18 Dezember 2010
Wie es hätte heißen können
Ich danke allen für die Glückwünsche und das rege Interesse, dass sie mit der Suche nach einem Titel für das Buch gezeigt haben. Statt jeden Beitrag einzeln zu kommentieren, statt an einzelnen Schachbrettern zu stehen und mit jedem Gegner im Zweikampf gegenüberzustehen, zettel ich jetzt eine Massenschlägerei an. Auf die Gefahr hin, dass das jemand unweiblich findet. Aber, wie gesagt, da ist ja noch das Netz dazwischen, das so manchen Schlag abfedert.
Es bleibt festzustellen, dass „BERLIN AM MEER“ von den meisten favorisiert wird, nicht nur von Melusine und Iris Nebel. Auch von mir selbst (da füge ich jetzt keinen Link ein). Auch Ulrike, die sich noch entscheiden wollte (und sich jetzt entschieden hat) findet diesen Titel ansprechend. Wie das mit dem Urheberrecht aussieht, weiß ich (noch) nicht genau. Da gibt es die einfache Möglichkeit, mit den Leuten zu reden, die sich den Titel haben schützen lassen. Ich beziehe mich in meinem Roman nicht auf den Film, den ich gar nicht kannte und nicht kenne, ich erwähne die Galerie. Und die gab es schon vor dem Film. Außerdem gibt es von dem Maler Werner Heldt ein Bild das “Berlin am Meer” heißt (1946: Berlin am Meer, Öl auf Leinwand, 42 × 72 cm, Privatsammlung Hannover). Entweder haben die Filmleute eine Urheberrechtsverletzung begangen oder Bilder kann man nicht schützen lassen. Das Buch könnte auch heißen „BERLIN, AN EINEM MEER“. Das Wort Berlin ist definitiv ein Magnet. Und das nicht nur in Berlin und in Deutschland: Der Leser und die Leserin bemerken: ich greife bereits nach den Übersetzungen. Ich greife nach dem Ausland! Wie wäre es mit „BERLIN UND DAS AUSLAND“?
Etwas Intellektuelles wollte Norbert Schlinkert, um den anderen zu zeigen, „wo der Hammer hängt“. Wie wäre es denn dann mit „WO DER HAMMER HÄNGT“?
Die Assoziation zum blinden Klavierspieler aus Joyce Ulysses, von parallalie vorgeschlagen, ist interessant. Ich könnte es „DER BLINDE KLAVIERSPIELER“ nennen. „EIN MEERFERNES BÖHMEN“ gefällt mir ausgesprochen gut, aber leider soll es ja die Nähe zum Meer transportieren und es ist auch nicht in Böhmen situiert. Wenn das Buch nicht Berlin am Meer heißen kann, könnte es vielleicht „EIN MEERFERNES BERLIN“ heißen (mehr Fairness in Berlin?). BÖHMISCHE DÖRFER“ ist auch gut, vielleicht könnte man das ausreizen und „BLINDE UND TAUBE IN BÖHMSICHEN DÖRFER“
„EIN GEWISSES MASS AN BLINDHEIT“ vom Bücherblogger vorgeschlagen, relativiert bereits im Titel. Und Blindheit, wer‘s erlebt hat, weiß es, ist keine relative, sondern eine umfassende, absolute Blindheit, die, wie ich zu beschreiben versuche, die gesamte Existenz ergreift. Wer mein Buch gelesen haben wird, Futur II, wird das erkennen. “IN DER WELT OHNE AUGEN LIEGT BERLIN AM MEER” widerspricht leider der Entwicklung in meinem Roman. Und es ist zu erklärend, zu edukativ.
„AUSLÖSCHUNG“, von Bersarin, wäre auch gut, ist aber schon vergeben! Sehr schön, dass dabei der Artikel weggelassen wurde. Das ist übrigens auch ein gutes Buch. Hier muss ich vehement wiedersprechen, die Kritik an “Feuchtgebiete” kann ich nicht unterstützen, das Buch ist Scheiße, aber der Titel ist grandios, eben weil er kein Donaudelta umschreibt. Bersarin: du musst deine alten, also die jungen Fähigkeiten reanimieren. Das ist jetzt wichtig. Du hast dich doch vor Kurzem noch beklagt, dass die alten Zeiten vorüber sind. Jetzt hast du die Möglichkeit noch mal jung zu sein. Also streng dich an!
„DAS WORT NOCH“ von Dr. Schnocker (ein nahezu neuer Name unter den Kommentatoren), der Titel hat, behauptet er, Wiedererkennungswert. Das kann sein, ist aber ohne jedweden Zusammenhang mit meinem Roman, also nicht einmal ansatzweise. Welches Wort denn? In dem Roman stehen etwa 120 000 Wörter. Das können Sie nicht wissen, aber jetzt wissen Sie es. Wenn Sie also je mein Buch kaufen werden, können Sie der Buchhändlerin erzählen, wie es hätte heißen können.
