Diesseits
Jensseits
Kommentare:
Aléa Torik: Lieber Christian, auch Ihnen vielen Dank für Ihren Kommentar und den Link zu den Blinden. Es ist immer interessant, wenn ich als Autorin erfahre, was den Lesern gefällt und was nicht....
Aléa Torik: Lieber Philipp, vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Buch. Die Verknüpfung einzelner Lebensschicksale zu einem großen Bild ist das, was ich wollte. Da ich die Wahrnehmungsweise...
Aléa Torik: Lieber Dietmar, einerseits hat Mircea Cărtărescu recht, wenn er die deutschen Journalisten anfaucht und sich beschwert, dass die immer bloß nach der Securitate fragen können, weil...
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, Es ist ja nicht so, dass die Securitate bei Ihnen nicht erwähnt würde: “Der Geheimdienst vielleicht, dessen Namen alle kannten und den doch niemand laut...
Christian: Zum Thema blinde Fotografen gibt es hier ein Projekt: http://www.kilianfoerster.de/b linde.htm
Aléa Torik: Lieber Philipp, nur vorläufig: Sie haben Recht, es ist völlig überzogen, dass ein Blinder fotografiert: http://www.youtube.com/watch?v =2YfCgFGf9Ak Aléa
Aléa Torik: Lieber Dietmar, bevor ich jetzt zum nächsten Nervenzusammenbruch übergehe, Scheißcomputer!, mache ich eine kleine Pause. Ihr Kommentar hat mich wirklich außerordentlich gefreut. Im...
Philipp: Liebe Aléa, den Idioten habe ich nicht zu Ende gelesen. Ihren Roman schon. Wenn das kein Kompliment ist… Sehr gut gefallen hat mir der Stil und die Gesamtkomposition. Das liest sich...
Christian: Liebe Alea, das kürzen des Textes stell’ ich mir sehr schwer vor. Ehrlich gesagt hat mir die von mir erwähnte Stelle nicht am besten gefallen. Aber sie hat mir am meisten Spass...
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, gestern nacht habe ich Ihren Roman zu Ende gelesen. Sie mögen sich schon längst zu neuen Ufern Ihrer Identität aufgeschwungen haben, aber in mir brodelt das, was ich...
Aléa Torik: Lieber phorkyas, wir Rumänistinnen sind alle auch Romanistinnen, denn die Romanistik umfasst die Sprachen Rumänisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Mindestens....
phorkyas: Liebe Aléa, dann hatte ich mich da nicht verhört. Bisher war mir nur eine rumänische Romanistin begegnet. In der Tat war das die Verteidigung – viel schlimmer war es aber den Text...
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich vermute, die Situation war die, dass Sie Ihre Dissertation verteidigt haben?! Da habe ich noch Zeit. Rumäninnen können, wenn es die Männer zu beeindrucken gilt, so...
phorkyas: Liebe Aléa, bei dem Ausdruck Triumph habe ich auch länger gezögert, aber mir war kein besseres Wort eingefallen. Vor kurzem habe ich etwas Ähnliches hinter mich gebracht, stand aber...
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, Triumph wäre nicht das richtige Wort. Ich triumphiere nicht, das wäre nicht mein Stil. Ich hätte es vorne sitzend nicht so genießen können wie hinten stehend. Es gibt...
phorkyas: Ich stand in der letzen Reihe und konnte mir das in Ruhe anhören. Das klingt nach einem wunderbar in der Stille ausgekosteten Triumph. @Dr. No: Frauen mit Akzent, oh ja! Und ein...
Aléa Torik: Lieber NO, Vielen Dank für den Kommentar. Drei Geständnisse an einem Sonntagmorgen? 1) Was die Leselänge betrifft, hatten zuvor alle gewarnt, dass es zu lang werden könnte. Außer Herr...
NO: Der Rausch des Werdens Glückwunsch!!!!! In üblichem hanseatischen Stil, den ich ja mit Wolf-Rüdiger Osburg teile, herkunftsbedingt, könnte man von einer gelungenen Veranstaltung sprechen. Die...
