne ist Geist. Ihr erseht es daran, daß wir Minnesinger, die wir ein für alle Male eine einzige Frau erwählen, um ihr zu dienen, nur darauf schauen ob sie verheiratet ist und vom Stande. Ob gut verheiratet oder schlecht. Ob fett von Gestalt, ob häßlich von Gesicht: wir dienen ihr als sei sie so schön und jung wie Judith.‘“

    Als Barral gerittert und in den Stand erhoben wird, in dem er sich eine Frau wählen darf, gibt es ein Fest. Ein erotisches Fest. Er muss Dienst tun, am Liebeshof, denn „du beleidigtest unser Geschlecht, indem du eine Einzige allen anderen vorzogest.“ Als Strafe werden ihm die Augen verbunden und er muss er sich durch die Reihe aller anwesenden Frauen küssen und am Kuss erkennen, ob es die richtige ist. Diese Richtige ist die verheiratete Judith „Schon schlang er die Arme um sie. Nachdem sie sich lange genug geküsste hatten, knüpfte ihm Loba die Binde ab. Judith versank in die Reverenz. So blieb sie. Loba ergriff ihn bei der Hand. ‚Hier fängt man an, diese Knopfleist hinunter.‘ Dame nach Dame schlich aus der Schlafkammer. ‚Das Übrige findet sich leicht. Habt ihr je schon eine Frau ausgezogen?‘ – ‚Mit dem Messer.‘ – ‚Ei‘, rief Loba erschrocken und verschwand, ohne daß er es merkte.
    Schwatzen und Schritte entfernten sich, die Treppe knarrte. ‚Sind wir allein?‘ – Ganz allein, Barrali Du bist verstimmt?‘ . Ja, Judith. Ich habe Euch zu lieb, da schmeckt der Scherz nicht.‘ – Er nahm ihr das Hemd- ‚Bin ich dir schön genug?“ – ‚Die Schönste auf Erden.‘“

    Sexualität und Liebe, so eine weitverbreitete und heute ein wenig als überholt geltende Auffassung, gehörten zusammen. Dann, in Reaktion auf diese Zusammengehörigkeit, hieß es, sie seien voneinander zu trennen, mitunter sogar problemlos, da es sich um vollkommen verschiedene Dinge handele. Auch das dürfte nicht das letzte Wort sein, sein, da es eine Auffassung ist, die ihre Rechtfertigung durch die Negation einer anderen erhält. In Wirklichkeit ist die eine wie die andere Auffassung wohl obsolet. Vielmehr haben die beiden ein Verhältnis miteinander. Und das schwierige ist es, einen Modus zu finden, wie und auf welche Weise sie sich zueinander verhalten. Und das ist eben individuell sehr verschieden. Der Mensch kann sich vielleicht aussuchen, mit wem er ins Bett geht. Aber er kann sich nicht aussuchen, wen er liebt. Er kann sich nicht aussuchen, wen er liebt und dass er liebt. Und der Mensch liebt, ob er will oder nicht.

    „Habt Ihr schon je eine Frau ausgezogen?“ Frauen auszuziehen scheint von jeher nicht ganz einfach zu sein. Mal muss man mehr, mal weniger Gewalt anwenden, mal Verführungskünste, mal Überredung anwenden. Das Wollen von Frauen entzündet sich manchmal an dem der Männer. Manchmal müssen die ein wenig fingerfertig sein, eine Knopfleiste oder Schnalle lösen, der Mann muss bitten und manchmal betteln, manchmal nimmt er, wenn sie nicht gibt; und dann und wann hilft es alles nicht, die Frau will oder sie will nicht, trotz oder wegen der Bemühungen des Mannes, der wieder nimmt sie oder nimmt sie nicht und am Ende liebt man sich oder eben nicht.

    Hinter alledem steht die Frage, die noch keiner recht zu klären wusste und die alle beteiligten Parteien gleichermaßen in Erstaunen versetzt: „Was will das Weib“?Und das ist auch ganz gut so. Es geht zwischen zweien um Grenzen. Es geht zwischen zweien um die Frage, wo das Spiel aufhört und der Ernst beginnt. Oder wo der Ernst aufhört und das Spiel beginnt. Und manchmal geht es zwischen zweien einfach nur darum, wer das letzte Wort hat. Aber das ist dann ein anderes Thema.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 2. März 2011 um 11:09

    Liebe AT,

    was mich ja nun wirklich einmal interessieren würde: Halten Sie diesen Frauen-Aspekt des Romans denn nun eigentlich für Kunst oder für Kitsch? Also „Sarazenen-Schwert“ und „Lassiter“ oder doch Bolano (dessen literarische Behandlung von Liebe und Sexualität vermutlich unbestreitbar Kunst ist – nur von mir (und von Ihnen!?!) nicht verstanden (gemocht) wird)?

