Archiv vom Februar, 2011
24 Februar 2011
Die Kinder der Finsternis II: Der Mensch liebt, ob er will oder nicht
Das Thema dieses Artikels ist Liebe. Und Sexualität. Und Männer. Vor allem aber Frauen.
Es gibt sie, diese Männer, die Erfolg bei den Frauen haben und die, was immer sie tun, von den Frauen geliebt und bewundert werden. Mich interessieren solche Typen in der Regel nicht und ich emfinde auch die Darstellung Barrals in diesem einen Punkt als etwas penetrant. Aber sei`s drum, bei allen Frauen Erfolg zu haben, ist eine Männerphantasie und ich lasse sie hier gelten, weil Männerphantasien mitunter ja sehr aufregend sein können.
Barral bekommt nahezu immer was er will, alle Frauen und dann, mehr als einmal, auch noch deren Töchter. Sein Leben ist geprägt von Frauen. Da ist Judith, die mit Otho verheiratet ist und die Barral nicht haben, nicht besitzen und nicht heiraten kann. Aber er bekommt sie natürlich dennoch.
„Acht Jahre Sehnsucht fingen lodernd Feuer. Die Wollust kochte. Sie zerbissen, zerdrücktem, zerkrallten einander. Seine Schultern Bluteten. Raserei nach Raserei, unendliches Liebesgeflüster an seinem Hals, Begierde um Begierde, den Tag, die Nacht, den nächsten Tag. Ihre Zähne verbeulten das Amulett. Das Auge ihres Vaters machte sie nur noch besessener. ‚Oh Barralî, wenn das Hölle ist, will ich nicht in den Himmel. Und wenn ich sterben muss, komm, komm, komm!! Ein Mal leben!‘“
Judith: die lebenslange Liebe die er zu schützen verspricht vor dem einstigen Freund, dem Minnesänger Walo, der Judith ebenfalls liebt. Der sie liebt und auch hasst. Dreißig Jahre nach Barrals Schwur sie zu schützen, dreißig Jahre in denen Walo Judith verfolgt, quält, ängstigt und erniedrigt, beschläft er sie. Und schneidet ihr anschließend die Gurgel durch.
„Judith Cormons, fünfzehnjährig, aus dem Kloster ins Brautbett befohlen, war ein lebhaftes, schönes Geschöpf von wolkenhaft schnellem Wechsel des Ausdrucks, der ihre fassbaren Reize um einen unfassbaren steigerte. Ihr Frohsinn, durch die Erweckung verstört, tauchte nach drei Wochen Hochzeit heiter aus der Wehmut hervor, sie lächelte wärmer als früher, nicht glücklicher, und die Art, in der sie ging, niedersank, Reverenz, Handkuß, Wangenkuß zelebrierte oder entgegennahm, sich erhob, einen Raum durchschritt und ihn beherrschte, sprach von dem, was das Zeitalter an den Frauen schätzte, von Maß, Selbstzucht und Milde.“
Da ist Fastrada, die Tochter Judiths und Othos. Als Otho schon tot ist und Judith Barral endlich heiraten könnte, verzichtet sie zugunsten ihrer Tochter, die ihn ebenfalls liebt. Fastrada ist die Schönste von allen seinen Frauen, aber Barral ist sie zu kalt. Er kommt nicht ran an sie, Kind um Kind gebiert sie, Jahr um Jahr leben sie zusammen, er schreit nach Fastrada als er nach den Züchtigungen durch den Kardinal Fugardi mit dem Tod ringt. Aber verstehen kann er sie nicht. Sie liest. Sie liebt ihn, aber sie glüht nicht. Sie ist nicht eifersüchtig. Als sie jemand fragt, ob Barral sie betrüge, antwortet sie: „Leider nein.“ Nach dem Mord an ihrer Mutter Judith macht Fastrada, gegen den Willen Barrals, eine Wallfahrt nach Campostela, um der Toten den Eingang ins Paradies zu ermöglichen. Und kehrt nicht mehr zurück. Im letzten Drittel des Romans erfahren wir, dass sie von den „Mohren“ verschleppt wurde und als Haremsdame Fatima, als gebildete Unterhalterin des Sultans lebt. Dreizehn Jahre später kehrt sie an die Seite ihres Ehemannes zurück. Der aber ist längst wieder verheiratet: erneut mit einer Tochter Judiths, Fastradas Halbschwester.