Aléa Torik: Ich danke Ihnen allen, für die guten Wünsche und statt hier lange zu antworten, schauen Sie meinen neuen Beitrag an. Da können Sie alles sehen, was Sie sehen wollen. Aléa
avenarius: Liebe Alea, ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lesung und hoffe, Sie treffen den Ton. Führen Sie “das Geräusch des Werdens” mit leisen Schritten herein. avenarius
Archiv vom Januar, 2011
Die Falschmünzer IV: „Wer wirklich liebt, kann nicht mehr aufrichtig sein“
Ich schließe meine Auseinandersetzung mit „Die Falschmünzer“ mit zwei Bemerkungen aus dem Romantext. In beiden geht es um die Liebe. Zuerst spricht Monsieur de La Pérouse über seine Frau. Die beiden sind ein altes Ehepaar, das seit Jahren übereinander herfällt und wo der eine am anderen kein gutes Haar mehr lassen mag. Von der einstigen Liebe ist nichts mehr zu spüren.
„Alles, was sie verkehrt gemacht hat im Leben, legt sie mir zur Last. Alles verdreht sie. Und wissen Sie, das ist ganz einfach zu erklären. Die Wahrnehmungen der Außenwelt bilden sich auf unserer Netzhaut doch verkehrt herum ab, um von einem nervlichen Mechanismus wieder umgekehrt zu werden. Nun, bei Madame de La Pérouse fehlt dieser Korrekturmechanismus. Bei ihr bleibt alles verkehrt herum. Sie können sich vorstellen, wie mühsam das ist.“
Nun derselbe Sachverhalt, viele Jahre früher. Auch hier dreht es sich um das Richtige und das Verkehrte. Man sucht Worte für seine Liebe, sucht, sich vom anderen zu unterscheiden und definiert sich doch über ihn:
„Ohne sie, die mir Richtung und Ziel gibt, gewänne meine Person, glaube ich, keine deutlichen Konturen; mein Wesen verdichtet und klärt sich durch sie. Wie bloß konnte ich mich bis zum heutigen Tag der Illusion hingeben, ich formte sie nach meinem Bild? Wo doch im Gegenteil ich es war, der sich ihr anglich; und ich merkte es nicht! Oder vielmehr veränderte sich unser beider Wesen durch eine wunderliche Verschränkung gegenseitiger liebender Beeinflussung. Unwillkürlich, unbewusst formt sich das Wesen von zweien, die sich lieben, nach den Erwartungen des anderen, sucht jeder der beiden Liebenden den Idol zu gleichen, dessen er im Herzen des anderen ansichtig wird … Wer wirklich liebt, kann nicht mehr aufrichtig sein.“
So, mit dem letzen Satz betrachtet, lieben sich Madame und Monsieur de La Pérouse noch immer. Vielleicht lieben sie sich nur aufrichtiger als früher. Verkehrtherum oder richtigherum. Wer kann das sagen? Wer könnte sagen, welches der Gefühle das innigere ist. Die Liebe, wenn sie alt wird und gebrechlich, wenn ihr die Jahre des Miteinanders in den Knochen stecken, ist dann nicht mehr so leicht als Liebe zu erkennen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Gide : Die Falschmünzer, Lessons & Lectures, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 14:25 eingtragen | Kommentare: 1 | Kommentieren
Die Falschmünzer III: „Das klügste ist, nicht zu verzweifeln“
Es kommen Zitate aus dem Tagebuch zum Roman: man kann an dieser Zusammenstellung erkennen, wie sehr der Autor mit seinem Stoff gerungen hat. Es ist ein fortwährendes Neuansetzten, ein Ringen um Stoff, um Personen, Charaktere, Namen und Entwicklungen. Kaum hat man es, muss man alles wieder umschreiben, weil es nicht gut war. Weil dem Geschriebenen eine Tendenz innezuwohnen scheint, nicht fertig zu werden. Fertig werden ist nicht kreativ.