    Sehr schön finde ich die Formulierung Ihrer Quintessenz dieses Liebekomplexes:

    „Es geht zwischen zweien um Grenzen. Es geht zwischen zweien um die Frage, wo das Spiel aufhört und der Ernst beginnt. Oder wo der Ernst aufhört und das Spiel beginnt.“

    Mir fällt da spontan die Videoarbeit einer (von mir sehr gemochten) Installations-Künstlerin ein, Bettina Dissler, die in einem Film „conference of confessions“, welcher genau dies zum Thema hatte, ein (einigermaßen bekleidetes) Paar auf dem Bett miteinander raufen lässt, mal ist der eine „stärker“, mal die andere, die Grenzen sind fließend und zur Kenntlichmachung wird häufig der Satz „you know what I mean“ eingeblendet. Ich füge einen LINK http://www.konstrukt.ch/html_/conf_1.html ,bei, weiß aber nicht, ob das so funktioniert.
    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 3. März 2011 um 22:29

    Lieber NO,

    Dank für die Einmischung!

    Als ich heute Morgen Ihren Kommentar las, dachte ich: Kitsch, wieso Kitsch? Dann bin ich mit dem Rad in die Uni gefahren und dachte: Kitsch, wieso eigentlich nicht? Als ich an meinem Platz saß, habe ich bemerkt, dass ich nicht mal eben eine Antwort werde formulieren können, sondern darüber nachdenken muss. Nachdenken mache ich aber grundsätzlich nur am Wochenende. Sie werden sich also gedulden müssen. Entweder bekomme ich dann etwas hin oder ich werde Ihnen am Sonntagabend einen nichtssagenden kitschigen Kommentar hierher stellen. Derzeit lässt sich aber sagen: ich habe die besten Absichten. Ist das schon kitschig?

    Die Formulierung „conference of confessions“ finde ich sehr ansprechend. Der Link ist gut, leider kann man das Video nicht sehen. Aber es ist die Art Pärchen, denen man gerne zusehen möchte (los, geben Sie es schon zu!) bei ihren körperlichen Auseinandersetzungen, ob nun im Streit oder in der Liebe; die sich ja manchmal so unähnlich nicht sind. Das ist jedenfalls meine Erfahrung, dass sich gerade in körperlichen Auseinandersetzungen Ernst und Spiel nicht leicht trennen lassen. Ich habe mal etwas in dieser Art gelesen, oder gehört oder geträumt: das Fest ist die friedliche Variante des Kriegs.

    Ich hoffe, ich bekomme am Wochenende was hin.

    Herzlich
    AT

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 7. März 2011 um 18:58

    Liebe Aléa,

    in der Tat, das Video von Bettina Dissler kann man online nicht abspielen. Ich habe es bei ihr im Rahmen eines privaten Essens gesehen. Und Barbara Scheuermann, die neben mir saß, hat es sehr kundig interpretiert (siehe deren Einführung am Ende der Filmbilder) und durch kluge Fragestellungen erläutert. Im Ergebnis trifft diese schneeweiße Balgerei eben, bei aller fast erschreckenden, voyeuristischen Intimität, den Kern Ihrer Zusammenfassung:

    Die Grenzen zwischen Spiel und Ernst verschwimmen.

    Das darstellen zu können wiederum ist Kunst.

    Obwohl ich bei der Darstellung der Frauen Barrals in diesem Buch auf diese Kunst nicht gekommen. Also auch nicht auf ein „Raufen“ oder auf „Conference of Confessions“ gekommen wäre. Mich beschleichen hier eher große Zweifel.