Roana ist vierzig Jahre jünger als ihr Mann. Am Ende wird Barral sie, die vielleicht reizvollste Gestalt dieses Romans, die am schönsten Dargestellte, als die große Liebe seines Lebens bezeichnen. Sie läuft nicht gerade. Sie geht „schräg zur eigenen Richtung“. Sie ist die eigenwilligste, vielleicht auch die Stärkste und deswegen auch die verletzlichste – denn Stärke ist ja nichts anderes als die Angst vor Schwäche. Als ihre erste Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet und Barral ihr einfach ein nächstes machen will, verweigert sie sich. Sie legt sich ins Bett und weiß nicht weiter, ihre Schwester Arabella kommt und pflegt sie.
„Es schläft etwas in mir, das aufwachen will. Ich muss mich nur finden, er muss sich finden, vorher finden wir nicht zusammen. Sage ihm, dass ich ihn liebe. Sage es nicht. Sage, ich kenne nichts außer ihm; wenn er morgen stürbe, nie soll ein anderer Mann mich anrühren, er soll mich anrühren; er, ein anderer als er jetzt ist, mich, ein Mädchen, das er nicht kennt. Sage ihm, wie ich flehe und bettle, aber er darf es nicht hören. Sag ihm, ich will kein Winterkind und auch keine Wiederholung von Lorda. Ich will ein Kind, Arabella, ganz gewiß. Ein Kind aus Erde und Wasser, Feuer und Luft. Am Jahrestage der Pappelblüte will ich, auf einem durchsonnten, jungfräulichen Felsen im Kelmarinbach, mittags, unter dem Buchenlaub, von Libellen umschwebt.“
Als Fastrada zurückkehrt, gerät Roana vollkommen aus dem Gleichgewicht. Sie spricht nur das Nötigste mit der Halbschwester, sie zieht sich von ihrem geliebten Mann zurück, sie verschwindet auf Jahre und kehrt dann wieder zurück. Und dennoch dauert es noch lange Zeit bis die beiden Ehepartner versöhnt sind.
„Roana kam, etwas schräg zur eigenen Richtung. Mit gespannt mildem Lächeln, bis in die Poren durchsintert von Wehmut, blickte sie an ihm vorüber auf die im Abendrot glimmenden Mauern von Stadt und Schloß Lorda. Sie wehrte den Kniefall ab und presste seinen eisgrau gewordenen Kopf an ihre Brust. – ‚Nimm mich wieder auf‘, bat er. – ‚Ginge ich dir sonst entgegen, Liebster? Wohin soll ich denn gehen als zu dir?‘“
Und da ist Maitagorry, Bäuerin, Ehefrau des Schmieds, auch sie lebenslange Geliebte, drall und schön, und bis an den Rand voll mit Aberglauben.
„Wer ist der Stärkste und unverheiratet?“ – „Mon Dom ist der Stärkste!“ – „Wer ist der Stärkste nach mir? – „Larrat!“ – „Her mit Larrat! Ich friere!“ Sie zogen den Schmied aus, wie er auch bettelte, ihn zu schonen, Mon Dom werde ihm sämtliche Knochen brechen. „Du schenkst mir nichts!“, verfügte der Herr. – „Nichts!“ knurrte Larrat und schlug die Hand an. Nackt im tanzenden Feuerschein rangen sie. Nackt im tanzenden Feuerschein trat Maitagorry auf die Schwelle des Hauses. Augen und Lippen glitzerten. In den Ställen blökte das Vieh. Barral warf den Schmied. Breitbeinig kniete er über ihm. Breitbeinig stand er auf, die Brust geweitet. „Scher dich! Hinaus aus meinem Kreis! Der Herr über Ghissi zeugt ein Kind aus seiner Erde! Komm, Erde Ghissi. Wollt ihr wohl singen!“ Die Sterne funkelten, Maitagorry, den Blick in den Augen ihres Herrn, teilte die Flechten, mit denen sie sich bedeckt hielt, tat sie hinter sich, ging in seine Arme und lag auf dem Kirchplatz. Am nächsten Tage traute der Vikar sie dem Schmied an. Zum Erntedankfeste bekam der Schmied eine Tochter; er bat Mon Dom zum Gevatter; Mon Dom bestimmte, sie solle Graziella heißen.“
Interessant, dass Maitagorry das Kind neun Monate bis zur Geburt trägt, Barral der biologische Vater ist, der Schmied aber, wie es hier so schön heißt, „bekam“ die Tochter. Ich will es den interessierten Lesern und Leserinnen nicht verhehlen: Sollte ich einst eine Tochter bekommen, nenne ich sie nach dieser Figur, Maitagorry, genannt Maita. Sie trägt, glaube ich, ihren Namen mit Stolz. So wie ich den meinen. Maita ist aus Erde und aus Erde bin ich auch. Aus Erde wird meine Tochter sein. Aus jener Erde aus der ich komme und zu der ich eines Tages auch wieder zurückkehre.
