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  • 09 November 2010

    Licht im August IV: Ein Verhältnis von Worten und Taten

    Faulkner kann große Charaktere zeichnen. Er kann es vor allem, wenn den Figuren keine ausgeprägte Reflexivität zu eigen ist. „Absalom, Absalom!“, das Werk das im Anschluss an „Licht im August“ entstand, hat mich mehr beeindruckt als das vorliegende. Sei es, weil ich vor einigen Jahren noch leichter zu beeindrucken war, sei es, weil das spätere Werk das Beeindruckende noch deutlicher heraus- und hervorkehrt.

    Frauen und Männer, Geschlechterverhältnisse, ist das Thema dieses Beitrags. Ich suche mir die beiden hierfür wohl interessantesten Gestalten aus, Joanna Burden und Joe Christmas. Die beiden haben ein Verhältnis miteinander. Christmas, der mit seinem Rasiermesser in der Tasche herumläuft, deutet bereits seit dem fünften Kapitel an, dass etwas passieren wird. Dann brennt das Haus der Joanna Burden, sie liegt in dem brennenden Haus mit abgetrenntem Kopf. Die Indizien weisen auf Christmas hin. Aber wir wissen es nicht. Wissen ist in diesem Roman, vielleicht bei Faulkner insgesamt, keine wesentliche Größe. Ich hatte in meinem letzten Beitrag bereits auf die verschiedenen Dimensionen des Wissens hingewiesen.

    Im elften und zwölften Kapitel wird das Verhältnis zwischen den beiden beschrieben. Die Frau ist deutlich älter als Christmas, der dreiunddreißig ist. Es werden verschiedene Zahlen genannt, sie sieht aus wie dreißig oder fünfunddreißig, sie sagt, dass sie vierzig sei, Christmas deutete das aus einem nicht verständlichen Grund als „entweder einundvierzig oder neunundvierzig“: das ist nahezu die Spannbreite zweier Jahrzehnte. Sie ist wohl tatsächlich in der Nähe ihres Klimakteriums, diesseits oder jenseits dieser Grenze. Sie behauptet einmal, schwanger zu sein. Das Verhältnis der beiden erstreckt sich über mindestens drei Jahre und durchläuft mehrere Phasen.

    Die beiden, würde ich sagen, haben ein erotisches und ein verbales Verhältnis miteinander. Aber kein Liebesverhältnis. Ein Liebesverhältnis möchte ich als eines definiert, in dem die beiden anderen, das erotische und das verbale Verhältnis, in ein Verhältnis zueinander treten. Erst ein solches Verhältnis ist ein Liebesverhältnis.

    Wenn Faulkner das verbale Verhältnis der beiden Personen beschreibt, dann weiß man nicht, ob das genialisch oder dilettantisch ist. Eigentlich will man nach der Lektüre dieses kleinen Abschnitt fragen: sprechen sie nun miteinander oder nicht? Obwohl dies das Thema ist, wird es nicht deutlich. Das miteinander reden, vor allem wenn ein Mann und eine Frau miteinander reden, kann bisweilen schwierig sein. Und manchmal ist nach dem Reden nicht deutlich, ob man nun einen Schritt nach vorne oder zwei nach hintern getan hat.

    “Sie erzählte ihm ohnehin sehr wenig. Sie sprachen sehr wenig, und immer nur beiläufig, auch nachdem er der Liebehaber in ihrem Altjungfernbett geworden ist. Manchmal hätt er fast glauben können, dass sie überhaupt nicht miteinander sprachen, dass er sie überhaupt nicht kannte. Es war, als gäbe es sie zweimal: einmal die Frau, die er hin und wieder bei Tage traf und ansah, wenn sie miteinander sprachen, mit Wörtern, die nichts weiter aussagten, das sie das auch weder versuchten noch beabsichtigte, und dann die andere, bei der er nachts lag und die er nicht einmal sah, mit der er überhaupt nicht sprach.“