    „Der Mensch kann sich nicht aussuchen, wen er liebt“. Dieses Statement, diese Deutung von Ihnen unterschreibe ich nicht nur, das passt hier auch auf den Roman und seine Darstellung eher. Und passt gut, wenn man an „Judith“ denkt:

    Es drängt sich ja der Verdacht auf, dass die Figur des bösen Walo jene liebte, also nicht von ihr lassen, sich also die vorhersehbare Verstrickung in erkennbar tödlichen Verwicklungen nicht aussuchen konnte. Ebenso wenig wie der Dachs. Da hat‘s einfach der Umstände wegen nicht gepasst oft. Die Erkenntnis nutzt aber den beiden (Figuren) natürlich nichts.

    Aber lebt dieser Roman von dieser Darstellung? Von dem Beschrieb dieses Komplexes, so wie Bettina Disslers Video lebt von dem mal-oben-mal-unten der Raufenden? Ich meine nein. Und deswegen unter anderem war ich auch immer wieder hin und her gerissen beim Lesen:

    Soll ich Teile des Romans (und damit vielleicht das ganze Werk) blöd finden oder gerade nicht? Oder ist mir hier Entscheidendes entgangen…..

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 7. März 2011 um 23:39

    Lieber NO,

    Sie stellen dummerweise kluge Fragen. Das hasse ich ja wie die Pest. Ich wusste schon, warum ich die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe.

    Ich schreibe noch am Kitschartikel. Das ist nicht ganz einfach, weil, wer sagen will was Kitsch ist, auch sagen muss, was es nicht ist. Die Definition, scheint mir, funktioniert nur ex negativo.

    Mir gefällt der Artikel von Frau Scheuermann zu dem Video ebenfalls.

    Ich bin mit Ihnen einer Meinung, wenn Sie dieser Meinung sein sollten – falls nicht, können Sie gerne jetzt hier sofort konvertieren – , dass die Darstellung allein es nicht ist, nicht sein kann, die große Kunst ausmacht. Aber sie ist ein Teil. Gehen wir davon aus, so haben Sie meine These, man könne sich nicht aussuchen, wen man liebt, auf den Roman anwenden wollen, dass Walo Judith ebenso liebt wie Barral. Beide können es sich nicht aussuchen, wen sie lieben, sie sind ihrer Liebe oder dem Objekt ihrer Liebe verfallen (was eine interessante Differenz ist). Es wäre in diesem Punkt also kein Unterschied zwischen dem Guten (Barral) und dem Bösen (Walo). Ich glaube das nicht ganz (Haha: da sind Sie zu früh konvertiert: aber jetzt gibt’s kein Zurück mehr!). Ich glaube, dass es Walo nicht ernst ist. Es ist für ihn immer ein Spiel, ob er den anderen vernichtet oder sich selbst: er ist nämlich grenzenlos, das zeigt sich daran, dass ihn selbst seine eigene Vernichtung nicht wirklich trifft: es trifft ihn nicht existentiell.

    Anderer Versuch: wenn es zwischen zweien, also in der Liebe, (wie die sich dann auch gestalten mag), um die Grenzen zwischen Spiel und Ernst geht, dann bedeutet das auch immer, dass es ein Zurück geben muss, ein Zurück in den Ernst, ein Zurück in das Spiel. Man kann oder sollte dem anderen und sich selbst nicht den Rückzug verstellen. Es muss ein fließender Übergang sein, das darf keine starren Grenzen haben (sonst wird’s ernst, zu ernst). Und das ist bei Walo nicht der Fall. Er kennt keine Grenzen, nicht die zwischen Spiel und Ernst und nicht die zwischen Liebe und Hass (die ja auch keine ganz einfache Grenze ist), er bringt Judith nach dem Akt um.

    Zurück zur Ausgangsfrage: kann der Roman, anders als das Video, von der Darstellung allein leben? Selbstverständlich ist Darstellung ein wesentlicher Teil der Literatur. Der vorliegende Roman lebt nicht von der Liebe allein, nein, das tut er nicht. Auch wenn die Liebe ein wesentlicher Komplex dieses Textes ist. Kitschig ist, das empfinde ich durchaus auch so, die Liebe wie sie sich dem Meisterliebhaber Barral darbietet: alle Frauen fallen um und sie fallen auch immer gleich in die richtige Position und sie bekommen auch immer gleich alle ein Kind davon: der Mann ist so potent, dass die Frau nicht mal ihre fruchtbaren Tage braucht um „in Hoffnung“ zu geraten. Ich fand es pubertär. Es ist kitschig. Aber ist das kitschig, diese erste Liebesszene, (in meiner Ausgabe ist das auf Seite 10)?

