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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom November, 2010

    30 November 2010

    „Die ganze Zeit“: Wenn ein Text ein Tresor ist

    Ich ringe. Ich ringe um Verständnis und um Fassung. Aber es tut mir auch gut. Das ist ganz anders als die Prosatexte, anders als die wissenschaftliche Literatur, die ich lese; anders als die Lyrik, die ich kenne. Ich muss mich zusammenreißen.

    Auf welch reduzierter Ebene auch immer, etwas Narratives muss mir eine Geschichte erzählen. Bei vollständiger Enthaltung progressiver oder regressiver, allgemein erzählerischer Elemente, bei einer reinen Gleichgewichtsübung, ziehe ich mein Interesse ab. Wenn ein Text ein Tresor ist, dann muss mich, was sich in ihm befindet, interessieren. Wenn mich das nicht interessiert, dann mache ich den Tresor auch nicht auf. Weder mit einem Schlüssel, noch mit einer Zahlenkombination, noch mit einem Kilogramm Plastiksprengstoff, was immer die Herren Tresorknacker heute benutzen. Ich bin über die neusten Methoden nicht informiert.

    Zwar bin ich auch an dem Vorgang des Öffnens interessiert, aber das ist erst mal Nebensache. Ich muss das haben wollen, was er vor mir verbirgt. Es muss eine Währung sein, die mich interessiert. An lyrische Tresore bin ich nicht gewöhnt. Ich brauche noch etwas Zeit, um damit fertig zu werden. Ich habe noch nicht einmal ein richtiges Loch hineinbohren können. Allerdings habe ich schon einmal dagegen getreten. Vorsichtshalber sozusagen. Dabei habe ich mir beinahe den Fuß gebrochen. An dieser Stelle. Oder vielleicht war es auch an einer anderen.

    „Ich meine, auf dem Grund eines Sees zu stehen,
    verwachsen als Korallenstock, mit Saugaugen und
    Fühlern. Dass ich überhaupt noch atmen kann, da
    erst hoch über den Bäumen Nadelbeine, die durch
    glitsch‘ gen Mandelschlitz vergliedert sich sind, in
    Starrform verdoppelten: die Spezies dick’ter Bohn-
    en, die in Schoten an Sternrändern wachsen, daß
    Monde vermorscht strotzten, und strähnen am
    Boden geschrotet, gedrupft, gehäutet, (doch heute
    nicht) zerzaust; als tollpatschiger Schrammelbaß.
    Wassserrosen, die, wie Flusen aus der Flut gefischt,
    den Kelch knospenlos versproßten zum undunk-
    len Spiegel, so pflückt sich die häutige Versonnenheit
    im Tau mal Tausend mit – dem Blick, der schwankt.“

    Das ist hart an der Grenze zwischen Poesie und Prosa. Mir fehlt derzeit die Möglichkeit, es einzuodnen. Ich habe kein Maß, woran ich das halten kann, um das zu sagen: gut oder schlecht. Damit wären wir bei meiner Behauptung aus dem letzten Text.

    „Aus dem
    trüben Dunst
    vom gilben
    Laub verblaut.“

    Es ist gut, wenn man seine Sachen sichert. Sicherstellt. Auch in Bezug auf Gedankendiebstahl. Was ein Dieb in seinem Wert nicht erkennt, wird er nicht entwenden. Es ist allerdings für andere schwer, an die Schätze heranzukommen. Und, das darf man nicht vergessen, das entwenden ist Bedingung dafür, dass der, dem der Schatz ursprünglich gehörte, ihn wieder zurückbekommt. Man veröffentlicht ja nicht, was man für sich behalten will. Man will ja, dass es einer entwendet.

    Ich tue mich schwer mit diesem recht hermetischen Buch. Ich muss mich darauf einlassen. Das fällt mir offenbar schwerer als angenommen. Aber ich wäre keine Torik, wenn ich das nicht könnte. Ich kann ein Schwein an der Nase herumführen, da werde ich ja wohl mit so einem Text fertig. Ich brauche noch Zeit. Nicht die ganze Zeit. Aber einen Teil. In der physikalischen Auffassung sind Raum und Zeit sehr unterschiedlich. Während der Raum aus kleinsten Teilen besteht, vielmehr ist der Inhalt der Raumes, die Masse, ist dieses Phänomen bei der Zeit nicht ersichtlich. Auch der kleinste vorstellbare Teil Zeit ist noch unendlich teilbar. Auch der kleinste Teil bietet noch unendlich viele weitere Teil-Zeiten, die, da sie unendlich teilbar sind, auch unendlich groß sind. Wenn ich also noch ein klein wenig Zeit brauche, dann kann sich das anfühlen, als bräuchte ich die ganze Zeit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 November 2010

    Licht im August VI: “Um des Geldes und der Aufregung willen”

    Lena Grove ist eine der wenigen Figuren die, trotz schwieriger Verhältnisse, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Von ihr geht eine Selbstsicherheit und Zuversicht aus, die beinahe schon beunruhigend ist. Sie erwartet ein Kind von Lucas Burch. Faulkner ist ein Meister der indirekten Beschreibung, wenn er aufzeigt, wie es zu der Schwangerschaft gekommen ist: „Sie schlief in einem hinten am Haus angebauten Raum. Er hatte ein Fenster, das sie im Dunkeln zu öffnen und wieder zu schließen lernte, ohne dass jemand es hörte, obwohl in dem angebauten Zimmer zuerst auch ihr ältester Neffe schlief, dann die beiden ältesten und schließlich alle drei. Sie wohnte schon acht Jahre dort, als sie das Fenster zum ersten Mal aufmachte. Sie hatte es noch kein Dutzend Mal aufgemacht, als sie feststellen musste, dass sie es besser nie aufgemacht hätte. Sie sagte sich: `Ich habe aber auch ein Pech.´“

