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  • 14 Oktober 2010

    Licht im August II: Der Anschein natürlicher Vorgänge

    Alle Welt amüsiert sich und ich führe das dürftige und entsagungsreiche Leben einer Schriftstellerin. Entsagungsreich ist ja ein seltsames Wort. Das gibts im Rumänischen häufig, das Worte sowohl den einen als auch den entgegen gesetzten Sinn haben.  Nach allerlei Verwirrungen der letzten Tage – Verwirrungen des Zöglings Torik – geht es hier wieder um das, worum es hier geht: Literatur.

    Zum Thema Erzähltechnik und Erzählperspektive lässt sich lang und vor allem breit referieren. Es ist ein Anfängerthema, das in der Regel in den ersten Semersten eines Literaturstudiums behandelt wird. Dennoch ist es komplex. Große Theoretiker wie Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricoeur – das sind nicht zufällig alles Franzosen, das war bei uns am Institut so, da waren die französischen Einflüsse maßgeblich – wichtige Arbeiten zu diesem Thema verfasst. Für die vorliegenden Zwecke scheint es mir ausreichend, sich zu vergegenwärtigen, dass der Leser es immer mit einer Erzählinstanz zu tun hat: nie kommt etwas an das Ohr oder das Auge eines Lesers, ohne dass es dahin gebracht worden ist.

    Es gibt keinen natürlichen Erzählvorgang. Wie in der darstellenden Kunst lange Zeit die sogenannte Zentralperspektive als die natürliche Perspektive galt, galt in der Literatur die chronologisch fortschreitende Erzählung als natürlich, die nach einem quasi additivem Prinzip formuliert wurde: Und dann und dann und dann …. . Hier wie dort handelt es sich allerdings nur um den Anschein natürlicher Vorgänge. Was man erzählt, muss man darstellen. Und durch die Darstellung verändert man eine Wahrheit, die es ohne diese Darstellung nicht gäbe.

    Das lässt sich an einem Beispiel zeigen, Miguel de Cervantes „Don Quijote von der Mancha“. Im zwanzigsten Kapitel sieht Sancho Pansa zu wie ein Ziegenhirte seine Herde von dreihundert Ziegen mit einem kleinen Boot über eine Furt hinübersetzt. Er muss jede einzelne Ziege transportieren, der Vorgang wiederholte sich also viele Male. Als der Knappe Don Quijote, der ja nicht dabei war, davon berichtet, erzählt er von jeder einzelnen Fahrt, mit immer den gleichen Worten immer wieder dasselbe, und noch eine und noch eine und noch eine …. Bis der edle Ritter ihn unterbricht: „Nimm an, er habe sie alle übergesetzt“, sagte Don Quijote, „und fahre nicht ewig so hinüber und wieder herüber, sonst wirst du in einem ganzen Jahr nicht fertig, mit dem Übersetzen deiner Ziegen.“

    Es gibt, versteht man hier nahezu intuitiv, ein zeitraffendes Erzählen, man kann die Herde in einem Satz hinüber transportieren und erzählen, es gibt ein zeitdeckendes Erzählen, was Sancho Pansa da im Sinne hat, und es gibt ein zeitdehnendes Erzählen: „in einem ganzen Jahr nicht“. Und wie man mit der Zeit umgehen kann, so kann man auch mit Modus, der Mittelbarkeit des Erzählten, und der Stimme verfahren, die Auskunft gibt über den Ort der Erzählsituation gibt.

    Da wir nichts erzählen können, ohne das Erzählte in eine zeitliche Ordnung zu bringen und da die Chronologie die einfachste Ordnung ist, die sich denken lässt, finden wir in jedem poetischen Text auch eine chronologische Ordnung. Bei Faulkner finden wir allerdings keine durchgehende Perspektive. Wir haben einundzwanzig Kapitel, die einzelne Geschichten und Personen aus unterschiedlichen Richtungen erzählen – Personen, mit individuellem Tonfall und unterschiedlicher Erzählgeschwindigkeit. Wir haben immerhin so etwas wie einen Rahmen, Lena Grove ist die beherrschende Figur des ersten und letzten Kapitels. Ein Gesamtbild der Ereignisse entsteht, indem Umstände mehrfach erzählt werden, aus den Blickwinkeln verschiedener Personen, verschiedener Zeiten und unterschiedlichen Wissenshorizonten des Lesers. Das ist kein Puzzle, das Faulkner hier legt, so dass am Ende, nach 21 Kapiteln, 480 Seiten und 30 Erwähnungen des Brandes von Joanna Burdens Haus ein vollständiges Bild vor uns steht. Das Bild hat an vielen Stellen Lücken und an anderen liegen ein Duzend Teile übereinander. Aber es ist das Bild, das Faulkner zeichnen will. Es ist seine Weise den Pinsel oder den Bleistift zu führen. Es ist sein Strich.