    „Ohne Wut lud er sie über die Schultern, trug sie, den Messergurt in der Hand, wie ein Lamm zur Bergweide empor, die voll Herden war, und warf sie aufs Lager. Ohne Wort, im Rausche der Zeugung, schöne, leise und schlanke Tiere, verlangten sie einander immer aufs Neue, bis aus den Lustgewittern die schwarze Windstille der Schwermut brach.“

    Gut: die Darstellung mag Kitsch sein. Oder nah dran. Aber „die schwarze windstille der Schwermut“: kann das Kitsch sein? Ich empfinde, dass diese Worte es herausreißen aus dem Verdacht, es sei Kitsch. Und hat Liebe nicht immer etwas vom Kitsch?

    Wenn Sie, wie Sie schreiben, hin und hergerissen waren: ist das dann nicht auch ein Ähnliches wie. Grenzen zwischen Spiel und Ernst. Oder habe ich hier einen Denkfehler?

    Wir werden es heute Abend nicht klären. Ich behalte es im Hinterkopf. Ich hatte es da sowieso, weil Sie an andere Stelle schon mal etwas Ähnliches angemerkt hatten. Ich habe ja noch zwei Einträge zum Niebelschütz und den Kitschartikel.

    Ich bin übrigens mit der Praktikantin meines Verlags verabredet. Vor der habe ich ja ein bisschen Angst, die wird mir wahrscheinlich zeigen, wie man richtige Texte schreibt. Schreiben kann sie, glaube ich, gut. Die hatte da ein paar gewitzte Formulierungen.

    Herzlich
    fall ich gleich tot um

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 8. März 2011 um 20:48

    Guten Abend Alea Torik.

    Hier Klassik, da Romantik bzw. Moderne, so die hinlänglich bekannte Zange, mit der Kritik ihren Gegenstand operativ erfasst und bearbeitet. Ein literarhistorisch geläutertes Werkzeug, mit dem die Phänomene platziert werden. Der Kitsch, weil er ohne Geschichte ist, kommt gar nicht vor.
    Die punktuelle Erscheinung des Kitsches macht ihn für die geeichten Sensoren der Kritik geradezu unsichtbar. Er ist, möchte ich sagen, unter aller Kritik. Unsichtbar für die Kritik, sticht er jedoch sofort ins Auge dem, dem er auffällt: Kitsch ist damit ein idiosynkratischer Begriff.
    Daß überragende Kunstwerke mit Elementen des Kitsches „spielen“, macht diese deshalb nicht selbst schon zum Kitsch.
    In den Kitsch abgerutscht ist ein Kunstwerk, das sich gemein macht mit den schon immer in der Grube liegenden. Was aber ist die Grube? Nun, dort ist die Heimstätte jener, die über den Sternengucker lachen, der, ohne des Weges zu achten, hinunterstürzt. Hegel: „Die anderen (Schadenfrohen) können nicht in die Grube fallen, weil sie schon allemal darin liegen.“
    Schnell und unter Zeitdruck habe ich das noch geschrieben und nur weil ich mich freue, dass es hier scheinbar weitergeht.

    avenarius

    Kommentar von Phorkyas
    Datum/Uhrzeit 9. März 2011 um 23:25

    Liebe Aléa,
    es freut mich, Sie wieder zu lesen… (Sie waren hoffentlich nicht zu lädiert und sind nun wiederhergestellt?)

    Zu Kitsch fällt mir nichts ein, außer dass ich avenarius zustimme: idiosynkratisch und damit auch subjektiv (aber selbst die eigenen Kriterien sind ja im Wandel). So, kluge Fragen habe ich auch keine.. (inhaltslos, aber entspannt?)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 10. März 2011 um 00:20

    Liebes Publikum,
    @avenarius / @Phorkyas
    Antworten fallen heute ins Wasser. Ich hatte einen schönen Nachmittag, aber jetzt bin ich zu müde. Morgen detailierter.
    AT

    Kommentar von Phorkyas
    Datum/Uhrzeit 10. März 2011 um 10:48

    (für meinen nichtswürdigen Einwurf haben Sie doch damit schon eine befriedigende Antwort gegeben(; – genau das sollt’s ja verhindern: den Antwortstress..)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 10. März 2011 um 21:20

    So,

    ich entschuldige mich, ich bin etwas wortkarg. Die letzten Umarbeitungen an meinem Manuskript sind derzeit fällig und wenn ich abends nach Hause komme, dann ist die Luft raus, richtig raus.

