19 Oktober 2010
Explosionsartig schießt Panik durch die Bibliothek
Das neue Semester hat angefangen und ich werde wieder regelmäßig in die Bibliothek gehen. Die ist aus anderem Holz geschnitzt als der Kuhstall meines Großvaters. Ich bin keine Architektin, aber ich nehme an, dass die Bibliothek aus Beton ist, zumindest die tragenden Teile. Vielmehr nahm ich es an, seit heute weiß ich es auch. Derzeit werden nachträglich an den Treppen Geländer angebracht. Auf dem Weg zur Garderobe wird sogar die Verkleidung aufgestemmt, damit die Geländer entsprechend befestigt werden. Und darunter befindet sich tatsächlich, ich habe es voller Ehrfurcht mit den Händen berührt: Beton! Guter deutscher Qualitätsbeton und nicht irgendein minderwertiger styroporartiger Betonersatz.
Wenn ich jemals ein Gebäude erlebt habe, dass ein Eigenleben besitzt, dann dieses. Es macht viele Dinge von alleine. Keiner muss auf einen Knopf drücken, damit dort etwas passiert. Diesen Knopf gibt’s vermutlich nicht. Aber offenbar gibt es auch den Knopf nicht, mit dem man das Gebäude daran hindern könnte, einige Dinge zu tun. In der Bibliothek sind etwa 1000 Fenster und dementsprechend tausend Rollläden. Bei zu- oder abnehmender Lichteinstrahlung fahren die alle gleichzeitig vollautomatisch hoch und runter. Allerdings machen sie das manchmal auch bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen. Wenn‘s sein muss, alle fünf Minuten. Und es muss offenbar manchmal sein. Dann gehen mit einer Verzögerung von schätzungsweise drei Minuten die Lichter in den Gängen an oder aus und mit einer weiteren Verzögerung, auch jene Lichter zwischen den einzelnen Regalen. Bis dahin sind die Rollläden aber längst wieder oben. Oder unten. Jemand der das nicht kennt, der kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen den beteiligten Ereignissen – Lichteinstrahlung, Rollläden, Lichter im Flur, Lichter in den Gängen – erkennen. Dann sieht es so aus, als mache das Gebäude, was es will.
Heute Mittag wollte es einen Alarm auslösen. Das hat es dann auch getan. Das ist eine hochmoderne Alarmanlage, die weckt Tote auf. Aber zuvor produziert sie diese. Ich tendiere zu folgender Ätiologie: Herzinfarkte fallen rechts, Schlaganfälle links hinüber. Die Lautstärke war wirklich grandios. Das war das mit Abstand beeindruckendste Schallereignis meines Lebens. Dann kam eine automatische Durchsage vom Band, dass das Gebäude geräumt werden müsse. Man schaute seinen Vordermann und seine Hinterfrau an. Niemand bewegte sich. Zehn Minuten später, nachdem wir alle schon bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren, kam die Durchsage des Wachschutzes: „An alle: Keine Panik, das war ein Fehlalarm“. Der Wachschutz sitzt am Eingang des Gebäudes. Ich denke, dass, wenn 1200 Menschen in Panik geraten, diese Panik am Eingang zu bemerken gewesen wäre. Wenn nach zehn Minuten keine Panik ausgebrochen ist, dann wird sie, nehme ich an, auch nicht mehr kommen. Möglicherweise unterschätze ich die Gefährlichkeit von Paniken aber auch und es gibt, wie es bei Bränden Brandnester gibt, auch solche der Panik. Das ballt sich irgendwo auf der Toilette oder in einer Ecke zusammen und explosionsartig schießt Panik durch die Bibliothek. Möglicherweise beruhigt sich die Panik schnell wieder und bricht dann, Monate oder Jahre später, scheinbar unmotiviert erneut aus.
Demnächst also wieder diese und andere Geschichten aus dem wichtigsten Gebäude der Welt. Meiner Welt. Ich mag das, wenn die Bibliothek lebt. Ich habe eben ein kleines Kind kennengelernt, das oben in der siebten Etage in einem Hort spielt, während die Mami über einem Pädiatrie-Lehrbuch brütet. Das Gebäude lebt und wir ihn ihm leben auch. Noch. Ab sofort gibt’s wieder Kabale und Liebe auf den Rängen und Terrassen der Zentralbibliothek der HU, alles live und in Farbe, in Echtzeit von der weltweit ersten Bibliotheksreporterin.