Maita, die Frau des Schmieds und Barrals Geliebte, ist, wie Barral, bis in die Wurzeln ihrer Existenz abergläubisch. Als es monatelang nicht regnet in Kelgurien, als alle hungern und dürsten, das Vieh in den Ställen stirbt und die Ernte auf den Feldern vertrocknet, und das Saatgut des nächsten Frühjahrs, zu einer Zeit, da rein rationale Erklärungen nicht viel wert waren, ist der Aberglaube schnell zur Hand. Und Aberglaube ist, anders als der konfessionelle Glaube, der das Andere der Rationalität ist, eine Vorstufe dieser Rationalität, weil er einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen herstellen will (Hui! Hier darf – wer möchte und wer kann – zwischen den Zähnen pfeifen! Hier darf auch – wer möchte und wer kann – eine Gegenthese aufstellen). Maita – „Die Erde Ghissi“ – ist davon überzeugt, dass sie der Schlüssel zur Veränderung ist. Nur wenn sie blutet, wird Regen kommen. Sie will von Barral ausgepeitscht werden. Auch andere in Ghissi sind dieser Auffassung: „Ich meine, Mon Dom, ihr solltet die Schmiedin verdreschen, damit es aufhört, und eine vornehme Jungfrau heiraten.“
„Wo hast du die Peitsche? Nur mit der Peitsche wirst du mein Herr. Nur, wenn ich blute, regnet es. Blute ich nicht, regnet es Blut. Kälbermit zwei Köpfen. Blinde Kinder. Mord. Sage, dass du mich mehr liebst als die andere. Liebe sie, aber sage, Mon Dom, daß du mich mehr liebst. Weil du Maitagorry genommen hast, machtest du mich zu Maitagorry. Trage deine Schuld oder ich erwürge dein Gewissen, ich sitze auf deinen Träumen und wenn ich will, so halte ich dein Herz auf, bis er nicht mehr pulst. […] Mit einem Tritt warf sie den Knienden um, lief an den Gewölbepfeiler, zog sich am Kettenring auf und ließ sich zerprügeln, bis die Muskeln nachgaben. Blutend fiel sie auf den gestampften Lehm. ‚Komm doch‘, schluchzte sie. Er kam. ‚Komm doch‘, lachte sie und umschlang ihn mit allen Gliedern. ‚Komm doch, ich will ein Kind. Knecht, süßer Knecht. Liebster du, Heißer du, Wilder du. Luziade, mein brauner Fels. Und Maitagorry, Maitagory wird es sein, Maitagorry wird dich begraben in Eis.‘
Wortlos vor Wut und Liebe leckte er ihre Wunden, damit sie heilen konnten, warf sich aufs Pferd und galoppierte über die Felder. [… ] Der Himmel brach auf die Erde. Es rauschte und trommelte, troff durch die Esse und gurgelte aus den Fugen der Schwellen.
