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  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 06 Dezember 2010

    Die Falschmünzer I: Das lineare und homogene meistern von Krisen

    André Gide war einer der maßgeblichen Intellektuellen Frankreichs zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, Herausgeber der „La Nouvelle Revue Française“ . Er hat Dostojewski in Frankreich bekanntgemacht und Rilke, er war Schüler von Mallarmé und Freund Paul Valerys. Gegen Ende seines Lebens ist er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Camus nannte in „le contemporain capital“. Der Titel des Romans „Die Falschmünzer“, im Original „Les Faux Monnayeurs“, bezieht sich auf den ersten Blick auf eine Bande adoleszenter Jungen, die Falschgeld herstellen und in Umlauf bringen. Tatsächlich handelt sich um das zentrale Motiv des Textes. Im Zusammenhang von echt und falsch, wahr und unwahr stellt der Text die Frage nach der Bedeutung der Literatur. Fiktionale Literatur ist erfunden und hat dennoch einen Wahrheitsanspruch. Etwas pointierter ausgedrückt: Hätte Literatur diesen Wahrheitsanspruch nicht, wäre sie nicht fiktional.

    Eine der Hauptfiguren, der Schriftsteller Édouard, schreibt an einem Roman der denselben Titel trägt wie das Buch in dem er erwähnt wird. Édouard, darf man vermuten, wird daran scheitern. Er kommt nicht über die Skizzierung seines Projekts hinaus. Diese Skizzen trägt er in sein Tagebuch ein. Das hat auch Gide getan. Die Auszüge daraus sind dem Text angehängt. Damit wird dem Leser vor Augen geführt, was es bedeutet, einen Roman zu schreiben. Diese Notizen sind aufschlussreich, heute, wo der Begriff  “Roman” keine Gattungsbezeichnung mehr ist, sondern ein Verkaufslabel. Édouard scheitert und ob Gide das ebenfalls tut oder vielleicht sogar aufgrund des Scheiterns seiner Figur erfolgreicher ist, kann erst mit der Lektüre entschieden werden. Obwohl Scheitern im Zusammenhang mit Kunst kein schöner, da unscharfer Begriff ist. Wie viele große Romane sind gescheitert!

    „Die Falschmünzer“ ist in einer Zeit entstanden, in der allgemein großes Interesse an den formalen Bedingungen der Gattung Roman herrschte, erkennbar an Rilke, Mann, Broch, Joyce, Kafka, Jahnn. Allerdings, trotz Proust, kaum in Frankreich. Dort ist die existentielle Krise dieser Gattung, wenn ich die Situation richtig einschätze, erst sehr viel später vom Medium selbst wahrgenommen worden; dann allerdings weit radikaler als bis dahin, mit dem nouveau roman. Den Falschmünzern ist bei seinem Erscheinen keine Begeisterung entgegen geschlagen. Die damaligen Rezeptionsgewohnheiten waren an den Realismus gewöhnt und der kannte nur die chronologische Erzählweise. Diese vermittelt dem Leser eine homogene Konstruktion des Subjektes, das zwar seine Krisen hat, diese aber – linear und homogen – meistert und nach der Katharsis erstarkt aus dem Konflikt hervorgeht. Eine solche Erzählweise, eine solche Konstruktion des Subjektes ist mit Gide nicht mehr zu erreichen.

    Der Text ist in drei Teile unterteilt, der erste und der letzte sind in Paris situiert, der mittlere in der Schweiz, in Saas – Fee. Die einzelnen Kapitel sind kurz, es gibt kaum durchgehende Erzählfäden. Gide setzt vielmehr mit jedem Kapitel neu an. Er entdeckt dem Leser immer andere Verhältnisse und Abhängigkeiten zwischen seinen Figuren. Wir haben keine Hauptfigur, wir haben eine Handvoll Erzählzentren, die nach und nach sehr geschickt miteinander in Verbindung gebracht und ausgebaut werden. Da sind die beiden Abiturienten Olivier und Bernard, die ihre Sexualität entdecken, die Freundschaft zueinander und die Eifersucht, und die beide schreiben wollen. Da ist Édouard, ein mehr oder weniger bekannter Schriftsteller, der seit einiger Zeit Notizen für einen neuen Roman verfasst und der ausführlich Tagebuch schreibt. Als seine Antithese lesen wir Robert Passavant, der ein Modeschriftsteller ist, mehr ein Dandy als ein Literat, er besitzt etwas Dämonisches, er ist womöglich von Kierkegaard „Tagebuch des Verführers“ inspiriert; und er hat, in der Literatur wie auch im Leben, Erfolg. Wenn man im Leben Erfolg haben kann. Man kann vielleicht Karriere machen, man kann seine Haut möglichst teuer verkaufen. Man kann die Liebe seines Lebens treffen, oder ihrer viele. Aber Erfolg? Passavant und Édouard sind in Olivier verliebt, aber Passavant gewinnt dieses Duell und Édouard muss mit Bernard vorliebnehmen, mit dem er jedoch nicht gut auskommt. Passavant ist mit Lady Griffith befreundet, die spaßeshalber mit Vincent, dem älteren Bruder Oliviers zusammen ist und die als junge Frau ein Schiffsunglück überlebte, es auf ein überfülltes Rettungsboot schaffte und dort allen, die noch hineinwollten, die Hände abhackte. Das ist ihre Lebenseinstellung geblieben, Madame ist also ein einigermaßen durchtriebenes Früchtchen.

