24 Oktober 2010
Licht im August III: Gelegentliches miteinander schlafen
William Faulkner war kein psychologischer Erzähler wie Henry James. Er will seine Figuren nicht verstehen – das ist natürlich eine nicht verifizierte Behauptung. Er will seine Figuren formen. Er will sie nicht verstehen, er will sie darstellen. Und ich glaube, dass er sie oft auch nicht versteht. Ich glaube – die nächste, diesmal fast unhaltbare Behauptung –, dass er sie nicht versteht, weil er so sehr in die Formgebung verwickelt ist, dass ein zu großes Verständnis hinderlich wäre. Womöglich versteht ein Autor seine Figuren grundsätzlich nur bis zu einem gewissen Grad.
Nennen wir es etwas deutlicher beim Namen, nennen wir es Unverständnis. Das ist, soweit ich es in diesem Text beobachtet habe, bei vielen der Figuren der Fall, im Verhältnis von Männern zu Frauen fällt dieses Unverständnis jedoch am deutlichsten auf. Die beiden Geschlechter stehen einander schroff gegenüber. Faulkner versucht nicht, ihre Verhaltensweisen zu erklären. Nachdem Christmas entdeckt hat, dass die Frau mit der er gelegentlich schläft, die Kellnerin, auch noch mit anderen schläft und dass das kellnern nur einen Teil ihrer bezahlten Tätigkeit ist, kommt es zu einem Gespräch zwischen den beiden.
„An dem Abend gingen sie nicht von der Ecke fort, an der sie sich getroffen hatten. Sie gingen nicht trödelnd weiter, sie verließen nicht die Landstraße. Sie setzten sich auf eine ansteigende grasbewachsene Böschung und redeten. Diesmal sprach sie, erzählte ihm. Es gab nicht viel zu erzählen. Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte: die müßigen Männer im Restaurant, deren Zigaretten wippten, wenn sie zu der vorbeigehenden Kellnerin sprachen, und sie, die hin und her ging, ständig hin und her ging, den Blick gesenkt, unterwürfig. Während er ihr zuhörte, meinte er den säuerlichen Geruch all der anonymen Männer über dem Erdgeruch zu riechen. Ihr Kopf war leicht geneigt, während sie sprach, die großen Hände lagen still in ihrem Schoß. „Ich dachte, du hättest es gewusst“, sagte sie.
„Nein“, sagte er, „ich glaube, ich hab‘s nicht gewusst.“
„Ich dachte, du wüsstest es.“
„Nein“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass ich‘s gewusst hab.““
Dieses gelegentliche miteinander schlafen irritiert Christmas. Er weiß nicht, ob das Liebe ist oder Begehren oder was sonst. Er hat ja keine Erfahrung. Und Erfahrung ist nicht, dass man etwas weiß, kennt, sieht oder denkt. Sondern dass man auch sein Gegenteil kennt, weiß, sieht. Erfahrung ist nicht, dass etwas so ist wie es ist, sondern dass es auch anders sein könnte. Um zu wissen was gut ist, muss man auch wissen was schlecht ist. Christmas hat diese Erfahrung nicht. Vielleicht hat selbst diese Frau, für die Sexualität eine berufliche Dimension hat, keine Erfahrung. Weil auch sie nicht weiß, wie es anders sein könnte. Weil sie keine Vorstellung davon hat wie ihre Welt aussehen könnte. Eine Alternative steht für viele Figuren in diesem Buch nicht zur Diskussion. Sie sind damit beschäftigt, so zu sein wie sie sind. Vielleicht ist das allerdings auch nur eine dieser modernen Verirrungen, die Vorstellung wie es anders sein könnte.
Christmas ist irritiert, nicht, weil die Emotionen so tiefgehende sind, sondern weil er sie nicht einordnen kann. Sein Register umfasst die Verben wissen, glauben, sehen, denken. Mit diesen Möglichkeiten des Begreifens lässt sich weder für ihn noch für die Frau fassen, was zwischen ihnen geschieht. Sie fragt zweimal und er antwortet zweimal. Sie benutzen dieselben Worte. Wir lesen das also viermal: ohne jede Entwicklung. Weil das, was dort passiert, sich nicht verstehen lässt. Die verschiedenen Modi – Wissen, Glauben, Denken, Sehen – können das nicht begreifbar machen. Es wird nicht einmal gesagt, was nicht zu begreifen ist: dass ein geliebter Mensch mit anderen Sex hat; oder dass Sex und Liebe voneinander getrennt werden können; dass der eine dem anderen eine Kränkung zufügt.