Maitagorry winkte Barral an ihren Mund. ‚Bis in die Hölle hab ich Euch lieb. Warum schlugt ihr mich nicht eher‘ – ‚Weil ich in den Himmel wollte.‘ – Ihre Zähne nahmen zärtlich sein Ohrläppchen. ‚Erst Hölle, dann Himmel. Da unten sind Maita und Mon Doms eins.‘‚ Graziella lauschte. Sie merkten es nicht. ‚Mon Dom, wir werden ein Kind haben. Ghissi wird nicht mehr mit Fingern zeigen. Alle Kinder, die Mon Dom aus mir hat, werden sterben für Mon Dom. Und Maita wird ihn begraben.‘“
Die Welten der Männer und Frauen sind streng voneinander geschieden. Werden diese Grenzen durchbrochen, wird es schwierig. Der schwache und beeinflussbare Otho seiner Frau Judith nicht gewachsen. Daran scheitert die Ehe. Allzu femininen Männern wie Hyazinth ist kein Erfolg beschieden. Maita beschwert sich über den Mann Grazielles, auch wenn er der höchste Adel im Reiche ist, über den Markgraf Carl. Der ist ihr zu weich: „Der Hase will schließlich im Pfeffer liegen. Den Mann hat man zu würzen vergessen. Unter dem verkümmert sie …“. Das sind Männer, die sich nicht nach männlichen Verhaltensregeln einordnen lassen. Bestes Beispiel ist Barrals Sohn Konrad. „Aus meiner eigenen Jugend, Helena, weiß ich, welch ein Sporn im Fleische mir die väterliche Härte gewesen ist. Nur war ich gar nicht so weich und beeinflussbar wie meine Söhne, Konrad ausgenommen. Die Töchter gelangen mir besser, Konrad ausgenommen.“
Helena, die, trotz ihres Namens mit männlichen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, ist das beste Gegenbeispiel. Die kalt Berechnende ist dem alternden Barral jederzeit eine Hilfe. Er nennt sie das „Gehirn Kelguriens“ und sie hat die Politik besser begriffen als jeder andere. Sie ist die geborene Strategin und weil sie das kann, verzeiht ihr Barral, dass sie weder Lust auf Männer noch aufs Kinderkriegen hat, sie also ihrer Rolle als Frau nicht gerecht wird. Er will sogar, als er begreift, was er an ihr hat, „den Eiskeller Helenas“ möglichst kalt halten, nicht, dass sie doch noch Lust auf die Männer bekommt. Helena geht es um nichts anderes als die Politik: „‘Nicht bewundern‘, sagte Helena. ‚Beobachten und lernen, wer wem auf welche Weise was tut, um über welche Scheinziele, Halberfolge, Sprungäste und Umwege wohin zu gelangen.‘“
Die Text oszilliert zwischen Minne und Liebe, zwischen Geist und Sex. Freizügigkeit, strenges Reglement und Enthaltsamkeit wechseln sich ab. Liebe und Sexualität sind strengen Regeln unterworfen. Regeln, die ihre Wirksamkeit und ihren Wert wie alle Regeln, nicht durch sie selbst erhalten, durch die allgemeine Befolgung also, sondern durch die Ausnahme. Jede noch so strenge Regel funktioniert, weil es Situationen gibt, in denen sie nicht angewendet werden. So ist es in der Beichte: die Sünde gilt, aber sie kann Sünder erlassen werden. Die Frau ist zur Treue verpflichtet: solange ihr der Mann gibt, was sie verlangt. Das Gesetz der Treue wird unterlaufen durch die Minne. Die Minne erlaubt Rittern um Frauen zu werben. Wohlwissend, dass sie sie nicht bekommen. Jedenfalls nicht ohne weiteres. Über einen Minnesänger hat die Frau, was sie in der Regel nicht hat: Macht. Deswegen darf der Ehemann nicht um die eigene Frau minnen, weil er sich damit unter ihre Launen beugt. Verheiratete Frauen von Stand sind in der Regel von Minnesängern umgeben. Ritter, die eine Frau lieben, was von einem Ehemann nicht gefordert wird. Die Frauen sind umzingelt von Männern. Denn Männer dürfen es nicht nur, sie sollen es sogar: ihr vornehmes Blut verteilen. „Über den Zaun fressen“ lautet die vornehme Beschreibung für das, was im Deutschen das Wort „Fremdgehen“ bezeichnet.
„Die Regel bestimmt, dass die Frau, der man dient, verheiratet und unerreichbar sein muss.“ Aber die Ausnahme gilt ebenso: „Ehrlich gesprochen war es nicht nett von Euch, mich daran zu hindern, dass ich eine junge Frau, die sich nach Liebe sehnt, glücklich mache. Die ritterliche Regel erlaubt es. Wofern man nicht vergewaltigt, darf der Begleitritter, es sollte Euch bekannt sein, die Dame, die er begleitet, erfreuen. Beklagt sie sich, wird er gestraft.“ Wenn ein Mann seine Frau nicht mehr befriedigen kann oder will, dann kann er sie auch weiterreichen. So streckt Otho irgendwann die Waffen und liefert Judith an Barrals Hof ab: „Ich zähle darauf, dass meine Gemahlin keine Beschwerde erhebt und ihr Aufenthalt keine Folgen zeitigt. Ihr versteht mich?“
Dom Guilhelm, der Bischof und Beichtvater Barrals fragt Walo nach seiner Liebe zu Judith. Sie sprechen über Liebe und Minne. Judith steht im Rücken Walos, der nicht bemerkt, dass sie dieses Gespräch mithört.