    Lucas Burch meint, sich mittels eines neuen Namens, Joe Brown, aus der Affäre ziehen zu können. Als er von der Schwangerschaft seiner Geliebten hört, türmt er vorsichtshalber. Aber Lena glaubt an ihn. Sie glaubt, dass er, als er verschwand, bloß einen Job suchte. Und sie verteidigt ihn: „Lucas mochte schon immer die Aufregung. Er hat das ruhige Leben nie gemocht. Deshalb hat’s ihm bei Doane’s Mill nie gefallen. Deshalb hat er – haben wir beschlossen, uns zu verändern: um des Geldes und der Aufregung willen.“ „Um des Geldes und der Aufregung willen“, sagt Varner. „Lucas ist nicht der erste junge Spund, der die Arbeit, die er gelernt hat, hinwirft und der die, die darauf angewiesen sind, dass er die Arbeit tut, im Stich lässt, bloß um des Geldes und der Aufregung willen.“

    Sie glaubt an diesen Mann mit einer Naivität, die an Dummheit gemahnt. Aber sie ist nicht dumm, denn dann würde sie sich am Schluss der Romans, mit dem kleinen Kind im Arm, an die Brust ihres Verehrers werfen. Sie würde einfach den hartnäckigen Liebesbezeugungen von Byron Bunch erliegen. Das Begehren eines Mannes, das hartnäckige Begehren, die Wucht, die dahinter steckt, das kann für eine Frau ein sehr beeindruckendes Ereignis sein. Und eine Frau zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im, sagen wir einfach, Wilden Westen, würde vermutlich den nächstbesten nehmen. Schon aus Überlebensgründen müsste sie es tun. Obwohl Lena nicht das tut, was sie aus Vernunftgründen tun müsste, ist sie nicht dumm. Ebenso wenig wie Byron dumm ist, wenn er erst sehr spät auf den Gedanken kommt, dass die hochschwangere Lena keine Jungfrau mehr ist. Jungfräulichkeit war damals eine erhebliche, wenn nicht sogar die Qualität einer unverheirateten Frau. Byrons Liebe ist offenbar so groß, dass selbst dieser Mangel keine Rolle spielt. Lena wirft sich nicht dem Erstbesten an die Brust. Der Leser weiß, dass Byron ein grundanständiger Kerl ist und dass sie keinen Besseren wird finden können. Der Leser weiß es, aber weiß es auch Lena? Joe hingegen ist ein Arschloch. Aber Lena begreift es nicht. Oder es spielt keine Rolle für sie. Er ist der Vater ihres Kindes und sie ist nun einmal der Meinung, dass eine Familie zusammengehört. Also tut sie das dafür Notwendige: Sie macht sich, nachdem ihr Kind geboren ist, nachdem Christmas und Joanna Burden tot sind, Ereignisse, die sie wohl gar nicht erfährt, erneut auf die Suche nach ihm. Weil es, könnte man vermuten, nun einmal der natürliche Gang der Dinge ist.

    Sie klagt nicht. Sie beklagt sich nicht bei Byron und sie klagt auch Joe nicht an, als er bei ihr am Kindbett steht, sich windet und dann aus dem Fenster springt und erneut abhaut. Sie ist grundsympathisch, sie weckt auch die Zuneigung anderer, die ihr Lebensmittel und Unterkunft anbieten. Da ist keiner, soweit ich das sehe, der ihr nicht mit Sympathie begegnet. Und doch ist auch Lenas Verhalten im Grunde nicht zu verstehen, wie das so vieler anderer, Christmas‘ und Joannas, das Verhalten der Kellnerin, die mit Christmas ins Bett geht, das seiner Großeltern. Aber ihr nimmt man es nicht übel. Sie darf so sein, weil sie gut ist. Gut sind nur Lena und Byron. Der Sheriff ist zwar nicht schlecht, aber er vertritt letztlich nur das Gesetz und wäre das Gesetz schlecht, würde der Sheriff sich dennoch darauf berufen (müssen), denn er ist sein Vertreter. Er ist, was er ist, weil er so sein muss.

    Alle anderen kämpfen immer mit der Möglichkeit, schlecht zu sein. Nur Lena scheint solche Anfechtungen nicht zu kennen. Und deswegen mögen wir sie. Weil das eine Position ist, der man im Leben nur sehr selten begegnet. Man begegnet schon selbstlosen Menschen, die etwas für einen tun und nicht fragen, was sie selbst davon haben. Es gibt (hier fällt mir doch jetzt ein Wort nicht ein, was ist denn das für eine verflixt unzuverlässige Sprache oder sind das die ersten Alterserscheinungen?) uneigennütziges Handeln. Aber dies ist noch nicht, was ich meine. Was in der Person der Lena geschildert oder dargestellt wird, ist die Abwesenheit von Gut und Schlecht. Deswegen ist Lena gut. Und nicht schlecht. Wenn dem so ist, dann ist das geradezu ein metaphysischer Kern, den Faulkner uns hier hinterlässt: sollte jemals der Gegensatz von Gut und Schlecht aufgehoben sein, sollten die Menschen das erreichen können, dann wären sie gut. Ich weiß nicht, ob ich schockiert sein soll oder begeistert. Oder ob ich mir das gerade so hinbiege, zum versöhnlichen Abschluss einer langen, nicht immer begeisterten Auseinandersetzung mit diesem Text.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 November 2010

    Noroc si spor la muncá

    Stimmungen und Stimmungsschwankungen unterliegt ein jeder und eine jede. Das ist auch gut. Ein ununterbrochen dahinfließendes emotionales Kontinuum wäre ein horror vacui. Ich war in den vergangenen Tagen etwas niedergedrückt. Meist kann ich mich ganz gut dagegen wehren, gegen die allzu düstere Ausmalung der Wirklichkeit. Oder gegen die Wirklichkeit überhaupt. Ich wehre mich, indem ich zur Tat schreite. Manchmal aber gibt es nichts zu tun. Oder die möglichen Taten erscheinen einem zu unbedeutend. Nun hatte ich gestern ein schönes Erlebnis, man hat mir Honig ums Maul geschmiert. Ich habe mir, später, als ich wieder alleine war, die Lippen geleckt. Da hat es nach Honig geschmeckt. Möglicherweise habe ich den nicht identifizierbaren Geschmack einfach in Honig umgedeutet. Jetzt ist die Gesamtsituation wieder besser. Obwohl der Mensch ja nicht nur, nicht vorzüglich von Honig lebt. Da fällt mir Dietmar Dath ein, „Für immer in Honig“.