„Das klügste ist, nicht zu verzweifeln, wenn die Arbeit eine Zeitlang nicht vorangeht. Der Geist wird inzwischen durchlüftet, und das wirkliche Leben durchpulst den Stoff.“
„Nicht, indem ich die Probleme löse, kann ich dem Leser einen Dienst erweisen, sondern indem ich ihn zwinge, selbst über jene Fragen nachzudenken, für die es meines Erachtens immer nur eine eigene, von Fall zu Fall verschiedene Lösung gibt.“
„Stundenlang Nebel. Welche Anstrengung es kostet, sich einer inneren Vorstellung zu entäußern, das Subjektive zu objektivieren (um das Objektivierte dann dem Subjekt wieder dienstbar zu machen). Tagelang kann man nichts erkennen, und alle Mühe scheint vergebens; was zählt, ist, nicht aufzugeben. Tagelang navigieren, ohne dass irgendwo Land in Sicht ist. Dieses Bild sollte ich im Buch selbst gebrauchen: Die meisten Künstler, Gelehrten usw. … sind Küstenschiffer, die sich verloren glauben, sobald sie kein Land mehr sehen. – Schwindelerregende Weite.“
„ … warum sollte ich noch so verzweifelt um eine Motivierung, eine Folgerichtigkeit, die Anordnung um eine zentrale Intrige ringen? Ließe sich nicht ein Weg finden, mit der Form, die ich wähle, indirekt die Kritik an der Form zu verbinden? Lafcadio (der spätere Édouard, A.T.) könnte zum Beispiel vergeblich versuchen, die Fäden der Handlung zu verknüpfen; es gäbe überflüssige Figuren, bedeutungsloses Geschehen, ins Leere gehenden Äußerungen, und die Handlung nähme nicht ihren Verlauf.“
„ … ich halte es mit Wilde und seinem Paradox, dass die Natur die Kunst nachahmt; des Künstlers Richtschnur ist keineswegs, sich auf das in der Natur Vorhandene zu beschränken, er soll vielmehr der Natur nichts vormachen, was sie nicht sogleich nachahmen kann, nachahmen muss.“
„Wenn sich die Arbeit an meinem Buche als so ungeheuer schwierig erweist, könnte dies die bloße Folge eines am Anfang liegenden Fehlers sein. Bisweilen scheint mir die ganze Idee absurd, und ich verstehe überhaupt nicht mehr, was ich eigentlich will. In diesem Buch kreisen meine Überlegungen streng genommen nicht um ein Zentrum, sondern sie bewegen sich wie bei einer Ellipse um zwei Brennpunkte. Die äußeren Umstände, die Begebenheit, das Tatsachenmaterial, sind das eine, das andere aber ist das Ringen des Romanautors mit seinem Stoff. Letzteres ist das eigentliche Thema, die neue Ausrichtung, mit der ich die gewohnten Bahnen verlasse und die alles ins Gedankliche zieht. Kurz, ich will dieses Arbeitsheft, in dem der Entstehungsprozeß des Buches festgehalten ist, in den Roman einbauen, es als ein tragendes Element verwenden – zum größten Befremden des Lesers.“
„ …. Der wirklich Scheinheilige ist derjenige, der sich der Selbsttäuschung nicht mehr bewusst ist; derjenige, der in aller Aufrichtigkeit lügt.“
„Mir flößt wenig Achtung ein, wer das Leben verachtet.“
„Man sollte anders als Meredith oder James, den Leser die Oberhand gewinnen lassen – es so einrichten, das er glaubt, er sei intelligenter als der Autor, moralischer scharfsichtiger und dass er so manche Eigenschaften an den Figuren entdecken, der Geschichte so manche Einsicht entnehmen kann ohne die Hilfestellung des Autors, ja, gewissermaßen, ohne dass dieser davon weiß.“
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Gide : Die Falschmünzer, Lessons & Lectures, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 11:38 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
„Neues Europäisches Historisches Reiselexicon, …
… worinnen die merckwürdigsten Länder und Städte nach deren Lage, Alter, Benennung, Erbauung, Befestigung, Beschaffenheit, Geist- und Weltlichen Gebäuden, Gewerbe, Wahrzeichen und anderen Sehenswürdigkeiten, in alphabetischer Ordnung auf das genaueste beschrieben werden, denen Reisenden und Liebhabern historischer Nachrichten zum Gebrauch verfasset, aus den neuesten Schriften zusammen getragen und mit einer Vorrede Herrn Martin Hassens, Köngl. Poln. und Churfl Sächsischen Hofraths, wie auch der Sitten- und Staatswissenschaft Prof. Publ. Ordinarii auf der Universität Wittenberg, von der Klugheit zu reisen versehen, von Karl Christian Schramm, Hochfürstl. Brandenburg, Beyreuth Tulbachischen Hofrathe.“
Das ist doch ein schöner Titel für ein Buch. Ich habe also wieder den Platz gewechselt und das steht auf Augenhöhe im Regal.