„‘Ich bin überzeugt, seit Gott die Welt schuf, hat sich der Vorgang niemals geändert. Die Frau lockt, der Mann erliegt. Aber angreifen muss der Mann; eine Frau, die angreift, gibt es nicht. Gott schuf sie als Lockung; er stattete sie aus mit Reizen, die uns reizen sollen; er legte eine Seele in sie, schöner als die unsere; er legte in den Körper das Kindhafte und Mütterliche, in die Seele das Leichte, den Tanz, das Spiel, er durchsonnte das Weib mit etwas Fröhlichem, Glücklichem, das auf die Männer, wenn es erwecket wird, herabstrahlt.‘
Der Bischof und verfolgte den lebhaften Wechsel des Ausdrucks in Judiths Gesicht. Seine skeptische Bemerkung veranlasste Walo, der den Mißgeschmack überhörte, zu einem umzarten Auflachen. ‚Ich muss sagen, Herr Oheim, Ihr versteht einen.‘ – ‚Nicht ganz, Herr Vetter. Ich verstehe nicht recht, was an dem Spiel neu ist, wenn es so alt ist wie die Welt. Alt ist, dass Ihr die Frau ins Bett wollt; neu, dass ihr feiner zu Werke geht, Garn um sie spinnt, Flitter streut und die Frau für dümmer haltet, als Gott sie machte.‘ Judith lächelte. ‚Die Frau hat es längst gemerkt, daß der Mann, wenn er Edelmut heuchelt, balzen will.‘‚Nun, Balz, Herr Oheim! Wir verneigen uns vor der Frau. Denkt an die rohen Sitten, in denen wir aufwuchsen. Liegen die wirklich hinter uns? Der Schlachthof vielleicht; das Gegröhl vielleicht; die Grobheit vielleicht. Aber die Frau bleibt mißachtet. Bei den Mohren wie bei uns. Bei den Vätern wie bei den Söhnen. Grob gegröhlt: Die Frau ist Stute, der Hengst bespringt sie, sie soll fohlen, und im Übrigen keilt er sie unter die Hufe. Es schreit gen Himmel, was allein hier auf Ortaffa geschieht. Seht euch die hübsche Judith an. Seht Euch an, wie mein Oheim Peregrin, wie mein Vetter Otho sie täglich behandeln. Dabei hat diese Frau einen Stolz, einen Mut, einen Verstand, einen Schalk, daß die zwei sich einsalzen können.‘‚Das wäre dein Adam, Steinmetz‘, sagte der Bischof, ‚mit diesem gewissen Zug in den Augen der Eva nachkriechen durch das Weinlaub. Kurz, Vetter, Ihr werdet Domna Judith helfen, ihre wahre Natur zu entdecken?‘ – ‚Ich hoffe sehr, daß sie sich helfen lässt.‘ – ‚Mit Ehebruch?‘ – Wir sprachen von Minne, Herr Oheim, nicht von Liebe.‘ – ‚Ah? Ist das ein Unterschied?‘ – ‚Ein großer. Liebe meint den Körper. Minne bedarf keines Körpers, Minne ist Geist. Ihr erseht es daran, daß wir Minnesinger, die wir ein für alle Male eine einzige Frau erwählen, um ihr zu dienen, nur darauf schauen ob sie verheiratet ist und vom Stande. Ob gut verheiratet oder schlecht. Ob fett von Gestalt, ob häßlich von Gesicht: wir dienen ihr als sei sie so schön und jung wie Judith.‘“
Als Barral gerittert und in den Stand erhoben wird, in dem er sich eine Frau wählen darf, gibt es ein Fest. Ein erotisches Fest. Er muss Dienst tun, am Liebeshof, denn „du beleidigtest unser Geschlecht, indem du eine Einzige allen anderen vorzogest.“ Als Strafe werden ihm die Augen verbunden und er muss er sich durch die Reihe aller anwesenden Frauen küssen und am Kuss erkennen, ob es die richtige ist. Diese Richtige ist die verheiratete Judith „Schon schlang er die Arme um sie. Nachdem sie sich lange genug geküsste hatten, knüpfte ihm Loba die Binde ab. Judith versank in die Reverenz. So blieb sie. Loba ergriff ihn bei der Hand. ‚Hier fängt man an, diese Knopfleist hinunter.‘ Dame nach Dame schlich aus der Schlafkammer. ‚Das Übrige findet sich leicht. Habt ihr je schon eine Frau ausgezogen?‘ – ‚Mit dem Messer.‘ – ‚Ei‘, rief Loba erschrocken und verschwand, ohne daß er es merkte.