    Dann sind da ein Dutzend jüngerer Gestalten, auch der kleine Bruder Oliviers, Georges. Das sind noch halbe Kinder, die dennoch in ein Bordell gehen, sich ausnutzen lassen, um Falschgeld in Umlauf zu bringen. Da ist Laura, die einmal in Édouard verliebt war, nun aber verheiratet ist, und die von Oliviers älterem Bruder Vincent geschwängert wird. Da ist La Perouse, der ehemalige Klavierlehrer Édouards, der einen Enkel hat, den er nicht kennt. Édouard verspricht ihm, den kleinen Boris nach Paris zu bringen. Das ist der Grund für die Reise nach Saas-Fee. Dort, in den Schweizer Bergen, ist der Junge in Behandlung bei Sophroniska, die den kranken Jungen nach einer neuartigen Behandlungsmethode kurieren will, der Psychoanalyse.

    Der Stoff wird dem Leser aus zwei Positionen nahegebracht, durch den Erzähler und durch Édouards Tagebuch. Der Erzähler ist kein Vertreter der klassisch allwissenden Art, sondern einer, der an den Taten und Charakteren seiner Figuren bisweilen zweifelt, der eine ironische Distanz zu ihnen pflegt und manchmal ganz froh ist, wenn er sie verlassen kann. Er scheint in keiner Weise Herr, also Erfinder des Geschehens zu sein, sondern nur ein mehr oder minder beteiligter Beobachter. Dieselbe, nicht vollkommen eindeutige Position, hat auch die zweite Erzählinstanz. Zwar ist Édouards Tagebuch eine sehr viel subjektivere Instanz als üblicherweise die des Erzählers, allerdings wird ihm, Édouard, das Tagebuch gleich zu Beginn von Bernard entwendet, der schmökert in aller Ruhe darin herum und weiß Dinge von Édouard, die er nicht wissen könnte: er partizipiert an dessen Erzählposition. Édouard seinerseits ist keine souveräne Gestalt. Er liefert Laura, wohlwissend um die Mesalliance, wenn er sie mit Douvier verheiratet, gleichsam ans Messer. Er kann gewinnt niemandes Interesse an seinem neuen Roman, er glänzt nicht im Vergleich mit Passavant und er kann am Ende nicht verhindern, dass Boris sich von den anderen Jungs in den Tod getrieben wird. Wir haben es also mit zwei, sagen wir einmal, weil die Literaturwissenschaft diesen Begriff gerne nutzt, unzuverlässigen Erzählern zu tun.

    Wir werden sehen, was die uns zu bieten haben. Eines aber haben sie nicht zu bieten: Erotik. Der Roman hatte auch deswegen bei seinem Erscheinen Schwierigkeiten, weil er eine bis dahin unbekannte erotische Freizügigkeit vor Augen führte. Davon allerdings ist nicht viel geblieben, der Text wirkt heute geradezu prüde. Gide war homosexuell und nicht wenige seiner Figuren sind es auch oder neigen dazu, zumindest aber neigen sie sich nicht gleich weg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 7. Dezember 2010 um 00:40

    Am besten gefallen mir immer Ihre kleinen spitzen Geistesblitze. Diesen frühen Roman über einen Roman kenne ich noch nicht, würde aber gern mal ein Buch gleichzeitig mit Ihnen lesen. Im Brockhaus Literaturlexikon fand ich ein schönes Zitat aus den “Falschmünzern” über die Identität. Das wäre doch fast ein Motto für “Aléas Ich”:

    “Ich bin immer nur das, was ich zu sein glaube – und das ändert sich ständig, sodass die Person, die ich am Morgen bin, häufig die vom Abend nicht wiedererkennen würde, wäre ich nicht da, um sie miteinander bekannt zu machen. Nichts kann verschiedener von mir sein als ich selbst.”

    (Die Daumen halte ich immer noch gedrückt.)

