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  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
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  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
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  • 30 November 2010

    „Die ganze Zeit“: Wenn ein Text ein Tresor ist

    Ich ringe. Ich ringe um Verständnis und um Fassung. Aber es tut mir auch gut. Das ist ganz anders als die Prosatexte, anders als die wissenschaftliche Literatur, die ich lese; anders als die Lyrik, die ich kenne. Ich muss mich zusammenreißen.

    Auf welch reduzierter Ebene auch immer, etwas Narratives muss mir eine Geschichte erzählen. Bei vollständiger Enthaltung progressiver oder regressiver, allgemein erzählerischer Elemente, bei einer reinen Gleichgewichtsübung, ziehe ich mein Interesse ab. Wenn ein Text ein Tresor ist, dann muss mich, was sich in ihm befindet, interessieren. Wenn mich das nicht interessiert, dann mache ich den Tresor auch nicht auf. Weder mit einem Schlüssel, noch mit einer Zahlenkombination, noch mit einem Kilogramm Plastiksprengstoff, was immer die Herren Tresorknacker heute benutzen. Ich bin über die neusten Methoden nicht informiert.

    Zwar bin ich auch an dem Vorgang des Öffnens interessiert, aber das ist erst mal Nebensache. Ich muss das haben wollen, was er vor mir verbirgt. Es muss eine Währung sein, die mich interessiert. An lyrische Tresore bin ich nicht gewöhnt. Ich brauche noch etwas Zeit, um damit fertig zu werden. Ich habe noch nicht einmal ein richtiges Loch hineinbohren können. Allerdings habe ich schon einmal dagegen getreten. Vorsichtshalber sozusagen. Dabei habe ich mir beinahe den Fuß gebrochen. An dieser Stelle. Oder vielleicht war es auch an einer anderen.

    „Ich meine, auf dem Grund eines Sees zu stehen,
    verwachsen als Korallenstock, mit Saugaugen und
    Fühlern. Dass ich überhaupt noch atmen kann, da
    erst hoch über den Bäumen Nadelbeine, die durch
    glitsch‘ gen Mandelschlitz vergliedert sich sind, in
    Starrform verdoppelten: die Spezies dick’ter Bohn-
    en, die in Schoten an Sternrändern wachsen, daß
    Monde vermorscht strotzten, und strähnen am
    Boden geschrotet, gedrupft, gehäutet, (doch heute
    nicht) zerzaust; als tollpatschiger Schrammelbaß.
    Wassserrosen, die, wie Flusen aus der Flut gefischt,
    den Kelch knospenlos versproßten zum undunk-
    len Spiegel, so pflückt sich die häutige Versonnenheit
    im Tau mal Tausend mit – dem Blick, der schwankt.“

    Das ist hart an der Grenze zwischen Poesie und Prosa. Mir fehlt derzeit die Möglichkeit, es einzuodnen. Ich habe kein Maß, woran ich das halten kann, um das zu sagen: gut oder schlecht. Damit wären wir bei meiner Behauptung aus dem letzten Text.

    „Aus dem
    trüben Dunst
    vom gilben
    Laub verblaut.“

    Es ist gut, wenn man seine Sachen sichert. Sicherstellt. Auch in Bezug auf Gedankendiebstahl. Was ein Dieb in seinem Wert nicht erkennt, wird er nicht entwenden. Es ist allerdings für andere schwer, an die Schätze heranzukommen. Und, das darf man nicht vergessen, das entwenden ist Bedingung dafür, dass der, dem der Schatz ursprünglich gehörte, ihn wieder zurückbekommt. Man veröffentlicht ja nicht, was man für sich behalten will. Man will ja, dass es einer entwendet.

    Ich tue mich schwer mit diesem recht hermetischen Buch. Ich muss mich darauf einlassen. Das fällt mir offenbar schwerer als angenommen. Aber ich wäre keine Torik, wenn ich das nicht könnte. Ich kann ein Schwein an der Nase herumführen, da werde ich ja wohl mit so einem Text fertig. Ich brauche noch Zeit. Nicht die ganze Zeit. Aber einen Teil. In der physikalischen Auffassung sind Raum und Zeit sehr unterschiedlich. Während der Raum aus kleinsten Teilen besteht, vielmehr ist der Inhalt der Raumes, die Masse, ist dieses Phänomen bei der Zeit nicht ersichtlich. Auch der kleinste vorstellbare Teil Zeit ist noch unendlich teilbar. Auch der kleinste Teil bietet noch unendlich viele weitere Teil-Zeiten, die, da sie unendlich teilbar sind, auch unendlich groß sind. Wenn ich also noch ein klein wenig Zeit brauche, dann kann sich das anfühlen, als bräuchte ich die ganze Zeit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 2. Dezember 2010 um 01:05

