14 Dezember 2010
Auf der Suche nach einem Titel
Es gibt gute Nachrichten: Ich habe einen Verlag für meinen ersten Roman gefunden! Er, der Verlag, lag nicht auf der Straße. So habe ich ihn nicht gefunden. Ich habe auch nicht den ganzen Verlag gefunden, sondern nur einen Vertrag mit ihm. Und auch der lag nicht auf der Straße. Ich habe ihn nicht gefunden, wie man vielleicht einen Tausend-Euro-Schein findet. Ich habe den Verlag gefunden, obwohl ich gar nicht gesucht habe. Ich hatte die Suche auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Ein anderer hat für mich gesucht. Es hat sich jemand für mich eingesetzt und der war erfolgreicher als ich mit meinen Bemühungen. Meinem Mentor danke ich sehr!
Es ist ein kleiner Verlag. Vielmehr ist es nicht ein, sondern mein Verlag. Die Besitzverhältnisse haben sich dort geändert. Ich bin nun Autorin des Osburg Verlages. Im kommenden Herbst erscheint mein Debüt. Ich freue mich darüber. Die Gespräche mit dem Verleger und dem Lektor waren sehr interessant und vielversprechend. Nach eingehender Lektüre bin ich allerdings zu der Erkenntnis gekommen, dass der Text nicht auf der Höhe meiner Fertigkeiten ist. Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt. Da kommt also noch Arbeit auf mich zu. Ich werde, daran kann kein Zweifel bestehen, einen exzellenten Roman abliefern.
Ich brauche einen Titel für den Text. Ohne Titel wäre originell, ist dann aber schwer beim Buchhändler zu bekommen. Ich kenne nur wenige Bücher mit schönem Titel. Dazu gehörten „Feuchtgebiete“, „Morgen in der Schlacht, denk an mich“, „Du bist mein Moskau und mein Rom und mein kleiner David“, „Vom Küssen, Kitzeln und Gelangweilt sein“ und „Lolita“ und natürlich “À la recherche du temps perdu”.
Zu Beginn hatte mein Text einen beschreibenden Titel: „Der blinde Fotograf“. Ein Blinder kompensiert den Verlust seines Sehens mit einer Kamera und dem Fotografieren. Das ist zwar das Hauptthema, aber dennoch sind es nur sechs von 30 Kapiteln, die direkt aus der Perspektive des Blinden geschrieben sind. Dann hatte ich mich für „Berlin am Meer“ entschieden. Das hat seinen Reiz, weil Berlin nicht am Meer liegt und es ist ein schöner Kommentar zu dem zweiten Thema: seinen Platz im Leben finden. Damit tun sich Blinde oft schwerer als andere; aber es ist kein Privileg von Blinden, sich schwerer zu tun als andere. Es sieht jedoch aus, als sei der Titel urheberrechtlich geschützt. Allerdings ist das auch der Name einer Galerie in der Kollwitzstraße. Dort findet die Ausstellung der Fotografien statt, die der Blinde in den Roman macht. Urheberrecht hin oder her, ich zitiere mit meinem Titel nicht den Film, sondern die Galerie und mit dem Galeristen werde ich schon einig. Da zieht die Frau Torik ein hübsch dekolletiertes Kleid an und macht einen Besuch. Wenn ich eine Lesung machen werde und mir den Ort aussuchen kann, dann möchte ich in dieser Galerie lesen. Allerdings ist auch dieser Titel nicht treffend, der Roman spielt in Berlin, aber zum Ende hin gehen doch zentrale Personen wieder in das Dorf aus dem sie kommen. Sie finden ihren Ort, indem sie einen anderen verlassen.
„Berlin am Meer“ ist die Überschrift des ersten Kapitels. Ich habe noch weitere Kapitelüberschriften. Da bieten sich vor allem die Kapitel des Blinden an, die alle dieselbe Überschrift tragen „Das Geräusch des Werdens“. Das klingt sehr philosophisch und schreckt vielleicht ab. Außerdem ist es eine Genetivkonstruktion und schließt damit fünfzig Prozent der Bevölkerung vom Verständnis aus. Andere Kapitelüberschriften lauten „Ein mediterranes Fluidum und in der Ferne das Meer“ (mein derzeitiger Favorit) oder „Das Paradies im Zentrum von Apoptygma III“? Beide Titel lassen jedoch keinen Aufschluss über den Inhalt des Buches zu, letzterer klingt nach einem Science-Fiktion-Roman. Wie wär’s mit „Die mesio-bukale des vorderen Höckers des ersten oberen Molars“: das erinnert an Peter Weiss, „Der Schatten des Körpers des Kutschers“. Wer soll das kaufen? Man muss den Titel ja, wenn er nicht gerade auf dem Büchertisch liegt, und da liegen meist die Bücher der großen Verlage; man muss den Titel, wenn man ihn bestellt, nennen, also aussprechen. Wie wäre es mit „Das Verhältnis von Innen und Außen umgekehrt“. Oder etwas kurzes „Diarrhöe und Delirium“ oder „Der Salon Sucre“? In beiden Titeln finden sich allerdings Worte, von denen einige Käufer nicht sicher wissen, wie man sie ausspricht. Auch das könnte eine Hemmung sein, das Buch zu erwerben. Oder sollte man gar nicht nach Käufern schielen? Schielen vielleicht auch die Käufer und deswegen gilt: je schräger desto besser?
Oder etwas ganz anderes? Haben Sie Ideen? Was könnte Ihnen gefallen? Können Sie Gründe dafür nennen? Ich werde mich über Voten und Vorschläge freuen. Wer immer hier so mitliest, ohne sich je zu Wort zu melden, der hat jetzt eine gute Gelegenheit, etwas zu sagen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Dezember 14th, 2010 unter Allzupersönliches, Auf dem Fischmarkt, lang












Kommentar von MelusineB
Datum/Uhrzeit 14. Dezember 2010 um 13:07
Herzlichen Glückwunsch! Mir gefällt “Berlin am Meer” am besten.