    Das Verhältnis der beiden wird zu keinen Zeitpunkt als eine Annäherung von zwei Individuen beschrieben. Sie stehen einander schroff gegenüber, unvermittelt, hart und oft gleichgültig. Auch hier macht Faulkner keinerlei Erklärungsversuche, er schildert bloß, was er sieht. Er beschreibt es, er gestaltet es, aber er greift nicht vermittelnd ein, er macht es dem Leser nicht verständlich. Als Christmas einen Zettel vorfindet, den Joanna ihm geschrieben hat, sagt Faulkner etwa zehn Mal, dass er, Christmas, den Zettel nicht liest und dass er ihn besser doch hätte lesen sollen. Aber eines sagt er nicht: was drauf steht. Es wird nicht aufgeklärt, was Joanna Christmas zu sagen hatte.

    Christmas lebt in der Hütte auf dem Grundstück der Joanna Burden, erst alleine, dann mit Joe Brown zusammen. Sie stellt ihm manchmal Essen hin. Eines Tages geht er durch das große Haus zu ihr und entjungfert die Frau: „Er sprach mit ihr, mit angespannter, harter, leiser Stimme „Ich werd‘s dir zeigen. Ich wird‘s der Hure zeigen!“ Sie widersetzte sich nicht im Geringsten. Fast war es, als wollte sie ihm mit kleinen Änderungen der Haltung ihrer Arme und Beine helfen, als Hilfe schließlich notwendig war. Doch unter seinen Händen hätte der Körper auch der Körper einer Toten vor dem Eintreten der Totenstarre sein können. Aber er ließ nicht ab, und obwohl seine Hände hart und hastig waren, war es allein vor Zorn. `Wenigstens habe ich sie endlich zur Frau gemacht´, dachte er. `Jetzt hasst sie mich. Das, wenigstens, habe ich ihr beigebracht`.“

    Faulkners Stil ist manchmal geradezu bedenklich. Er ist kein Grammatikkünstler (zumindest in diesem Punkt sind wir beide uns ähnlich): der Gebrauch des Wortes „obwohl“ im obigen Zitat ist schlicht falsch. Das ist eine konzessive Konjunktion, die einen Sachverhalt einräumt oder zugesteht, hier hätte eine präpositionale oder konsekutive Konjunktion weit besser gepasst. Auf der anderen Seite: eine Frau die entjungfert wird, kann schlechterdings keine Hure sein. Auch hier ist Faulkner ungenau. Ungenauigkeit ist aber womöglich sein Stil. Womöglich ist die Bezeichnung „Hure“ einzig als männlicher Sprachgebrauch zu verstehen. Damit werden Männer beschrieben, die Frauen hassen, weil sie sich Männern hingeben. Die die Frauen sogar dann zu hassen, wenn sie sich ihnen und nur ihnen hingibt. Weil die Verachtung größer ist als die Achtung oder das allgemeine Bild der Frauen stärker ist als das individuelle der eigenen Frau. Hier müsste eine richtige Analyse her, die in einem Blog nicht zu leisten ist.

    Am nächsten Tag schmeißt Christmas das Essen, die verschiedenen Schüsseln, nachdem er ihren Inhalt identifiziert hat, an die Wand. Und sucht sich einen Job. Die beiden, Liebende darf man sie wohl kaum nennen, sehen sich offenbar ein halbes Jahr lang nur aus der Ferne und dann sitzt Joanna Burden eines Tages bei ihm in der Hütte und erzählt sehr ausführlich von ihren Vorfahren. Etwa zu dieser Zeit entwickelt die Frau großen Appetit, in erotischer wie auch in kulinarischer Hinsicht. Christmas spricht von Verderbtheit. Was das ist, beschreibt Faulkner nicht: das wird die wohl eher prüde Zeit nicht zugelassen haben, auch wenn sie die Beschreibung der Kastration Christmas zuließ. Es wird nur vom Furor jener Nächte gesprochen.