    wenn ein text ein tresor ist, und der inhalt verlockend herausschnuppert, wenn ein bild ein raetsel mit sieben siegeln ist und dennoch bereits durch die siegel spricht… dann lecke ich blut. ;)
    das ist das beste, was dir passieren kann. du wirst mit hineingezogen hinter die verriegelung und kannst dich daran reiben… die energie, die dabei frei wird, ist ungeheuerlich. das beste ueberhaupt, nach oder auf gleicher hoehe mit anderen sinnlichen genuessen.
    erst, wenn eine nuss so hart ist, dass man beinahe aufgeben moechte, wird sie zum bleibenden erlebnis. (ueben sie… schliesslich ist bald weihnachten… hihi) angenehme traeume, liebe Alea und
    liebe gruesse

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 2. Dezember 2010 um 15:09

    Zwischen Zeit und Raum sehe ich keinen Unterschied bei der Teilbarkeit. Ob Quarks oder Nanosekunde, Universum oder Ewigkeit, alles nur mathemathisch teilbar. Mich interessiert an Zeit eigentlich nur die kleinste menschliche Einheit, der Augenblick. Am besten der, in dem man sich erinnert oder der, in dem man Zeit nicht mehr wahrnimmt.
    Ich kann das mit der Hermetik und dem Tresor bei dieser Prosa-Lyrik gut verstehen. Geht mir genauso, nach ein paar Textbeispielen.

    Nun bin ich einmal unvorsichtig, maße mir ein Urteil über die obige Textpassage an.
    Zunächst einmal stelle ich einen Sprachstil fest, der mit mundartigen Ausdrücken versetzt ist, dann scheine ich am spontanen Gedankenfluss eines lyrischen Ichs teilzunehmen, das assoziiert. Ich würde fast sagen drauflos assoziiert, um dann nachträglich die Gedanken sprachlich in eine fast mathemathische Form zu giessen. Mit diesem Guss habe ich erhebliche Probleme. Zum Beispiel sind mir die alliterativen Elemente (strotzten – strähnen, Flusen – Flut, Tau – Tausend) zu aufgesetzt. Mathematik und opulente Romantik, die sich aus Naturbildern speist, ob das eine kongeniale Mischung für Sprachexperimente ist? Ich sage mal als “hochliteraturwissenschaften” Eindruck: Wer´s mag. Die sprachliche Opulenz im Ausdruck finde ich übrigens auch gerade bei Cartarescus “Travestie”. Auch da ist sie nur in Happen geniessbar, dient aber der Charakterisierung einer geschlechtlichen Selbstfindung des Protagonisten, hat also einen narrativen Grund. Die lyrische Prosa Eggers scheint mir auf den ersten Blick zumindest dagegen reines mathematisches Kopfselbsttheater, das ich 800 Seiten lang nicht ertragen könnte, höchstens im Nachschlagemodus.
    Herzlichen Gruß und ich bin heute wohl mal wieder kritisch gelaunt, was soll´s.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 2. Dezember 2010 um 23:41

    Liebe Iris, lieber Dietmar,

    zwei Meinungen wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ich finde Ihre beiden Statements sehr eingängig und nachzuvollziehen. Ich tendiere dazu, Ihnen beiden Recht zu geben.
    Ich muss aber noch mehr Zeit investieren, bevor ich da zu einer Meinung komme. Ich bin derzeit hin. und hergerissen, kann aber tatsächlich, das ging mir auch Studium mir Mallarme so, das nicht durchlesen, wie ich einen Roman durchlesen oder die akademische Prosa von uns Literaturwissenschaftlern. Das kann man nur in kleinen Schlucken einnehmen. Ich werde Sie definitiv auf dem Laufenden halten.

    Sprachliche Opulenz: das ist der Autor in jedem Fall, was seine Texte bisweilen auch schwer lesbar macht, das ist nicht wie heißt der Mann?, Phillip Roth, mit dem habe ich meine Schwierigkeiten.

    Mit Dank für Ihr Interesse
    Aléa