30 November 2010
„Die ganze Zeit“: Wenn ein Text ein Tresor ist
Ich ringe. Ich ringe um Verständnis und um Fassung. Aber es tut mir auch gut. Das ist ganz anders als die Prosatexte, anders als die wissenschaftliche Literatur, die ich lese; anders als die Lyrik, die ich kenne. Ich muss mich zusammenreißen.
Auf welch reduzierter Ebene auch immer, etwas Narratives muss mir eine Geschichte erzählen. Bei vollständiger Enthaltung progressiver oder regressiver, allgemein erzählerischer Elemente, bei einer reinen Gleichgewichtsübung, ziehe ich mein Interesse ab. Wenn ein Text ein Tresor ist, dann muss mich, was sich in ihm befindet, interessieren. Wenn mich das nicht interessiert, dann mache ich den Tresor auch nicht auf. Weder mit einem Schlüssel, noch mit einer Zahlenkombination, noch mit einem Kilogramm Plastiksprengstoff, was immer die Herren Tresorknacker heute benutzen. Ich bin über die neusten Methoden nicht informiert.
Zwar bin ich auch an dem Vorgang des Öffnens interessiert, aber das ist erst mal Nebensache. Ich muss das haben wollen, was er vor mir verbirgt. Es muss eine Währung sein, die mich interessiert. An lyrische Tresore bin ich nicht gewöhnt. Ich brauche noch etwas Zeit, um damit fertig zu werden. Ich habe noch nicht einmal ein richtiges Loch hineinbohren können. Allerdings habe ich schon einmal dagegen getreten. Vorsichtshalber sozusagen. Dabei habe ich mir beinahe den Fuß gebrochen. An dieser Stelle. Oder vielleicht war es auch an einer anderen.
„Ich meine, auf dem Grund eines Sees zu stehen,
verwachsen als Korallenstock, mit Saugaugen und
Fühlern. Dass ich überhaupt noch atmen kann, da
erst hoch über den Bäumen Nadelbeine, die durch
glitsch‘ gen Mandelschlitz vergliedert sich sind, in
Starrform verdoppelten: die Spezies dick’ter Bohn-
en, die in Schoten an Sternrändern wachsen, daß
Monde vermorscht strotzten, und strähnen am
Boden geschrotet, gedrupft, gehäutet, (doch heute
nicht) zerzaust; als tollpatschiger Schrammelbaß.
Wassserrosen, die, wie Flusen aus der Flut gefischt,
den Kelch knospenlos versproßten zum undunk-
len Spiegel, so pflückt sich die häutige Versonnenheit
im Tau mal Tausend mit – dem Blick, der schwankt.“
Das ist hart an der Grenze zwischen Poesie und Prosa. Mir fehlt derzeit die Möglichkeit, es einzuodnen. Ich habe kein Maß, woran ich das halten kann, um das zu sagen: gut oder schlecht. Damit wären wir bei meiner Behauptung aus dem letzten Text.
„Aus dem
trüben Dunst
vom gilben
Laub verblaut.“
Es ist gut, wenn man seine Sachen sichert. Sicherstellt. Auch in Bezug auf Gedankendiebstahl. Was ein Dieb in seinem Wert nicht erkennt, wird er nicht entwenden. Es ist allerdings für andere schwer, an die Schätze heranzukommen. Und, das darf man nicht vergessen, das entwenden ist Bedingung dafür, dass der, dem der Schatz ursprünglich gehörte, ihn wieder zurückbekommt. Man veröffentlicht ja nicht, was man für sich behalten will. Man will ja, dass es einer entwendet.
Ich tue mich schwer mit diesem recht hermetischen Buch. Ich muss mich darauf einlassen. Das fällt mir offenbar schwerer als angenommen. Aber ich wäre keine Torik, wenn ich das nicht könnte. Ich kann ein Schwein an der Nase herumführen, da werde ich ja wohl mit so einem Text fertig. Ich brauche noch Zeit. Nicht die ganze Zeit. Aber einen Teil. In der physikalischen Auffassung sind Raum und Zeit sehr unterschiedlich. Während der Raum aus kleinsten Teilen besteht, vielmehr ist der Inhalt der Raumes, die Masse, ist dieses Phänomen bei der Zeit nicht ersichtlich. Auch der kleinste vorstellbare Teil Zeit ist noch unendlich teilbar. Auch der kleinste Teil bietet noch unendlich viele weitere Teil-Zeiten, die, da sie unendlich teilbar sind, auch unendlich groß sind. Wenn ich also noch ein klein wenig Zeit brauche, dann kann sich das anfühlen, als bräuchte ich die ganze Zeit.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 30th, 2010 unter - Egger, Oswald : Die ganze Zeit, lang, Lyrik












Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 2. Dezember 2010 um 01:05
wenn ein text ein tresor ist, und der inhalt verlockend herausschnuppert, wenn ein bild ein raetsel mit sieben siegeln ist und dennoch bereits durch die siegel spricht… dann lecke ich blut.
das ist das beste, was dir passieren kann. du wirst mit hineingezogen hinter die verriegelung und kannst dich daran reiben… die energie, die dabei frei wird, ist ungeheuerlich. das beste ueberhaupt, nach oder auf gleicher hoehe mit anderen sinnlichen genuessen.
erst, wenn eine nuss so hart ist, dass man beinahe aufgeben moechte, wird sie zum bleibenden erlebnis. (ueben sie… schliesslich ist bald weihnachten… hihi) angenehme traeume, liebe Alea und
liebe gruesse