Thema kurz, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 21:32 eingtragen | Kommentare: 2 | Kommentieren
Vagabundieren
Nach wie vor verbringe ich meine Tage in der Bibliothek. Viele Monate habe ich im großen Lesesaal gesessen. Ich weiß nicht mehr, was mich von dort vertrieben hat. Ich fing an, mir andere Orte zu suchen. Ich saß am Fenster, ich hatte einen schönen Platz in einer langen Reihe Arbeitstische. Dann kam eine Asiatin, suchte sich den Tisch vor mir, setzte sich, schaltete ihren Computer an, sortierte ihre Unterlagen, ihre Bücher und Hefte. Und zog die Nase hoch. Alle dreißig Sekunden. Tausend Mal am Tag. Kulturelle Unterschiede eben. Dafür bin ich in der Regel sehr offen. Ich bin, wenn ich richtig ‚drin‘ bin, nahezu resistent gegen Ablenkungen, das aber war zu viel. Ich musste mir einen anderen Platz suchen. Ich begann, die Etagen und die Plätze zu wechseln. Einmal fand ich wieder einen Ort, wo ich mich wohl fühlte. Ein Platz, der eine Magie hatte, einen Einfluss auf mich und mein Arbeit. Über das Wochenende brachte jemand an meinem und den benachbarten Tischen Schilder an, die die Benutzung von Laptops verboten. Also musste ich erneut suchen. Ich bin bei der Literatur und Geschichte der Rumänen gelandet, alles auf Rumänisch. Da war nicht viel los. Außer eine Brandschutztüre, die sich nicht richtig schließen ließ. Ich saß im Zug und musste wieder weg.
Vor einigen Tagen meinte ich, es noch einmal gut getroffen zu haben. Aus dem Fenster schauend, konnte ich die Kuppel des Bodemuseums sehen, den Fernsehturm und das Dach meines Instituts. In den Regalen in der unmittelbaren Nähe, direkt auf Augenhöhe, stehen einige Jahrgänge der „Zeitschrift für die Erforschung und Behandlung des jugendlichen Schwachsinns“. Nun haben diesen Platz leider auch noch andere entdeckt. Im Falle einer dieser anderen, bin ich einer dieser anderen. Dieser eine sagte mir nämlich vorwurfsvoll, dass er dort immer sitze. Man kann keine Plätze reservieren, aber ihm den wegzunehmen, den er für sich reklamierte, war mir nicht angenehm. Ich werde über kurz oder lang wohl wieder umziehen.
Es gibt Menschen, die hacken auf die Tastatur, ohne jedes Gefühl für die Tasten oder die sich darunter befindenden Buchstaben. Andere flüstern permanent mit ihrem Vordermann oder ihrer Hinterfrau, sie schlagen den Takt der Musik, die sie über Kopfhörer hören, mit dem Fuß. Manche kann man beeinflussen, andere haben sich schon mit Anfang zwanzig lebenslang in ihre Verhaltensweisen eingearbeitet und sind nicht mehr zu verändern. Solchermaßen durch die Bibliothek vagabundierend, mal sitzend, mal laufend, mal suchend und fluchend, komme ich zu der Erkenntnis, dass dort, wo die anderen sich in unser Bewusstsein vordrängen, Störung keine Störung ist, sondern die anderen in ihrer elementaren Funktion trifft: sich in unser Bewusstsein zu drängen.
Man findet die richtige Stelle nicht. Jedenfalls nicht so leicht. Nicht dauerhaft. Es ist es zu weit oben, zu weit unten, zu weit außen, zu mittig, zu ausgewogen, zu eintönig: im Gebäude oder im Leben. Die anderen nehmen einem den Platz weg. Oder man ihnen. Man ist nicht so frei wie man wäre, wenn die anderen nicht da wären. sie schränken einen ein. Sie beschränken einen in der eigenen Freiheit, im Anspruch auf diesen oder jenen Platz. Wir beschränken mit unserer eigenen Freiheit die des anderen. Wir sind nicht so frei wie wir es sein könnten, wären die anderen nicht da. Wären aber die anderen nicht da, wären wir also so frei wie irgend möglich, könnten wir diese Freiheit nicht spüren. Anhand der anderen, die sie uns einschränken, spüren wir die Freiheit die wir haben könnten, wären diese anderen nicht anwesend.