    Sie spricht von einem Kind. Sie scheint schwanger, dann aber ist nicht mehr die Rede davon. Ob es eine Sinnestäuschung ihrerseits war oder ob sie eine Fehlgeburt hatte, wird nicht gesagt. Erneut gehen die beiden Wochen und Monatelang aneinander vorbei. Christmas will weggehen. Er wartet darauf, gehen zu können. Und geht nicht. Sie will ihn zum Beten zwingen. Er weigert sich. Er denkt, sie sei wahnsinnig. Sie will, dass er zur Schule geht, dass er Jura studiert, dass er ihre Geschäfte führt. Er weigert sich. Er schlägt sie. Das Verhältnis wird zu einem Machtkampf. Wenn es überhaupt eine Entwicklung gibt, dann diese.

    “Zünde die Lampe an“, sagte sie.
    „Ich brauche kein Licht“, sagte er.
    „Zünde die Lampe an.“
    „Nein“, sagt er.
    …..
    „Kniest du mit mir nieder?“, fragte sie. „Ich bitte nicht darum.“
    „Nein“, sagte er.
    „Ich bitte nicht darum. Nicht ich bin‘s, die darum bittet. Knie mit mir nieder.“
    „Nein.“
    Sie sahen einander an. „Joe“, sagte sie. „Zum letzten Mal. Ich bitte nicht darum. Denk daran. Knie mit mir nieder.“
    „Nein“, sagte er.“

    Sie bedroht ihn schließlich mit einer Pistole. Sie bedroht ihn nicht nur, die drückt ab. Die Pistole funktioniert nicht. Dann steht Christmas auf der Straße und hält ein Auto an, mit ihrer Pistole in der Hand. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sie umgebracht hat. Möglicherweise ist es aber auch Joe Brown gewesen. Der wohl auch das Haus angezündet hat.

    Kein Wort des Autors oder Erzählers, kein Wort der beiden Figuren, warum sie diese zermürbende Liaison nicht beenden. Keiner macht den Versuch, keiner scheint auf den Gedanken zu kommen, dass, was man angefangen hat, auch beenden kann. Es wird nichts über den Furor jener Nächte berichtet, nichts über Genuss oder Anziehung oder, was in der Liebe eine so große Rolle spielt, über die Hoffnung. Ich sagte eingangs, es sei kein Liebesverhältnis, weil ein Liebesverhältnis ein Verhältnis von Worten und (erotischen) Taten ist. Das ist es hier nicht, weil keiner der beiden Partner, Mann und Frau, Worte oder Taten, überhaupt in der Lage sind, sich auf einen anderen einzulassen. Die sind gar nicht wie zwei Menschen, die stehen sich wie im Krieg unversöhnlich gegenüber: „Da war kein weibliches Zaudern, keine Scheu vor offensichtlichem Verlangen und der Absicht, sich schließlich doch zu ergeben. Es war als kämpfe er körperlich mit einem anderen Mann um einen Gegenstand, der für keinen von beiden einen eigentlichen Wert hatte, um den sie allein um des Prinzips willen kämpften.“

    Dennoch, das klingt fast wie Hohn, findet sich in der Gestaltung dieses Verhältnisses der beiden Personen, einer der, wie ich finde, schönsten Sätze in diesem Buch, bereits gegen Ende des zweiten Kapitels: „Als er jetzt das Gesicht hebt, merkt er, das er es schon wieder gesenkt hat, bevor er auch nur ihrem Blick begegnet ist.“

    Was immer die Leser und Leserinnen hier an Erfahrungen mitbringen, ich denke, das ist etwas, was jeder kennt, dieses hin und wieder wegesehen bevor man richtig hingesehen hat. Wo das Bemerken den Handlungen immer hinterherläuft. Was man auch tut, man hat es bereits getan. Es gibt allerdings auch die gegenteilige Situation im Leben. Da weiß man bereits im Voraus, was man tun wird. Und tut‘s dann doch nie. Als reiche das Wissen aus oder als seien Handlungen zu gefährlich. Wissen ist ja auch eine Weise, sich von der Welt fernzuhalten. Sich aus der Welt herauszuhalten, indem man etwas über sie weiß.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 10. November 2010 um 18:59

