17 Oktober 2010
Taten und Zutaten, Möglichkeiten, Verbrechens- und Verfolgerforschung
Meine Kommentare auf Iris Nebel und Schneck stelle ich heute nicht in den Kommentarbereich, sondern hierher. Den Anlass dazu gab der von Iris Nebel verlinkte Artikel über Friederike Mayröcker, die ein Buch geschrieben hat, bestehend aus Kommentaren und Fußnoten zu einem Werk, das es nicht gibt.
Liebe Iris,
ohne zu glauben, dass man sich für ein Lob immer bedanken muss, denn man hat das Gelobte ja nicht um des gelobt werden willens getan, sondern um der Sache willen; und ohne auch gleich zurückloben zu wollen, weil ich ebenfalls glaube, dass man sich auf andere Weise bedanken kann, als durch das Hin- und Herloben; obwohl ich dies beides glaube, muss ich Sie hier ebenfalls loben für Ihren Kommentar!
Die Art und Weise wie Faulkner seinen Text präsentiert, hochartifiziell mit logischen Brüchen ist tatsächlich, auf diese Spur haben Sie mich jetzt geführt, eine Art und Weise Möglichkeiten vor Augen zu führen. Es sind dabei nicht nur die Möglichkeiten die der jetzige Moment in der Zukunft erkennen möchte. Vielmehr unterliegt das keiner strengen Zeitenfolge. Möglichkeiten können sich auch in der Vergangenheit offenbaren. Ich kann meinen unveröffentlichten Roman als eine Niederlage empfinden. Aber ich habe nur zwei richtige Absagen, weil ich mich dann nicht mehr bemüht habe. Nun habe ich vielleicht mit meinem zweiten Roman Erfolg, kann dann gleich für das erste Buch auf einen Verlag zurückgreifen und kann, aufgrund meiner inzwischen verbesserten Technik und meines veränderten Stils, deutlich verbessern. So wird aus der vergangenen Niederlage ein Erfolg. So etwa in der Art meine ich das mit den vergangenen Möglichkeiten. Es sind nicht die Dinge, die bestimmend sind, auch wenn man sie als erstes sieht, es sind die Möglichkeiten, die sich in ihnen verbergen oder andeuten.
Das ist auch der Stil von Faulkner, indem er Dinge, Sachverhalte, Umstände wieder und wieder erzählt, iterativ oder assoziativ, aus anderen Zeiten, aus anderen Augen und anderen Blickwinkeln. Er entwickelt dabei tatsächlich ein Möglichkeitsbewusstsein. Letztlich ist ein Erzähler fiktionaler Texte natürlich immer an die Chronologie gebunden, wie die er Musik. Da sind die darstellenden Künste etwas freier in ihren Gestaltungsmöglichkeiten.
Wie Sie auf Ihrer eigenen Seite schreiben, diese Zerlegung, oder die Collage, das ist ein sehr poetisches Verfahren. An Gedichten kann man das sehr viel leichter zeigen: etwas, das Betrachtete oder Untersuchte, wird in seine Einzelteile, in Momente zerlegt. Aber es wird danach nicht wieder zusammengefügt. Weil das nicht geht. Weil die Zerlegung das künstlerische Moment sehr viel deutlicher herausarbeitet, als das zusammenfügen. Nach der Zerlegung habe ich mehr als ich zuvor hatte. Würde ich es nahtlos zusammenfügen können, wäre nichts gewonnen und nichts verloren. Das „Zuviel“ oder „Zuwenig“ ist das, was interessant ist, die scheinbare Differenz zur Realität.
Sieht man die Wohnung Mayröckers, könnte man leicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: eine Messie! Das halte ich für wenig angebracht. In den Köpfen von vielen Künstlern, von anderen wahrscheinlich auch, sieht‘s genauso aus. Tausende von Ideen, Zetteln, Wegen, die man nicht gehen kann, weil man sie gerade unter den anderen Wegen, Zetteln und Ideen nicht wiederfindet. Aber man hat sie irgendwo. Man hat sie aufgeschrieben, man hat sie notiert und abgelegt, sie sind nicht für immer verloren, Sie sind nur in dem Moment verloren, in dem man sie braucht. Aber generell sind sie gerettet. Und das ist die die Form von Verlorenheit und Rettung, die man vielleicht auch im Leben spürt: eine allgemeine Rettung, die ist irgendwo, aber konkret kann man sie derzeit unter all den möglichen Rettungswegen nicht ausfindig machen.
