24 Januar 2011
Vagabundieren
Nach wie vor verbringe ich meine Tage in der Bibliothek. Viele Monate habe ich im großen Lesesaal gesessen. Ich weiß nicht mehr, was mich von dort vertrieben hat. Ich fing an, mir andere Orte zu suchen. Ich saß am Fenster, ich hatte einen schönen Platz in einer langen Reihe Arbeitstische. Dann kam eine Asiatin, suchte sich den Tisch vor mir, setzte sich, schaltete ihren Computer an, sortierte ihre Unterlagen, ihre Bücher und Hefte. Und zog die Nase hoch. Alle dreißig Sekunden. Tausend Mal am Tag. Kulturelle Unterschiede eben. Dafür bin ich in der Regel sehr offen. Ich bin, wenn ich richtig ‚drin‘ bin, nahezu resistent gegen Ablenkungen, das aber war zu viel. Ich musste mir einen anderen Platz suchen. Ich begann, die Etagen und die Plätze zu wechseln. Einmal fand ich wieder einen Ort, wo ich mich wohl fühlte. Ein Platz, der eine Magie hatte, einen Einfluss auf mich und mein Arbeit. Über das Wochenende brachte jemand an meinem und den benachbarten Tischen Schilder an, die die Benutzung von Laptops verboten. Also musste ich erneut suchen. Ich bin bei der Literatur und Geschichte der Rumänen gelandet, alles auf Rumänisch. Da war nicht viel los. Außer eine Brandschutztüre, die sich nicht richtig schließen ließ. Ich saß im Zug und musste wieder weg.
Vor einigen Tagen meinte ich, es noch einmal gut getroffen zu haben. Aus dem Fenster schauend, konnte ich die Kuppel des Bodemuseums sehen, den Fernsehturm und das Dach meines Instituts. In den Regalen in der unmittelbaren Nähe, direkt auf Augenhöhe, stehen einige Jahrgänge der „Zeitschrift für die Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns“. Nun haben diesen Platz leider auch noch andere entdeckt. Im Falle einer dieser anderen, bin ich einer dieser anderen. Dieser eine sagte mir nämlich vorwurfsvoll, dass er dort immer sitze. Man kann keine Plätze reservieren, aber ihm den wegzunehmen, den er für sich reklamierte, war mir nicht angenehm. Ich werde über kurz oder lang wohl wieder umziehen.
Es gibt Menschen, die hacken auf die Tastatur, ohne jedes Gefühl für die Tasten oder die sich darunter befindenden Buchstaben. Andere flüstern permanent mit ihrem Vordermann oder ihrer Hinterfrau, sie schlagen den Takt der Musik, die sie über Kopfhörer hören, mit dem Fuß. Manche kann man beeinflussen, andere haben sich schon mit Anfang zwanzig lebenslang in ihre Verhaltensweisen eingearbeitet und sind nicht mehr zu verändern. Solchermaßen durch die Bibliothek vagabundierend, mal sitzend, mal laufend, mal suchend und fluchend, komme ich zu der Erkenntnis, dass dort, wo die anderen sich in unser Bewusstsein vordrängen, Störung keine Störung ist, sondern die anderen in ihrer elementaren Funktion trifft: sich in unser Bewusstsein zu drängen.
Man findet die richtige Stelle nicht. Jedenfalls nicht so leicht. Nicht dauerhaft. Es ist es zu weit oben, zu weit unten, zu weit außen, zu mittig, zu ausgewogen, zu eintönig: im Gebäude oder im Leben. Die anderen nehmen einem den Platz weg. Oder man ihnen. Man ist nicht so frei wie man wäre, wenn die anderen nicht da wären. sie schränken einen ein. Sie beschränken einen in der eigenen Freiheit, im Anspruch auf diesen oder jenen Platz. Wir beschränken mit unserer eigenen Freiheit die des anderen. Wir sind nicht so frei wie wir es sein könnten, wären die anderen nicht da. Wären aber die anderen nicht da, wären wir also so frei wie irgend möglich, könnten wir diese Freiheit nicht spüren. Anhand der anderen, die sie uns einschränken, spüren wir die Freiheit die wir haben könnten, wären diese anderen nicht anwesend.
So gesehen ist der andere eine schizophrene Erscheinung. Indem wir ihn lieben oder hassen, machen wir ihn uns erträglich.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Januar 24th, 2011 unter lang, Paralipomena












Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 24. Januar 2011 um 22:24
das kommt mir sehr bekannt vor. so geht es mir auch oft. nicht in lesesaelen, aber anderenorts. und dann kommen fragen von durchsetzungsvermoegen, skrupellosigkeit, egoistischem selbsterhaltungstrieb… ich denke, sie sollten sich eine zeit aussuchen, wo es relativ leer ist, die einzige chance, einen platz etwas laenger haben zu koennen. oder lieber zu hause schreiben oder an anderen orten ohne belaestigungspotential. ich kann in der oeffentlichkeit schlecht arbeiten. wenn man einen groesseren abstand zum menschlichen umfeld haben kann (zum beispiel als aufsicht), klappt es hingegen sehr gut. all die schriebenden nervenden kleinigkeiten gehen mir auch gehoerig auf den kranz. wir haben hier allerdings eine ziemlich leere kunstbibliothek vor ort wo es die noetige ruhe und inspiration gibt, zu ganz vielen zeiten. vielleicht sollten sie auch in eine andere wechseln, wo weniger los ist.
lg
irisnebel