    Liebe Alea,

    dieses finde ich sehr bemerkenswert, dass es eine Art von Kampf zwischen den Figuren ist. Aber ohne Strategie. Dass es im Unmittelbaren geschieht, im unmittelbar Gewissen. Daher und gerade wegen dieses bewusstlosen Ringens aber auch Abstrakt. Und geöffnet nach allen Seiten und über die Grenzen des Textes hinaus.
    Ich versuche dauernd zu verstehen, was es bedeutet und ob es möglich ist, der Tatsache des umgekehrt proportionalen Verhältnisses von bewusstem und unmittelbarem Leben ästhetisch gerecht zu werden (buchstabengenau formuliert handelt es sich um die Frage, ob das Allgemeine oder das Individuelle „realer“ ist, welchem von beiden die ontologische Priorität zukommt; in der klassischen Formulierung, ob die Universalien „ante rem“ oder ob sie „post rem“ sind und ob demgemäß das Individuelle ihnen nachgeordnet ist oder von ihnen her erfasst werden kann, oder ob umgekehrt das Individuelle primär ist und das Allgemeine nur als Abstraktion aus ihm hervorgeht. Seit dem Universalienstreit ist diese Frage ungelöst anhängig).

    Es ist doch wie in der Natur: je weiter man nach unten kommt, desto mehr wimmelt es von Leben.

    Freundlichst – Avenari

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 11. November 2010 um 00:15

    “Kein Wort des Autors oder Erzählers, kein Wort der beiden Figuren, warum sie diese zermürbende Liaison nicht beenden.”

    Dies ist die Passage, A.T.,

    die Problematik, die Ungeklärtheit, die ich in meinem ersten Kommentar erwähnte, das, was ich an dem Buch nicht verstanden hatte. Das blieb mir rätselhaft, wie den Figuren anscheinend auch: Es ist völlig unverständlich, dass die beiden zusammen bleiben.

    Auch SIE geben ja keine Deutung. Gibt es keine – oder gehen Sie in einem weiteren Kommentar darauf noch einmal ein?

    Es kann ja eigentlich nur so sein, dass beide beziehungsunfähig sind, liebesunfähig. Sex wollen sie beide, eine Beziehung wollen sie beide aber anscheinend nicht. Können sie vielleicht nicht, vermissen sie aber wohlmöglich, haben es jedoch nie gelernt. Beide sind ja sehr lange allein gewesen und haben keinen Vertrauten. Aber irgendwie gehören sie doch zusammen, wie ja auch die Vornamen-Ähnlichkeit Joe/Joana zeigt.

    Oder sind “sprechende Namen die Lösung: Er ist das Christkind für sie, aber sie ist ihm eine Last? Aber als er nicht heilanden will, schlägt sie ihn mit der Pistole ans Kreuz, und er wirft die Last ab, als gebetet werden soll. Oder: Er ist für sie irgend ein amerikanischer “Joe”, also ein irgend ein dahergleaufener Hobo, ein Neger, nicht gut genug, davon kann sie sich nicht frei machen. Sie ist für ihn Johanna, die Jungfrau von Orleans, die hat einen Kampf zu fechten und keinen Sinn für Beziehungen.

    Ich weiß es einfach nicht. Dies ist, und insofern auch das Buch für mich, unbefriedigend.

    Der von Ihnen zitierte Satz aber ist schön, das finde ich auch:

    “When he raises his face now he finds that he has looked down again before he even met her eyes.”

    Aber er umschreibt nicht das Verhältnis Joe/Joana, sondern das der Liebenden, nämlich Byron Bunch und Lena Grove (Joseph und Maria aus der Weihnachtsgeschichte – a chistmas carrol.