    Mit Arbeit alleine kommt man nicht weiter. Also man kommt schon weiter, aber es ist mühevoll. Und es ist auch die Frage, ob man dahin wollte, wo man dann ist. Man braucht bisweilen ein bisschen Glück. So bedauerlich das ist, wenn man Pech hat. Dann erkennt man nämlich, dass man das Glück braucht. In Rumänien sagt man: Noroc si spor la muncá. Glück und die Fähigkeit zur Arbeit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 November 2010

    Licht im August V: „Es wird da sein, versunken, ruhig, beständig, nicht verblassend …“

    Christmas ist auf der Suche nach seiner Identität. Er verzweifelt, weil er sie nicht findet. Wie man nur etwas finden kann, was man einst besaß. Er verzweifelt, weil er sie nicht erreicht. Wie man etwas erreichen kann, was man noch nicht besitzt. Er weiß offenbar nicht, dass Identität als Besitz vielleicht nur in der Form der Besessenheit vorstellbar ist. Der Besessene wird besessen, er besitzt nicht. Christmas weiß nicht, dass man immer auf der Suche ist. Identität ist der Versuch, sie herzustellen.

    Das zentrale Problem dieses Mannes ist in einem kleinen Abschnitt, in zwei Sätzen dargestellt, als er verhaftet wird und ein anderer über ihn sagt: „Er hat keinen Moment geleugnet. Er hat überhaupt nichts gemacht. Er hat sich weder wie ein Nigger noch wie ein Weißer verhalten.“ An anderer Stelle spricht Christmas mit einem Schwarzen und sagt “`Ich bin kein Nigger´ und der Nigger sagt: `Du bist schlimmer als das. Du weißt nicht, was du bist.“ Das ist das eigentliche Problem, nicht etwa Schwarz oder Weiß zu sein, sondern ein Zustand, der sich nicht zuordnen lässt. Ein Zustand also, in dem man weder etwas erreichen, noch etwas finden kann, weil die Ausgangsposition nicht klar ist. Ein Zu-Stand eben. Jenseits jeder Bewegung. Nicht die Stelle, von der ich komme, nicht die, wohin ich gehe, sondern die Stelle an der ich stehe: die ist nicht identifizierbar. Das muss, der Leser kann es nur ahnen, ein Gefühl sein, als ob man nicht existiere. Dieses Problem der Nichtexistenz, behaupte ich, wird erst im Moment seines Todes gelöst.

    In dieser Szene finde ich ihn, Faulkner, ganz groß. Es ist eine pathetische Szene, aber sie ist ausgezeichnet dargestellt. Sein Flucht im 19. Kapitel, die Verfolgung durch Grimm (!) und das Aufeinandertreffen der beiden Männer in der Küche von Hightower, das ist exzellent gemacht. Da kann einer wie Faulkner im Angesicht des Todes seiner wichtigsten Figur tatsächlich sogar von Heiterkeit reden. Auch hier haben wir wieder eine dieser typischen Faulkner-Formulierungen: Christmas liegt am Boden, er liegt im Sterben, die Augen weit geöffnet: „leer von allem außer dem Bewußtsein“, heißt es da. Und man fragt sich natürlich, Bewusstsein von was? Bewusstsein muss doch Bewusstsein von etwas sein. Dieses Etwas ist, wie an so vielen Stellen, eine Leerstelle, Faulkner sagt uns das nicht.

    „Als die anderen in die Küche kam sahen sie den inzwischen beiseite gestoßenen Tisch und Grimm, der sich über den Mann beugte. Und als sie näherkamen um zu sehen, was Grimm vorhatte, sahen sie, dass der Mann noch nicht tot war, und als sie sahen, was Grimm tat, stieß einer der Männer einen erstickten Schrei aus und stolperte rückwärts gegen die Wand und erbrach sich. Dann sprang auch Grimm zurück und warf das blutige Schlachtermesser hinter sich. „Jetzt wirst du die weißen Frauen in Ruhe lassen, auch in der Hölle“, sagte er. Doch der Mann am Boden hatte sich nicht gerührt. Er lag nur da, die Augen weit geöffnet und leer von allem außer dem Bewußtsein, und mit etwas wie einem Schatten um den Mund. Einen langen Augenblick sah er mit friedvollen, unergründlichen und unerträglichen Augen zu ihnen auf. Dann schienen sein Gesicht, sein Körper, schien alles zusammenzubrechen, in sich zusammenzufallen, und aus der zerschlitzen Kleidung um seine Hüften und Lenden stürzt das aufgehaltene schwarze Blut wie losgelassener Atem. Es stürzt aus dem bleichen Leib wie der Funkenregen aus einer aufsteigenden Rakete, und auf diesem schwarzen Ausstoß schien der Mann aufzusteigen und in ihr Gedächtnis einzudringen, auf immer und ewig. Sie werden das Bild nie verlieren, wo sie auch sein werden, in friedlichen Tälern, an ruhigen und sanften Flüssen des hohen Alters, wo sie in den spiegelnden Gesichtern von Kindern altes Unglück und neue Hoffnungen sinnend betrachten werden. Es wird da sein, versunken, ruhig, beständig, nicht verblassend und auch nicht besonders bedrohlich, sondern aus sich allein heraus heiter, aus sich allein heraus triumphierend. Wieder stieg aus der Stadt kommend, durch die Wände ein wenig gedämpft, das Kreischen der Sirene zu einem unglaublichen Crescendo an, so schrill, bis es für Ohren nicht mehr zu hören war.“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 November 2010

    Hope there’s someone

    Selten stelle ich einfach eine Musik hierher.  Aber auch das Seltene muss dann und wann geschehen: Antony and the Johnsons, Hope there’s someone.