Auch hier gibt es einen Widerspruch zwischen der Aussage des Erzählers – „Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte“ – und der Aussage der Figur – „Ich glaube nicht, dass ich‘s gewusst hab“-. Anders ausgedrückt: auch hier lassen sich die Positionen des Erzählers nicht immer klar und distinkt von denen der Figur unterscheiden. Allerdings sagt der Erzähler nicht einmal, was Christmas angeblich gewusst hat; das ist einer der vielen Sätze in diesem Buch, die ins Trudeln kommen, bevor sie geradezu versacken, man weiß nicht wo: „Er sah nun, dass er, was er entdeckte, die ganze Zeit gewusst hatte …“ Und dann sagt er, dass er es nicht wusste.
Die genannten Verben sind nicht nur an der zitierten Stelle von Bedeutung, sie durchziehen den gesamten Text. Zuweilen kommt es dabei zu schwer verständlichen Passagen – wer Mallarmé gelesen hat oder auch Joyce, der weiß, dass Verständlichkeit nicht das einzige Verhältnis zwischen Autor und Leser ist – wie dieser: „Das Gedächtnis glaubt, ehe das Wissen sich erinnert. Glaubt länger schon, als es sich zurückerinnert, länger noch, als das Wissen sich auch nur wundert.“
Ich möchte annehmen, dass Faulkner nicht behaupten will, dass der Glaube ein Gedächtnisleistung ist oder dass das Wissen, nicht aber das Gedächtnis sich erinnert. Ich möchte vielmehr annehmen, dass Faulkner mit dem Verhältnis dieser Verben spielt und versucht, sie in ein fruchtbares Verhältnis zueinander zu stellen. Das gelingt ihm auch, wie ich meine, denn dies ist schön: dass das Wissen sich wundert! Und dass das sich wundernde Wissen vielleicht nicht einmal weiß, worüber es sich wundert.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 24th, 2010 unter - Faulkner, William : Licht im August, lang, Lessons & Lectures












Kommentar von Irisnebel
Datum/Uhrzeit 24. Oktober 2010 um 23:25
interessant, was Sie da schreiben. ich kenne das buch nicht, aber ich empfinde und denke darueber nach, was Sie so schoen mit wissen, glauben, sehen umschreiben. kann das ganze nicht auch mit bewusstem und unbewusstem handeln, mit einem allgemeinem chaos dessen, was wir taeglich erleben, beschrieben werden? etwas, was man als sich ueberlagernde, unscharfe erinnerungen und empfindungen erlebt und die unerfahrenen schritte, neues zu deuten, zumal jeder mensch etwas anderes darueber befindet, was er von ein und derselben sache meint, erfahren zu haben. ein und die selbe party besucht, beschreiben die gaeste das erlebte aus voellig anderen blickwinkeln.
ich mag in der regel menschen, die erlebtes nicht in feste schubladen packen, die menschen nicht kategorisieren, v.a. nicht vorschnelle bilder von ihnen entwickeln. so, wie Sie hier einige protagonisten beschreiben, kann man das vielleicht mit unwissenheit derselben begruenden, vielleicht aber auch mit sehr offenen menschen, die sich noch zeit lassen, jemanden kennenzulernen. eben die sorte, mit denen leben so schoen einfach geht. was man eines tages entdeckt, basiert nicht selten auf einem laengeren prozess des bewusstwerdens. manchmal habe ich den eindruck, dass dieser prozess immer laenger wird… heutzutage… weil man im hamsterrad ist 9bewusst oder unbewusst) und aelter wird und vieles auf einmal bewaeltigen will, muss oder kann usw.
auf jeden fall schieben Sie hier wieder eine interessante thematik an. dankesehr!