    Gerade habe ich im Radio gehört: Cottbus, Karnevalsumzug, Gerüst umgefallen und der Radiomoderator sagte: der letzte Verletzte habe das Krankenhaus verlassen. Die Nachrichten waren bereits vorbei als in meinem Kopf immer noch nachhallte: Der letzte Verletzte

    Ich war ein bisschen lädiert, aber wir Karpatentanten sind zähe Gewächse. Ja, Avenarius und Phorkyas, es geht weiter, aber derzeit nur mit deutlich verminderter Härte, pardon, Intensität.

    Kitsch, äh kommt noch, sehr schön ist es, aus einem ästhetischen Phänomen ein ethisches zu machen und zu sagen, dass die Schadenfrohen schon in der Grube liegen in die die anderen angeblich hineinfallen.

    Wie nennen wir den Beitrag zum Kitsch: Idiotie und Idiosynkrasie oder doch lieber: der letzte Verletzte?

    Außerdem bin ich im Vergleich zum vergangenen Monat um mehr als fünfzehn Plätze nach oben gerutscht und bin nun der 131. wichtigste Blog aus Berlin. Keine Ahnung wie die http://www.bar-blog.de/2011/03/06/berliner-blogs-im-wikio-ranking-maerz-2011/ das messen. Wer immer hier etwas zu sagen und zu kommentieren hat, der müsste es nur 130 mal wichtiger sagen und kommentieren und wir wären ganz vorne auf Platz eins.

    Am ersten Morgen des neues Jahres habe ich im Radio über die Silvesternacht gehört: „Zwei Menschen haben einen Finger verloren“. Hat der Moderator gesagt! Fragt man sich natürlich: jeder einen halben oder zusammen einen? Im letzten Fall müssten sie ja am Finger zusammengewachsen sein, also siamesische Zwillinge haben in der Silvesternacht einen Finger verloren. Und wo haben sie ihn verloren?

    Das ist jetzt die Grenze zum Kalauer und so tief wollte ich nicht sinken. Zusammenfassend läßt sich sagen: es geht hier mit unvermittelter Härte weiter, aber …. Ich weiß nicht weiter. Ich kann ja jetzt noch nicht ins Bett gehen, es ist siebzehn Minuten nach acht.

    Irgendwie, ums mal im Ungefähren zu belassen, haben wir uns hier vom eigentlichen Thema des Beitrages entfernt. Da muss ich beim nächsten mal etwas mehr Gewalt anwenden. Im übertragenen Sinne natürlich, ich bin ja viel zu feinfühlig … Schluss!

    Bis dann

    Torik, the tired

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 14. April 2011 um 10:49

    Sensationell, Ihr Kitsch-Artikel!

    Zu Ihrer Frage: Nein, die erste Liebesszene ist Kunst. Kunst gefällt, hat also ein Gefälle, macht es einem daher nicht so einfach, befriedigt also nicht sofort alle geweckten Bedürfnisse; ein Widerhaken sitzt im Fleisch. Für mich auch aus anderen als den von Ihnen genannten Gründen. Ich habe beispielsweise diese im ersten Lesen gar nicht als Liebesszene erkannt – obwohl es steht alles da: „Zeugung“, „schöne Tiere“, „verlangten einander“. Habe ich glatt überlesen, denn es geht im Kapitelanfang um Tod und Zerstörung, das Mädchen liegt neben einer Leiche, Wölfe warten auf Beute, der dem Leser unbekannte Barral wird als dunkel und gefährlich wahrgenommen, er schneidet dem Pferd die Gurgel durch. Und auch die eigentliche Passage liest sich, als werde ein Opferlamm zur Schlachtbank getragen mit Messern. Zudem dürfte diese – zumindest im Ausgangspunkt und zu Anfang – wohl eher eine Vergewaltigung beschreiben als eine Liebesromanze in lauer Gewitternacht.

    Schön, dass wir auch im Übrigen übereinstimmen: Kitschig, dass und wie der Barral alle Frauen bekommt wie James Bond in „Dr. No“. Tut aber wohl der Kunst des Herrn Niebelschütz insgesamt keinen Abbruch.