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Lieber Schneck,
normalerweise weckt mich mein Wecker. Durch ein lauter und penetranter werdendes, aber nicht unbedingt unangenehmes Geräusch. Es soll mich immerhin wecken. Ich finde das von der Anlage her primitiv. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich wecken zu lassen: warum ausgerechnet durch ein Geräusch? Der Wecker könnte mich in den Arm nehmen, mir zuflüstern, dass er mich liebt und dann Dinge mit mir tun, die ich hier jetzt nicht ausbreiten will, nicht, weil ich sie mir nicht vorstellen kann, sondern weil ich sie mir zu gut vorstellen kann, als das ich dann noch irgendetwas anderes ausbreiten könnte. Macht der Wecker aber nicht. Er weckt mich nicht, indem er einen angenehmen Duft verbreitet. Er könnte mir etwas Schönes zeigen. Er könnte mich durch den Geschmack des Frühstücks wecken. Macht der Wecker alles nicht. Er arbeitet sich wie eine Kreissäge durch einen Balken in meine Ohren hinein und durch meinen Kopf durch, so dass der, wie der zersägte Balken, in zwei Teile auf den Boden fällt. Ich bin dann nicht wach, ich bin tot.
Heute Morgen war es anders. Und das lag an gestern. Ich lasse mich durch mein Telefon wecken, damit ich wenigstens einmal am Tag weiß, wo das ist. Ich habe leider die Tendenz, das nicht zu wissen. Und wenn ich es nicht weiß, dann weiß ich das nicht tendenziell nicht, sondern total. Einmal am Tag weiß ich es dann. Heute weiß ich es nicht. Weil ich es gestern nicht finden konnte. Ich lag zwei Tage mit einer Mittelohrentzündung im Bett und gestern habe ich mich entschlossen, dass mich heute Morgen die Arme eine heiß geliebten Mannes wecken, der in meine Ohren flüstert. Ist dann nicht geschehen. Es geschah aber …
… es geschah aber, dass ich von ganz alleine wach wurde. Das halte ich für die Wecktendenz der Zukunft! Ohne Einmischung von außen. Ohne randalieren und ohne den Versuch, meine Sinne zu beschädigen, mich in zwei Teile zu sägen und ohne irgendeinen äußeren Einfluss wird der Schlafende und die Schlafende geweckt indem er und sie einfach, was?, genau: wach werden! Wachwerden indem man zu schlafen aufhört.
Ich war schon einmal sehr nah an diesem Idealzustand, gefährlich nahe, daher kommen solche Phantasien. Meine Eltern haben mich als Kind geweckt, aber ich bin einfach nicht wach geworden, ich konnte mich nur mit Mühe waschen, anziehen, frühstücken; richtig wachgeworden bin ich erst im Auto. Meine Eltern sind beide Lehrer und wir sind damals zusammen in die Stadt und zur Schule gefahren.
Verbrechen ist ein schönes Wort. Tat und Zutat: schöne Worte. Auch Verfolger ist ein schönes Wort. Das ist eine Ehre, wenn man nach einem Verbrechen verfolgt wird. Wenn man seinen Verfolgern zeigen kann, dass man besser ist als sie, schneller und gewitzter. Ich weiß nicht, ob diese Tendenz derzeit bei den Verbrechern sehr beliebt ist. Die meisten, fürchte ich, hauen einfach nur ab. Die verstehen das nicht als eine intellektuelle oder künstlerische Herausforderung. Ich fürchte, die Verbrechens- und Verfolgerforschung ist derzeit in keinem guten Zustand.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 17th, 2010 unter voluminös, Worte, nichts als Worte












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Datum/Uhrzeit 17. Oktober 2010 um 16:59
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