    Hope there’s someone
    Who’ll take care of me
    When I die, will I go

    Hope there’s someone
    Who’ll set my heart free
    Nice to hold when I’m tired

    There’s a ghost on the horizon
    When I go to bed
    How can I fall asleep at night
    How will I rest my head

    Oh I’m scared of the middle place
    Between light and nowhere
    I don’t want to be the one
    Left in there, left in there

    There’s a man on the horizon
    Wish that I’d go to bed
    If I fall to his feet tonight
    Will allow rest my head

    So here’s hoping I will not drown
    Or paralyze in light
    And godsend I don’t want to go
    To the seal’s watershed

    Hope there’s someone
    Who’ll take care of me
    When I die, Will I go

    Hope there’s someone
    Who’ll set my heart free
    Nice to hold when I’m tired





    16 November 2010

    Der verzweifelte Optimist

    „Eine Liebesgeschichte oder so was“ von Raymond Federman

    Das ist die Geschichte von Moinous und Sucette. Die beiden begegnen einander auf dem Washington Square in New York. Sie lächeln sich an, sprechen aber nicht miteinander. Zwei Wochen später sehen sie sich in einer Buchhandlung wieder. Sie lernen sich kennen und werden ein Liebespaar. Das könnte so sein. Es spricht jedenfalls nichts dagegen, dass es so ist.

    Mr Federman, vielmehr sein Erzähler, erzählt uns nicht nur eine Geschichte, er erzählt vielmehr drei, entsprechend der drei Kapitel. Anders aber als die Kapitel, die, weil das mit Geschichten so sein muss, nacheinander angeordnet sind, ereignen sich die drei Geschichten, weil das mit Geschichten so sein muss, synchron. Es sind die Geschichten der Sucette, des Moinous und die eigentliche Liebesgeschichte. Die Geschichte, die der Erzähler uns erzählt.

    Also nacheinander berichtet, was gleichzeitig geschieht: Es ist der 15. März 1954, in New York und auch überall sonst auf der Welt. Auf dem Washington Square findet eine Demonstration gegen den Senator McCathy statt. Sucette, Spross einer ausgesprochen wohlhabenden Bostoner Industriellensippe von der sie sich allerdings distanziert, nimmt an der Demonstration teil und sieht einen jungen Mann den sie anlächelt. Moinous ist als Achtzehnjähriger aus Frankreich weggegangen, in Amerika gelandet, hat als Soldat am Koreakrieg teilgenommen und ist nun mit 23 Jahren in New York gestrandet, eingebürgert, arm und arbeitslos, von der Versorgung der Behörden abgeschnitten und verzweifelt. Relativ verzweifelt, denn eigentlich ist er ein Optimist. Bei einer Demonstration deren Sinn und Zweck ihm entgeht – seine Sorgen beziehen sich, da er ums Überleben kämpft und er keinen Platz für allgemeine Sorgen hat, einzig auf seine eigene Person – sieht er eine hübsche Blondine, die ihn anlächelt. Sie werden in den Wirren der Demonstration voneinander getrennt. Einen Tag später stellt Moinous fest, dass er sich verliebt hat. Er geht jeden Tag zum Washington Square, trifft die Frau allerdings nicht wieder.

    Sucette führt ein luxuriöses Leben. Sie muss nicht arbeiten gehen und lebt von den Zuwendungen ihrer Familie. Sie engagiert sich politisch – gemessen an ihrer Herkunft, auf der Gegenseite – sie belegt einen Schreibkurs und will Schriftstellerin werden. Noch am Anfang ihrer Bemühungen, sitzt sie an ihrer zweiten oder dritten Geschichte. Und die hängt ein wenig in der Luft. Ihr Lehrer hat ihr geraten, den dramatischen Konflikt durch die Hereinnahme einer weiteren Figur zu beschleunigen. Da diese Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause ihrer eigenen nicht unähnlich ist, greift sie auch in diesem Detail auf ihre Biografie zurück und nimmt das Lächeln des jungen Mannes auf dem Washington Square als Anlass, einen jungen Mann in ihre Geschichte einzuführen. Ihre Hauptfigur Susan verliebt sich bei einer Demonstration in den jungen Franzosen namens Moinous, moi und nous, „ich” und „wir”.

    Moinous, inzwischen Tellerwäscher in einem Imbiss, sieht Sucette zwei Wochen nachdem sie einander angelächelt hatten wieder, sie treffen einander in der Librairie Française. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung und liest ihm ihre Geschichte vor und er, der sehr zufrieden ist mit dem Namen den sie ihm gibt, nennt sie von nun an Sucette: Lutscher. Langsam beginnt die Liebesgeschichte zwischen den beiden. Sehr langsam. Denn Sucette lässt Moinous schmoren. Volle zweiundvierzig Tage muss er seine Lust mit sich herumschleppen. So ist das mit Autoren, die wollen keinen Sex, die wollen ihre Geschichten vorlesen. Und dann müssen die Zuhörer auch noch büßen. Schließlich aber landen sie doch da, wo sie hingehören, im Bett. Sie stellt ihn sogar ihrer Familie vor, die allerdings, das war zu erwarten, nicht sehr viel mit dem Mann anzufangen weiß. Wie der seinerseits mit Amerika und seinen Bewohnern nicht viel anfangen kann.

    Aber bei den beiden steht die Liebe im Vordergrund, das Begehren und die Schwierigkeiten mit dem Begehren, mit dem eigenen und dem des anderen. Sie erkunden ihre Körper, sie schlafen miteinander, sie trinken Kaffee, sie rauchen, sie diskutieren, sie streiten, sie tun das, was Verliebte tun, all die banalen Dinge, die für Verliebte so aufregend sind. Und eines Tages werden sie auseinandergehen. Vielleicht weil da auf einmal ein Richard auf der Bildfläche erscheint, der in seiner Harris-Tweedjacke sehr viel besser zu Sucette mit ihrem schicken Kamelhaarmantel passt als Moinous in seinen zerschlissenen Arbeiterklamotten.

    Die Geschichte hat einen Erzähler, der die ersten 1 ½ Kapitel über Moinous berichtet und dann mitten im 2 Kapitel, recht unvermittelt innerhalb eines Satzes (Seite 114 unten) zu Sucette wechselt, um erst auf den letzen Zeilen wieder zu Moinous zurückzukehren. Aber da der eine jeweils über den anderen berichtet und phantasiert, wechselt die Person im Zentrum des Interesses sehr häufig. Und da der Erzähler die Gegenwart des jeweiligen Protagonisten erzählt – denn noch steht das Wiedersehen der beiden aus – muss er ebenfalls zwischen Gegenwart und Zukunft wechseln, zwischen dem, was ist und dem, was sein wird. Das macht er mit einer bewundernswerten Leichtigkeit.