    Beste Grüße

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. November 2010 um 23:43

    Lieber NO,

    Sie haben Recht, ich gebe auch keine Erklärung, warum die beiden Figuren zusammenbleiben. Ich habe keine. Außer der, die ich schon einmal versucht habe, die natürlich auch unbefriedigend ist: Faulkner will die Figuren nur gestalten, nicht verstehen.

    Das ist aus dem Blick des Lesers unverständlich. Sie beklagen es, ich beklage es ebenfalls. Das Buch ist 80 Jahre alt. Faulkner ist mit seinem Thema im vergangenen Jahrhundert, das inzwischen bereits das vorvergangenen ist, stehengeblieben. Die Erzählweise empfinden wir als sehr modern. Modern ist die Erzählhaltung, das diskontinuierliche, mit Brüchen Vorgetragene, das vielleicht, so war meine These, unsere Wahrnehmung abbildet. In seiner Art Figuren zu gestalten, finde ich ihn nicht modern, da er keine Anstalten macht, sie zu verstehen oder zu erklären. Es ist unbefriedigend, aber es ist eine sehr interessante Fragestellung für einen Literaturwissenschaftler. Ich hatte, wenn ich mich da recht erinnere, in meinem ersten Beitrag gesagt, dass man bei Faulkner eigentlich die Sekundärliteratur zu Hilfe nehmen müsse. Man müsste sich informieren, wie der Stand der Forschung zu Faulkner ist. Wir sind sicher nicht die ersten, die das bemerken. Ich kann das aber auch gerade nicht leisten. Um es in einem Satz zu sagen: ich teile Ihre Unzufriedenheit mit dem Text!

    Tatsächlich habe ich mich bei den Figuren vertan, den schönen Satz positioniert Faulkner zwischen Byron und Lena. Ich habe das glatt übersehen.

    Die Assoziation Joseph und Maria: auf die bin ich überhaupt nicht gekommen, sie ist aber absolut plausibel.

    Herzlich
    Aléa

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 11. November 2010 um 23:45

    Lieber Avenarius,

    was erhoffen Sie sich von einer Klärung der Frage nach einer Gewichtung der Priorität von Individuellem und Allgemeinem? Vielleicht verstehe ich Sie auch nicht, aber mir erscheint sie wie die nach Ei und Huhn. Ich glaube, man vernachlässigt einfach die Biologie, wenn man meint, dass eines dem anderen vorhergegangen ist. Der Glaube, dass es einen Moment gegeben haben muss, in dem er das eine bereits gab, das andere aber noch nicht: ich halte das, zumindest beim Federvieh, für irrelevant. Bei den philosophischen Begriffen müssten allerdings Sie mir mal auf die Sprünge helfen: wie wollen sie das historisch denn klären? Und welchen Sinn hat das?

    Fragt freundlich an einem verregneten Abend im November
    Aléa

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 12. November 2010 um 20:52

    Man wird natürlich sagen können, das ist ein möglicher Beschrieb mancher heutiger Paare:

    Wir alle kennen wohlmöglich die eine oder andere Beziehung, bei der man sich fragt, warum sind die beiden eigentlich (noch) zusammen? Auch wenn man objektiv darauf keine Antwort weiß, glaubt man aber instinktiv, na subjektiv werden es die beiden schon wissen warum. Manchmal allerdings erfährt man Interna und stellt fest, nein, die wissen es auch nicht. Gleichwohl denkt man sich, na ja, auch wenn die beiden es subjektiv wirklich nicht wissen, wird es objektive, theoretisch von außen durch Fachleute beweisbare, nachvollziehbare Gründe geben, warum die beiden an der Beziehung festhalten, etwa: Die Kinder, wirtschaftliche Abgängigkeit, sexuelle Hörigkeit, Bequemlichkeit plus Gewöhnung, was auch immer.

    Vielleicht wollte Faulkner das darstellen. Dies: “Daß-man-von-außen-nicht-Hineinsehen-kann”.
    Oder diese Unerklärbarkeit der Beziehung der anderen. Oder er wollte beschreiben, dass es manchmal wirklich keinen Grund, keine Erklärung gibt. Dass das Leben so ist, dass man eine Beziehung so hin nimmmt wie die Jahreszeiten.