    Kommentar von bersarin
    Datum/Uhrzeit 7. Dezember 2010 um 23:51

    Angenehm ist es, daß einmal wieder Gide erwähnt wird. Formal ist der Roman “Die Falschmünzer” im Hinblick auf die Erzählsituation und die Perspektivität ein für die klassische Moderne maßgebliches Werk. Die Lektüre liegt bei mir freilich 25 Jahre zurück.

    Das Interesse an formalen Bedingungen im Roman des frühen 20. Jhds: da sollte man freilich Paul Valéry nennen, der eine rühmliche Ausnahme bildete. Wobei mir jedoch, als frankophilem Wesen, die Literaturkritik dieser Zeit ansonsten nicht geläufig ist.

    Gide wies zunächst, als Lektor bei Gallimard, Prousts monumentales Werk zurück, erkannte die Tragweite dieses grandiosen Romans nicht im geringsten, bereute dies später jedoch tief.

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 8. Dezember 2010 um 02:34

    “Die Ablehnung dieses Buches wird der schwerste Fehler sein, den die NRF je begangen hat, und (da ich zu meiner Schande weitgehend dafür verantwortlich bin) eines der größten Kümmernisse, nein, Gewissensbisse meines ganzen Lebens.”
    (Gide an Proust am 11. Jan. 1914)

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 9. Dezember 2010 um 00:24

    Lieber Dietmar,

    jetzt komme ich auch dazu hier Kommentare zu beantworten.

    „Nichts kann verschiedener von mir sein als ich selbst.” Das ist tatsächlich eine schöne Formulierung, erinnert an Rimbaud und Lacan: „Ich ist ein anderer.“
    Aber! Aber ich habe bereits ein Motto, zwei Motti, drei wären zu viel. Die ich habe, sind nicht schlecht, sie sind, für meinen Zwecke ideal. Ich empfinde diesen Text, „Aleas Ich“ sowieso als ungeheures Glück.

    „So gut wie nie zeichnet ein Autor, der sich in einem Roman selbst portraitiert, ein ihm ähnelndes, naturgetreues Bild … Der eigentliche Romanautor erweckt aus der Fülle dessen, was in ihm schlummert, mögliche Figuren zu neuem Leben; die Figuren des schlechten Autors dagegen bleiben dessen eigenem Leben verhaftet. Der Genius des Romans lässt das Mögliche lebendig werden, nicht das Wirkliche noch einmal aufleben.“ Albert Thibaudet

    und

    „Die Erfahrung lehrt, dass es für die meisten Menschen eine Grenze gibt, über die hinaus ihre Konstitution der Kulturanforderung nicht folgen kann. Alle, die edler sein wollen, als ihre Konstitution es Ihnen gestattet, verfallen der Neurose; sie hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich geblieben wäre, schlechter zu sein.“ Sigmund Freud

    Was die gemeinsame Lektüre angeht, können Sie ja gerne in meine eigene einsteigen (Gide, Niebelschütz, Forte und dann, das hatte ich noch nicht gesagt: Wolfgang Hildesheimer „Tynset“) oder Sie machen einen Vorschlag zu einem anderen Buch.

    Was Sie für einen Geistesblitz gehalten haben mögen, was wohl eher ein Kurzschluss im System.

    Zum Abendessen: Spagetti mit Pesto und ein Glas Rotwein.

    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 9. Dezember 2010 um 00:24

    Lieber Bersarin,

    fünfundzwanzig Jahre? Mein Gott, was für ein nachlässiger Umgang mit Lebenszeit. Das gibt einen Tadel! Der allerdings durch deinen Fleiß in den letzen Wochen auf deiner eigenen Seite gemildert, aber nicht gänzlich ungeschehen gemacht werden kann.

    Mal sehen, was die genauere Lektüre so ans Licht bringt an Animositäten und amourösen Abenteuern. Ich bin gespannt. Leider kann ich, was Valery angeht, nicht dienen, Ich habe „Die junge Parze“ gelesen, ein wenig aus seinen Schriften zur Literatur, da allerdings zu wenig, er steckt tief in der französischen Literatur, wenn ich mich recht erinnere; etwas aus den „Cahiers“: gerade dort finde ich ihn interessant, aber auch verwerflich: was er mir da präsentiert, was ich gelesen habe, diese Formalisierung, Systematisierung und Mathematisierung von Sprache, das hat mir nicht gefallen. Das hat mein Missfallen erregt.

    Zu der Ablehnung der Recherche bei Gallimard durch Gide, hat der Bücherblogger ja das entscheidende Zitat gebracht.

    Herzlich

    (Die Spagetti sind weg, es bleibt nur der Rotwein)

    Aléa