    Diese Art der Darstellung betrifft nicht nur die Einteilung in die Kapitel, sondern lässt sich im Detail zeigen. Ich verfolge die Erzählerpositionen im vierten Kapitel. Byron Bunch ist bei dem Geistlichen Hightower zu Besuch und erzählt wie am Tag zuvor die hochschwangere Lena Grove im Hobelwerk auftauchte. Sie hatte gehört, dass ein Mann namens Lucas Burch dort tätig sei, der Vater ihres Kindes. Dies allerdings ist eine Verwechslung aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit von Burch und Bunch. Das Verhältnis von Erzählerbericht und direkter Rede ist in etwa eins zu zwei. Es ist Byron, der erzählt. Hightower unterbricht lediglich bisweilen den Erzählfluss durch Fragen. Der Erzähler sitzt sozusagen als der unsichtbare Dritte mit den beiden anderen am Tisch. Ich referiere die Struktur dieses Kapitel, nicht jeden einzelnen Wechsel (dann bin ich im nächsten Jahr noch nicht fertig mit dem Übersetzen), mit Sprüngen, da die Angelegenheit recht unübersichtlich und komplex ist.

    Der Erzähler beschreibt kurz die Situation, da die beiden Männer zusammensitzen. Dann berichtet Byron in direkter Rede davon, wie Lena Grove im Hobelwerk plötzlich hinter ihm steht und nach Lucas Burch fragt. Durch Fragen Hightowers animiert, erzählt Byron, dass das Haus der Joanna Burden während er mit Lena spricht, brannte. Später hörte Byron andere reden, dass Christmas und Brown auf dem Grundstück der Joanna Burden in einer Hütte lebten. Sie haben dort illegal Whiskey verkauft. Weiter erzählt Byron, dass Joe Brown von einem Farmer betrunken in dem brennenden Haus gefunden wurde und inzwischen als Verdächtiger im Gefängnis sitzt. Christmas ist seither spurlos verschwunden, erfahren wir durch den Erzähler. Byron erzählt, dass Christmas Brown vor einiger Zeit betrunken aus einem Friseurladen gezerrt hat. In seiner Erzählung berichtet er das Gespräch zwischen Christmas und Brown in direkter Rede, als wäre er dabei gewesen; wir wissen allerdings nicht, ob es so ist. Dann berichtet der Erzähler, dass Byron nach der Arbeit im Hobelwerk Lena in eine Pension bringt. Byron berichtet in direkter Rede das Gespräch zwischen der Wirtin und ihm. Dann wird das Gespräch zwischen der Wirtin und Lena erzählt: vom Erzähler, obwohl es eigentlich Byron erzählen könnte, er war ja dabei. Von dieser direkten Rede geht’s ohne klärenden Übergang oder die Einmischung des Erzählers  wieder zu der direkten Rede zwischen Byron und Hightower. Dann erzählt Byron in direkter Rede davon, dass zur selben Zeit, da er mit Lena in der Pension saß, Brown im Büro des Scheriffs sitzt. Byron erzählt in direkter Rede noch einmal die Szene im Friseurladen, mit den wörtlichen Kommentaren der dort Anwesenden, dann berichtet Byron in direkter Rede von dem Landarbeiter, der den Brand entdeckt hat, den betrunkenen Brown und die Leiche der Miss Burden: obwohl er hier nicht dabei war. Das wäre Sache eines Erzählers, denn ein Erzähler, allwissend oder nicht, ist ja immer dabei. Dann erzählt Byron in direkter Rede wieder von Christmas und Brown, dann, in eingebetteter direkter Rede, von einem Gespräch zwischen den beiden, was nur ein Erzähler kann. Schließlich erzählt Byron in direkter Rede das Verhör zwischen dem Scheriff und Brown. Also ein erneuter Bruch in der Erzähllogik. Es übernimmt wieder der Erzähler, dann kommt der weitere Verlauf des Gesprächs zwischen Byron und Hightower und es endet, indem Byron erzählt, dass Lena von alledem nichts wisse und in direkter Rede werden die Worte Lenas wiedergegeben als sie in Jefferson ankommt, und von dem Pferdefuhrwerk absteigt, die Byron ja nicht kennen kann, denn er sagte ja zu Beginn zu Hightower, Lena hätte plötzlich im Hobelwerk hinter ihm gestanden.