So gesehen ist der andere eine schizophrene Erscheinung. Indem wir ihn lieben oder hassen, machen wir ihn uns erträglich.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 21:34 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
Kommata, mit aktuellem Lichtbild
Mein Lektor sagte mir: „Sie haben enorm viele Stärken. Die Kommasetzung gehört nicht dazu.“ Das war ziemlich direkt. Ich habe dennoch gelacht. Denn er hat ja Recht. Dabei bin ich in der Kommasetzung einzig so schwach, damit niemand auf die Idee kommt, ich besäße nur Stärken. Ich mag meine Schwächen. Mehr als die Zeichensetzung. Ich kann den Moment kaum erwarten, da ich wieder eine ausgeprägte Schwäche für jemanden empfinde. Ich werde jeden Moment genießen. Bewerbungen bitte mit aktuellem Lichtbild. Der letzte Satz war ein Scherz. Und nicht nur der letzte.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, kurz | Eintrag von Aléa Torik | um 20:37 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
Teilzeitfrivolitäten
Gestern Abend gegen 23.00 Uhr entdeckte ich meine Frivolität. Ich war sehr erfreut, allerdings vom Tag etwas abgekämpft: es war zu spät für frivoles Verhalten. Und jetzt ist es dafür noch zu früh. So sehr ich mich über meine Frivolität freue, ich muss das in Schranken weisen. Frivol bin ich nur zwischen 15.23 Uhr und 15.40 Uhr (hier kann mans nachlesen). Ich bin teilzeitfrivol. Ich bin eine Teilzeitfrivolin. Eine Teilzeitfrivolitin. Ich begehe Teilzeitfrivolitäten. Aber ich bin kein Täter, ich bin eine Täterin. Eine Teilzeitfrivolitäterin. Damit habe ich wohl meine Nische gefunden.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, kurz | Eintrag von Aléa Torik | um 8:53 eingtragen | Kommentare: 12 | Kommentieren
Die Falschmünzer II: „Die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen“
Anders als bei faktualen Texten die eines Erzählers nicht bedürfen, kommt dem Erzähler in fiktionalen Texten eine wesentliche Stellung zu: er ist die zentrale Instanz für die Art und Weise wie das, was in dem Text berichtet wird, den Leser erreicht. Die Stellung des Erzählers, die Erzählperspektive, ist im Laufe der Literaturgeschichte den vielfältigsten Variationen unterlegen, die ich hier nicht ansatzweise referieren kann. Aus Gründen der Darstellung polarisiere ich das Kommende ein wenig. Lange Zeit war der Erzähler eine außerhalb der Wahrnehmung stehende Instanz, die ihren natürlichen Ausdruck im auktorialen Erzählen findet: ein Erzähler, der alles weiß und alles sieht. So einem ist alles gleichgültig, also von gleicher Gültigkeit. Das ist die Ideallinie. Ein realistisches und naturalistisches Erzählen. Der Erzähler erzählt als gäbe es ihn gar nicht. Als wäre er gleichsam ein objektives Auge durch das der Leser schaut. Was davon abweicht, weicht auch von dem Konzept ab, das dieses Erzählen mit sich bringt. Oder vielmehr produziert: Die Weise, in der wir erzählen, ist die Weise, in der wir wahrnehmen. Das Beunruhigende, beispielsweise am Surrealismus, war nicht, dass deren Vertreter anders malten als ihre Vorgänger. Das Beunruhigende war vielmehr, dass deren Wahrnehmung sich änderte. Denn mit ihr änderte sich auch der Gegenstand der Wahrnehmung. Wenn aber der Gegenstand sich im Blick änderte, konnte er nicht sein, wonach er aussah. Jedenfalls nicht dies allein. Der Gegenstand ist er selbst und der Akt seiner Interpretation.
