11 Oktober 2010
„Extreme Wahrheit“ versus „Erzählerische Unschärfe“
Es handelt sich bei dem ersten Teil des Titels um ein Zitat von Bersarin, dem Hausherrn von Aisthesis. Dort wurde in der vergangenen Zeit über Walter Benjamin geschrieben. Ich habe eine Verständnisfrage zum Wahrheitsbegriff gestellt und gleich mehrfach Antwort bekommen. Die Antwort vom Nörgler war Bersarin so wichtig, dass er sie aus dem Kommentarbereich herausnahm und als Beitrag einstellte, hier.
In dem zur Diskussion stehendem, geht es darum, von welcher Wahrheit wir sprechen, wenn wir von Wahrheit sprechen, die einen erkenntnistheoretischen Wert hat. Und, das jedenfalls war meine Frage oder mein Anstoß in der sich anschließenden Diskussion, inwieweit andere Wahrheitskonzeptionen womöglich über die philosophische hinausgehen. Ich habe das Beispiel vorgebracht, aus einem Gedicht: „I love you forever and a day.“ Ich unterstelle, dass eine philosophische Wahrheitskonzeption an dieser Zeile unweigerlich scheitert. Sie kann mit dem ersten Teil der Strophe umgehen, aber der zweite Teil ist ihr, da es sich um eine unlogische Behauptung handelt, denn nichts kann über das „forever“ hinausgehen, unbegreiflich. Sie scheitert vielleicht nicht einmal an der Analyse des Wahrheitsgehaltes. Sie scheitert in, und womöglich sogar durch diese Analyse, an dem Verständnis der Zeilen. Denn die Konzeption von Wahrheit kann nur eins: nach Wahrheit fragen. In der Liebe, möchte ich meinen, fragt man nicht nach Wahrheit. Von daher muss ich meine Aussage noch einmal präzisieren: womöglich scheitert der Wahrheitsbegriff nicht erst am zweiten Teil dieses Gedichtes, sondern bereits am ersten.
Daraufhin hat Bersarin nun geantwortet, hier. Ich muss mir mit meiner Reaktion bis zum Wochenende Zeit lassen. Die Frage ist, ob wir das Gleiche im Sinn haben. Wahrheit in einem ästhetischen Bereich ist keine einfache Konstruktion. Möglicherweise hatte ich keinen Wahrheitsbegriff im Sinn, auch wenn ich von Wahrheit gesprochen habe. Und selbst wenn die Ästhetik einen Begriff von der Wahrheit hat, hat die Poetik vielleicht keinen. Sie will beruhigen oder insistieren, sie will provozieren, rekapitulieren, idiosynkrasieren, bramarbasieren oder krepieren. Aber die Wahrheit will sie nicht. Der Ball in der Diskussion liegt also wieder bei mir.
„Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,
zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug
noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freilässt -, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,
um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.“
Rainer Maria Rilke, Der Ball
Geschrieben: Oktober 11th, 2010 unter lang, Paralipomena












Kommentar von Der Buecherblogger
Datum/Uhrzeit 12. Oktober 2010 um 09:43
Sie sollten zum besseren Verständnis ruhig direkt auf Ihren gesamten ersten Kommentar verweisen. Ich finde ihn ausgezeichnet und er hätte einen eigenen Blogbeitrag auch bei Ihnen selbst verdient:
http://tinyurl.com/263g5gp