    So ungefähr. In nuce kann man das sehr viel genauer machen. Aber das ist ja keine Arbeit aus dem Seminar. Die verschiedenen Dialogebenen gehen durcheinander. Byron erzählt Dinge, als wäre er dabei gewesen und übernimmt teilweise die Funktion des Erzählers, während der Erzähler sich an Stellen aus der Erzählung zurückzieht. Der Wechsel zwischen den Positionen geht in einem solchen Tempo vor sich, dass der Leser das gar nicht bemerkt. Man könnte geradezu von einer Auflösung einer konsistenten Erzählposition sprechen. Welche Funktion hat das? Was will Faulkner damit erreichen?

    Ich möchte zwei Dinge herausstellen. Die Distanz zum Leser ist in der direkten Rede sehr gering: so entsteht die Illusion einer großen Nähe zum erzählten Stoff. Wenn dann auch noch erzähllogische Grenzen übersprungen werden und die Figuren Umstände erzählen, die nur in indirekter Rede oder durch den Erzähler wiedergegeben werden können, dann dient das einerseits der weiteren Annäherung an den Stoff, hat aber noch eine weitere Funktion: die der Annäherung an unsere tatsächliche Wahrnehmung. Wir nehmen die Welt nicht strukturiert wahr, in chronologischer Weise, sondern mit großen Sprüngen, auch erzähllogischen Brüchen: hier haben wir etwas gehört, da ahnen wir etwas, da meinen wir bloß und dann wieder argumentieren wir oder unser Gegenüber. Hier haben wir einen inneren Monolog, da direkte Rede, eingebettete direkte Rede, Erzählerbericht. Das geht wild durcheinander. Das ist ja auch die Erkenntnis von Joyce und Sterne gewesen. Das ist die Auflösung einer konsistenten Erzählperspektive wie auch der Figurenrede. So wie die Wahrnehmung nun einmal funktioniert. Und das Erstaunlichste daran ist: man bemerkt es beim Lesen kaum. Vielleicht bemerkt man es auch im Leben nicht, diese Auflösung konsistenter Perspektiven. Und womöglich kann man doch, anders als eingangs behauptet, von einer natürlichen Erzählhaltung sprechen. Jedenfalls ist das das Bild, das, meiner Wahrnehmung nach, der Autor hier zeichnet.

    Das Verhältnis von Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern entspricht in etwa dem zwischen Schwerverbrechern und der Polizei. Ein guter Schriftsteller ist seinen Verfolgern immer um eine Nasenspitze vorweg. Die Literaturwissenschaftler versuchen mit ihren Modellen zu beschreiben, was die flüchtigen Künstler machen. Diese kriminalistischen Modelle können die wahre Welt der Literatur immer nur annähernd beschreiben, sie können die Gitterlinien des Verstehens enger oder weiter ziehen, aber sie laufen immer hinterher. Deswegen will ich Schriftstellerin werden. Ich will keine Erklärungsmodelle, keine Schemata und keine Morphologien entwickeln. Ich will Verbrechen begehen!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 16. Oktober 2010 um 18:27

    diese “aufklaerung” gefaellt mir ausnehmend gut. ;)
    die vergleiche zwischen schreibern und malern, zwischen schriftstellern/verbrechern und literaturwissenschaftlern/polizisten…

    auch die collage, viele formen von mischtechniken in den bildenden und angewandten kuensten, in der musik und in der literatur begeistern mich, wenn sie nicht zur formspielerei, wenn sie nicht zum selbstzweck degradiert werden. eine pure anhaeufung von material ergibt ja noch lange kein kunstwerk. ich finde sie (o.g. formen), wie durch die surrealistische bewegung angekuendigt, heute ausgesprochen zeitgemaess. genau diese nichtchronologische vorgehensweise, das zusammenspiel der unterschiedlichste elemente/momente/fragmente eines werks entspricht unseren moeglichkeiten, wahrzunehmen. das ist Ihnen hier am beispiel der literatur sehr anschaulich gelungen.

