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  • 13 Oktober 2010

    „Die ganze Zeit“

    Ich kündige ein Projekt für die nächsten 12 Monate an. Ob ich es durchhalte, wird sich zeigen. Aber darum geht’s auch nicht. Wer ebenfalls Lust darauf hat, kann sich gerne beteiligen: Oswald Egger, „Die ganze Zeit“. 700 Seiten Lyrik und Prosa, in Spalten.

    Ich kann nicht einschätzen, wie sich das entwickeln wird. Vielleicht zitiere ich nur bisweilen, vielleicht kommentiere ich es. Womöglich schreibe ich dem Autor einen Brief und beklage mich über die Unzugänglichkeit seines Werkes. Oder über dessen Brillanz, beides gleichermaßen beklagenswert. Wahrscheinlich werde ich weder das eine noch das andere tun, da ich ein differenziertes Urteil schätze. Ein Urteil, das sich auf eine mir nicht immer durchschaubare Weise in meinem Kopf herausbildet. Das muss nicht richtig sein, es muss nur ein Fundament haben, und ein Argument. Vielleicht ist ein Urteil auch eine Verteidigungsstrategie: fences and de-fences.

    Das Buch kann ich nicht durchlesen, ich werde es immer wieder einmal zur Hand nehmen. Und weglegen. Es mag mir Anregungen geben oder sie verweigern. Es wird dabei auf eine andere Weise um Worte gehen als in Romanen. Es wird um Silben gehen, um Klänge, um Rhythmik. Um Laute. Um Trochäen und Jamben und Hexameter. Oder auch nicht, es ist experimentelle Lyrik. Und dementsprechend werde ich sie auch zur Kenntnis nehmen, nicht stetig mich von vorne nach hinten, von links nach rechts, von Zeile zu Zeile lesend und durcharbeitend. Sondern springend, hüpfend, hinkend, vielleicht aleatorisch, vielleicht stochastisch. Ganz wie ich Lust habe. Und das klingt doch gut.

    „Eine Forke / Heu beutelt / Strohrosen in / Quasten.“, (Seite 301). Ich verstehe kein Wort. Ich sage das nicht zum ersten Mal: mein Deutsch ist für die Lyrik nicht gut genug.

    „Einen wie einen / Rabenschnabel / bereiften Winter lang / habe ich geschlafen.“ (Seite 381) Hier weiß ich genau was der Autor meint. Trotz dass der Vergleich – „wie“ – von Rabenschnabel und Reifen meiner Auffassung nach nicht passt, ein bereifter Winter – also Reif oder Tau, nicht ein Reifen – nicht zum Rabenschnabel passt, der Reifen aufgrund seiner Schwärze hingegen schon. Vielleicht sollen die Bilder sich überdecken und ergänzen. Oder es spielt eine Assoziation hinein, die ich nicht verstehe. Edgar Allan Poes Gedicht, The Raven? Die erste Strophe „einen wie einen“ würde in einem Prosatext unmöglich klingen. In der Lyrik hingegen, wo auf Klang sehr viel mehr Wert gelegt wird, klingt es anders: nicht unmöglich, sondern möglich. Und vielleicht nicht einmal das. Vielleicht ist das Unmögliche eine Kategorie die die Lyrik nicht reizt.

    Ich denke, der Herr Egger wird mich mal zu einem längeren Bier einladen müssen! Und wir werden nur über ein einziges Wort reden: Genauigkeit! Oder Ungenauigkeit. Wie immer man das bezeichnen will.

    Oswald Egger
    Die ganze Zeit
    Suhrkamp Verlag 2010
    ISBN-13 9783518421338
    44,80 EUR



    Kommentare

    Kommentar von Der Buecherblogger
    Datum/Uhrzeit 13. Oktober 2010 um 14:59

    Vielleicht spielt Herr Egger auch mit der doppelten Bedeutung des Wortes “bereift”. Als Ring gedacht würde er für einen Winter der Sprachlosigkeit stehen, der kalt wie Reif war ohne Worte und dunkel.
    Aber das ist nur eine spontane Reaktion von mir, ich kenne den Autor überhaupt nicht. Mit experimenteller Lyrik habe ich meist auch meine Schwierigkeiten. Vielleicht weil ich zu wenig sprachanalytisch denke und zu emotional. Schön, dass Sie sich mal an Gedichte wagen.

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. Oktober 2010 um 20:40

    Lieber Bücherblogger,

    das, die doppelte Bedeutung von Reifen und Reif, meinte ich auch entdeckt und angesprochen zu haben.

    Ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, meinen Horizont etwas zu erweitern. Das Buch scheint mir, ist da genau richtig. In der Lyrik bin ich ja bei Celan und Rilke stehengeblieben, obwohl ich auch immer wieder Versuche und Anläufe gemacht habe, mit Daniela Danz, die ich sehr gut finde und die mich an Hölderlin erinnert. Aber so richtig bin ich nie hineingekommen, ich brauche eine Geschichte und viele Gedichte erzählen mir keine. Ich habe das Gefühl, sie erzählen oft gar nichts, sondern sie lauschen auf ihren eigenen Klang. Diese Form von Narzissmus ist mir nicht erträglich. Aber ich hätte nicht so tief in die Tasche gegriffen, ich würde es nicht ankündigen, wenn ich es nicht ernsthaft im Laden geprüft und es nun mit derselben Ernsthaftigkeit auch durchführen will: die Lektüre.

    Herzlich

    Aléa