    Letztlich wissen wir nicht, ob die Geschichte der Sucette nicht allein der Phantasie des verliebten Moinous zu verdanken ist, der einsam und allein, sich erträumt was gewesen sein könnte, wenn er die Blondine angesprochen hätte. Wir wissen nicht, ob die Geschichte des Moinous nicht allein der literarischen Produktion Sucettes zu verdanken ist. Wir wissen nicht, ob die beiden Geschichten nicht allein der imaginativen Kraft des anderen zu verdanken sind. Wir erfahren die wirklichen Namen der Personen nicht. Das ist eine Liebesgeschichte und Wirklichkeit hat in Liebesgeschichten nichts verloren.

    Das Spiel das Raymond Federman hier treibt ist faszinierend. Er entlässt seine Geschichte nie aus dem Konjunktiv. Er weist mehrfach darauf hin, dass, damit etwas zwischen den beiden geschieht, die Liebenden sich wiedersehen müssen. Dennoch erzählt er im Indikativ. Er erzählt die Geschichte der beiden so, als wäre sie bereits angefangen. Er erzählt sie so, dass sie anfangen muss. Und indem er sie so erzählt, fängt er sie an. Das ist blitzgescheit gemacht. Ich hatte eingangs gesagt, dass drei Geschichten erzählt werden. Von den beiden anderen weiß man es nicht, aber diese dritte Geschichte ist eine, die tatsächlich geschieht. Das ist die Geschichte die Federman erzählt. Das ist eine wunderschöne Geschichte über die Liebe, die nur dann geschieht, wenn sie geschieht. Und sie geschieht, indem sie erzählt wird.

    Obwohl Mr Federmann Zweifel daran aufkommen lässt, dass die Geschichte jemals anfängt, lässt er keinen Zweifel daran, dass sie enden wird. Vielleicht endet sie bereits an jenem Punkt, an dem die meisten Liebesgeschichten auf der Welt enden, dort nämlich dass sie gar nicht erst anfangen und die beteiligten Personen genötigt sind, sich das Ganze bloß vorzustellen. Diese Geschichte ist, wie so viele Liebesgeschichten, nicht zum Lachen. Die Liebe ist nicht zum Lachen, weil sie bedroht ist. Bedroht, weil sie, da sie anfing, auch enden kann. Nicht das Ende, der Anfang ist das existentiell Gefährliche. Und doch ist es gerade der Anfang eine solchen Geschichte, der die Phantasie der Menschen beschäftigt. Was geschieht, wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben? In was verliebt man sich eigentlich?

    Man verliebt sich nicht in jemanden, weil er eine gute Figur hat. Man verliebt sich in einen Augenaufschlag, in ein Lächeln oder in die Art wie jemand den Kopf wendet, wie er hierhin und dorthin schaut, wie er nickt oder den Kopf schüttelt, lacht oder weint. Und vielleicht verlieben wir uns sogar in die Art wie er das Messer hebt, um uns den finalen Schnitt zu versetzten. Weil wir gute Schnitte zu schätzen wissen. Nur deswegen rennen wir jede Wochen zum Friseur. Und nicht, damit sich irgendein Kerl in uns verliebt, der ja, weil er gleichermaßen von Frisuren wie von Liebe keine Ahnung hat, doch bloß auf unsere Figur achtet.

    Es ist nicht wahrscheinlich, dass die reiche Sucette und der arme Moinous aneinander geraten, dass aus ihnen ein Liebespaar wird und die eine wie der andere ihre Vorbehalte und Vorurteile werden ablegen können und sich in einander verlieben. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Millionenerbin sich in einen Arbeitslosen verliebt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Ältere sich in den Jüngeren verliebt, die Gebildetere in den Ungebildeten. Das alles ist nicht wahrscheinlich. Aber warum sollten die Umstände sich um Wahrscheinlichkeiten scheren? Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass man auf die Straße tritt und von einem Meteoriten erschlagen wird. Und dennoch sind, wie jeder weiß, Meteoriteneinschläge und unerwartete Liebesattacken die häufigste Todesursache in westlichen Gesellschaften. Also warum, wenn man auf die Straße tritt, nicht lächeln? Vielleicht hat man das Glück und wird wider die Wahrscheinlichkeit von einem imponderablen Ereignis dieser Art erschlagen.

    Es ist nicht wahrscheinlich, dass einem Mr Reemtsma über den Weg läuft und fragt, Sagen Sie mal, brauchen sie vielleicht eine lebenslange finanzielle und ideelle Unterstützung? Es ist nicht wahrscheinlich, dass man den Nobelpreis bekommt, dass man die Liebe seines Lebens trifft oder im Lotto gewinnt. Aber warum nicht davon träumen? Nicht das Geld brauchen wir, nicht den Preis, nicht einmal das Glück, das eine oder das andere zu erringen: Wir brauchen die Hoffnung. Moinous ist Tellerwäscher! Das ist im Amerika des 20. Jahrhunderts nicht nur der meistbemühte Mythos; er kann geradezu als ein notwendiger Karriereschritt in die Vorstandsetagen der internationalen Konzerne angesehen werden. Wir brauchen die Hoffnung, denn ohne Hoffnung ist nur Verzweiflung. Das ist die Figur, die Federman hier zeichnet: Die Figur des verzweifelten Optimisten.

    Die Dinge, auch wenn man weiß, dass sie später schiefgehen werden, dass sie schiefgehen müssen, und auch die Liebesgeschichte zwischen Moinous und Sucette geht am Ende schief; die Dinge sollten dennoch begonnen werden. Denn wenn sie nicht begonnen werden, gehen sie auch schief. Das ist eine Erkenntnis, sowohl erzählerisch als auch menschlich, die sehr wichtig ist. Ich weiß gerade nicht, ob sie auf den Autor dieses Buches zurückgeht oder auf mich selbst. Aber das ist oft ein Zeichen guter Literatur, wenn der Leser später nicht mehr weiß, ob er selbst so klug war oder der Autor ihm da unter die Arme gegriffen hat. Das Urheberecht hat hier an zentraler Stelle eine klaffende Lücke. Zum Glück.