    Kommentar von schneck08
    Datum/Uhrzeit 17. Oktober 2010 um 02:17

    es gibt ja dieses oft zitierte bild von den ornithologen und den vögeln und wer wohl zuerst da war oder wichtiger sei für jeweils den anderen. können die vögel ohne ornithologen auskommen, oder können die ornithologen ohne vögel auskommen? “verbrechen”, das ist das zauberwort, welches man sich immer wieder und tag um tag unter den fingernägeln herauspulen muss, um es zu… schnippen. manchmal, oft, und im besten fall, genügt ein blick in den spiegel und man ist sich eins (nur dann, wenn man den preis kennt).

    Kommentar von Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 17. Oktober 2010 um 07:38

    p.s.:

    Standard: Wäre Ihre Poesie damit nicht der Triumph über jede natürliche Zeitenfolge? Sie entnehmen Ihrem Fundus ältere und älteste Textpartikel und fügen Sie in eine aktuelle Arbeit ein?

    Mayröcker: Es gibt keine Hierarchie: Es ist immer alles gleichzeitig da, die Gegenwart und die Vergangenheit, und vielleicht ein Blick in die Zukunft.

    http://derstandard.at/1271376091189/Friederike-Mayroecker-Wenn-man-gluecklich-ist-kann-man-nicht-schreiben

    Pingback von Output and Imput – Wahrnehmung, Zufall und Collage. Poetischer Synthesizer. | Irisnebel
    Datum/Uhrzeit 17. Oktober 2010 um 08:52

    [...] Arbeitsatmosphähren… Zerlegte und zusammengefügte Realität und eine Ergänzung für Aléa Torik [...]

    Kommentar von NO
    Datum/Uhrzeit 25. Oktober 2010 um 13:37

    Mit einer Kopie Ihrer Beschreibung, Alea Torik,

    des Perspektiven- und Erzählerwechsels in der Hand habe ich das 4. Kapitel nun noch einmal gelesen und die Wechsel vom Erzähler zu den handelnden Personen, von direkter Rede und indirekter Erzählung nachvollzogen. Hoch interessant! Ihnen gebührt Dank und Anerkennung für diesen Nachhilfeunterricht!

    Mir ist aufgefallen:

    - Der Leser kann (beim ersten Lesen) diese schnellen Perspektivenwechsel und die (scheinbaren) logischen Brüche gar nicht bemerken. Er ist viel zu abgelenkt. Er muss sich vor allem aus den gegebenen Informationen die Geschichte von Christmas, Mrs. Burdon und Joe Brown zusammenreimen (und spielt nebenbei ein bisschen Kommissar und versucht zu ermitteln, wer denn nun der Mörder ist). Und daneben muss der Leser dabei ja auch noch die zarte Liebesgeschichte zwischen Byron und Lena mitvollziehen. Ganz abgesehen davon, dass die Figur Hightower neu auftaucht und erfasst werden will, und ganz abgesehen davon, dass die Rassenproblematik mit den verschiedenen „Nigger“-Formulierungen ja auch noch Empörung hervorrufend ablenkt und Konzentration einfordert.

    - Es scheint mir nicht sicher, dass die Unlogik verschiedener Erzählerpassagen wirklich „Brüche“ darstellen, wie Sie scheiben. Ihre weitere Schlussfolgerung ist zwar m.E. richtig: Der Leser, der lebende Mensch, unterscheidet nicht streng zwischen direkt Miterlebtem, Erzähltem, Vermutungen, Überlegungen etc., für ihn formt sich nur ein zusammengesetztes Gesamtbild, welches Byron hat und an Dritte referieren kann. Das heißt aber nur, dass der Leser sich Byrons Gesamtkenntnis, welcher jener an Hightower referiert, selber erklären muss. Der Leser muss sich also denken, dass Byron diejenigen an Hightower weiter gegebenen Informationen, die Byron selber mangels Beteiligung an den Ereignissen logischerweise gar nicht haben kann, von anderen Personen erzählt bekommen hat oder sich selber zusammengereimt hat, ohne dass Faulkner uns, dem Leser berichtete, wie denn nun Byron sich diese fehlenden Informationspartikel verschafft hatte. Logische „Brüche“ müssen es eben nicht sein.

    Diese Erkenntnisse aber, und die sich jetzt einstellende Bewunderung der Erzählkunst von Faulkner hier an dieser Stelle, ändern aber meine Einstellung zum Roman nur unwesentlich:

    Ich war und bin trotzdem nicht so beeindruckt, wie ich es vielleicht sein sollte. Mir gefällt vielleicht einfach die Geschichte nicht, oder die Protagonisten nicht. Oder was auch immer.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 25. Oktober 2010 um 21:58

    Lieber NO,

    ich freue mich in mehr als einer Hinsicht über Ihren Kommentar. Ich danke, dass Sie ihn geschrieben haben und wie Sie ihn geschrieben haben. Ich denke, dieser Kommentar hat Sie mehr Mühe gekostet als andere.