Schwatzen und Schritte entfernten sich, die Treppe knarrte. ‚Sind wir allein?‘ – Ganz allein, Barrali Du bist verstimmt?‘ . Ja, Judith. Ich habe Euch zu lieb, da schmeckt der Scherz nicht.‘ – Er nahm ihr das Hemd- ‚Bin ich dir schön genug?“ – ‚Die Schönste auf Erden.‘“
Sexualität und Liebe, so eine weitverbreitete und heute ein wenig als überholt geltende Auffassung, gehörten zusammen. Dann, in Reaktion auf diese Zusammengehörigkeit, hieß es, sie seien voneinander zu trennen, mitunter sogar problemlos, da es sich um vollkommen verschiedene Dinge handele. Auch das dürfte nicht das letzte Wort sein, sein, da es eine Auffassung ist, die ihre Rechtfertigung durch die Negation einer anderen erhält. In Wirklichkeit ist die eine wie die andere Auffassung wohl obsolet. Vielmehr haben die beiden ein Verhältnis miteinander. Und das schwierige ist es, einen Modus zu finden, wie und auf welche Weise sie sich zueinander verhalten. Und das ist eben individuell sehr verschieden. Der Mensch kann sich vielleicht aussuchen, mit wem er ins Bett geht. Aber er kann sich nicht aussuchen, wen er liebt. Er kann sich nicht aussuchen, wen er liebt und dass er liebt. Und der Mensch liebt, ob er will oder nicht.
„Habt Ihr schon je eine Frau ausgezogen?“ Frauen auszuziehen scheint von jeher nicht ganz einfach zu sein. Mal muss man mehr, mal weniger Gewalt anwenden, mal Verführungskünste, mal Überredung anwenden. Das Wollen von Frauen entzündet sich manchmal an dem der Männer. Manchmal müssen die ein wenig fingerfertig sein, eine Knopfleiste oder Schnalle lösen, der Mann muss bitten und manchmal betteln, manchmal nimmt er, wenn sie nicht gibt; und dann und wann hilft es alles nicht, die Frau will oder sie will nicht, trotz oder wegen der Bemühungen des Mannes, der wieder nimmt sie oder nimmt sie nicht und am Ende liebt man sich oder eben nicht.
Hinter alledem steht die Frage, die noch keiner recht zu klären wusste und die alle beteiligten Parteien gleichermaßen in Erstaunen versetzt: „Was will das Weib“?Und das ist auch ganz gut so. Es geht zwischen zweien um Grenzen. Es geht zwischen zweien um die Frage, wo das Spiel aufhört und der Ernst beginnt. Oder wo der Ernst aufhört und das Spiel beginnt. Und manchmal geht es zwischen zweien einfach nur darum, wer das letzte Wort hat. Aber das ist dann ein anderes Thema.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Niebelschütz, Wolf von: Die Kinder der Finsternis, Lessons & Lectures, ruinös | Eintrag von Aléa Torik | um 17:55 eingtragen | Kommentare: 11 | Kommentieren
16 Februar 2011
Die Kinder der Finsternis I: „Weiber zum Klagen und Weiber zum Freuen“
Das war ein höchst ungewöhnliches Leseerlebnis, fulminanter Anfang, grandioser Stil. Wolf von Niebelschütz hat eine hochinteressante Art Charaktere vorzustellen, zu entwickeln und auszuarbeiten. Der Autor hat ein eminent gutes Gespür für den Aufbau eines Textes, seinen Fluss, für Hemmung, Stauung, Stockung, Wirbel und für gemächliches Weiterfließen. Die Dramaturgie finde ich größtenteils ausgezeichnet. Vierhundert Seiten lang war ich begeistert, dann lässt es für mein Gefühl etwas nach, die Sprache ist noch immer ungewöhnlich, aber auch ans Ungewöhnliche gewöhnt man sich, man erwartet umso mehr von der Geschichte selbst. Die wird etwas schwächer, es geht hundert Seiten lang vor allem um Ränkeschmiede zwischen Kaiser und Papst, zwischen niederen klerikalen und weltlichen Rängen. Auf den letzten hundert Seiten kehrt die Spannung zurück und verendet erneut, ohne richtig zu enden. Die Hauptfigur ist tot. Was soll man da noch reden, es ist eben aus und der Roman ist auf der nächsten Seite auch bereits zu Ende.
