Archiv vom Oktober, 2010
06 Oktober 2010
Liebe, Freundschaft und zu einem kleinen Teil auch arbiträre Sexualität
Hier ein Nachtrag zu dem Ereignis im Zug, auf der Rückfahrt aus Rumänien. Es geht mir noch einmal um die Freundschaft der beiden Franzosen, die mich so sehr beeindruckt hatte. Freundschaft ist ein wichtiger Wert. Liebe auch. Sexualität nicht weniger. Die drei müssen nicht immer parallel laufen. Sexualität ist ja noch einmal etwas anderes, ein anderes Register. Die kann die beiden anderen kaputt machen. Meist läuft sie auch nicht parallel – mit gar nichts, nicht einmal mit sich selbst -, sondern wild gezackt und, wie nennen das die Linguisten, arbiträr.
Freundschaft ist ein Wert, den ich beinahe noch höher schätze als Liebe. Obwohl ich Liebe mehr ersehne. Mir geht ein Satz im Kopf herum. Aufschreiben ist für mich ein probates Mittel, etwas aus dem Kopf zu bekommen. Ich schreibe nur, weil ich meinen Kopf entleeren muss. Der Satz lautet:
In der Freundschaft gehen wir davon aus, dass wir uns im anderen nicht täuschen und, was wir sehen, identisch ist mit dem wie der andere sich sieht. In der Liebe gehen wir davon aus, dass wir uns im anderen täuschen. Wir lieben nicht, wie der andere ist, wir lieben vielmehr wie wir ihn sehen.
Dieses Blog wird heute und morgen zu einer Formulierungswerkstatt umfunktioniert. Teilnehmerkosten: keine. Hammer und Meißel muss jeder selbst mitbringen. Wer eine bessere, treffendere Formulierung kennt, kann die gerne kundtun. Er kann das hier in Stein meißeln.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema mittel, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 22:10 eingtragen | Kommentare: 10 | Kommentieren
03 Oktober 2010
Licht im August I: “I believe that man will not merely endure … “
[Krankheitsbedingt kommt der erste Eintrag in der neuen Kategorie leicht verspätet. Meine rumänischen Rassegene sind nicht mit diesen respektlosen Viren in Deutschland zurechtgekommen.]
Ich hatte angekündigt, keine seitenlangen Buchbesprechungen mehr zu machen: zu viel Arbeit und zu wenig Plaisir. Ich versuche eine andere Form. Ich werde mich jeweils einen Monat lang mit einem Buch beschäftigen und Bemerkungen zu meiner Lektüre machen. Ich kündige im Voraus an, was ich lese. Ich mache das auch bei den Kategorien deutlich: in Lessons & Lectures gibt es ab sofort die entsprechende Splittung. In diesem Monat beschäftige ich mich mit William Faulkners wohl bekanntestem Roman „Licht im August“.
Ich muss immer alles zweimal lesen, um es einmal zu verstehen. Beim ersten Mal nehme ich es zur Kenntnis und bei zweiten Mal nehme ich es auseinander. Der dritte Schritt, das zusammensetzen, das ist nicht mehr Teil des Verstehens. Das geht darüber hinaus. Weil man ein Buch, wenn man es einmal auseinandergenommen hat, nie wieder zusammengesetzt bekommt. Nicht so, wie es einmal war. Also belasse ich es bei den ersten beiden Schritten, für den dritten ist hier jeder selbst zuständig. Das ist ein Blog für fortgeschrittene Leser.
Ich versuche mich also an einer neuen Form. Aber wie? Ich könnte die Handlung beschreiben, einige Personen, ich bringe das eine oder andere Zitat und schließe eigene Gedanken an. Dann hätte ich die klassische Rezension, parzelliert in eine Handvoll übersichtlicher Beiträge. Das will ich gerade nicht. Gebe ich hingegen keinerlei Anhaltspunkte zu Handlung und Personage, schließe ich Leser von der Möglichkeit zu Kommentaren aus. Das will ich natürlich auch nicht. Ich werde ein wenig experimentieren müssen, wie früher im Chemieunterricht. Obwohl offiziell Deutsch die Unterrichtssprache in meinem Gymnasium war, wurden einige Fächer auf Rumänisch unterrichtet, Chimie, Fizică und natürlich Română. Engleză und Franceză wurden in der jeweiligen Originalsprache unterrichtet. In Sport gab’s vor allem Geschrei, in allen gängigen Sprachen. Mein Wortschatz in Chemie ist also mangelhaft. Außer dem, allerdings sehr zentralen Wort „explodieren“ habe ich kaum Chemievokabeln parat. Sollte jemand sich zu dieser neuen Präsentation äußern wollen, fordere ich ihn hiermit dazu auf. Es halte sich keiner zurück, den es zum Sprechen und Schreiben drängt.
Ich hatte mir einmal vorgenommen, dass ich für das Blog nicht auf wissenschaftliche Literatur zurückgreife und keine Sekundärliteratur lese. Weil ich davon schon zu viel lese. Bei Faulkner bin ich geneigt, eine Ausnahme zu machen. Ich werde sie nicht machen, weil die Lektüre weiterer Wälzer derzeit nicht in meinen Arbeitsplan passt. Aber ich habe ein paar sehr interessante Sachen im Katalog bei den Grimms gefunden. Wer sich auf die Suche begeben möchte, kann das hier tun.
Ich bin, wie viele andere auch, auf der Suche nach Autoren, bei denen ich eine Ähnlichkeit mit mir, meinen (Roman-)texten und meinem Streben erkennen möchte. Diese Ähnlichkeit sehe ich bei Faulkner. Die Verwandtschaft Faulkner und Torik ist vielleicht nur eine gewollte, eine eingebildete. Umso besser! Je größer die Vorbilder, desto näher sind sie. Etwas rückt, je größer es ist, nicht weiter weg. Im Gegenteil, die Lehre von der Perspektive zeigt, dass entfernte Dinge klein sind. Größe hingegen ist ein Zeichen von Nähe.
