28 Januar 2011
Die Falschmünzer III: „Das klügste ist, nicht zu verzweifeln“
Es kommen Zitate aus dem Tagebuch zum Roman: man kann an dieser Zusammenstellung erkennen, wie sehr der Autor mit seinem Stoff gerungen hat. Es ist ein fortwährendes Neuansetzten, ein Ringen um Stoff, um Personen, Charaktere, Namen und Entwicklungen. Kaum hat man es, muss man alles wieder umschreiben, weil es nicht gut war. Weil dem Geschriebenen eine Tendenz innezuwohnen scheint, nicht fertig zu werden. Fertig werden ist nicht kreativ.
„Das klügste ist, nicht zu verzweifeln, wenn die Arbeit eine Zeitlang nicht vorangeht. Der Geist wird inzwischen durchlüftet, und das wirkliche Leben durchpulst den Stoff.“
„Nicht, indem ich die Probleme löse, kann ich dem Leser einen Dienst erweisen, sondern indem ich ihn zwinge, selbst über jene Fragen nachzudenken, für die es meines Erachtens immer nur eine eigene, von Fall zu Fall verschiedene Lösung gibt.“
„Stundenlang Nebel. Welche Anstrengung es kostet, sich einer inneren Vorstellung zu entäußern, das Subjektive zu objektivieren (um das Objektivierte dann dem Subjekt wieder dienstbar zu machen). Tagelang kann man nichts erkennen, und alle Mühe scheint vergebens; was zählt, ist, nicht aufzugeben. Tagelang navigieren, ohne dass irgendwo Land in Sicht ist. Dieses Bild sollte ich im Buch selbst gebrauchen: Die meisten Künstler, Gelehrten usw. … sind Küstenschiffer, die sich verloren glauben, sobald sie kein Land mehr sehen. – Schwindelerregende Weite.“
„ … warum sollte ich noch so verzweifelt um eine Motivierung, eine Folgerichtigkeit, die Anordnung um eine zentrale Intrige ringen? Ließe sich nicht ein Weg finden, mit der Form, die ich wähle, indirekt die Kritik an der Form zu verbinden? Lafcadio (der spätere Édouard, A.T.) könnte zum Beispiel vergeblich versuchen, die Fäden der Handlung zu verknüpfen; es gäbe überflüssige Figuren, bedeutungsloses Geschehen, ins Leere gehenden Äußerungen, und die Handlung nähme nicht ihren Verlauf.“
„ … ich halte es mit Wilde und seinem Paradox, dass die Natur die Kunst nachahmt; des Künstlers Richtschnur ist keineswegs, sich auf das in der Natur Vorhandene zu beschränken, er soll vielmehr der Natur nichts vormachen, was sie nicht sogleich nachahmen kann, nachahmen muss.“
„Wenn sich die Arbeit an meinem Buche als so ungeheuer schwierig erweist, könnte dies die bloße Folge eines am Anfang liegenden Fehlers sein. Bisweilen scheint mir die ganze Idee absurd, und ich verstehe überhaupt nicht mehr, was ich eigentlich will. In diesem Buch kreisen meine Überlegungen streng genommen nicht um ein Zentrum, sondern sie bewegen sich wie bei einer Ellipse um zwei Brennpunkte. Die äußeren Umstände, die Begebenheit, das Tatsachenmaterial, sind das eine, das andere aber ist das Ringen des Romanautors mit seinem Stoff. Letzteres ist das eigentliche Thema, die neue Ausrichtung, mit der ich die gewohnten Bahnen verlasse und die alles ins Gedankliche zieht. Kurz, ich will dieses Arbeitsheft, in dem der Entstehungsprozeß des Buches festgehalten ist, in den Roman einbauen, es als ein tragendes Element verwenden – zum größten Befremden des Lesers.“
„ …. Der wirklich Scheinheilige ist derjenige, der sich der Selbsttäuschung nicht mehr bewusst ist; derjenige, der in aller Aufrichtigkeit lügt.“
„Mir flößt wenig Achtung ein, wer das Leben verachtet.“
„Man sollte anders als Meredith oder James, den Leser die Oberhand gewinnen lassen – es so einrichten, das er glaubt, er sei intelligenter als der Autor, moralischer scharfsichtiger und dass er so manche Eigenschaften an den Figuren entdecken, der Geschichte so manche Einsicht entnehmen kann ohne die Hilfestellung des Autors, ja, gewissermaßen, ohne dass dieser davon weiß.“
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Januar 28th, 2011 unter - Gide, André : Die Falschmünzer, Lessons & Lectures, mittel