    Aber so richtig überzeugt mich das alles nicht.

    Vielleicht haben Sie recht: Faulkners Roman ist alt, so alt wie die damalige Sicht der Welt auf Beziehungen, denn noch zu Fauklners Zeiten dürfte das Auseinandergehen weit schwieriger gewesen sein als heutzutage.

    NO

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 12. November 2010 um 22:40

    Lieber NO,

    ich unterschreibe Ihre Klagen ja auch alle miteinander. Aber ich bin, trotz, dass ich mich als Leserin frage, warum die beiden das (mit-)machen, als Literaturwissenschaftlerin sehr interessiert: da bietet mir einer keine Erklärungen an, warum die zusammen sind oder auseinander gehen. Der Autor gräbt nicht in der Familie- oder Sozialgeschichte herum. Der fragt sich nicht, warum male ich da gerade so in dieser Weise. Er macht es einfach. Es muss aufs Papier, auf die Leinwand. Und es ist auch gut gemacht, denn vielleicht wollte er gerade auch dies provozieren, was wir hier empfinden, diese Ratlosigkeit und auch die Verärgerung, dass man die Figuren nicht versteht.

    Auch das müssten wir uns als Leser jetzt fragen: sind uns Figuren, die wir verstehen lieber als jene, die wir nicht verstehen. Und wenn ja, warum ist das so? Ist das in Beziehungen so, dass wir immer alles verstehen müssen, dass wir wissen wollen, warum der andere jetzt mit einem Teller schmeißt? Oder ist der Bogen, in dem er auf uns zugeflogen kommt, nicht das weit interessantere? Ist uns etwaswenn wir es verstehen, leichter? Ist der andere, der andere, die andere dann leichter zu ertragen?

    Und dann, auch von Ihnen angesprochen: vielleicht gibt es nicht immer eine Erklärung, warum Menschen zusammen sind. Und das ist auch großartig. Dass sie einfach grundlos zusammen sind. Vielleicht sind das die besten Beziehungen. Vielleicht ist Liebe, was gibt’s noch?, Hoffnung auf ein erfülltes Leben, nicht so gute Gründe wie wir glauben wollen und grundloses Zusammensein ist noch das allerbeste. Dann ist man auch nicht so wahnsinnig verletzt, wenn der andere mal etwas macht oder sagt, das man ihm / ihr nicht zuordnen kann.

    Was ich als nächstes vorstelle, wird Ihnen besser gefallen. Da geht es um eine Liebesgeschichte und es werden viele Gründe dafür genannt, warum es die beiden unbedingt miteinander probieren sollten. Ein kleines schönes Buch.

    Schönes Wochenende, das Wetter soll ja eine einzige Schweinerei werden.

    Aléa

    Kommentar von Melusine Barby
    Datum/Uhrzeit 13. November 2010 um 00:44

    Liebe Aléa, lieber NO,
    nun muss ich doch einmal nachfragen, warum Sie
    beide so dringend nach einem Motiv suchen für das Paar (und andere Paare) zusammen zu kommen, zusammen zu sein, zusammen zu bleiben? Ist es denn so, dass man die Motive offenlegen könnte (im “richtigen Leben”, meine ich jetzt)? Sind es in Wahrheit nicht meist die verborgenen, die wir selbst nicht wissen, die unser Handeln und Unterlassen bestimmen? Ein Schriftsteller, natürlich, k a n n seinen Figuren Motive geben und diese darstellen, aber – warum sollte er? Vielleicht interessieren ihn die “Warum?”-Fragen gar nicht, sondern die “Wie?”-Fragen. Es wird Sie beide vielleicht überraschen, aber ich frage mich das wirklich selten beim Lesen: Warum handelt X so? Warum liebt sie Y? Ich frage mich immer: Ergibt sich eine Bewegung, die ich nachvollziehen kann? Wenn das plausibel ist, erscheint meist ein Muster, eine Disposition, die beschreibt, wie eine/r ist, wie das zusammenhängt bei ihr/ihm, eins mit dem andern verknüpft: ein bestimmter Geruch und eine Sehnsucht danach, die fesselt zum Beispiel . Ich finde gegenwärtig nicht die Zeit, bei Faulkner danach zu suchen, doch erinnere ich mich, dass die Figuren mich überzeugten. Es muss (behaupte ich mal) also so etwas gegeben haben: keine Erklärung zwar, aber ein Zusammenspiel, das mir stimmig schien. (Oder verkläre ich die Erinnerung?)

