30 Dezember 2010
Geld und die Vorstellung, was man alles damit machen kann
Frau Torik hat mal wieder tiefgehende Einsichten. Aus einer Mangelwirtschaft kommend, betreffen sie dieses Mal das Geld. Geld ist nicht mein Thema. Ich interessiere mich auf eine geradezu fahrlässige Weise nicht dafür. Gestern bin ich übers Ohr gehauen worden. Ich habe es bemerkt und es einfach geschehen lassen. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt. Dabei bin ich nicht auf den Mund gefallen. Ich bin auf alle Organe eher gefallen als auf den Mund.
Geld ist das Zentrum des kapitalistischen Systems. Geld und die Vorstellung, was man alles damit machen kann. Im kapitalistischen Wirtschaftssystem kann man sich nicht ausruhen. Man kann nicht sagen, jetzt bin ich vierzig, fünfzig, sechzig und jetzt habe ich genug Geld. Man kann nicht sagen, jetzt habe ich eine Altersvorsoge, ein Haus oder Kinder, die gut verdienen und die mich, wenn ich alt bin, ernähren. Die Altersvorsorge wird von der Inflation gefressen, das Haus ist nichts wert, weil es zu wenige gibt, die es haben, also kaufen wollen und die Kinder wohnen in Amerika und interessieren sich nicht mehr für die ehemaligen Erziehungsberechtigten. Aus welchen Gründen auch immer, einfach nur, weil sie alt geworden sind, was sie früher nicht waren.
Das waren die vorbereitenden Worte. Jetzt kommt meine Einsicht: Die Tragik des kapitalistischen Wirtschaftssystems liegt darin, dass man immer dafür sorgen muss, dass das Geld mehr wird. Damit es nicht weniger wird.
Vielleicht betrifft diese Einsicht gar nicht das System, sondern ist eher individueller Natur. Wahrscheinlich versuche ich lediglich meine eigene Tragik, dass mich das Thema nicht interessiert, zu verdecken. Ich denke an die verlorenen 10 Euro. Und das hat keinerlei Emotion zu Folge. Ebenso gut hätte es sich um einen bedruckten Papierschnipsel handeln können. Es hat sich ja auch um einen solchen gehandelt. Ich habe eben die Vorstellung nicht, was man alles damit machen könnte. Und die ist, nicht nur für das kapitalistische System zentral.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Dezember 30th, 2010 unter Allzupersönliches, mittel, Paralipomena












Kommentar von NWS
Datum/Uhrzeit 30. Dezember 2010 um 15:47
Liebe Aléa,
ich habe überhaupt keine Zeit, mich über Ihre tiefergelegten Einsichten das Geld betreffend zu freuen oder zu ärgern. Ich muß, nachdem mein (Fach-)Buch nun erschienen ist, an meinem Roman weiterschreiben – auf einem Bein kann man nicht stehen. Und wenn ich mit oder durch die Schreiberei Geld verdienen kann, umso besser. Kann man vorher nicht wissen! Leider. Sie kommen aus einer Mangelwirtschaft, sagen Sie? Ja glauben Sie denn, aus dem bundesrepublikanisch-deutschen Wirtschaftssystem ergäbe sich kein Mangel?! Wer hat schon Zeit, zum Beispiel, für die wichtigen Dinge im Leben? Fast niemand mehr, weder die Armen noch die Reichen. Überhaupt sind alle überfordert – auch Sie, liebe Aléa! Bleiben Sie bei Ihren Leisten, schreiben Sie Ihre Romane, von Gelddingen verstehen Sie nichts. Ich übrigens auch nicht, oder nur so viel, daß das Geld natürlich nicht mehr werden soll, denn das Geld ist ja das knappste Gut von allen, und wenn das nicht so bliebe, hätten wir: Mangelwirtschaft. Es kommt allein auf die Verteilung an, wo natürlich einiges im ARGEn liegt. Aber vielleicht haben Sie mit Ihren zehn Euro den Grundstein für ein Geschäftsimperium gelegt, dessen Steuern in Zukunft den Staat dazu in die Lage versetzt, Ihnen einen Künstlerrente zu zahlen! Na gut, unwahrscheinlich, aber man wird ja noch träumen dürfen.
Das dazu. Bleibt mir nur noch, Ihnen einen guten Rutsch zu wünschen! Und Kopf hoch: die zehn Euro holen Sie im nächsten Jahr locker wieder rein.
Herzlich,
Norbert