Ein Mittelalterroman, wir sind im 12. Jahrhundert. Barral ist seine unbestrittene Hauptfigur. Der Roman zeichnet seinen Lebensweg nach. Barral, was „Dachs“ bedeutet, ist Schafhirte. Die meisten nennen ihn schlicht Mon Dom, „Mein Herr“. Er macht, wie man das heute so sagt, Karriere. Er wird Ritter, erhält ein Lehen mit dem Namen Ghissi, er bringt es zum Grafen, er wird Markgraf, Herzog und Freund des Kaisers. Dann legt er sich mit der Kirche an, die schleudert den großen Bann, Barral wird aus der Kirche ausgestoßen, ist vogelfrei, ihn zu erschlagen wird dem Schächer mit dem Paradies belohnt. Jahre steht er das durch, schließlich kriecht er zu Kreuze (daher kommt das Sprichwort: er kriecht dem Kreuz hinterher) und wird dabei nahezu totgeprügelt. Am Ende stirbt er, hochbetagt mit Kindern in Unzahl, auf seiner Scholle. Er war ein Großer, auch menschlich, er hat seinen Bauern Genossenschaftsrechte angeboten, Besitz verteilt und nicht nur, wenn es galt die von der Kirche geschürten Ängste zu bezähmen. Er war ein Großer, weil er sich aus altruistischen Gründen mit der Kirche angelegt hat. Er war es, weil er die Funktion der Macht durchschaute und sich ihrer Hebel zu bedienen wusste, ohne sich von dieser Macht blenden, also erblinden zu lassen.
Man wird diesen Roman nicht verstehen, wenn man sich nicht die Lebensbedingungen jener Zeit vergegenwärtigt. Das Leben war kurz und hart. Es war von allen Seiten vom Tod bedroht, während es ja heutzutage nur am Ende davon bedroht ist. Wer nicht als Kind im Kindbett starb, der starb dort als Mutter, mit fünfzehn oder sechzehn. Die Erde war wüst und leer und man konnte es sich nicht leisten, den Mädchen eine hübsche Kindheit zu spendieren, die Frauen müssen vor allem gehorchen und gebären. Wen nicht die Pest holte, wer nicht auf offener Straße erschlagen wurde, im Kampf unterging, wer noch alle Finger und Hände beisammen hatte, weil er nie als Dieb erwischt wurde, wer nicht weltlicher Frevel wegen geblendet wurde, wem nicht das Gemächt oder die Zunge abgeschnitten und wer nicht aufs Rad geflochten wurde, wer sich nicht auf Leben und Tod mit dem Feind schlagen musste, nicht mit Pech und Schwefel übergossen wurde, dem stand die Kirche mit tausend Höllenqualen gegenüber. Nicht nur, dass man der Inquisition in die Hände fallen konnte und man eines Gottesurteils wegen, ein glühendes Hufeisen mit bloßen Händen zum Altar tragen musste: Die Kirche war der Ort der absurdesten menschlichen Verbrechen. Erst wenn man all dies Elend versteht, unter dessen Herrschaft damals gelebt werden musste, versteht man die Lust, mit der diese Menschen lebten, leben wollten und leben mussten: „Schwerer als das Bespringen wog das Verschmähen.“
Wie viele damals, kannte auch Barral nur seine Mutter. Wie viele Kinder ist sein Vater ein hoher Herr, einer jener, die das ominöse „jus primae noctis“ in Anspruch nahmen. Sie beschliefen die Frauen bevor die eigentlichen Ehemänner zu ihnen durften. Ob sie es aus Geilheit in Anspruch nahmen oder als Lehnsrecht oder weil das „edle Blut“ sich ausbreiten sollte, das sei dahingestellt. Nachdem Barral Herr auf Ghissi wird, macht er es genauso. Wie für den Leser, so ist es auch für den Vater nicht immer leicht, bei den vielen Namen seiner Kinder durchzusehen. Mehr als einmal muss Barral fragen, wer die Mädchen und Jungen sind, die sich dann als seine eigenen erweisen. Das ist auch ein Stilmittel des Autors und so manchem Hohem Herrn wird es nicht anders ergangen sein. Die Klöster rekrutierten zu einem nicht unwesentlichen Anteil ihre Belegschaft aus solchen Wechselbälgern. Ein anderer Teil geht ins Kloster, weil sie das Leben in der Welt nicht ertragen kann. Bei manchen seiner Kinder hingegen weiß Barral es sehr genau, bei dem Lieblingskind Graziella, die für den Vater stirbt. Bei manchen weiß er es ebenfalls, sagt es aber erst spät. Kardinal Frugardi, der Barral halb tot prügeln lässt, erblasst als er erfährt, dass er beinahe seinen Vater hat totschlagen lassen.