    Es freut mich, dass Sie den Perspektivenwechsel im genannten Kapitel als ähnlich, sagen wir mäandernd empfinden wie ich das tue. Man hätte es noch genauer analysieren können, indem man die Differenzen von Erlebter Rede, Innerer Monolog, Bewusstseinsbericht etc. herausarbeitet. Das habe ich mir gespart, weil es dann eine doch sehr trockene Analyse geworden wäre.

    Diese ungewöhnlichen Perspektivenwechsel lassen sich an vielen Kapiteln zeigen. Im 16. Kapitel beispielsweise, als Byron die Großeltern von Christmas zu Hightower schleppt, damit sie dem Geistlichen ihre Geschichte erzählen. Da wandert die Erzählerstimme von der direkten Rede der Großmutter, die unzuverlässig und müde wird, auf Byron über, der nahtlos von den Umständen der Geburt Christmas erzählt, als wäre er vor dreißig Jahren dabei gewesen.

    Sie haben Recht, der Leser kann es beim Lesen nicht nachvollziehen, weil er ganz andere Dinge zu tun hat. Faulkner ist nicht einfach zu lesen, weil die Leistungsanforderungen sehr hoch sind: man muss beständig zu verstehen versuchen, die Informationen sortieren und werten. Der Leser bei Faulkner ist gestresst.

    Ich bin deswegen beeindruckt, weil ein solches Erzählkunstwerk einen enormen Überblick des Autors erfordert. Es muss ich ja geradezu Listen angefertigt haben, welche Figur zu welchem Zeitpunkt über welche Informationen verfügt hat. Insgesamt aber ist mir das Thema – Rasse Nigger, Südstaaten – auch keineswegs angenehm. Ich habe vermutlich dieselben Aversionen wie Sie. Und die Geschichte hat mich auch an keiner Stelle gefangen genommen. Da sind wir einer Meinung. Außerdem ich muss ich auch noch meine anfängliche These, mein Wunschdenken, dass Faulkner einer meiner Vorfahren ist, relativieren, wenn nicht sogar zurücknehmen. Ich denke, ich erzähle anders.

    Obwohl das neue Format Widerstände entwickelt, die ich umgehen muss, fängt es an mir zu gefallen: ein Buch in vielen verschiedenen Versuchen abzuschreiten. Die Ergebnisse sind doch höherwertiger als bei einer klassischen Besprechung. Aber vielleicht sind sie weniger zugänglich für den Leser: Die Analysen sind spezieller und die Möglichkeit etwas dazu zu sagen ist wohl nur dann gegeben, wenn man das Buch gelesen hat.

    Ich sah eben, dass Sie dem ANH einige Worte zu seiner Empfehlung „Die Kinder der Finsternis“ von Niebelschütz geschrieben haben. Ich bin gespannt, wie er da reagiert.

    Herzlich
    A.T.

    Kommentar von Thorsten Krämer
    Datum/Uhrzeit 28. Oktober 2010 um 18:19

    Also, wie versprochen, hier die nachgereichte Pointe der Sancho-Pansa-Geschichte: Nachdem Don Quijote ihn unterbrochen hat, kann Sancho Pansa die Geschichte nicht weitererzählen!

    “Wie kann das sein?” entgegnete Don Quijote; “ist es denn so wesentlich bei der Geschichte, die übergesetzten Ziegen Stück für Stück zu wissen, dass du, wenn man sich um eine in der Zahl irrt, mit der Erzählung nicht fortfahren kannst?”
    “Nein, Senor, ich kann’s durchaus nicht”, erwiderte Sancho; “denn sowie ich Euer Gnaden fragte, wieviel Ziegen hinüber seien, und Ihr mir antwortetet, Ihr wüsstet es nicht, im selben Augenblick ging mir alles aus dem Gedächtnis weg, was noch übrig zu sagen war, und wahrhaftig, es war höchst wertvoll und ergötzlich.”
    “Demnach”, sagte Don Quijote, “ist’s mit der Geschichte jetzt aus?”
    “So aus ist’s wie mit meiner Mutter selig”, sprach Sancho.