    Zu der Übersetzung kann ich wenig sagen, mir liegt das Original nicht vor. Aber es klingt alles sinnvoll. Das ist ein einfacher, oft umgangssprachlicher Ton, den Federman mit vielen amerikanischen Autoren teilt und der in der Literatur des modernen Amerika offenbar als Zeichen von Lebendigkeit und Authentizität gilt. Neben dem Text bekommt man noch ein halbes Interview mit dem Autor „Wenn ich das Tempus gewechselt habe“. Das hat Raymond Federman inzwischen getan. Er ist im vergangenen Herbst gestorben. Im Netz finden sich einige Seiten zum Autor, darunter auch seine eigene. Er ist, soweit ich weiß, der Erfinder des Begriffs „Laughterature“. Mit dem Erwerb dieses schmalen Buches erhält man nicht nur einen schönen Text, sondern auch ein handwerklich schönes Buch. Zum Glück gibt es die kleinen Verlage, die noch mit solchen Dingen auf sich aufmerksam machen.

    Hier geht es zum blog von Mr Federman, natürlich gleich zur richtigen Seite.

    Anmerkung zum 15. März 1954. Ich weiß, dass wenn auf der Welt ein Tag ist, woanders auf der Welt schon ein anderer Tag ist. Ich weiß, dass es eine Datumsgrenze gibt. Aber die Formulierung in diesem Zusammenhang war mir wichtiger als die sachliche Richtigkeit.

    Raymond Federman
    Matthes & Seitz
    Eine Liebesgeschichte oder so was
    [Smiles on Washington Square]
    Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg
    224 Seiten,
    ISBN 978-388221-682-0
    € 19,80





    13 November 2010

    Roman „Aléas Ich“ II

    Die Auszüge aus dem Roman finden sich in der Kopfzeile unter dem Buchstaben R.

    Ich stelle noch zwei weitere Textstücke des Romans ein. Dabei wird es bleiben. Ich brauche in paar Referenzen, wie ich das bei „Berlin am Meer“ auch getan habe. Es gibt also jetzt drei Textstücke: der Beginn des Romans, die Verabredung mit Marie eine Woche vor Aléas Fahrt nach Siebenbürgen und dann der Aufenthalt selbst, den ich bereits in der vergangenen Woche präsentiert hatte.

    Die Nähe von „Aléas Ich“ und meinem eigenen Leben ist, wenn ich das so sagen darf, nicht ganz zufällig. Dem liegen zwei Erlebnisse zugrunde. Meine Mitbewohnerin hat in einem Film mitgespielt. Als ich sie fragte, was sie gespielt habe, antwortete  sie: „Mich selbst. Etwas anderes könnte ich gar nicht.“ In der Nacht darauf bin ich wach geworden und habe die ersten zwanzig Seiten, Ideen, Personen und Handlungsstränge niedergeschrieben. Das zweite Erlebnis geht auf meinen Prof zurück. Bei dem habe ich mich über die Schwierigkeiten mit meinem Namen beklagt. Mein Name werde, sagte ich, fortwährend in Frage gestellt, und damit auch ich als Person und ich könne nichts dagegen tun. „Doch“ antwortete er, „stellen Sie sich selbst in Frage“. Das tue ich mit „Aléas Ich“.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 November 2010

    Erfolg und Misserfolg

    Die Liste meiner Erfolge ist nicht sehr lang und vieles, was sich auf ihr findet, habe ich durch Glück erlangt. Die Liste meiner Misserfolge ist sehr viel länger und alles, was sich auf ihr findet, ist das Ergebnis harter Arbeit. Darauf bin ich richtig stolz. In gewisser Weise, in dieser sehr speziellen Weise, sind Misserfolge wichtiger als Erfolge.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 November 2010

    Licht im August IV: Ein Verhältnis von Worten und Taten

    Faulkner kann große Charaktere zeichnen. Er kann es vor allem, wenn den Figuren keine ausgeprägte Reflexivität zu eigen ist. „Absalom, Absalom!“, das Werk das im Anschluss an „Licht im August“ entstand, hat mich mehr beeindruckt als das vorliegende. Sei es, weil ich vor einigen Jahren noch leichter zu beeindrucken war, sei es, weil das spätere Werk das Beeindruckende noch deutlicher heraus- und hervorkehrt.

    Frauen und Männer, Geschlechterverhältnisse, ist das Thema dieses Beitrags. Ich suche mir die beiden hierfür wohl interessantesten Gestalten aus, Joanna Burden und Joe Christmas. Die beiden haben ein Verhältnis miteinander. Christmas, der mit seinem Rasiermesser in der Tasche herumläuft, deutet bereits seit dem fünften Kapitel an, dass etwas passieren wird. Dann brennt das Haus der Joanna Burden, sie liegt in dem brennenden Haus mit abgetrenntem Kopf. Die Indizien weisen auf Christmas hin. Aber wir wissen es nicht. Wissen ist in diesem Roman, vielleicht bei Faulkner insgesamt, keine wesentliche Größe. Ich hatte in meinem letzten Beitrag bereits auf die verschiedenen Dimensionen des Wissens hingewiesen.

    Im elften und zwölften Kapitel wird das Verhältnis zwischen den beiden beschrieben. Die Frau ist deutlich älter als Christmas, der dreiunddreißig ist. Es werden verschiedene Zahlen genannt, sie sieht aus wie dreißig oder fünfunddreißig, sie sagt, dass sie vierzig sei, Christmas deutete das aus einem nicht verständlichen Grund als „entweder einundvierzig oder neunundvierzig“: das ist nahezu die Spannbreite zweier Jahrzehnte. Sie ist wohl tatsächlich in der Nähe ihres Klimakteriums, diesseits oder jenseits dieser Grenze. Sie behauptet einmal, schwanger zu sein. Das Verhältnis der beiden erstreckt sich über mindestens drei Jahre und durchläuft mehrere Phasen.