Wer von der Welt erzählt, der erzählt so wie er diese Welt erlebt. Auf ein schlüssiges Erzählkonzept zu verzichten, heißt auf eine schlüssige Welt zu verzichten. So mancher Verzicht ist allerdings kein freiwilliger. Mit den Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts, Einstein und Freud, die Massenvernichtung von Menschen im ersten und die massenweise Vernichtung des Menschlichen an sich im zweiten Weltkrieg: das konnte und durfte nicht ohne Folgen bleiben. Diese Welt wurde nach Adorno und Horkheimer eine entzauberte, wohl auch eine entfesselte, möglicherweise eine entschlüsselte, sicher aber ent-schlüssige Welt. Was vielen als sinnvoll, als harmonisch, natürlich oder gottgegeben erschien, war mit einem Mal unverständlich, unsinnig, entleert. Eine solche Welt ist nicht zu flicken, indem man ganzheitlich friedliche und sinnvolle Erzählweisen propagiert.
Das Erzählkonzept, das Gide hier verfolgt, die Erzählweise zu der er sich, wie an den Tagebüchern nachvollzogen werden kann, über eine lange Entstehungszeit mühsam hinarbeiten musste, ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ja geradezu revolutionär. Der Leser hat es nicht mit einer, sondern mit zwei, einander abwechselnden Erzählinstanzen zu tun: mit dem Erzähler und einer seiner Figuren, dem Schriftsteller Édouard, der ein Tagebuch führt. Der Erzähler beobachtet seine Figuren lediglich, er weiß manchmal, was sie denken, oft weiß er es nicht, und geht nicht immer jene Wege, die sie gehen. Es erscheint vielmehr wie Zufall, dass der Erzähler Raum und Zeit mit ihnen teilt und von ihnen berichten kann. Das sind bisweilen kleine Irritationen, er mischt sich, also seine Stimme, in die Geschichte hinein. Das geschieht oft bei Beiläufigkeiten. Er sagt einmal, er wisse nicht, woher sich zwei Personen kennen. Ein anderer Erzähler würde das weglassen oder es erfinden. Un damit ist bereits eine wesentliche Funktion, oder vielmehr Wirkung, genannt: der Text macht nicht mehr den Eindruck eines erfundenen Textes. Er scheint, indem der Erzähler angeblich keine Macht über ihn hat, der Wirklichkeit verpflichtet.
Was der Erzähler von den Figuren berichtet, ist nicht immer zustimmend, er kritisiert sie, er distanziert sich von ihnen, er äußert sich sogar verärgert über diese Assemblage, die er sich nicht ausgesucht hat: „Sollte ich jemals noch eine Geschichte erfinden, lasse ich nur solche Charaktere hinein, die das Leben nicht abschleift, sondern markant werden lässt. Laura, Douviers, La Pérouse, Azaïs …was kann man mit diesen Leuten schon anfangen? Ich habe sie mir nicht ausgesucht; als ich Bernard und Olivier auf der Spur blieb, sind sie mir begegnet. Es hilft nichts; nun bin ich ihnen verpflichtet.“ Im letzten Kapitel des schmalen mittleren, des zweiten von drei Teilen, verabschiedet sich der Erzähler von seiner Nebenrolle und tritt noch weiter hinter sich zurück als bisher. Er beobachtet jetzt nicht nur seine Figuren, sondern die Geschichte insgesamt: „Nutzen wir die Sommermonate, während deren unsere Akteure in alle Richtungen zerstreut sind, um ihr Verhalten in aller Ruhe zu prüfen. Zumal wir uns dem Scheitelpunkt nähern, der Fortgang der Geschichte sich verlangsamt und sie neuen Schwung zu sammeln scheint, bevor sich die Ereignisse überstürzten.“
Édouard, man könnte ihn durchaus die Hauptfigur nennen, obwohl er es nicht ist, er hat Teil an der Handlung und doch auch nicht, er beobachtet die anderen und will ein Buch darüber schreiben; Édouard ist eine Figur, die selbständig handelt und scheinbar, wie alle anderen Figuren außerhalb der Macht des Erzählers steht. Anders als der Erzähler, steht er mitten im Verlauf. Man könnte davon ausgehen, dass er des Erzählers Vertreter unter den Figuren ist. Denn beide haben etwas gemein. Édouard ist Schriftsteller und er arbeitet an einem Roman der genauso heißt wie der, den der Leser in Händen hält: Die Falschmünzer. Édouard wird wohl an seinem Projekt scheitern. Er und der Autor, André Gide haben sehr ähnliche Gedanken. Dass die Figur, anders als Gide, scheitert, ist nicht verwunderlich. Gide weiß natürlich genau, dass man an Texten scheitern kann, er selbst war mit diesem Projekt oft nahe dran. Dass gerade Édouard scheitert, nicht sein Konkurrent, der Modeschriftsteller Passavant, ist sicher gewollt. Denn Édouard nimmt die Sache ernst, zu ernst womöglich, während Passavant die Sache nimmt wie er alles nimmt, leicht, leichtfertig womöglich. Wir können vermuten, dass Gide seinem Alter Ego eine Art Poetik mitgibt, oder eine negative Spiegelung derselben. Das alleridings ist das Thema des kommenden Beitrags.