Frauen spielen eine große Rolle in diesem Roman, in dieser Männerwelt und eine sehr viel komplexere und vieldeutiger, schwerer zu beschreibende und sicher auch schwerer zu lebende Rolle. Das fängt bei der Geburt an. Als einer den Schmied fragt, wie viele Kinder er habe, antwortet der „Eins und zwei Töchter“. Ein richtiges Kind, eins, das die Sippe erhalten kann. Frauen können das nicht, zwar bekommen sie die Kinder – sie werden „trächtig“, sie sollen „fohlen – leider mit fünfzig Prozent Ausschuss, Mädchen eben. Mädchen aus denen dann bloß Frauen werden, die, gebären sie allzu früh und ohne Sakrament, ins Kloster müssen. Frauen, die so oder so enden können: „Weiber zum Klagen und Weiber zum Freuen.“ Manchmal, wenn sie einen schwachen Mann haben, können Frauen machtgierig sein. Meist sind sie Opfer der Umstände oder der Männer.
Historische Romane sind, so scheint es, ins Kleid der Geschichte drapierte aktuelle Ereignisse und Umstände. Mich interessieren die historischen Ereignisse wenig, ich will lediglich mitnehmen, was mich hier interessiert. Ich schreibe etwas über Sexualität und Liebe, etwas zum Thema Fremdes und Eigenes und sicher auch etwas zum Stil von Niebelschütz, den ich sehr ungewöhnlich und überaus ansprechend und lehrreich finde. Ich werde also nicht über die Politik reden: das mache ich ja auch sonst nicht, ich sage nichts zu Rumänien, ich habe nichts zu Haiti gesagt, ich sagte nichts zu dem, was derzeit in Ägypten geschieht. Ich mache das nicht, weil ich finde, dass das hier nicht der richtige Ort dafür ist. Andernsorts mache ich das nämlich sehr wohl: mich zur Politik äußern. Politik in diesem Roman heißt weltliche und religiöse Ränke, die versuchen einander auszustechen. Der Klerus war eine unter der Religion versteckte Machtinstanz, der es um genau das ging, um das es allen anderen auch ging. Einfluss, Geld, Sex. Ich äußere mich nicht zu der Frage, ob der Autor womöglich kein rechtes Verständnis von Demokratie besaß, ob er den Absolutismus verherrlichte. Ich frage nicht, ob das rückwärtsgewandte Literatur ist, zu einem Zeitpunkt – einige, aber nicht viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg – da überall, vor allem aber in Deutschland, Literatur geschrieben wurde, die sich mit den jüngsten Ereignissen beschäftigte; die sich damit beschäftigen musste: um den Horizont für kommende Ereignisse zu bestimmen; Niebelschütz schreibt rückwärts gewandte Literatur, weil womöglich für ihn in der Zukunft nichts zu holen war. Ich frage nicht einmal nach dem Verhältnis zum Judentum, das hier eine Rolle spielt und ich sehe auch nur einmal eine wirklich bedenkliche Äußerung: „Wen man liebt, den betrügt man, wenn man Jüd ist.“ Ich kann vieles überlesen, weil es die Bedingungen des Romans betrifft, sein Äußeres. Was die inneren Bedingungen betrifft, kann ich nicht einmal fragen, ob der Autor, der wohl ein Kenner seines Faches gewesen sein muss, dieses Zeitalter authentisch beschrieben oder literarisch umschrieben hat, oder ob das eine oder das andere besser gewesen wäre.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Wolf von Niebelschütz,
Die Kinder der Finsternis
Kein & Aber Verlag
Zürich 2010
gebunden, 704 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5559-9
24.90 €
Thema - Niebelschütz, Wolf von: Die Kinder der Finsternis, lang, Lessons & Lectures | Eintrag von Aléa Torik | um 21:40 eingtragen | Kommentare: 1 | Kommentieren