    Die beiden, würde ich sagen, haben ein erotisches und ein verbales Verhältnis miteinander. Aber kein Liebesverhältnis. Ein Liebesverhältnis möchte ich als eines definiert, in dem die beiden anderen, das erotische und das verbale Verhältnis, in ein Verhältnis zueinander treten. Erst ein solches Verhältnis ist ein Liebesverhältnis.

    Wenn Faulkner das verbale Verhältnis der beiden Personen beschreibt, dann weiß man nicht, ob das genialisch oder dilettantisch ist. Eigentlich will man nach der Lektüre dieses kleinen Abschnitt fragen: sprechen sie nun miteinander oder nicht? Obwohl dies das Thema ist, wird es nicht deutlich. Das miteinander reden, vor allem wenn ein Mann und eine Frau miteinander reden, kann bisweilen schwierig sein. Und manchmal ist nach dem Reden nicht deutlich, ob man nun einen Schritt nach vorne oder zwei nach hintern getan hat.

    “Sie erzählte ihm ohnehin sehr wenig. Sie sprachen sehr wenig, und immer nur beiläufig, auch nachdem er der Liebehaber in ihrem Altjungfernbett geworden ist. Manchmal hätt er fast glauben können, dass sie überhaupt nicht miteinander sprachen, dass er sie überhaupt nicht kannte. Es war, als gäbe es sie zweimal: einmal die Frau, die er hin und wieder bei Tage traf und ansah, wenn sie miteinander sprachen, mit Wörtern, die nichts weiter aussagten, das sie das auch weder versuchten noch beabsichtigte, und dann die andere, bei der er nachts lag und die er nicht einmal sah, mit der er überhaupt nicht sprach.“

    Das Verhältnis der beiden wird zu keinen Zeitpunkt als eine Annäherung von zwei Individuen beschrieben. Sie stehen einander schroff gegenüber, unvermittelt, hart und oft gleichgültig. Auch hier macht Faulkner keinerlei Erklärungsversuche, er schildert bloß, was er sieht. Er beschreibt es, er gestaltet es, aber er greift nicht vermittelnd ein, er macht es dem Leser nicht verständlich. Als Christmas einen Zettel vorfindet, den Joanna ihm geschrieben hat, sagt Faulkner etwa zehn Mal, dass er, Christmas, den Zettel nicht liest und dass er ihn besser doch hätte lesen sollen. Aber eines sagt er nicht: was drauf steht. Es wird nicht aufgeklärt, was Joanna Christmas zu sagen hatte.

    Christmas lebt in der Hütte auf dem Grundstück der Joanna Burden, erst alleine, dann mit Joe Brown zusammen. Sie stellt ihm manchmal Essen hin. Eines Tages geht er durch das große Haus zu ihr und entjungfert die Frau: „Er sprach mit ihr, mit angespannter, harter, leiser Stimme „Ich werd‘s dir zeigen. Ich wird‘s der Hure zeigen!“ Sie widersetzte sich nicht im Geringsten. Fast war es, als wollte sie ihm mit kleinen Änderungen der Haltung ihrer Arme und Beine helfen, als Hilfe schließlich notwendig war. Doch unter seinen Händen hätte der Körper auch der Körper einer Toten vor dem Eintreten der Totenstarre sein können. Aber er ließ nicht ab, und obwohl seine Hände hart und hastig waren, war es allein vor Zorn. `Wenigstens habe ich sie endlich zur Frau gemacht´, dachte er. `Jetzt hasst sie mich. Das, wenigstens, habe ich ihr beigebracht`.“

    Faulkners Stil ist manchmal geradezu bedenklich. Er ist kein Grammatikkünstler (zumindest in diesem Punkt sind wir beide uns ähnlich): der Gebrauch des Wortes „obwohl“ im obigen Zitat ist schlicht falsch. Das ist eine konzessive Konjunktion, die einen Sachverhalt einräumt oder zugesteht, hier hätte eine präpositionale oder konsekutive Konjunktion weit besser gepasst. Auf der anderen Seite: eine Frau die entjungfert wird, kann schlechterdings keine Hure sein. Auch hier ist Faulkner ungenau. Ungenauigkeit ist aber womöglich sein Stil. Womöglich ist die Bezeichnung „Hure“ einzig als männlicher Sprachgebrauch zu verstehen. Damit werden Männer beschrieben, die Frauen hassen, weil sie sich Männern hingeben. Die die Frauen sogar dann zu hassen, wenn sie sich ihnen und nur ihnen hingibt. Weil die Verachtung größer ist als die Achtung oder das allgemeine Bild der Frauen stärker ist als das individuelle der eigenen Frau. Hier müsste eine richtige Analyse her, die in einem Blog nicht zu leisten ist.

    Am nächsten Tag schmeißt Christmas das Essen, die verschiedenen Schüsseln, nachdem er ihren Inhalt identifiziert hat, an die Wand. Und sucht sich einen Job. Die beiden, Liebende darf man sie wohl kaum nennen, sehen sich offenbar ein halbes Jahr lang nur aus der Ferne und dann sitzt Joanna Burden eines Tages bei ihm in der Hütte und erzählt sehr ausführlich von ihren Vorfahren. Etwa zu dieser Zeit entwickelt die Frau großen Appetit, in erotischer wie auch in kulinarischer Hinsicht. Christmas spricht von Verderbtheit. Was das ist, beschreibt Faulkner nicht: das wird die wohl eher prüde Zeit nicht zugelassen haben, auch wenn sie die Beschreibung der Kastration Christmas zuließ. Es wird nur vom Furor jener Nächte gesprochen.

    Sie spricht von einem Kind. Sie scheint schwanger, dann aber ist nicht mehr die Rede davon. Ob es eine Sinnestäuschung ihrerseits war oder ob sie eine Fehlgeburt hatte, wird nicht gesagt. Erneut gehen die beiden Wochen und Monatelang aneinander vorbei. Christmas will weggehen. Er wartet darauf, gehen zu können. Und geht nicht. Sie will ihn zum Beten zwingen. Er weigert sich. Er denkt, sie sei wahnsinnig. Sie will, dass er zur Schule geht, dass er Jura studiert, dass er ihre Geschäfte führt. Er weigert sich. Er schlägt sie. Das Verhältnis wird zu einem Machtkampf. Wenn es überhaupt eine Entwicklung gibt, dann diese.