    Ähnlich sähe ich übrigens auch Jeff Koons. Das jedoch ist ein weites Feld … Aber kein Problem, selbst wenn er denn doch Kitsch wäre. Wie übrigens auch Knut nicht, denn Sie müssen es anders herum sehen: Was hat der Zoo da für einen Marketing-Künstler gehabt, der diesen Bär so an den Mann bringen konnte. Hut ab!. Ähnliches wird dem Herrn Osburg (und dieser hübschen Praktikantin) hoffentlich auch mit dem Aléa-Torik-Buch so gelingen.

    Ach ja, und: Glückwunsch zur Abgabe!

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 17. April 2011 um 10:52

    Lieber NO,

    Männer bekommen nicht immer alle Frauen, das ist Kitsch. Es gibt zwar auch Männer, die ihr Leben daran setzen das Gegenteil zu beweisen, das aber ist auch nur Kitsch und nicht sexuelle Potenz.

    Wenn man etwas zum Kitsch sagt, dann ist das so weiträumig und man müsste so viele theoretische Erwägungen vorher ansprechen, dass es eine ausgewachsene Magisterarbeit werden würde. Das ist hier nicht zu leisten.

    Mr Koons: Ich empfinde Koons als Kitsch. Man kuckt hin und dann guckt man wieder weg. Weil es nichts zu sehen gibt. Nicht einmal die Spiegelungen in seinen Weihnachtskugeln, die ja nicht die aktuelle Umgebung wiederspiegeln, sondern ins Material eingearbeitete Spiegelungen sind, so dass sie das eigentliche Kunstwerk sind: nicht einmal das empfinde ich als von irgendeiner künstlerischen Relevanz.

    Mr. Knut: Es ist eben auch Kitsch, so ein Eisbärenbaby. Aber es spricht Emotionen an und die Marketing Leute vom Zoo haben da wirklich gute Arbeit gemacht. Normalweise gehen ja nur Familien mit kleinen Kindern in den Zoo. Anders seit Knut (und jetzt gibt es noch irgendwo ein Opposum, ein schielendes Opposum und die Leute fallen wieder auf denselben Trick herein. Ein Opposum ist eine Ratte! Aber wenn es geistig oder körperlich behindert ist, dann haben die Leute sofort Mitleid und unterstützen einen Fond, der sich für ein Antidiskriminierungsgesetz für Tiere in Afrika stark macht.

    Die Leute demonstrieren jetzt für eine artgerechte Haltung von Eisbären in Zoologischen Gärten. Was für ein Blödsinn! Die einzig artgerechte Haltung von Eisbären ist ihre Nichthaltung. Am Nordpol. Eisbären, so schlimm das für kleine Kinder ist, haben kein Bock auf kleine Kinder. Oder nur dann, wenn sie sie fressen können. Die Leute vergessen vollständig, dass Knut nur deshalb in einem Zoo leben musste, weil solche Leute wie sie selbst dahingegangen sind.

    Ich sehe schon folgende Schlagzeile in den entsprechenden Zeitungen: ZARTBESAITETE RUMÄNSICHE SCHRIFTSTELLERIN ERWÜRGTE KNUT MIT BLOßEN HÄNDEN (MIT EINER BLOßEN HAND)

    By the way, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht: auf dem Schulweg aus dem Dorf in die Stadt musste ich, das ist eben eine wilde Gegend da unten, mehr als einmal morgens Bären und Wölfe erwürgen. Mit bloßen Händen ! Bären, Eisbären, die Eltern von Knut, was noch?, Walfische und Mammuts. Ich bin blutbefleckt zur Schule gekommen. Das ist jetzt vielleicht nicht ganz die Wahrheit, aber es beschreibt sie. Also einen kleinen Teil, ich glaube, ich habe hin und wieder auf eine Blindschleiche getreten und einer Zecke den Kopf abgedreht. Muss man machen, sonst drehen die einem den Kopf ab: Riesenzecken in Rumänien. Die Blutflecke waren möglicherweise von Erdbeeren. Oder von den vielen Vampiren, die man dauernd von sich abschütteln musste, die Schulhöfe und –flure in Transsilvanien sind überfüllt mit gepfählten Vampirleichen. Das lernt man in Transsilvanien schon mit drei oder vier Jahren. Das wäre doch eine Schlagzeile für den Verlag.

    Aléa

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