Syra Stein schrieb mir die ausführlichsten Assoziationen. Da gefällt mir am besten: „DAS DRITTE UFER“. Allerdings habe ich das bereits etwas treffender in einer Kapitelüberschrift die inzwischen lautet „DIE DRITTE HÄLFTE“ (ein Experiment, das letztlich auf NO zurückgeht). Die anderen Titelvorschläge spielen mit der Nähe von Bild und Blind: aber das funktioniert nicht reibungsfrei, weil in den beiden Worten zwei Buchstaben nicht an derselben Stelle stehen. Und eine Klammer in einem Wort, und einem Titel: ich denke, das ist nicht gut, weil man es nicht aussprechen kann.
Genova schlägt vor. „BERLIN AM MEER” IST SCHON ALS FILMTITEL VERGEBEN. NUR SO RECHTETECHNISCH MAL“ Das gefällt mir, klingt aber zu sachlich und ist auch zu lang.
NO kommt etwas überraschend, ganz in der Tradition Arno Schmidts (und seit einigen Jahren auch Reinhard Jirgl): „DA SCHA(H)=MANNÄ GUTE NO CHRICHT!“
Schneck sagt: „SCHWIERIG, SCHWIERIG“. Sie, oder sind wir beim Du?, ich kann mich oft gar nicht erinnern, haben Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass Berlin zwar möglicherweise verkaufsfördernd ist, aber letztlich nicht unbedingt für literarische Seriosität einsteht. Und das ist es, das haben Sie richtig erkannt, worum es mir geht. Ich will gute Texte schreiben ob da nun „A“ oder „B“ als Titel drübersteht, ist nicht weiter von Belang.
Snöflinga (ein ganz neuer Name unter den Kommentatoren!) schlägt vor, das zu nehmen, was ich früher als Untertitel wollte und was ich schon aussortiert hatte. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, gefällt es mir immer besser. „DAS GERÄUSCH DES WERDENS“. Das ist zwar ein (pseudo-) philosophischer Titel, aber der Hinweis auf „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist ganz zu Recht. Die Leute scheint das nicht abzuschrecken. Selbst wenn, man kann nicht everybodys Darling sein, man schreckt immer ab und zieht aber auch immer an. Und der Text, so sagte man mir, käme in weiten Strecken in einem ruhigen und nahezu philosophischen Ton daher.
Walter schlägt vor, Berlin und das Dorf im Titel zu nennen „BERLIN – UND WIEDER ZURÜCK“. Das ist nicht unzutreffend, aber doch auch wieder etwas gewunden. „NICHT BERLIN“ hingegen wird es nicht. Keine Verneinungen und Negativismen!
Thorsten Krämer, per Email, schlägt vor “nach Lektüre des Exposés zu dem Roman und Berücksichtigung aller sonstigen Faktoren” - “BILDLEGENDE”, das ist gut, weil es sich auf die Bilder der Ausstellung bezieht und weil man jedes Kapitel dieses Romans wie ein Bild lesen und betrachten kann, so dass ich so viele Bilder in der Ausstellung hängen wie ich Kapitel im Roman habe. Dahinein spielt dann auch der Begriff der Legendenbildung hinein, was aber in meinem Roman nicht thematisiert wir. Das wäre der bisher ernsthafteste Anwärter auf einen Titel, neben meinen eigenen Kapitelüberschriften.
Abschließend sei gesagt, dass ich mich über das Geschenk von Norbert Schlinkert freue, der mir folgende Worte für einen Titel schenkte: “BALD SCHON ODER IRGENDWANN”. Vielleicht brauche ich das noch mal. Wer weiß, wo mich das Leben hintreibt, in welche extremen Situationen und wann mich der Teufel am Schlafittchen zu fassen bekommt, dem werde ich dann sagen, du kriegst mich, bald schon oder irgendwann, aber nicht jetzt. Jetzt habe ich nämlich keine Zeit. Und so ergeht es mir auch gerade, ich bin, was das Blog angeht, nicht sonderlich fleißig, ich stecke bis über beide Ohren in der Arbeit an diesem Roman. Wie hatte ich je auf die Idee kommen können, der sei fertig? Das wird ein lustiges Weihnachtsfest.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Dezember 18th, 2010 unter Allzupersönliches, Auf dem Fischmarkt, lang












Kommentar von genova
Datum/Uhrzeit 18. Dezember 2010 um 14:14
Ich finde meinen Vorschlag gar nicht schlecht. Jetzt, wo ich ihn sehe.