Abschließend die Charakterisierung Adornos aus seinem Aufsatz, „Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman“, in dem Vertreter des modernen Romans genannt werden, auch Gide, vor allem aber Proust und Kafka: „Zu den Extremen, an denen mehr über den gegenwärtigen Roman sich lernen lässt als an irgendeinem sogenannten ‚typischen‘ mittleren Sachverhalt rechnet das Verfahren Kafkas, die Distanz vollends einzuziehen. Durch Schocks zerschlägt er dem Leser die kontemplative Geborgenheit vorm Gelesenen. Seine Romane, wenn anders sie unter den Begriff überhaupt noch fallen, sind die vorwegnehmende Antwort auf eine Verfassung der Welt, in der die kontemplative Haltung zum blutigen Hohn ward, weil die permanente Drohung der Katastrophe keinem Menschen mehr das unbeteiligte Zuschauen und nicht einmal dessen ästhetisches Nachbild mehr erlaubt.“
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Gide : Die Falschmünzer, Lessons & Lectures, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 0:07 eingtragen | Kommentare: 7 | Kommentieren
Es gibt Leute, …
Es gibt Leute, die muss man sich warmhalten. Oder kaltstellen.
(Ich möchte nicht alle ansprechen, aber ich möchte alle ansprechen, die dieses Blog lesen. All diemöchte ich ansprechen, aber ich möchte nicht, dass sich in diesem Fall auch nur ein einziger angesprochen fühlt.)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema kurz, Miszellen & Mesalliancen | Eintrag von Aléa Torik | um 8:11 eingtragen | Kommentare: 1 | Kommentieren
Auf der anderen Seite meiner Angst
Ich war noch nie in New York. Vielleicht komme ich auch nicht hin. Das Finanzierungsproblem ließe sich noch umgehen, umgehen aber lässt sich nur schwer, dass New York in Amerika liegt. Amerika liegt aber auf der anderen Seite. Nicht nur auf der anderen Seite der Welt. Sondern auf der anderen Seite meiner Angst. Ich habe ja diese Flugangst. Ich bin notgedrungen Festlandeuropäerin. Da ich mir manchmal Dinge vorstelle, nicht nur Figuren, Handlungen oder Wohnungseinrichtungen, durch die Gegend fliegende Vasen, was man sich so vorstellt. sondern auch, wie man diese Dinge zu Geschichten und Romanen verbindet, ist es ein Leichtes, mir so etwas wie New York vorzustellen. Wer wissen möchte, wie ich mir diese Stadt vorstelle, kann das hier sehen.
Bright Eyes – First Day Of My Life from Saddle Creek on Vimeo.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema kurz, Schall & Rauch | Eintrag von Aléa Torik | um 11:50 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren
Wie man Romane macht: durch Rühren!
Wüsste ich es nicht genau, müsste ich es bezweifeln, aber tatsächlich beschreibt André Gide hier wie man einen Roman schreibt. Ich müsste es bezweifeln, obwohl ich weiß, dass er Recht hat. Genauso macht man‘s. Jede andere Strategie ist Quatsch.
„ … Wüsste man nicht aus früherer Erfahrung, dass das Wunder sich im cremigen Chaos durch eifriges Quirlen und Rühren wiederholen muss, wer wollte nicht aufgeben?“
André Gide, Tagebuch zu „Die Falschmünzer“
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Gide : Die Falschmünzer, kurz, Lessons & Lectures | Eintrag von Aléa Torik | um 13:18 eingtragen | Kommentare: 5 | Kommentieren