    Herzliche Grüße

    Melusine

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. November 2010 um 11:15

    Liebe Melusine,

    ich bin Ihrer Auffassung, man fragt beim Lesen nicht nach dem Warum, sondern dem Wie. Aber bei diesen beiden Gestalten ist es sehr schwer verständlich, warum die so sind. Diese Frage, warum sind die eigentlich zusammen? wird dem Leser von Faulkner womöglich sogar in den Mund gelegt. Ich frage das sonst auch nicht. Aber in diesem Fall ist es so.

    Herzlich

    Aléa

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 14. November 2010 um 12:49

    …ungelöst anhängig.
    Wenn ich nämlich sage, das Reale sei „in re“, dann ist mit dieser vermittelnden Antwort die Frage nicht erledigt worden; denn das „in re“ lässt die Aporie gerade offen bestehen, inwieweit nun die „res“ durch das in ihr liegende Allgemeine bestimmt werden könne und welchen Wesensrang das Individuelle an ihr habe.
    Ich verspreche mir von der Klärung des aporetischen Verhältnisses zwischen den Universalien eine Überwindung der Herabsetzung der Dialektik als der „Logik des Scheins“, wie sie Kant vorgenommen hat. Dann könnte die Annahme einer undialektischen Welt der Wahrheit nicht mehr aufkommen. Kant hat die Dialektik als „Logik des Scheins“ bezeichnet, den Schein aber ausdrücklich von der „Wahrscheinlichkeit“ und der „Erscheinung“ abgetrennt und als „Irrtum“ der „Wahrheit“ entgegengesetzt (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage, Seite 350f.). Kant lässt damit die mögliche Charakterisierung des Scheins als einer realen Abspiegelung von Widersprüchen, die in der Sache selbst enthalten sind, außer acht. Schein ein negativer Begriff.
    Der Einfluss Kants etwa auf Kleist ist bekannt. Kleist (anders als heute die „Postmodernen“, die ohne es wissen zu wollen am Abgrund Lego spielen und ins Licht gehalten allesamt Kantianer sind), Kleist dagegen verfährt noch durchaus konsequent, wenn er das durch die Sprache konstituierte Reich des Allgemeinen als das schlechthin Unwirkliche gegen die Wirklichkeit des Gefühls darstellt. Die Zuordnung der Sprache zum Bereich des transzendentalen Scheins bedeutet die Aufhebung der Seinswirklichkeit der Sprache. Es wird nicht erkannt, dass eben dieser „Schein“ ja gerade die „Wahrheit“ der realen Welt gegenüber der identischen Wahrheit der idealen Existenzen ist.
    Ich mache mir also dauernd Gedanken darüber, wie und ob es möglich ist, dieses Problem ästhetisch zu meistern.

    Ich habe einen schönen Satz von Benjamin gefunden und aus dem Gedächtnisse zitiert: “ Neapel vom Meer aus zu sehen ist leicht.“

    Aus einem sonnigen ffm – avenarius

    Kommentar von avenarius
    Datum/Uhrzeit 14. November 2010 um 22:23

    Guten Abend Alea,
    als ich eben meine obige Einlassung nochmals durchging, ist mir ein Fehler aufgefallen:

    “das Allgemeine” ist natürlich “in re”, nicht das “Reale”. Ich bitte um Nachsicht.

    Grüße – avenarius