    Für eine mögliche Poetik hat dieses Ende weitreichende Folgen: Denn wenn es zunächst noch so schien, als verweise die Sache mit den Ziegen auf die verschiedenen Möglichkeiten, etwas zu erzählen, dann zeigt das abrupte Ende der Geschichte, dass es diese Möglichkeiten theoretisch zwar geben mag, sie aber für eine gegebene Geschichte nicht beliebig aktualisiert werden können. Die erzählerischen Mittel sind für Sancho gerade nicht arbiträr, im Gegenteil: schon die kleinste Abweichung sorgt dafür, dass die ganze Geschichte in sich zusammenbricht und nicht mehr erzählt werden kann!

    Das ist theoretisch natürlich sehr heikel – denn was sind die Kriterien, nach denen entschieden wird, welche Erzählweise nun die eine, richtige ist?
    Bemerkenswert ist jedenfalls die Botschaft an den Leser: Unterbrich mich nicht, sonst ist Schluss mit der Geschichte! Und wenn du meinst, es besser als ich zu wissen, dann wirst du nie erfahren, welche Schätze dir entgehen!
    Eine sehr sympathische Poetik, finde ich.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 31. Oktober 2010 um 11:33

    Lieber Thorsten,

    ich hatte tatsächlich den Fortgang dieser Geschichte nicht mehr im Kopf, habe allerdings nicht damit gerechnet, dass sie ein anderer präsent haben könnte. Du hast Recht, dass diese Geschichte durch das Ende von der konkreten poetischen Beschreibung – wie mache ich einen Text? – zur abstrakten poetologischen wechselt – was sind die Bedingungen unter denen ich einen Text mache?-.

    Auf den ersten Blick ist es für die Geschichte vom Übersetzen der Ziegen natürlich irrelevant, ob es dreihundert oder 295 sind. Es kann allerdings für den Autor wichtig, sein, weil gerade die 295. Ziege in der Geschichte eine Rolle zu spielen beginnt, da die die Mutter der 136. Ziege ist die Liebeskummer hat und sich im Fluss ertränken will, weil die 299. Ziege ein Liebesverhältnis mit dem 301. Ziege hat, die hier gar nicht vorkommt, qweil es ja nur dreihundert sind.

    Was du konkret ansprichst ist dies: wenn man eine Geschichte nicht auf die ihr gemäße Weise erzählt – alle dreihundert Ziegen oder jede zweite oder die erste und die letzte oder in zwanziger-Schritten etc. – dann funktioniert sie nicht. Das ist in der Tat heikel, denn wer sagt mir, dass die Art und Weise in der ich sie erzähle, wirklich die einzige ist? Es ist vielleicht die einzige, auf die ich als ich Autor gekommen bin. Aber ein andere hätte diese Geschichte mir der 301. Ziege begonnen und die ganze Sache von hinten aufgerollt. Man darf ja nicht vergessen: die meisten Geschichten auf der Welt sind frei erfunden und die könnten deswegen auch anders erzählt werden. Behaupte ich als Autor, sei können es nur auf die eine Weise, dann will ich damit eine Notwendigkeit suggerieren, die die Geschichten gar nicht haben. Die Notwendigkeit, als sei diese Geschichte vollkommen real. Der Autor will eine Nobilitiert seiner frei erfundenen Geschichte, indem er auf die Notwendigkeit, sie so und nichts anders zu erzählen verweist. Allerdings kann mir, als Autorin, diese Notwendigkeit erscheinen. Dann muss ich sie an den Leser weitergeben. Wenn mir das gelingt, dann gelingt auch die Geschichte. Und das bedeutet: der Leser merkt nicht, dass das alles erfunden ist.

    Die richtige Erzählweise drängt sich manchmal einfach auf. Das ist bei der Geschichte, an der ich gerade arbeite, so. Jede andere Weise sie zu erzählen, wäre Unsinn. Aber manchmal findet man die richtige Erzählweise nicht. Weil es sie nicht gibt, oder weil ich jede Weise, von den 300 Ziegen zu erzählen, als die richtige darstellen kann: kommt eben darauf an, was ich erzähle.

    Die Schlussfolgerung die du zieht, die ist natürlich gut: Unterbrich mich nicht in meiner Erzählung, weil du, Leser, das Ende ja gar nicht kennst. Vielleicht erzähle ich dann doch noch von der 301. Ziege, der überzähligen, die der ganzen Sache einen Sinn gibt.

    Ich danke dir für deine Einmischung!

    Herzlich
    Aléa