Ich hoffe, dass eines Tages Bersarin mit seiner Kamera hier aufkreuzt und Bilder macht. Bilder, die die Idee des Architekten Max Dudler wiedergeben. Aber womöglich ist er, Bersarin, sich für die schlichte Wiedergabe zu schade. Womöglich hatte er, Dudler, keine Idee und deswegen ist er, Bersarin, später nicht haftbar zu machen, wenn er sie, die angebliche Idee, nicht wiedergeben kann. Oder er kann das überhaupt nicht! Diese Philosophen meinen ja mitunter, sich mittels der Abstraktion die Wirklichkeit so zurechtbiegen und vom Hals halten zu können wie sie das eben gerade brauchen. Und dann sind für diese Philosophen eben alle schönen Frauen blond. Oder alle blonden Frauen schön. Oder es fallen alle schweren Gegenstände nach unten. Da wird wild an der Wirklichkeit herum konstruiert, bis alles so ist, wie man es braucht. Für diese Bemerkung, fürchte ich, werde ich Schelte einstecken müssen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 19th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von bersarin
Datum/Uhrzeit 19. Oktober 2010 um 20:32
Ach, in meinem Alter von 45 Jahren frage ich nicht mehr so oft nach der Haarfarbe (Nur Grau sollte es nicht sein.) Alle meine Freundinnen waren übrigens schwarzhaarig oder dunkelbraun. (Sie sind es natürlich immer noch, aber es sind nicht mehr meine Freundinnen, weil die Zeit vergeht usw.) Und in Bordeaux habe ich mich 1992 heftigst in eine kurzhaarige dunkelhaarige Frau verguckt, deren Blick ich bis heute nicht vergessen habe. Long time ago. Die einzige blonde Frau in meinem Leben, das war eine vollkommen katastrophale Geschichte.
Nein, Bilder/Photographien, die die Idee eines anderen wiedergeben, kann ich nicht machen. Aber vielleicht photographiere ich dennoch dort in der Bibliothek einmal.
Die Abstraktionen der Philosophie sind am Ende ganz konkret, wie es für den Gang der Dialektik erforderlich ist: das in sich vermittelte Allgemeine, das Spiel von Identität und Nicht-Identität.
Aufgabe des Philosophen ist die Analyse. Ich bin zur (dialektischen) Analyse ausgebildet. Die Sinnlichkeit ist (zunächst) bloßes Moment. Als Unmittelbares gibt es sie auch gar nicht. Aufgehoben wird diese Sinnlichkeit in verschiedenen Formen der Darstellung und in den Weisen des Umganges, so z. B. in der Kunst oder in der Philosophie, etwa in Roland Barthes “Mythen des Alltags”, in Adornos “Minima Moralia” oder in Derridas “Postkarte, 1. Lieferung”, als Beispiele für Werke, die Sinnliches aufnehmen und einer philosophisch-poetischen Sicht unterziehen. Texte, wo sich die Grenze zwischen Literatur und Philosophie nicht eindeutig mehr ausmachen läßt.
Am umfassendsten geschieht diese Vermittlungsleistung, dieses Durchdringen von Natur und Geist, von der Sphäre des Subjekts und des Objekts natürlich bei Hegel, dessen Philosophie alles andere als konstruktivistisch ist. Auch Walter Benjamins Philosophie ist dies nicht, was ich in meinen kurzen Ausführungen bei mir drüben zum Begriff des Seins und der Wahrheit zumindest andeutete. Nichts in der Wirklichkeit ist „natürlich“ gegeben. Diese „Verdinglichung“ eben ist der verhängnisvolle Trugschluß. Deswegen ist im Umkehrschluß natürlich nicht alles konstruiert. Es gilt, das Bestehende einer kritischen Analyse zu unterziehen. Nichts anderes ist die Aufgabe der Philosophie, und insofern handelt es sich bei Adorno, Hegel, Benjamin (und freilich auch Marx) nicht um Konstrukteure und Biegemeister der Wirklichkeit.
(Hinab muß am Ende alles. Auch das Leichte.)