    “Zünde die Lampe an“, sagte sie.
    „Ich brauche kein Licht“, sagte er.
    „Zünde die Lampe an.“
    „Nein“, sagt er.
    …..
    „Kniest du mit mir nieder?“, fragte sie. „Ich bitte nicht darum.“
    „Nein“, sagte er.
    „Ich bitte nicht darum. Nicht ich bin‘s, die darum bittet. Knie mit mir nieder.“
    „Nein.“
    Sie sahen einander an. „Joe“, sagte sie. „Zum letzten Mal. Ich bitte nicht darum. Denk daran. Knie mit mir nieder.“
    „Nein“, sagte er.“

    Sie bedroht ihn schließlich mit einer Pistole. Sie bedroht ihn nicht nur, die drückt ab. Die Pistole funktioniert nicht. Dann steht Christmas auf der Straße und hält ein Auto an, mit ihrer Pistole in der Hand. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sie umgebracht hat. Möglicherweise ist es aber auch Joe Brown gewesen. Der wohl auch das Haus angezündet hat.

    Kein Wort des Autors oder Erzählers, kein Wort der beiden Figuren, warum sie diese zermürbende Liaison nicht beenden. Keiner macht den Versuch, keiner scheint auf den Gedanken zu kommen, dass, was man angefangen hat, auch beenden kann. Es wird nichts über den Furor jener Nächte berichtet, nichts über Genuss oder Anziehung oder, was in der Liebe eine so große Rolle spielt, über die Hoffnung. Ich sagte eingangs, es sei kein Liebesverhältnis, weil ein Liebesverhältnis ein Verhältnis von Worten und (erotischen) Taten ist. Das ist es hier nicht, weil keiner der beiden Partner, Mann und Frau, Worte oder Taten, überhaupt in der Lage sind, sich auf einen anderen einzulassen. Die sind gar nicht wie zwei Menschen, die stehen sich wie im Krieg unversöhnlich gegenüber: „Da war kein weibliches Zaudern, keine Scheu vor offensichtlichem Verlangen und der Absicht, sich schließlich doch zu ergeben. Es war als kämpfe er körperlich mit einem anderen Mann um einen Gegenstand, der für keinen von beiden einen eigentlichen Wert hatte, um den sie allein um des Prinzips willen kämpften.“

    Dennoch, das klingt fast wie Hohn, findet sich in der Gestaltung dieses Verhältnisses der beiden Personen, einer der, wie ich finde, schönsten Sätze in diesem Buch, bereits gegen Ende des zweiten Kapitels: „Als er jetzt das Gesicht hebt, merkt er, das er es schon wieder gesenkt hat, bevor er auch nur ihrem Blick begegnet ist.“

    Was immer die Leser und Leserinnen hier an Erfahrungen mitbringen, ich denke, das ist etwas, was jeder kennt, dieses hin und wieder wegesehen bevor man richtig hingesehen hat. Wo das Bemerken den Handlungen immer hinterherläuft. Was man auch tut, man hat es bereits getan. Es gibt allerdings auch die gegenteilige Situation im Leben. Da weiß man bereits im Voraus, was man tun wird. Und tut‘s dann doch nie. Als reiche das Wissen aus oder als seien Handlungen zu gefährlich. Wissen ist ja auch eine Weise, sich von der Welt fernzuhalten. Sich aus der Welt herauszuhalten, indem man etwas über sie weiß.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 November 2010

    Roman „Aléas Ich“

    Meine Webpräsenz hat sechs Seiten, eine ist dieses Blog. Auf den anderen fünf Seiten möchte ich Auszüge aus meinen fiktionalen, aus meinen schöngeistigen Texten präsentieren. Es muss in so einem Leben doch möglich sein, fünf große Texte zu schreiben. Der Textkorpus des zweiten Romans ist zwar noch im Entstehen, aber nichtsdestotrotz stelle ich jetzt einen Ausschnitt dorthin, nämlich unter dem Buchstaben „R“. Der letzte Schliff am Text fehlt noch. Das wird die letzte Arbeitsphase sein. Eine Phase, die ich lediglich Romantexten spendiere. Texte im Blog bekommen diese Aufmerksamkeit nicht: das Niveau da drüben ist also nicht schlechter als das hier. Aber es wird noch besser.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 November 2010

    Frauen altern nicht chronologisch

    Frauen altern nicht chronologisch, sondern stochastisch. Chronos logos ist eine männliche Zeitauffassung. Frauen altern nicht kontinuierlich. Wir werden nicht in kleinen Nuancen älter und dünner oder dicker und lebensunwilliger. Oder lebenslustiger. Das mag heute mal zwei oder drei Jahre nach vorne gehen, morgen aber geht‘s auch wieder fünf zurück. Das ist ein wildes Springen zwischen den Jahren und Jahrzehnten, zwischen Lebensauffassungen und zwischen Zuversicht und Zweifel.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 November 2010

    Cephalopoda

    Deutschland ist eine in hohem Maße formalisierte Gesellschaft. Wenn einer nicht der Form entspricht, die er haben muss, dann braucht er es nicht zu probieren. Wenn einer sich auf eine Ausschreibung bewirbt und in der Ausschreibung steht, dass sich nur Kopffüßler bewerben dürfen, dann kann man sich den Einwand sparen, dass sich diese Existenzform derzeit weder unter den Humanoiden noch den Androiden besonderer Beliebtheit erfreut und dass nach Stand der Wissenschaft derzeit kein einziger des eigenständigen Formulierens fähiger Vertreter der Cephalopoda existiere. Es sei nun einmal, bekommt man zur Antwort, eine Ausschreibung für Kopffüßler. Ob die noch etwaige andere Qualitäten mit sich bringen, wie Existenz, Inexistenz oder Formulierungsfähigkeiten, sei dabei, bedauernswerterweise aber nichtsdestotrotz vollkommen irrelevant. Bitte legen Sie, steht da, ein aktuelles Röntgenbild bei, damit sich die Kommission ein Bild über Ihre Förderwürdigkeit machen kann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.