Was beeindruckt mich an Faulkner? Sicher nicht sein Hauptthema: das Amerika der Südstaaten, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die Rassenproblematik, die Sklaverei, die Nigger, ein Wort, das in geradezu penetranter Weise in seinem Werk wiederholt wird. Mich beeindruckt vielmehr, was sich davon in die heutige Welt mit hinübernehmen lässt. Als Trauma oder Schuld, die sich in den Personen und Charakteren eingeschrieben haben, ob sie nun im eigentlichen Sinne Täter sind oder den Ereignissen tatenlos zuschauen. Auch das lässt sich in seinen Romanen schön beobachten: es gibt Ereignisse, in die kann man nicht eingreifen. Das erfährt man zwar auf eine abstrakte Weise, wenn am Samstag die Lottozahlen ermittelt werden, aber nicht alles, was man erfährt wird auch zu einer Erfahrung. Vielleicht macht man im Leben sogar nur wenige echte Erfahrungen. Bei Faulkner kann man so eine Erfahrung machen. Man erfährt, wie die Ereignisse um Joe Christmas sich langsam verdichten, sie schnüren diesen Mann immer weiter ein und drücken ihn zusammen, bis sie ihn schließlich vernichten.
Angeblich hat Christmas Joanna Burden, mit der er jahrelang ein Verhältnis hatte, getötet und ihr Haus in Brand gesteckt. Sicher ist das nicht. Es könnte auch Joe Brown getan haben. Christmas und Brown leben zusammen in einer Hütte hinter dem Haus von Joanna Burden. Sie arbeiten gemeinsam in einem Hobelwerk und verkaufen illegal Whiskey. Brown wird sturzbetrunken am Tatort gefunden wird und will einen zufällig am Tatort Mann daran hindern, das Zimmer zu betreten, in dem die Leiche Joanna Burdens liegt. Brown ist der Tatverdächtige, kann das Blatt im Verhör aber wenden, als er sagt, dass Joe Christmas möglicherweise, (ich zitiere dieses Wort, das in den Mund zu nehmen ich ablehne) „Niggerblut“ in den Adern hat. Von diesem Zeitpunkt an wird die Täterschaft Christmas kaum mehr in Frage gestellt.
Am Ende wird Joe Christmas gelyncht. Er wird erschossen und von seinem Mörder bei lebendigem Leibe kastriert. So wenig wie ihm die Tat nachgewiesen werden konnte, so wenig ist seine tatsächliche Herkunft geklärt. Christmas weiß nicht, ob er schwarze Vorfahren hat und, soweit ich das verstanden habe, weiß es auch der Erzähler nicht. Es ist der Person nicht anzusehen und von daher ist es eher unwahrscheinlich. Dennoch ist diese Unsicherheit das Trauma seines Lebens, da er das als Mangel an Identität empfindet. Die Wahrheit daüber verschwindet dann in den Umständen, in einer sich zunehmend verdichtenden Gegenwart, wo es dann plötzlich so ist wie es aussieht: da ist Christmas dann halb „Nigger“ und er hat Mrs Burdon getötet.
Die Dinge, die Umstände, die Personen meinetwegen, sind nicht einfach aneinander gekettet, wie auf einer Perlenreihe, wo man sich nur von vorne nach hinten durchzählen müsste, um die Zusammenhänge zu begreifen. Die eigentlichen Verkettungen liegen jenseits des Sichtbaren und Greifbaren. Jenseits auch des einfach Erzählbaren. Das mehrt sich durch die mehrfache Erzählung. Darin möchte ich die eigentliche Kunst dieses Autors erkennen: die Erschaffung eines Sinns ist nicht an eine Person gebunden. Oder eine Perspektive. Das brennende Haus hat einen anderen Sinn, je nachdem ob es einfach nur brennt, ob jemand darin verbrennt, ob ein Mordopfer darin verbrennt, ob es der mögliche Mörder ist oder ob der mögliche Mörder ein Konkurrent in der Liebe um eine Frau ist. Und so liest man sicher zwanzig oder dreißig Mal von dem brennenden Haus. Und jedes Mal enthüllt es, während es abbrennt, andere Details der Geschichte. Eine andere Wahrheit. Wahrheit ist nicht die absolute Wahrheit, sondern die Wahrheit der Verhältnisse, die sich nicht haben überwinden lassen. Das sind die Verkettungen, in denen wir auch heute noch existieren: Wahrheit, die nicht unsere Wahrheit ist, sondern nur eine unter anderen, aber die einzige, die greifbar ist.
Die Überschrift zu diesem Artikel stammt aus Faulkners Nobelpreisrede. Vollständig lautet der Satz: “I believe that man will not merely endure: he will prevail. He is immortal, not because he alone among creatures has an inexhaustible voice, but because he has a soul, a spirit capable of compassion and sacrifice and endurance.”
Ich habe das entdeckt als ich zufällig auf die Besprechung von Katharina Dittes bei Literaturkritik stieß, wo ich auch schon einmal etwas geschrieben habe. Sie macht da einige schöne Bemerkungen zu der neuen Übersetzung, hier.
William Faulkner
Licht im August
Rowohlt Verlag, 480 Seiten
19,90 €
ISBN 978-3-498-02068-2
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Faulkner, William : Licht im August, lang, Lessons & Lectures | Eintrag von Aléa Torik | um 16:04 eingtragen | Kommentare: 18 | Kommentieren











